Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 17.10.2020

Oktober 17, 2020 by  
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Theater Vorpommern

Theater Stralsund © Vincent Leifer

Theater Stralsund © Vincent Leifer

 DIDO AND AENEAS  –  Henry Purcell

Ein starkes,  geschlossenes Ensemble entlässt das begeisterte Publikum nach viel zu kurzen 59 Minuten

von Thomas Kunzmann

Die Saison 20/21 sorgt an allen Theatern für erzwungene Überraschungen: reduzierte Platzkapazitäten in den Sälen einerseits, Abstandsregeln auf der Bühne und im Orchestergraben andererseits erzwingen Kreativität. Wohl kaum kein Theater in diesem Land, das die Saison nicht wieder und wieder umgeplant und auch die Stückauswahl den Bedingungen angepasst hat. Kleine Besetzungen im Klangkörper, oftmals Verzicht auf große Choropern und Werke, die eine Pause benötigen. Nicht zuletzt sind dadurch aber auch Experimente möglich, mit weniger großen Namen die Häuser zu füllen, bereits mit 20-30% Platzbelegung ist man letztlich „ausverkauft“. Krise als Chance – und das Publikum ist nach 6 Monaten ausgehungert.

Das Theater Vorpommern, Stralsund eröffnet seine Opern-Saison mit Dido and Aeneasvon Henry Purcell. Die äußerst kompakte Barockoper mit einer Spielzeit von knapp unter einer Stunde birgt dennoch alles, was Musiktheater benötigt: Machtkampf und humorvolle Einlagen, tragische Liebe und Intrige – bis hin zum herzerweichenden Tod. Gesungen wird auf Englisch, Übertitel werden eingeblendet, sind allerdings aufgrund der großartigen Textverständlichkeit kaum von Nöten. Bis zum Platz gilt Maskenpflicht, was allerdings auch größere Abstände zwischen den belegten Plätzen erfordert – die verfügbaren Karten schienen verkauft – zu Recht, wie sich zeigen sollte.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Auf seiner Irrfahrt über das Mittelmeer trifft der trojanische Held Aeneas, Sohn der Venus, auf Dido, Gründerin von Karthago. Nicht nur, dass sich beide prompt ineinander verlieben – diese Verbindung käme ihren Reichen äußerst gelegen. Dido hat jedoch ihrem ermordeten Gatten ewige Treue über den Tod hinaus geschworen. Und auch die grundlos niederträchtigen Hexen Karthagos wünschen sich nichts sehnlicher, als das aufkeimende Glück zu zerstören und schicken Aeneas einen Geist in Gestalt des Merkur, der ihm von Jupiter die Nachricht überbringen soll, er möge auf die Liebe verzichten und umgehend abreisen. Als Aeneas von Dido Abschied nehmen will, vermutet Dido lediglich einen Vorwand. Um ihr das Gegenteil zu beweisen, riskiert Aeneas den Zorn der Götter und will bei ihr bleiben, doch es ist zu spät. Der Funke des Zweifels lässt sich in Dido nicht mehr löschen.

Den schlicht gehaltenen Bühnenraum überspannt eine Travers-Brücke mit beidseitig gewendelten Treppen. Die erhöhte Ebene vergrößert die Bühne abstandsgerecht, visualisiert aber auch den Einflusswunsch der Höflinge einerseits sowie den Machtwillen der Hexen andererseits. Während die erste Hexe von oben agierend die Fäden der Intrige zieht, bleiben Dido und Aeneas stets „bodenständig“ und auf Augenhöhe. Die fantasievollen Kostüme von Christopher Melching verführen rein optisch in eine märchenhafte Sagenwelt.

Zum ersten Highlight des Abends gerät Belindas optimistische Ermutigung „Shake the cloud from off your brow“, unterstützt vom kleinen, dennoch oratorienartig klingendem Chor. Dido behält ihre Schatten um die Augen. Ob es lediglich den Abstandsregeln geschuldet ist, die Annäherungen und Berührungen unmöglich machen, ob es Distanzwillen der Protagonisten ist – Nina-Maria Fischer als Dido bleibt nach außen kühl in Bewegung und klar im Klang, sodass erst ihr warm-weiches Lamento allen Gefühlen freien Lauf lässt. In ihrer Sterbearie „When I am laid in earth“, einer der berühmtesten Arien der Musikgeschichte, nimmt sie nicht nur Abschied von der Welt, ihr Klang umschließt sie wie ein unsichtbares Seidentuch, hüllt sich in den Raum ein und vermag, scheinbar mühelos, das Publikum auf ihren letzten Weg mitzunehmen. BelindasThanks to the lonesome Vales“ , Franziska Ringe, avanciert zum Ohrwurm des Abends.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Bassbariton Maciej Kozlowski als Aeneas ist nicht der Hüne, den man als Trojas Kämpfer erwartet, aber der tapfere und mutige, sinnlich-verführerische Held, der in diese Rolle passt. Mit seinem schlanken, geradlinigen Ton voller Anmut, aber auch stählerner Entschlossenheit strahlt er noble Herrscherqualität aus. Diabolisch hingegen das Hexenensemble – nicht nur optisch irritierend; das boshafte Gelächter ob der geplanten Intrige lässt den bis dahin harmonieverwöhnten Zuhörer gehörig erschauern. Die bärtigen Widersacherinnen mögen dabei darauf zielen, dass Machtkampf eher männerdominiert ist. Dafür wird nicht nur für den Geist, sondern auch für die erste Hexe ein Countertenor eingesetzt, beides Gäste, die sich hervorragend in das Ensemble integrieren. Die Maske setzt dezent auf Film- und Promizitate, neben Conchita Wurst meint man auch Batmans Joker zu erkennen.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Typisch für die Barockoper spielt das kleine Orchester auf der Bühne, geleitet von GMD Florian Csizmadia am Cemballo des lustvoll aufspielenden Continuo, dessen Schwung das Orchester allerdings nicht immer mitnimmt. Gerade in der leichtfüßig federnden Rhythmik der Ouvertüre wäre noch Platz nach oben gewesen.

Die Regie von Dirk Löschner verzichtet auf skurrile Neuinterpretationen ebenso wie auf schwulstige Übertreibungen, ohne dabei altbacken zu wirken. Opernliebhaber traditioneller Aufführungen werden hier voll auf ihre Kosten kommen.

Ein in sich geschlossenes Ensemble entlässt nach viel zu kurzen 59 Minuten ein beseeltes Publikum, das die Darbietung mit einem tosenden Applaus belohnt, der die geringe Zuschauerzahl vergessen lässt. Stralsund setzt zum Saisonauftakt ein Achtungszeichen und zeigt, wie man auch unter schwierigen Umständen Opern attraktiv und fesselnd umsetzt

Musikalische Leitung – Florian Csizmadia, Inszenierung – Dirk Löschner, Bühne und Kostüme – Christopher Melching

Dido – Nina-Maria Fischer, Aeneas – Maciej Kozlowski, Belinda – Franziska Ringe, Zweite Vertraute – Adelya Zabarova, Zauberin – Konstantin Derri, Geist – Nils Wanderer, Erste Hexe – Linda Hwa, Zweite Hexe – Kristina Herbst

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Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas; die weiteren Termine 1.11. Greifswald; 29.11. Stralsund, 13.12. Greifswald; 29.12. Stralsund

—| IOCO Kritik Theater Vorpommern |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Dido and Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Dido and Aeneas – Henry Purcell

Abschied von Liebe und Leben  –  Glänzende Spielzeiteröffnung mit Barockoper

von Hanns Butterhof

Im Theater am Domhof startet das Musiktheater glänzend mit der Barockoper Dido and Aeneas von Henry Purcell (etwa 1658 – 1695) und seinem Librettisten Nahum Tate in die neue Spielzeit. Die Regie von Dirk Schmeding holt das selten gespielte Werk aus der antiken Götter- und Heldenwelt stimmig in die Gegenwart, getragen vom feinen Barockklang der Osnabrücker Symphoniker unter Daniel Inbal.

Im Theater am Domhof geht es vor allem um Dido, Königin von Karthago. Sie ringt mit sich, ob sie ihrer wachsenden Liebe zu dem Trojanerhelden Aeneas nachgeben oder ihrem Gatten gemäß der Sitte über dessen Tod hinaus die Treue bewahren soll.

Dido and Aeneas im Theater Osnabrück
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Die Bühne Martina Segnas ist ein vollendeter Ausdruck dieses Konflikts. In einem Kubus von der Größe einer Gefängniszelle befindet sich Dido (Susann Vent-Wunderlich). In einem zweiten links daneben drängen sie ihre beiden Beraterinnen (Marie-Christine Haase und Gabriella Guilfoil), ihrem Gefühl zu folgen. In einem dritten Kubus rechts mahnt sie ein streng konservatives Quartett (Elena Soares da Cruz, Kathrin Brauer, Mario Lee und Seokwon Oh) zur Treue. Dass alle den gleichen weißen Mantel wie Dido tragen (Kostüme: Frank Lichtenberg), weist sie deutlich als Verkörperungen ihres inneren Konflikts aus.

Schmedings sinniger Verzicht auf Vorgeschichte und Götterwelt zeigt Dido nicht als Opfer übersinnlicher Kräfte. Susann Vent-Wunderlich gibt mit dramatischem Sopran einer Frau Format, die sich zwischen ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer sie einengenden, verbietenden Moral aufreibt. Dass ihr Aeneas (Jan Friedrich Eggers) nach der ersten gemeinsamen Nacht seine Abreise am anderen Morgen ankündigt, trifft sie zutiefst und verschafft der Moral das Übergewicht gegen ihre Liebe. Mit einer ergreifenden Wehklage nimmt sie von Liebe und Leben Abschied.

 Theater am Domhof / Dido and Aeneas - hier : Dido mit Ratgebern, vl Marie-Christine Haase, Gabriella Guilfoil, Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Theater am Domhof / Dido and Aeneas – hier : Dido mit Ratgebern, vl Marie-Christine Haase, Gabriella Guilfoil, Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Der Aeneas von Jan Friedrich Eggers, dessen kräftiger Bariton kühl bleibt, ist eine schwer greifbare Figur, dunkel gekleidet und mit Gepäck als Flüchtender gezeichnet. Er hat im Gegensatz zu Dido keinen inneren Fürsprecher für die Liebe. Der böse Zauberer (Rhys Jenkins mit seinem finstersten Bass) und seine giftig kichernden Hexen in den schwarzen Mänteln, die Dido und die ihr Zugeordnten in Weiß tragen, sind nur Projektionen seiner Fluchtgedanken. Sie geben Aeneas unisono den Befehl zum Abschied.

 Theater am Domhof / Dido and Aeneas - hier : Aeneas wirbt um Dido Äneas wirbt um Dido, Jan Friedrich Eggers und Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Theater am Domhof / Dido and Aeneas – hier : Aeneas wirbt um Dido Äneas wirbt um Dido, Jan Friedrich Eggers und Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Die Regie von Dirk Schmeding gibt keine eindeutige Antwort auf seine Motive und die Didos, sondern lässt dankenswert Raum für Mitgefühl und Fragen. Auch die Musik, mit der die Osnabrücker Symphoniker unter Daniel Inbal feinsinnig und mit schönem Barockklang tänzerischem Jubel wie auch tiefer Trauer Ausdruck gegeben haben, beklagt auf den ersten Blick nur Didos Liebes- und Lebensverzicht. Doch wenn im finalen Chor Amor Blumen auf ihr Grab streut, beklagt sie vielleicht auch eine zu männliche und konventionelle Welt, in der Liebe nachrangig ist.

Nach siebzig fesselnden Minuten mit englischem Gesang bei deutschen Übertiteln feierte das Premierenpublikum das Gesangsensemble, den von Sierd Quarré einstudierten Chor, Daniel Inbal mit den Osnabrücker Symphonikern, vor allem die fürs Continuo sorgenden Susanne Peuker an Theorbe und Barockgitarre, Lavinia Reck am Violoncello und Eline Brys am Cembalo, sowie das Regieteam mit langanhaltendem Jubel.

Dido and Aeneas; die nächsten Termine: 13., 14. und 15.10.2020, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof 

Karten unter:    karten@theater-osnabrueck.de    oder 0541-7600076

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

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