Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Große Oper – Aber wie? Wo? Für alle? IOCO Aktuell, 28.11.2019

Dezember 3, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, IOCO Aktuell

Oper Düsseldorf © IOCO

Oper Düsseldorf © IOCO

Deutsche Oper am Rhein

Düsseldorf und sein Opernhaus –  Sanierung, Umbau, Neubau

Zur Diskussion um die kulturelle Stadtentwicklung von Düsseldorf

von Karl-Hans Möller

Die Diskussion um die Zukunft der Deutschen Oper am Rhein nimmt Fahrt auf! Und das ist auch hohe Zeit, denn alle, die sich bisher verantwortungsbewusst mit dem Thema beschäftigt und danach geäußert haben, sind sich einig, dass der Zustand des Hauses am Düsseldorfer Hofgarten bedenklich ist, dass der Zahn der Zeit länger als unter normalen Umständen an dem Haus, seiner Bausubstanz und an seiner Bühnentechnik genagt hat und die ohnehin modernen Ansprüchen kaum gewachsenen räumlichen Bedingungen für Künstler und Mitarbeiter eine an ihre Grenzen führende Zumutung sind.

Die OPER soll kein VAMPIR werden

Wenn man davon ausgeht, dass jede Bühnentechnik nach dem Neubau nach etwa 30 Jahren saniert und teilerneuert werden muss und dann noch einmal zwei Jahrzehnte weiter nutzbar ist, wäre diese Zeit seit der 1956 gefeierten Wiedereröffnung des im Krieg zerstörten Theaterbaus (ursprünglich bis 1873 entstanden) weit überschritten. Dazu kommt der verdient glückliche Umstand, dass die gewachsene internationale Anerkennung der hohen sängerischen Qualität des Ensembles, das großartige Orchester und die bisher nur noch aus alter Verbundenheit anhaltende Bereitschaft mancheines weltweit anerkannten Regisseurs, in Düsseldorf zu arbeiten im krassem Gegensatz zu den aktuellen Produktions- und Erlebensbedingungen steht. Einige von Generalintendant Prof. Christoph Meyer eingeladene Starregisseure haben bereits bedauernd abgelehnt, weil ihre kühnen Ideen auch ein kühnes oder kühn-gezaubertes Ambiente brauchen. Objektiv fehlen Seiten- und Hinterbühne, die für einen Repertoirebetrieb mit täglich wechselndem Spiel und Probenplan unerlässlich sind, es fehlt die andernorts zumindest teilweise dem gegenwärtigen Standard entsprechende Bühnentechnik, die neue Sehgewohnheiten zu bedienen in der Lage ist und es fehlt an Möglichkeiten, das Haus der Stadt zu öffnen.

GROSSE OPER – VIEL THEATER ?

Grosse OPER - Viel THEATER? © DAM / Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Grosse OPER – Viel THEATER? © DAM / Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Vor dem Hintergrund einer alsbald zu treffenden Grundsatzentscheidung über Sanierung oder Neubau an bisherigem oder neuem Ort wurde die so betitelte Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums ins Opernfoyer eingeladen, um von Anfang Mai bis Mitte Juli 2019 zu zeigen, welche Lösungen mit Theater- oder Konzerthaus Um- oder Neubauten andernorts in Europa gefunden wurden, welche Probleme vorgedacht werden konnten, welche während des Baus auftauchten und wie sich die neuen Tempel in ihre Stadt einfügen oder ihren Status so verändern, dass sie auch teilweise als offenes Kulturzentrum wahr- und angenommen werden. Man sah Neubauten als Kern eines neuen Kulturquartiers wie die Elbphilharmonie Hamburg oder die Norske Opera & Ballett in Oslo. Vorgestellt wurde auch die komplette Umwidmung eines Industriegeländes zum Kulturkraftwerk Mitte in Dresden, das den Bühnen der Staatsoperette und des Theaters Junge Generation neue innerstädtische Heimat ist. Präsentiert werden ebenso modernisierte Umbauten bei Beibehaltung der historischen Bausubstanz wie bei der Deutschen Staatsoper unter den Linden in Berlin, dem Theater Heidelberg oder der nur vertikal erweiterbaren Opéra de Lyon, deren aufgesattelter Ballettsaal die Ästhetik eher schmückt denn stört. Grundrisse, Zeitpläne, Basisfakten, Kostenentwicklungen und Fotos geben eine Orientierung über zu erwartende Herausforderungen.

Europäische Tradition als Orientierung

Obwohl unter den innovativsten Neubauten des späten 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts neben dem nun schon historischen Segel-Bau der Oper Sydney vor allem Musiktheater in China, Singapur oder den Golfstaaten sind, hat die Ausstellung auf europäische Beispiele gesetzt, weil die Tradition eine vergleichbare sein muss.

Die europäische Theaterlandschaft ist immer noch geprägt durch das Repertoire- und Ensembletheater, durch ein ebenso regelmäßige wie vielfältige Opern-, Konzert- und Theaterbesuche garantierendes Abonnentensystem, durch den Anspruch, der Oper in der Stadt einen adäquaten Raum zu bieten, aber auch durch die Selbstverständlichkeit demokratischer Genehmigungsprozesse der Um- und Neubauten und den dafür notwendigen Mitspracheanspruch auch jener, die diesen (noch) nicht nutzen (wollen). Bei einer durchschnittlich zwölfjährigen Bauzeit von der Entscheidung zum kompletten Umbau oder zum Neubau – so zeigte die Präsentation – ist auch die Frage nach einer das Angebot aufrechterhaltenden Interimsspielstätte wichtig, denn eine Entwöhnung des Publikums ist nur schwer einholbar.

In seinem Eröffnungsbeitrag zur Ausstellung stellte Düsseldorfs OB Thomas Geisel fest: „Wir stehen in Düsseldorf vor einer wichtigen kulturpolitischen Entscheidung – soll die Oper saniert oder neu gebaut werden. …Dazu gilt es, die Zukunft des Musiktheaters genauso wie städtebauliche Konsequenzen für unsere Stadt im Blick zu behalten…“ und sein Kulturdezernent Hans-Georg Lohe stellt die entscheidende Frage: „Welche Oper braucht Düsseldorf in Zukunft?“

Dieser Problemstellung widmeten sich drei hervorragend besuchte Podiumsdiskussionen, die auch den eingeladenen Experten signalisierten, dass sich viele Menschen in Düsseldorf für IHRE Oper interessieren und dabei entweder Bewährtes zu bewahren, Innovatives zu wagen oder beides zu verbinden suchen.

Große Oper – aber wie?
Große Oper – aber wo?
Große Oper  –   für alle!

So waren die alsbald dem leidenschaftlich aber sachlich diskutierenden Expertenrunden überschrieben, wobei es kein Zufall war, dass das dritte Thema nicht als Frage, sondern als Auftrag formuliert war und für diese „Vorwegnahme der einzig zu rechtfertigenden Zielstellung“ auch allgemein Zustimmung bekam. Ich möchte – ungeordnet weil einander durchdringend –  nur einige Aspekte wiedergeben, die den bis Jahresende zur Grundsatzentscheidung gebetenen Kommunalpolitikern durch mehrheitliche Interessenbekundung ans nachdenkende Hirn und Herz gelegt werden:

Teatro di San Carlo in Neapel - verschalt © IOCO

Teatro di San Carlo in Neapel – verschalt © IOCO

Die Stadt entscheidet, welch eine Oper sie haben möchte

Alle Experten oder mit einer vergleichbaren Aufgabe bereits erfahrene Kultur- und Baupolitiker waren sich absolut einig in der Prämisse, dass jede Stadt entscheiden muss, was für eine Oper sie haben möchte, ob sie Heimat eines Repertoiretheaters mit großen Ensembles verschiedener Sparten sein darf, welchen Stellenwert sie dem Haus des Musiktheaters für die Standortqualität der Kommune in der Region oder im Land zuweist, welche Rolle ein solches Haus im städtebaulichen Ambiente für die kulturvolle Atmosphäre oder auch im Kontext kultureller Angebote spielen soll. Die Kopie selbst erfolgreicher Bau- und Betreiberkonzepte verbietet sich, weil auch die Unverwechselbarkeit ein Kriterium ist, das sich vor allem bei solch einer Theaterdichte wie in NRW als selbstverständlich versteht.

Anders als vor 200 Jahren, als jede größere Stadt ihr Haus nach vergleichbarem Muster haben wollte, ist spätestens seit dem großen Wurf der Oper Sydney der architektonische Kick in der Stadt ein Thema, scheint für das musikdramatische Selbstverständnis der Metropolen zunächst die Frage des „Leuchtturms“, des „Blickfangs“ oder auch der architektonischen Unverwechselbarkeit ebenso wichtig wie die eigentlich immer noch wesentlichste Frage der Qualität, die allerdings nur in einem solche Künstler anlockenden Rahmen auf Dauer möglich ist.

Das Sydney Opera House © IOCO

Das Sydney Opera House © IOCO

Shoebox  –  Vineyard  –  Horseshoe

Im Gegensatz zur Oper sind Konzerthäuser in der ihrer Form und Anordnung von Kunst- und Erlebensbereich inzwischen variabel geworden. Ihre tradierte Shoebox-shape (die einem Schuhkarton ähnelnde Anordnung von Bühne und Zuschauerraum – wie zum Beispiel im großartigen 1870 eröffneten Wiener Musikverein) wurde mit dem Bau der Berliner Philharmonie (1963) revolutioniert. Dessen Vineyard-shape, eine asymmetrische Anordnung der Zuschauerbereiche rund um das Orchester wurde inzwischen vielfach als Vorbild neuer Konzertsäle kopiert (zuletzt in der „Elphi“).

Die Opernstruktur ist aber eine traditionelle geblieben: Bühnenturm, Orchestergraben, Zuschauerraum im Horseshoe-shape (in der Hufeisenform, die sich nur durch die Anzahl der Ränge unterscheidet). Diese seit fast 400 Jahren prinzipiell unveränderte Dreiteilung ermöglicht zum Beispiel dem Fotografen Matthias Schaller eine kürzlich im Altenburger Lindenaumuseum präsentierte monumentale Collage von 150 von der Bühne aus aufgenommenen Fotografien der Auditorien italienischen Opernhäusern, deren frappierende Ähnlichkeiten mit der Mailänder Scala oder dem venezianischen Teatro La Fenice die bewährte Grundstruktur zeigen, in der Sänger über ein Orchester hinweg ohne Mikrophone selbst den letzten Platz akustisch erreichen.

Staatsoper Unter den Linden / Berlin - währen der 8-jährigen Sanierung © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Berlin – währen der 8-jährigen Sanierung © IOCO

Sichtbehinderungen zur Bühne waren dabei nicht nur Fehler der Architektur, sie waren auch der Eitelkeit jener geschuldet, die von vielen Plätzen aus gesehen werden wollten und deshalb seitlich die Balkons in Bühnennähe suchten … Wenn also jetzt zunehmend innovativ gedacht und geplant wird, geht es bei dem Kernraum der Oper nicht um revolutionäre Veränderung von Strukturen, sondern um weitgehende Perfektionierung der bewährten mit Hinblick auf das Publikum des 21. Jahrhunderts. Eine vielleicht aus ökonomischen Gründen angedachte Erhöhung der Kapazität verbietet sich. Im Gegenteil: gute Sicht, gutes Hören, eine Erkennbarkeit der Menschendarsteller auf der Bühne bis hin zur wahrnehmbaren Mimik ist eine Forderung, die mehr als maximal 1.500 Plätze nicht zulässt und auf eher weniger orientiert. Der Orchestergraben, in dessen Enge und Teilabdeckung die Musiker beim Fortissimo in großen Besetzungen teilweise gesundheitsschädigende Lautstärken aushalten müssen, braucht genügend Platz für Richard Wagner- und Richard Strauß-Besetzungen. Die Bühne muss für ein Repertoiretheater über ein modernes Zugsystem, das die Prospekte, Gassenabhängungen, Dekorationen im Turm verschwinden lässt, verfügen und braucht Hinter- und Seitenbühnen mit internem Transportsystem, um die Umbauten nicht zu Endlospausen und den Vorstellungswechsel nicht zu einer probenverhinderten Tagesaufgabe werden zu lassen. Ob man sich für einen Umbau oder Neubau des Opernhauses entscheidet: Diese Konsequenzen sind alternativlos, es sei denn man flickt weiter mit totaler Rissgarantie innerhalb kürzester Zeit.

Form follows Environment

Der zum zweiten Debattenabend eingeladene britische Architekt David Staples, einer der renommiertesten Kenner und Kritiker internationaler Theaterprojekte, sagt es deutlich: „Jede Stadt entscheidet, was sie will und bestimmt Funktion und Größe (ihres Theaters/Opernhauses)“ Auf einen Architekten-Hinweis aus dem Auditorium „form follows function“ (die Form folgt der Funktionsbestimmung) entgegnet er „No, form follows environment“ (die Form folgt der Umwelt/Umgebung) wobei er damit nicht grundsätzlich der Form-Funktion-Dialektik widerspricht. Aber es ist seiner Meinung nach wesentlich, ob ein Haus – wie die an die Stelle eines alten Industriegebietes neugebaute Oper Oslo – zum Kern eines neuen, mit der Natur (hier dem Zugang des Zentrums zum Fjord) harmonierenden Quartiers wird oder sich in ein städtebauliches Ensemble einpassen will oder muss. Für diese Entscheidung hat er kein Rezept, sein Wohlwollen für den bisherigen privilegierten Standort der Düsseldorfer Oper im Kulturkarree am Hofgarten klingt aber selbst bei britischer Zurückhaltung durch. Bezüglich Um- oder Neubau schlägt er vor, sich zwei Fragen zu stellen: „Erstens: ist es wirklich ein großes Gebäude, das den Umbau lohnt und Zweitens: ist ein Umbau das Geld wert, das er kosten wird“. Man könnte eine dritte Frage hinzufügen: Erlaubt ein Umbau die so dringend notwendige Öffnung des Hauses in Richtung Stadt, um auch jene an dem Projekt teilhaben zu lassen, die sich eher selten oder vielleicht sogar (vorerst) nie eine Karte kaufen würden.

Das neue Opernhaus von Oslo – Der neue Stolz der Stadt
youtube Trailer Deutschen Welle
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Dieser Aspekt wurde nicht zuletzt durch ein beeindruckendes Beispiel der Ausstellung, das auch immer wieder Anker der Gedanken in der Debatte war, deutlich: Den Norske Opera & Ballett in Oslo. Dabei war allen sehr schnell klar, dass dieses 2008 eröffnete Theater nur Impulse zum Nachdenken geben kann, denn zum einen hat sich das reiche Norwegen ein Staatstheater gebaut, zum anderen leistet sich Oslo ein um dieses Haus herum entstehendes neues Stadtviertel – das durch ein als begehbare Promenade und als Open-Air-Parkett dienendes Dach dem Zentrum den bisher hafenverbauten Zugang zum Fjord schenkt. Als Modell ist es nicht geeignet, wohl aber als lebendiges Denkmal einer Erfolgsgeschichte, die der bürgerlichen Hochkultur perfekte Heimat ist, ohne jemanden auszuschließen.

– ganztags geöffnet –

Früher waren Theater und Opern nach außen abgeschlossen, weil die Karteninhaber unter sich sei wollten. Sie erwachten wie „Vampire“ nur zu abendlichen Vorstellungen, und das auch nur für die scheinbar geschlossene Bildungsbürgergesellschaft und wurden deshalb von den sie nicht per Eintrittskarte erleben wollenden oder könnenden durchaus manchmal als zwar schöne, aber durch Lebendigeres ersetzbare „Blutsauger“ der Subventionen angesehen. In Norwegen wird die neue Oper nahezu durch das ganze Land angenommen, jede Kommune entsandte Sänger für den Riesenchor zur Eröffnung, 1,7 Millionen Besucher zählt das Haus, in dessen Foyerbereichen Profanes und Erhabenes koexistiert. Der Bau folgt dem skandinavischen „Jedermann‘s Recht“ nach dem es keinen Ausschluss einzelner von der Naturberührung geben darf und öffnet sich deshalb – bis auf den Theatersaal und die Bühne – der Stadtgesellschaft kostenfrei.

Die Oper Köln am Offenbachplatz wird seit vielen Jahren saniert © IOCO

Die Oper Köln am Offenbachplatz wird seit vielen Jahren saniert © IOCO

Auch die Hamburger „Elphi“, das neue Wahrzeichen der Hafen City ist für jedermann begehbar und als neue Aussichtsplattform zu erleben. Sieben Millionen Menschen haben das imposante Gebäude auf einem alten Speicher bereits besucht. Die Oper in Oslo ähnelt einem Eisberg. Ihr mit der Fjordlandschaft korrespondierendes Äußere gibt weitere Anknüpfungspunkte für die Debatte, denn nicht jedem ist klar, dass wie bei dem schwimmenden Eisriesen der größere Teil unsichtbar „unter Wasser“ liegt. So ist es im übertragenen Sinne auch bei einem Opernhaus, dessen Haustechnik (u.a. Klimaanlage und Frischluftzufuhr) und Bühnentechnik, Magazine, Probenräume und Werkstätten Raum brauchen. In Oslo bilden 73% der Fläche das sogenannten „Backstage-Village“, obwohl es rund um das Haus eine riesige Fläche gibt, die selbst während mehrerer gleichzeitiger Vorstellungen in den Theatersälen frei zugänglich ist.

Wenn man in Düsseldorf an alter Stelle neu baut – und das schien zumindest während der Debatten ein sich immer klarer artikulierender Wunsch an die im Dezember zur Entscheidung gebetenen Kommunalpolitiker zu sein – dann wird es nicht ohne Einschnitte in den benachbarten Teil des Hofgartens gehen, denn Seiten- und Hinterbühnen brauchen Platz. Unabhängig davon muss auch über Ausweichspielstätten oder Inszenierungsverlagerungen nach Duisburg nachgedacht werden und über Konzepte, die das neue Haus „öffnen“, die jeden Einwohner und die Gäste einladen. Zwingt man sich zur einer Sanierung unter „Denkmalschutz“, dann sollte man auf das ob des architektonischen Werts des Knobelsdorff-Baus nicht in Frage zu stellende Beispiel der „Deutschen Staatsoper“ in Berlin schauen, die ein tagsüber geschlossenes Gebäude bleiben muss und deren Umbau auch durch das unbedingt notwendige Bewahren extrem teuer war.

Mut zu Visionen

Ohne eine ausdrückliche Empfehlung abzugeben, sagte David Staples, dass er sich von den Deutschen mehr Mut für Visionen und für radikale Ideen wünsche und verwies auf die Pyramide, die dem Louvre einen völlig neuem, lichten und inzwischen weltbekannten Zugang schenkte.   Er meinte, dass man in Deutschland, wo die vielleicht technisch bestausgestattete Oper in einer sehr wenig einladenden Hülle lebt (die Deutsche Oper Berlin), zu viel vorauseilenden Gehorsam gegenüber Regeln zeige, statt diese einer großen Idee anzupassen. Unter Hinweis auf die Sichtbehinderung durch die Höhe des Geländers im wunderschönen Boulez-Saal in Berlin sagt er: Germans follow the regulations, others appeal or break the rules“. Er ermutigt zu Debatten, in denen die für Kunst, Städtebau und Architektur Verantwortlichen sagen können, WAS sie wollen, sich aber zunächst aus dem WIE weitgehend heraushalten: „If the brief is to long, the project will be wrong“ (Wenn die Vorgabenliste zu lang ist, wird das Projekt schlecht!) Er schlägt Visionen vor, die zu Plänen werden und nicht Pläne, die den Rahmen für gebremste Vorstellungen vorgeben.

Das klingt ermutigend, und kaum einer der den jeweils Debattierenden mit Beifall dankte, erwartet Oslo in Düsseldorf, ein begehbares Dach vom Hofgarten zur Rheinterasse. Aber es wurden Ideen geboren, denen Generalintendant Prof. Christoph Meyer viel abgewinnen kann: er sagte, dass Oslo ein Traum sei und Ideen wecken könne. Er wünscht sich auch für Düsseldorf einen Ort, der offen ist und andere Künste einlädt. Dessen Zentrum muss allerdings eine funktionierende Opernbühne mit Platz für Hinter-, Seitenbühnen und moderne Technik sein, die wiederum OPER FÜR ALLE produzieren will. Er wünscht sich auch eine kleine Spielstätte (bis 500 Plätze), die man für innovative Projekte benötigt und die die jetzt schon umfangreichen, aber zulasten der teuren Bühnenauslastung gehenden Angebote für Kinder regelmäßig möglich macht. Und er mahnt das Problem der Passfähigkeit mit der Schwesternbühne in Duisburg an, das unbedingt mitbedacht sein muss.

Düsseldorfer Schauspielhaus im Umbau © Karl-Hans Möller

Düsseldorfer Schauspielhaus im Umbau © Karl-Hans Möller

Für die Verantwortlichen im Rathaus plädiert Kulturdezernent Hans-Georg Lohe ebenfalls für eine Oper inmitten der Stadtgesellschaft, die sich als lebenden Ort wie auch das von ihm als Ikone des 20. Jahrhunderts geadelte Schauspielhaus nach seiner Wiedereröffnung im kommenden Frühjahr öffnen soll und will. Die geschäftige Baustelle verrät bereits jetzt, dass der 1970 eröffnete extravagant geschwungene weiße Bernhard-Pfau-Bau seine Stellung als Solitär auf dem Gustaf-Gründgens-Platz verlieren, aber viel an lebendiger Umgebung und anti-vampirischer „Begegnung“ gewinnen wird.

Bringen wir unsere Ideen an jene, die entscheiden, nehmen wir das Angebot zum Mit-denken an. Die neue Deutsche Oper am Rhein sollte auch „unsere Oper“ werden.

Diese Besprechung der öffentlichen Debatte um die ihren Um- oder Neubau dringend brauchende und fordernde Oper schrieb unser Autor für die „NEUE CHORSZENE“, das Magazin des 200 Jahre alten Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf, in dessen Konzertchor er in der rheinischen Musikszene engagiert ist. Dr. Karl-Hans Möller war als langjähriger Chefdramaturg der Theater Chemnitz und der Landesbühnen Sachsen sowie als Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen im Deutschen Bühnenverein mit Problemen vieler Um- und Ausbauarbeiten von Theatern befasst. Wir danken der Redaktion der „NEUEN CHORSZENE“ für die kostenfreie Überlassung des Artikels und empfehlen Lektüre dieser zweimal jährlich erscheinenden und online nachlesbaren Zeitschrift zum Düsseldorfer Musikleben (www.neue-chorszene.de).

–| IOCO Aktuell Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Spielbetrieb wieder aufgenommen – nach Wasserschaden, IOCO Aktuell, 29.11.2019

Dezember 2, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Pressemeldung

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Wasserschaden:  Spielbetrieb  ab 29.11. wieder „live“

Nachdem am 25.11.2019 durch eine Fehlauslösung der Sprinkleranlage Teile der Bühne (IOCO Bericht hierzu hier) und des Orchestergrabens im Opernhaus Düsseldorf durch austretendes Löschwasser beschädigt wurden, kann der Spielbetrieb bereits am Freitag, 29. November, wieder aufgenommen werden. Dem technischen Personal der Deutschen Oper am Rhein ist es mit Unterstützung von umgehend eingesetzten Spezialfirmen gelungen, in kurzer Zeit die zentralen bühnentechnischen Voraussetzungen für den Vorstellungsbetrieb wiederherzustellen.  Verbleibende Schäden werden im Lauf der nächsten Wochen behoben. Die Schadenshöhe wird noch ermittelt – zunächst hatte die Wiederherstellung des Probe- und Spielbetriebs Priorität.

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden © Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden an der Rheinoper  Düsseldorf © Deutsche Oper am Rhein

Generalintendant Prof. Christoph Meyer:Wir haben alles daran gesetzt, so schnell wie möglich wieder für unser Publikum da zu sein. Mein großer Dank gilt dem hochengagierten Einsatz unseres technischen Teams, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der städtischen Kulturbauabteilung und sämtlichen externen Fachleuten. Dass sie  es geschafft haben, die Bühnentechnik in so kurzer Zeit für den Vorstellungsbetrieb wiederherzustellen, ist eine herausragende Leistung und grenzt schon fast an ein Wunder. Wir freuen uns sehr, unsere drei Wochenendvorstellungen spielen zu können.“

Im Opernhaus Düsseldorf ist am Freitag, 29.11.2019 sowie am Samstag, 30.11. das neue Ballettprogramm b.41 mit der Uraufführung Cellokonzert von Martin Schläpfer zu erleben, das erst am vergangenen Samstag seine gefeierte Premiere hatte. Am Sonntag, 01.12. wird zum letzten Mal in dieser Spielzeit Saint-Saëns große Chor-Oper Samson et Dalila gezeigt.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Wasserschaden – Keine Vorstellung, IOCO Aktuell, 27.11.2019

November 27, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Pressemeldung

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Wasserschaden im Opernhaus Düsseldorf

 Fehlauslösung der Sprinkleranlage – Wie zuvor in Duisburg

Aufgrund einer Fehlauslösung der Sprinkleranlage sind am Montagabend, 25. November 2019, Teile der Bühne und des Orchestergrabens im Opernhaus Düsseldorf durch austretendes Löschwasser beschädigt worden. Das exakte Ausmaß des Schadens wird noch ermittelt. Die nächsten beiden Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf – Samson et Dalila am Mittwoch, 27. November, und Hänsel und Gretel am Donnerstag, 28. November – müssen abgesagt werden. Ob der Vorstellungs- und Probenbetrieb im Opernhaus Düsseldorf am Freitag, 29. November, wieder aufgenommen werden kann, wird derzeit geprüft.

Versehen – Nicht Kunst!  Im April 2019 flutete eine versehentlich ausgelöste Sprinkleranlage auch das Theater Duisburg – LINK HIER!

Die Fehlauslösung der Sprinkleranlage ereignete sich am Montagabend kurz vor 21 Uhr. Betroffen war Bereich der Vorderbühne rund um den Eisernen Vorhang. Bühnentechniker konnten die Sprinkleranlage innerhalb weniger Minuten manuell ausschalten, sodass der Wasserschaden beschränkt werden konnte. Einsatzkräfte der Feuerwehr der Stadt Düsseldorf waren umgehend vor Ort und pumpten das ausgetretene Wasser ab. Bereits ab 24 Uhr konnte damit begonnen werden, im Bühnenbereich und Orchestergraben Bautrockner zur Entfeuchtung aufzustellen.

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden © Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden © Deutsche Oper am Rhein

Mitarbeiter von Spezialfirmen arbeiten derzeit mit Hochdruck gemeinsam mit dem technischen Personal der Deutschen Oper am Rhein und Mitarbeiter*innen der städtischen Kulturbauten daran, den Eisernen Vorhang, die Brandmeldeanlage und elektrischen Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Zudem werden die komplexen bühnentechnischen Anlagen auf etwaige Schädigungen durch eingetretenes Löschwasser überprüft. Auch ist noch unklar, inwieweit das Wasser Instrumente im Orchestergraben in Mitleidenschaft gezogen hat.

Die Deutsche Oper am Rhein informiert auf ihrer Webseite operamrhein.de über die Auswirkungen des Wasserschadens auf den Spielplan. Bereits erworbene Tickets für die Vorstellungen am 27. und 28. November werden erstattet bzw. können für spätere Vorstellungstermine eingetauscht werden. Die Oper setzt sich dazu mit den Ticketinhabern in Verbindung.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Samson et Dalila – Camille Saint-Saens, IOCO Kritik, 29.10.2019

Oktober 29, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Samson und Dalila  –  Camille Saint-Saëns

– Mon coeur s’ouvre – mein Herz öffnet sich –

von  A. Schneider

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Allenthalben ertönt auf unserem Planeten die Klage über dessen universale Vermüllung mit Plastik oder, um einiges lauter weil noch bedrohlicher, die Korrosion des Leibes durch das allgegenwärtige CO2. Diesem Faktum adäquat ist der Auspuff an Musik, dem man wehrlos ausgesetzt ist. Vor ihrem Angriff schützt allenfalls das traute Heim, vorausgesetzt, seine Mauern sind widerständig genug. Dass Kaufhäuser, Restaurants, Fahrstühle, Cafèhaustoiletten und viele Plätze mehr des Glaubens sind, mittels Beschallung den Besucher zugänglicher für ihre Angebote zu stimmen oder einen Aufenthalt minder lästig zu gestalten, dergleichen Taktik dürfte ihnen die Verkaufspsychologie eingeredet haben. Damit aber nicht genug: auch Filme, Theater, Szenerien jeder Sorte werden fast ausnahmslos mehr oder weniger in Musiken aller Arten getaucht, als könne auf dem Wege schwache Dramaturgie, einfallslose Kameraführung und fade Texte konterkariert werden. Die Postmoderne (gar bereits die Postpostmoderne?) hat sich der Musik bemächtigt, auf dass sie die Banalität ihrer Gedanken und Phänomene mit Tönen einnebele. Zudem möchte die nie endende Zahl der Musikmacher und Songschreiber ihre Arbeit, gleich ob gelungen oder dilettantisch, an Frau und Mann gebracht hören, worunter dann das Menschenohr zu leiden hat.

Samson et Dalila Camille Saint-Saens
youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Frage ist, inwieweit durch das invasive Dudeln unsere Sinne für komplizierteres Musizieren, wobei Qualität und Bedeutung des populären unbestreitbar bleiben, à la longue abstumpfen, und daher die heutigen Theaterbesucher der Ästhetik einer Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihrer scheinbar gemäßigten Intensität kaum etwas abzugewinnen vermögen.

Einem Auditorium des vorletzten Jahrhunderts bedeutete ein Opern- oder Konzerthausbesuch, ein Ereignis zu sein: ein erhebendes, ein missfallendes oder eines, das gleichgültig ließ. Musik war noch nicht vorwiegend zum Dekorationsstoff von Ware, Bild und Aktion gediehen, sie war kein Umweltrauschen, sondern blieb singulär, bildete die Ausnahme. Die in Klänge gefassten Botschaften der Instrumente und Stimmbänder waren elementar und einmalig genug, um nicht im Ohr stecken zu bleiben, vielmehr um tiefer im Inneren Herz und Hirn zu touchieren.

Mit Camille Saint-Saëns Oper Samson und Dalila, uraufgeführt in Weimar 1877, französische Premiere in Rouen 1890, und erst 1892 an die Opéra in Paris gelangt, wurde der französischen Zuhörerschaft neuerlich bewusst, dass auf den alten Opernhelden, den Ritter vom Hohen C, nicht länger das hellste Bühnenlicht fiel. Gleichsam in den Schatten stellte ihn immer häufiger die Frau, die weibliche Stimme, und besonders dem Mezzosopran lieferte sich neuerlich der Tenor zum eigenen Verhängnis aus. Als ein solcher den Mann zerstörender Mezzo hatte sich George Bizets Carmen gezeigt, eine gegen Männerzwang revoltierende eigensinnige Person, die für ihr Freiheit sogar über die eigene Leiche ging, und auch die Schicksal spielende, hassliebende Dalila trat vor den Vorhang der französischen Oper als gleichsam aus dem Geiste des Feminismus geborenes Geschöpf. Ähnlich ambitionierte Schwestern hatten ihren Auftritt mit Jacques Offenbachs Helena, danach Jules Massenets Manon und Gustave Charpentiers Louise, allesamt letztlich fatale Damen, die schwachen Männern gefährlich wurden. Das von der Bühne signalisierte weibliche Emanzipationsbestreben widersprach freilich der einer Frau in der Belle Epoque zugedachten Rolle, der zu entkommen die konservative Gesellschaft nicht vorsah, und fügte sich zudem ganz und gar nicht den traditionellen Männerphantasien.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Saint-Saens Sirene ist Dalila, deren Gesang Samson ebenso erliegt, wie er bis auf den heutigen Tag im Repertoire jeden Mezzosoprans zu finden ist. Die Arie: Mon coeur s’ouvre – Mein Herz öffnet sich bleibt für immer in den Kanon großer Arien eingeschrieben. Der Oper ist anzumerken, dass ihr Sujet, die biblische Erzählung von Samson und Dalia aus dem Buch der Richter, anfänglich die Vorlage für ein Oratorium bilden sollte. Ein paar Stücke wurden komponiert, wanderten in die Schublade, und wurden Jahre später, als der Komponist die Absicht geändert hatte, in die Oper eingebracht. Deren religiöser und statischer Charakter war mithin vorgezeichnet, und ihre wesentlichen Protagonisten, die Chöre, sind getragen von alttestamentarischer Klage, göttlicher Verheißung und Gotteszorn. Auf der Bühne tut sich nicht viel; die Konflikte zwischen Hebräern und Philistern wie zwischen Samson und Dalila werden handgreiflich backstage entschieden, vorne befehden sich Chor und die wenigen Figuren vorwiegend verbal, getragen von einer Musik, die der Thematik angepasst auf barocke Form wie Fugato oder Kirchentonarten zurückgreift, und die hin und wieder pseudoorientalisches Lokalkolorit mittels Fünftonreihen und ein erotisches Flair auch durch ausgefalleneres Instrumentarium wie Kastagnetten und Tamburin beschwören will.

Der komponierte Mythos handelt von dem von Gott erleuchteten und von ihm mit Riesenkräften ausgestatteten Samson, der die Hebräer von der Knechtschaft der Philister befreit, der jedoch Dalilas genialen Verführungskünsten auf Dauer nicht widersteht, und von ihr mittels Haarschnitt seiner Stärke beraubt, also gleichsam entmannt, sein Volk und sich selbst wieder ins Unglück der Philistertyrannei stürzt. Halbtot geschlagen, blind und zutiefst gedemütigt, legt er in einem letzten Anflug alter Kraft den Tempel der Feinde in Trümmer, unter denen sie nun begraben liegen.

Das ist eine alte Geschichte oder fromme Legende, wie man will, aus der, in Form einer ziemlich bejahrten Oper präsentiert, heutzutage wohl kaum ein Kassenschlager hervorgehen dürfte Ein Publikum des 21. Jahrhunderts mit einem Kopf voller optischem und akustischem Larifari, benötigt eine auffällige, eine unerhörte Darstellung, um zum Schluss davon angetan oder befremdet zu sein.

Regisseur Joan Anton Rechi macht aus Samson und Dalila, von deren Partitur die Dramaturgie (Anna Grundmeier) anderswo selten den Staub wischen will, ein zeitnahes wie zeitloses Theater. Theater im allerrealsten Sinn. Bei ihm wird aus dem theologisch induzierten Kreuzzug für den richtigen Gott, aus dem Herrschaft und Knechtschaft herrühren, ein klassischer Klassenkampf zwischen Ausbeutern, den Gold(?) -minenbesitzern, und den Ausgebeuteten, die als Heloten untertage die Erde auszubeuten haben. Die Spiegelung einer sich in Besitzende und Besitzlose spaltenden Gesellschaft.

Im ersten der drei Akte wandelt die Inszenierung den im Original lediglich kommentierenden, jammernden und erst zuletzt enthusiasmierten Chor (Ltg. Gerhard Michalski) zu einer Front von Minenarbeitern die nun mittels Bewegung und Gesten die vorwiegend aus Rhetorik bestehende handlungsarme Handlung verlebendigt. Zu Aktionen kommt es erst, wenn das Proletariat den Aufstand wagt, und wenn nach dessen Gelingen Samson den gotteslästernden Oberaufseher Abimélech (Luke Stocker) erschlägt. Dass die Arbeiter den Leichnam pietätvoll begraben, erinnert an die eigentliche religiöse Intention der Oper; dass indessen hier ein anderer Geist wirkt, wird schlüssig, wenn gleich hinterher die siegesfrohen Revoluzzer sich mit einer Schar aufgekratzter Liebesdienerinnen unter Leitung der Freudenhausdirektrice Dalila vergnügen. In wessen Händen immer die Macht gelangt, sie gibt sich nicht unbedingt moralisch.

 Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Saint-Saens im Grunde gottesfürchtige Musik verträgt sich mit der Evolution der zweifellos nicht sittenstrengen Philisterfrauen zu fröhlichen Freudenmädchen gleichermaßen wie mit der  Modulation des Gotteshaders zum klassenkämpferischen Impetus. Die Bühne (Gabriel Insignares) ist frei von vieldeutigem Inventar, ein paar Versatzstücke wie farbige Wände, Stufen, ein Tafeltisch  reichen aus, das Auge muss nicht über die Symbolik des Inventars spekulieren. Die optische Reduktion tut den Ganzen keinen Abbruch.

Inwieweit die Entscheidung des Menschen für Gut und Böse auf einem freien Willen beruht, darüber grübelt die Philosophie. Für ein Libretto taugte die Thematik bislang vernehmbar nicht, ihre Daseinsberechtigung verschaffen der Oper große Gefühle und ebensolche Taten, gleich ob sie von der Macht, der Gier, dem Freiheitsdrang, oder von Caritas, Eros oder dem Himmel selber gestiftet werden.

Derartige Gefühle rasen jetzt im zweiten Akt. Der willensstarke Powermann Samson (Michael Weinius), der doch zuvor mit solch metallischem Timbre die Kollegen zum Aufstand und die Gegner in den Staub sang, ergibt sich, zuerst widerstrebend, doch dann von Liebeswahn enthemmt, der fürwahr verführerischen Erscheinung der Dalila (Ramona Zaharia). Deren in der Tat unwiderstehlich betörende Töne sind allerdings vergiftet, die Frau steckt voller Rachsucht wegen seines vormals geübten Liebesentzugs. Ihre Zerstörungslust will zudem der kaltgestellte und enteignete Minenboss (Simon Neal) zwecks Rückeroberung der verlorenen Goldgruben nutzen. Zu den Zwecken muss Samson das Geheimnis seine Stärke preisgeben, und der geeignete Ort dafür ist Dalilas Bett. Es sind schon böse Szenen, wenn die Vernunft abdankt und Eros, Hass, Profitgier die drei Figuren umtreiben, indem sie sich umkreisen, abtasten, an die Wäsche gehen und endlich gewalttätig werden. Dalilas parfümierte Liebesworte schweben gleichsam auf gedämpften Bläserwolken, bei dem Wort l`amour perlt dazu die Harfe, Samsons Leidenschaft- und Selbsthassbeichte zerschneiden Streicherskalen. Saint-Saens hat für die triebsatte Sphäre eine Musik geschrieben, mit der das formidable Orchester (GMD Axel Kober) den unheilschwangeren Raum füllt.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Der liebestolle Held ist im Boudoir der Dame seiner Haare und mithin seiner Stärke ledig geworden, und folgerichtig befindet er sich im 3. Akt gefoltert und blind wieder in der Gewalt der alten Herrschaften, seinetwegen haben auch die Genossen ihre junge Freiheit eingebüßt. Sie grollen ihrem Anführer und beklagen die neue unselige Lage, indessen Samson heftig mit seine Willens- und Körperschwäche hadert.

Das Kartell der siegreichen Minenbesitzer feiert mit Dalila in einer skurrilen Choreografie ihren Gott Mammon. An die Stelle des in der Partitur vorgesehenes Ballett-Bacchanal der Philister/Innen ist passend und listig der verzückte Reigen der Bosse um ihre Geldkisten ob des geglückten Putschs: hat die Revolution doch neuerlich ihre Kinder gefressen, sind die alten Zustände zurückgekehrt. Samson gerät ob der Demütigung und Schmähung seiner Ideale in einen heiligen(?) Zorn, aus dem ihm noch einmal solche Kraft zuwächst, dass, so wie er mit den Kumpels im ersten Bild des ersten Aktes aus der Erde ans Tageslicht fuhr, jetzt die gesamte Kapitalistenclique im Boden versinkt. Ein Menetekel?

Eine Oper, die einen Märtyrermythos einbindet, in reiner Form einer nicht durchgängig religionsnahen Zuhörerschaft anzubieten, dürfte bei ihr kaum Resonanz finden. Allein die Passionsgeschichte der Israeliten für ihren Glauben verträgt die Umdeutung in eine Erzählung von Arm und Reich oder Macht und Ohnmacht. Und zudem eine der Interdependenz von Frau und Mann: der einfache, von seinen Leidenschaften zerrissene, aber baumstarke Samson konfrontiert mit Eva, der Schlange. Oder gar dem Vamp, der Femme Fatal, dem ihm überlegenen Weib? Und erst recht eine Erzählung von der Steuerung der Menschen…. ja durch wen und was?

Die Mythen der Geschichte sind zeitlos. Indem die Düsseldorfer Inszenierung den von Samson und Dalila zu einem Gesellschaftskonflikt aufbereitet und zur Schau stellt als ein augenfälliges Theater, das den Menschen anfasst, beleidigt sie damit keineswegs die hehren Ideen dahinter. Puristen mögen mäkeln, das Ganze sei zu realistisch geschminkt, allein es schadet selbst der absichtsvollsten Oper nicht, sollte sie ein bisschen als Spektakel daherkommen.

So fügt sich auch die Musik Camille Saint-Saens ohne Bruch der neuen Deutung. Die Solisten singen und spielen sich zu verständlichen Figuren, der Chor – S.+D. ist im Grunde eine Choroper – lamentiert, droht und jubelt meisterlich als Herrschaft wie als Knechtschaft, die Musikalisierung des agonalen wie emotionalen Dramas von hörbar französischem Charakter liegt bei den Düsseldorfer Symphonikern in allerbesten Händen.

Alles Anlass für das Publikum, nach dem zwar finsteren, das Gerechtigkeitsempfinden immerhin beruhigende Finale mit lautem Beifall nicht zu geizen. Zweieinhalb Stunden Zustandsschilderung als rundherum vortreffliches Theater dargeboten, Opernfreundinnen und Opernfreunde, was wollt Ihr mehr?

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Nächste Seite »