Bremen, Theater Bremen, Festtagsprogramm Weihnachten 2017, Dezember 2017

Dezember 21, 2017 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

 Festtagsprogramm am Theater Bremen

1. Weihnachtstag – Rusalka – Der Messias
2. Weihnachtstag Tom Sawyer, Hänsel und Gretel , Väter und Söhne

Auch in diesem Jahr hat das Theater Bremen für die Weihnachtsfesttage ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Insgesamt sind während der Feiertage fünf Produktionen zu sehen.


Rusalka
In seinem Musikdrama Rusalka, dessen Motive er dem reichen Fundus der Nixen-Literatur entnahm, widmet sich Antonin Dvorák unerfüllten Sehnsüchten und dem unbedingten Versuch, ein anderer zu sein – und sei es um den Preis der Selbstaufgabe. Die Regisseurin Anna-Sophie Mahler nähert sich mit ihrem psychologischen Ansatz dem Schicksal Rusalkas, das Dvorák in märchenhafte Gegensätze übersetzte. Rusalka ist am 1. Weihnachtstag, den 25. Dezember,  um 18 Uhr im Theater am Goetheplatz zu sehen.


Der Messias
Ein Schauspieler als Regisseur, dazu ein weiterer Schauspielerkollege und als Skript die komplette Weihnachtsgeschichte inklusive der Jungfrau Maria, dem Erzengel Gabriel, den Heiligen Drei Königen und dem kleinen Jesuskind! Die Weihnachts-Farce „Der Messias“ mit den Ensemblemitgliedern Guido Gallmann und Martin Baum zählt bereits seit acht Jahren zu den Fixpunkten des Weihnachtsprogramms am Theater Bremen und wird am 1. Weihnachtstag um 18.30 Uhr im Kleinen Haus gespielt.


Tom Sawyer
Regisseur Klaus Schumacher inszenierte mit Tom Sawyer das diesjährige Familienstück am Theater Bremen. Mit einem großen Ensemble erzählt Schumacher „Die Muff Potter-Version der Geschichte“; so der Untertitel des Stückes, das John von Düffel im Auftrag des Theater Bremen nach dem Roman von Mark Twain geschrieben hat und das die Geschichte aus der Perspektive des Sargtischlers Muff Potter erzählt. Jedes Jahr aufs Neue feiert Muff Potter den Tag, an dem Tom Sawyer und Huckleberry Finn ihm das Leben gerettet haben, indem er ihre gemeinsame Geschichte erzählt – die Geschichte von zwei Lausejungen und ihrem Mut zur Wahrheit. Am 2. Weihnachtstag, den 26. Dezember, wird „Tom Sawyer“ um 10 Uhr im Theater am Goetheplatz gespielt.


Hänsel und Gretel
Mit Hänsel und Gretel gelang es Engelbert Humperdinck, eine zeitlose Märchenoper zu schaffen. Die Oper handelt von Verzicht und Verführung, vom Fressen und Gefressen werden, aber auch vom Zusammenhalt eines Geschwisterpaares und dem ewigen Traum von einer Welt, in der Freiheit und Genuss ohne Maß und Reue zumindest für eine Weile uneingeschränkt möglich sind. Mit „Hänsel und Gretel“ hat Alexander Riemenschneider zum ersten Mal eine große Repertoireoper inszeniert. Am 2. Weihnachtstag, den 26. Dezember, wird die Märchenoper um 18 Uhr im Theater am Goetheplatz zu sehen sein.


Zum letzten Mal: „Väter und Söhne“   

Sie glauben an gar nichts, nennen sich selbst Nihilisten: Arkadij Kirsanow und Jewgenij Bazarow lassen einzig die Naturwissenschaft gelten. Während der eine jedoch die Konfrontation sucht, versucht der andere an die bestehende Ordnung anzuknüpfen. In Iwan Turgenjews Roman treffen Generationen und Weltanschauungen hart aufeinander. Klaus Schumacher, der in dieser Spielzeit für die Inszenierung von „Tom Sawyer“ zum wiederholten Male an das Theater Bremen zurückkehrte, widmete sich nach „Buddenbrooks“ einem weiteren großen Stoff der Weltliteratur. „Väter und Söhne“ wird am 26. Dezember um 18.30 Uhr zum letzten Mal im Kleinen Haus des Theater Bremen gespielt.

—| Pressemeldung Theater Bremen |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Der Messias von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 11.12.2017

Dezember 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Der Messias von Georg Friedrich Händel

Symphonischer Chor Hamburg –  Der Messias –  Elbipolis Barockorchester

Von Patrik Klein

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Lasse ich meine Gedanken mehr als 30 Jahre zurückschweifen und schaue mit etwas verklärter Sicht auf damalige Erlebnisse, so füllt immer wieder eine Erinnerung meine Sinne: die wunderbare Zeit in einem bedeutenden Oratorienchor. Damals, in meiner Studienzeit in Wuppertal, knüpfte ich erste tiefe Kontakte zur klassischen Musik. Neben regelmäßigen Besuchen im Barmer Opernhaus, das ich in den folgenden Jahre sehr  schätzen lernte, folgte der unbedingte Wunsch, selbst musikalisch tätig zu werden.

Der Messias – Erinnerungen und Gefühle „aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten“

Meine Frau und ich sangen als Sopran bzw. Bass im Schubert Bund Wuppertal und dem später schlicht umbenannten Symphonischen Chor  bei vielen Werken meist in der Stadthalle der Stadt mit der Schwebebahn mit großem Symphonieorchester und Gesangssolisten. Unter dem Dirigenten Franz Lamprecht und unter Mitwirkung weiterer Chöre aus Düsseldorf und Hilden wurden etliche Meisterwerke aus der Chorliteratur und ganz besonders Händels Messias über viele Wochen geprobt, einstudiert, jede Menge Sonderproben kurz vor den Aufführungen mit großer Leidenschaft durchgeführt und schließlich überregional beachtete Konzerte zu Wege gebracht.

Der Messias in Wuppertal - 1987 - Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Der Messias in Wuppertal – 1987 – Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Heute mehr als 30 Jahre danach muss ich die Gelegenheit beim Schopfe greifen und den Symphonischen Chor Hamburg im Juwel der Hansestadt, in der Elbphilharmonie, mit Händels Werk erneut erleben.

Der Symphonische Chor Hamburg gehört mit seinen heute etwa 140 aktiven Mitgliedern (95 Damen und 46 Herren) zu den renommiertesten und traditionsreichsten Chören Hamburgs. 1886 gegründet, wird er seit 1985 von Matthias Janz geleitet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den großen und bekannten Werken der Chorliteratur auch selten zu hörende Kompositionen zur Aufführung zu bringen. Mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg und den Solisten Johanna Winkel (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) stehen namhafte Musikerinnen und Musiker auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Der Messias von Georg Friedrich Händel gehört bis heute zu den populärsten Beispielen geistlicher Musik des christlichen Abendlandes. Er erzählt die Heilsgeschichte. Sein populäres Oratorium beginnt mit Worten des Propheten Jesaja, die das Ebnen der Wege als eine Voraussetzung für die Ankunft des Gottessohnes verkündigen. Und es  ist ein Oratorium ohne Handlung.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg - hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg – hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Händel übernahm die Struktur von der italienischen Oper und gliederte das Werk in drei Teile: der erste Teil umfasst dieVerheißung des Messias und die Weihnachtsgeschichte. Er schließt mit einer Betrachtung über das Werk des Heilandes. Im zweiten Teil wird der Osterkreis beschrieben: Passion und Auferstehung Der finale dritte Teil schließlich stellt eine Danksagung an den Messias für die Überwindung des Todes dar: „Erlösung„.

Charles Jennens war als Textdichter des Werkes alles andere als glücklich gewesen, da Händel seine Version ausschließlich aus, zumeist alttestamentarischen Bibelstellen entwickelte, die das Geschehen eher reflektieren als darstellen: ein absolutes Novum. Das hinderte Händel nicht daran, in den Arien alle Register seiner Opernerfahrung zu ziehen.

Das Werk wurde am 13. April 1742 in der Dubliner Music Hall uraufgeführt. Damals hieß es: „Dieses Oratorium übertrifft bei weitem alles, was je in dieser Art in diesem oder einem anderen Königreich aufgeführt worden ist. Worte vermögen die Ergriffenheit des Publikums nicht auszudrücken.“ Händel selbst bemerkte: „Ich würde bedauern, wenn ich meine Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wünschte sie zu bessern„.  Die Londoner Premiere ein Jahr später wurde relativ kühl aufgenommen. Einige Kritiker sprachen sogar von „Blasphemie“. Aber noch zu Händels Lebzeiten wurde Messias zu seinem meistgespielten Oratorium, an dem er aber immer wieder je nach den Erfordernissen und Umständen der Aufführung Anpassungen vornahm. Nachdem die Uraufführung in Dublin noch relativ klein besetzt gewesen war, wuchsen die Chöre und Orchester proportional zum Erfolg des Messias. Bei einer Aufführung im Londoner Crystal Palace wirkten 1857  über 2.000 Sänger und 500 Musiker mit.

Die erste Aufführung in Deutschland fand 1772 in Hamburg unter der Leitung des Engländers Michael Arne statt. Die erste deutschsprachige Aufführung dirigierte, ebenfalls in Hamburg, C. Ph. E. Bach im Jahr 1775. In späteren Jahren wurde das Werk oft umgearbeitet und uminstrumentiert. Die bedeutendste Bearbeitung schuf Mozart 1789 für eine Aufführung des Barons von Swieten in Wien unter Hinzunahme von Klarinetten, Hörnern und Posaunen.

Der Symphonische Chor Hamburg  hatte nun zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Aufführung im großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg durchzuführen. Man setzte sich als erster Chor überhaupt gegen die Konkurrenz von vielen anderen namhaften Chören der Region durch und bereitete sich noch nie in der Geschichte des Chores so intensiv auf ein Konzert vor. Zudem präsentierte man den Hörern die ungekürzte Version des Stückes in der englischen Originalsprache mit einer Aufführungsdauer von beinahe dreieinhalb Stunden incl. zwei Pausen. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten und wurde speziell für Alte Musik auf 415 Hz gestimmt.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Die Aufführung des Symphonischen Chor Hamburg mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg bestach durch ausgewogene Stimmen, klangliche und stilistische Sicherheit und Intonationsgenauigkeit.  Pointiert gestaltete Matthias Janz die unterschiedlichen Passagen mit großem Einfühlungsvermögen. Die ohne Kürzungen entstehende Länge des Stückes wurden durch zwei Pausen aufgelockert, wenn nicht gar „gewürzt“.

 Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske

Das Solistenquartett bestand aus bewährten Sängerinnen und Sängern, die Rezitative und Arien souverän darboten. Johanna Winkel, die bereits bei einem Soloabend im Musikverein Wien und als Walküre bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mitwirkte, sang mit zauberhafter Leichtigkeit und wirkungsvollster Stimme des Abends. Sie agiert mit frischem, klarem Sopran und feinem abgedunkelten Timbre textverständlich, mit facettenreichen Farben, sicheren Koloraturen, präzise und klangschön bis in die Spitzentöne.  Geneviève Tschumi  bestach mit weicher, schlanker Altstimme und erfüllte ihren Part mit vokaler Geschmeidigkeit. Der Tenor Markus Schäfer, ehemals engagiert an der Hamburgischen Staatsoper, artikulierte mit großer Textverständlichkeit die Rezitative und angenehmer Frische seine Arien. Er sang sicher mit exakter Intonation, sauberen Läufen und Koloraturen. Thomas Laske verfügt über einen flexiblen gestaltenden  Bass mit Tiefe und  ausreichendem Volumen. Durch die besondere Anordnung der Sänger kamen Händels Rezitative und Arien sehr eindrucksvoll zur Geltung. Die Sopranistin stand im Zentrum des Orchesters, wo hingegen Alt, Tenor und Bass deutlich weit nach rechts an der Rampe des Podiums positioniert waren.

Spieltechnisch blieb das Elbipolis Barockorchester Hamburg den Sängerinnen und Sängern nichts schuldig. Als homogener, sicherer Klangkörper bot das Orchester sowohl in Klangschönheit wie auch in Genauigkeit ein glanzvolles Bild. Das Orchester war in barocker Form aufgestellt mit Laute (Theobe) im Zentrum, zwei Bässen, Celli (zwischen die Beine geklemmt) und Fagott zur rechten Seite des Dirigenten. Das Harmonium, Violinen und Bratschen waren im Zentrum positioniert und wurden linksseitig flankiert von 2 Pauken, 2 barocken Trompeten und 2 Oboen.

Matthias Janz führte den Klangkörper mit großem Einfühlungsvermögen zunächst mit etwas vorsichtigem Tempo, dann aber mit luftigem, transparenten Klang immer furioser und sicher werdend. Er traf den Charakter des Werkes in seiner Strahlkraft und positiven Aussage und führte Ensembles und Solisten mit sicherer Hand sowohl in straffen, temporeichen wie auch gesanglich weichen Partien.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Besonders bemerkenswert der wuchtige Klang des riesigen, den Saal mehr als erfüllenden Symphonischen Chores Hamburg. Die mittig positionierten Herrenstimmen des Tenors und Bass wurden flankiert von den Damen des Sopran und Alt. Bei der ersten bekannten Fuge „For unto us a Child is born“ lief der Chor zur Höchstform auf mit präziser, textverständlicher Sprache, trennungscharf in den vielen Wiederholungen und Händelschen Läufen. „Wonderful“. Auch im zweiten Teil „Ba-Rockte“ es vom Allerfeinsten. Der Chor wird immer sicherer, präziser und eindrucksvoller in Gestaltung und Klang. Gelegentlich überstrahlte der Chor das recht klein besetzte Orchester. Hier wäre ein wenig Zurückhaltung angebracht gewesen, aber wer mag es den begeistert agierenden Chormitgliedern verdenken, beim ersten Mal hier in der Elbphilharmonie Hamburg voll aufzudrehen. Sehr schön am Ende des zweiten Teils das jedem bekannte „Hallelujah, for the Lord God“. Hier ging es mit Pauken und Trompeten in den Himmel des Chorglücks. Ich musste mich beherrschen, nicht lauthals mitzusingen. Der dritte Teil beginnt mit der schönsten Arie und Stimme des Abends. Johanna Winkel singt ergreifend „I know that my Redeemer liveth“ und erklärt uns eindrucksvoll, dass ihr Erlöser lebt und vom Tode auferstanden ist. Hier erstrahlt ihr ganzes Können, die Töne schwellen wunderbar, gar aufregend an, von feinstem Legato geprägt. Das herrliche Trompetensolo begleitet den Bass von Thomas Laske bei seiner schön gestalteten Arie „The trumpet shall sound“. In den beiden Schlusschören „Worthy is the Lamb“ und „Amen“ noch einmal wuchtig und alles überstrahlend der Hamburger Chor alle Register seines Könnens ziehend, alle Mühe der vielen Proben und Entbehrungen vergessen machend, die prächtigen Farben in Händels Musik auftragend.

Der Symphonische Chor Hamburg lieferte ein triumphales Debut im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg. Das Publikum bedankte sich nach dreieinhalb Stunden Konzertdauer mit Jubel, anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. In meiner Vita gefangen, träumte ich, wünschte ich, Teil dieses so wunderbaren Oratorienchores zu sein.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Rostock, Volkstheater, Der Messias von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 21.11.2016

November 21, 2016 by  
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Volkstheater Rostock

„Das Volkstheater Rostock bringt Händels Werk in einer szenischen Aufführung der Tanzcompagnie mit Solisten des Musiktheaters, dem Opernchor und der Norddeutschen Philharmonie Rostock auf die Bühne“, so steht es auf der Seite des Volkstheaters. Das schürt große Erwartungen – und gleich vorweg: sie werden erfüllt!

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Ein vorträgliches Weihnachtsgeschenk!
Der Messias von Georg Friedrich Händel

Volkstheater Rostock: Premiere Der Messias 05.11.2016, weitere Vorstellungen 18.12.2016, 26.12.2016, 07.01.2017

Von Thomas Kunzmann

„Das Volkstheater Rostock bringt Händels Werk in einer szenischen Aufführung der Tanzcompagnie mit Solisten des Musiktheaters, dem Opernchor und der Norddeutschen Philharmonie Rostock auf die Bühne“, so steht es auf der Seite des Volkstheaters. Das schürt große Erwartungen – und gleich vorweg: sie werden erfüllt!

Volkstheater Rostock / Der Messias - Maciej-Idziorek und Ensemble © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Der Messias – Maciej-Idziorek und Ensemble © Dorit Gaetjen

Man möchte meinen, göttliche Hilfe, der Messias, wurde gerufen, um die Kulturpolitik im Lande und der Stadt „auf Vordermann zu bringen“: Händels Oratorium als großes Mehrspartenprojekt. Die Norddeutschen Philharmonie, Opernchor, Tanzcompagnie sowie alle sechs Solisten, die das Theater derzeit ihr eigen nennt, agieren, singen, tanzen auf der Bühne des Volkstheaters und begeistern das Publikum.

Dabei steht die Premiere des Messias unter keinem guten Vorzeichen. Der neue Intendant Joachim Kümmritz hat ein Konzept für Personaleinsparungen vorgelegt. Die aktuell 73 Musiker der Norddeutschen Philharmonie sollen über altersbedingtes Ausscheiden auf lediglich 59 feste Kräfte reduziert, aber nur teilweise durch die dafür sicher nicht ins Leben gerufene Orchesterakademie aufgefüllt werden. Doch ein schlüssiges Gesamtkonzept für das Theater, welches Kunst und Kosten für die kommende Spielzeit wie in einem langfristigen Konzept bündelt, wurde bis heute nicht kommuniziert. Nicht durch die Politik und nicht durch den Intendanten. Stattdessen publiziert Kümmritz (der Intendant wohlgemerkt, nicht die Stadt!) ominöse Sparvorschläge, welche in kein künstlerisches Konzept passen. Diese Schweigsamkeit der Kulturverantwortlichen in Rostock ist auch deswegen erstaunlich, als konzeptionelle Vorschläge der Beratungsfirma ACTORI seit langen in den Schubladen liegen. „Sparmaßnahmen folgen den Visionen“ – so gilt das eherne Sanierungsgesetz der Wirtschaft. In Rostock scheint man auf Visionen, Konzepte noch zu verzichten: Man spart sich lieber tot!

Volkstheater Rostock / Der Messias - Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / Der Messias – Ensemble © Dorit Gätjen

Der Blick in den Spielplan 2016/17 des Volkstheaters verrät die Vorstellungen bis Ende Dezember. Danach wird es dünn. Lediglich die Premiere Zar und Zimmermann im Januar sowie eine (!) Folgevorstellung steht neben den Philharmonischen Konzerten bis zum Saisonende. Dem neu installierten Operndirektor Prof. Albert Lang, der bisher lediglich ein Schauspiel mit Musik inszenierte (Spur der Steine), wurde nun noch eine Dramaturgin zur Seite gestellt, prompt steht zumindest die Besetzung für die Lortzing-Oper – 58 Tage vor der Premiere. Der Chefausstatter stattete in dieser Saison noch nichts aus. Auch der Schauspieldirektor erscheint auf keiner der bisherigen und angekündigten Inszenierungen. Die werden von Schauspielern und dem Dramaturgen gemacht.

Vieles erinnerte bereits in der Vergangenheit an das ebenso finanzklamme Theater Wuppertal. Dort wurde allerdings vor sechs Monaten das Vierspartenhaus radikal kernsaniert: Schauspiel der Auslastung entsprechend in kleinere Bühnen verlegt, Stagione-Oper wieder auf Repertoire-Oper umgestellt, Intendanten und Direktoren nach diesem Konzept ausgetauscht: Die Mission folgte der Vision. Erfolgreich und transparent.

Doch inmitten irdischer Nöte war in Rostock mit Händels Messias göttliche Hilfe spürbar: Die Solostimmen sind durchweg gut mit einer hohen Bühnenpräsenz, Maciej Idziorek gesanglich am Überzeugendsten.

Volkstheater Rostock / Der Messias - Ensemble und Opernchor © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / Der Messias – Ensemble und Opernchor © Dorit Gätjen

Dazu zelebriert Katja Taranus Tanzcompagnie regelrecht die Musik. Mal andächtig, dann kraftbetont, mal verwirrend, dann wieder witzig. Mit wunderbaren, immer wieder neuen Figuren und Bewegungen. Mit Schattenspielen hinter halbdurchlässigen Wänden, die die davor Agierenden wie Marionetten bewegen. Chor und Solisten werden einbezogen, sodass die Grenzen der Genres aufgehoben wirken. Jede Szene, jeder Takt ist durchchoreografiert, ohne überfrachtet zu wirken. Versinnbildlichungen, keine Bilderfluten. Der anfängliche Drang, den Tanz als Übersetzung des Textes verstehen zu wollen, löst sich alsbald in einem Loslassen und verwandelt sich in reinsten Genuss. Als würde man eine fremdartige Speise kosten, ohne die Zutaten zu kennen, sitzt man beseelt lächelnd. Auch Agnostiker wie ich lassen sich in den Bann der Musik und die Ahnmut der Bewegung entführen, die dem eigenen Glauben zwar fremd ist, in deren wohliger Wärme man sich aber sofort zuhause fühlt.

Volkstheater Rostock / Der Messias - Jasmin Etezadzadeh - Maciej Idziorek und Ensemble © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Der Messias – Jasmin Etezadzadeh – Maciej Idziorek und Ensemble © Dorit Gaetjen

Kaum wage ich zu schreiben, wie homogen ein so kleiner Chor klingen kann – irgendein Sparfuchs könnte herauslesen, dass es gar mit noch weniger SängerInnen ginge. Aber es zu unterschlagen wäre mehr als unfair. Man spürt in jedem Ton, wie glücklich und erfolgreich die Zusammenarbeit mit dem neuen Chordirektor Joseph Feigl (jahrelang Theater Lübeck) gedeiht. Lediglich nach der Pause, wenn der Chor allzu weit hinten im Bühnenraum steht, fehlt manchmal der akustische Entfernungsausgleich, leichte Verwerfungen sind die Folge, von denen ich jedoch hörte, dass sie in der zweiten Aufführung deutlich reduziert werden konnten.

Insgesamt eine großartige Idee! Mit allen Mitteln des Hauses wurde dieser Messias in Rostock wunderbar umgesetzt. Passend zur Weihnachtszeit und zum Luther-Jubiläum, mehr als nur ein Ersatz für Bachs Weihnachtsoratorium. Hier glänzt ein Edelstein, vom gesamten Volkstheater und besonders durch Taranus Regie und Choreografie zum Strahlen gebracht.

Volkstheater Rostock: Der Messias von Georg Friedrich Händel, Nächste Vorstellungen:  18.12.2016, 26.12.2016, 07.01.2017

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—