München, Münchner Kammerspiele, Flüstern in stehenden Zügen – Live-Film, IOCO Kritk, 11.02.2021

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Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Flüstern in stehenden Zügen – Theater-Live-Film von Visar Morina

– Notrufe ins All –

von Hans-Günter Melchior

Kahlköpfe haben es gut. Denn die Friseure sind allenthalben im Gespräch, die sie, die Kahlköpfe, nicht brauchen.

Wenn nur die Friseure wieder öffnen könnten, heißt es landauf landab und manche nehmen eine Reise von 140 km in Kauf. nur der Haartracht wegen. Und dann kommen sie zurück und man sieht ohnehin nur die Haare, darunter die Maske im Seeräubergesicht und das wars wieder einmal. War ja auch Zeit. Als hätte die Welt allein oder vor allem auf diese Zu-richtung des Kopfes gewartet.

Verdammt – wo leben wir eigentlich? In welcher Scheinwelt der Scheinwichtigkeiten?
Und die armen Theater?!   Die Theater, die wir brauchen.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Da rennt eine einsamer Mann (Bekim Lahiti) in diesem Behelfsstück, das sich Theater-Live-Film nennt, Flüstern in stehenden Zügen in einem dürftig beleuchteten Bühnenraum, einem Zimmer, von einer Ecke in die andere, hakelt sich turnerisch an einer Art Deckenlampe (?) in die Höhe und redet und redet wie nur Einsame reden: unzusammenhängend, sich selbst mit gutturalen Lauten unterbrechend und man versteht: der Typ sucht Anschluss. Telefonisch. Hallo, hallo, ist da jemand? Ein Notruf in der Not. Der Theaternot. Und manchmal antwortet ihm eine stilisierte Puppe, die eigentlich eine Frau ist (Leoni Schulz), aus einer Plastikhülle heraus mit gestanzten Sprüchen.

Und so geht es immer weiter, der Mann ruft an und bittet um Antwort, und manchmal wird ein Passwort von irgendwoher von ihm verlangt. In einer gestanzten Welt mit gestanzten Wichtigkeiten braucht man Passwörter. Und Sicherheitscodes, die sich vor die persönliche Kontaktaufnahme stürzen, als gelte es, sie zu verhindern.

Und ganz am Ende, o Wunder, tritt die Frau als lebendige Person auf und redet ein wenig mit ihm –, aber das Stück schon zu Ende. Gerade hat der Mann noch Zeit zu fragen, ob man das bemerkt habe: in stehenden Zügen fangen die Leute auf einmal an, miteinander zu flüstern.

Da ist richtig beobachtet. Und richtig ist auch, dass der Mann die Not des Theaters in Corona-Zeiten verkörpert: den Wegfall der Kommunikation. Denn Theater ist ein lebendiger Organismus. Autor, Schauspieler und Zuschauer sind eine Einheit.. Die einen sagen etwas und die anderen nehmen es in sich auf, denken darüber nach und überdenken es und atmen schneller oder belästigt, dass der Darsteller sich bald bestätigt fühlt, bald abgelehnt und in einen stummen Dialog gezwungen wird.

Corona lässt das nicht zu. Und so ist der einsame Telefonierer in diesem Stück die Verkörperung des gegenwärtigen Notfalls. Und man leidet mit ihm, freilich nur ein wenig, weil man nicht bei ihm ist im Theater, sondern nur bei ihm im Live-Film, und deshalb leidet man so wenig, wie man beim Anschauen eines alten traurigen Films leidet. Denn Theater ist leibliche Gegenwart, man muss dabei sein, lachen oder das Gesicht verziehen können, immer ist Theater auch ein Versuch der Überredung, der sugges-tiven Beeinflussung.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Ach ja, die Zeiten sind nicht so. Der Soziologe Armin Nassehi, der an LMU in München lehrt, sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Und die Belastung für viele Gruppen der Gesellschaft, Eltern, Kinder, psychisch Kranke, Hilfsbedürftige, ist dramatisch. Aber diese Diag-nose sagt ja nicht gleichzeitig, dass das Virus dadurch ungefährlicher ist.“

Das ist so richtig wie verhängnisvoll. Er hat die Theater vergessen. Sicher aber auch gemeint. Er vertritt ein „systemtheoretisches Gesellschaftsmodell“, wohl in Anspielung auf Niklas Luhmann, nach dessen Theorie jede gesellschaftliche Gruppe ein spezifisches, in sich geschlos-senes System darstellt und Gesellschaft erst durch die Interaktion zwi-schen den Systemen entsteht. Der junge und recht forsche Philosoph Markus Gabriel zeichnet in seinem Werk „Fiktionen“ nicht unähnlich eine Wirklichkeit, die lediglich aus sogenannten „Sinnfeldern“ besteht, die Welt an sich, das heißt als Ganzes, gibt es für ihn gar nicht.

Gerade sie aber will das Theater wiederherstellen. Den Kosmos der An-schauungen und Gefühle in der unmittelbaren Gegenwart der Zeugenschaft durch anwesende Zuschauer Die Welt als Ganzes, mag sie auch eine Fiktion sein. Weil wir gerade in dieser Welt leben. Ein wenig hat die ersatzweise gebotene Konfektionsware etwas von einer Speise, die vor sich hin verdirbt.

Dennoch: es ist der Versuch, den Kopf oben zu behalten. Im stehenden Zug ist das Flüstern ein Lebenszeichen. Immerhin.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—


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Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Lohengrin & Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Januar 2018

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Premieren –  Lohengrin von Richard Wagner

 Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Das Jahresende rückt näher – eine gute Gelegenheit, um einmal inne zu halten und in Ruhe frische Pläne für das neue Jahr zu schmieden. Das Theater sollte auf jeden Fall Platz in Ihrem Kalender finden:

Besuchen Sie zum Jahresbeginn Wagners Lohengrin und Michael Nymans Kammeroper Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte Von einem „Wagner-Wunder am Niederrhein“ war in der Presse zu lesen anlässlich der Premiere von Lohengrin am Krefelder Theater in der letzten Saison. Auch bei der Gastspielreise des Gemeinschaftstheaters in Estland wurde die Inszenierung frenetisch gefeiert. Ab Samstag, den 20. Januar 2018 ist die Oper in der Regie von Robert Lehmeier am Theater Mönchengladbach zu erleben.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Lohengrin © Thomas Esser

Theater Krefeld Mönchengladbach / Lohengrin © Thomas Esser

– Das Gemeinschaftstheater ist in der glücklichen Lage, alle anspruchsvollen Solistenpartien aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können. Für den herausfordernden Chorpart dieser Oper werden 70 Sängerinnen und Sänger aufgeboten durch den Haus- und Extrachor sowie durch professionelle „Wagner-Choristen“.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte © Thomas Esser

Theater Krefeld Mönchengladbach / Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte © Thomas Esser

Ab Mittwoch, dem 31. Januar 2018 wird Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte von Michael Nyman am Theater Mönchengladbach aufgeführt: Dr. P., ein Sänger und Gesangslehrer, hat zunehmend Schwierigkeiten damit, Gesichter und Gegenstände wiederzuerkennen. Der Neurologe Dr. S. diagnostiziert visuelle Agnosie, auch „Seelenblindheit“ genannt. Verblüfft ist der Arzt von Dr. P.’s Methode, sich trotz seiner Erkrankung im Alltag zurechtzufinden: Er verknüpft jede Tätigkeit mit Musik. – Die Inszenierung (Regie: Robert Nemack) dieser 70minütigen Kammeroper findet auf der Großen Bühne statt, auf der auch die Zuschauer Platz nehmen.

—| Pressemeldung Theater Krefeld Mönchengladbach |—


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