Kurt Weill – Hommage an den Künstler und Menschen, Teil 4, 13.06.2020

Juni 13, 2020 by  
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Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons, the free media repository / Das Bundesarchiv

Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons / Das Bundesarchiv

KURT WEILL – VON DESSAU ZUM BROADWAY
Hommage an sein Leben und Wirken

von Peter M. Peters

Kurt Julian Weill wurde 1900, vor 120 Jahren in Dessau geboren. 1950, vor 70 Jahren starb Kurt Weill in New York. Zwei Gründe für Peter M. Peters, IOCO Korrespondent in Paris, an den großen Menschen und Komponisten zu erinnern: in der bei IOCO erscheinenden 7-teiligen KURT WEILL – Serie.

Kurt Weill – Teil 1 – Berliner Jahre – erschienen 25.5.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 2 – Songstil und epische Oper -30.03.2020, link HIER
Kurt Weill – Teil 3 – Verteidigung der epischen Oper – Flucht aus Deutschland

Kurt Weill – Teil 4 –   Interlude à Paris

In Paris, der französischen Hauptstadt war Kurt Weill kein Unbekannter. Schon im August 1932 hatte der Mäzen Vicomte de Noailles (1891-1981) ihn eingeladen, „ auf Grund des riesigen Erfolges der Dreigroschenoper-Musik (d.h. Der französischen Version von Pabsts Verfilmung) im Laufe des Winters einen Abend mit eigenen Werken zu geben“. Weill hatte sich für die konzertante Aufführung des Songspiels Mahagonny und des Jasagers entschieden. Der Abend fand am 11. Dezember 1932 innerhalb einer Konzertreihe der Kammermusikvereinigung La Sérénade statt, es dirigierte sein Freund Maurice Abravanel (1903-1993), im Songspiel traten u.a. Lenja und Pasetti auf, für den Jasager war das Berliner Uraufführungs-Ensemble angereist. Viel Prominenz war erschienen, darunter Igor Strawinsky (1882-1971), Darius Milhaud, Arthur Honegger (1892-1955) und Jean Cocteau (1889-1963). Der Erfolg war überwältigend, ein Kritiker schrieb: „Es ist viele Jahre her, dass man in Paris eine so starke, so edle Erschütterung verspürt hat.“.

Seit diesem Konzert waren erst reichlich drei Monate vergangen, als der Komponist jetzt in Paris eintraf. Kurt Weill fühlte sich nicht als Emigrant, wie ein wichtiges Interview mit einem dänischen Journalisten bezeugt. Diesem sagte er Ende Juni 1934: „Schon in Berlin, letztes Jahr, fühlte ich, dass ich Luftveränderung nötig hätte, alles wurde allmählich zu leicht für mich, und es gab Grund anzunehmen, dass dies Einfluss haben würde auf meine Musik. Also, bevor Hitler und die Nazis daran dachten, mich zu erneuern, bin ich selbst auf den Gedanken gekommen!“

Im Koffer erste Skizzen eines Werkes für eine weitere Mäzenatin, die Princesse de Polignac (1865-1943) die – unter dem Eindruck des Pariser Konzerts vom Dezember 1932 – bei ihm noch in Berlin eine sinfonische Arbeit in Auftrag gegeben hatte, knüpfte Weill vom ersten Tag an Kontakte für neue Arbeitsmöglichkeiten. Bereits Anfang April ergab sich ein Theaterprojekt. Die gerade gegründete Truppe Les Ballets 1933 unter Leitung des Choreographen Georges Balanchine (1904-1983) suchte neue Werke für einen mehrteiligen Ballettabend. Man hatte auch bereits einen Financier gefunden, den Engländer Edward James (1907-1984). Dieser, verheiratet mit der deutschen Tänzerin Tilly Losch (1903-1975), hatte nur zwei Bedingungen; eine Rolle für seine Frau musste dabei sein, und eines der Werke sollte von Weill komponiert werden, dessen Musik auch er seit dem Besuch des Dezember-Konzertes besonders schätzte. Bei der ersten Besprechung mit James am 9. April nahm Weill den Antrag an, stellte aber seinerseits ebenfalls eine Bedingung: Er wolle kein  „gewöhnliches“ Ballett schreiben, sondern ein „ballet chanté“, also mit Gesang, als Textdichter schlage er Cocteau vor, bei diesem solle James anfragen. So geschah es, doch der französische Dichter musste aus Termingründen absagen. Es war James, der daraufhin Brecht ins Gespräch brachte – und auch für die Gesangsrolle Lotte Lenja, die seine Frau von Berlin her kannte. Weill stimmte zu.

Brecht, der Berlin am Tage nach dem Reichsbrand verlassen hatte, lebte gerade mit seiner Familie als Gast der Schriftstellerin Lisa Teztner (1894-1963) im schweizerischen Carona. Als die Nachricht aus Paris ihn erreichte, fuhr er sofort los. Wenige Tage später schrieb er seiner Frau: Liebe Helli, ich bin gut hergekommen und schon mitten in der Arbeit mit Weill. Das wird, hoffe ich, schnell gehen.“

Bertold Brecht © IOCO_ RMaass

Bertold Brecht hier als „Erinnerung“ vor dem BE in Berlin © IOCO_ RMaass

So entstand in nur zwei Wochen (Weill vollendete den Klavierauszug am 4. Mai) das Ballett mit Gesang Die sieben Todsünden, letzte Zusammenarbeit der beiden einstigen Team-Gefährten. Bereits Ende April war Brecht nach Carona zurückgereist.

Es ist im Grunde ein bitteres Werk, erzählend die Odyssee des Mädchen Anna, das von seiner Familie in Louisiana ausgeschickt wird, um in den „großen Städten“ eine Karriere als Tänzerin zu machen und damit genügend Geld für den Bau eines neuen schönes Hauses daheim zu verdienen. Anna besteht aus zwei Personen: Anna I, die Sängerin, die „Vernünftige“, die Managerin und Anna II, die Tänzerin, die „zur Ware degradierte“. Ein Prolog und ein Epilog umschließen die sieben Stationen der Handlung, die Anna durchwandert hat, darstellend zugleich die Todsünden (Faulheit / Stolz / Zorn / Völlerei / Unzucht / Habsucht / Neid). Brecht erklärt diese Todsünden zu Tugenden, Sünden sind sie nur für die Kleinbürger, weil der kein natürliches Leben führen kann.

Weills Musik zeigt ihn nochmals auf der Höhe seines europäischen Theaterstils. Im Orchester ist freilich ein Wandel vor sich gegangen: Erstmal weist er den Streichern maßgebliche Bedeutung zu. Die melodischen Erfindungen sind stark wie immer, Prolog und Epilog umschließen als großer Weill-Song die Handlung. Köstlichster Einfall „Die Familie“, die den Weg des Mädchens spießbürgerlich-kommentierend begleitet, setzt Weill für ein Männerquartett, oft auch a capella. Damit wird ein Höchstmaß an Komik und Karikatur erreicht.

Die sieben Todsünden – Kurt Weill – hier mit der wunderbaren Dagmar Manzel
youtube Video Komische Oper Berlin
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Die Uraufführung der Sieben Todsünden (als Les Sept péchés capitaux) fand, zusammen mit fünf weiteren Kurzballetten, am 17. Juni 1933 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées statt (Choreographie: Georges Balanchine, Dirigent: Maurice Abravanel, Bühnenbild: Caspar Neher). Lotte Lenja und Tilly Losch verkörperten Anna I und Anna II. Die Aufnahme beim Publikum war sehr gemischt. Da entgegen der französischen Titelankündigung in Deutsch gesungen wurde, verstanden die Franzosen kaum, worum es eigentlich ging. Umso freudiger begrüßte die große Emigrantenkolonie, in der Erinnerung an große Berliner Zeiten, die neue Arbeit von Weill und Brecht. Nach sieben weiteren Vorstellungen reiste das Ensemble zu einem Gastspiel nach London. Eingedenk der Pariser Erfahrungen hatten James und Weill den Brecht’schen Text in aller Eile ins Englische übersetzt, Lenja lernte ihn in wenigen Tagen, das Ballett lief unter dem Titel Anna-Anna, wurde aber ebenfalls kein Erfolg. Zu Weills Lebzeiten folgte nur noch eine Aufführung der Sieben Todsünden 1936 in Kopenhagen.

Die sieben Todsünden –  Kurt Weill
youtube Video Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Lotte Lenja fuhr Ende August 1933 noch einmal für fast zwei Monate nach Deutschland, um den Verkauf des Hauses in Kleinmachnow (er erfolgte schließlich Ende Oktober) und den Abtransport der persönlichen Habe in die Wege zu leiten. Wahrscheinlich aus taktischen Gründen (um nicht den Verdacht zu erwecken, hier werde „jüdisches Eigentum“ ins Ausland verbracht), hatte sie auch die Scheidung eingereicht, die nun am 18. September vom Amtsgericht Potsdam vollzogen wurde. Jedenfalls schrieb Weill ihr im Oktober nach Berlin „Liebes Linerl, es ist alles sehr gut so, wie du es angeordnet hast.“ Weills finanzielle Situation sah nicht gut aus. Sein Berliner Konto war gemäß der neuen Ausländerbestimmungen zum  „Sperrguthaben“ erklärt worden, auch die Universal-Edition kündigte ihm den Vertrag zum Oktober 1933. So war er ebenso erfreut über eine Auftragsarbeit für Paris Radio (die fünfzehnminütige Funk-Ballade: La Grande complainte de Fantomas, Text: Robert Desnos (1900 -1945) wie über die Tatsache, dass ihm der Vicomte de Noailles eine bezahlbare kleine Wohnung im Pariser Vorort Louveciennes vermittelte, die Weill Anfang November 1933 bezog.

Hier arbeitete Kurt Weill nun an dem schon in Berlin begonnenen sinfonischen Auftragswerk weiter, unterbrochen von einem schrillen Misston: Ende November dirigierte Abravanel ein Konzert mit dem Orchestre de Paris, auf dem Programm standen auch drei Stücke aus Der Silbersee, gesungen von der Sopranisten Madeleine Grey (1896-1979). Hören wir Weill: „Die Lieder waren ein großer Erfolg. Cäsar wurde da capo verlangt, da stand ein französischer Komponist, Florent Schmitt (1870-1958) – Weill: ungefähr so begabt wie Max Butting (1888-1976 )- auf und schrie: Heil Hitler! Genug mit der Musik von Deutschen Emigranten usw. Das Publikum benahm sich sehr anständig und brachte ihm zur Ruhe, das Lied wurde noch einmal gesungen und war dann wieder ein Erfolg“. Weills Reaktion war auch jetzt in Paris keine andere als drei Jahre zuvor nach dem Leipziger MahagonnyKrawall: „Ich bin ganz ruhig und meiner Sache vollkommen sicher. Die Symphonie wird sehr schön, ich hoffe in 8 – 10 Tagen mit der Skizze fertig zu sein“.

Bis zum Februar 1934 arbeitete er an dem dreisätzigen, heute als Sinfonie Nr .2 bekannten Werk, in dem sowohl der Weill‘sche Theaterstil wie auch Reflexion der Zeitereignisse deutlich anklingen. Bruno Walter brachte es am 11.Oktober 1934 mit dem Concertgebouw-Orchester in Amsterdam zur Uraufführung, unter dem Titel Symphonische Phantasie. Es sollte Weills letzte Arbeit für den Konzertsaal bleiben.

Im Frühjahr 1934 wandte er sich einem neuen Projekt des musikalischen Theaters zu. Aufrichts ehemaliger Dramaturg Robert Vambery (1907-1999) hatte Weill den Entwurf eines ebenso originellen wie mit Zahlreichen aktuellen Zeitbezügen versehenen Operetten-Librettos vorgelegt, Der Kuhhandel, das den Komponisten sofort interessierte. Spielend auf einer imaginären Insel mit zwei feindlichen Republiken, erzählt die Fabel, wie ein amerikanischer Waffenhändler des Profits wegen die beiden Potentaten aufeinanderhetzt. Die Auswirkungen solcher Staatsaffären auf die einfachen Leute werden in der Liebesgeschichte zweier Dorfbewohner deutlich. Am Schluss erweisen sich die gelieferten Waffen als nicht funktionierender Ausschuss, wodurch der drohende Krieg verhindert wird. Hier sah Weill Möglichkeiten, eine Opéra comique in der Traditionslinie Jacques Offenbachs (1819-1880) zu schaffen, und begann unverzüglich mit der Komposition bereits vorliegender Texte: „Ich verspreche mir viel von diesem Stück, weil ich so leicht daran arbeite wie seit langem nicht.“ Bis zum Juni lag die Musik etwa zu zwei Dritteln vor, Weill korrespondierte bereits wegen einer möglichen Uraufführung mit dem Zürcher Corso-Theater, von dort kam jedoch ablehnender Bescheid. So unterbrach er die Arbeit, da fast gleichzeitig zwei neue Projekte aufgetaucht waren: Sein neuer Verlag Heugel wollte ein Stück mit Musik für Paris, und Max Reinhardt wollte ein biblisches Groß-Werk für New York. Weill stimmte beide Male zu.

Der Kuhhandel   –   Kurt Weill
youtube Video Alexander Kaimbacher
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Im Heugel-Auftrag entstand gemeinsam mit dem französischen Erfolgsschriftsteller Jacques Deval (1895-1972) eine Bühnenversion von dessen Roman Marie Galante. Weill zur Fabel: „Ein ausgezeichneter, ernster Stoff: ein französisches Bauernmädchen wird, weil sie mit einem Mann mitgeht, nach Panama verschlagen; sie hat keinen anderen Wunsch, als wieder nach Hause zu kommen, sie verdient sich Bordellen das Geld und als sie es beisammen hat und schon die Schiffskarte für die Rückfahrt gekauft hat, stirbt sie.“ Die Musik entstand im September 1934. Sie enthält neben gekonnt orchestrierten Instrumentalstücken (darunter Panamaischer Militärmarsch und Tango Youkali) insgesamt zehn vokale Nummern. Die Uraufführung von Marie Galante am 22. Dezember 1934 in Paris wurde indes kein Erfolg. Die „großen  französischen Lieder“ des Stückes (vor allem Maries Heimwehklage J’attends un navire) waren Weill auf Anhieb so gut gelungen, dass sie über die Aufführung hinaus, von Heugel als Einzelausgaben verbreitet, in Frankreich populär wurden – ebenso wie zwei bereits im Frühsommer für die prominente Chansonette Lys Gauty (1900-1994) entstandene Stücke, Complainte de la Seine und Je ne t’aime pas auf Texte von Maurice Magre (1877-1941). Gleiches trat dann später ein, als der Verlag 1946 den Tango Youkali mit einem Text von Roger Fernay als Vokalnummer veröffentliche – heute ein weltweiter Hit.

Marie Galante  –  Kurt Weill – Arie Je ne t´aime pas
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Hier hatte sich erstmals die erstaunliche Fähigkeit des Komponisten gezeigt, mit seiner ausgeprägten musikalischen Sensibilität ein anderes, zunächst fremdes Idiom offenbar bis in die feinsten Wurzeln aufzunehmen und im eigenen Stil zu adaptieren. In Amerika sollte bald Ähnliches geschehen.

Ein großes musikalisches Bibel-Drama über die Passion des jüdischen Volkes zu schaffen und in New York aufzuführen, hatte der amerikanische Produzent Meyer Wolf Weisgal (1894-1977) Ende 1933 in Paris Max Reinhardt (1873-1943) vorgeschlagen. Der  „Theaterfürst“ war einverstanden und richtete an Franz Werfel (1890-1945) sowie an Kurt Weill entsprechende Anfragen. Beide sagten spontan ihre Mitarbeit zu, unmittelbar darauf begann Werfel, fußend auf dem Alten Testament, speziell dem Pentateuch, mit der Arbeit am Textbuch Der Weg der Verheißung. Ende August 1934 stellte er während eines Dreier-Arbeitstreffens bei Reinhardt auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg eine erste Fassung vor. Jetzt konnte Weill, zurückgekehrt nach Louveciennes, mit der Komposition beginnen, wobei sehr rasch klar wurde, dass der Anteil der Musik am Ganzen wesentlich grösser als ursprünglich geplant werden musste. Weill rief sich die liturgische Musik seiner Kindheit ins Gedächtnis zurück, studierte in der Pariser Nationalbibliothek zahlreiche Quellen. dieser „Vieles, was ich entdeckte, war im 18. und 19. Jahrhundert geschrieben worden. Dies alles schied ich aus und beschränkte mich rein auf die traditionelle Musik. Mit Leitlinie, versuchte ich eine Musik im gleichen Geist zu schaffen.“ (Interview von 1937). Es ist sein Konzept eines neuartigen musikalischen Theaters, das er nun in einer Kombination von Elementen des Dramas, der Oper und des dramatischen Oratoriums „weiterverfolgt“: „Die Musik ist stets integraler Bestandteil der Handlung. Dies ist nur möglich bei einer episch-erzählenden Form der Handlung, die dem Zuschauer den Gang der Ereignisse auf der Bühne vollkommen klar macht, so dass die Musik ihre rein musikalische Wirkung in ungestörter Harmonie erreichen kann.“ An Lenja heißt es nach reichlich vierwöchiger intensiver Arbeit: „Die Bibelsache wird musikalisch sehr schön und sehr reich. Daran merke ich erst, wie ich seit Die Bürgschaft weitergekommen bin. Es ist ebenso ernst, aber im Ausdruck viel stärker, reicher, bunter–mozartischer.“ Und an Max Reinhardt: „Seit ich aus Salzburg zurück bin, arbeite ich buchstäblich Tag und Nacht an unserer Sache, mit einer Begeisterung, wie ich sie seit langem nicht verspürt habe.“ Anfang November 1934 waren die ersten drei Teile (Die Patriarchen/Moses/Die Könige) in Skizze fertiggestellt, als Weill die Arbeit unterbrechen und sich wieder dem Kuhhandel zuwenden musste. Dafür hatte sich jetzt nämlich eine konkrete Aufführungsmöglichkeit in London ergeben – was bedeutete, dass die noch unvollständige Operette nun dem damaligen Stil der britischen Music-Hall angepasst werden musste. So blieb ein wichtiges Werk unvollendet, mutierte zu A Kingdom for a Cow.

Im Januar 1935 reiste Weill für längere Zeit nach London, dort entstand nach einer Rohübersetzung des Kuhhandels – Librettos nun in Zusammenarbeit mit zwei routinierten Theaterleuten des West End die englische Version. Weill schrieb – während er zugleich an der Musik zu Weg der Verheißung weiterarbeitete – einige neue Songs, strich bereits vorhandene, das Stück insgesamt wurde entschärft und geglättet, von den ursprünglichen Ambitionen eines Anknüpfens an Offenbach blieb nur wenig übrig. Die Uraufführung von A Kingdom for a Cow am 28. Juni 1935 im Savoy-Theater wurde nur ein mäßiger Erfolg, nach drei Wochen musste das Stück abgesetzt werden.

Mehr Glück brachten die Londoner Monate in der privaten Sphäre. Nachdem Weills intime Beziehung mit Erika Neher (die mit ihrem Mann in Deutschland geblieben war) aufgrund der räumlichen Trennung längst beendet war, hatte er auch Lenja dringend geraten, doch ihr  „Zigeunerleben“s mit Pasetti aufzugeben. Da auch sie dessen müde und zudem Pasettis Finanzen am Ende waren, bot eine Verpflichtung ans Züricher Corso-Theater Lotte Lenja den Anlass, nun Anfang Juli 1934 die Verbindung zu lösen. Zurück in Paris, nahm sie zunächst Weills Angebot an, während seiner Londoner Abwesenheit die Wohnung in Louveciennes zu nutzen, und dann auch die Einladung, zu ihm nach London zu kommen. Anfang April 1935 traf sie dort ein und bezog ein Zimmer in Weills Apartment-Wohnung. Lenja blieb auch in London, als nach der A Kingdom for a Cow-Premiere ein neues Arbeitstreffen bei Reinhardt in Salzburg anstand. Weisgal reiste ebenfalls an, mit entscheidenden Neuigkeiten aus New York: Die Premiere des Bibeldramas sei nun fest terminiert für Ende 1935, die Proben würden alsbald beginnen, natürlich müsse der Komponist anwesend sein. Weills Brief an Lenja vom 26. August leitet dann den neuen Lebensabschnitt für die beiden ein. Wenn alles wie geplant laufe, schreibt er, „…soll ich schon mit Weisgal am 4. Sept. auf der Majestic fahren“. Und dann „Es wäre natürlich fein, wenn wir zusammen fahren könnten und ich habe auf jeden Fall mal eine Doppelkabine reservieren lassen. Was meinst Du?“

Sie meinte: Ja, und kam umgehend nach Louveciennes. Ein Tag nur blieb für die Besorgung des Visums beim amerikanischen Konsulat in Paris und zum Packen. Am 3. September 1935 fuhren sie mit dem Zug nach Cherbourg, wo der Ozeandampfer, die Majestic, und Weisgal bereits warteten. Am 4. September 1935 legte sie ab, Europa blieb hinter Kurt Weill und Lotte Lenja zurück.

—| IOCO Portrait |—

Berlin, Komische Oper Berlin, Kurt Weill Woche, IOCO Kritik, 18-24.01.2013

Februar 2, 2013 by  
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Kritik

Komische Oper Berlin 

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

Kurt-Weill-Woche an der Komischen Oper in Berlin 18. – 24.01.2013

Innerhalb der zahlreichen Aktivitäten zum diesjährigen Berliner Themenjahr unter dem Titel „Zerstörte Vielfalt“ zeigt die Komische Oper eine Woche lang eine Auswahl aus dem vielfältigen Schaffen des Komponisten Kurt Weill.

„Der Kuhhandel“ (18.01.)

Als Auftakt fand am 18. Januar in konzertanter Aufführung die Premiere der selten gespielten Operette in zwei Akten „Der Kuhhandel“ statt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, flüchtete der aus einer jüdischen Familie stammenden Kurt Weill zuerst nach Paris, wo 1934 die auf dem Libretto von Robert Vambery basierende Operette entstand, jedoch unvollendet blieb. 1935 kam sie dann doch noch in veränderter Form und in einer englischen Fassung als „A Kingdom For A Cow“ in London auf die Bühne, wenn auch eher mit mäßigem Erfolg. Die von Kurt Weill nie weiter bearbeitete ursprüngliche Version von „Der Kuhhandel“ wurde erst vor wenigen Jahren neu redigiert und erlebte eine gefeierte Renaissance.

Im Stil der Offenbachschen Operette, wo sich schwungvolle heitere Musik mit einer meist satirisch-hintergründigen Handlung verbindet, geht es hier um Liebe und Politik in einer Bananenrepublik und ist ein pazifistischer Appell gegen Aufrüstung und Korruption.

Der Schauspieler Max Hopp, alias Waffenhändler Felipe Chao, führt brillant durch den Abend. Die Moderation verbindet klug die einzelnen musikalischen Stücke und dient als Ergänzung zum besseren Verständnis, bzw. Verfolgen der Handlung.

Sehr effektiv auch die einfallsreiche szenische Einrichtung von Barrie Kosky, die mit einfachem Einsatz von Requisiten den Durchblick durch das Geschehen und die jeweiligen Figuren erleichtert.

Das Sänger-Ensemble überzeugt vokal wie darstellerisch. Das Liebespaar wird verkörpert von der Sopranistin Ina Kringelborn in der Rolle der Juanita Sanchez und Vincent Wolfsteiner als Juan Santos, der ausdrucksstark und mit durchschlagender Tenorstimme singt. Sehr gut besetzt auch Christoph Späth als Präsident Mendez, Tansel Akzeybek mit schönem lyrischen Tenor und klarer Diktion in der Doppelrolle Ximenex/ Gerichtsvollzieher, sowie Christiane Oertel als Juans Mutter/ Madame Odette und der komödiantisch begabte Stefan Sevenich als Emilio Sanchez/ Minister von Ucqua. Der als Gast auftretende Bariton Daniel Schmutzhard, durch eine Erkältung etwas indisponiert, meisterte trotz gelegentlicher Heiserkeit bravourös die Rolle des Generals Garcias Conchaz.

Hervorragend das Orchester unter der Leitung des Kurt-Weill-Spezialisten Antony Hermus, Generalmusikdirektor am Anhaltischen Theater Dessau und der klangvolle Chor (André Kellinghaus).

Viel Beifall für alle. Kompliment für diese schöne musikalische Leistung und den sehr vergnüglichen Abend. Ein gelungener Start in die Kurt-Weill-Woche.

 

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und Nachtkonzert „Weill!“

Weniger beeindruckend wurde der 2. Abend mit der Wiederaufnahme von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (Weill/ Brecht) in der Inszenierung von Andreas Homoki und unter der musikalischen Leitung von Stefan Blunier fortgesetzt.

Optisch wie musikalisch wenig inspirierend, leidet die Aufführung (Premiere 2006) am offensichtlichen Mangel an Probezeit. Spielfreudig der Chor und das Sänger-Ensemble, vokal aber bis auf wenige Ausnahmen leider eher enttäuschend.

Umso schöner gestaltete sich der weitere Verlauf des Abends mit dem Nachtkonzert „Weill!“, welches im Anschluss, nach einer kurzen Pause und in kleiner Runde, auf der Bühne der Oper stattfand.

Unter dem Dirigat des Leiters des Opernstudios der Komischen Oper, Byron Knutson, spielten Mitglieder des Orchesters der Komischen Oper Berlin und das Saxophon-Quartettmodernsax berlin“, Ausschnitte aus der „Dreigroschenoper“ und das „Mahagonny-Songspiel“. Vortrefflich auch die Darbietung aller beteiligten Sänger, hauptsächlich Mitglieder des Opernstudios. Besonders erwähnenswert die zwei jungen Sängerinnen; die texanische Sopranistin Ariana Strahl und die aus Kuba stammende Mezzosopranistin Katarina Morfa, sowie der Tenor Stephan Bowing.

 

„Last Tango in Berlin“ – Konzert mit Ute Lemper

Am 3. Abend, zum ersten Mal zu Gast an der Komischen Oper, die weltweit bekannte und gefragte Chanson- und Liedinterpretin Ute Lemper. Die seit vielen Jahren in den U.S.A. lebende Künstlerin präsentiert sich dem Berliner Publikum mit ihrem Programm „Last Tango in Berlin“. Eine musikalische Reise nicht nur mit einer Auswahl an Werken von Kurt Weill, aber auch mit Chansons von Edith Piaf und Jacques Brel, Tangos von Astor Piazzolla und eigenen Liedern.

Begleitet von zwei hervorragenden Musikern und Komponisten, dem New Yorker Jazz-Pianisten Vana Gierig und dem einfühlsamen Bandoneon-Solisten Marcelo Jaime Nisinman, interpretiert sie, mit bewundernswerter Professionalität, die unterschiedlichen Lieder. Bewusst ihrer Wirkung, setzt sie sich mit jeder Geste, jeder Bewegung perfekt in Szene, moduliert gekonnt (manchmal etwas zu manieriert) ihre Stimme. Leider ist man sich nicht immer über die Authentizität der dargestellten Gefühle sicher und vermisst des Öfteren wahre Wärme, wodurch man insgesamt eher unberührt bleibt.

Trotzdem eine bemerkenswerte Leistung, für die es viel Beifall und Ovationen von den zahlreich anwesenden Fans gibt.

 

„Sieben Songs/ Die Todsünden“ (23.01.)

Sicherlich eines der Highlights die „Sieben Songs/ Die Todsünden“ in der sehr bemerkenswerten Interpretation der Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel, dem Publikum bereits bestens bekannt aus „Kiss me Kate“, ebenfalls inszeniert von Barrie Kosky. Auch in dieser Produktion, die ihre Premiere vor fast einem Jahr hatte, erweist sich die Konstellation Manzel – Kosky als sehr erfolgreich.

Ein einsam wanderndes Scheinwerferlicht erscheint – die Aufführung beginnt. Als Einführung oder Einstimmung zu „Die sieben Todsünden“, und wie Barrie Kosky selbst sagt, um den Abend für das Publikum noch lohnenswerter zu machen, eröffnet Dagmar Manzel den Abend mit sieben Liedern von Kurt Weill, den „Sieben Songs“, begleitet am Klavier von Frank Schulte. Meisterlich interpretiert sie die einzelnen unterschiedlichen Lieder und Stimmungen, und meisterlich geht es dann auch weiter, wenn sich anschließend der Vorhang öffnet, das begleitende Orchester unter der musikalischen Leitung von Ralf Sochaczewsky erscheint und „Die sieben Todsünden“ beginnen.

Das Werk, als Ballett mit Gesang bezeichnet, ist eigentlich für zwei Darstellerinnen konzipiert – welche, die eine mit dem Gesang und die andere mit dem Tanz die Schwestern Anna I und Anna II verkörpern sollen. Hier aber, in einer bearbeiteten Fassung für eine tiefe Frauenstimme, ist Dagmar Manzel allein auf der Bühne. Es sind alles Erinnerungen ein und derselben Frau mit unterschiedlichen Facetten, an die sieben Stationen, die sie durchlaufen musste, an die verschiedenen Städte und die gemachten Erfahrungen. Annas Familie ist hier lediglich durch die aus dem Dunkel kommenden Stimmen von dem Vater (Máté Gál), der Mutter (Dong Won Seo) und den beiden Brüdern (Bernhard Hansky und Stephan Boving) präsent.

Mal leise, mal laut, mal grob, mal poetisch, mal lustig, mal traurig, mal statisch, mal tanzend führt sie uns mit Leib und Seele in ihrem hellblauen Kleid durch die unterschiedlichen Etappen und verzaubert uns mit ihrer sehr persönlichen und eigenständigen Interpretation der Musik und der Texte von Weill und Brecht. Grandiose Leistung!

 

Konzert zur Kurt-Weill-Woche

Als Abschluss – das Konzert zur Kurt-Weill-Woche. Voller Energie und Präzision das Dirigat von Kristina Poska, auch neue Kapellmeisterin, unter dem das Orchester der Komischen Oper Berlin einen hervorragenden Kurt Weill Klang erreicht. Vorzüglich auch die Sänger im „Das Berliner Requiem“; Hans-Jürgen Schöpflin (Tenor), Carsten Sabrowski (Bariton) und Bogdan Talos (Bass). Begeisternd auch der Violinist Gabriel Adorján wie er die technischen Herausforderungen im „Konzert für Violine und Blasorchester op.12“ in immer steigender Virtuosität meistert.

Als besonderer Gast des Abends wird nach der Pause mit Standing Ovations die Schauspielerin, Diseuse und große Brecht-Interpretin Gisela May auf der Bühne empfangen. Charmant erzählt sie im Gespräch mit Ulrich Lenz, dem Chefdramaturgen der Komischen Oper, aus ihren Erinnerungen an Kurt Weill und Bertolt Brecht, sowie andere Anekdoten aus ihrem reichen Theaterleben, und stimmt sogar anschließend, zu großer Freude des Publikums, ein paar Lieder kurz an, begleitet am Klavier von Adam Benzwi.

Mit der klangvollen Musik der „Kleinen Dreigroschenoper für Blasorchester“ (1928) und dem krönenden „Dreigroschen-Finale“ endet diese gelungene Kurt-Weil-Woche, die mit vielfältigen, musikalischen und künstlerischen Darbietungen eine großartige Gelegenheit war, die unterschätzte Musik von Kurt Weill besser kennen zu lernen.

IOCO / G.G. / 24.01.2013

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