Bern, Theater Bern, Katja Kabanowa – Leos Janacek, IOCO Kritik, 18.06.2018

Juni 19, 2018 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

KATJA KABANOWA –  Leoš Janácek

– Frauen – Von Konventionen und Ängsten weggesperrt –

Von  Julian Führer

Das Konzert Theater Bern ist ein Dreispartenhaus – einerseits scheint dies für die Bundesstadt der Eidgenossenschaft selbstverständlich, doch andererseits ist Bern eine Stadt mit gerade einmal 130 000 Einwohnern und liegt damit in der Größenordnung von Fürth, Ingolstadt und Wolfsburg. Das innen wie außen sehr schöne Theater ist daher nicht überdimensioniert; es zählt nur 650 Sitzplätze. Für gewichtige Stücke des Musiktheaters kann das Parkett noch weiter verkleinert werden, so wie es auch bei der Oper Katja Kabanowa von Leoš Janácek geschah. Dies Stück wurde in dieser Saison auch in Freiburg herausgebracht (vgl. die IOCO Kritik – HIERDer Ansatz der Regie (Freiburg: Tilman Knabe, Bern: Florentine Klepper) unterscheidet sich erheblich.

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Katerina (Katja) Kabanowa ist eine der vielen Frauengestalten auf der Opernbühne des beginnenden 20. Jahrhunderts, die aus Konventionen ausbricht, an gesellschaftliche Tabus rührt und daran zugrundegeht. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs publizierte Sigmund Freud zentrale Schriften, die auf lebhaftes Interesse stießen und auch künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen und Abgründen menschlicher Seelenzustände anregten. Das Ergründen dieser Zustände gerade weiblicher Figuren auf der Bühne, musikalisch von Wagner bereits weit vorangebracht, war ein großes Thema der Zeit, man denke nur an Richard StraußSalome (1905) und Elektra (1909). Das von Janácek vertonte Drama Gewitter von Alexander Ostrowskij von 1860 wurde für die 1921 uraufgeführte Oper erheblich verdichtet und gestrafft, der Wortlaut dennoch meist beibehalten. Sehr viel schärfer als die Dramenvorlage schildert die Oper die psychische Disposition Katjas, die permanent in Angst lebt (hier in der Renata im fast zeitgleich entstandenen Werk Der feurige Engel von Sergej Prokofiew sehr nahe): Angst vor sich selbst, vor den eigenen Abgründen, vor der eigenen Schwäche, vor der Gesellschaft. Janácek liebt seine Figur und schenkt ihr als einziger lange ausgesungene Kantilenen, während die anderen Gestalten meist entweder grob daherpoltern oder drauflosschwatzen. Die Sympathien mit einer Ehebrecherin werden musikalisch subtil in raffinierten Klangfarben komponiert, so dass die teilweise durchaus schroffe Partitur viele abrupte Wechsel und damit ein sehr waches Orchester erfordert.

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha)© Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha) © Annette Boutellier

Wie wird diese Konstellation nun in Bern auf die Bühne gebracht? Wir sehen (Bühne: Martina Segna) ein Theater auf dem Theater; Zuschauer sind manchmal nur ein einzelner (Todd Boyce als Kuligin, der im Stück seit Jahrzehnten die Wolga betrachtet und hier wie in Brechts epischem Theater einen manchmal ironischen Kommentar liefert), manchmal auch der ganze Chor. Auf der Bühne tauchen Marionetten auf; überdimensionierte, unbewegliche Köpfe haben sie und singen. Großes Lob den Solisten für die choreographische Präzision, mit der die marionettenhaften Bewegungen umgesetzt wurden – ganz besonders an Toos van der Wal als Glascha. In der nächsten Szene schwingen sich die ersten Marionetten über den Rand ihrer Bühne und verwandeln sich in die einzelnen Menschen, um die das Drama kreist. Das namenlose Dorf an der Wolga ist ökonomisch vom boshaften Fabrikanten Dikoj (Andreas Daum, der die Riesenhände seiner Marionette lange anbehält) abhängig. Die Familie der Kabanows ist ihrerseits der herrischen Kabanicha unterworfen, deren Sohn Tichon mit Katja verheiratet ist. Tichon (stimmlich und szenisch stark von Andries Cloete gegeben) interessiert sich weniger für seine Frau als für den Alkohol. Als sich die Gelegenheit zu einer Reise ergibt, ist er froh, seiner Mutter zu entkommen und ohne seine Frau tagelang ungestört trinken zu können. Im Hause lebt noch die Pflegetochter der Kabanicha namens Warwara (Eleonora Vacchi), die zwar noch nicht verheiratet ist, aber doch eine Liebschaft mit Kudrjasch (Nazariy Sadivskyy) pflegt und Katja überhaupt erst auf die Idee bringt, die Abwesenheit des Ehemannes für ein Abenteuer zu nutzen. Die Dialoge zwischen Katja und Warwara leben vom charakterlichen Kontrast zweier junger Frauen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben (wie Elektra und Chrysothemis bei Strauss oder später Blanche und Constance bei Poulenc in den Dialogues des Carmélites).

Die Abreise Tichons wird zu einem Demütigungsritual seitens der Kabanicha, wie es Dmitri Schostakowitsch 1934 in der Lady Macbeth von Mzensk zwischen Katerina Ismailova und ihrem Schwiegervater Boris ganz ähnlich zeigt: Die Frau muss dem eigentlich widerstrebenden Ehemann öffentlich Treue schwören. In beiden Stücken dauert es keine halbe Stunde, bis dieser Schwur gebrochen wird. Doch ist Katja hier selbst nicht unbeteiligt, denn sie möchte zunächst Tichon auf der Reise begleiten (was dieser sichtlich nicht will) und dann wenigstens ihm das Versprechen geben müssen, dass sie keinen anderen auch nur anschauen wird. Tichon findet seine Frau hier wohl etwas albern, die Kabanicha platzt in die Szene und nötigt ihren Sohn dazu, jetzt doch den Eid zu fordern. Die Musik macht die zerrütteten Zustände ebenfalls deutlich: Als das Muttersöhnchen Tichon genötigt ist, von Liebe zu sprechen, blitzt im Orchester das Motiv der Kabanicha auf.

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Ohne Tichon sehen wir Katja und Warwara mit ihren bunten Kopftüchern der Kabanicha folgen. Das nächtliche Treffen der Frauen mit ihren Liebhabern verläuft seltsam pragmatisch: Katja ist auf Boris aufmerksam geworden, einen Neffen des Dikoj, Warwara arrangiert das Treffen (jetzt ohne Kopftücher). Beide meinen, sie seien ineinander verliebt, Katja ringt mich sich, aber man wird sich „einig“, wie es heißt. Zehn Tage später kehrt Tichon zurück, unerwartet früh. Katja, in Angst vor dem niedergehenden Gewitter, gesteht vor der Gesellschaft ihren Fehltritt. Der Chor sitzt als Publikum vor der Puppenbühne, wir sehen Katjas Marionette (mit Kopftuch) und vorne Katja selbst (ohne Kopftuch). Psychologisch gesehen besonders interessant ist der Moment, als die Marionette ihrerseits ihre Bühne verlässt und mit Katja einen angedeuteten (inneren) Kampf ausficht. Katja, die sich ihre Sünde nicht verzeihen kann, stürzt sich in die Wolga und stirbt – hier verschwindet sie wenig spektakulär hinter der Marionettenbühne. Tichon trauert, die Kabanicha hingegen herrscht ihn an, er solle lieber erleichtert sein und dankt – auf einmal freundlich – den Umstehenden für ihre Hilfe beim Herausziehen der Leiche.

Katja kämpft nicht mit ihrem Mann. Sie sucht auch nicht die Konfrontation mit ihrer Schwiegermutter (ganz anders als Elektra, deren schrankenlose Aggression gegenüber Klytämnestra den Kern der Strauss’schen Oper bildet). Über Boris, ihren Liebhaber, erfahren wir so gut wie nichts, außer dass er nach der Entdeckung des Skandals von Dikoj nach Sibirien geschickt wird und sich nicht auflehnt. Gesanglich ist sein Part dennoch beachtlich, und Alessandro Liberatore absolviert die Rolle mit kraftvoller Stimme, die auch die Höhen gut meistert. Die zentralen Partien sind gleichwohl die der Kabanicha und der Katja: Ursula Füri-Bernhard verkörpert die garstige Schwiegermutter so, dass keine Wünsche offenbleiben. Die „Giftspritze“, die manche Inszenierungen aus ihr machen, ist sie nicht, eher eine ältere Dame, die die Konventionen der dörflichen Gesellschaft verkörpert und den Schein nach außen um jeden Preis wahren will. Die Hauptrolle liegt in den Händen eines Gastes, nämlich der Südafrikanerin Johanni van Oostrum, die in nächster Zeit in Deutschland und Österreich auch als Marschallin, Elsa und Salome zu erleben sein wird. Die musikalischen Anforderungen der Partie meistert sie scheinbar spielend, und auch szenisch wirkt sie glaubhaft. Eine Stimme, die man gerne häufiger in Bern hören möchte!

Im Vergleich zur Freiburger Lesart wird in Bern weniger auf die Verkommenheit der Gesellschaft fokussiert als auf den psychologischen Konflikt; auch ist der Einsatz szenischer Mittel deutlich reduziert. Der fast filmischen Bilderwelt in Freiburg steht in Bern eine innere Perspektive gegenüber. Die aus Buchstabentafeln zusammengesetzten Textkommentare, die Kuligin immer wieder neu arrangiert, sind hierbei meist verzichtbar; die Zahlen 23,1 und 69,1-33 deuten hingegen offensichtlich auf die Psalmen: Katja erzählt aus ihrer Kindheit, wie gerne sie in die Kirche ging (vgl. Ps. 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“) – und quält sich selbst ob ihrer Sünden, wie auch in Psalm 69 geklagt wird („Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“). Beide szenischen Varianten können als geglückt bezeichnet werden und beleuchten unterschiedliche Facetten eines komplexen Werks, das in Bern ohne Pause gegeben wurde (und mit etwa 80 Minuten Spieldauer auch problemlos ohne Unterbrechung gezeigt werden kann).

Im Graben war ein für die Dimensionen des Hauses großes Orchester am Werk. Das Berner Symphonieorchester wurde von seinem Chefdirigent Musiktheater geleitet, dem Bielefelder Kevin John Edusei. In einem eher kleinen Haus Janácek zu zeigen, ist ein Wagnis, und tatsächlich wurde es manchmal laut; auch hätte man sich in manchen Momenten eine stärkere Abstufung der Pianograde gewünscht. In der ersten Szene singen die Solisten von der etwas zurückgesetzten Marionettenbühne und durch ihre Pappmachéköpfe, wobei sie vom Orchester manchmal zugedeckt wurden. Dennoch überzeugte die Präzision im Zusammenspiel der Musiker, für die der Dirigent am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Dem Berner Haus ist zu danken, dass es sich an Leoš Janáceks Katja Kabanowa gewagt hat, und man würde ihm wünschen, dass das Publikum bei den ausstehenden Vorstellungen noch zahlreicher strömt.

Katja Kabanowa am Theater Bern: Die folgenden Termine 19.6.; 27.6.2018

—| IOCO Kritik Stadttheater Bern |—

Basel, Theater Basel, Der Spieler von Sergej Prokofiew, IOCO Kritik, 29.3.2018

März 31, 2018 by  
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Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Der Spieler von Sergej Prokofiew

 Die Sinnlosigkeit der Existenz – Auf den Punkt gebracht

Von Julian Führer

Fjodor Dostojewski schrieb Romane, die auch heute noch berühmt sind und (hoffentlich) gelesen werden: Die Brüder Karamasow, Schuld und Sühne, Der Spieler. Sergej Prokofiew komponierte Musik, die es (mit Peter und der Wolf) bis in die Kinderzimmer und (mit Romeo und Julia) bis in die Fernsehwerbung geschafft hat. Wenn also Prokofiew einen Dostojewski-Stoff vertont, sollte doch der Erfolg vorprogrammiert sein, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Prokofiews Version von Der Spieler, seine erste Oper, lag nach der Vollendung 1917 ein Jahrzehnt in der Schublade, wurde 1929 in Brüssel in einer revidierten Fassung uraufgeführt und anschließend so gut wie vergessen. Erst in den letzten Jahren zeigten die Opernhäuser in Frankfurt, Mannheim und St. Petersburg sowie die Wiener und die Berliner Staatsoper das Stück, das nun, im Jahr 2018, in Basel seine Schweizer Erstaufführung erlebte.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Bei dieser Schweizer Erstaufführung kam die revidierte (Brüsseler) Fassung zum Zuge, anders als 1929 wurde aber im russischen Original gesungen. Das Personal wurde von Regisseur Vasily Barkhatov aus Dostojewskis imaginärem Roulettenburg in ein anonymes Hostel verlegt, stilecht mit einsamer Bushaltestelle, anonymen Zimmern und kalter Waschküche (Bühne: Zinoy Margolin). Das mehrstöckige Bühnenbild (Foto) zeigt uns parallel die einzelnen Zimmer der Figuren und die Wohnung des Generals, so dass es immer viel zu sehen gibt. Die Bühnentechnik leistet hier Erstaunliches, wenn innerhalb kürzester Zeit das Hostel verschwindet und die folgende Szene einen anderen Schauplatz hat. Auch sonst ist das Thema des Spielens um Geld weniger dominant als in der Romanvorlage und bei Prokofiew. Das Roulette ist hier vor allem eine Projektion; wichtiger ist der Regie die heute wohl verbreitetste Art des Spielens um Geld, das einsame Sitzen am Computer. Das ist weniger glamurös, es gibt weniger mondäne Begegnungen im Casino (doch hatte schon Dostojewski die spielsüchtige Gesellschaft buchstäblich seziert und sie als leere Fassade vor heruntergekommenen Individuen gezeigt). Auch wenn mitunter mit der Brechstange modernisiert wird, entwickelt sich das Stück in dieser Sicht doch schlüssig. Auch am Roulettetisch gewinnt und verliert jeder für sich allein.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Die Personen sind diesem aktualisierenden Konzept angepasst. Der arrogante Marquis (Rolf Romei) ist eine schmierige Gestalt, die dem Sohn des Generals auf der Straße Drogen verkauft. Alexej (Dmitry Golovnin) ist tatsächlich Hauslehrer bei den Kindern des Generals, die aber lieber an einem Großbildschirm Mortal Kombat spielen. Der General (Pavlo Hunka) hat als einziger eine Wohnung, in der zwar keine persönlichen Gegenstände zu sehen sind, die aber immerhin über eine Küche verfügt, in der er sich mit umgebundener Schürze etwas kocht (passt das zur Figur des Generals?). Baron Würmerheim (Andrew Murphy) ist hier der Hausmeister des Hostels (womit die von Alexej ausgesprochene ehrverletzende Bemerkung noch weniger nachvollziehbar wird als ohnehin schon). Der reiche Engländer Mr. Astley (Pavol Kuban) tritt etwas in den Hintergrund, er sitzt meist in einem Tonstudio und kommt eher als Stichwortgeber vor. Die Halbweltdame Blanche (Kristina Stanek), die den General nach Strich und Faden ausnimmt, ist wie kaum anders zu erwarten etwas nuttiger angezogen als die anderen. Dennoch ist sie weniger profiliert als im Roman, da Prokofiew den Epilog gestrichen hat, in dem Blanche mit dem zu Geld gekommenen Alexej nach Paris durchbrennt und dort in kürzester Zeit alles verjubelt, was ihr nie gehört hat. Die psychologisch wohl interessanteste Figur ist Polina (Asmik Grigorian), Stieftochter des Generals, die mit dem Marquis eine Affäre hatte und in die Alexej hoffnungslos verliebt ist. Wir sehen sie hier als attraktive, voll im Leben stehende Frau, die sich ihrer eigenen Gefühle nicht klar wird und die ebenso freudlos in der Wartehalle des Lebens steht wie die anderen auch. Alle Solisten beherrschen ihre Rollen und stellen sie glaubhaft dar.

Einen starken Auftritt hat die Babulenka, die reiche Tante des Generals. Während alle auf ihren Tod und eine üppige Erbschaft hoffen, platzt sie auf einmal ins Geschehen hinein, beschenkt die ganze Familie mit billigen Russland-Devotionalien und verkündet rundheraus, sie werde dem General kein Geld geben oder hinterlassen und sei im übrigen quicklebendig. Dieser Theatereffekt verfehlt auch hier seine Wirkung nicht, zumal Jane Henschel der Figur optisch und stimmlich große Präsenz verleiht.

Theater Basel / Der Spieler - hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Prokofiew hält sich eng an die Romanvorlage; das Libretto lehnt sich an die sehr dialogische Form bei Dostojewski an. Auch bei Prokofiew gibt es französische und deutsche Einsprengsel, aber keine Arien. Als melodisch kann man die Komposition nicht bezeichnen; der Komponist arbeitet mit einem Verweissystem, das bestimmten Situationen eine bestimmte Instrumentierung zuweist, die im Laufe des Stückes wiederkehrt. Es kommt zu erheblichen Klangballungen, zu laut wird es aber nie. Das Orchester spielt eine ganz entscheidende Rolle und wird von Modestas Pitrenas souverän geleitet. Die scharfe Rhythmik und manche Klangfarben erinnern an den jungen Schostakowitsch der Lady Macbeth von Mzensk, die Schroffheit der Nase oder auch der Ballettmusiken Prokofiews wird hier (noch) nicht erreicht. Die Kontraste und fahlen Abgründe, die Prokofiew in Der feurige Engel gestaltete, scheinen ihm hier noch nicht zur Verfügung gestanden zu haben.

Die Schlüsselszene (abgesehen vom Hereinbrechen der Babulenka) ist die große Spielszene kurz vor dem Ende, als Alexej mit hohem Risiko spielt, um Polina Geld zu verschaffen. Der Zuschauer sieht etwa ein Dutzend Gesichter als Videoprojektion in Großaufnahme, die angestrengt in einen Bildschirm zu schauen scheinen; in der obersten Ebene der Bühne sind drei Croupiers an Spieltischen zu sehen – ohne Mitspieler, aber mit einer auf sie gerichteten Kamera, in die monoton (und von Prokofiew psychologisch brillant in Musik gesetzt) „Faites vos jeux“, „Rien ne va plus“ und das Resultat gesagt werden. Diese Szene ist lang, und dass Alexej sich inmitten der projizierten Riesengesichter auf einem kleinen Sofa vor seinem Bildschirm in seinen Gewinn hineinsteigert, lässt den äußeren Anlass der Geschichte, die Spielsucht, etwas in den Hintergrund treten. Die Inszenierung legt vielmehr offen, wie hier jede Person für sich ist, egoistisch handelt, abgeschlossen von den anderen Menschen und vom Rest der Welt ist, einer Welt, in der man aus nichtigem Grund Beleidigungen ausspricht, in kurzer Zeit ein Vermögen macht oder sich ruiniert – was eigentlich keinen Unterschied macht, da die Existenz ohnehin sinnlos scheint.

Ein starker Abend, dem man für die noch ausstehenden Vorstellungen viele Zuschauer wünscht.

Der Spieler im Theater Basel,  weitere Vorstellungen 7.4.; 14.4.; 25.4.; 21.5.; 23.5.; 28.5.; 9.6.; 12.6.; 15.6.; 17.6.2018

—| IOCO Kritik Theater Basel |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Premiere: DER MESSIAS von Georg Friedrich Händel, 27.03.2016

März 14, 2016 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

  MESSIAH (DER MESSIAS) von Georg Friedrich Händel

Premiere Sonntag, 27. März 2016, um 18.00 Uhr,  weitere Vorstellungen: 1., 10., 15., 17. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren), 22. April, 1., 28. Mai, 4. Juni 2016. Falls nicht anders angegeben, Beginn 19.30 Uhr

Oper Frankfurt / Der Messias _ zeigt Jesus und den Opernchor © Per Morten Abrahamsen

Oper Frankfurt / Der Messias _ zeigt Jesus und den Opernchor © Per Morten Abrahamsen

Das Oratorium Messiah (Der Messias; HWV 56) von Georg Friedrich Händel (1685-1759) gelangte am 14. April 1742 in Dublin zur Uraufführung und gilt als eines der bekanntesten geistlichen Werke der Musikgeschichte. Komponiert für Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor und Orchester, behandelt es das Leben Jesu von den Prophezeiungen seines Wirkens über Geburt und Tod am Kreuz bis hin zu seiner Auferstehung und der Erwartung des Jüngsten Gerichts. Der Text stammt jedoch vorwiegend aus dem Alten Testament: die Vorhersagen eines Messias werden auf Jesus Christus bezogen. In Händels Musik nehmen die Nöte und Ängste Gestalt an, vor deren Hintergrund solche Erlösungshoffnungen nachvollziehbar werden. Die szenische Version des Oratoriums in der Inszenierung des australischen Regisseurs David Freeman kam 2012 am Königlichen Opernhaus Kopenhagen zur Uraufführung und wird nun an die Oper Frankfurt übernommen, womit das Werk erstmals hier erklingt. Als bekannteste Nummer gilt sicherlich das Halleluja  des Chores am Schluss des zweiten Teils.

Oper Frankfurt / Der Messias _ zeigt v.l.n.r. Tenor und Bass © Per Morten Abrahamsen

Oper Frankfurt / Der Messias _ zeigt v.l.n.r. Tenor und Bass © Per Morten Abrahamsen

Der Münchner Dirigent Markus Poschner gibt mit dieser Produktion sein Debüt an der Oper Frankfurt. Seit Beginn dieser Saison hat er die Position des Chefdirigenten des Orchestra della Svizzera Italiana Lugano inne. Ab 2017/18 wird er in Linz als Opernchef des Landestheaters und Chefdirigent des Brucknerorchesters tätig sein. Auch der australische Regisseur David Freeman ist Frankfurt-Debütant. Seine Anfang der 90-er Jahre entstandene Inszenierung von Prokofjews Der feurige Engel am heutigen Mariinsky Theater St. Petersburg wurde u.a. an der Metropolitan Opera New York, der San Francisco Opera, dem Royal Opera House Covent Garden London und am Teatro Regio Turin gezeigt. Weitere seiner Arbeiten entstanden u.a. an der English National Opera und der Royal Albert Hall in London. Zur Sängerbesetzung gehören die Ensemblemitglieder Elizabeth Reiter (Sopran), Juanita Lascarro (Sopran), Judita Nagyová (Alt), Katharina Magiera (Alt), Martin Mitterrutzner (Tenor) und Vuyani Mlinde (Bass).

Regisseur David Freeman äußert sich folgendermaßen zu seiner Inszenierung: „Eine Gruppe von Menschen, die sich untereinander nicht kennen, vielleicht aus einer Kleinstadt, findet Zuflucht in den Mauern eines zerbombten Gebäudes. Ihre gemeinsame Kultur ist christlich geprägt. Aus Erschöpfung und Angst heraus, aus Gründen, die sie vielleicht nicht einmal selbst in Worte fassen könnten, fängt einer von ihnen an, aus der Bibel zu zitieren: Die Prophezeiungen von einem Messias, der ihnen in der Stunde der Not neue Hoffnung brächte. Doch ihre gegenwärtige Lage ist so drastisch, dass sie daraus nicht lange Hoffnung schöpfen können – bis sie sich an die Geschichte von der Geburt Christi erinnern. Selbst in dieser schrecklichen Situation bringt eine Geburt Hoffnung…“

Musikalische Leitung: Markus Poschner / N.N.; Regie: David Freeman,  Mitwirkende: Elizabeth Reiter (Sopran), Juanita Lascarro (Sopran), Judita Nagyová (Alt), Katharina Magiera (Alt), Martin Mitterrutzner (Tenor), Vuyani Mlinde (Bass) u.a.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Premiere: STIFFELIO, 31.01.2016

Januar 27, 2016 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Premiere / Frankfurter Erstaufführung: STIFFELIO

Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi
Text von Francesco Maria Piave nach Émile Souvestre und Eugène Bourgeois
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: Sonntag, 31. Januar 2016, um 18.00 Uhr im Opernhaus

Weitere Vorstellungen: 4., 7., 13., 25., 28. (15.30 Uhr; mit kostenloser Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 Jahren) Februar, 3., 5., 12. März 2016 Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 19.00 Uhr

Stiffelio von Giuseppe Verdi (1813-1901) wurde am 16. November 1850 kurz vor dem Durchbruch des Komponisten mit seiner wegweisenden Trias – bestehend aus Rigoletto, Il Trovatore und La Traviata – in Triest uraufgeführt. Zuvor hatte die Zensur Verdi gezwungen, einige religiöse Aspekte der Handlung zu revidieren, wodurch viele Szenen ihren Sinn einbüßten; das mag zum mäßigen Erfolg des Werkes beigetragen haben. Vor diesem Hintergrund entschloss sich der Meister zu einer Umarbeitung des Stoffes unter dem Titel Aroldo, mit vollkommen neuer Handlung und traditionelleren Kompositionsmustern. Verloren ging in der neuen Fassung der moralische Zwiespalt des Protagonisten zwischen christlicher Vergebung und rasender Eifersucht, der sich in starken Affektwechseln und kraftvollen musikalischen Gegensätzen äußert. Erst nach der Auffindung verschollen geglaubter Teile der Originalpartitur Anfang der 1990er Jahre ließ sich Stiffelio wieder in seiner ursprünglichen Gestalt rekonstruieren und wird seitdem vermehrt gespielt.

Oper Frankfurt / Russell Thomas (Tenor / Titelpartie) © Dario Acosta

Oper Frankfurt / Russell Thomas (Tenor / Titelpartie) © Dario Acosta

Der protestantische Geistliche Stiffelio muss feststellen, dass seine Frau Lina ihm untreu geworden ist. Deren Vater Stankar unternimmt zunächst alles, um die Ehe seiner Tochter und damit auch die Familienehre zu retten. Als er Lina bei einem nächtlichen Treffen mit ihrem Verführer Raffaele überrascht, fordert er diesen zum Duell. Plötzlich erscheint Stiffelio, um die beiden Streithähne zu versöhnen. Außer sich vor Zorn verrät Stankar den Ehebrecher. Daraufhin greift Stiffelio beinahe selbst zu den Waffen, besinnt sich jedoch auf sein Priestertum und schlägt seiner Frau die Scheidung vor. Nicht dem Ehemann, sondern dem Priester Stiffelio gegenüber beichtet Lina, dass sie ihn noch immer liebe und lediglich in einem Augenblick der Schwäche gefehlt habe. Unterdessen hat Stankar Raffaele ermordet. Ein Bibelwort, auf das Stiffelio zufällig beim Gottesdienst stößt, beendet die Oper: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Oper Frankfurt / Jérémie Rhorer (Musikalische Leitung) © Agentur (Caroline Doutre)

Jeremie Rohrer, Julien Chauvin. Le Cercle de l’Harmonie. Paris, 12/04/2011. Photo Caroline Doutre

Der französische Dirigent Jérémie Rhorer debütierte 2014/15 mit Mozarts Die Entführung aus dem Serail an der Oper Frankfurt. Daneben gastiert er im Opern- sowie im Konzertbereich an vielen renommierten Musikzentren weltweit, darunter die Staatsopern von Wien und München. Benedict Andrews stammt aus Australien und gibt mit dieser Frankfurter Erstaufführung sein Debüt an der Oper Frankfurt. Er hat zuletzt u.a. Prokofiews Der feurige Engel an der Komischen Oper Berlin inszeniert. US-Tenor Russell Thomas kehrt nach seinem Frankfurter Hausdebüt in der Titelpartie von Berlioz‘ Fausts Verdammnis 2010/11 zurück an den Main. Zu seinen aktuellen Aufgaben in dieser Spielzeit gehören u.a. Turiddu in Mascagnis Cavalleria rusticana an der Deutschen Oper Berlin und Pollione in Bellinis Norma an der Los Angeles Opera. Der Terminplan des aus Uruguay stammenden Baritons Dario Solari (Hausdebüt als Stankar).verzeichnet aktuell u.a. Sharpless in Puccinis Madama Butterfly in Florenz und die Titelpartie in Verdis Macbeth in Bologna. Sara Jakubiak (Lina) ist Amerikanerin und seit 2014/15 im Frankfurter Ensemble beheimatet. Hier glänzte sie vor allem 2014/15 als Marta in der Frankfurter Erstaufführung von Weinbergs Die Passagierin. Zu ihren Plänen gehört u.a. die Partie der Eva in Wagners Meistersingern an der Bayerischen Staatsoper in München. Von dort stammt der Tenor Vincent Wolfsteiner (Raffaele), der zur aktuellen Saison aus dem Ensemble der Staatsoper Nürnberg in das der Oper Frankfurt wechselt. Neben Alfred Reiter (Jorg) sind auch alle weiteren Partien aus dem Opernstudio und dem Ensemble der Oper Frankfurt besetzt.

Musikalische Leitung: Jérémie Rhorer
Inszenierung: Benedict Andrews
Bühnenbild: Johannes Schütz
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Konrad Kuhn
Chor: Tilman Michael

BESETZUNG:
Stiffelio: Russell Thomas
Lina: Sara Jakubiak
Stankar: Dario Solari
Raffaele: Vincent Wolfsteiner
Jorg: Alfred Reiter
Federico di Frengel: Beau Gibson
Dorothea: Maria Pantiukhova
Chor der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester

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