Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Geisterritter – Jugendoper, 19.06.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

 Geisterritter – Jugendoper von James Reynolds

Geisterritter hat am Mittwoch, 19. Juni, 11.00 Uhr Premiere im Theater Duisburg. „Wir sind sehr froh, die neue Familienoper nach dem großen Wasserschaden wie geplant im Theater Duisburg realisieren zu können“, sagt Generalintendant Christoph Meyer.

Deutsche Oper am Rhein / GEISTERRITTER - OPER VON JAMES REYNOLDS Uraufführung im Theater Bonn - David Fischer (Jon Whitcroft), Martin Tzonev (Mr. Rifkin), Ensemble © Thilo Beu

Deutsche Oper am Rhein / GEISTERRITTER – OPER VON JAMES REYNOLDS
Uraufführung im Theater Bonn – David Fischer (Jon Whitcroft), Martin Tzonev (Mr. Rifkin), Ensemble © Thilo Beu

Die Jugendoper von James Reynolds ist die erste nach einem Kinderbuch von Cornelia Funke. Für die  Kooperation Junge Opern Rhein Ruhr autorisierte sie die Vertonung ihres 2011 erschienenen Beststellers. Erik Petersen hat Geisterritter als großformatiges Bühnenwerk inszeniert, das im Dezember 2017 am Theater Bonn uraufgeführt wurde. Unter der musikalischen Leitung von Patrick Francis Chestnut kommt es am 19. Juni zur Premiere im Theater Duisburg, bevor es in den folgenden Spielzeiten auch im Opernhaus Düssel­dorf und im Theater Dortmund zu erleben ist.

Die Geschichte, empfohlen ab 10 Jahren, ist zum Gruseln: Kaum ist Jon Whitcroft unfreiwillig in ein alt­ehrwürdiges Internat in Salisbury eingezogen, trachtet ihm dort der Geist von Lord Stourton nach dem Leben. Seine Mitschüler, die den Geist nicht sehen können, halten ihn für verrückt, nur seine Klassenkamera­din Ella glaubt ihm. Gemeinsam mit Ellas eigenwilliger Großmutter Zelda und der zum Leben erwachten Statue des Ritters William Longspee nimmt Jon den Kampf mit seinem untoten Gegner auf …

Geisterritter,  Oper von  James Reynolds  nach dem Roman von Cornelia Funke. Auftragskomposition mit einem Libretto von Christoph Klimke. In deutscher Sprache mit Übertiteln. Dauer ca. 2 Stunden, eine Pause. Empfohlen ab 10 Jahren.

Musikalische Leitung: Patrick Francis Chestnut, Inszenierung: Erik Petersen, Bühne: fettFilm, Kostüme: Kristopher Kempf, Licht: Thomas Roscher, Choreographie: Yara, Hassan, Chorleitung: Patrick Francis Chestnut, Kinderchorleitung: Sabina López Miguez

Jon Whitcroft: David Fischer / Cornel Frey, Ella Littlejohn: Monika Rydz / Anke Krabbe, Zelda Littlejohn: Karina Repova, William Longspee: David Jerusalem, Lord Stourton: Bernhard Landauer, Mr. Rifkin: Rolf A. Schneider, Angus: Dmitri Vargin, Stu: Luis Fernando Piedra, Ela Longspee: Lisa Griffith, Aleister Jindrich: Johannes Preißinger, Edward Popplewell: Peter Nikolaus Kante, Alma Popplewell: Romana Noack
1. Kröte: Cedric Sprick, Chor: Chor der Deutschen Oper am Rhein, Kinderchor: Kinderchor am Rhein, Orchester: Duisburger Philharmoniker

Aufführungen im Theater Duisburg:
für Schulklassen: Mi 19.06. / Di 02.07. / Di 09.07. / Mi 10.07. – jeweils 11.00 Uhr
für Familien: Sa 22.06. – 18.00 Uhr / So 07.07. – 15.00 Uhr
Premiere im Opernhaus Düsseldorf: Fr 20.09. – 18.00 Uhr

Familienopernwerkstatt vor der Premiere:  Am Freitag, 14. Juni, um 18.00 Uhr gibt die  Junge Oper am Rhein zusammen mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern Einblick in die Produktion. Szenisches Spielen und Musizieren und der anschließende Probenbesuch ergänzen das Programm der Familienopernwerkstatt im Theater Duisburg. Der Eintritt ist frei.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Das Rheingold von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.11.2017

November 11, 2017 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

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Das Rheingold von Richard Wagner

Bilder aus der Zerfallsgeschichte des Bürgertums

Von Hanns Butterhof

Ein roter Varieté-Vorhang und bunte Geisterbahn-Lämpchen um die Bühne signalisieren schon vor Beginn der Duisburger Aufführung von Richard Wagners Oper Das Rheingold, dem Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“, dass es von Halbseidenem, nicht ganz Ehrbarem und wichtig zu Nehmendem handeln wird. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf  lässt darin den zwielichtigen Feuergott Loge die Strippen ziehen.

Bevor noch der erste Ton aus dem Orchestergraben ertönt, erscheint auf der Bühne ein in Rot gekleideter Herr, der sich erst genussvoll ein Glas Wein einschenkt, dann mit bedeutender Geste Heines Loreleylied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ deklamiert und schließlich prätentiös in jeder Hand ein Flämmchen aufflackern lässt.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Raymond Very als Loge © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Raymond Very als Loge © Hans Jörg Michel

Dieses für das Publikum vieldeutige Statement kann auf manches hinweisen: auf das unmittelbar darauf folgende Es der Rhein-Urgrunds-Musik ebenso wie mit dem Heine-Verweis auf Wagners Antisemitismus und die Kulminierung dieses Ungeistes im Feuer der KZs. Wäre ersteres nur ein bedeutungsloser Gag,  müsste letzteres konstitutiv für die Inszenierung sein. Das ist aber nicht der Fall. So könnte diese Geste des Rotgekleideten eine Selbstbeschreibung sein als das Freudsche Es, dem Lebenstrieb, der ist und wirkt, aber nichts von sich weiß. In dieser Rolle erscheint dann auch der zwielichtige Feuergott Loge. Er lenkt die Handlung, die nicht so ernst zu nehmen ist, wie die je Betroffenen meinen, und bewirkt, dass alles, was ist, vergeht.

Hilsdorf läßt Loge glänzen

Hilsdorf erzählt den Wagnerschen Mythos als Zerfallsgeschichte des Bürgertums. Dieter Richter hat dafür einen großbürgerlichen Salon gebaut, der als Foyer eines Bordells ebenso taugt wie als Wohnstube eines Herrenhauses. Eine Feuertreppe ermöglicht, zumindest im ersten Bild, muntere Bewegung hinauf und hinunter.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier die Rheintöchter © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier die Rheintöchter © Hans Jörg Michel

Auf ihr entziehen sich die stimmschönen Rheintöchter (Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller, Iryna Vakula), zunehmend ihre Reize offenbarende Kokotten in Cancan-Kleidern (Kostüme: Renate Schmitzer), dem gierigen Werben Alberichs.  Dieser alte, an Professor Unrat erinnernde Zausel entsagt darauf der Liebe, bemächtigt sich aus Enttäuschung, Wut und Kalkül des Rheingolds und widmet sich dann dem Gewinnmachen, schließlich der Herrschaft über die Welt und damit auch über die Liebesdienste der Frauen. Der Schmerz über die Entsagungszumutung hält sich beim nahe am Sprechgesang angesiedelten Stefan Heidemann in Grenzen, wohl überlagert von den goldenen Aussichten.

In denselben Salon schiebt dann die elegant gekleidete Fricka (Katarzyna Kuncio) ihren auch mit alberner Merkel-Raute von der Weltherrschaft träumenden Gatten Wotan (James Rutherford) im Rollstuhl herein. In Mantel und Hut folgen Frickas Brüder Froh (Bernhard Berchtold) und Donner (David Jerusalem), der später mit seinem Hammer ausgestattet einen Stuhl zerdeppert.

Offenbar hat sich der großbürgerliche Wotan finanziell übernommen, denn die Lohnstreitigkeiten mit den beiden Riesen Fasolt (Thorsten Grümbel) und Fafner (Lukasz Konieczny), die ihm Walhall gebaut haben, reißen ihn schnell aus seinen Träumen. Bei Walhall handelt es sich wohl um die Villa, in der sich der Salon befindet, vor dessen Fenster Wolken vorbeitreiben.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Wotan, Fasolt und Fafner_ James Rutherford, Thorsten Grümbel und Lukasz Konieczny © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Wotan, Fasolt und Fafner_ James Rutherford, Thorsten Grümbel und Lukasz Konieczny © Hans Jörg Michel

Die beiden Riesen in ihren zwischen traditioneller Zimmermanns- und Totengräber-Kluft changierenden Anzügen sind liebevoll gezeichnete Malocher, die in Verhandlungspausen ruhig ihre Stullen futtern. Sie glauben noch an die Gültigkeit von Abmachungen und bestehen auf nichts als ihrem verdienten Lohn, der Liebesgöttin Freia (Anna Princeva). Dabei ist der clevere Fafner nicht nur schnell bereit, den gerechten Warentausch von Arbeit gegen die Göttin auf Kapitalbasis umzustellen, sondern auch aus frisch erwachter Goldgier seinen Bruder umzubringen und den ganzen Lohn für sich zu behalten.

Wotan hatte sich auf den zwielichtigen Halbgott Loge (Raymond Very) verlassen, der ihm eine Umwegfinanzierung versprochen hatte. Als Loge gerade noch rechtzeitig vor Ablauf eines Riesen-Ultimatums in Begleitung der Rheintöchter die Feuertreppe herunterkommt, wird er als der Herr kenntlich, der anfangs nicht um die Bedeutung wusste. Er war es auch, der Alberich den Rheintöchtern zugeführt hatte. Seine Begründung für sein langes Fernbleiben, er habe unter ihnen nach einem gleichwertigen Ersatzobjekt für die Begierde der Riesen nach Freia gesucht, ist wenig glaubwürdig. Vielmehr scheint er aus eigenem Antrieb oder seinem Wesen entsprechend den Zusammenbruch des ganzen Systems zu initiieren. Er ist der Strippenzieher im ganzen „Rheingold“ und vielleicht darüber hinaus für den ganzen Hilsdorf-Ring. So, wie er mit den Rheintöchtern verkehrt und sich auch sinnlich der Freia zuwendet, ist er das Lebensprinzip, das ständigen Wandel bedeutet und befördert und so auch dafür sorgt, dass die großbürgerliche Götterwelt nicht das Ende der Geschichte bleibt.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Alberich und die Nibelungen © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Alberich und die Nibelungen © Hans Jörg Michel

So ist es Loge, der Wotan den Plan eingibt, das für die Bezahlung der Riesen notwendige Gold Alberich zu rauben und sich dabei in den Besitz des Rings aus dem Rheingold zu setzen, der die Weltherrschaft bedeutet.

Loge ist es auch, der die Riesen überzeugt, Gold statt der Göttin anzunehmen. Und er führt Wotan nach Nibelheim, wo Alberich, inzwischen ein frühbürgerlicher Grubenbesitzer, die Nibelungen für sich schuften lässt, kohlegeschwärzte, verschwitzte Gestalten, die mächtige Kipploren über die Bühne schieben. Er malträtiert seinen Bruder Mime,  den Florian Simson gesanglich und darstellerisch beeindruckend zeichnet, und raubt ihm den unsichtbar machenden Tarnhelm. Es sind hübsche Szenen, wie Alberich sich unsichtbar macht oder, von Loge listig verlockt, erst als riesige Untierkralle aus der Zimmerdecke kracht oder sich dann, zur kleinen Kröte gewandelt, fangen und nach oben zu den wartenden Göttern verschleppen lässt.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Dort hackt Wotan, dem es vor allem um den Ring geht, Alberich gleich mit einem nicht unbedingt zwingend verfügbaren Schwert die ganze Hand ab, eine so unsinnige wie theatralisch abgeschmackte Szene, die zurecht die Lacher des Publikums hervorrief. Den Ring muss er dann aber doch den Riesen überlassen, die Loge, als erstem Schritt zu ihrem Untergang davon überzeugt hatte, es sei besser, den Schatz statt der Göttin als Lohn zu akzeptieren. Dass damit das Unheil auch über die Götterwelt hereinbricht, machen die Nibelungen deutlich. Sie sprengen mit gewaltigem Getöse die Wände des Salons, wenn sie die Loren mit Alberichs Schatz auffahren. Da braucht es kaum mehr dessen Fluch, dass dem Träger des Rings der Tod gewiss und alle Freude verloren ist wie auch dem Neider, der ihn nicht besitzt. Doch Wotan hört weder auf ihn noch auf die Warnung der aus dem Boden auftauchenden, viktorianisch kostümierten Erda (Ramona Zaharia), dass den Göttern durch den Ring Unheil droht. Bei ihrem Verschwinden zupft ihr Wotan etwas irritierend die rote Perücke vom Kopf , die an Loges Flämmchen erinnert, als hole er damit schon die Flamme ins Haus, die es vernichten wird.

Loge steuert den Untergang der Götter

Wenn die Götter hoffnungsfroh ihr Walhall in Besitz nehmen und Loge dazu den Glühlämpchen-Regenbogen um die Bühne aufglimmen lässt, weiß er schon, dass sie ihrem Untergang entgegengehen.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Loge, Wotan und Fricka ( Raymond Very, James Rutherford und Katarzyna Kuncio © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Loge, Wotan und Fricka ( Raymond Very, James Rutherford und Katarzyna Kuncio © Hans Jörg Michel

Das ist schlüssig inszeniert, mit einigen eindrucksvollen Theatereffekten und manchen Ungereimtheiten, die eine Aktualisierung kaum vermeiden kann. Die mythische Erzählung weicht der Reihung von Bildern aus der Zerfallsgeschichte der Bürgerlichen Gesellschaft. Es ist wenig fesselnd, wenn die Götter zu Bürgern werden und dem Geschehen die Fallhöhe fehlt. Auch die überlegene Loge-Perspektive hält das Mitfühlen mit den Protagonisten in engen Grenzen.

Musikalisch überzeugt dieses „Rheingold“ nicht auf allen Ebenen. Bei den Sängerinnen und Sängern scheint durchweg der Glaube an die Menschlichkeit der eigenen Figur zu fehlen und einer distanzierten Rollendarbietung gewichen zu sein; sie kommen einem trotz durchwegs ordentlicher gesanglicher Leistung vor allem von Florian Simson, Raymond Very, James Rutherford, Thorsten Gümbel, Lukasz Konieczny und Katarzyna Kuncio nicht wirklich nahe.

Axel Kober am Pult der Duisburger Philharmoniker dirigiert zügig, aber noch sängerfreundlich nicht zu flott. Der etwas trockene Orchesterklang ist fernab von schwelgerischem Pathos, wird aber an bedeutenden Stellen sehr laut.  Nach zweieinhalb Stunden gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums, der allen Beteiligten einschließlich des Regieteams galt, und einen Duisburger „Ring“-Auftakt, in dem Loge mehr glänzte als das Rheingold.

Das Rheingold im Theater Duisburg; die nächsten Termine 24.11.2017, 3.12.2017; 16.112.2017, 23.12.2017

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Duisburg |—

 

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Der Graf von Luxemburg – Léhar neu geadelt, IOCO Kritik, 11.12.2016

Dezember 11, 2016 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Operette

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Der Graf von Luxemburg  an der Rheinoper

 Léhars Operette neu geadelt und brillant zur Schau gestellt

Der Graf von Luxemburg:  Weitere Vorstellungen in Duisburg oder Düsseldorf: 17.12.2016, 22.12.2016, 22.12.2016, 26.12.2016, 28.12.2016, 31.12.2016, 06.01.2017, 20.01.2017, 07.02.2017, 26.02.2017, 25.3.2017, 31.03.2017, 11.05.2017

von Albrecht Schneider

Hi Leute, möchte man an dieser Stelle rufen, ehe Ihr weiterlest, kauft schleunigst ein Ticket und schaut Euch den Grafen selber an. Drei hinreißende Stunden werdet Ihr erleben….

Bereits des Längeren kommt die Operette, die nach dem letzten Krieg vornehmlich in verkitschten Filmen überlebte, im Sog der Musicals und mittels peppiger Inszenierungen wieder, und diese Vokabel wird ihr durchaus gerecht, angetanzt auf den Bühnen der Staats- und Stadttheater. Nach wie vor liefert sie süße Gefühle und transportiert uns in eine schadstoff-freie Umgebung. Allein, nicht unentwegt bleibt der Verstand zugunsten des Sentiments ausgeschaltet, perlt die Musik nicht zwingend wie der Champagner aus der geöffneten Flasche. Das trifft gerade auf den Graf von Luxemburg zu, der zwar nach wie vor mit den unverzichtbaren Versatzstücken wie Liebe und Komik, mit Geld und unreinen Herzen hantiert, sowie üppig musikalisches Schaumgebäck serviert. Nur steigt bei ihm, als einem Kind des zwanzigsten Jahrhunderts, schon einmal der korrumpierbare Mensch aus dem Kostüm, schimmert durch die Schminke das wahre Gesicht. Und in reine Harmonie ist die Geschichte auch nicht durchwegs gebettet, sondern sie wird bisweilen durch Klänge unbequem, die eher der „seriösen“ Musik zugehören.

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg - Michel Cornel Frey (Armand Brissard), Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Chor © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg – Michel Cornel Frey (Armand Brissard), Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Chor © Hans Joerg Michel

Regisseur Jens-Daniel Herzog stellt in einem Paris der Jetztzeit einen Grafen vor, dem alles abhanden kam, vor allem das Geld, und dem jetzt noch das letzte abhanden kommt, was ihm nach einem munteren Playboydasein geblieben ist, nämlich die Distinktion seiner adeligen Gesellschaft.

Für eine halbe Million Francs verkauft er sich an den plutokratischen russischen Fürsten Basil Basilowitsch (steinreiche Russen sind für das Genre Operette seit ihrer Entstehung offenbar nahezu unentbehrlich), indem er zum Schein dessen Liebe, die Sängerin Angèle Didier, ehelicht. Die Dame soll mit ihrem Einverständnis auf diese Weise adelig, mithin zu einer standesgemäßen Partie erhoben und zur Heirat mit dem Russen salonfähig gemacht werden. Die Bedingung für den Grafen besteht darin, bei dem amtlichen Akt des Ringetauschs die potentielle Gattin nicht zu sehen zu kriegen und nach drei Monaten Pseudoehe in die Scheidung einzuwilligen.

Der Graf von Luxemburg – Franz Léhar
youtube Trailer Deutschen Oper am Rhein
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Jetzt könnte man denken, das sei weniger eine vergnügliche, eher eine leicht unappetitliche Affäre, und als Operettenstoff kaum brauchbar. Allerdings findet sie im Künstlermilieu statt, und da geht es bekanntlich zwar immer ärmlich, dafür mächtig lustig zu. Dem aus pekuniärem wie feudalistischem Anlass verkuppelten Paar, das absehbar gegen Ende der Vorstellung zueinander finden wird, steht ein buffoneskes gegenüber: der Maler Armand Brissard, ein Freund des Grafen, möchte mit der geliebten Juliette Vermont, vormals Sängerin und nunmehr Zofe der Kollegin Didier, unbedingt intim sein. Eine Kopulation, zu der, ihr prinzipiell zuneigend, sie erst nach Heimkehr vom Standesamt bereit ist. Mit dem daraus resultierenden üblichen Kampf der Geschlechter, ausgetragen in gegenseitiger Körpermalerei, einer Art Action Painting mit weiter dazu gestoßenen Bohemiens und sonstigen Possen, zu denen der zunächst grämliche, danach trunkene Graf seinen letzten Sous beisteuert.

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg - Vlnr: Bruce Rankin, Karl Walter, David Jerusalem, Luis Fernando Piedra, Bo Skovhus © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg – Vlnr: Bruce Rankin, Karl Walter, David Jerusalem, Luis Fernando Piedra, Bo Skovhus © Hans Jörg Michel

Somit ist der Knoten geschürzt, und von der Musik angesteckt darf das Spiel der guten wie miesen Gefühle, der Amüsierlust und des Katzenjammers hin zum Happyend beginnen. Aus dem Mit- und Gegeneinander von fünf Figuren mit unterschiedlichen Begierden schlägt die Inszenierung wahre Funken. Die Szene wechselt behende, vor das simple Maleratelier schiebt sich ein lausiges Zimmer, das der Abwicklung des lausigen Heiratsgeschäfts dient. Zu den Hauptfiguren gesellen sich des Fürsten Dreigestirn von russischer Gorillas (Bodyguards), das für mancherlei Slapstickeinlagen gut ist.

Im zweiten Akt wacht ein echter Drache als Pförtner vor dem Bühneneingang des Opernhauses, worin aufgrund ihrer Heirat die Frühverrentung der Sängerin Angèle Didier gefeiert wird. Dort kommt es zu einigen Turbulenzen, weil der Graf, jäh in die Künstlerin und anonyme Gattin verliebt, in deren Garderobe eindringt, Russenfürst und Leibgarde dazwischenfahren und zudem das Buffopärchen zwischen die Fronten gerät. Da tanzt und tobt die überkandidelte Gesellschaft derart herum, um Kritikaster die Nase rümpfen zu lassen ob der Holterdiepolterkomik. Aber geht hier nicht eine Operette über die Bühne?

Wenn die Grand Dame Oper bei soignierten Musikfreunden in höchstem Ansehen steht, so kehren sie dem Töchterchen Operette, als käme es wie ein leichtes, verdrehtes Mädchen angestakst, deswegen verächtlich den Rücken zu. Verglichen mit der altehrwürdigen Mutter wartete das oft hübschere und gewiss leichtsinnigere Kind mit schlichteren Geschichten auf, hüpfen, kreisen und verbiegen sich die Körper anders als in der Opera Seria oder dem Musikdrama. Und das alles passiert zu einer Musik, die den Ohren kaum wehtut.

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg - Susan Maclean (Gräfin Stasa Kokozowa) © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg – Susan Maclean (Gräfin Stasa Kokozowa) © Hans Jörg Michel

In der Hotelhalle des 3. Aktes mutiert der Drache durch geschwinde Umkostümierung gleichermaßen zum Concierge, zum Liftboy wie zum Servierfräulein, und empfängt und bedient die just angereiste russische (!) Gräfin Stasa Kokozowa. Die nutzt ihr Couplet: Was ist das für ne Zeit, liebe Leut, um mittels einiger hinzugedichteter Verse dem Publikum zeitnah ein bisschen die Meinung zwar nicht zu geigen, doch immerhin zu singen. Ihrer Rolle obliegt die Lösung des Knotens, indem sie auf das ihr einst gegebene Heiratsversprechen des Fürsten pocht. Der erinnert sich dessen und entbindet das liebend Paar von seinen Verpflichtungen. Hiermit dürfen die zwei in eine bereits geschlossene, bislang nicht vollzogene, bloß hoffentlich beide Partner beglückende Ehe entschreiten.

Ja, wir sind in der Operette, und deren Bedingung ist Tempo, befeuert von der Musik. Bo Skovhus, ein Graf von Habitus und Stimme, lässt sich von ihr treiben. Selten erlaubt sie Momente, in denen die Protagonisten zu sich selbst finden. Dann singt der Luxemburger Aristokrat mit changierender Prosodie und den Banknoten zwischen den Fingern von lachendem Glück und der Liebe, womit sowohl das Geld gemeint sein kann wie die unbekannte ferne Frau, deren Parfüm Trèfle incarnat noch im Raum schwebt. Dessen Duft wird ihn später dazu anstiften, in melancholischen Tönen die eigene unredliche Handlungsweise zu reflektieren. Sein Singen weiß genau, wann Partitur und Augenblick die heldische, die getrübte oder die fidele Klangfärbung fordern.

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg - Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Juliane Banse (Angèle Didier), Chor © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg – Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Juliane Banse (Angèle Didier), Chor © Hans Jörg Michel

Gleiches lässt sich von Julia Banse sagen, welche die distinguierte wie kokettierende Sängerin Angèle Didier in jeder Hinsicht verlebendigt. Franz Léhars Komposition ist von sinfonischer, von operndramatischer Qualität und der eines Giacomo Puccini, was die Künstler selbst betonen, durchaus ebenbürtig. Bo Skovhus und Julia Banse: Zwei berühmte Namen, die den ihnen vorauseilenden glänzenden Ruf sicht- und hörbar bestätigen. Beider Leistung vor Augen und im Ohr wäre stimmliche Kritik beckmesserisch, weil sie sich nicht unbedingt im Schöngesang äußern müssen, sondern in einer die jeweilige Situation beglaubigenden Klangrede.

Bruce Rankin, der Fürst Basil Basilowitsch, singt sich vortrefflich vom selbstherrlichen Boss über den verliebten Gockel hin zum kapitulierenden Trauerklößchen, Lavinia Dames und Cornel Frey geben das Künstlerpärchen Juliette Vermont und Armand Brissard und stehen den Kollegen in nichts nach. Gewissermaßen in der Nachfolge von Kolumbine und Harlekin agieren sie gleich springlebendigen sinnlichen Rivalen des leicht verdorbenen und berechnenden ersten Paares.

Der Schauspieler Oliver Breite wechselt wie ein Irrwisch die Kleidung und das Geschlecht, um überzeugend sämtliches Hotelpersonal zu mimen, während Susan Mclean als Gräfin Stasa Kokozowa der Zeit und dem Publikum singend die Leviten liest und sich alsbald den Fürsten schnappt.

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg - Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Cornel Frey (Armand Brissard), Lavinia Dames (Juliette Vermont) © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Graf von Luxemburg – Bo Skovhus (René Graf von Luxemburg), Cornel Frey (Armand Brissard), Lavinia Dames (Juliette Vermont) © Hans Jörg Michel

Das Orchester unter Lukas Beikircher macht dem Ensemble ordentlich und con fuoco Beine, denn die Musik will tanzen und tanzen lassen. Dass es manchmal voller Temperament über die eigenen Füße stolpert, was soll’s, trägt es doch die Sänger jederzeit sicher durch die Partitur und unterschlägt oder verschleiert nicht Töne, die unter der Melodielinie bisweilen der scheinbar allseitigen guten Laune widersprechen wollen.

Das vorwiegend soignierte Publikum im Düsseldorfer Opernhaus schien die von Sibylle Gädeke ausstaffierte und von Mathis Neidhardt eingerichtete Operette Der Graf von Luxemburg zu goutieren. Der Beifall zumindest ließ darauf schließen. Sofern sie weiterhin so leichtfüßig und elegant auftritt, dürfte sie den Herrschaften bald richtig ans Herz wachsen. Wie auch immer, Leute, es bleibt dabei: Gehet hin und kauft Euch ein Ticket. Von Albrecht Schneider

Der Graf von Luxemburg:  Weitere Vorstellungen in Duisburg oder Düsseldorf: 17.12.2016, 22.12.2016, 22.12.2016, 26.12.2016, 28.12.2016, 31.12.2016, 06.01.2017, 20.01.2017, 07.02.2017, 26.02.2017, 25.3.2017, 31.03.2017, 11.05.2017

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—