Lilienfeld, Stift Lilienfeld, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.06.2019

 

 Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld

La Traviata – Giuseppe Verdi

Große Oper im Dormitorium des Stift Lilienfeld

von Marcus Haimerl

Oper in der Krypta gastierte mit Giuseppe Verdis zur Erfolgstrias von 1851/53 zählender Oper La Traviata im Stift Lilienfeld. Das in Österreich zwischen St. Pölten und dem Wallfahrtsort Mariazell liegende Zisterzienserstift, eine Stiftung von Herzog Leopold VI. (1176 – 1230) aus der Familie der Babenberger – heute die größte erhaltene zisterziensische Klosteranlage in Mitteleuropa – beherbergt eine kostbare Kreuzesreliquie.

Der Orden selbst geht auf das Kloster Cîteaux (lat.: Cistercium) zurück, das 1098 in Burgund gegründet wurde. Die zwischen 1202 und 1263 errichtete romanisch-gotische Kirche gilt mit ihren 83 Metern Länge als größte Kirche Niederösterreichs. Die heutige Inneneinrichtung stammt aus der Barockzeit. Da das Stift an der Via Sacra, dem traditionellen Wallfahrerweg zwischen Wien und Mariazell, liegt, wurde das Hauptschiff als heilige Straße gestaltet, die in Richtung Hochaltar mehr und mehr an Goldglanz zunimmt.

Stift Lilienfeld / La Traviata - v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / La Traviata – v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Im unglaublich beeindruckenden, mittlerweile als Veranstaltungsraum genutzten Dormitorium, konnte das Publikum Giuseppe Verdis Meisterwerk erleben, welches in derselben Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel A. Wolcott, rund ein Jahr zuvor seine Premiere erlebte. Das Publikum in Lilienfeld erlebte die Geschichte um die schwindsüchtige Kurtisane Violetta Valéry in der der gleichen Frische wie die Wiener ein Jahr zuvor. Für die Umsetzung der Handlung benötigt Joel A. Wolcott wenig Ausstattung und konzentriert sich dabei stark auf die hervorragenden Singschauspieler: Ein Tisch, ein Sofa und zwei Sessel sind ausreichend, um das Liebesdrama von Violetta und Alfredo glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Ergänzt wird das Bühnenbild um Projektionen an die Rückwand des Dormitoriums, die den jeweiligen Handlungsort veranschaulichen. Ein besonders starkes Bild ist die Projektion im dritten Akt: Man sieht eine Taschenuhr, die inmitten abgefallener Blütenblätter fünf Minuten vor 12 Uhr anzeigt; man versteht die Anspielung auf die im Sterben liegende Kameliendame, jenes Romans Alexandre Dumas d.J., der den Rahmen der Handlung für Giuseppe Verdis Meisterwerk bildete.

Joel A. Wolcott lässt bereits in der Ouvertüre, die von der japanischen Pianistin Mami Tsukio hervorragend am Klavier interpretiert wird, drei Protagonisten auftreten. Violetta Valéry wird hintereinander von Gastone und vom Barone Douphol zum Tanz aufgefordert. Dieser Kreis wird sich im Vorspiel zum dritten Akt schließen, wenn sich Violetta, im Fiebertraum und dem Tode nahe, noch einmal von unsichtbaren Herren der Gesellschaft zum Tanzen auffordern lässt.

Père Lachaise / Alphonsine Plessis - Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Père Lachaise / Alphonsine Plessis – Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Die amerikanische Sopranistin Dana Hammett debütierte 2018 bei Oper in der Krypta als ebenso leidenschaftlich liebende wie leidende Kurtisane Violetta und überzeugte mit ihrem wunderschönen, höhensicheren Sopran und starker Mittellage nunmehr auch das niederösterreichische Publikum. Sie berührt intensiv in den lyrischen Passagen der Partie, weiß aber auch in den dramatischen Ausbrüchen die innere Zerrissenheit der Figur musikalisch zu gestalten. Ihre leidenschaftliche Verkörperung dieser tragischen Frauengestalt hinterlässt beim Publikum tiefen Eindruck.

Als ihr leidenschaftlicher Liebhaber Alfredo Germont überzeugt der russische Tenor Pavel Kvashnin, der mit der intensiven Strahlkraft seines kräftigen Tenors das Dormitorium mühelos füllen konnte. Neben der Leichtigkeit, mit der der junge Künstler die Höhen seiner Partie meisterte, war auch die leidenschaftliche schauspielerische Leistung enorm. So konnte man Pavel Kvashnin die Tragik seiner Figur zum Teil schon im Gesicht ablesen.

Als sittenstrenger Vater Giorgio Germont erlebt man den österreichische Bassbariton Florian Pejrimovsky. Durch zahlreiche Auftritte als Scarpia (Puccini Tosca), Rigoletto (Verdi Rigoletto), Colline (Puccini La Bohème) oder als Gefängnisdirektor Frank (Strauss Die Fledermaus), ist er beim Publikum der Krypta in der Wiener Peterskirche ebenso bekannt wie beliebt. Auch in Lilienfeld ist er kein Unbekannter, ist er dort doch Chorleiter des Stiftschores. Florian Pejrimovsky versteht es, mit seinem großen, intensiven Bassbariton Eindruck zu hinterlassen und dominiert mit seiner Stimme ebenso problemlos den Saal. Aus den gemeinsamen Szenen zwischen Bassbariton und Tenor wird hier beinahe ein Kampf der Giganten. Aber auch die leisen Töne sind dem Ausnahmekünstler nicht fremd. Und gerade diese leisen Szenen sind es auch, die Florian Pejrimovsky unglaublich stark darzustellen vermag: Die Zerrissenheit zwischen der harten Schale und dem weichen Kern, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und Verständnis für die über gesellschaftliche Zwänge hinausgehende, ehrliche Liebe.

Ebenso erstklassig – um nicht zu sagen luxuriös – sind die kleineren Partien besetzt:
Die französische Sopranistin Alexandra Matloka singt nicht nur die Rolle von Violettas Freundin Flora Bervoix, sondern ist auch jene der Vertrauten und Dienerin Annina. Beide Rollen werden von Alexandra Matloka mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer mitfühlenden Darstellung exzellent verkörpert.

Stift Lilienfeld / Traviata - hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / Traviata – hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Um einer kleinen Partie große Bedeutung zu verleihen, braucht man den österreichischen Tenor Calon Danner. Mit seinem schön geführten Tenor und seinem sympathischen, manchmal fast spitzbübischen Charme, lässt Calon Danner in der Partie des Gastone musikalisch und darstellerisch keinerlei Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man den jungen mexikanischen Bariton Daniel Valero in der Rolle des Barone Douphol. Mit schönem, vollklingenden Bariton und intensivem Spiel konnte Daniel Valero das Publikum für sich einnehmen. Zum Chor, bestehend aus den beiden wohl disponierten Sopranistinnen Baharan Baniasadi und Natalia Leal, gesellten sich für den ersten Akt auch Statisten aus dem Publikum, die die Bühne als Gäste von Violetta Valérys Fest bereichern.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der bereits zuvor erwähnten japanischen Pianistin Mami Tsukio. Mit ihrem leidenschaftlichen, sehr differenzierten Klavierspiel weiß sich die Künstlerin als hervorragende Begleiterin, die die Stimmen der Sänger mühelos trägt und kann außerdem auch in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt ihre Qualitäten als Solistin unter Beweis stellen.

Unter den rund 200 Gästen in Lilienfeld befanden sich als Vertreter des Stiftes Frater, Dr. Michael Vurglics, der gastfreundliche, sympathische Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Labenbacher mit Gattin, und die Titular-Stiftsorganistin der Stiftsbasilika, Karen de Pastel. Erfreut bedachten sie alle die Künstler für die wirklich gelungene Vorstellung mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus. Dank des großen Erfolges dieses Gastspiels wird Oper in der Krypta im kommenden Jahr mit der Erfolgsproduktion Tosca von Giacomo Puccini ins Stift Lilienfeld zurückkehren.

Kulturbegeisterte müssen aber keineswegs solange warten: Der Traviata folgt bereits am 30. Juni 2019 das Eröffnungskonzert der 38. Sommerakademie Lilienfeld: Karen de Pastel, ihres Zeichens nicht nur Stiftsorganistin, sondern auch Präsidentin der Sommerakademie und Leiterin des Internationalen Kultursommers Lilienfeld wird Ein deutsches Requiem, op. 45, von Johannes Brahms, präsentieren. Das interessierte Publikum kommt also in jedem Fall in Lilienfeld, das unglaublich viele musikalische Höhepunkte präsentieren kann, niemals zu kurz.

—| IOCO Kritik Stift Lilienfeld |—

Wien, Oper in der Krypta, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 29, 2018 by  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 La Traviata  von  Giuseppe Verdi

Von Marcus Haimerl

Die Peterskirche steht im Zentrum der Stadt Wien, in dessen populären 1. Bezirk. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 4. Jahrhundert, als im dort gelegenen römischen Lager Vindobona eine Kaserne in ein Kirchengebäude umgebaut wurde. Der Bau der heutigen Peterskirche begann 1701, unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche wunderbare Opernproduktionen statt. 80 Besucher sitzen dort in unmittelbarer Nähe der meist jungen Sänger/innen, immer mit dem intensiven Gefühl, selbst Teil der Aufführung zu sein. IOCO / Marcus Haimerl begleitet hier  kommende wie etablierte Bühnenstars.


Grabstätte von Alphonsine Plessis in Paris, die Kameliendame des Lebens und Vorlage für Alexandre Dumas © IOCO

Grabstätte von Alphonsine Plessis in Paris, die Kameliendame des Lebens und Vorlage für Alexandre Dumas © IOCO

Mit Giuseppe Verdis, 1853 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführter Oper La Traviata, nach dem Roman Die Kameliendame (La dame aux camélias) von Alexandre Dumas dem Jüngeren, geht Oper in der Krypta völlig neue Wege. Junge Musik-studenten haben sich hier zu einem Chor für die Opernproduktionen zusammen-gefunden und übernehmen auch kleinere Rollen, wie im vorliegenden Fall wie Gastone oder Barone Douphol. Auch gab es im Vorfeld dieser Premiere erstmals für Stammgäste und Interessierte die Möglichkeit an Proben teilzunehmen, Regisseur Joel Wolcott bei der Arbeit zu beobachten und zu erleben, mit welcher Präzision jeder Schritt und jede Bewegung auch einer kleinen Opernproduktion durchdacht und erarbeitet wird.

Oper in der Krypta - Wien / Traviata hier Elisa Quintero als Violetta - Florian Pejrimovsky als Giorgio © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Traviata hier Elisa Quintero als Violetta – Florian Pejrimovsky als Giorgio © Marcus Haimerl

Das Bühnenbild dieser Traviata ist ebenso einfach wie genial: ein großes Sofa, zwei Ohrensessel, ein Tisch stehen im Zentrum der Bühne. Mehr braucht es nicht, die Handlung um die vom rechten Weg abgekommene, titelgebende Heldin Violetta Valéry und ihrer Liebe zum gutbürgerlichen Alfredo Germont, die an der Gesellschaft und dem Gesundheitszustand der Protagonistin schließlich scheitern muss, glaubhaft darzustellen.

Zwangsläufig wird das Publikum bei den Produktionen von Oper in der Krypta in das Geschehen eingebunden, betreten die Künstler ja die Bühne zwischen den Besucherreihen oder gehen auf diesen Wegen auch wieder ab. Im ersten Akt der Traviata hat das Publikum nun aber auch die Möglichkeit das Geschehen auf der Bühne mitzuerleben. Während des Festes im ersten Akt gesellen sich einige Zuschauer zu den Gästen und dürfen bei einem Glas Sekt erleben, wie es den Sängern Abend für Abend geht, wenn sie in solcher Nähe vor Publikum singen.

Aber auch musikalisch lässt diese Produktion keine Wünsche offen. Violetta Valéry, der an Tuberkulose erkrankten Kurtisane, singt die mexikanische Sopranistin Elisa Quintero. Mit ihrer kräftigen Mittellage und einer schönen, klaren Höhe ist sie eine Idealbesetzung dieser Partie. Die junge Sängerin, Schülerin der Mezzosopranistin Heidi Brunner und dem Pianisten und Dirigenten Niels Muus wird seit 2017 von KS Grace Bumbry unterrichtet und tritt als Opern-, Lied- und Oratorien-Solistin sowohl in Österreich als auch in ihrer Heimat auf. Der Spanier Sergio Tallo-Torres ist ein ebenso eindrucksvoller Alfredo, der mit seinem kräftigen, leicht metallischen Tenor Höchstleistungen bringt, als gäbe es kein Morgen. Besuchern der Krypta ist er aus zahlreichen Rollen bekannt. Sein Debüt an diesem Ort gab er 2015 in der Partie des Don Carlo, es folgten Pollione in Norma, Roméo in Gounods Roméo et Juliette und in Bellinis Capuleti e i Montecchi, Rodolfo in Bohème und Pinkerton in Butterfly. Auch außerhalb der Krypta ist Sergio Tallo-Torres gefragter Tenor für zahlreiche Rollen.

 Oper in der Krypta - Wien / Traviata hier Oskar Aguilar als Gastone - Sergio Tallo-Torres als Alfredo © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Traviata hier Oskar Aguilar als Gastone – Sergio Tallo – Torres als Alfredo – Ensemble  © Marcus Haimerl

Auch ein bekanntes Gesicht in der Krypta, Florian Pejrimovsky, ist als Vater Giorgio Germont zu erleben. Mit seinem gewaltigen Bassbariton schafft er auch unglaublich lyrische Passagen. Sowohl das Duett („Pura siccome un angelo“) als auch seine Arie „Di Provenza il mare, il suol“ brauchen den Vergleich mit den großen Interpreten dieser Partie nicht zu scheuen. So wie Elisa Quintero hatte auch die amerikanische Sopranistin Kaitrin Cunningham ihren ersten Auftritt in der Krypta. Die Preisträgerin der Amelie-Rieman Opera Competition überzeugte das Publikum in den Partien der Flora Bervoix und der Annina. Das bereits erwähnte Chor-Ensemble „in höchsten Tönen!“ (Naomi Montfort, Natalia Leal, Baharan Baniasadi, Shabnam Najafi, Oskar Aguilar und Daniel Valero) sangen und spielten so intensiv, dass es den Anschein hatte, sehr viel mehr Sänger wären auf der Bühne verteilt.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der japanischen Pianistin Mami Tsukio, die ihr Können bereits in der Produktion von Bellinis Norma unter Beweis stellen konnte. Mit großem Gespür gelang es ihr, die Sänger gekonnt durch die Premiere zu führen und auf die speziellen Bedürfnisse der Sänger einzugehen. Wohlverdienter Jubel und viele Bravorufe aus dem Publikum empfingen alle Protagonisten und Beteiligte. Die ebenfalls im Publikum anwesende Kammersängerin Marjana Lipovšek zeigte sich nicht minder begeistert ob der Leistung der Künstler. Eine weitere Vorstellung am 28. April, danach wieder ab 11. August 2018.

Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – West Side Story, IOCO Kritik, 28.05.2017

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Wien Peterskirche – Oper in der Krypta

 West Side Story von Leonard Bernstein

Von Marcus Haimerl

Die Oper in der Krypta der Wiener Peterskirche hat sich an eine spannende Aufgabe gemacht und sich mit Shakespeares wohl bekanntester Tragödie Romeo und Julia auseinandergesetzt. Nach I Capuleti e i Montecchi von Vincenzo Bellini und Roméo et Juliette von Charles Gounod fand am 18. Mai die Premiere des dritten Teils, Leonard Bernsteins  West Side Story statt.

Wien / Peterskirche - West Side Story - Ensemble © Marcus Haimerl

Wien / Peterskirche – West Side Story – Ensemble © Marcus Haimerl

Bereits im Jahr 1949 beschäftigten sich Leonard Bernstein, der Choreograph Jerome Robbins und der Librettist Arthur Laurents mit Shakespeares Romeo-und-Julia-Stoff. Dieser sollte als jüdisch-christlicher Glaubenskonflikt ins New York der Gegenwart verlegt werden. Zusammen mit dem Songtexter Stephen Sondheim wurde daraus schließlich ein kultureller Zusammenprall zweier rivalisierender Jugendbanden, den amerikanischen Jets und den aus Puerto Rico zugewanderten Sharks. Die einzigen Verbindungspunkte der beiden Gangs sind der Hass auf Obrigkeit und Erwachsene und die Liebe zwischen Maria von den Sharks und Tony von den Jets.

Guillietta / Julia in Verona © IOCO

Guillietta / Julia in Verona © IOCO

Shakespeares Vorlage bleibt auch in Bernsteins Fassung weitgehend erhalten: Maria ist Julia, Tony ist Romeo, die Jets sind die Montagues und die Sharks die Capulets. Aus Bruder Laurentius wird der Drugstore Besitzer Doc, Mercutio ist Riff, Paris ist Chino und aus Julias Cousin Tybalt wird Marias Bruder Bernardo. Und doch gibt es auch Abweichungen. So findet die Hochzeit nicht vor dem Hintergrund von Romeos Verbannung, sondern der Ermordung von Marias Bruder Bernardo als Scheinehe zwischen Kleiderpuppen statt und Tony fällt den Rivalitäten der beiden Gangs zum Opfer, Maria überlebt.
Auch musikalisch ist Bernsteins Werk der Oper näher als dem Musical. Zwischen Gesellschaftstänzen der 50er Jahre, Musik im Stil des Modern-Jazz-Stil und sentimentalen Gesangsnummern findet sich beim Ballett Cool auch eine Fuge auf ein zwölftöniges Thema.

Nach langer Vorbereitungszeit ist es der Oper in der Krypta gelungen, dieses nicht ganz einfache Musical perfekt umzusetzen. Die junge Grazer Musicaldarstellerin und Sängerin Angelika Ratej zeichnete sich für die Choreographie verantwortlich. Ihre hervorragende Arbeit zeigte sich spätestens bei America, wo die musikalischen Zwischenspiele durch fast kampfartige Tanzeinlagen verschärft werden. Der amerikanische Bariton Joel Andrew Walcott, welcher auch in der Rolle des Action brilliert, hauchte als Regisseur den Songs neues Leben ein und weiß auch in den richtigen Momenten die Emotionen des Publikums zu steuern.
Die musikalische Leitung am Klavier lag in den bewährten Händen von Ekaterina Nokkert. Mit ihrem nuancierten Spiel ersetzt sie nicht nur vollständig das Orchester, sondern schafft es auch das Publikum dauerhaft in Bann zu halten. Die Wiener Pianistin mit russisch-bulgarischen Wurzeln war als Solistin und Kammermusikerin bereits in ganz Europa unterwegs und ist als Liedbegleiterin Preisträgerin mehrerer internationaler Wettbewerbe.

Peterskirche Wien / West Side Story - Julia und Tony © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / West Side Story – Julia und Tony © Marcus Haimerl

Die junge lettische Sopranistin Anete Liepina, in Oper und Operette zu Hause, singt eine hinreißende Maria. Ausdruckstark und einfühlsam verzaubert sie mit ihrem schlanken, wohlklingenden Sopran das Publikum und überzeugt in ihrer Entwicklung vom verliebten Mädchen zur verzweifelten, kämpferischen Gegnerin dieser sinnlosen Auseinandersetzungen. Neben Ihren Auftritten auf großen Bühnen in ganz Österreich kann man Anete Liepina in der Krypta auch als Gretel (Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck), Pamina in Mozarts „Zauberflöte“ oder Musetta in Puccinis La Bohéme erleben.
Der deutsche Tenor Matthias Spielvogel ist ein zutiefst berührender Tony, der sich mit der Strahlkraft seiner eindrucksvollen Tenorstimme in die Herzen des Publikums singt und ab dem ersten Ton für Gänsehaut sorgt. In Wien ist er auch als Liedsänger zu hören und er wird in der Krypta im Herbst 2017 im Da Ponte Zyklus in der Krypta zu erleben sein.
Die junge, quirlige, lettische Mezzosopranistin Helena Sorokina, die in Wien nicht nur in den Bereichen Lied und Oratorium bekannt ist, sondern auch mit Chanson von Zarah Leander bis Marlene Dietrich reüssiert, harmoniert mit ihrem warmen dunklen Sopran als Anita hervorragend mit Anete Liepinas Maria und kann auch tänzerisch überzeugen. Auf gleich hohem Niveau begeistert auch der im Kosovo geborene Gezim Berisha in der leider eher kurzen Partie des Bernardo. Mit hellem, klarem Bariton, südlichem Erscheinungsbild und temperamentvollem Auftreten ist der junge Künstler eine Idealbesetzung für diese Partie. Gezim Berisha, der in Wien sein Studium im Fach Sologesang und Opernrepertoire abgeschlossen hat, sammelte künstlerische Erfahrung mit Opernproduktionen des Vienna Konservatoriums und ist gefragter Konzertsolist. Derzeit ist er in Wien auch als Papageno zu erleben.

 Peterskirche Wien / West Side Story - Jets, Sharks und Officer Krupky © Markus Haimerl

Peterskirche Wien / West Side Story – Jets, Sharks und Officer Krupky © Markus Haimerl

Die in Wien, Paris, Luzern, Tokio und Washington erfolgreich tätige mexikanische Koloratursopranistin Mariana Garci-Crespo verfügt über eine schwere, kraftvolle Stimme mit stabiler, sehr agiler Höhe und verzauberte sowohl stimmlich als auch tänzerisch das Publikum in der Rolle der Rosalia.
Der amerikanische Bariton Christopher M. Kelley in der Partie des Riff verfügt über eine solide Mittelage mit schöner Tiefe. In der Krypta durfte man ihn bereits als Shaunard in Puccinis La Bohème erleben.
Wie Christopher M. Kelley widmet sich auch der mexikanische Bariton Daniel Valero gerne dem deutschen Liedgut und großer Oper wie z.B. Nourabad in Bizets Le Pêcheurs des Perles. Aber auch in der Partie des Chino weiß er mit seinem markigen, dunklen Bariton zu überzeugen. In der Partie des Baby John verdient sich in der Krypta der erst 17-jährige Ivan Beaufils erste Sporen. Mit dem Kinderchor der Wiener Staatsoper steht der junge Bariton regelmäßig auf der Bühne der Staatsoper und seit 2015 ist er Stipendiat der Sir-Peter-Ustinov-Stiftung für eine Ausbildung in Richtung Operngesang.
Mit ihrem sehr agilen, tragfähigen Koloratursopran ist die junge Amerikanerin Leah Manning gleich in einer Doppelrolle zu erleben. Einerseits als rassige Consuela, andererseits als Wildfang Anybodys überzeugte sie das Publikum in diesen beiden völlig verschiedenen Partien nachhaltig. Auch die österreichische Sopranistin Magdalena Punz darf gleich mit zwei Rollen auf der Bühne stehen. Als Velma und als Francisca ist auch sie in beiden Gangs vertreten. Sie überzeugt nicht nur mit ihrem schönen Sopran. Mit ihrem Tanzpartner in der Turnhalle Christopher M. Kelley haben beide den Mambo als bestes Paar mit Bravour bewältigt.
Der Wiener Bassbariton Florian Pejrimovsky als Officer Krupky und Mitchell Sturges als Doc runden die unglaublich intensive Vorstellung mit der nötigen Portion Humor perfekt ab.
Das Publikum der ausverkauften Oper in der Krypta dankte den Künstlern mit begeistertem und lang anhaltendem Applaus. West Side Story dürfte in der Krypta zum Publikumshit werden.