Hamburg, Staatsoper Hamburg, Der fliegende Holländer – Alcina, Februar 2020

Februar 13, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Der fliegende Holländer –  Alcina

Letzte Chance an der Staatsoper Hamburg

Die beiden Staatsopernproduktionen Der fliegende Holländer und Alcina werden in der kommenden Aufführungsserie zum letzten Mal an der Dammtorstraße zu sehen sein.

Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 1996 wird am 18., 21. und 27. Februar jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 1. März 2020 um 17.00 Uhr, zum letzten Mal zu erleben sein und verabschiedet sich nach 80 Vorstellungen vom Spielplan der Staatsoper Hamburg. In der Titelpartie steht Andrzej Dobber auf der Bühne. Senta ist Allison Oakes, Erik Michael Schade im Rollendebüt, als Daland gibt es ein Wiedersehen mit Wilhelm Schwinghammer. In weiteren Rollen sind als Steuermann Daniel Kluge und als Mary Katja Pieweck besetzt. Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg steht Christof Prick.

Georg Friedrich Händels Oper Alcina in der Inszenierung von Christof Loy aus dem Jahr 2002 wird ab 23. Februar 2020 für insgesamt vier Vorstellungen ebenfalls zum letzten Mal auf dem Spielplan der Staatsoper Hamburg stehen. Als Alcina gibt Layla Claire ihr Hausdebüt an der Dammtorstraße. Als Ruggiero ist Maite Beaumont wieder in Hamburg zu erleben. Ebenfalls ihr Hausdebüt gibt als Bradamante Katarina Bradic. Als Morgana gibt es ein Wiedersehen mit Julia Lezhneva. Narea Son singt und spielt Oberto, Fabio Trümpy Oronte und Nikolay Borchev gibt als Melisso sein Rollendebüt. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wird von Christopher Moulds geleitet, der ebenfalls das erste Mal an der Staatsoper Hamburg gastiert.

Richard Wagner   –  Der fliegende Holländer

Musikalische Leitung: Christof Prick, Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli, Licht: Manfred Voss, Chor: Christian Günther

Mit: Holländer Ks. Andrzej Dobber, Senta Allison Oakes, Erik Michael Schade (Rollendebüt), Daland Wilhelm Schwinghammer, Steuermann Daniel Kluge, Mary Katja Pieweck, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen 18., 21. und 27. Februar 19.30 Uhr sowie am 1. März 2020 17.00 Uhr

Georg Friedrich Händel  –  Alcina

Musikalische Leitung: Christopher Moulds (Hausdebüt), Inszenierung: Christof Loy
Bühnenbild, Kostüme: Herbert Murauer, Choreografie: Beate Vollack, Licht: Reinhard Traub

Mit: Alcina Layla Claire (Hausdebüt), Ruggiero Maite Beaumont, Bradamante Katarina Bradic (Hausdebüt), Morgana Julia Lezhneva, Oberto Narea Son, Oronte Fabio Trümpy, Melisso Nikolay Borchev (Rollendebüt), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Vorstellungen 23. Februar 17.00 Uhr sowie 28. Februar, 3. und 7. März 2020, 18.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.01.2020

Januar 21, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

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Falstaff – Giuseppe Verdi

Slapstick und surrealistische Träume in der Kneipe „The Boars Head“

von Patrik Klein

Alles ist zu Ende! Geh, geh, alter John. Lauf dahin auf deinem Weg, solange du kannst … Lustiges Original eines Schurken; ewig wahr, hinter jeglicher Maske, zu jeder Zeit, an jedem Ort!! Geh … Geh … Lauf, Lauf … Addio!!!“   Arturo Toscanini fand einen Zettel mit diesen handschriftlichen Worten Verdis in der Partitur, der in Bezug auf den Monolog Falstaffs zu Beginn des dritten Akts stand.  In Verdis Oper ist Falstaff ein Gewaltmensch und Egoist übelster Sorte, ein menschlicher Parasit, der als bedauerliches, geläutertes Wrack endet: eine heitere Boulevard-Komödie mit einer tiefen menschlichen Wahrheit.

Die Staatsoper Hamburg bescherte dem Hamburger Premierenbesucher dagegen eine menschliche Komödie und eine große knallbunte, surrealistische Show über das exzessive Leben. Calixto Bieito (und sein Team; Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Licht: Michael Bauer), spanischer Regisseur und Enfant Terrible für viele Opernfreunde, der bereits Verdis Otello und das Verdi Requiem in Hamburg inszenierte, lässt ein rotierendes Bühnenset aus dem vergangenen Jahrhundert demontieren und die menschlich dargestellten Figuren im Laufe des Abends sich demaskieren. Das Pendel der Inszenierung schwingt zwischen belanglosem Slapstick und genial-textgenauen Geistesblitzen. Der Titelheld soll als Poet des Lebens und als egoistischer Betrüger entlarvt werden. Am Ende sollen wir erkennen, dass Falstaff sich nicht, wie im Original, verändert, sondern mit „Licht und Schattenseiten“ als Botschafter des menschlichen Seins weiterleben wird.

Fallstaff – Proben zur Produktion
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Nach diversen Schicksalsschlägen in den ersten Jahren seines Schaffens, lehnte Verdi es lange Zeit ab, sich im komischen Genre zu versuchen. Pläne für eine Oper nach Shakespeares Der Sturm (1850 für Covent Garden) sowie für Falstaff (mit Antonio Ghislanzoni als Librettisten, 1868) ließ er schnell wieder fallen. Offensichtlich war es Arrigo Boito, der im Frühsommer 1889 die Aufmerksamkeit des inzwischen fast 76 -jährigen Komponisten wieder auf Shakespeares The Merry Wives of Windsor lenkte. Verdi war sofort begeistert von der Idee. Sie vereinbarten zunächst, die Sache im Geheimen voranzutreiben. Verdi wollte am Stück nur komponieren, um sich zu vergnügen und die Zeit zu vertreiben.

Boito verfasste die ersten beiden Akte bis Mitte November 1889, den dritten schickte er Verdi Anfang März 1890. Am 17. März 1890 berichtete Verdi, er habe den ersten Akt skizziert. Leider stand auch die Arbeit an Falstaff unter keinem guten Stern, denn im März erkrankte ihr gemeinsamer Freund, der Komponist und Dirigent der Uraufführung des Otello Franco Faccio schwer (er starb dann nach langem Leiden im Sommer 1891). Am 6. Oktober schrieb Verdi an Boito, dass er den zweiten Akt zunächst liegen gelassen und zuerst die kleine Arie Fentons zu Beginn des letzten Bildes skizziert habe. In weiteren Briefen an Boito berichtete Verdi, dass er gelegentlich immer wieder am Falstaff arbeite, aber auch tagelang nicht. Am 20. September 1892 schrieb Verdi an Boito:Ich habe dem Verleger Ricordi den dritten Akt des Falstaff übergeben. Gestern habe ich die Korrekturen für das Libretto und den Klavierauszug des ersten Aktes zurückgeschickt.“

Die Uraufführung war für Anfang Februar 1893 vorgesehen, die Proben sollten am 2. Januar beginnen. Die Uraufführung fand wie geplant am 9. Februar 1893 in Mailand, im Teatro alla Scala statt und war ein großer Erfolg.

Calixto Bieito inszeniert seinen Falstaff als menschliche Komödie mit einem realen Titelhelden voller Vitalität und vielschichtigem Charakter. Mit surrealistischen Träumen und Albträumen werden die menschlichen Charaktere und deren Bedürfnisse in der kleinstädtischen Gesellschaft in Windsor, denen des Außenseiters und adligem, übriggebliebenen Ritter aus einer vergangenen Zeit gegenübergestellt. Bieito skizziert hierbei den Wunsch eines jeden, die vorgegebene, vorhandene Ordnung aufzubrechen und die geheimen Wünsche zu träumen und zu realisieren.

Der Zuschauer wird bereits beim Eintritt ins Foyer des Hauses von einer langen Tafel, an deren Enden je ein Falstaff-Komparse mit freiem Oberkörper und Hosenträgern sowie einer Flasche Rotwein sitzt, in diese Traumwelt eingeführt.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

In einem realistisch anmutenden Bühnenbild steht im Zentrum der Gebäudekomplex um die spießige Dorfkneipe Windsors The Boars Head, der Kopf des Ebers, welcher sich im Laufe des Opernabends zunehmend zu einem Gebäudegerippe demontiert. Dort oder davor finden alle Handlungen statt. Damit werden Einblicke ermöglicht, die nur der Zuschauer und nicht immer die handelnden Protagonisten wahrnehmen können. Es gibt immer wieder aktuelle Bezüge, Momente, die nicht passen oder als Kontrapunkt stehen. Es erscheinen Statisten, wo man sich fragt, was sie da sollen. Häufig erkennt man jedoch auch handwerkliche Ungereimtheiten in der Personenführung. Text und Aktionen der Figuren sind nicht immer im Einklang; gewollt oder ungewollt!?

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Zu Beginn und Minuten vor dem Einsatz der ersten Takte sitzt Falstaff alleine auf offener Bühne in seinem Sessel vor dem Restaurant, presst Zitronen aus über einem auf seinem Schoß liegenden Tablett und schlürft Auster um Auster. Die leeren Schalen fallen krachend in einen Sektkühler. Ein Genussmensch stellt sich vor.

Der noch komplette Gebäudekomplex fährt sich drehend nach vorne, aus dessen Seitentüre Bardolfo, Pistola und Dr. Cajus fallen. Die Wirtin schleicht als stumme Figur um sie herum. In turbulenten Szenen erlebt der Sonderling Falstaff von Anfang an Zusammenstöße mit der kleinbürgerlichen Gesellschaft Windsors. Die beiden Ganoven Bardolfo und Pistola haben ihn scheinbar ausgenommen. Er ist Pleite und braucht einen Plan. Erste Teile der Bühnenkonstruktion werden entfernt. Die Wirtin macht sich mit den Briefen an die beiden zum Stelldichein eingeladenen Damen auf. Diese agieren ebenso vor dem Restaurant und lesen sie gemeinsam. Sie freuen sich sogar zunächst über die erhaltenen Briefe, bis sie merken, dass sie identischen Inhalts sind. Aus einem geöffneten Fenster lugen Falstaff und später auch seine beiden Komparsen aus der Foyereingangsszene. Im ständig rotierenden Bühnenbild kommen die fünf Herren dazu und die zweifachen Rachepläne werden geschmiedet.

Im zweiten Akt wird die Kulisse mittig geöffnet und lässt Blicke ins Innere zu. In der Kneipe mit kitschweihnachtsbaumbehaftetem Tresen und Barhockern mieft es nach Kleinbürgertum. Auf einer Tafel steht mit Kreide geschrieben „Buy one beer for the price of two and get the second beer for free“. Über der Kneipe schaut man auf einen spartanisch eingerichteter Gastraum mit Doppelbett und 60er Jahre Mustertapete.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Bardolfo und Pistola sind zurück und verfolgen Falstaffs Kochkünste hinter der Theke, die sogar live im Fernsehen übertragen werden. Quickly erscheint im kurios anmutenden Boxertrainingsoutfit und gibt ihr handlungstreibendes „Reverenza“ zum Besten. Falstaff füttert sie mit Leckereien ab. Im dunklen Mantel mit Fellkragen und Sonnenbrille platzt Ford/Fontana in die Kochshow. Zum Schluss bleibt Ford nach Rache sinnend alleine liegend vor der Theke zurück.

Die vier Damen skandieren ein großes Banner mit der Parole „Fette Steuern für die Fetten“. Das Gebäude dreht sich, fährt nach vorne und offenbart die weiter entblößte Kneipenfront mit darüber liegendem Gastraum. Nun laufen die Intrigen der Damen Alice Ford und Meg Page sowie Ford/Fontanamit seinen beiden Helfern zusammen. Die Fäden sind gesponnen. Falstaff erscheint pfeifend mit selbstgekochten Leckereien auf dem Silbertablett. In der ersten Etage vergnügen sich Nannetta mit Fenton zunächst noch brav in Schuluniform gekleidet und später sich im Doppelbett unter einem Laken liebend. Das Stelldichein mit Alice entwickelt sich zum Spiel im Spiel, zum Theater auf dem Theater unter der Regie der beiden aufgebrachten Damen. Problematisch wird es jedoch, weil der Gatte Ford tatsächlich vor der Türe steht und die Damen improvisieren müssen. Im Finale dieses Bildes ersetzt eine gelbe Mülltonne den sonst üblichen Wäschekorb, aus dem Ford auf der Suche nach Falstaff zunächst Müll herausreißt und sogar später kopfüber darin von den Damen versenkt werden soll. Falstaff versteckt sich naiv unter einem für ihn viel zu kleinen Lampenschirm. Quickly verschnürt ihn zusätzlich noch mit dem entsprechendem Kabel. Fontana entdeckt unter der Decke des Bettes in der ersten Etage nicht seine Frau „in flagranti“, sondern Töchterlein mit Fenton. Die Szenerie wird zunehmend durch beobachtende hereinschleichende, kriechende und später in wilder Hektik Fontana auf der Suche nach Ergebnissen hinterherstürmende Herrenchormitglieder gefüllt, bevor Falstaff endgültig im aufgeklappten Kellerboden verschwindet. Ein Kübel mit dunkelbrauner Flüssigkeit landet auf seinem Kopf.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Im dritten Akt schließlich sitzt der Titelheld im noch übrig gebliebenen Gebäudegerippe fäkalienüberströmt, Wein aus dem Tetrapack trinkend auf der für alle sichtbaren Toilette und philosophiert über die Schlechtigkeit der Welt. Aus dem Off erscheinen alle Darsteller wie in Zeitlupe. Schnell wird es hecktisch und unübersichtlich. Ein negativer Schwangerschaftstest der mittlerweile auf der Toilette sitzenden Nannetta beruhigt das junge Paar. Unter der Offenbarung der bemalten Klowand mit dem Motto „Fuck my dick“ wird nun auch dieser Teil der Kulissen weggefahren. Fenton stochert mit Taschenlampe suchend im Keller des „Eberkopfes“. Schließlich schlurft Falstaff erneut hereingefallen auf die Verlockungen der Intriganten mit kleinem Weihnachtsbäumchen in der Hand über die fast leere Bühne.

Statt bei der Eiche zur Mitternacht wird das nun folgende Shakespearsche Sommernachtstraumambiente vor das restliche blanke Gerippe des „Boars Head“ verlegt. Nachdem das Sextett der vier Damen mit Ford und Falstaff beendet ist, erscheint bei völlig leerer Bühne im Hintergrund nebelverklärt der Chor und an der Rampe Falstaff, umringt von den Damen des Chores. Falstaff wird wie ein Rollmops oberkörperfrei am Boden malträtiert. Die Handlung mutiert zur finalen, streng musikalischen Fuge mit Handlungsstillstand, in der der Chor mit Gürteln peitschenknallähnlich den Rhythmus betont. Rollwagen werden auf die Bühne gezogen und Sektflaschen um den am Boden liegenden Falstaff aufgestellt. Alle sind betrogen außer Fenton und Nannetta, die bereits im Hochzeitskleid erscheint und für Ford fälschlicherweise dem unwürdigen Gatten Fenton in die Arme fällt. Ford würgt wutentbrannt an seiner Alice. Falstaff reißt seine Perücke vom Kopf und knallt sie auf ein silbernes Serviertablett. Es löst sich alles auf und es bleibt nur Leere. Ist Falstaff, der das langweilige Leben satt hatte, wirklich der sympathische Gewinner, der sich traute zu tun, wovon die anderen nur träumten?

In seiner letzten Oper kann der Komponist aus seinem reichhaltigen musikalischen und persönlichen Erfahrungsköcher eine Vielzahl an Impulsen einfließen lassen. Verdi hat mit dem Falstaff ein sprühendes Ensemblestück komponiert, in dem alles vom spontanen, kommunikativen Moment abhängt. Der musikalische Ideenreichtum ist enorm, Verdis Meisterschaft im künstlerischen Schaffen ist über jeden Zweifel erhaben! Das alte Genie macht was es will, Verdi inszeniert eine kontrollierte Abfolge von Explosionen mit „eingeplanten“ Lachern. In manchen Höhepunkten fliegt einem das Stück musikalisch geradezu um die Ohren. Alles dreht sich in Sekundenschnelle von einem Extrem ins andere, und trotzdem verlieren die Zuhörenden dabei nicht die Übersicht.

Der Beginn und das Ende der Oper steht in C-Dur, also in der direktesten Tonart in der Musik. Die ersten beiden Akte sind eine quirlige Darstellung des Ensemblestücks. Im ersten Bild des zweiten Aktes gibt es so etwas wie eine personale Konzentration auf die Titelfigur des Sir John Falstaff. Nehmen wir es vorweg: Ambrogio Maestri, der aus Italien stammende vielbeschäftigte Bariton an allen großen Opernhäusern des Globus, der bereits mehrfach in Hamburg in Rollen seines Fachs zu hören war, gilt wohl als der derzeit beste Falstaff überhaupt. Am Premierenabend stellt er das beeindruckend unter Beweis. Dieser stimmgewaltige Hüne als veritables Bariton-Übergewicht tummelt sich mal mehr oder weniger geschickt in seiner Karikatur des einsamen Ritters, sich oft selbst spielen dürfend. An zwei Stellen sogar ins etwas schräge Falsett einsetzend, lässt er die Zuhörerschaft seine prachtvolle Stimme, die geprägt ist von schier unvorstellbaren Kraftreserven, einer wirklich italienisch geführten „Verdi-Stimme“ mit „gespuckten“ Silben, feinstem Legato und einer überragenden farbenreichen Gestaltung, über drei Akte genießen.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Mit einer tiefen Verbeugung überreicht Miss Quickly ihm die Einladung zum Stelldichein. Dieses „Reverenza“ wird im Verlauf des Stücks zu einer unverwechselbaren, sofort wiedererkennbaren Geste, gesungen auf ein einziges Wort. Nicht mehr und nicht weniger! Nadezhda Karyazina, die aus Moskau stammende junge Mezzosopranistin, die seit mehreren Jahren festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg ist und bereits in einigen Hauptrollen glänzen konnte, singt Mrs Quickly mit dunkelst gefärbten Mezzotimbre, einer sofort wiedererkennbaren komfortablen Stimmführung besonders in den tiefen und mittleren Lagen.

Der Gesang der jungen Liebenden etwa, und auch die folgende Begegnung mit Ford, der sich als Signor Fontana ausgibt, hinterlässt tiefe Spuren beim Zuhörer. Ford/Fontana muss sich schreckliche Sachen über sich und seine Ehefrau und das anstehende Rendezvous zwischen ihr und Falstaff anhören. Er ist am Boden zerstört, sein Monolog durchbricht die heitere Konsistenz der Komödie. Markus Brück, Kammersänger und Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, der bereits mehrfach Rollen seines Baritonfachs an der Staatsoper Hamburg inne hatte, glänzt als Ford mit bestechend farbenreicher und sicher sitzender Stimme, die ein wenig an den langjährigen ehemaligen Hamburger Hausbariton Franz Grundheber erinnert. Seine Gattin Alice Ford wird gesungen und gespielt von Maija Kovalevska, der international erfahrenen Sopranistin aus Lettland. Sie gibt die Ehefrau des rasenden Ford mit großer Glaubwürdigkeit, strahlendem dramatischen Kern bei sicherster Höhe.

Im zweiten Bild des zweiten Aktes wird das Treffen bei Alice jäh unterbrochen noch ehe es begonnen hat. Der gut informierte Ford und seine Mannen stürmen den Ort des Geschehens. Dort werden Fenton und Nannetta aufgespürt. Das ärgert nun wiederum Ford, der andere Heiratspläne mit seiner Tochter hat. Das Finale ist ein großes schillerndes durchkomponiertes aber organisiertes Chaos. Hier entpuppen sich alle Stimmen zu gleichwertigen und gleichgewichtigen Hauptrollen. Elbenita Kajtazi, die aus dem Kosovo stammende Sängerin mit internationaler Erfahrung und mittlerweile Ensemblemitglied in Hamburg, singt Nannetta mit fein geführtem Sopran, herrlicher Phrasierung und variantenreichen Färbungen. Von den Damen erntet sie dann auch verdient den herzlichsten Applaus des Publikums.

Ihr zur Seite steht Oleksiy Palchykov, der ukrainische Tenor, der seit der vorletzten Saison fest im Ensemble der Staatsoper Hamburg verweilt und Erfolge als u.a. Lensky, Nemorino und Ottavio feierte. Er gibt den jungen Fenton mit warmem samtigen Timbre, hell strahlender und fein fokussierter Stimme.

Nach dem Finale des zweiten Aktes, welches einem Feuerwerk gleicht, fragt man sich, wie das eigentlich noch weitergehen kann und soll. Verdi zeigt im dritten Akt, dass er der drohenden dramaturgischen Kälte gewachsen ist. Er zeigt, dass nach dem Finale des zweiten Aktes noch ein anderes Ende ganz am Schluss möglich ist. Dieser letzte Akt übertrifft das Ganze nochmals in allen Belangen der musikalischen Kompositionskunst. Der große Monolog des gekränkten Falstaff ist ein Moment der Steigerung. Die erneute Einladung der Quickly klingt da wie Hohn. Alles wird gut, denn alles auf Erden ist Narretei, so lautet die schlussfugierte musikalische Botschaft.

Die weiteren Rollen sind mit Jürgen Sacher, Daniel Kluge (unlängst neues Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg), Tigran Martirossian und Ida Aldrian komfortabel besetzt.

Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich), der je einen Auftritt am Ende des zweiten und des dritten Aktes hat, wirkt besonders in der quirligen Schlussszene noch etwas szenisch unterprobt leicht unpräzise und uneinheitlich, was sich gewiss im Laufe der kommenden Aufführungen noch entwickeln wird.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg hat unter der Leitung von Axel Kober, des erfahrenen Dirigenten und Generalmusikdirektors der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, einen überdurchschnittlichen Abend. Kober lässt die Musik Verdis differenziert, farbenreich und mit hoher Sängerfreundlichkeit erklingen. Gelegentlich wirkt es jedoch sicherheitsbetont zu tempoarm. Prägnant werden die feinen Nuancen in den leicht überbordenden, turbulent und laut geratenen Chor- und Ensembleszenen herausgearbeitet. Den musikalische Höhepunkt bildet die präzise geratene Schlussfuge der Oper.

Das Publikum an diesem Premierenabend ist sich ungewöhnlich einig und feiert das Solistenensemble, den Chor und das Orchester mit warmem, herzlichen Beifall. Die Abendspielleitung lässt das Regieteam, wohl ahnend, was auf es zukommt, recht spät auf die Bühne. Weitgehend einhellig erschallen heftige Missfallenskundgebungen aus allen Rängen und viele Zuschauer aus dem Parkett verlassen umgehend hanseatisch leise ihren noch dunklen Platz. Die wenigen Bravos scheinen im Keim zu ersticken.

Falstaff an der Staatsoper Hamburg, weitere Vorstellungen: 22.1., 25.1., 28.1., 4.2., 8.2., 25.3., 28.3.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, 19.01.2020

Januar 10, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Falstaff – Giuseppe Verdi

Calixto Bieito Inszeniert – Axel Kober dirigiert

Premiere am 19.01.2020

Die Neuproduktion der Staatsoper Hamburg hat am 19. Januar 2020. Premiere. Mit Falstaff zeigt die Staatsoper die dritte Neuproduktion der Spielzeit 2019/20. Verdis letzte Oper inszeniert Calixto Bieito unter der musikalischen Leitung von Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Die Titelpartie gestaltet Ambrogio Maestri, international der Falstaff par excellence. Premiere ist am 19. Januar 2020. Zur Neuproduktion gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Was für eine Komödie ist Falstaff? Falstaff ist Verdis Testament. Seine Oper ist vielleicht eine schwarze Komödie, auf jeden Fall aber eine menschliche Komödie.“, so Calixto Bieito über den Stoff seiner neusten Arbeit an der Staatsoper Hamburg, an der er bereits die Verdi-Werke Otello (2017) und Messa da Requiem (2018) inszenierte. Über die Titelfigur spricht er weiter: „Falstaff demonstriert der scheinheiligen, verlogenen Gesellschaft alle seine Laster und versucht, sie damit zu verspotten und hinters Licht zu führen. Ich habe viel Sympathie für diesen melancholischen Dicken!“ Als Falstaff steht auf der Großen Bühne der Staatsoper Hamburg ab dem 19. Januar „der Falstaff“: Ambrogio Maestri ist einer der international gefragtesten Baritone und gilt als der Verdi-Interpret par excellence. Bereits sein Falstaff-Debüt 2001 an der Mailänder Scala begeisterte Kritiker und Publikum. Anlässlich der Italienischen Opernwochen wird er wieder an der Staatsoper Hamburg zu erleben sein:  Am 18. und 21. März 2020 als Baron Scarpia in Tosca und am 25. und 28. März nochmals in der Titelpartie in Falstaff.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Die Musikalische Leitung dieser Neuproduktion hat Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Für ihn sei Verdis letztes Werk Falstaff eine der perfektesten Opern: „Man spürt die ganze kompositorische und musikalische Erfahrung, die Verdi in seinem Leben gemacht hat – aber auch die menschliche Erfahrung.“

Inhalt: Sir John Falstaff ist ein Anarchist, der sich nur der Herrschaft des eigenen Genusses beugt, ein Egoist, der nur seiner absolutistischen Macht- und Körperfülle frönt und die spießigen Moralvorstellungen seiner Mitmenschen wie die Stadtmauern einer Festung schleifen möchte, indem er gleich zwei Frauen parallel zu verführen gedenkt. Natürlich geht das schief, aber diejenigen, die ihn entlarven möchten, lassen bei dem Verwirrspiel, das sie um ihn herum inszenieren – und das gerade noch der Zuschauer durchschaut –, auch gehörig Federn. „Tutto nel mondo è burla“, doch diese Possen sind nur lustig, weil der Sturz in den Abgrund ein durchaus ernstes Risiko darstellt.

Der Otello-Librettist Arrigo Boito hat mit Raffinement aus der Shakespeare’schen Vorlage ein sprachlich ingeniöses Libretto herausdestilliert, das Verdi in hochkomplexe kompositorische Höhen treibt. Rahmenprogramm Begleitet wird die Neuproduktion Falstaff von einem vielfältigen Rahmenprogramm, das das Publikum auf das Thema einstimmt: ·

13. Januar 2020 – vor der Premiere – werden die Gäste werden von Dramaturgin Bettina Auer in den Stoff eingeführt und besuchen den ersten Teil einer sogenannten Bühnenorchesterprobe, woraufhin im gemeinsamen Anschlussgespräch Fragen gestellt und Eindrücke diskutiert werden können. ·

Beim OpernReport am 14. Januar stellt Musiktheaterdramaturg, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Dr. Alexander Meier-Dörzenbach die Neuproduktion anhand von aktuellen und historischen Bild- und Tonaufnahmen vor. Beim Kompaktseminar Opern-Werkstatt von Volker Wacker erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 17. und 18. Januar 2020 alle wichtigen Aspekte der Oper. ·

Am 25. Januar findet nach der Vorstellung das OpernForum statt. In Partnerschaft mit der Universität Hamburg treten hier Oper und Wissenschaft in den Dialog. Und: Zu allen Vorstellungen gibt es 40 Minuten vorher eine thematische Einführung.

 Giuseppe Verdi –  Falstaff

Musikalische Leitung: Axel Kober Inszenierung: Calixto Bieito, Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Dramaturgie: Bettina Auer, Licht: Michael Bauer

Mit: Falstaff Ambrogio Maestri, Ford Markus Brück, Fenton Oleksiy Palchykov (Rollendebüt), Dr. Cajus Ks. Jürgen Sacher, Bardolfo Daniel Kluge (Rollendebüt), Pistola Tigran Martirossian (Rollendebüt), Alice Ford Maija Kovalevska, Nannetta Elbenita Kajtazi (Rollendebüt), Mrs. Quickly Nadezhda Karyazina (Rollendebüt), Meg Page Ida Aldrian (Rollendebüt), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Premiere 19. Januar 2020 18.00 Uhr (Einführung um 17.20 Uhr); weitere Vorstellungen  22., 25., 28. Januar, 4. und 8. Februar sowie 25. und 28. März 2020, jeweils 19.30 Uhr (Einführungen jeweils 18.50 Uhr),

Rahmenprogramm: Vor der Premiere 13. Januar – 18.00 bis 21.00 Uhr | Großes Haus OpernReport 14. Januar 19.30 Uhr | opera stabile Opern-Werkstatt 17. Januar 18.00 bis 21 Uhr; Fortsetzung 18. Januar 11.00 bis 17.00 Uhr | Probebühne 3 OpernForum  25. Januar 22.00 Uhr | Parkett-

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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Norma – Vincenzo Bellini, 11.07.2019

Juli 11, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

  Norma – Vincenzo Bellini

Aufwühlendes Doppelleben

Vincenzo Bellinis Norma – am 11. Juli 2019 – in neuer Besetzung 

Donnerstag, 11. Juli 2019, um 19 Uhr kehrt Vincenzo Bellinis Norma in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito auf den Spielplan der Staatsoper Stuttgart zurück. Es dirigiert Giacomo Sagripanti. Der junge italienische Dirigent gehört zu den gefragtesten Dirigenten seiner Generation und wurde im Jahr 2016 bei den International Opera Awards in der Kategorie „Young Conductor“ ausgezeichnet.

In der Titelpartie der Norma gibt die spanische Sopranistin Yolanda Auyanet ihr Hausdebüt. Ensemblemitglied Diana Haller singt erstmals in Stuttgart die Rolle der Adalgisa. Der italienische Tenor Massimo Giordano ist als Pollione erneut zu Gast an der Staatsoper Stuttgart. In dieser Spielzeit wurde er bereits an der Seite von Catherine Naglestad als Mario Cavaradossi in Puccinis Tosca vom Stuttgarter Publikum gefeiert. Kommende Saison ist er in der Titelpartie von Giuseppe Verdis Don Carlos zu erleben. Die weiteren Hauptpartien singen Ks. Liang Li (Oroveso) und Daniel Kluge (Flavio) aus dem Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart.

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

In der Priesterin Norma, die ihren Göttern dient und dennoch nicht keusch leben will, zeichnet Vincenzo Bellini das aufwühlende Doppelleben einer bis ins Extrem liebesfähigen Frau: Als geistliche Autorität gibt Norma ihrem unterworfenen Volk Orientierung und hält zugleich an ihrer Liebe zu einem der Besatzer fest, selbst als dieser sie verlässt.

Vorstellungen:  11. / 14. / 17. Juli 2019, 21. / 24. September 2019, 03. Oktober 2019

Musikalische Leitung Giacomo Sagripanti, Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme Anna Viebrock, Chor Bernhard Moncado

Pollione, Massimo Giordano (Juli 2019) / Norman Reinhardt (Sept / Okt 2019),, Oroveso, Liang Li (Juli 2019) / David Steffens (Sept / Okt 2019), Norma Yolanda Auyanet, Adalgisa Diana Haller, Flavio Daniel Kluge (Juli 2019) / Moritz Kallenberg (Sept / Okt 2019), Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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