Osnabrück, Theater am Domhof, Unter einem Himmel – Dreiteiliger Tanzabend, IOCO Kritik, 09.02.2018

Februar 8, 2018 by  
Filed under Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

De Candias Tanzstück „Unter einem Himmel“ fasst „Heimat“ weltweit

Die ganze Welt umarmen

Von Hanns Butterhof

Im Theater am Domhof konnte Mauro de Candias neuer, dreiteiliger Tanzabend „Unter einem Himmel“ eine viel beklatschte Uraufführung feiern. Das Spielzeit-Motto „Heimat“ interpretiert er als Aufforderung, die ganze Welt zu umarmen, die er tänzerisch und musikalisch ins Theater holt, wie auch Tanz und Musik überall in der Welt zuhause sind.
Befremdliche Reisende in sandfarbenen, mit Landkarten bedruckten Kostümen, dicken Schneebrillen und Propellerhütchen auf dem Kopf begrüßen die Zuschauer bereits beim Gang zu ihren Plätzen. Eine von ihnen (Saskia de Vries) fungiert auch als schwaches Bindeglied zwischen den drei Teilen des Tanzabends, die mit jeweils charakteristischer Musik in verschiedene geographische Gegenden führt.

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel - hier Dance Company © Joerg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel – hier Dance Company © Joerg Landsberg

Das erste Stück mit dem italienischen Titel „Branco“, Herde, führt musikalisch mit der glutvollen Zigeuner-Musik von Félix Lajkò in die Puszta. Im Halbdunkel, das manchmal durch Lichtschneisen zerschnitten wird, zeigt sich das in einheitliches Dunkelblau gekleidete Ensemble vornehmlich als Gruppe, dicht gedrängt und doch in sich individuell bewegt. Aus ihr bilden sich verschiedene Formationen, Linien, Kreise, die auszuprobieren scheinen, wie weit sich der Einzelne von der Gruppe entfernen kann, ohne ihren Schutz zu verlieren. Dazu findet de Candia die wohl schönsten Bilder des Tanzabends.

Als die Reisende dann den Bühnenvorhang hebt, eröffnet sie den Blick auf das zweite Stück, „In Transit“. Jetzt ist die Bühne hell, Das Ensemble ist in leuchtendes Rot, Blau oder Gelb gekleidet. Die Musik von Keith Jarretts „The Köln Concert“ ist intensiv, ein vom Stöhnen des Pianisten begleitetes Selbstgespräch. Und wie im Gespräch mit sich selber ziehen die je fünf Tänzerinnen und Tänzer ihre eigene Bahn über ein helles Teppichgeviert. Sie nehmen individuelle, kaum aufeinander bezogene Positionen ein, queren die Bühne schulterrollend in Zeitlupe oder führen Elemente ihrer Beweglichkeitsübungen aus. Nur am Rand kommt es zu intensiveren Beziehungen, insgesamt ein ernstes Bild der schwierigen Situation von Künstlern, die ihre stets nur vorübergehende Heimat überall neu finden müssen.

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel © Joerg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel © Joerg Landsberg

Das letzte Stück, „Pachuco“, handelt vom Widerstand, sich ganz der je neuen Heimat hinzugeben wie die Pachucos, Mexikaner, die in die USA eingewandert sind und ihre Eigenheit in Dialekt und Kleidung ausdrücken. So trägt das Ensemble gelbe Strümpfe zu dreiviertel-langen, schwarz gemusterten Hosen, weißen Jacketts und Reiterkappen mit gelben Propellerchen. Wie skurrile Aliens, von denen einer noch seinen Fallschirm hinter sich her schleift, scheinen sie eine fremde Welt zu besuchen. Weich hüpfen sie wie an Gummibändern oder folgen staunend den Weisungen ihres Stadt-Führers. Mit Jazz, italienischen Schnulzen und Csárdás umarmen sie musikalisch die ganze Welt. Mit „Auf Wiedersehn“ endet ihre heitere sight-seeing-tour nach neunzig Minuten unter großem Beifall und Bravos für das präzise tanzende Ensemble und seinen variantenreichen Choreographen de Candia.

Unter einem Himmel im Theater Osnabrück – Weitere Vorstellungen am 9., 11. und 16.2.2018 1900, 18.2.2018 15.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

 

Osnabrück, Theater am Domhof, Tanzstück „Home sweet home“ von Mauro de Candia, IOCO Kritik, 22.11.2017

November 22, 2017 by  
Filed under Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Mauro de Candia vertanzt Kafkas Brief an den Vater

Albtraum vom trauten Heim

Von Hanns Butterhof

Sicher nicht zufällig in dieser Zeit der Unsicherheit mit ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einer starken Führung durch die Unübersichtlichkeit hat Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia Franz Kafkas düsteren „Brief an den Vater“ zum Anlass für sein neues Tanz-Stück  Home Sweet Home  genommen. Es zeigt einen Albtraum.

Der Titel „Home Sweet Home“ ist reine Ironie. Der eineinhalbstündige Tanzabend zeigt statt einer wohligen Heimstatt das quälend enge Beziehungsgefüge einer Familie, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Zu Beginn steht Marine Sanchez Egasse im dunkelroten Kleid am Fenster und schaut lange hinaus. Sie ist die Mutter, und schon sie deutet eine verhohlene Sehnsucht an, hinauszukommen aus dem noch im Dunkel liegenden Raum, dessen immer wieder verführerisch glänzende Tür nach draußen weit hinten liegt (Bühne, Kostüme, Licht: Mauro de Candia).

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Dort sitzt der Vater im grauen Anzug am Kopfende eines Tischs, der stocksteife Oleksandr Khudimov, der mit militärisch ruckartigen Bewegungen die Familie dirigiert, ab und zu mild gebremst von seiner Frau. Links von ihm, an der Längsseite, sitzt seine Tochter, die ängstlich verdruckste Cristina Commisso. Lennart Huysentruyt ist der Sohn, das Ich des Stücks, dessen Perspektive erzählt wird. Er liegt in Jeans und einem gelben Rollpullover abseits des Tisches auf dem Boden, während von überall her Stimmen auf ihn eindringen. Wenn er sich geduckt an den Tisch setzt, erscheint ihm der gegenüber sitzende Vater wie ein Raubtier, das zum Sprung auf ihn gespannt ist.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Es wird für den unter der Dominanz des Vaters leidenden Sohn keinen Ausweg geben, so sehr er sich quält. Auch wenn der Vater Gesten, Ansätze der Beziehungsaufnahme zeigt, zieht er die krampfenden Hände doch wieder zurück. Er demonstriert stattdessen mit kraftvollem Ausschreiten des Raums im Marschtakt seinen Anspruch auf die Herrschaft und verdrängt den Sohn sogar von der Türe, bis der sich Schutz suchend unter dem Tisch verbirgt.
Eifersüchtig und gedemütigt beobachtet er, wie der Vater mit der Mutter tanzt und dabei seine männliche Überlegenheit herauskehrt.
Nur in einer Szene nähert sich die Schwester zaghaft, auf Umwegen, dem verloren dasitzenden Bruder. Sie lockt ihn aus seiner Apathie, indem sie den Platz des Vaters und so dessen Bild verdeckt. Erst da lässt er ihre Nähe zu, und sie kommen für einen Moment zu einem wunderbar ruhigen Duett zusammen.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Zu meist quälend atonaler Musik von Alfred Schnittke bis zu György Ligeti wiederholt sich mit wechselndem tänzerischen Ausdruck das Ertragen dieser unerträglichen Beziehungen, denen der Tanz in seiner Wortlosigkeit genau entspricht.

Da ist nur zu verständlich, dass sich das Bewusstsein des Sohns aus der Wirklichkeit in eine Phantasiewelt verabschiedet. Zu Vogelgezwitscher tauchen ganz in Schwarz gekleidete, gesichtslose Gestalten (Dance Company) auf, die sich bewegen wie er, die ihn schützend umringen, ihn tragen, auf den Kopf stellen und schließlich seine Welt mit Wänden von seinem untrauten Heim abtrennen, aus dem es für ihn kein Entkommen gibt.
Vielleicht hätte de Candia nicht auf Kafkas „Brief an den Vater“ als Anlass für seinen Tanzabend hinweisen sollen. Dieser Hinweis verengt leicht den Blick auf das Stück und lenkt ihn auf die mehr oder weniger genaue Umsetzung der persönlichen Umstände Kafkas. Andernfalls käme die allgemeine Aussage des Stücks deutlicher in den Blick, dass die Sehnsucht nach Geborgenheit im trauten Heim, nach fester Führung durch den guten Führer zumeist nicht in eine Phantasiewelt, sondern in den Albtraum führt.

Nach anderthalb Stunden pausenlosen Tanzes gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums für die ausdrucksstarken Tänzerinnen und Tänzer wie auch Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckelmann.

Tanzstück Home sweet home im emma-Theater des Theater Osnabrück: Die nächsten Termine:22., 24., 26. und 30.11.2017, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—