Stuttgart, Oper Stuttgart, Ariodante von G. F. Händel, IOCO Kritik, 15.03.2017

März 17, 2017 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Ariodante von Georg Friedrich Händel

Ariodante an der Oper Stuttgart; Weitere Vorstellungen am 21. und 25. März sowie am 03., 11., 15., 18. und 21. April 2017

Von  Peter Schlang 

Tiefe Blicke in seelische Abgründe und hinter die Kulissen des Theaters
Jossi Wieler und Sergio Morabito triumphieren mit Händels Ariodante

Im Jahre 1734 – Georg Friedrich Händel spürte scharfen Gegenwind durch andere Londoner Opernunternehmer und verlor künstlerisches Personal wie Publikum an die Konkurrenten – griff der Komponist als dritter Tonsetzer zu Antonio Salvios Libretto Ariodante aus dem Jahr 1708 und schuf dazu in gut zwei Monaten eine seiner letzten und gleichzeitig schönsten Opern. Diese Opernvorlage, die wiederum auf einer Episode aus Ludovico Ariostos 1516 erschienenem Heldenroman Orlando Furioso (Der rasende Roland) basiert, bedient wie das Renaissance-Original die Sehnsüchte des Publikums nach historischen Stoffen und barocker Verwicklungsdramatik. Salvio und sein Bearbeiter Händel ergänzen es aber um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und würzen den Stoff mit der Gegenreformation geschuldeten Moral-Lektionen, in diesem Fall dem sog. Schottischen Gesetz: Dies Gesetz besagt, dass eine beim Geschlechtsverkehr ertappte unverheiratete Frau ohne Rücksicht auf ihre juristische und moralische Schuld zum Tode zu verurteilen sei, vor dem sie nur durch einen männlichen Verteidiger gerettet werden kann, der den Anwalt der Anklage als Gegner im direkten Kampf besiegt.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Matthew Brook (König), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Matthew Brook (König), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

In der Regie des eingespielten Duos Jossi Wieler und Sergio Morabito und unter der musikalischen Leitung des italienischen Spezialisten für historisch-informierte Aufführungspraxis Giuliano Carella feierte Ariodante am 5. März auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses Premiere und erlebte dort am 12. März seine 2. Aufführung, welche auch die Grundlage für die folgenden Gedanken und Impressionen bildet.

Georg Friedrich Händel in London © IOCO

Georg Friedrich Händel in London © IOCO

Das erfahrene Regiegespann Wieler/Morabito versucht gar nicht erst, die erwähnten und andere dem Stoff innewohnenden moralisch-historischen Aspekte zu thematisieren und auf ihre mögliche Aktualität hin zu überprüfen. Vielmehr bleiben die beiden ausgefuchsten Theaterleute bei ihrem großen Thema, dem Theater selbst, und loten am Beispiel des Ariodante aus, welche Funktion dem Theater bei der Realisierung von Ideen und Gedanken zukommt, wie es dabei vorgeht und wo und wie sich Bühnen, ihr Personal und ihr Publikum begegnen und unterstützen. Es geht also in erster Linie um die Bedingungen des Theaters und dessen Bezüge zur gesellschaftlichen Realität, was in der Konsequenz bedeutet, dass auf der Stuttgarter Bühne eher menschliche Affekte und Emotionen statt Personen zu besichtigen sind.
Für diesen, stringent an frühere Stuttgarter Arbeiten des Stuttgarter Staatsopern-Intendanten und seines Regiepartners anknüpfenden Versuch baute Nina von Mechow, die nach einigen anderen Stuttgarter Entwürfen hier erstmals mit Jossi Wieler und Sergio Morabito zusammenarbeitete, einen an mehreren Stellen zu öffnenden einheitlichen Raum aus schwarzen Kunststoff-Elementen. Diese enden jedoch in Brust- oder Kopfhöhe, wirken somit wie Balustraden in einem Stadion oder in einer Sporthalle und geben den Blick weit auf die Brandmauern des Bühnenhauses und in dessen Höhen frei.

Oper Stuttgart / Ariodante - Diana Haller (Ariodante), Christophe Dumaux (Polinesso), Ana Durlovski (Ginevra), Philipp Nicklaus (Odoardo), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Matthew Brook (König), Josefin Feiler (Dalinda), Musiker und Gastmusiker des Staatsorchesters Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Diana Haller (Ariodante), Christophe Dumaux (Polinesso), Ana Durlovski (Ginevra), Philipp Nicklaus (Odoardo), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Matthew Brook (König), Josefin Feiler (Dalinda), Musiker und Gastmusiker des Staatsorchesters Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Aus diesen schwebt ein eindrucksvolles Beleuchtungsgeviert herab, in dessen Mitte ein Video-Würfel an entscheidenden Stellen der Handlung Regieanweisungen, Stückinformationen, Uhrzeiten oder Video-Sequenzen einblendet. Als Gegengewicht dieses von oben kommenden, bewusst betonten Theaterelements fährt wiederum bei dramaturgischem Bedarf ein Bühnen-Quadrat passgenau nach oben und dient so als Bühne auf der Bühne. Beide, sich kontrastierende wie ergänzende, Elemente der Theatertechnik nutzt das Regieteam für schlüssige wie waghalsige Bilder und Demonstrationen der Möglichkeiten des Theaters, die jedoch gleichzeitig durch ironische Brechungen als Illusion und Theater-Zauber entlarvt werden. Dieser Verfremdung dienen auch die jeweils am Schluss der drei Akte zu hörenden Rezitationen aus Rousseaus 1758 erschienenem, gegen das Theater und seine amoralische Wirkung ätzendem Pamphlet, dem Brief an d’Alembert, welche der französische Darsteller des Polinesso, Christophe Dumaux, mit geschliffener Aussprache, höchst theaterwirksam und mit feiner Ironie in Szene setzt. Auch darüber hinaus setzen Wieler/Morabito gekonnt und mit leichter Hand weitere Mittel der Desillusionierung und Grenzverwischung ein, zu denen u. a. gemeinsame Umbauten auf offener Bühne durch Darsteller und Bühnenarbeiter, die Präsentation der Darsteller und ihrer Rollen wie vor einem Boxkampf und eine variable, sich von Szene zu Szene ändernde Grundfläche in Form von Teppichen oder Matten gehören, die von den jeweiligen Protagonisten selbst ausgelegt und am Ende der Szene wieder eingerollt werden.
Es würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen, weitere der unzähligen Einfälle der Regie und ihre kongeniale Umsetzung durch die überragenden Sänger-Darsteller zu beschreiben. Hier kann man nur begeistert dazu auffordern, sich schleunigst Karten zu besorgen und sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen.

Dies lohnt sich nicht zuletzt – damit unmittelbar und untrennbar zum Genre Oper gehörend – auch im Hinblick auf die musikalischen Qualitäten dieser Neuproduktion, der man in allen Bereichen höchstes Lob zollen kann.

So erweisen sich die drei Sängerinnen und vier Sänger nicht nur als kongeniale, bis zum Letzten spielfreudige Partner der Regie, die deren Ideen mit großer Spielfreude und enormem Komödiantentum umsetzen (Was gleichzeitig wieder theatralisches Element wie Mittel der Entzauberung ist.), sondern auch in gesanglicher Hinsicht als erstklassig und ohne jede Einschränkung überzeugend. Dieses Qualitätsurteil wird durch die Tatsache verstärkt, dass von den Protagonisten dieser Aufführung nur zwei als Gäste beteiligt sind, was bei dieser durchgehend barocken musikalischen Konzeption als weiterer eindrucksvoller Beleg für das hohe musikalische Niveau der Stuttgarter Oper und ihres Ensembles angesehen werden darf.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda), Christophe Dumaux (Polinesso), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Philipp Nicklaus (Odoardo) © Christoph Kalscheuer

Dem fairen Beobachter dürfte es äußerst schwerfallen, über dieses Team aus Vollblut-Sängern abstufend bzw. klassifizierend zu urteilen und eine entsprechende Rangfolge aufzustellen, was wieder einmal für den außergewöhnlichen Ensemblegeist am Stuttgarter Opernhaus spricht.
Dennoch seien – allein schon wegen des Umfangs ihre Rollen und deren dramaturgischer wie musikalischer Funktion – die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller als Ariodante und die aus Mazedonien stammende Sopranistin Ana Durlovski als Ginevra hier an erster Stelle genannt. Beide sind schon seit etlichen Jahren Ensemblemitglieder der Stuttgarter Oper, von wo aus sie längst eine internationale Karriere gestartet haben. Während Diana Haller durch eine unglaubliche Zartheit im Ausdruck besticht, mit der sie auch die schwierigsten Stellen und Sprünge ohne Bruch und jegliche Härte zum reinsten Hörgenuss werden lässt (Zum Weinen schön geraten ihr die verschiedenen Lamento-Arien Ariodantes, die sie, wunderbar getragen vom bestens disponierten Staatsorchester, zu einem Paradebeispiel höchster Gesangskunst werden lässt.), überzeugt Ana Durlovski durch die Geradlinigkeit und Makellosigkeit ihrer Stimmführung, die auch in den anspruchsvollsten, mit subtiler Ökonomie gestalteten Koloraturen nie an Überzeugungskunst und –kraft verliert oder Gefahr läuft, in die Nähe routinierter Mechanik zu geraten.
Josefin Feiler als Dalinda, erst seit 2015/2016 fest im „großen Ensemble“ und vorher zwei Jahre Mitglied im Opernstudio, begeistert durch ihren barocken Gestus und ihre klangsinnliche wie nuancierte Phrasierung, weshalb man wohl auch ihr – und das nicht nur im Bereich der Barockoper – eine steile Karriere voraussagen darf.
Auch die vier männlichen Darsteller erfüllen ihre Aufgaben mit Bravour, auch wenn der französische Countertenor Christophe Dumaux in der Rolle des Polinesso zu Beginn nicht ganz zu überzeugen vermag und sich erst langsam in den Raum und seine Rolle hineinfinden muss. Aber schon während des ersten Akts und erst recht im weiteren Verlauf des fast vierstündigen Abends gewinnt auch seine Stimme, der jede Spitze und störende Schärfe fehlt, an Format und nimmt durch einen samtigen Glanz für sich ein.
Recht überzeugend agiert und singt Sebastian Kohlhepp als Ariodantes Bruder Lurcanio. Der junge Sänger, ebenfalls seit der Spielzeit 2015/2016 Ensemblemitglied, verleiht den Gefühlen der von ihm verkörperten Rolle glaubhaft, sinnlich und mit sensibler Stimmführung Ausdruck.
Als väterlicher König und brüderlicher Freund nimmt der international gefragte Bariton und Händelspezialist Matthew Brook für sich ein. Ihm gelingt es äußerst schlüssig, die Zerrissenheit dieser Rolle nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich zu verdeutlichen.
Schließlich überzeugt auch der junge, aus dem Ensemble der Jungen Oper Stuttgart hervorgegangene Tenor Philipp Nicklaus als Odoardo, Günstling des Königs.

Oper Stuttgart / Ariodante - Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Oper Stuttgart / Ariodante – Ana Durlovski (Ginevra), Josefin Feiler (Dalinda) © Christoph Kalscheuer

Großen Anteil am durchgehend hohen Niveau und überragenden Erfolg dieses Abends hat das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des umsichtigen mit feinem aber klarem Gestus agierenden Dirigenten Giuliano Carella. Im zur Hälfte hochgefahrenen Graben sitzend und damit (fast) sichtbarer und erfreulich klar hörbarer Teil des musikalischen Geschehens, ist es ein behutsamer wie sicherer Begleiter des Bühnengeschehens und besticht durch eine wundervolle Phrasierung und durchgehende Transparenz in allen Stimmen. Carella und sein in barocker Minimalbesetzung spielendes Orchester, dazu gehört auch die vorzüglich disponierte Continuo-Gruppe, sind auch in den instrumentalen Passagen der Partitur ein großartiger Sachwalter von Händels affektgeladener Musik, die ja häufig das zu erwartende Geschehen schon vor dem erst später zu hörenden Text erzählt.

Am Ende gab es, wie schon vom Premierenabend berichtet, auch beim zweiten Durchlauf dieser beeindruckenden und fesselnden Stuttgarter Neuproduktion begeisterten Beifall für alle Mitwirkenden, und man müsste sich als Besucher dieser Aufführung schon sehr täuschen, sollte dieser Stuttgarter Ariodante nicht in Kürze Kultstatus erlangen und zum Publikumsmagneten werden.

Ariodante an der Oper Stuttgart; Weitere Vorstellungen am 21. und 25. März sowie am 03., 11., 15., 18. und 21. April 2017.

 

Zürich, Opernhaus Zürich, Wiederaufnahme Alcina von G. F. Händel, 31.12.2016

Dezember 23, 2016 by  
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Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

  Alcina von Georg Friedrich Händel

Libretto von einem Unbekannten, nach   Antonio Fanzaglia

 Die verführerische Zauberin Alcina hat schon viele Männer in ihr Inselreich gelockt, die sie Herkunft, Ziel und Identität vergessen lässt und als Liebessklaven hält. Ihrer überdrüssig geworden, verwandelt sie sie für gewöhnlich in Steine, Pflanzen oder Tiere. Aber mit der Ankunft des Kreuzritters Ruggiero ist plötzlich alles anders: Die selbstbewusste Herrscherin Alcina erlebt sich zum ersten Mal als liebende Frau, die am Ende mit allen Mitteln um ihre Liebe kämpfen muss.

Georg Friedrich Händel hat mit der Figur der Alcina ein faszinierendes Psychogramm einer grossen Liebenden gezeichnet, das weit in die Moderne vorausweist. Aber auch die weiteren Figuren dieser «magic opera» sind individuell charakterisiert und begeben sich auf eine lange Reise, an deren Ende sich alle in einem Labyrinth tiefer und dunkler Gefühle wiederfinden.

Regisseur Christof Loy hat in seiner von Presse und Publikum umjubelten Inszenierung zunächst das barocke Theater als szenische Metapher für Alcinas illusorisches Zauberreich gewählt, um dann allmählich die Kehrseite dieser schönen Welt aufzuzeigen. Traumhaft ist die Besetzung unserer Wiederaufnahme: Cecilia Bartoli ist erneut als Alcina zu erleben. An ihrer Seite stellt sich mit Philippe Jaroussky als Ruggiero der wohl gefragteste Countertenor der Gegenwart am Opernhaus Zürich vor. Julie Fuchs als Alcinas Schwester Morgana und Varduhi Abrahamyan als Ruggieros Verlobte Bradamante machen das Barock-Glück perfekt. Am Pult des Orchestra La Scintilla steht erneut der italienische Barockspezialist Giovanni Antonini.

Musikalische Leitung Giovanni Antonini, Inszenierung Christof Loy, Bühne Johannes Leiacker, Kostüme Ursula Renzenbrink, Lichtgestaltung Bernd Purkrabek
Choreografie Thomas Wilhelm, Dramaturgie Kathrin Brunner

Besetzung: Alcina Cecilia Bartoli, Ruggiero Philippe Jaroussky, Morgana Julie Fuchs
Bradamante Varduhi Abrahamyan, Oronte Fabio Trümpy, Melisso Krzysztof Baczyk
Cupido Barbara Goodman, Continuo Claudius Herrmann
Margret Köll, Sergio Ciomei, Orchestra La Scintilla

Alcina Termine :  Sa 31 Dez 2016, 18:00, Mo 2 Jan 2017, 19:00
Mi 4 Jan 2017, 19:00, Fr 6 Jan 2017, 19:00, So 8 Jan 2017, 19:30, Di 10 Jan 2017, 19:00

Pressemeldung Opernhaus Zürich

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Xerxes von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 26.04.2015

April 26, 2015 by  
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Deutsche Oper am Rhein

XERXES  von Georg Friedrich Händel
Wiederaufnahme-Premiere am 22.04.2015

Deutsche Oper am Rhein / Xerxes © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Xerxes © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Aus Händels “Dramma per Musica“ um den liebestollen Perserkönig Xerxes hat der Regisseur Stefan Herheim vor zwei Jahren ein herrliches, barockes Spettacolo gemacht, mit dem er einen Sensationserfolg erzielte (siehe IOCO-Kritik vom 26.1.13). Diese köstliche, spaßige und detailreiche Inszenierung wurde nun an der Deutschen Oper am Rhein für 8 Vorstellungen wieder aufgenommen. Und das, bis auf eine Ausnahme, mit der gleichen Besetzung wie 2013.

Für Katarina Bradic, die damals die Amastris (Verlobte von Xerxes) verkörperte, sang nun Laura Nykänen die Partie. Die finnische Mezzosopranistin war 2000/2001 Ensemble-Mitglied der DOR. Ihre Stimme hat immer noch die satte Farbe und ihre Spielfreudigkeit ist ungebrochen.

Anreiz zum Besuch dieser Produktion war für viele Opernfreunde natürlich die beiden Counter-Tenöre Valer Sabadus und Terry Wey, die auch heuer an ihren Erfolg von damals anknüpfen konnten. Sabadus als König Xerxes prunkte mit seiner warmen, runden Stimme und der fabelhaften Bühnenpräsenz. Wey als sein Bruder Arsamenes führte wieder seine makellose Stakkato-Technik vor und punktete mit spielerischer Agilität. Beide verfügen über eine wunderbare komische Ader, die dem Publikum viel Spaß bereitete.

Bewunderung zollte man wieder der Stimmakrobatik von Hagen Matzeit, (in der Rolle des Dieners Elviro), der ad hoc von der Kopfstimme der Counterlage in das Brustregister des Baritons sozusagen “umschalten“ konnte. Hinzu kam, dass er im Spiel (zum Beispiel als dralle Blumenverkäuferin) konstant unsere Lachmuskeln reizte.

Torben Jürgens sang wieder mit profundem Bass den Heerführer Ariodates.

Dessen Töchter Romilda und Atalanta waren herrlich zickig bei unbändiger Spiellaune und sangen beide traumhaft schön. Heidi Elisabeth Meier und Anke Krabbe machten es möglich.

Superb musizierte wieder die Neue Düsseldorfer Hofmusik, unter der Leitung des charismatischen Kapellmeisters Konrad Junghänel, der mit seiner silber-weißen Haarpracht Franz Liszt kolossal im Aussehen ähnelt. Der Graben war halb hochgefahren. So konnte man die Musikerinnen und Musiker in ihrem Wohlklang erzeugenden Tun beobachten.

So wie 2013 ist auch heute meine Empfehlung, “unbedingt ansehen“. Es lohnt sich.

IOCO / UGK / 26.04.2015

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Essen, Aalto Musiktheater, Premiere Le Grand Macabre, IOCO Kritik, 14.02.2015

Februar 17, 2015 by  
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Aalto Theater Essen

Le Grand Macabre von György Ligeti

Premiere am 14.02.2015

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Wer hätte das gedacht! Eines der sperrigsten, verrücktesten und absurdesten Werke des modernen Musiktheaters machte Furore im Essener Aalto-Theater. Die Aufführung fand einhellige Zustimmung. Das Publikum war begeistert.

Die literarische Vorlage von Ligetis Oper Le Grand Macabre ist das Schauspiel La Balade du Grand Macabre, des belgischen Schrifts tellers Michel de Ghelderode (1898 – 1962). Es ist ein Weltuntergangsszenario, rabenschwarz und kunterbunt.

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

György Ligeti, 1923 im rumänischen Siebenbürgen geboren, mit ungarischen Wurzeln, studierte in Klausenburg und Budapest.

Als Komponist fühlte er sich keiner Stilrichtung verpflichtet. Er grenzte sich ab, um seinen eigenen Weg zu finden. Er war Kompositionslehrer in Budapest und ab 1956 in Wien. Später Dozent in Kranichstein. Er wurde zu einem Wegbereiter elektronischer Musik.

Seinen kompositorischen Durchbruch hatte er 1961 mit seinem Orchesterwerk “Atmosphere“. Um die Gattung Oper machte er immer einen weiten Bogen, bis ihn ein Angebot aus Stockholm erreichte, für die dortige Königliche Oper ein Werk zu komponieren. Bedingt durch die schon fortgeschrittene Annäherung an die Gattung Oper, nahm er das Angebot an. Er arbeitete an der Komposition von 1973-1977.

1979 fand die Uraufführung in Stockholm statt. Es folgten viele Änderungen. 1997 gab er die endgültige Fassung heraus. Ligeti starb 2006.

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Das Werk ist nicht sehr häufig auf den Bühnen zu finden. 2013 gab es eine Wiederaufnahme an der Komischen Oper Berlin (siehe IOCO-Kritik v. 21.4.2013)

Ligetis Musik zu dieser Oper ist farbig, hat Witz und ist sehr effektvoll, allein schon durch die Zutaten im Instrumentarium. Zu der herkömmlichen Orchesterbesetzung werden Alltagsgegenstände, wie Autohupen, Türklingeln, Trillerpfeifen, Spieluhren und vieles mehr als Instrumente verwendet.

Ein Kabinettstückchen ist die Ouvertüre, bedingt durch ein Dutzend verschieden tönende Autohupen.

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Die Story ist, wie eingangs erwähnt, voller verrückter Dinge, denn bevor die Welt zu Grunde geht, will man noch aus dem Vollen schöpfen. Fressen, Saufen, Lieben (von soft bis brutal) und es sich noch mal richtig gut gehen lassen, bevor alles vorbei ist. So wie Nekrotzar, der große Makabre es prophezeit hat.

Für die Inszenierung hatte man die Französin Mariame Clément verpflichtet, die mit ihrer kongenialen Ausstatterin Julia Hansen, eine an Effekten und Einfällen reiche Inszenierung schuf, witzig, clownesk, hintergründig und bildhaft. Optimal war die Personenregie der Regisseurin. Alles lief wie am Schnürl. Das letzte der vier Bilder hatte allerdings Längen, die auch durch die Regie nicht überspielt werden konnten.

Die Essener Philharmoniker erfüllten ihre nicht alltägliche Aufgabe mit Bravour. Auch der Chor, wie immer mustergültig einstudiert von Alexander Eberle, war stark gefordert.

Das Sängerensemble leistete Enormes, von Sprechgesang zu Oktav-Sprüngen, wahnwitzige Höhenflüge und ständiger Wechsel von der Bruststimme ins Falsett waren zu bewältigen.

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Großartig, wie Heiko Trinsinger seine umfangreiche Aufgabe als Nekrotzar, der Makabre, stimmlich und darstellerisch bewältigte. Er ist ein glänzender Singschauspieler.

Ebenbürtig war ihm auch Rainer Maria Röhr als Piet vom Fass.

Spitzentöne von glasklarer Konsistenz sang Susanne Elmark als Gopopo und Venus.

Till Faveyts sang  den Astradamors balsamisch und machte auch im Fummel eine gute Figur. Seine Frau Mescalina hatte in Ursula Hesse von den Steinen eine ideale Interpretin. Ihr großvolumiger Mezzosopran kam sehr mit den ständigen Wechseln zwischen Brustregister und Höhenflügen zurecht.

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Le Grand Macabre © Matthias Jung

Gesanglich und darstellerisch wie aus einem Guss waren der schwarze Minister von Karel Ludvik, der weiße Minister durch Jeffrey Dowd, sowie der außerordentliche Counter Jake Arditti als bizarr kostümierter Fürst Go-Go.

Kostbar waren die Kostüme des Liebespaares Amando und Amanda, Oktavian und Sophie aus dem “Rosenkavalier“ ließen grüssen. Gesanglich wie auch spielerisch konnten Karin Strobos und Elizabeth Cragg sehr gefallen.

Wie schon eingangs erwähnt, fand die Aufführung ein begeistertes Publikum.  Es kann jedem Liebhaber von außerordentlichem Musiktheater empfohlen werden, diese Produktion zu besuchen. Sie ist ein Lichtblick im öden Repertoire-Alltag weit und breit.     

IOCO / UGK  14.02.2015

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

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