Osnabrück, Theater am Domhof, Theaterfestival „Spieltriebe“ – Valerie Solanas, IOCO Kritik, 05.09.2017

Oktober 5, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 

Mit dem Geschlechter-Sujet in die Spielzeit 2017/18

Osnabrücker Theaterfestival  „Spieltriebe“

Von Hanns Butterhof

Kurz bevor ernstere Entzugserscheinungen einsetzen, legt das Theater Osnabrück wieder los und eröffnet die Spielzeit 2017/18 mit dem bewährten Theaterfestival „Spieltriebe“. Seine Leitgedanken sind Macht*Spiel*Geschlecht und drehen sich um die Frage nach der Konstruktion von Geschlecht.

Die „Spieltriebe“ präsentieren 12 neue Stücke. Wie schon die sechs vorherigen Male hat das Publikum die Auswahl aus fünf verschiedenen Routen, die teils an ungewöhnlichen Spielorten stattfinden, an denen jeweils zwei bis drei Stücke gezeigt werden. Alle Routen beginnen im Theater am Domhof mit dem Stück „Valerie Solanas – Präsidentin von Amerika!“  von Sara Stridsberg.

Es ist zu hoffen, dass die Produktionen der „Spieltriebe“ es schaffen, das nun auch nicht mehr so ganz frische Geschlechter-Thema von originellen Seiten zu beleuchten und das Publikum mit Theater statt mit Thesen zu bewegen. Zumindest was die Originalität betrifft, ist Sara Stridsbergs „Valerie Solanas – Präsidentin von Amerika!“ eine passendes Eröffnungsstück.

Theater Osnabrück / Valerie Solanas - Valerie Solanas wird von ihrer Mutter nicht beschützt - Maria Goldmann und Cornelia Kempers © Marek Kruzewski

Theater Osnabrück / Valerie Solanas – Valerie Solanas wird von ihrer Mutter nicht beschützt – Maria Goldmann und Cornelia Kempers © Marek Kruzewski

Alptraum der Präsidentschaft der Frau, die auf Andy Warhol schoss

Sara Stridsbergs Stück „Valerie Solanas- Präsidentin von Amerika!“ versucht, die flirrenden Erinnerungen der sterbenden radikalen Feministin einzufangen, die 1968 auf Andy Warhol geschossen hat. Die so grundsätzlich subjektiv verzerrten Szenen irritieren und hinterlassen einige Ratlosigkeit.
In einen weißen Hausanzug gekleidet liegt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zusammengekrümmt und sterbend allein auf der Bühne, die nur mit einer hohen, verwinkelten Eisentreppe möbliert ist (Ausstattung: Marina Stefan). Eine Projektion der einleitenden Sätze ihres „Manifests der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ stellt sie politisch und feministisch als Radikale vor, die über die Abschaffung der Männer hinaus die des Geldes und den Sturz der Regierung gefordert hat.

Der Sterbenden scheinen zentrale Szenen ihres Lebens auf, in denen sie Personen begegnet, die für sie wichtig waren: ihrer Mutter Dorothy (Cornelia Kempers), die wegschaute, als sie von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, ihrer aufgedrehten Geliebten der Studienzeit Cosmo-Girl (Marie Bauer) und dem Pop-Künstler Andy Warhol (Andreas Möckel), den sie mit drei Schüssen lebensgefährlich verletzt hat.
Diese Figuren sind kaum mehr als angedeutete Stichwortgeber für Valerie Solanas und verschwimmen mit anderen Personen. Um da durchzublicken, ist schon eine genauere Kenntnis der Biographie Valerie Solanas notwendig.

Maria Goldmann spielt Valerie Solanas als selbstbewusste Frau, die unverblümt provokant ihre Thesen heraushaut. Ihrem Universitätsprofessor Robert Brush (Andreas Möckel) hält sie institutionalisierte geschlechtsspezifische Benachteiligung vor, der wohlmeinenden Psychologin Cooper (Niklas Bruhn) erläutert sie breit, dass man die kranke Gesellschaft, nicht sie heilen müsste, und direkt ins Publikum vertritt sie ihre irritierende These vom rein mechanischen Gebrauch der Geschlechtsteile.

Theater Osnabrück / Valerie Solanas - Andy Warhol (Andreas Möckel) putzt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zum Star auf © Marek Kruzewski

Theater Osnabrück / Valerie Solanas – Andy Warhol (Andreas Möckel) putzt Valerie Solanas (Maria Goldmann) zum Star auf © Marek Kruzewski

Nur in der Schlüsselszene mit Andy Warhol, der sie anfangs zum Star im weißen Tutu aufputzt, bricht die theoretisch glatte Oberfläche auf. Als sie vor der Kamera von ihrer Missbrauchserfahrung berichtet, bekommt ihr Text Lücken, spricht sie in Bildern. Sie zeigt ihre Verletztheit und Verletzlichkeit ausgerechnet gegenüber Warhol, von dem sie sogleich wieder enttäuscht wird, als er das Interesse an ihr verliert.
So ist vielleicht psychologisch nachvollziehbar, dass Valerie Solanas auf Andy Warhol geschossen hat. Aber was sagt das über ihre feministisch-politische Position? Kann, sollte man sich Valerie Solanas als Präsidentin von Amerika vorstellen? Einige präsidiale Eigenheiten weist sie immerhin auf. Mit der gescheiterten Kandidatin Hillary Clinton teilt sie die Meinung, an ihrem Misserfolg seien die Anderen Schuld. Den gegenwärtigen Präsident übertrifft sie an Sexismus, und in ihrem demonstrierten Vernichtungswillen ist Valerie Solanas offen faschistisch. Ihre Präsidentschaft wäre ein Alptraum.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater Osnabrück, Nathan der Weise von G. E. Lessing, IOCO Kritik, 10.03.2017

März 11, 2017 by  
Filed under Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Nathan der Weise, das dramatische Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing von 1879, ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Das Licht der Aufklärung erlischt

Pessimistischer „Nathan der Weise“ im Theater am Domhof

Von Hanns Butterhof

Lessings Dramatisches Gedicht Nathan der Weise von 1879 ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise - Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Regisseur Schnizer und seine Ausstatterin Christin Treunert lassen das Stück in einem Flüchtlingslager spielen. Die Moslems beten mitten auf dem Platz, in einer Hütte hinten singen die Juden, während daneben die Katholiken versuchen, alle übrigen mit penetranten Bekenntnissen ihres Glaubens zu übertönen; Toleranz sieht anders aus.

Welche Aufgabe für die Regie, szenisch glaubhaft zu machen, dass gerade in einer so beengten, explosiven Lage nur Toleranz eine Chance zum menschlichen Miteinander eröffnet! Schnizer inszeniert stattdessen pessimistisch deren Chancenlosigkeit.

Das nur einer oberflächlichen Aktualisierung geschuldete Bühnenbild macht es schwer, an die Figuren und ihre Geschichte zu glauben. Da kehrt der reiche Kaufmann Nathan (Ronald Funke) mit seinen Waren ausgerechnet in ein Flüchtlingslager zurück. Der Sultan Saladin (Andreas Möckel) hat noch nicht gemerkt, dass er jetzt im Zelt und auf Kosten seiner Schwester Sittah (Marie Bauer) lebt; er interessiert sich mehr für religiöse Themen. Und wessen Gefangener kann der junge Tempelherr (Niklas Bruhn) in diesem Niemandsland sein?

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise - Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Selbsterhaltung, Eigeninteresse und religiöse Scheuklappen bestimmen die Handlungen im Camp, überdeutlich beim christlichen Patriarchen (Klaus Fischer) und Daja (Cornelia Kempers), der katholischen Erzieherin Rechas (Elaine Cameron), der Ziehtochter Nathans. Auch Nathan ist so aufbrausend wie vorsichtig, wenn er dem forschen, großsprecherischen Saladin seine Ringparabel erzählt; weise erscheint er nie. Und der Tempelherr bringt für seine Liebe zur kindlich aufgedrehten Recha ihren Ziehvater Nathan in Lebensgefahr. Wenn am Ende alle schreiend ihren je eigenen Gott loben und im Theater das Licht ausgeht, erlischt auch das Licht der Aufklärung.

Wegen der mit den Zelten des Camps zugestellte Bühne müssen die Schauspieler viele unmotivierte Wege gehen, um an den schmalen Streifen an der Rampe anzukommen, von wo sie dann szenisch unlebendig ins Publikum reden müssen. Trotzdem berühren in alldem einige Szenen unmittelbar. Etwa wenn der dankbare Nathan die Brandflecken auf der Uniformjacke des Tempelherrn küsst, die von der Rettung Rechas aus Nathans brennendem Haus stammen. Da empfindet man mit Nathan Dankbarkeit und leidet mit ihm daran, dass der junge Krieger diese Geste aus Judenverachtung zurückweist. Hier spricht die Aufführung ein Gefühl für allgemeine Menschlichkeit an und macht erfahrbar, wie sich Intoleranz und Vorurteil zerstörerisch darauf auswirken. Dieses Gefühl zu befördern, nicht mit Verweis auf Aktualität „realistisch“ zu dekonstruieren, wäre im Sinn von Lessings „Nathan“.

Nathan der Weise in Osnabrück: Die nächsten Termine: 14. , 30.3. und 5.4.2017  jeweils 19.30 Uhr, am 30.4.2017 15.00 Uhr im Theater am Domhof.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Der Revisor von Nikolai Gogol, IOCO Kritik, 08.09.2016

September 7, 2016 by  
Filed under Kritiken, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Boulevardesker Aktionismus aus Absurdistan von Hanns Butterhof – „In Gogols „Revisor“-Welt, die Christin Treunert als verkommene Kneipe gestaltet hat, gibt es keine guten Menschen. Jeder betrügt jeden, so gut er kann, jeder der kauzigen Typen hat Dreck am Stecken, angefangen beim Bürgermeister (Thomas Kienast), der sein Amt zur gewissenlosen Bereicherung missbraucht, über ……..“ 

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Boulevardesker Aktionismus aus Absurdistan

Der Revisor im Theater am Domhof

Flacher Einstieg für den neuen Schauspielchef Schnizer mit Gogols Komödie „Der Revisor“.  Von Hanns Butterhof

 Osnabrück / Theater am Domhof_Der Revisor_Bürgermeister und Ensemble © Marek Kruszewski

Osnabrück / Theater am Domhof – Der Revisor – Bürgermeister und Ensemble © Marek Kruszewski

Es gibt Korruption auf der Welt! Und schlechte Menschen dazu. Osnabrücks neuer Schauspielchef Dominique Schnizer hat Nikolai Gogols hundertachtzig Jahre alte Komödie „Der Revisor“ als Einstieg gewählt, um für den schlimmen Zustand der Welt zu sensibilisieren. Aber er verlässt sich zu sehr auf die ewige Aktualität des Themas. Statt es in glaubhaften Figuren lebendig werden zu lassen, liefert er kalten Kaffee aus Absurdistan.

In Gogols „Revisor“-Welt, die Christin Treunert als verkommene Kneipe gestaltet hat, gibt es keine guten Menschen. Jeder betrügt jeden, so gut er kann, jeder der kauzigen Typen hat Dreck am Stecken, angefangen beim Bürgermeister (Thomas Kienast), der sein Amt zur gewissenlosen Bereicherung missbraucht, über den bestechlichen Richter (Klaus Fischer) bis zur Leiterin des Hospitals (Cornelia Kempers), deren Patienten entweder von alleine gesunden oder ohne teure medizinische Versorgung sterben müssen.

Osnabrück / Theater am Domhof - Der Revisor und Frau des Bürgermeisters © Marek Kruszewski

Osnabrück / Theater am Domhof – Der Revisor und Frau des Bürgermeisters © Marek Kruszewski

Nur als ein Revisor aus der Hauptstadt angekündigt wird, der inkognito den Verbleib der staatlichen Zuschüsse an die Provinzstadt unter die Lupe nehmen soll, hört für einen kurzen Augenblick das Hauen und Stechen auf. Der bauernschlaue Bürgermeister organisiert eine Farce, die dem Revisor eine wohlgeordnete Stadtverwaltung vorgaukeln soll.

Es macht Spaß, Thomas Kienast im schlampigen Militärmantel und Pelzmütze zuzusehen, wie er seine Figur mit allen Facetten dörflicher Dämonie ausstattet. Autoritär bringt er seine Leute auf Kurs, andererseits kriecht er schmeichelnd vor dem vermeintlichen Revisor. Um dessen Gunst zu gewinnen, sieht er sogar darüber hinweg, dass der sich hemmungslos an seine dafür ganz offene Frau (Christina Dom) heranmacht.

Dieser Revisor ist alles andere als der erwartete. Das schmale Bürschchen im hellen Anzug,  dem Janosch Schulte eine fast sympathische Unbekümmertheit gegenüber der Wahrheit gibt, ist nur ein kleiner Beamter, der in der Stadt wegen Geldmangels gestrandet ist. Er wird erst durch die Unterstellung der übrigen, er sei der Revisor, zunehmend lustvoll zu dem, was sie sich unter einem Revisor gerne vorstellen wollen: jemand, der nicht genau hinschaut, aber genau so korrupt ist wie sie.

So ewig aktuell Korruption und Schlechtigkeit der Menschen sind, so wenig berühren die schrill überzeichneten Figuren, die bei aller heutigen Kostümierung nicht viel mehr sind als ins Absurde getriebene Stereotypen ihrer jeweiligen Schlechtigkeit. Mehr als sich über sie amüsieren, gar von ihnen eine tiefergehende Auskunft über den Zustand unserer Welt zu erhalten, ist nur bei größerer gedanklicher Anstrengung möglich.

Nach zwei bei allem boulevardesken Aktionismus nicht immer fesselnden Stunden gab es viel Beifall für das bemühte Ensemble. Von Hanns Butterhof

Der Revisor in Osnabrück: weitere Vorstellungstermine 10. und 20.9.2016 jeweils um 19.30 Uhr, am 18.9. um 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—