Wien, Wiener Staatsoper, 150 Jahre Wiener Staatsoper – ARTHAUS MUSIK, IOCO DVD Rezension, 06.08.2019

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

150 Jahre Wiener Staatsoper –   CD / DVD  zum Jubiläum

EAN:  4058407093954   – UPC:  4058407093954

von Marcus Haimerl

Am 25. Mai 2019 feierte die Wiener Staatsoper ihr 150-jähriges Jubiläum mit der Premiere einer Neuinszenierung von Richard Strauss Frau ohne Schatten, welche 100 Jahre zuvor ihre Uraufführung hier feierte. Zudem war der Komponist gemeinsam mit Franz Schalk von 1919 bis 1924  Direktor des Haus am Ring.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Staatsoper veröffentlichte ARTHAUS MUSIK, Halle (Saale) eine CD-/ DVD- Box mit großen Aufführungen und Premieren an der Wiener Staatsoper. Die DVD-Box umfasst insgesamt acht DVDs aus den Jahren 1978 bis 2014 und die Direktionszeiten von Egon Seefehlner (1. Amtszeit), Lorin Maazel, Claus Helmut Drese, Ioan Holender und Dominique Meyer und umfasst folgende Aufnahmen: Il Trovatore (Verdi), Carmen (Bizet), Turandot (Puccini), Elektra (Strauss), Lohengrin (Wagner), Don Giovanni (Mozart), Alcina (Händel) und Ariadne auf Naxos (Strauss).

IL TROVATORE (Giuseppe Verdi)

Am 1. Mai 1978 wurde Verdis Il Trovatore in der Inszenierung Herbert von Karajans aufgezeichnet. Es war die 98. Vorstellung in der Karajan-Inszenierung, die bereits 1968 Premiere feierte und mit 169 Aufführungen bis 1991 dem Repertoire erhalten blieb.

Die großartige Besetzung, die es nur in zwei Vorstellungen im Mai 1978 zu erleben gab, liest sich wie das who-is-who des Verdi-Gesanges der 60er und 70er Jahre. Piero Cappuccilli als Conte di Luna, Raina Kabaivanska als Leonore, Fiorenza Cossotto als Azucena und Placido Domingo als Manrico in der klassischen und etwas düsteren Inszenierung Karajans, der auch am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper stand, ist in jedem Fall eine der großen Sternstunden des Hauses.

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

CARMEN (Georges Bizet)

Am 9. Dezember 1978 hatte Bizets Oper Carmen in der Inszenierung des 2019 verstorbenen Franco Zeffirelli Premiere. Diese ebenfalls ausgesprochen klassische Inszenierung steht aktuell immer noch auf dem Spielplan und erlebte am 12. September 2018 seine bereits 164. Aufführung.

Unter dem Dirigat von Carlos Kleiber sangen in der Premiere Elena Obraztsova als Carmen, Plácido Domingo den Don José, Yuri Mazurok den Escamillo, Isobel Buchanan die Micaela und Kurt Rydl den Zuniga. Elena Obraztsova sang die Carmen insgesamt nur sieben Mal an der Wiener Staatsoper: einmal 1975 in der Inszenierung von Otto Schenk und sechs Mal in der Inszenierung von Franco Zeffirelli. Maßstäbe setzte Agnes Baltsa in dieser Zeffirelli-Inszenierung von. Sie sang diese Partie zwischen 1984 und 2004 insgesamt 59 Mal. Diese hervorragend besetzte Aufzeichnung von Bizets Meisterwerk zählt zweifelfrei auch zu den Höhepunkten in der Geschichte der Wiener Staatsoper.

TURANDOT (Giacomo Puccini)

1983 feierte Puccinis letzte Oper Turandot Premiere in einer Inszenierung des für seine Musical-Inszenierungen bekannten Harold Prince. Die opulente Umsetzung in den Bühnenbildern und Kostümen von Timothy O’Brien und Tazeena Firth erinnern auch ein wenig an das Genre Musical. Ebenso beeindruckend ist auch hier die Besetzung. Die ungarische Sopranistin Eva Marton gab die eisige Prinzessin Turandot, als Calaf erlebte man José Carreras und als Liù die italienische Sopranistin Katia Ricciarelli. In dieser starken Besetzung erlebt man auch die Aufzeichnung dieser spannenden Produktion. Auf insgesamt 61 Vorstellungen brachte es die Inszenierung ehe sie im März 2004 zum letzten Mal aufgeführt wurde.

ELEKTRA (Richard Strauss)

Ehe es durch die Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg im Jahr 2015 ersetzt wurde brachte es Harry Kupfers Inszenierung von Richard Strauss Atriden-Drama Elektra auf insgesamt nur 65 Aufführungen bis 2012. Die Premiere fand am 10. Juni 1989 zum 125. Geburtstag von Richard Strauss statt. In Kupfers Inszenierung dominiert die zerbrochene Statue Agamemnons die Bühne, auf welcher die hochkarätige Premierenbesetzung zu erleben war. Eva Marton als Elektra, Brigitte Fassbaender als Klytämnestra, Cheryl Studer als Chrysothemis, James King als Aegisth, Franz Grundheber als Orest und Claudio Abbado am Pult machen diese Aufzeichnung zu einem intensiven Erlebnis.

LOHENGRIN (Richard Wagner)

Bereits 1985 debütierte der spanische Tenor Plácido Domingo als Schwanenritter Lohengrin an der Wiener Staatsoper. Kein Wunder also, dass Placido Domingo auch zur Premierenbesetzung der Neuinszenierung durch Wolfgang Weber im Jahr 1990 gehörte. In dieser klassischen Regiearbeit, in welcher der Schwan als Projektion den Bühnenhintergrund dominiert, sangen neben dem spanischen Startenor in der Titelrolle Stars wie Cheryl Studer die Elsa, Hartmut Welker und Dunja Vejzovic Telramund und Ortrud und Georg Tichy den Heerrufer. Unter dem grandiosen Dirigat von Claudio Abbado wurde auch hier Operngeschichte geschrieben.

DON GIOVANNI (Wolfgang Amadeus Mozart)

Vor 150 Jahren wurde das Haus am Ring mit Mozarts Don Juan feierlich eröffnet. Somit darf auch dieses Werk in der DVD-Box nicht fehlen. Die Produktion des Hauses am Ring, die für die Wiener Festwochen allerdings am Theater an der Wien aufgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 1999. Zu dieser Zeit als das Regietheater schon länger auf dem Vormarsch war erlebte der Zuseher ein opulentes Kostümspektakel in der Regie von Roberto de Simone.  Unter dem großartigen Dirigat von Ricardo Muti verkörperten Carlos Álvarez den Don Giovanni, Franz Josef Selig den Commendatore, Adrianne Pieczonka die Donna Anna, Michael Schade den Don Ottavio, Anna Caterina Antonacci die Donna Elvira, Ildebrando D’Arcangelo den Leporello, Angelika Kirchschlager die Zerlina und Lorenzo Regazzo den Masetto in einer absolut sehenswerten Produktion.

ALCINA (Georg Friedrich Händel)

Unter Direktor Dominique Meyer kehrte auch die Barockoper an die Wiener Staatsoper zurück. Anstelle des Orchesters der Wiener Staatsoper setzte man auf Originalklangensembles wie im vorliegenden Fall Les Musiciens du Louvre-Grenoble unter dem Dirigat von Marc Minkowski. Die beinahe märchenhafte Umsetzung stammt von Adrian Noble, musikalisch brillieren Anja Harteros als Alcina, Vesselina Kasarova als Ruggiero, Veronika Cangemi als Morgana, Kristina Hammarström als Bradamante, Benjamin Bruhns als Oronte und Adam Plachetka als Melisso. Diese Produktion markierte den Beginn der Rückkehr der Barockoper an die Staatsoper, die in der Erstaufführung von Georg Friedrich Händels Oper Ariodante im Jahr 2018 gipfelte.

Ariadne auf Naxos – Christian Thielemann und Ensemble studieren die Oper ein
youtube Trailer Staatsoper Wien
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

ARIADNE AUF NAXOS (Richard Strauss)

Im Dezember 2012 löste die von den Salzburger Festspielen übernommene Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf nach 162 Vorstellungen die klassische Inszenierung von Filippo Sanjust ab. Bechtolf rückte die Handlung in die Zeit der Uraufführung, der zweite Teil, die Aufführung der Oper seria Ariadne gemeinsam mit der Opera buffa fand zwischen sandverzierten Klaviertrümmern statt. Die Aufzeichnung dieser Oper bot ein Wiedersehen mit dem 2019 plötzlich verstorbenen Kammerschauspieler Peter Matic, der als Haushofmeister aus dieser Produktion nicht mehr wegzudenken ist. Auch dem viel zu früh verstorbenen Tenor Johan Botha als Tenor / Bacchus wird mit dieser Aufnahme ein Denkmal gesetzt. Aber auch der Rest der Besetzung lässt sich hören: Soile Isokoski als Primadonna/ Ariadne sang hier eine ihrer letzten szenischen Produktionen; Sophie Koch als Komponist, Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer, Daniela Fally als Zerbinetta, sowie Adam Plachetka, Carlos Osuna, Jongmin Park und Benjamin Bruhns als Harlekin,Scaramuccio, Truffaldin und Brighella und das Dirigat Christian Thielemanns machen diese Aufzeichnung zu etwas ganz Besonderem.

Die im Beige der Wiener Staatsoper gehaltenen DVDs zeigen auf der Vorderseite eine Ansicht des Schwindfoyers, die DVD-Innenseite eine Perspektive von der Bühne auf den Zuschauerraum. Die acht DVDs befinden sich in einem Schuber mit einem Bild der Wiener Staatsoper auf der Vorderseite der Box.

Die limitierte Ausgabe von 1.869 Stück der DVD-Box mit einer Gesamtspielzeit von 1.290 Minuten ist um rund 100 € im Fachhandel erhältlich.

—| IOCO CD-Rezension |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, IL MATRIMONIO SEGRETO – Domenico Cimarosa, IOCO Kritik, 22.10.2018

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

IL MATRIMONIO SEGRETO  –  Domenico Cimarosa

– Eine heimliche Ehe mit unheimlich viel Klamauk –

Von Ingo Hamacher

IL MATRIMONIO SEGRETO weist als Lustspieloper des Rokoko alles auf, was eine gute Komödie der damaligen Zeit ausmacht: Großspurige Neureiche, verarmter Adel, junge Liebende, ein liebestolles ältliches Fräulein, Verwechslungen, Mißverständnisse, Lauschen an Türen, Bündnisse und schließlich die Aufklärung, die alle vorausgegangenen Verzweiflungen in Wohlgefallen auflöst.

Inszeniert wurde das Ganze von Stefano Mazzonis di Pralafera, dem Intendanten der Opéra Royal de Wallonie-Liège, der alle Register zieht, was Inszenierungsfreude, Witz und Klamauk hergeben.

Il Matrimonio segreto – Domenico Cimarosa
Youtube Trailer der Opéra Royal de Wallonie-Liège
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Zu Beginn der Ouvertüre betreten zwei livrierte Lakeien die Bühne, entfachen mit ihren Lampenanzündern die Bühnenbeleuchtung und bestätigen uns gleichzeitig unsere Vermutung, das wir auch heute im Prachtsaal der Lütticher Oper eine traditionelle, in der Entstehungszeit der Oper angesiedelte Aufführung erleben werden.

Der junge russische Dirigent Ayrton Desimpelaere setzt die Schwerelosigkeit von Cimarosas Musik gut um und entführt uns mit dem Orchester der Royal Opéra in eine Welt des unbeschwerten, problemlosen Wohlklangs.Sobald sich der Vorhang hebt, sehen wir, wie sich im Hause des reichen Kaufmanns Geronimo das junge Ehepaar Carolina und Paolino hinter einem Paravent im Bett vergnügen. Der colloraturreiche Part der Carolina wird von der jungen elsässischen Sopranistin Céline Mellon gesungen, die auch bereits in der Mailänder Scala zu hören gewesen ist. Als jungen Ehemann Paolino erleben wir den italienischen Tenor Matteo Falcier der sein Hausdebut gibt.

Aus Angst vor Zurückweisung hatte der Kaufmannsgehilfe Paolino den Mut nicht gefunden, seinen Chef und jetzigen Schwiegervater um die Hand seiner Tochter zu bitten. Da die Liebe jedoch so groß war, dass man unmöglich noch länger hätte warten können, haben die beiden Verliebten heimlich geheiratet. Es wird jedoch noch bis zum Ende der Oper dauern, bis beide den Mut finden, dies der Familie zu offenbaren.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Céline MELLON als Carolina und M. Falcier als Paolino © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Céline MELLON als Carolina und M. Falcier als Paolino © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die bunten Kostüme und grell geschminkten Gesichter der Protagonisten weisen das Stück als dass aus, was es darstellen soll: Einen spritzigen, komischen und lebensfreudigen Unterhaltungsabend. Kein Gag wird ausgelassen. So verhebt sich die Dienerschar prompt an den zu transportierenden Sesselchen, worauf sie den Rest des Abends nur gebeugt mit schwerem Rückenleiden ihren weiteren Dienst versehen können. Nur einem gelingt es, die Blockade seines Rückrades zu durchbrechen und in die Senkrechte zurück zu finden, was aus dem Orchestergraben prompt mit einem knarzenden Gestöhn begleitet wird.

Den schier unermeßlichen Reichtum des schwerhörigen Kaufmanns Geronimo, wunderbar gespielt und gesungen vom belgischen Bariton Patrick Delcour, können wir unschwer an der Pracht seines Hauses erkennen, die einem Schloß in nichts nachsteht. Diesem Mann fehlt auf Erden nichts, außer vielleicht noch die Nobilitierung seines Hauses durch die Verheiratung seiner beiden Töchter Elisetta und Carolina mit Mitgliedern des Adels, wodurch sein Glück vervollständigt würde.

Und diese Gelegenheit biete sich in Form eines verarmten Adeligen, der auf diesem Wege hofft, seine finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden. Als Ehemann für Geronimos älteste Tochter Elisetta vorgesehen, die ehrgeizigen Pläne des zukünftigen Schwiegervaters zu verwirklichen, reist der Conte Robinson mit Postkutsche und einem bühnenfüllenden Sammelsurium an Taschen, Koffern und dergleichen an. Das Spinett im Orchestergraben begleitet diesen spektakulären Auftritt mit Wagners Walkürenritt.

Dumm nur, dass der Conte Robinson, Mario Cassi, vor wenigen Wochen noch auf dieser Bühne in Verdis TROVATORE als Conte di Luna zu hören, sich auf den ersten Blick in die jüngere Tochter Carolina verliebt.

Man kann es ihm kaum verdenken. Die ältere Schwester Elisetta, Sophie Junker, eine 33 jährige bild- wie stimmschöne belgische Sopranistin, ist mit Hakennase und Hexenkinn ein Opfer des Masken- und Kostümbildners Fernand Ruiz geworden, der sich vermutlich in den Kulissen den Bauch vor Lachen hält.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Sophie JUNKER alsElisetta, Annunziata VESTRI als Fidalma, Celine MELLON als Carolina © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Sophie JUNKER alsElisetta, Annunziata VESTRI als Fidalma, Celine MELLON als Carolina © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Selbst auf die Hälfte der Mitgift will Conte Robinson verzichten, um die jüngere der beiden Schwestern heiraten zu dürfen. Und diesen Vorschlag soll ausgerechnet Paolino dem Herrn des Hauses überbringen. Vor Entsetzen fällt dieser erst einmal in Ohnmacht. Es wird noch einige Ohnmachten im Verlauf der Oper geben, schließlich spielt das Stück im Rokoko.

Es ist nicht leicht, Neid, Missgunst und Gezank der beiden Schwestern im Rahmen der Brautwerbung im Zaume zu halten. Aber auch wenn die Tante der Beiden, Fidalma, unverheiratete Schwester des Hausherren, alle Hände damit zu tun hat, fällt es ihr nicht schwer. Schließlich ist auch sie beflügelt von Liebesgefühlen, die dem jungen Gehilfen ihres Bruders gelten (Der ja schon verheiratet ist, was aber keiner weiß… Wir sehen eine Opera Buffa).

Die Rolle der Fidalma, Annunziata Vestri, ist mit dem italienischen Mezzosopran stimmlich ausgezeichnet, jedoch nicht ganz typgerecht besetzt. Vestri ist einfach zu jung, zu schlank und zu schön für die Rolle der Matrone Fidalma, so dass man oft den Eindruck hat, sie stünde als dritte Schwester der anderen Mädchen auf der Bühne.

Intrigen, Bündnisse und Missverständnisse steigern sich in schwindelerregende Höhen. Wechselnde Bühnenbilder (Jean-Guy Lecat), Beleuchtung: Franco Marri, führen uns durch das ganze Haus des Kaufmanns. Es scheint keine Lösung der Konflikte möglich; das Spinett intoniert Beethovens Schicksalssinfonie. Aus tiefer Verzweiflung planen Carolina und Paolino ihre nächtliche Flucht. Die an den Schlafzimmertüren lauschende Elisetta missinterpretiert die Männerstimme im Zimmer ihrer Schwester als die des ihr untreu werdenden Grafen: Sie bläst zum Skandal!!!

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Matrimonio - Celine MELLON als Carolina und Mario CASSI als Conte Robinson © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Matrimonio – Celine MELLON als Carolina und Mario CASSI als Conte Robinson © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die Herbeigeeilten werden Zeuge des Auftritts der Frischvermählten, die nun auch nicht länger die Wahrheit verschweigen wollen.

Elisetta darf die entstellende Gesichtsmaske ablegen und findet in ihrer nun erkennbaren zauberhaften Erscheinung umgehend das Wohlwollen des Conte Robinson, der sie jetzt natürlich sehr gerne heiraten möchte. Signor Geronimo verzeiht allen, und Tante Fidalma geht leer aus. Auch das Opernleben kann ungerecht sein.

In der abschließenden Ensemblenummer reißen sich dann noch alle Beteiligten die Kleider vom Leib und stehen in den Trikots der belgischen Nationalmannschaft auf der Bühne.  Großer Jubel.

Das Publikum ist mehr als zufrieden.Stimmlich und musikalisch eine äußerst gelungene Aufführung. Frenetischer Beifall mit rhythmischem Klatschen für alle Beteiligten nach einem vergnüglichen Opernabend.

Opéra Royal de Wallonie-Liège – Il Matrimonio segreto:  weitere Vorstellungen am 21.10.; 23.10.; 25.10.; 27.10.2018

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Lièg |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Il Trovatore – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.09.2018

September 21, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Il Tovatore  –  Giuseppe Verdi

Lütticher Inszenierung in der Tradition der „Grand Opéra“

Von Ingo Hamacher

Premiere von IL TROVATORE in Zusammenarbeit mit dem Teatro Lirico Giuseppe Verdi de Trieste am 16.09.2018 an der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Mit Giuseppe Verdis Troubadour startet die Oper Lüttich in die neue Saison. Nach drei Paukenwirbeln öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine nächtlich düstere Bühne, und das verworrene, ans grausame reichende Stück nimmt seinen Lauf.

Seit vielen Jahren verfolgt die lütticher Oper ein einfaches aber funktionierendes Konzept: Man überlässt Wagner den Deutschen, die Zeitgenossen und die Mutigen dem Brüsseler La Monnaie und Lüttich zeigt die Italiener: die klassischen Stücke, klassisch vorgetragen, mit den entsprechenden Kostümen und dem vornehmen Dekor.

Il Trovatore
Youtube Trailer Opéra Royal de Wallonie-Liège
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Stefano Vizioli verzichtet in seiner Regie auf zeitgenössische Bezüge oder eine moderne Interpretation. Statt dessen zeigt er eine Inszenierung, die dem Werk als Uraufführung zur Ehre gereicht hätte. Der international renomierte Opernregisseur Stefano Vizioli hatte sein Debut 1979 und hat seitdem zahlreiche Produktionen an bedeutenden Theatern und Opernhäusern in und außerhalb Europa aufgeführt. Im Januar 2017 wurde er künstlerischer Leiter des Teatro Verdi di Pisa.

Mit Begeisterung war das blutrünstige Bühnenstück EL TROVADOR von Antonio García Gutiérez bei seiner Uraufführung 1836 aufgenommen worden. Eine Liebesgeschichte und ein Bruderzwist. Ein idealer Plot für eine Oper. Verdi wandte sich an Cammarano, ein Libretto daraus zu machen.

Nach Reduktion der Schauplätze, Vereinfachung der Charaktere und Hinzufügung eines historischen Hintergrunds: Der Kampf des aragonischen Adels gegen Rebellen entstand dann mit Zigeunerromantik, Burgen- und Klostermotiven das verworrene, aber großartig vertonte Werk, das neben RIGOLETTO und LA TRAVIATA als Verdis Erfolgstrias berühmt geworden ist.

Die Uraufführung von Verdis Oper Il Trovatore, Der Troubadour, fand in Rom im Januar 1853 statt. Die Handlung dreht sich um die bittere Rivalität zwischen dem Grafen Luna, einem aragonischen Adeligen, und dem Troubadour Manrico, die beide in Leonora, eine Hofdame, verliebt sind.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Diese Dreiecksgeschichte wird durch die politische Gegnerschaft der beiden Rivalen und durch die Geschichte der Zigeunerin Azucena, die im Wahn ihren eigenen Sohn getötet und Manrico, den geraubten 2. Sohn des Grafen, als ihren eigenen Sohn erzogen hat, verkompliziert.

Insgesamt stellt Il Trovatore weniger ein folgerichtiges Drama, als vielmehr eine dramatische Szenenfolge dar, und steht damit in der Tradition der „Grand Opéra“. Dies aufgreifend erleben wir eine Bühne, auf der zwei verschiebbare hohe Treppenelemente im Bühnenhintergrund wechselnde Szenen andeuten, teils festungsähnlich vertäfelt, teils ein schlichtes Zigeunerlager andeutend. Dabei sind die verschiedenen entstehende Treppenanlagen Ausgangspunkt für die Tableau-artigen Chorszenen, vereinzelt verstärkt durch das Ballett. Verschiebbare Gaze-Elemente im Vordergrund deuten Szenenwechsel an und ermöglichen kurzfristige Umbauten. Die Kostüme sind zeitgenössisch. Bühne & Kostüme: Alessandro Chiammarughi, Licht: Franco Marri

Die größte Spannung, die einem Abend in klassischer Inszenierung erwächst, stammt aus der Musik. Verdi bleibt der Tradition des Dreiecksverhältnisses zwischen Sopran-Tenor-Bariton verpflichtet, wie er auch der italienischen Tradition: Kavantinen mit virtuosen Kabaletten und Ensembles mit ausgreifenden ‚Concertati‘ treu bleibt.

Der in Deutschland ausgebildete israelische Dirigent Daniel Oren, der weltweit an fast allen Großen Häusern gearbeitet hat (2014 wurde er Nachfolger von David Stern als Leiter der Israeli Opera in Tel Aviv), zeichnet mit dem bestens aufgelegten Orchester der Königlichen Oper der Wallonie/Lüttich ganz hervorragend die oft atemlose Nervosität und den drängenden Charakter der Musik. Den großartigen und klangschönen Chor und Extrachor (Einstudierung: Pierre Iodice) lässt er oft im Piano singen, und selbst die großen Ausbrüche behalten bei aller Klanggewalt eine Binnenstruktur.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore - hier : Yolanda Auyanet als Leonora und Fabio Sartori als Manrico © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Trovatore – hier : Yolanda Auyanet als Leonora und Fabio Sartori als Manrico © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Wenn Fabio Sartori als MANRICO seine Stimme zum Gesang erhebt, erleben wir ihn als beeindruckenden Verführer und tollkühnen Kämpfer. Der international gefeierte italienische Tenor hat Kraft ohne Ende und macht er eine sehr gute Figur. Im deutschsprachigen Raum wird er in Kürze in einigen Rollen erlebbar sein: AIDA in Wien, als NORMA sowie als TOSCA an der Deutschen Oper Berlin. LEONORA Yolanda Auyanet, in Las Palmas de Gran Canaria geboren, ist derzeit eine der bekanntesten spanischen Sopranistinnen ihrer Generation. Nach ihrem Debut in Bari als Musetta in Bohème erarbeitete sie sich ein umfangreiches Repertoir, mit dem sie inzwischen international gastiert. Sie hat einen gedeckten Sopran von großer Intensität, mit leuchtender Höhe, bei aller Beweglichkeit in den Verzierungen. Beide gaben in Lüttich ihr Bühnen-Debut.

IL CONTE DI LUNA Der 44-jährige Bariton Mario Cassi gab sein Operndebüt 2001 im Rahmen des Laboratorio „Voci in Musica“ der Stiftung „Musica per Roma“. Das Repertoire von Mario Cassi, der auch ein Wirtschaftsstudium absolvierte, reicht vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik, wobei Belcanto-Werke einen Schwerpunkt bilden. Er ist ein stimmgewaltiger Graf Luna von hoher Präsenz, der einen sehr virilen Bösewicht abgibt.

AZUCENA Violeta Urmana, eine litauische Opernsängerin (Mezzosopran, dramatischer Sopran). Im März 2016 wurde Violeta Urmana in Paris von Irina Bokowa, der Generaldirektorin der UNESCO, zur „UNESCO Künstlerin für den Frieden“ ernannt. Die Ehrung erfolgte als Anerkennung ihrer ständigen Bemühungen, Kultur als Mittel des Dialogs und zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses einzusetzen, und für ihren Einsatz zur Verwirklichung der Ziele der Organisation UNESCO, insbesondere in Afrika. SIe gestaltet die Rolle der Zigeunerin Azucena mit abgründiger Farbe und gibt ihr damit die brodelnden Unruhe, die der Figur ansteht. Auch sie ist erstmalig in Lüttich zu hören.

Opéra Royal de Wallonie-Liège - Der wunderbare Innenraum © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège – Der wunderbare Innenraum © Opéra Royal de Wallonie-Liège

FERRANDO Wird vom italienischen Baß Luciano Montanaro gesungen, INÉS Julie Bailly, eine international tätige belgische Mezzo-Sopranistin, RUIZ Xavier Petithan, Tenor
EIN ALTER ZIGEUNER Alexei Gorbatchev, Bass, EIN BOTE Sefano De Rosa, Tenor
Production : Opéra Royal de Wallonie-Liège, Teatro Lirico Giuseppe Verdi de Trieste

Enrico Caruso hat einmal gesagt, für Verdis Oper Il Trovatore brauche man nicht viel mehr als die vier besten Sängerinnen und Sänger der Welt. Ihm hätte diese Aufführung sicher gefallen, und seine Freude wäre das angemessene Kompliment für die großartigen Sänger gewesen. Die herausragenden Leistungen vor ausverkauftem Haus werden mit reichlich Szenenapplaus gewürdigt. Standing ovations, großer Jubel, Ovationen und nicht enden wollender Applaus ist der Dank für dieses großartige Erlebnis.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—