Luxor – Ägypten, Hatschepsut Tempel, AIDA : Interview mit Regisseur Sturm, IOCO Interview, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
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Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

AIDA – Hatschepsut Tempel von Luxor – 2019

Adelina Yefimenko spricht mit  Regisseur Michael Sturm  über dessen AIDA Inszenierung in Luxor

Adelina Yefimenko, (AY),: Michael, bekanntlich wurde AIDA zuerst nach einem Szenarium des Ägyptologen Auguste Mariette verfasst und inszeniert. Die Uraufführung der Oper von Giuseppe Verdi fand am 24. Dezember 1871 im Khedivial-Opernhaus in Kairo statt. Das ist eine sehr spannende und merkwürdige Geschichte einer italienischen Oper als Spätwerk des Reformators der Operngattung, die bis zur Gegenwart zum einen großen Teil der ägyptischen Identität anwuchs. Was ist für Sie in der Geschichte dieser Oper italienisch, bzw. europäisch und was ägyptisch? Wie verbinden sich diese zwei verschiedenen Mentalitäten in dieser Oper nach Ihrer Vorstellung?

Michael Sturm,  (MS): Es sind europäische Träume eines alten Ägypten, das es so nie gegeben hat und was Verdi auch nicht sonderlich interessierte. Er erfand sehr schöne neue Klangfarben, die sich gut im Wasser des Nils spiegeln. Das ist es dann auch schon. Die Welt, die Verdi erschuf, ist geprägt von religiösem Fanatismus, von nationalistischem Wahn und von der Liebe als solche, die in einer derartigen Welt nur absterben kann und im schwachen Hauch des Wortes „Frieden“ zu überleben hofft. Verdi dachte an seine Zeit, an den aufkommenden Kolonialismus, das morsche aber noch gefährliche Papsttum des Kirchenstaates. Und ich denke als Regisseur an Gewaltherrschaften, Regime und Gottesstaaten: ich denke, ich interpretiere, ob falsch, ob richtig, ich gehe in der Freiheit interpretierend spazieren. Und da begannen die Missverständnisse mit der Aida im heutigen Ägypten. Ich bekam sehr spät mit, dass Verdis AIDA als eine nationale Angelegenheit angesehen wird und die ägyptische Identität sich in der Oper widerzuspiegeln habe. Das schuf Missverständnisse und Konflikte. In die Öffentlichkeit wurde lanciert, dass ich diese Identität verletzen würde.

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

AY:  Wenn wir an die Entstehungsgeschichte des Werkes zurückdenken, erinnert man sich sofort, dass Verdi vom regierenden Khediven Ismail Pascha den Auftrag erhielt, eine ägyptische Hymne zu schreiben. Diese Idee lehnte der Komponist aber mehrfach ab. Die Behauptung, dass AIDA zur Eröffnung des Suezkanals komponiert worden, ist obsolet und nicht ganz korrekt. Aber der Konflikt zwischen der künstlerische Freiheit, nach der Verdi selbst strebte, und der Vorstellungen des ägyptischen Herrschers ist nicht neu und wiederholt sich immer wieder. Eine konträre Parallele zur dieser historische Situation sehe ich jetzt, als die ägyptische Regierung Ihre erste Regie für AIDA abgelehnte. Damals plante Khedive die Verdis Komposition einer Oper „in ausschließlich ägyptischem Stil“ für das neue Theater. Die neue ägyptische Regierung wollte von Ihnen ein neues Regiekonzept doch auch „im ausschließlich ägyptischem Stil“? Ist es ein Kompromiss für Sie die erste Regie für  AIDA in einer „Schublade“ zu schließen und ein neuer Weg, bzw. einen neuer Blickwinkel auf die Oper AIDA (Staatsforderung und Zensur angemessen) zu schaffen?

MS:  Man muss nun wissen, dass es einen privaten Geschäftsmann als Produzenten gab, der eine neue AIDA am Hatschepsut Tempel zeigen wollte, die erste AIDA nach dem Attentat von 1997. Er, der als Fremdenführer selbst Opfer dieses Attentates war, gab uns den Auftrag, Neues zu schaffen. Die Oper Cairo, die bisher immer für eine AIDA in Ägypten herhalten musste, wurde nicht angefragt. Im Nachhinein ergaben sich daraus zusätzliche Schwierigkeiten.

AY: Um Ihr Regie-Konzept zu entwickeln, sind Sie mehrmals nach Luxor gereist. Übrigens, Verdi war nie in Ägypten. Wie wichtig war für Sie von Ort zu erkunden, wie die menschliche Tragödie über die Liebe, Eifersucht, Heimat und Tod in die spektakuläre Kulisse des Hatschepsut-Tempels des altägyptischen Pharaonenreiches integriert wird? Welche Inspirationsquelle öffnete Ihnen den Nil – endlos wie der Tod?

MS:  Die Inspirationen haben wir uns alle vor Ort geholt, wir sind durch das Land gereist, sind in Pyramiden gestiegen, durch Tempel aller Zeitepochen gewandelt, haben Museen besichtigt, viele Menschen kennengelernt und gesprochen. Der Nil hat seinen Zauber und der Tempel der Pharaonin Hatshepsut eine leuchtende Kraft, irgendwie wärmend und mit offenen Armen, sehr speziell, besonders und sehr weiblich. Ein weiblicher Ort. Oberhalb ihres Tempels im Felsen hinter ihr wollten wir den Nil als visueller Effekt entspringen lassen, fettFilm mit Torge Möller sollte da ran. Das Wasser sollte über den Tempel, seine beiden Rampen und den langen Weg in Richtung Publikum fließen. Links vom Fluss sollte eine grüne Welt voller Palmen entstehen, rechts davon die lebensfeindliche Wüste sein. Die Äthiopier als assoziierbare rotschattierte Schmetterlinge hatten ihr Areal in der Oase, die Ägypter als tiefdunkle blaue Krähen in der Wüste. In unserer Tierfabel hätten sich im Triumphmarsch die Krähen aufgemacht die Oase zu überfallen, die Schmetterlinge gefangen zu nehmen und ihnen die Flügel zu stutzen. Der Tempel hätte in seinen ursprünglichen Farben geleuchtet, ein Sandsturm die ganze Geschichte unter sich begraben. Mit Howard Carter als Forscher und Tutanchamun-Ausgräber, der sich in die Rolle des Radames hinein träumt.

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

AY:  Fühlten Sie sich bei der Vorbereitungen ein wenig wie ein Ägyptologe? Oder verlegen Sie die Handlung in andere Zeiten und Räume, um neue Schichten von Bedeutungen freizulegen?

MS:  Man wird selbst zu Howard Carter, es ist unglaublich faszinierend in diese alte Zivilisation einzutauchen und sie mitzunehmen in die eigenen Gedanken. 3000 Jahre als eine Nation, allein diese Zahl macht Staunen und Schweigen. Es ist schon ein Unterschied ägyptische Sammlungen in unseren Museen zu sehen oder es vor Ort zu erleben. Und allein Hatshepsut, welch eine emanzipierte Frau, wie modern – vor 5000 Jahren.

AY: Und dieses Konzept wurde verneint? Warum? Welche radikale, vielleicht auch provokative Idee Ihrer ersten Inszenierung scheiterte durch die ägyptische Staats-Zensur?

MS: Als es um die Kostüme ging wollte man eine Altägyptischen Variante haben und alle Inszenierungsdetails wissen. Eine unerquickliche Diskussion, die dazu führte, dass ich anschließend erst einmal draußen war. Es sollte und wollte nicht provozieren, es war nur anders als gewohnt und erwartet. Man hat einen Begriff wie „Interpretation“ und bewertet ihn grundverschieden. Vor dem Brückenbau zwischen den Kulturen sollte man zuerst die Fundamente, auf denen die Brückenpfeiler stehen sollen, auf ihre Festigkeit prüfen und dann kann man bauen. Dann klappt es auch mit der Brücke des Verstehens, des Miteinanders. Nur so hat das letzte gesungene Wort der Oper eine Chance überhaupt gesungen zu werden, um nachklingen zu können in den Herzen der Menschen. PACE ist das Zauberwort, Frieden!

AY:  Inwiefern korrespondieren Ihre Ideen, bzw. hier die so genannte zweite „traditionelle“ Regie für Luxor, mit den Ideen Ihrer ersten Regie? (Ob die wirklich traditionell ist oder vortäuschend traditionell? Klischeehaft? Pseudoägyptisch?) Oder Sie stellen ganz neues Konzept dar?

MS:  Die nunmehrige AIDA ist kein Kompromiss, sie ist etwas ganz anderes. Mit den ursprünglichen Ideen hat das nichts mehr zu tun.

AY: In AIDA zeigt Verdi deutlich seine antiklerikale Haltung. Die Wissenschaftler, die behaupten, dass Verdi „musikalisch wie dramatisch deutlich ausgedrückt, ist, dass hinter dem Unglück der Liebenden und hinter dem Thron als treibende Kräfte die Priester stehen. Nicht der König ist der wahre Machtträger, sondern der Oberpriester. An allen wichtigen Wendepunkten trifft der Oberpriester Ramphis die Entscheidungen“. (Erhart Graefe). Kommt in Ihrer Inszenierung diesen Schwerpunkt zum Ausdruck?

MS: Ramphis ist das eigentliche Machtzentrum, er steht in seinem Fanatismus für nichts weniger als einen Gottesstaat, der König hat da wenig zu bieten. Und der Gegenspiel von Ramphis ist Amonasro, ebenfalls ein gewissenloser Fanatiker und Nationalist ist, der versucht seine Tochter zu manipulieren. Männliche Linien, die in Hass und Untergang münden. Die Frauen sind es, die Akzente setzen, insbesondere Amneris mit ihrer Erkenntnis, dass es über den Tod der Liebe hinaus den Hoffnung auf Frieden geben muss.

AIDA – 2019 im Hatschepsut Tempel von Luxor
youtube Trailer von Yasser Mustafa
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AY:  In einer Zeitschrift habe ich eine Anzeige entdeckt, die lautet: „Erleben Sie Giuseppe Verdis AIDA vor der Kulisse des Hatschepsut-Tempels in Luxor! … Ihr Studiosus-Reiseleiter öffnet für Sie die Tore ins alte Ägypten!“ Für mich klingt dies ein bisschen kurios, absonderlich und stellt die Frage: was ist letztendlich die Oper AIDA für zeitgenössische Ägypter? Dient die Oper um eine Menge von Touristen nach Luxor zu locken oder ist die Oper AIDA wirklich ein kulturelles und musikalisches Ereignis für Ägypter? Welches Ereignis musikalischer oder touristischer Art ist auch AIDA in Luxor für Europäer, die nach Luxor kommen?

MS: Mit der AIDA soll ein Tor nach Ägypten geöffnet werden, und ja, es ist ein Lockmittel. Klingt doch auch gut, was die Macher einer bekannten Reederei mit ihren rotlippigen Traumschiffen bestimmt bestätigen würden.

AY: Welche ägyptischen Komponisten könnten Verdi folgend am Hatschepsut-Tempel, einen anderen Tempel in Luxor oder im Khedivial-Opernhaus in Kairo seine Oper zum authentischen Ereignis für das Ägyptische Volkes machen? Oder macht solche besonderen Ereignisse nur Verdis AIDA in Ägypten möglich?

MS: Was der Nachbar sagt, der Mitarbeiter denkt, die Journalisten schreiben, das ist in Ägypten sehr wichtig. Es sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Vielleicht noch eine Geschichte zum Schluss. Als in Suez vor einigen Jahren eine AIDA im Beisein der Präsidenten Ägyptens und Äthiopiens stattfand, kam es nach der Aufführung zu erheblichen Missstimmungen, so wurde mir erzählt. Der Grund: im Triumphmarsch sollen die äthiopischen Gefangenen zu hart angegangen worden sein.

AY:: Im Finale des ersten Regie-Vorhabens wollten Sie eine Gestalt der Mumie zeigen, die sich von ihrem Gewande befreit. Sollte diese auferstehende Mumie das Befreiungs-Symbol für Ägypten andeuten?

MS: Das kann man so sehen. Sie hätte flüchten sollen, wäre aber wieder eingefangen worden. Wenn man in einer tragischen Oper auch mal lachen kann, warum nicht.

AY:  In AIDA 2019 in Luxor haben 150 Musiker aus der Ukraine teilgenommen. Das Dirigat übernahm die ukrainische Star-Dirigentin Oksana Lyniv, die das ukrainische Orchester INSO-LVIV leitete, und die ägyptischen und äthiopischen Völker wurden vom berühmten ukrainischen Chor DUMKA gesungen. Ihre Zusammenarbeit mit der ukrainischen Künstler führte schon die Produktion von Lohengrin am Nationalen Opernhaus in Lemberg zur explosiven Resonanz in den ukrainischen und deutschen Medien.

Was bedeutet für Sie solche Kooperationen, die eine sehr breite Perspektive für alle Sinne – künstlerische, kulturell-geographische, religiöse und sozialpolitische – verspricht? Welche künftigen Pläne dieser Kooperation können Sie verraten?

MS: Meine Rückkehr zum Projekt AIDA war Mitte Oktober. Ich musste von heute auf morgen ein völlig neues szenisches Konzept auf die Beine stellen und traf mich in Luxor vor den Proben mit meinen beiden Mitarbeitern Karla Staubertova und Andrey Maslakov. Am Tisch entwarfen wir den szenischen Plan, beide agierten danach wie von mir erwartet als Team in flacher Hierarchie. Licht, Technik, Ablauf, Organisation, szenische Proben und schließlich auch die Kostüme teilten wir untereinander auf. Seltsam, dass in der ukrainischen Medien meine Name als Regisseur dieser Produktion AIDA nicht erwähnt wurde.

Von der künstlerischen Leistungsstärke konnte ich mir schon einen Überblick verschaffen, er ist wirklich sehr gut. In Luxor waren es insbesondere Orchester, Chor und die beiden musikalischen Leiterinnen Oksana Lyniv und Margarita Grynyvetska, die mich künstlerisch sehr überzeugten. Großartige Sänger und Instrumentalisten und wunderbare Dirigentinnen, die visionär arbeiten und diesem Weg alles unterordnen. Dabei der DUMKA-Chor wirklich herausstach, der auch durch seine Bescheidenheit und Demut ein besonderes Plus erwarb. In Zukunft plane ich mit Chor DUMKA einen szenischen Elias von Mendelssohn. Das wäre doch was!

AY:  Wie sieht Ihr Gesamtfazit aus?

MS: Rückblickend muss ich bei diesem verrückten Projekt sagen, dass die letztlich zur Aufführung gebrachte Lesart die Richtige für Anlass, Ort und Umstände war. So sehr Schmetterlinge und Krähen, Ausgräber und Mumien richtig gewesen wären, umso falscher wären sie zu diesem Zeitpunkt dort gewesen. In den kommenden Jahren werde ich diese Aida mit Inhalt füllen und sie verbessern. Schritt für Schritt im Dialog mit meinen ägyptischen Freunden und Gesprächspartnern. Man mag irritiert sein über die gesamten Umstände, doch bewirken kann man nur mit langem Atem, mit viel Geduld und Muße, im Miteinander und im Wir.

Biografie Michael Sturm

Michael Sturm, *1963, wuchs in Hamburg auf. Er studierte Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg. Seine Ausbildung erweiterte er durch die Zusammenarbeit u.a. mit Harry Kupfer, Ruth Berghaus und Achim Freyer, den er als Teilnehmer an der Bühnenklasse am Bauhaus Dessau kennenlernte. Seither wirkt er als Regisseur, Dramaturg und Autor.

Als Regisseur wirkte Michael Sturm u.a. an den Staatstheatern in Kassel und Saarbrücken, der Staatsoper in Hamburg, an den Bühnen in Linz, Bremen und Dessau. Gastspiele führten ihn an das Nationaltheater Prag, nach Albanien an die Opera Tirana, an die ungarischen Opernhäuser in Debrecen und Szeged, sowie das Mazedonische Nationaltheater Skopje.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt Michael Sturm Die verkaufte Braut, 1995 im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt, Brundibár an der Wiener Kammeroper 1999, Fidelio in Tirana/Albanien 2007 und im Jahr 2008 die Uraufführung der Oper Gegen die Wand am Theater Bremen. Diese Produktion erhielt 2009 den „Europäischen Toleranzpreis“.

„Lohengrin“ inszenierte er in Saarbrücken/Luxemburg mit Constantin Trinks, für MEZZO-TV erfolgte 2008 Cileas „Adriana Lecouvreur“. Gemeinsam mit Ji?i B?lohlávek erarbeitete er am Nationaltheater Prag Mozarts „Cosi fan tutte“. 2017 wurde er zum „International Opera Festival“ ins irische Wexford mit Jacopo Foroni´s Margherita eingeladen. Hervorzuheben ist die polnische Erstaufführung von Richard Wagner´s „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Teatr Wielki Poznan und „Aida“ im Herbst 2019 vor dem Hatshepsut Tempel von Luxor.

—| IOCO Interview |—

 

Wien, Theater an der Wien, Euryanthe – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 11.01.2019

Januar 11, 2019 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Euryanthe – Carl Maria von Weber

Weber und „die Einführung des Übernatürlichen“

von Marcus Haimerl

Häufig findet sich Carl Maria von Webers große heroisch-romantische Oper Euryanthe nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Als Ursache betrachtet man gerne das Libretto der Schriftstellerin Helmina von Chézy, die Weber aus dem Dresdner „Liederkreis“ kannte, in welchem bereits der Librettist des Freischütz, Johann Friedrich Kind, Mitglied war. Nach dem Erfolg des Freischütz war Weber als Komponist in aller Munde und so war das Auftragswerk des Wiener Kärntnertortheaters auch keine Überraschung.

Allerdings litt er auch unter dem großen Erfolg des Freischütz. Aus gutem Grund musste er annehmen, dass von ihm Wiederauflagen der volkstümlichen Nummern seiner Erfolgsoper erwartet wurden: „Die Erwartungen der Masse sind durch den wunderbaren Erfolg des Freischützen bis zum Unmöglichen ins Blaue hinauf gewirbelt; und nun kommt das einfach ernste Werk, das nichts als Wahrheit des Ausdrucks, der Leidenschaft und Charakterzeichnung sucht, und alle der mannigfachen Abwechslung und Anregungsmittel seines Vorgängers entbehrt.“ (Weber in einem Brief an Franz Danzi, 13.02.1824). Mit diesem einfachen Werk meinte Weber seine Oper Euryanthe.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Als Vorlage für das Libretto diente Helmina von Chézy eine altfranzösische Ritterlegende aus dem 12. Jahrhunderts, welche Shakespeare bereits in seiner Cymbeline nach einer Novelle aus Boccaccios Decamerone verwendete. Weber wies den Rat Ludwig Tiecks nach einer realistischen Handlungsführung zurück und bestand gegenüber Helmina von Gézy auf die Einführung des Übernatürlichen.

Die zu Unrecht beschuldigte Euryanthe, Opfer einer Männerwette zwischen ihrem Verlobten Adolar und dem bösen Lysiart, ist der Motor der Handlung. Jedoch ist nicht wie in der Vorlage die Kenntnis eines Körpermals, heimlich im Bade beobachtet, das Beweisstück. Emma, die Schwester Adolars beging einst aus Gram über den Tod ihres Ehemanns Selbstmord. Wegen dieser Todsünde kann ihre Seele keine Ruhe finden, bis nicht ihr tödlicher Giftring mit den Tränen einer verfolgten Unschuld genetzt wird. Dies Geheimnis, an die heimtückische Eglantine verraten, löst das Drama aus. Denn diese stiehlt den Ring aus der Grabkammer und wird von Lysiart beobachtet. Da dieser bei Euryanthe mit seinen Verführungsversuchen gescheitert ist, verbünden sich Eglantine und Lysiart zu einem Liebespaar aus Rache. Da sich Euryanthe gegen die falschen Anschuldigungen Lysiarts nicht wehrt, führt Adolar, nun seiner gesamten Güter und Titel verlustig, seine Verlobte in den Tod. Als diese ihn vor einer Schlange zu retten versucht, lässt er Euryanthe allein im Wald zurück. Der König findet die junge Frau und diese offenbart ihm die zuvor verschwiegene Wahrheit. Während der Vorbereitungen von Lysiarts und Eglantines Hochzeit auf Adolars Schloss, gesteht Eglantine, der in einem Anfall von Wahnsinn Emma erscheint, dem König die Wahrheit. Lysiart ersticht die Wahnsinnige und wird selbst als Mörder verhaftet. Euryanthe und Adolar finden wieder zueinander und weil ihre Tränen den Ring benetzt haben, findet Emmas Seele ihren Frieden.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien holte nunmehr diese kaum gespielte Oper als Neuproduktion zurück in die Stadt der Uraufführung und beweist mit der Besetzung, dass Webers Werk durchaus spielbar ist. Constantin Trinks leitet das ORF Radio-Symphonieorchester Wien facettenreich mit großer Leidenschaft und weiß die Dramatik der Musik von Weber, die an mancher Stelle schon Wagner erahnen lässt, voll auszukosten.

Christof Loy verzichtet in seiner Inszenierung auf Mittelalter, Ritter oder gar Übernatürliches, ebenso auf Romantik und setzt ganz auf zwischenmenschliche Beziehungen und Personenführung. Ein weißer, sich trichterförmig nach hinten verengender Raum, mit einem Klavier, einem Bett und ein paar Stühlen ist die ganze Ausstattung (Bühne: Johannes Leiacker). Der sterile weiße Bühnenraum mit dem Bett am Bühnenrand erinnert dabei schon etwas an eine Heilstätte. Und Heilung sucht nicht nur die Seele der armen Emma. In diesem geschlossenen Bühnenraum reduziert  Loy die Romantik zu einem Kammerspiel zwischen den handelnden Figuren und zeigt, dass die handlungstreibenden Gefühle, enttäuschter Liebe, Rache und Erlösung, Allgemeingültigkeit besitzen.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Jacquelyn Wagner verkörpert die Titelfigur Euryanthe perfekt. Atemberaubend meistert sie die lyrischen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran und überzeugt auch in glaubwürdiger Rollengestaltung.  Mit durchschlagskräftigem Mezzosopran und packender Darstellung beherrscht Theresa Kronthaler die Bühne in der Partie der Eglantine. Mit seinem großen durchwegs dramatischen Bariton beweist Andrew Foster-Williams höchstes musikalisches Können als hinterlistiger Lysiart. Für seinen Körpereinsatz, er singt die Arie „Wo berg‘ ich mich“ zu Beginn des zweiten Aktes völlig unbekleidet, muss man dem Sänger zusätzlich hohen Respekt zollen. Der amerikanischeTenor Norman Reinhardt überzeugt mit strahlendem, höhensicherem Tenor in der Partie des Adolar. Beeindruckend auch Stefan Cerny der mit seinem schönen, dunklen Bass die Partie des Königs glaubhaft gestaltet. Auf höchstem musikalischen Niveau agiert auch der Arnold Schoenberg Chor.

Mit dieser Produktion bewies das Theater an der Wien erneut, dass man sich nicht nur gefahrlos den vergessenen Werken der Opernliteratur widmen, sondern damit auch noch Erfolg haben kann.

Euryanthe im Theater an der Wien:  Zur Zeit sind keine weiteren Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

München, Bayerische Staatsoper, Münchner Opernfestspiele 2018, IOCO Aktuell, 03.08.2018

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE  2018

Am 31.7.2018 gingen die Münchner Opernfestspiele 2018 mit Richard Wagners Parsifal zu Ende. Generalmusikdirektor Kirill Petrenko dirigierte die Neuinszenierung. Unter seiner Leitung standen außerdem Der Ring des Nibelungen und Il trittico. Mit dem Ende der Münchner Opernfestspiele verabschiedet sich das Pressebüro der Bayerischen Staatsoper in die Sommerpause. Dennoch blicken wir schon voraus auf den Herbst und die neue Saison.

Ab Beginn der Theaterferien gibt es das Angebot, die Virtual-Reality-Experience GELIEBT GEHASST UND 360° auch via eigenem Mobiltelefon anzusehen.

Die Münchner Opernfestspiele in Zahlen

Intendant Nikolaus Bachler beschließt die Festspiele in seiner zehnten Saison mit einer Gesamtauslastung von 98,04 Prozent. Die Auslastung bei den Opern- und Ballettvorstellungen im National- und Prinzregententheater betrugen dabei 99,52 Prozent. Insgesamt standen an 38 Tagen 70 Veranstaltungen auf dem Spielplan. Neben den Vorstellungen im Nationaltheater, dem Prinzregententheater und dem Cuvilliés-Theater bespielte die Bayerische Staatsoper im Rahmen der Festspiel-Werkstatt auch die Reithalle mit vier Produktionen (Auslastung 96,57%). Insgesamt wurden in dem Zeitraum vom 24. Juni bis 31. Juli über 83.500 Karten verkauft. Über 1.500 Karten gingen davon zum Preis von 10 Euro an Studierende und Schüler.

 Höhepunkte der Münchner Opernfestspiele 2018

Premieren

Bayerische Staatsoper / Orlando Paladino hier Mathias Vidal als Orlando und das Opernballett der Baerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Orlando Paladino hier Mathias Vidal als Orlando und das Opernballett der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Das Musiktheaterkollektiv HAUEN • UND • STECHEN interpretierte bei der ersten Festspiel-Werkstatt-Premiere Zeig mir deine Wunder die Oper Snegurotschka von Nikolai Rimski-Korsakow. Den nächsten Höhepunkt stellte die Premiere von Richard Wagners Parsifal in der Inszenierung von Pierre Audi und unter der musikalischen Leitung von Kirill Petrenko dar. Das Bühnenbild entwarf mit Georg Baselitz einer der wichtigsten bildenden Künstler der Gegenwart. Nach der Premiere des szenischen Konzerts Match! mit Musik von u.a. Mauricio Kagel feierte Nikolaus Brass’ Die Vorübergehenden Uraufführung in der Reithalle. Salvatore Sciarrinos Vanitas war die vierte Premiere der Festspiel-Werkstatt. Zum Abschluss der Festspiele inszenierte der Filmemacher Axel Ranisch im Prinzregententheater Joseph Haydns Orlando Paladino.

Prinzregententheater München / Günther Groissböck gestaltete hier mit Gerold Huber seinen gefeierten Liederabend, Rezension unten © Felix Loechner

Prinzregententheater München / Günther Groissböck gestaltete hier mit Gerold Huber seinen gefeierten Liederabend, Rezension unten © Felix Loechner

Festspiel-Opernabende

Zusätzlich zu den sechs Neuinszenierungen der aktuellen Saison – Le nozze di Figaro, Il trittico, Les Vêpres siciliennes, Aus einem Totenhaus, Parsifal und Orlando Paladino gelangte Der Ring des Nibelungen unter der Leitung von Kirill Petrenko sowie fünf weitere Opernproduktionen zur Aufführung, darunter Der fliegende Holländer mit Wolfgang Koch in der Titelpartie. Als Arabella war Anja Harteros unter der musikalischen Leitung von Constantin Trinks zu hören. Joseph Calleja, Thomas Hampson und Angela Gheorghiu verkörperten in Tosca die Hauptpartien. Gaetano Donizettis L’elisir d’amore wurde mit Olga Kulchynska und Vittorio Grigòlo auf die Bühne gebracht. Diana Damrau gab in Verdis La traviata die verzweifelt Liebende.

Liederabende
Bei insgesamt sechs Liederabenden sangen Anja Harteros, Elisabeth Kulman, Christian Gerhaher, Günther Groissböck, Krassimira Stoyanova und Rolando Villazón. Darüber hinaus trat Edita Gruberova bei einem Gala-Abend auf.

Ballett
Das Bayerische Staatsballett zeigte neben der Festspiel-Premiere Junge Choreographen die Neuinszenierung der aktuellen Saison: Anna Karenina und Portrait Wayne McGregor.

—| IOCO Aktuell Bayerische Staatsoper München |—

Wien, Theater an der Wien, Der Ring – In ungewohnter Gestaltung, IOCO Kritik, 09.01.2018

Januar 9, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Neuartige Ring-Trilogie:    Hagen – Siegfried –  Brünnhilde

Ohne Götter – Ohne Feuerzauber – Ohne Walkürenritt

Von Marcus Haimerl

Im Theater an der Wien wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, ein neuer Ring geschmiedet. Richard Wagners Ring des Nibelungen wurde auf drei aufeinander folgende Abende gekürzt, verbliebene Szenen völlig neu zusammengesetzt. Die Schöpfer dieser Ring Fassung – nach Richard Wagner – sind Tatjana Gürbaca (Inszenierung),  Constantin Trinks (musikalische Leitung)  und Bettina Auer (Dramaturgie.  Das Bühnenbild stammt von Henrik Ahr.

Die Idee: nachzuspüren wie es zur Ermordung Siegfrieds kam. Die Spurensuche erfolgt aus der Sicht der drei Beteiligten: Hagen dem Mörder, Siegfried dem Opfer und Brünnhilde der Initiatorin des Mordes.  Ausgehend vom Mord an Siegfried, welcher an jedem der drei Abende zu Beginn der Oper steht, kehrt man zurück in der Erinnerung dieser drei handelnden Personen und hört damit auch Musik aus jeweils zwei Werken des Rings. In Hagen ist dies Götterdämmerung und Rheingold, in Siegfried ist es die Walküre und Siegfried und in Brünnhilde Walküre und Götterdämmerung.

 Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier vl Mirella Hagen - Woglinde, Ann-Beth Solvang - Flosshilde, Raehann Bryce- Davis - Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier vl Mirella Hagen – Woglinde, Ann-Beth Solvang – Flosshilde, Raehann Bryce- Davis – Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Erster Abend –  Hagen

Ausgehend von Siegfrieds Ermordung kehrt die Handlung zurück an den Beginn von Rheingold. Der kleine Hagen (hier wurde seine Geburt wohl vorverlegt) wird Zeuge der Demütigungen Alberichs in einem Schlammbecken durch die Rheintöchter, in dieser Produktion Prostituierte. Alberich stiehlt das Rheingold. Da es auch kein Walhall, keine Götter oder Riesen gibt, tauchen auch gleich Wotan und Loge in Nibelheim auf. Mit dem Tarnhelm (zwei Kuhhörner) verwandelt er sich in einem Riesenwurm. Hier helfen die als Nibelungen verkleideten Rheintöchter und vollführen gemeinsam mit Alberich eine Stellung, die dem Kamasutra entnommen scheint. Bei der Verwandlung zur Kröte lässt Alberich einfach die Hosen runter und wackelt ein wenig mit dem Gesäß, ein Zusammenhang mit einer Kröte lässt sich hier nicht finden. Da Wotan in seinem Anzug und Auftreten einem Mafioso ähnelt, wird Alberich dann sogleich brutal gefoltert um an den Ring zu gelangen (hier handelt es sich um einen Schlagring) wird kurzerhand Alberichs Arm abgesägt. Schließlich geht es wieder zurück in die Götterdämmerung. Hagen bereitet den Mannen-Chor, offensichtlich Schuljungen in kurzen Hosen, die ständig dumm über die Bühne zappeln, auf die Rückkehr Gunters und Siegfrieds vor. Der erste Abend endet schließlich mit dem zweiten Akt der Götterdämmerung.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Zweiter Abend –  Siegfried

Nach der Szene von Siegfrieds Ermordung setzt die Handlung beim ersten Akt Siegfried ein. Wenn Siegfried nach seiner Herkunft fragt, wechselt die Szene zum ersten Akt der Walküre. Hundings Hütte sieht ein wenig nach Neubauwohnung aus, eine Esche sucht man hier vergebens. Vermutlich deshalb, weil Sieglinde erst bei ihrer Erzählung Notung das Brotmesser in das Sofa stößt. Schließlich muss der Zuseher Siegfried noch mitansehen, wie sein Vater Siegmund im Kampf Brotmesser gegen Hundings Holzkeule schließlich von Wotans Speer gefällt wird. Nun kehrt man zurück zur Handlung von Siegfried. Dieser klebt das Brotmesser mit Klebeband zusammen und gemeinsam mit Mime macht er sich zu Fafners Höhle auf, wo auch schon der Waldvogel, eine Obdachlose mit Plastiksäcken auf beide wartet. Fafner, er sieht ebenfalls wie ein betrunkener Obdachloser mit Kuhhörnern am Kopf aus, wird schließlich von Siegfried getötet. Nachdem er sich auch Mimes entledigt hat, trifft sich Siegfried mit Wotan am Picknicktisch, wo ein Modell des Bühnenbilds verbrannt wird, bevor sich Siegfried aufmacht Brünnhilde zu erwecken. Mit dem Finale Siegfried endet auch der zweite Abend.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Dritter Abend – Brünnhilde

Der dritte Abend beginnt, nach Siegfrieds Ermordung, mit Wotans Abschied von seiner Lieblingstochter Brünnhilde. Auf den Feuerzauber muss man jedoch hier verzichten. Als Übergang zurück zur Götterdämmerung hört man das Vor- und Zwischenspiel. Nachdem Waltraute ihre Schwester warnen konnte, ist auch schon Gunter/Siegfried zur Stelle um Brünnhilde abzuholen. Schließlich erlebt man erneut die Ankunft Gunters und Brünnhildens in der Gibichungenhalle. Der dritte Abend endet schließlich mit dem kompletten dritten Akt der Götterdämmerung. Das vorherrschende Bühnenbild an allen drei Abenden war ein trapezförmiger Kubus in der Mitte der Bühne. Hier wird der erschlagene Siegfried auf einem Seziertisch aufgebahrt, Wotan wird im Rollstuhl hineingeschoben und Gutrune, die Rheintöchter und Brünnhilde versammeln sich. Anstatt des finalen Weltenbrandes dreht sich der Kubus schließlich in die Bühnentiefe und der kleine Hagen und das Mädchen Brünnhilde reichen einander in einem Goldregen die Hand.

Die Idee und das Konzept zu diesem gekürzten und neugestaltetem Ring des Nibelungen auch im Hinblick auf kleinere Theater kann man durchaus als gelungen bezeichnen. Allerdings, wer den Ring nicht kennt, wird Schwierigkeiten haben der Handlung zu folgen und dem Kenner wird sich hier auch nichts Neues erschließen.

Die Regie von Tatjana Gürbaca bedient sich in der Klamottenkiste des Regietheaters. Es finden sich hier immer wieder Zitate aus anderen Regiearbeiten. Dafür wurde bei der Entwicklung der Personen gespart. Vor allem Siegfried bleibt bis zu seinem Tod ein dummer, naiver Junge. Wenn sich aber Brünnhilde während ihres Schlussgesanges, kurz vor dem nicht stattfindenden Weltenbrand, berührend von Wotan verabschiedet, einer Umkehr von Wotans Abschied aus Brünnhilde also, werden auch intensive und berührende Momente dieser Regiearbeit sichtbar.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie - hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie – hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Auch für die Sänger ist diese Produktion kein leichtes Unterfangen. Ingela Brimberg steht als Brünnhilde an allen drei aufeinanderfolgenden Abenden auf der Bühne und Daniel Brenna hat innerhalb von 24 Stunden sowohl Jung-Siegfried als auch den Götterdämmerungs-Siegfried zu singen. Trotz dieser Herausforderungen meistern beide ihre Partien tadellos. Ingela Brimberg kann mit ihrem kraftvollen, höhensicheren Sopran als Brünnhilde überzeugen.

Die Neufassung dieses Rings, die weitgehend auf Götter und Riesen verzichtet, macht Wotan leider nur zu einer Randfigur. Umso beeindruckender, was der griechische Bariton Aris Argiris aus dieser Rolle herausholt. Vor allem in seiner großen Abschiedsszene mit Brünnhilde  singt er mit großem, kräftigen Bariton einen intensiven und unglaublich berührenden, sehr eindrucksvollen Göttervater mit sehr schöner Diktion. Eine phänomenale Leistung auch der Alberich Martin Winklers. Er gibt alles und geht an  stimmliche Grenzen um den Alben glaubhaft zu verkörpern.

Samuel Youn ist ein durchaus beeindruckender Wagner-Bass und singt einen dämonischen Hagen, wie man ihn eher selten zu hören bekommt. Marcel Beekman singt Mime beinahe zu schön und Michael J. Scott als quirliger, hinterhältiger Loge ist eine Klasse für sich. Der junge isländische Bariton Kristján Jóhannesson verfügt über einen starken, durchsetzungsfähigen Bariton und ist ein beeindruckender Gunter. Daniel Johansson singt einen erstklassigen Siegmund ohne Mühe, Liene Kinca war sowohl als Gutrune als auch als Sieglinde zu erleben und meisterte die beiden Partien nahezu problemlos. Als Hunding war Stefan Kocan zu erleben. Krankheitsbedingt stellte der slowakische Bass die Partie auf der Bühne dar, den Gesang übernahm Samuel Youn bravourös, der diese Partie am selben Tag noch einstudiert hatte. Als Rheintöchter agierten Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang. Mirella Hagen war auch als Waldvogel und Ann-Beth Solvang als Waltraute zu erleben. Constantin Trinks trieb, als erfahrener Wagner-Dirigent, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien zu  Höchstleistungen an.

Am Ende jedes Abends standen ungeteilter Jubel seitens des Publikums für das Ensemble. Die Umformung von Richard Wagners gewohnt bekanntem Ring des Nibelungen in die andersartige Wiener Ring-Trilogie „nach Richard Wagner“ ist ein in vielen Facetten unerwartetes wie forderndes Abenteuer, auf welche sich der Besucher einstellen muß.

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