Belgien, Opera Vlaanderen – Antwerpen, Les Bienveillantes – Hector Parra, IOCO Kritik, 27.04.2019

April 26, 2019 by  
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Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen

LES BIENVEILLANTES (Die Wohlgesinnten) – Hector Parra

Uraufführung der Opera Vlaanderen,  Antwerpen

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Publikum der Welturaufführung von Hector Parras LES BIENVEILLANTES einvernehmlich einen großartigen Premierenabend, der insgesamt als Grenzerfahrung in Erinnerung bleiben wird. Jonathan Littell, anwesender Autor der der Produktion zu Grunde liegenden Romanvorlage, nach eigenen Angaben hat er zum ersten Mal eine der inzwischen wohl 16 Bühnenadaptionen seines Werkes besucht – die Idee der musikdramatischen Bearbeitung des Textes habe ihn besonders gereizt – zeigte sich ebenfalls begeistert.

Les Bienveillantes   –  Hector Parra
youtube Trailer des Opera Ballet Vlaanderen
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Nicht nur das Theater ist mit dieser Produktion deutlich überfordert. Der Bühnenvorhang will sich weder zum Beginn der Pause noch zum Ende der Aufführung schließen lassen. Auch das Publikum ließ deutliche Stress-Symptome erkennen. Trotzdem war der Publikumsschwund in der Pause minimal. Die Besucher wussten worauf sie sich einlassen würden; ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Produktionsteam hat sich mit dem äußerst komplexen Roman Les bienveillantes über den charmanten, kultivierten, aber moralisch verdorbenen SS-Offizier Max Aue befasst, der nicht nur Zeuge, sondern auch Mittäter des Schreckens des 2. Weltkriegs wird, ohne jedoch zur Verantwortung gezogen zu werden.

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Max behauptet, dass wir alle so handeln würden wie er, wenn wir uns in der gleichen Lage befänden. Und in seiner intellektuellen, bildungsorientierten und musikliebenden Haltung trägt er sich uns als Identifikationsobjekt geradezu an: Max Aue ist wie wir! Wir sind wie Max Aue! – Ich bin wie Max Aue… Die nahegelegte und naheliegende Identifikation mit dem durchaus sympathischen Protagonisten wird im weiteren Verlauf der Handlung noch zu einer Reihe von äußerst verstörenden emotionalen Erlebnissen des Betrachters führen.

 Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Teatro Real Madrid

Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie von Aischylos, Titel Die Eumeniden (deutsch: Die Wohlgesinnten). Aischylos redet damit jene auch als ‚Erinnyen‘ bezeichneten Rachegöttinnen aus der griechischen Mythologie auf wohlmeinende Weise an, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Eine andere Verbindung mit der griechischen Tragödie ist in der Oper die Anwesenheit des Chors. In seiner stimmstarken großen Präsenz verunmöglicht er dem Betrachter den oft gehegten Wunsch nach emotionaler Distanz, da er die Zuhörer mit der Macht des Gesangs und der entsprechenden Lautstärke direkt mit in das Handlungsgeschehen zieht.

Die französische Presse und Öffentlichkeit reagierten im Herbst 2006 größtenteils enthusiastisch auf Littells Werk Les bienveillantes. So sprach ein Kritiker in Le Monde von einem der „eindrucksvollsten Bücher, das je über den Nazismus geschrieben wurde“. Auch in Deutschland entwickelte sich schnell eine lebhafte, jedoch kontroverse Debatte.
Peter Schöttler, Historiker, äußerte: „Hier wird dauernd geballert, geschossen und gemordet, es spritzt das Blut und das Sperma und die Gehirnmasse – über Seiten hinweg. Offensichtlich hat der Autor da ein gewisses Vergnügen.“

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Thomas Steinfeld kritisierte den 1.400 Seiten starken Roman als „pornographisches Werk“ und „monströses Buch“. Michel Friedman warnte davor, das Judentum des Autors in den Vordergrund zu stellen, und hielt Littells Roman für „überschätzt und gefährlich“ zugleich. Die Historikerin Nili Keren lobte, dass Littell mit seinem Buch das Tabu einer Auseinandersetzung mit der Psyche der Täter gebrochen habe.

Ziel der Opern-Produktion sei es gewesen, die Inszenierung nicht als Bebilderung der Romanvorlage zu gestalten. Uniformen und Transportzüge ins Konzentrationslager als plakative Symbole seien nicht gewollt gewesen. Es sei darum gegangen, eine dramatische Ebene innerhalb des literarischen Materials zu entwickeln. Der Zuschauer soll sich in den halluzinierenden Geist der Hauptfigur Max versetzen. Die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester und der Mord an Max’ Eltern sind in dieser Inszenierung wichtige psychologische Schlüsselereignisse zum Verständnis der Entwicklung vor dem historischen Hintergrund des 2. Weltkriegs.

Die Struktur des Romans beruht auf einer Barocksuite, die aus aufeinander folgenden Tänzen besteht und von einer Toccata eingeleitet wird. Parra behält diese Struktur bei und verwendete auch die Johannespassion von Bach als Grundlage für seine Partitur. Es gibt aber nach Aussage Parras noch andere Zitate, die ihren Weg in die Oper gefunden haben wie u. a. Schostakowitsch, der eine Symphonie mit dem Titel Babi Jar [Schauplatz des größten einzelnen Massakers an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg, das unter der Verantwortung des Heeres der Wehrmacht durchgeführt wurde.] geschrieben hat und Bergs Wozzeck – ein Werk, das als „Kriegsoper”, aber auch als Werk über die menschliche Existenz viele Berührungspunkte mit Les Bienveillantes hat, während Bergs Lulu eine große Nähe zu Berlin und Max’ sinnlichen Abenteuern aufweist.

Dann waren da noch Die Soldaten von Zimmermann und die Siebte Symphonie von Anton Bruckner, die – wie im Roman erzählt wird – nach der Niederlage bei Stalingrad im deutschen Radio erklang. In der Oper wird die Musik selbst zum Drama und verweist auf die reiche Musikkultur von Max Aue. Hector Parra beschreibt seine Partitur als einen „Käfig voller Resonanzen” des westlichen musikalischen Erbes. Insgesamt liegt der Musik etwas stark soghaftes, leicht zu hörendes zu Grunde. Wie ein kaum zu fassender Sirenengesang, fast hypnotisch, dringt diese Musik in uns ein, und erweckt die emotionale Bereitschaft zu folgen und uns führen zu lassen.       Wir werden es bereuen.

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Die Handlung

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf eine leere Bühne frei. Weiße Wände. Neonlicht. Ein Tisch. — Der ehemalige Nazi-Offizier Max Aue blickt auf seine Vergangenheit zurück. Drei Damen betreten die Bühne, eine von ihnen beschmiert eine Stelle der Bühnenwand mit Scheiße. Max hat eine besondere Vorliebe für die französische Barockmusik und J.S. Bach. Mit Unterstützung des SS-Offiziers Thomas Hauser, den er in Berlin kennenlernt, macht er Karriere. Thomas wird zu einem engen Freund und Vertrauten. Er rettet Max mehrmals aus gefährlichen Situationen. Wir folgen Max durch die Geschichte des Dritten Reichs und hören seine innere Stimme.

Max scheißt auf die Bühne und kotzt. Es wird im Verlauf des Abends noch viel geschissen und gekotzt werden. Wir vernehmen, dass er und seine Schwester Una in jungen Jahren voneinander getrennt wurden, als sich herausstellte, dass sie eine inzestuöse Beziehung hatten. Ein alter, nackter Mann betritt die Bühne, geht zum vorderen Bühnenrand und stirbt. Er wird die nächsten 1 1/2 Stunden dort liegen bleiben.

Da Max seine einzige weibliche Liebe verloren hat, wendet er sich zukünftig in sexueller Hinsicht Männern zu. Max Vater verschwand auf mysteriöse Weise. Die Mutter heiratete den Franzosen Aristide Moreau, den Max abgrundtief hasst. Der immer wieder auftretende Chor besudelt die Bühenwände mit Fäkalschlamm und flutet damit den Bühnenboden. Max geht als Offizier der Einsatzgruppen in die Ukraine, wo er zum ersten Mal mit der Massenvernichtung der Juden konfrontiert wird. Eine junge nackte Frau wird auf die Bühne geführt. Auf dem Tisch stehend, mit einer Hand nach oben gebunden, wird sie unzählige Male sexuell mißbraucht und gefoltert. Es fließt Blut.

Etwa 45 Minuten nach Beginn der Aufführung stellt sich bei mir eine schwer niederzukämpfende Übelkeit ein. Ich beherzige den Trick, der Max Aue zu Beginn der Oper von seinem Freund verraten wurde: Immer flach durch den Mund atmen. Nach einer Viertelstunde ist der Brechreiz vorüber. Max wird nach Stalingrad geschickt, wo er wie durch ein Wunder dem Tod entkommt. Oft war Kannibalismus die einzige Möglichkeit, dem zwangsläufigen Hungertod zu entgehen. Auch Max ernährt sich von den beiden, inzwischen auf dem Tisch gestapelten Leichen.

Nach gut einer Stunde macht mir eine starke nervöse Anspannung zu schaffen. Mein Köper fühlt sich an wie wund; ich möchte, dass das alles so schnell wie möglich aufhört. Es wird aber noch 30 Minuten dauern, bis wir in die Pause entlassen werden. Die Leichen werden von der Bühne geschafft, wodurch es erträglicher wird. Nach vielen Jahren völliger Funkstille sucht Max seine Mutter in Antibes auf. Ein Flügel fliegt aus dem Schnürboden auf die Bühne ein. Eine Pianistin beginnt ein unendlich lyrisches Spiel und fliegt in Zeitlupentempo mit dem Flügel davon. Max erschlägt seinen Stiefvater mit der Axt und erdrosselt seine Mutter. Vom balsamischen Klavierspiel eingenommen, kann ich diesen Teil der Handlung regelrecht genießen. Max Aues Perversionen haben sich auf mich übertragen.

Pause: Ein belgisches Bier erfrischt

Der zweite, deutlich kürzere Teil der Handlung ist emotional kein größeres Problem. Wieder zurück in Deutschland stößt Max auf die Kriminalbeamten Clemens und Weser, die ihn des Mordes an seiner Mutter und seinem Stiefvater verdächtigen. Max spielt eine wichtige Rolle bei der Organisation der Zwangsarbeit der Juden in der deutschen Kriegsindustrie. Die Solisten und der Chor wälzen sich auf der Bühne in Fäkalschlamm. Max flieht vor den vorrückenden russischen Streitkräften in das Landhaus seiner Schwester in Pommern, wo er sich seinen sexuellen Fantasien hingibt. Er sehnt sich nach der Wiedervereinigung mit seiner abwesenden und inzwischen verheirateten Schwester Una.

Wieder auf der Flucht landet er im Inferno der Bombenangriffe auf Berlin. Eine in ihrer Lächerlichkeit und Sinnlosigkeit nur schwer zu ertragene Szene schildert eine Ordensverleihung an Max Aue durch Adolf Hitler, bei der Aue Hitler in die Nase beißt. Max beginnt ein neues Leben, duscht sich nackt auf der Bühne den Fäkalschlamm vom Leibe, bleibt jedoch allein „mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten [d.i. die Rachegöttinnen] hatten meine Spur wieder aufgenommen.

So die letzten Worte des Romans und auf der Bühne….

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen


Neben dem großen Umfang des Romans gab es bei der Übertragung ins Musiktheater auch andere Probleme wie beispielweise die riesige Anzahl von Figuren und die vielen Spielorte der Geschichte. Da Max Aue zwischen zwei Kulturen – der deutschen und der französischen – lebt, ist auch das Libretto zweisprachig. Französisch ist die Sprache seiner Jugend, aber auch seines neuen Lebens nach der Nazizeit. Die Übertitelung erfolgt auf Englisch und Flämisch, jedoch ist die Textverständlichkeit auf erstaunliche Art so gut, dass sich einem deutschsprachigen Zuhörer die Handlung ohne Unterstützung erschließt.

Ein weiterer Aspekt aus dem Roman, der bei der Übertragung in das Libretto übernommen wurde, ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Traum. Les Bienveillantes ist Musiktheater, das irgendwo zwischen Oper und Oratorium anzusiedeln ist. Insgesamt geht es um die Stimmen der Täter, um eine Polyphonie, die die Austauschbarkeit der Henker zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt eine kontinuierliche Mischung innerer und äußerer Stimmen.

Die Oper handelt von menschlicher Grausamkeit, von der Fähigkeit des Menschen, unfassbare Verbrechen gegen die eigene Spezies zu begehen, aber auch von der Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit des Menschen selbst.

Besondere Ovationen für die Leistung des Tenor Peter Tantsits als Max Aue, der  während der gesamten Dauer der Oper (drei Stunden) ohne Unterbrechung auf der Bühne steht und zwei Stunden singen muss. Es sei nicht leicht gewesen, die Partie zu besetzen, hatte uns das Produktionsteam im Vorfeld verraten.

Mitwirkende:

Musikalische Leitung: Peter Rundel, (* 1958 in Friedrichshafen) ist ein deutscher Geiger und Dirigent. Er studierte Violine und Komposition; bei Michael Gielen und Pèter Eötvös Dirigieren. Seit 1987 ist Peter Rundel international als Dirigent tätig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist zeitgenössische Musik.

Regie: Calixto Bieito, (* 1963 in Spanien) ist ein Opern- und Schauspielregisseur. Er hat sich als „Skandalregisseur“ mit modernen, expressiv-gewalttätig zugespitzten oder bewusst sexualisierten Operninszenierungen einen Ruf geschaffen.

Komposition: Hèctor Parra (* 1976 in Barcelona),  Les Bienveillantes ist die sechste große Musiktheaterproduktion für den katalanischen Komponisten Hèctor Parra. Seine Kompositionen werden von den bekanntesten und renommiertesten Ensembles der Welt aufgeführt. Seine Musik – inspiriert von Bach, Entdeckungen der modernen Wissenschaft und Dichter wie Celan und Tsvetajeva – verbindet kraftvolle Musikstrukturen mit einer unglaublich intuitiven und direkten dramatischen Kompositionsweise.

Libretto: Händl Klaus,  (* 1969), ist österreichischer Schriftsteller, Schauspieler, Filmregisseur und Dramatiker. „Die Wohlmeinenden“ ist sein 8. Opernlibretto. Bereits 2015 hat er „Wilde“ zur gleichnamigen Oper von Hèctor Parra geschrieben.

Bühne: Rebecca Ringst, (* 1975) lebt in ihrer Heimatstadt Berlin. Sie studierte in Dresden, wo sie 2002 als Bühnen- und Kostümbildnerin graduiert wurde. Ergänzende Studien mit dem Schwerpunkt Video führten sie an die Escola Superior de Disseny nach Barcelona. Ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Calixto Bieito began 2006. Diese künstlerische Partnerschaft führte sie in an zahlreiche Opern- und Schauspielhäuser der internationalen Szene.

Licht: Michael Bauer – zählt in der Lichtgestalter-Szene zu den hochgeschätzten Koryphäen. Seine kreativen Lichtbilder gelten als innovativ und wegweisend. Seit 1998 ist er als Leiter der Beleuchtungsabteilung an der Bayerischen Staatsoper verantwortlich für die Lichtinszenierungen von ungezählten Opern.

Kostüme: Ingo Krügler – studierte Kostüm- und Modedesign in Berlin und London und arbeitete bei Gaultier und John Galliano in Paris. Mit Calixto Bieito verbindet ihn seit Jen?fa an der Oper Stuttgart eine enge Zusammenarbeit.

Dramaturgie: Luc Joosten – war als Schauspieldramaturg in Antwerpen und Gent tätig. Seit der Saison 2010/11 ist er Chefdramaturg von De Vlaamse Opera Antwerpen.

Chorleitung: Jan Schweiger  –  Sein Studium im Chor- und Orchesterdirigieren absolvierte der gebürtige Österreicher an der Universität Mozarteum in Salzburg. Seit der Spielzeit 2013|14 ist Jan Schweiger Chorleiter an der Vlaamse Opera in Antwerpen, Belgien. Er führt den großartigen und klangstarken Opernchor souverän.

Besetzung

Maximilian Aue: Peter Tantsits
Peter Tantsits stammt aus Amerika und widmet sich mit seinem beweglichen und klangschönen hohen Tenor intensiv dem modernen und zeitgenössischen Musiktheater

Una Moreau, Schwester: Rachel Harnisch
Rachel Harnisch (* 1973) ist eine Schweizer Sopranistin. Sie ist gleichermaßen auf der Opernbühne wie im Konzertsaal zu Hause.

Héloïse Aue, Mutter: Natascha Petrinsky
Die in Wien geborene Mezzosopranistin Natascha Petrinsky begann ihre Karriere in Tel Aviv und war seit dem an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt zu Gast.

Aristide Moreau: David Alegret
Der 1974 in Barcelona geborene Tenor, studierte Gesang in Barcelona und Basel. Er gastiert an zahlreichen Opernhäusern, wie er auch als Konzertsänger auftritt.

Dr. Mandelbrod /Grafhorst /Kaltenbrunner: Gianluca Zampieri, italienischer Tenor war bisher in über 65 Opernrollen zu erleben.

Thomas Hauser: Günter Papendell (* 1975 in Krefeld) ist deutscher Opern-, Oratorien-, Lied- und Konzertsänger (Bariton).

Kommissar Clemens/Hafner/Hauptmann 1: Michael J. Scott (* 1981), Tenor, ist ein amerikanischer Sänger und Schauspieler.

Kommissar Weser/Hartl/Ober/Bierkamp/Hauptmann 2: Donald Thomson, ein junger schottische Bassbariton.

Blobel/ Hohenegg/Organist: Claudio Otelli. Der Bassbariton geboren in Österreich, absolvierte sein Gesangsstudium an der Wiener Musikhochschule und war anschließend Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper.

Quartett 1./Hilde/Frau 1.: Hanne Roos – 2004 startete die belgische Sopranistin Hanne Roos ihre professionelle Gesangsausbildung am Royal Music Conservatory in Gent.

Quartett 2./Helga/Frau 2.: Maria Fiselier – Die niederländische Mezzosopranistin Maria Fiselier gilt als eine der aufstrebenden europäischen Künstlerinnen und wird für ihre „außergewöhnlich warme, opulente Stimme, die mit Sensibilität verwendet wird“ gelobt.

Quartett 3.: Denzil Delaere  –  Der belgische Tenor Denzil Delaere schloss sein Studium 2008 mit der höchsten Auszeichnung an der School of Art in Gent ab. In der laufenden Saison 2018/2019 singt Denzil Delaere in mehreren Produktionen in der Vlaamse Opera.

Quartett 4./Hans/Mann/Russe: Kris Belligh, belgischer Bariton.

Hedwig: Sandra Paelinck, Altistin. Seit 2006 ist Sandra Mitglied des Chores of Opera Flanders. Inzwischen tritt sie zunehmend als Solistin auf.

Schupo: Erik Dello, belgischer Tenor,  Schupo: Dejan Toshev, mazedonischer Tenor,  Schupo: Mark Gough

Sinfonieorchester der Oper Flandern,  Chor der Oper Flandern

—| IOCO Kritik Opera Vlaanderen |—

Bremen, Theater Bremen, Lulu – Alban Berg, IOCO Kritik, 22.02.2019

Februar 22, 2019 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lulu – Alban Berg

– LULU – Eine Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen –

von Michael Stange

 Alban Berg © IOCO

Alban Berg © IOCO

Alban Bergs Oper Lulu fußt auf den Tragödien von Frank Wedekind, Erdgeist und Die Büchse der Pandora, welche dieser 1892 begann und trotz vernichtender Gesellschaftskritik 1898 / 1902  uraufführte, veröffentlichte.

Schonungslos stellt es die seelenlose Realität der Jahrhundertwende dar. Dramatik, Gewalt und sexuelle Phantasien sind die wirkungsvollen Zutaten dieses Vorläufers der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. Kern des Stückes sind Lulu und ein Reigen an Männern, die unter anderem durch ausschweifendes sexuelles Verhalten ihre charakterliche Zügellosigkeit offenbaren. Wichtige Anregungen verdankt das Stück auch Sigmund Freud und seinen Feststellungen zum Unbewussten und dem Verhalten des Individuums.

1937, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung von Wedekinds Tragödie Erdgeist folgte die Premiere von Alban Bergs unvollendeter Oper Lulu. Seine Komposition komplexer Zwölftonreihen zeichnet in Verbindung mit Wedekinds dramatischem Werk  die  erschütternde Wucht der Oper.

Lulu  –  Alban Berg
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Revolutionär und zugleich immer noch hochaktuell ist die Entlarvung der bürgerlichen Scheinmoral. Lulu ist eine von ihrer radikalen und triebhaften Umwelt zerstörte Frau. Ihr Schicksal endet aber für Alle fatal. Auf dieser nach Wedekind „Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“ drängen alle Personen des Stücks in eine Katastrophe. Bergs Lulu spannt auch den Bogen zwischen den Machtfantasien der Wilhelminischen Jahre und ihren faschistischen Spiegelbildern in den dreißiger Jahren, als Militarismus, Säbelrasseln, gesellschaftliche Unterdrückung und koloniale Ausbeutung die Welt prägten.

Regisseur Štorman beleuchtet die Figuren der Oper einschließlich der lesbischen Gräfin Geschwitz als Einheit beim Missbrauch von Lulu. Lulu ist Opfer und Sinnbild der Verrohung, des Abgrundes und des Todes. Lulu begeht einen Mord, flüchtet, prostituiert sich und entgeht dem Mordversuch Jack the Rippers und steuert einem ungewissen Ende zu. Das Bühnenbild des 1 Aktes ist ein dreidimensionales begehbares kaleidoskopartiges Spiegelkabinett vor schwarzem Hintergrund. Hier ist nicht Lulu die Hauptperson sondern alle Akteure werden im Spiegel reflektiert, strahlen zurück oder verirren sich im Raum. Dieses Kaleidoskop zerfällt schon im 2. Akt und ist zum Schluss des 3 Aktes verschwunden. Alle Personen sind als Spiegelbilder Schöns kostümiert. Nach dem Tod Schöns erscheint Lulu in einem Cat-Woman gleichen Latexkostüm und nimmt nach der Flucht die Fäden in die Hand. Bilderreigen, Kostüme und oft pantomimische Bewegungen erinnern an Fritz Lang Filme wie M oder Dr. Mabuse.

Dadurch ist Marco Štorman ein Gesellschaftsdrama von Unterdrückung und Ausbeutung gelungen. Gerade der Verzicht der Darstellung von Gewalt und Mord macht die Inszenierung umso beklemmender. Lulus Drama wird dadurch das Drama der Gewalt in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Äußerlich unversehrt steht sie am Ende an der Seite der Bühne. Dadurch sind die Wiederholung und Fortsetzung von Gewalt und Qual nicht ausgeschlossen.

Theater Bremen / LULU  - hier:  Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Das Theater Bremen hat für den von Berg nicht vollendeten 3. Akt nicht die bekannte ergänzte Fassung gewählt, sondern dafür Detlef Heusinger einen Kompositionsauftrag erteilt. Er holte für den dritten Akt das SWR Experimentalstudio auf die Bühne und erweiterte das Orchester um eine Bühenmusik. Diese bestand u. a. aus einem Theremin. Das Instrument, wird berührungslos berührungslos über Handbewegungen gespielt und erzeugt eine Vielzahl von Tonhöhen und Dynamiken, die mit mechanische Instrumente nicht erreichen. Hinzu kamen E-Gitarre, Synthesizer und Hammondorgel. Das Klangbild der Oper wird dadurch tonal geändert und wirkt sirrender, packender moderner und noch rauschender und intensiver.

Hartmut Keil versteht es, die Musik Bergs mit fein abgestuften Dynamiken und wo nötig mit dramatischem Applomb zur Geltung zu bringen. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein musikalisch zugewandter, wissender Partner. Seine Lesart und sein interpretatorisches Feingefühl machten die Oper zu einem orchestral differenziert leuchtenden packenden musikalischen Drama mit peitschender emotionaler Wucht.

Marysol Schalit gehört seit 2011 zum Ensemble des Theater Bremen und hat zuletzt als Marcelline in Fidelio Glänzendes geleistet. Marysol Schalit vereint atemberaubende Gesangstechnik, eine von weitem Atem getragene leuchtende Stimme, dramatische Wucht und phänomenale Spielfreude. Ihre darstellerische Eindringlichkeit als Lulu paarte sie mit einer anrührend kindlichen Zerbrechlichkeit. Stimmlich ist sie eine ideale Titelheldin. Ihr an sich warmes Timbre hellte sie gleichsam mädchenhaft auf, gelangte aber auch zu raubtierhafter Gefährlichkeit. Gesanglich gelang ihr ein herausragendes Rollendebut mit berückend, leuchtendem Ton und staunenswerten Koloraturen. Die mörderische Partie der Lulu brachte sie so stupend auf die Bühne des Theater Bremen.

Claudio Otelli war ein packender Dr. Schön und Jack the Ripper. Sein klangschöner dramatischer Bariton füllte die Partie mit stimmlicher Glut, dramatischem Feuer und verzehrender Kraft. Erschütternd stellt er die Selbstvernichtung und den Abstieg Schöns dar und lotete die Partie prächtig mit seinem farbenreich Bariton aus.

Theater Bremen / LULU - hier :  Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Chris Lysack sang trotz Indisposition einen höhensicheren, lustvollen Alwa mit unglaublicher Strahlkraft und faszinierender Bühnenpräsenz. Birger Radde war ein mächtig auftrumpfender lustvoller Tierbändiger und Athlet mit italienischem Heldenbariton. Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz verkörperte einen gutvoller und gefährlichen Vamp mit bestrickendem Mezzosopran. Christian-Andreas Engelhardt war Prinz, Kammerdiener und Marquis mit großem heldentenoralen Applomb. Stephen Clark gab Theaterdirektor und Bankier mit profundem und rundem Bass. Hyojong Kim war tenoral herausragender geschmeidig klangvoller Maler und Prinz von Uahubee.

Lulu im Theater Bremen ist packend mitreißendes Musiktheater. Das Ensemble verfügt über erfahrene und wohl disponierte Sänger/Innen, welche ihre anspruchsvollen Partien mit Sicherheit und dramatischer Intensität durchschreiten. Nie geraten sie an stimmliche oder darstellerische Grenzen. Das hervorragende Ensemble bewältigte Lulu – eine schwer zu inszenierende  moderne Oper – so mit scheinbarer Leichtigkeit. Die Bremer Philharmoniker machten mit Spielfreude und Durchleuchtung der packenden Partitur unter der Leitung von Hartmut Keils die Komposition Alban Bergs in selten gehörtem Maß durchhör- und erlebbar.

Lulu am Theater Bremen; weitere Termine am 28.02., 02.03., 24.03. und 07.04.2019.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Bremen, Theater Bremen, Premiere LULU – Alban Berg, 27.01.2018

Dezember 17, 2018 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lulu – Alban Berg

Premiere am 27. Januar 2019, 18 Uhr

Nach Frank Wedekind, Neufassung des 3. Aktes von Detlef Heusinger.  Nach Lulu. Ein Rock-Vaudeville die zweite Aufführung des Stoffs im Januar im Theater Bremen.

Fasziniert hat sie viele Männer: Nicht nur in der Doppeltragödie, die Frank Wedekind ihr widmete, zieht Lulu die sie Umgebenden unwiderstehlich in den Bann. Auch Alban Berg erlag dieser seltsamen Heldin und entwickelte aus einer einzigen, ihr gewidmeten musikalischen Zwölftonreihe seine gesamte Oper, die er zur Keimzelle seines Werkes erhob. Bevor er den 3. Akt vollenden konnte, starb er jedoch. Der aus Bremen stammende Komponist Detlef Heusinger entwirft mit elektroakustischen Instrumenten, wie E-Gitarre, Theremin und Synthesizer, eine flirrende Neufassung des 3. Aktes für die Inszenierung am Theater Bremen. Marysol Schalit, seit 2011 im Musiktheaterensemble engagiert, spielt und singt die hochgradig-intensive Titelpartie, Claudio Otelli, der schon als Wozzeck begeisterte, verkörpert Dr. Schön.

 Alban Berg © IOCO

Alban Berg © IOCO

In der Inszenierung von Marco Štorman erscheint die Lulu zunächst als Leerstelle und Projektionsfläche. Sie ist eine in Bild gebannte Männerphantasie, ein Umstand, der dem Team von vornherein sehr wichtig war, wie Dramaturgin Isabelle Becker betont: „Der Abend heißt zwar Lulu, er könnte aber auch genauso gut nach Dr. Schön benannt sein. Denn das Stück beschreibt durch und durch eine männliche Perspektive auf die weibliche Protagonistin. Von einem männlichen Autor geschrieben, von einem männlichen Komponisten in Musik gesetzt, wird Lulu zu einem Objekt stilisiert, das nur durch den männlichen Blick auf diese Weise existieren kann. Dieser Abend will die tradierten Geschlechter- und Machtverhältnisse offenlegen und mündet in einer alptraumhaften Verzerrung von Dr. Schön.“

Die Musikalische Leitung hat Hartmut Keil: Er war von 2002 bis 2016 an der Oper Frankfurt engagiert und dirigierte da neben allen großen Mozart-Opern ein breites Repertoire. Von 2003 bis 2012 war er musikalischer Assistent und Studienleiter bei den Bayreuther Festspielen, seit der Spielzeit 2017/2018 ist er als Erster Kapellmeister am Theater Bremen engagiert und hatte die Musikalische Leitung bei Puccinis „Il tabarro & Gianni Schicchi“, Dvo?áks „Rusalka“, Strawinskys „The Rake’s Progress“ und bei Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“.

Regie führt Marco Storman (*1980), er studierte an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Seit 2007 arbeitet er als freier Regisseur in Schauspiel und Musiktheater u. a. an Theatern in Wien, Stuttgart, Klagenfurt, Hannover, Hamburg und Bonn. In der Spielzeit 2016/2017 war er Hausregisseur am Luzerner Theater. Am Theater Bremen inszeniert er nach „Peter Grimes“, „Parsifal“ und „Candide“ mit „Lulu“ seine vierte Arbeit.

Detlef Heusinger , geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Komposition, Dirigieren, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie sowie Gitarre, Laute und Klavier an den Musikhochschulen in Bremen, Köln und Freiburg sowie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Im Zentrum seiner kompositorischen Arbeit stehen Werke für die Bühne, wie etwa „Der Turm“, der 1989 in Bremen am Theater uraufgeführt wurde.  Als Produzent und Regisseur der Video-Oper „Pandora I&II“ gestaltete er 1993 seinen ersten Musikfilm für Radio Bremen, dem 2001 „Sintflut“ für den SWR und das SF DRS folgte. Neben seiner Arbeit als Komponist unterrichtete Detlef Heusinger von 1990 bis 1996 an der Hochschule der Künste in Bremen und leitete regelmäßig eine Dirigierklasse bei der Mürztaler Musikwerkstatt. Seit 1991 ist Heusinger auch als Regisseur im Opern- und Tanztheaterbereich tätig. Seit Oktober 2006 ist Detlef Heusinger künstlerischer Leiter des SWR Experimentalstudios, für „Lulu“ am Theater Bremen hat er den 3. Akt neubearbeitet.


LULU – Alban Berg

Text  nach den Tragödien Erdgeist und Büchse der Pandora von Frank Wedekind. Uraufführung am 2. Juni 1937 am Stadttheater Zürich. Neufassung des dritten Aktes von Detlef Heusinger

Premiere 27. Januar 2019, 18 Uhr im Theater am Goetheplatz;  weitere Termine 29.01./ 09.02./ 15.02./ 20.02./ 28.02./ 02.03./ 24.03./ 07.04.2019

Musikalische Leitung:  Hartmut Keil, Inszenierung : Marco Storman, Bühne: Frauke Löffel, Kostüme: Sara Schwartz, Choreografie: Alexandra Morales, Dramaturgie: Isabelle Becker, Klangregie: Detlef Heusinger / Lukas Nowok

Mit: Marysol Schalit, Nathalie Mittelbach, Ulrike Mayer, Claudio Otelli, Chris Lysack, Christian-Andreas Engelhardt, Hyonjong Kim, Loren Lang, Birger Radde, Stephen Clark, Julia Huntgeburth, Gabriele Wunderer, Martina Parkes, Wolfgang von Borries, Jörg Sändig, Sami Similä

Es spielen die Bremer Philharmoniker,  Theremin : Carolina Eyck / Thorwald Jorgensen / Christian Mason, E-Gitarre : Jürgen Ruck, Klavier :  Ernst Surberg

—| Pressemeldung Theater Bremen |—

Bremen, Theater Bremen, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 05.10.2018

Oktober 6, 2018 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

 Fidelio – Ludwig van Beethoven

– Grandiose Bremer Freiheitsode –

Von Michael Stange

Ludwig van Beethofen © IOCO

Ludwig van Beethofen © IOCO

Beethovens Fidelio wurde nach der Aufführung der dritten revidierten Fassung zum Symbol des siegreichen Freiheitskampfes gegen Napoleon. Die großen Bühnen in Deutschland und Europa brachten das Werk in zügiger Folge heraus. Goethe, damals Intendant des Hoftheaters in Weimar, nahm Fidelio schon 1816 ins Programm, Carl Maria von Weber dirigierte 1823 die Dresdner Erstaufführung, 1830 wurde die Oper erstmals in Paris gegeben, 1831 folgte die Premiere in London.

Richard Wagner erlebte das Werk mit 16 Jahren 1829 in Leipzig. Dies führte zum Entschluss Opernkomponist zu werden und die Themen Treue und Aufopferungen bildeten zeitlebens einen zentralen Aspekt seiner Opern.

Die politische Aktualität der Oper besteht fort. Politische Gefangene, Unrechtsysteme, Folterungen, Unterdrückung, staatliche Gewalt, Lebensgefahr und Terror prägen heute den Alltag von Millionen von Menschen.

Daran knüpft die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich an. Leonore ist eine liebende Frau, die – auch um ihren Gatten zu befreien – gegen die herrschenden politische Gewalt kämpft, um die Freiheit ihres Mannes zu erreichen und letztlich auch die Willkürherrschaft zu beenden.

Theater Bremen / Fidelio - hier : Myrisol Schalit, Christoph Heinrich, Nadine Lehner, Joel Scott © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier : Myrisol Schalit, Christoph Heinrich, Nadine Lehner, Joel Scott © Jörg Landsberg

In einer Zeitreise durch Theatergeschichte erinnert Dittrich durch Videosequenzen an frühere historische Ereignisse in Paris, Leningrad und Deutschland an und nimmt Bezug auf dortige Fidelio-Inszenierungen aus den jeweiligen Epochen seit der Entstehung der Oper.

Gleichzeitig stellt er Teilhabe an und Einmischung in politische Prozessen als wichtige Aufgabe des Einzelnen dar. Durch Einbeziehung des Publikums in die Handlung fordert er zur Aktivität, zur Emanzipation und zur Positionierung auf. Zuschauerraum und Bühne verschwimmen ineinander. Sechzig Zuschauerinnen und Zuschauer werden im 2. Akt an einen großen Tisch auf die Bühne gebeten werden und das Finale wird von Chor und Ensemble vom 2. Rang herunter gesungen. Dieses Konzept geht auf und steigert ungemein die Botschaft des Werks durch die Involvierung des Publikums.

Theater Bremen / Fidelio - hier - Christian-Andreas Engelhardt, Claudio Otelli, Tischgesellschaft © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier – Christian-Andreas Engelhardt, Claudio Otelli, Tischgesellschaft © Jörg Landsberg

Yoel Gamzou ist ein Glücksfall für das Theater Bremen. Schon in der Ouvertüre zeigen er und die ihm mit Spielfreude, technischer Brillianz und Feuer folgenden Bremer Philharmoniker eine temporeiche, spannende nuancierte Wiedergabe. Die ausgewogene Orchesterbalance und die stete Hörbarkeit der Streicher erzeugen durchgängig ein präsentes und beeindruckendes Orchesterbild. Poesie im 1. Akt paart sich mit dramatischer Attacke im 2. Akt. Welches Feuer die Bremer Philharmoniker aufbringen, zeigt die Videoinstallation der Leonoren Ouvertüre vor dem Finale in der das Orchester auf der Leinwand zu sehen ist. In diesem Farbreichtum und dieser Präzision dürfte das andernorts kaum zu hören sein.

Gesanglich bewegt sich die Aufführung auf höchstem Niveau. Nadine Lehner gelingt als Leonore trotz ihrer eher lyrischen Stimme ein farbenreiches Rollenportrait mit dramatischer Attacke und farbenreichen Facetten. Claudio Otelli ist ein Pizarrro mit ausladendem Bariton, heldischer Attacke und abgrundtiefer Bösartigkeit.

Theater Bremen / Fidelio - hier : Nadine Lehner, Claudio Otelli © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier : Nadine Lehner, Claudio Otelli © Jörg Landsberg

Christian-Andreas Engelhardt überzeigt als Florestan auf ganzer Linie. Mit baritonalem Timbre meistert er furchtlos mit ausgeglichener, bruchloser Gesangslinie in allen Registern die Arie des Florestan im 2. Akt. Wuchtig und durchschlagskräftig gelingen ihm auch die hohen Töne des himmlischen Reichs. Christoph Heinrich portraitiert einen sympathischen Rocco mit sonorem und rundem Bass. Marysol Schalit ist vom Timbre her fast über die Marcelline hinausgewachsen. Gleichwohl gelingt ihr ein gesanglich exzellentes Portrait mit berührendem, strahlenden Ton und brillanter Geläufigkeit auch in den hohen Lagen. Joel Scott ist ein lyrischer und durchschlagskräftiger Jaquino. Diese ausgezeichnet Sängerriege rundet der Don Fernando von Daniel Ratchev ab, der Autorität und lyrische Gesangslinie glücklich vereint.

Mit diesem Fidelio ist dem Theater Bremen musikalisch und szenisch ein großer Wurf gelungen.

Fidelio am Theater Bremen; die nächsten Termine: 4.11.; 10.11.; 16.12.2018; 10.1.2019

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