Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 11.09.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini

– Rosina, eine Geigerin, umwirbt den eine silberne Klarinette spielenden Grafen Almaviva –

von Ingrid Freiberg

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Das Personal kennen wir! Beaumarchais, Sturmvogel der französischen Revolution, hat zwei Komödien vorgelegt: II barbiere di Siviglia (1775) und Le nozze di Figaro (1784). Mozart vertonte letztere 1786, Rossini erstere 1816. Die Handlung bei Rossini geht der Handlung bei Mozart voraus – verwirrend! Rossinis Vertonung des ersten Teils von Beaumarchais’ Figaro-Trilogie ist Komödie, musikalisches Funkensprühen – und ein Vorgeschmack auf die gesellschaftskritischen Töne, die Mozart in Le nozze di Figaro lauter werden lässt. Der Intendant des Hessischen Staatstheater Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, entschloss sich trotz der strengen einengenden Corona-bedingten Vorgaben, auf zwei aufeinanderfolgenden Abenden diese beiden Opern auf die Bühne zu bringen. Hierbei handelt es sich um eine ideengeschichtliche Gegenüberstellung, die anhand von Schlüsselszenen versucht, den Barbier als reaktionäres Gegenstück zu Mozarts aufklärerisch geprägtem Le nozze di Figaro zu deuten.

II barbiere di Siviglia

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais,© IOCO / GFelix

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais,© IOCO / GFelix

Gioacchino Rossini hat Opern geschaffen, die bis heute weltweit die Opernkultur prägen und scheinbar zeitlos überdauern. Der vielseitige französische Literat Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, der ursprünglich Uhrmacher, zeitweise auch Geheimagent im Dienste Ludwigs XVI. und versierter Geschäftsmann war, arbeitete ab 1772 am ersten Teil der Trilogie rund um die Figaro -Figur. Le Barbier de Seville wurde in der Comedie Frangaise uraufgeführt, aber aufgrund seiner Länge enttäuscht aufgenommen. Innerhalb von nur drei Tagen kürzte Beaumarchais die Komödie auf vier Akte und sicherte sich einen grandiosen Erfolg. Es war das Pariser Ereignis schlechthin und der Höhepunkt im Leben von Beaumarchais. Selbst die Einnahmen des Tages stellten einen Rekord in der Theatergeschichte dar: 6511 Livres. Erst dreißig Jahre nach Mozarts Le nozze di Figaro komponierte Rossini seine Oper (Libretto Cesare Sterbini): Figaro, ein stadtbekannter Barbier in Sevilla, unterstützt den Grafen Almaviva bei der hindernisreichen Eheschließung mit Rosina, dem Mündel des mürrischen Don Bartolo. Der verliebte Alte will sie heiraten; ein junger und aufgeweckter Liebhaber kommt ihm zuvor und macht sie am gleichen Tag, vor der Nase und im Haus des Vormunds, zu seiner Frau. Bartolos Wut verraucht schnell, als ihm der Graf Rosinas Mitgift schenkt. Das ist die ganze Geschichte, aus der man nun mit gleichem Erfolg eine Tragödie oder eine Komödie bzw. ein Rührstück machen kann.

Der Barbier von Sevilla – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Musik-Theater, sehr sehr konsequent…

In seiner ersten Opernregie überrascht Tilo Nest das Publikum mit einem hochgefahrenen Orchestergraben, links die Bläser, rechts die reduzierten Streicher, dazwischen die Holzbläser. Wo scheinbar nur Musiker zu sitzen scheinen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen, dass Rosina als Geigerin mit dem Grafen Almaviva schöntut, der eine silberne Klarinette spielt. Wegen ihrer Unaufmerksamkeit wird sie vom Dirigenten von der Bühne verwiesen. Kurz darauf ist sie von der Proszeniumsloge aus zu hören. Der Musiklehrer Basilio spielt Bass, Ambrosio Posaune. Der Abend beginnt mit schrecklichen Misstönen, bis Figaro den Maske tragenden Dirigenten darauf aufmerksam macht, dass die Partitur auf dem Kopf steht, und sie für ihn richtig herumlegt! Überhaupt trägt das Faktotum der ganzen Stadt schon zu Beginn zum Gelingen der Oper bei: Er kümmert sich im das marode Licht, kehrt die Bühne, bürstet den Vorhang, versenkt den Orchestergraben, dirigiert parodierend mit und zeigt schon zu Beginn seine vielfältigen Fähigkeiten! Einnehmende Regieeinfälle! Figaros Scherze allerdings sind überflüssig und plump… Das Credo von Tilo Nest, Theater ist für mich das Gegenteil von Stillstand, unterstreichen Wedelbewegungen, jeder zeigt auf jeden, es gibt sich wiederholende Slow Motions – eine äußerst turbulente Fassung. Alle Personen dieser akrobatisch virtuosen Buffa scheinen manchmal nicht ganz dicht zu sein. Dass der Abend stimmig wirkt, verdankt diese sehenswerte Inszenierung auch dem sich enthusiastisch und mit immenser Lust auf das Spiel einlassenden Ensemble. Musik-Theater, sehr sehr konsequent…

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : Graf Almaviva und Bartolo © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : Graf Almaviva und Bartolo © Karl + Monika Forster

Das Bühnenbild von Gisbert Jäkel gibt mit seinen klassisch variablen Fassaden, angelehnt an die Entstehungszeit, Raum für ein geschwindes Verwirrspiel. Die Kulissen werden hereingeschoben, herabgesenkt, die Drehbühne eingesetzt, Umbauten werden blitzschnell ausgeführt. Jäkel bezieht sich auf die allgegenwärtigen Corona-Gerüchte und lässt Don Basilio von Figaro Fledermausflügel anziehen. Eine schillernde Echse in Rosinas Zimmer trägt wie sie eine überdimensionale Perlenkette, die von ihr kokett reitend geschwungen wird. Der Flügel im Musikzimmer hat keine Beine und dient auch als Tanzfläche oder gar als Metapher, wenn beim Spiel von Almaviva / Alonzo Schaum aus dem Instrument tritt… Bartolos Haus wird mit einem Violinschlüssel aufgeschlossen. Ein heftiges Gewitter zieht mit Blitz und Donner und mächtigem Rauch auf, Goldflitter führt zum guten Ende. Die farbenfroh akzentuierten Kostüme von Anne Buffetrille und Mirjam Ruschka decken allerlei Theaterstile ab. Dabei trifft stilisierte historische Kostüme am ehesten zu. Sie passen haargenau und sind keiner Mode unterworfen: Thomas de Vries (Bartolo) ist mit seinen gelockten Haaren, seinem dicken Leib, verborgen unter einem eleganten „Cutaway“ kaum wiederzuerkennen. Süß und scheinbar unschuldig sind das rosagepunktete Babydoll-Kleid mit Petticoat und einer großen mehrreihigen Perlenkette, weiße Söckchen, schwarze Lackschuhe und eine rosa Riesenschleife, die Rosina als Mündel im Haar trägt. Nicht mehr so naiv, trägt sie aufregende Kleider im Carmen-Look. Basilio, mit Elvis-Frisur, ist in einen Nadelstreifenanzug gekleidet wie auch der als Musiklehrer verkleidete Graf / Alonzo. Seine Kostüme unterstreichen die Charade: Uniform als Offizier der Prinzengarde (Männerballett 1748), verschiedenfarbige Torero-Anzüge… Mit grauer Jacke, einem Karo-Pullunder, Jeans und Turnschuhen saust Figaro über die Bühne. Schwarz-weiß gekleidet, dicke Lockenwickler tragend beobachtet Berta das Treiben… Bedienstete tragen Corona-Masken.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : IOAN Hotea als Graf Almaviva © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : IOAN Hotea als Graf Almaviva © Karl + Monika Forster

Mit immenser Spiellust

II barbiere di Siviglia ist die Oper, die ich bisher am häufigsten gesungen habe, und trotzdem höre ich nie auf, neue Details in der Partitur und an der Figur des Conte Almaviva zu entdecken. Die Komposition ist höchst ausdrucksstark, voller Virtuosität und ausgearbeitetem Humor, immer fesselnd!, so Ioan Hotea. Es ist ihm anzumerken, dass er die Rolle liebt: Keine Drücker, kein Forcieren, seine Stimme strömt kraftvoll und überaus differenziert. „Ah, che d’amore la fiamma io sento“…,welch eine wunderbar timbrierte, sauber intonierende Tenorstimme ist da zu erleben! Überaus komisch und nervend sein „Pace e gioia sia con voi!“ Thomas de Vries als Bartolo, ein glaubwürdig alter Zausel, kämpft unglaublich leichtfüßig mit seiner Leibesfülle. Höchst komödiantisch gibt er den von sich überzeugten Einfallspinsel: „A un dottor della mia sorte“… In Rosinas Musikunterricht setzt er geziert mit einer schönen Arie aus der guten alten Zeit dagegen Quando mi seivicina… und merkt nicht, dass alle über ihn lachen. Mit seinem Nuancenreichtum und seiner leidenschaftlichen Hingabe glänzt er mit allem, was einem Bartolo ein unverwechselbares Profil gibt. Seine sängerisch–darstellerische Ausdrucksskala ist wohltönend und prächtig, verfügt über eine großartige Diktion. Ein Glücksfall ist Silvia Hauer als Rosina. Schon rein optisch weiß sie zu gefallen – jeder Ausdruck gelingt ihr. Sie besitzt eine anregende Tiefe, ist koloraturgewandt und hat neben dem nötigen Stimmumfang einen spritzigen, charmanten, flüssigen Mezzosopran, der es ihr ermöglicht, als selbstbewusste, willensstarke Femme fatale, aber auch als kitschiges Liebesnaivchen zu kokettieren. Die berühmten Arien „Una voce poco fa…, Contro un cor che accende amore di verace invitto ardore“… und „A mezzanotte in punto“… gehen zu Herzen. Ungebremste extrovertierte Energie hat Hauer überdies. Auch Christopher Bolduc überzeugt als schlitzohriger Figaro, sieht blendend aus und zeigt ein übers Komödiantische hinausgehendes Profil. „Largo al factotum della città“, das ist er wirklich! Er wirbelt über die Bühne, ist Tausendsassa, Kuppler, Ideengeber und Schlaumeier. Die Welt, in der der immer einen Ausweg wissende Figaro die Fäden zieht, ist klein und groß zugleich. Großartig das Duett mit Almaviva: „All‘idea di quell metallo“… Bolduc fehlt es weder an Stimmkraft noch an Raffinesse im Ausdruck.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla - hier : Silvia Hauer als Rosina © Karl + Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der Barbier von Sevilla – hier : Silvia Hauer als Rosina © Karl + Monika Forster

Young Doo Park singt einen stimmgewaltigen prachtvollen Basilio. Er hat eine ungeheure stimmliche und szenische Ausstrahlung! „La calunnia“, die Angst vor Verleumdung ergreift nicht nur Bartolo, sie geht auch auf das Publikum über… Diesen Bass hören zu dürfen, ist ein großes Vergnügen! Mit der Berta-Arie „Il vecchiotto cerca moglie“… ersingt sich Michelle Ryan einen besonders verdienten Applaus. Julian Habermann als Fiorillo ist ein ungeschickt anhänglicher Diener des Grafen, der ihm sogar vom Bühnenhimmel schwebend zur Hilfe kommt, und Thomas Braun der leicht vertrottelte, dennoch nützliche Notar Ambrosio. Erstklassig die letzten Strophen des Vaudeville-Finales – erschlagend durch Turbodrive und Turbulenzen: „Mi par d’esser con la testa in un’orrida fucina“... Die Rezitative begleitet zeitgemäß und sensibel Levi Hammer auf einem Hammerflügel, der auf der Bühne steht.

Ungewöhnlich, geschmeidig mit berauschender Lebenslust

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne zeigt wieder einmal, wie mühelos spielerisch und mit großer Präzision er in der Lage ist, eine Oper mitzutragen. Mit der Orchester-Reduktion des Hessischen Staatsorchester Wiesbaden geht der Musikalische Leiter, Konrad Junghänel, in der für ihn bekannten Art und Weise souverän und einfühlsam um. Musiker, die Abstand halten müssen, durch Trennwände voneinander getrennt und anders positioniert sind, werden leicht zu Solisten. Die Instrumentalisten sind sehr exponiert… So ist es äußerst schwierig, zu einem Gesamtklang zu finden. Junghänel gelingt es dennoch, den tänzerischen Elan aufleben zu lassen. Rossinis Partitur lebt von den aberwitzigen und völlig sinnfreien, aber artistischen Tempo-Steigerungen. Alles bedingt eine geschmeidige Leitung und berauschende Lebenslust. Das ist gelungen!

Das sichtlich amüsierte Publikum spendet viel Applaus – Nach langer kultureller Abstinenz ist es besonders glücklich!

 

Der Barbier von Sevilla am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die weiteren Vorstellungen am 11.9.; 13.9.; 17.9.; 18.9.; 19.9.; 26..9.; 21.10.; 1.11.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Aktuelles 2019/20 – Spielzeit 2020/21; IOCO Aktuell, 24.04.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Spielzeit 2019/20  –  Aktuelles

 Uwe Eric Laufenberg ganz persönlich © IOCO

Uwe Eric Laufenberg – mal ganz persönlich © IOCO

Im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus bleibt der Vorstellungsbetrieb des Hessischen Staatstheaters Wiesbadens weiterhin unterbrochen. Alle Vorstellungen bis 19. Mai 2020 sind abgesagt.

Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus und der damit verbundenen Unterbrechung des Probenbetriebs werden alle Vorstellungen der Oper Tristan und Isolde, der Stückentwicklung Kriegerin, des Jungen Schauspiels Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse, des Jungen Balletts Rotzfrech, des Balletts Roots am Hessischen Staatstheater Wiesbaden leider entfallen.

Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Anna Nicole – von Mark Anthony Turnage auf dem Spielplan 2019/20 – IOCO Rezension HIER

Spielzeit 2020/21 – RING, Babylon, Quichotte ….

Im Rahmen einer  Videopräsentation, unten, stellten Intendant Uwe Eric Laufenberg und Geschäftsführender Direktor Bernd Fülle zusammen mit ihrem Team das Programm der Spielzeit 2020/21 des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden vor.

Die Krise, die wir derzeit durchleben, zeigt, wie sehr der Wert des Menschen jederzeit Gegenstand der Verhandlung ist. Der Spielplan des Hessischen Staatstheater Wiesbaden trägt dem in der kommenden Spielzeit in besonderer Weise Rechnung: Sowohl in der Oper als auch im Schauspiel stehen Stoffe im Mittelpunkt, bei denen der Wert des Menschen auf grundlegende Weise durchgespielt wird. Dabei stehen zwei Großprojekte im Mittelpunkt: Zum einen Richard Wagners Ring des Nibelungen, der nichts weniger als ein Versuch ist, die gesamte Menschheitsgeschichte abzubilden und der viermal zyklisch gezeigt wird; zum anderen die deutschsprachige Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie Die Küste Utopias, in der die Sozialgeschichte Europas und Russlands in brillanter Manier auf das persönliche Leben einiger Individuen heruntergebrochen wird.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Intendant Laufenberg präsentiert Spielplan 2020/21
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Insgesamt erwarten das Publikum in der Spielzeit 2020.2021 in der Opernsparte sieben oder acht Neuinszenierungen und zehn Wiederaufnahmen. Hervorzuheben sind hierbei das Figaro-Operndoppel zum Saisonauftakt mit Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla und Wolfgang Amadeus Mozarts  Die Hochzeit des Figaro, auch dies (vor-) revolutionäre Befragungen des Uwe Eric Laufenberg, gesellschaftlichen Wertes des Menschen; Puccinis Triptychon in der Inszenierung von drei Einakter, die Hölle, Fegefeuer und Himmel des Menschen ausschreiten; und als abschließender Höhepunkt die Neuproduktion von Jörg Widmanns Oper Babylon, ein in seiner allumfassenden Weltbeschreibung jegliche Grenzen überschreitendes Werk. In den acht Sinfoniekonzerten des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden sind große Dirigentenpersönlichkeiten und herausragende Solisten vertreten. Am Pult des Hessischen Staatsorchesters stehen GMD Patrick Lange, Johannes Dabus, Andreas Spering und Christoph-Mathias Mueller. Als Solisten sind u.a. Chouchane Siranossian, Sebastian Manz und Frederic Belli sowie Olga Bezsmertna als Gesangssolistin zu erleben.

Das Schauspielbietet neben der genannten Erstaufführung von Tom Stoppards Trilogie die Uraufführung der Bühnenfassung von Salman Rushdies jüngstem Roman Quichotte sowie neun weitere Premieren, darunter die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks Admissions sowie im Großen Haus Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des Shakespeare’schen König Lear.

Das Hessische Staatsballett zeigt drei Premieren und die Wiederaufnahme von Tschaikowskys Klassiker Der Nussknacker. Ergänzt wird das Programm mit wichtigen Projekten aus der aktuellen Tanzszene. Das Junge Staatstheater bietet in allen Sparten zahlreiche Premieren und Wiederaufnahmen sowie ein erweitertes Programm der Theaterpädagogik für Kinder, Jugendliche und Familien an.

Im kommenden Jahr feiern die Internationalen Maifestspiele des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, die seit 1896 den kulturellen Höhepunkt im Theaterkalender der Stadtbilden, ihr 125. Jubiläum. Sämtliche Sparten der Darstellenden Kunst sind vertreten: Oper und Konzert, Tanz, Performance und Schauspiel.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Raffael Neff

OPER 2020/21 – Im Detail

Ein Spielzeit-Höhepunkt ist Richard Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Uwe Eric Laufenberg, der erstmals unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange einstudiert und in vier kompletten Zyklen aufgeführt wird. Die Termine hier:

RING I
Dienstag 02.02.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Mittwoch 03.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Freitag 05.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 07.02.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring II
Sonntag 14.02.2021 18:00 Großes Haus Das Rheingold
Sonntag 21.02.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Sonntag 28.02.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Sonntag 13.06.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Ring III
Mittwoch 31.03.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 01.04.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 03.04.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 05.04.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung
Internationale Maifestspiele 2021  – Ring
Mittwoch 19.05.2021 19:30 Großes Haus Das Rheingold
Donnerstag 20.05.2021 17:00 Großes Haus Die Walküre
Samstag 22.05.2021 17:00 Großes Haus Siegfried
Montag 24.05.2021 17:00 Großes Haus Götterdämmerung

Die Spielzeit 2020.2021 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wird mit einem Figaro-Operndoppel unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel eröffnet, mit Gisbert Jäkel als Bühnenbildner für beide Teile: Gioachino Rossinis Der Barbier von Sevilla wird von Schauspieler und Regisseur Tilo Nest inszeniert, der 2019/20 Tyll im Großen Haus zeigte. Ioan Hotea übernimmt die Partie des Graf Almaviva. Als Figaro alternieren Christopher Bolduc und Benjamin Russell. Silvia Hauer singt die Partie der Rosina. Als Bartolo wird Thomas de Vries zu erleben sein. Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro hat in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg Premiere. Die Titelpartie übernimmt Konstantin Krimmel, als Graf Almaviva alternieren Benjamin Russell und Christopher Bolduc. Als Gräfin Almaviva ist Slávka Zámecníková und als Susanna Anna El-Khashem zu erleben. Die Opernbearbeitungen der ersten beiden Teile von Beaumarchais’ Schauspiel-Trilogie werden am Hessischen Staatstheater zu einem Tripel ergänzt durch Ödön von Horváths Fassung des dritten Teils: Figaro lässt sich scheiden (Premiere im Studio). In Philipp M. Krenns Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Il Trovatore unter der Musikalischen Leitung von Alexander Joel singt Vesselina Kasarova ihr Rollendebüt als Azucena. Aluda Todua ist Graf von Luna, Cristiana Oliveira ist Leonora, Aldo di Toro alterniert mit Aaron Cawley als Manrico. Mit Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange inszeniert Evgeny Titov zum ersten Mal eine Oper. Die Partie der Katerina Lwowna Ismailowa singt Cornelia Beskow, als Boris Timofejewitsch Ismailow ist Andrey Valentiy zu erleben. Die Partie des Sinowi Borissowitsch Ismailow übernimmt Rouwen Huther, die Partie des Sergej singt Aaron Cawley.

Für die Neuinszenierung von Der Zigeunerbaron von Johann Strauss haben Dirigent Philipp Pointner und Regisseur Marco Štorman für Wiesbaden eine eigene Spielfassung unter Verwendung der rekonstruierten Urfassung in der kritischen Edition erstellt. Zu den Solisten zählen u. a. Benjamin Russell (Graf Peter Homonay), Marco Jentzsch (Sándor Barinkay), Shavleg Armasi (Kálmán Zsupán), Stella An (Arsena), Narine Yeghiyan (Saffi) sowie Moderator Klaus Krückemeyer als Conte Carnero.

Giacomo Puccini fügte die drei Einakter Der Mantel, Schwester Angelica und Gianni Schicchi in Das Triptychon zusammen. Unter dem Gesamttitel Puccinis ›Triptychon‹ inszeniert Uwe Eric Laufenberg, die Musikalische Leitung übernimmt Alexander Joel. Unter den Solisten sind u. a. Daniel Luis de Vicente als Michele und in der Titelpartie von Gianni Schicchi sowie Olesya Golovneva als Schwester Angelica und Lauretta hervorzuheben. Mit Giuseppe Verdis Macbeth zeigt der südafrikanische Regisseur Matthew Wild nach Leoš Janáceks Katja Kabanowa seine zweite Operninszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Unter der Musikalischen Leitung von Leo McFall singen Aluda Todua als Macbeth und Gabriela Schererals Lady Macbeth.

Babylon von Jörg Widmann
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Eines der monumentalsten zeitgenössischen Opernwerke der letzten Jahre, das an den Staatsopern in München und Berlin große Erfolge feierte, ist Jörg Widmanns Babylon. Die Neuproduktion am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ist die erste Aufführung der neuen Fassung seit deren Uraufführung 2019 an der Staatsoper Berlin und wird die Internationalen Maifestspiele 2021 eröffnen. Im großen Solisten-Ensemble sind aus der Berliner Besetzung Marina Prudenskaya (Der Euphrat) und Otto Katzameier (Der Tod) zu erleben, Gloria Rehm kehrt in der Partie der Inanna ans Hessische Staatstheater zurück, weitere Solisten sind Daniel Jenz (Tammu), Michelle Ryan (Die Seele), Philipp Mathmann (Der Skorpionmensch) und Claudio Otelli (Der Priesterkönig). Die Musikalische Leitung der auch im Orchester außergewöhnlich groß besetzten Produktion hat Albert Horne inne, der als Chordirektor den Chor des Hessischen Staatstheaters leitet und diesen für Babylon mit dem Chor des Staatstheaters Darmstadt (Einstudierung: Sören Eckhoff) zusammen führt. Die Opernsparte des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bereichert den Spielplan außerdem mit einer Reihe eigener Wiederaufnahmen in zum Teil neuen Besetzungen.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage, IOCO Kritik, 19.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole –  von Mark-Antony Turnage

 Turnage: „Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“

von Ingrid Freiberg

Ein Opernbesuch in Wiesbaden ist aufregend: Architektonisch ist es ein sehr attraktives Haus und die Programmgestaltung ist ausgezeichnet. Herzhaftes unbekümmertes Lachen vom Komponisten Mark-Anthony Turnage und dem Librettisten Richard Thomas und deren Entourage erhöhen die knisternde Spannung am Premierenabend von Anna Nicole. Das Publikum fühlt sich ermutigt, sie im wunderschönen Foyer um ein Autogramm zu bitten.

Turnage ist einer der erfolgreichsten Vertreter der Neuen Musik. Seine Werke sind vom Jazz und der Musik von Miles Davis geprägt. Mit dieser Mischung aus Jazz und klassischen Stilen bahnt er sich einen eigenen Weg zwischen Moderne und Tradition und stellt die Kluft zwischen zeitgenössischen und historischen Spielpraktiken infrage. Seine eigenwillige Tonsprache bereichert die zeitgenössische Musik. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre schrieb Turnage die Oper The Silver Tassie, die 2000 mit großem Erfolg an der English National Opera uraufgeführt wurde. Die Oper Anna Nicole wurde 2011 im Royal Opera House in Covent Garden uraufgeführt. Der Librettist Richard Thomas arbeitete viele Jahre als Musikalischer Leiter und Komponist für das britische Fernsehen mit vielen Top-Comedians zusammen. Bekannt wurde er durch das Schreiben und Komponieren der Jerry Springer Show, die u.a. bei den Olivier Awards 2004 mit dem Best Score Award ausgezeichnet wurde. Fluchen, Provokationen und obszöne Beleidigungen durchdringen seine Arbeit und die Fähigkeit, eine moderne Geschichte mit zeitgenössischem Humor und relevantem Pathos zu präsentieren. Seine Sprache ist klug und auch krass.

Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

„Wir waren bereits ziemlich betrunken“

Turnage: „Bei unserem ersten Aufeinandertreffen waren Richard Thomas und ich uns auf Anhieb derart sympathisch, dass wir bei ein paar Drinks über die Möglichkeit sprachen, ein gemeinsames Projekt zu realisieren… am Ende hatten wir eine zufällige Übereinstimmung: Anna Nicole. Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“ Es geht um Variationen „Vorsicht, was Sie sich wünschen“ und „mehr Tränen vergießen über beantwortete Gebete als über unbeantwortete Gebete“ mit deutlicher, teils drastisch-frivoler Sprache. Sicherlich erfordert die nach Berühmtheit verzehrende Persönlichkeit von Anna Nicole einen großen Auftritt auf der Opernbühne, auch das Nebenpersonal ist bizarr besetzt mit dem lächerlichen Lustgreis Howard und einem an der Liebe der Mutter erstickenden Kind, der ewig sensationsgeilen Medienmeute und Annas skrupellosem Anwalt Stern.

The American Dream

Vickie Lynn Marshall, Künstlername Anna Nicole Smith, wird 1967 in einer Provinz in Texas in armselige Familienverhältnisse (White Trash) hinein geboren. Ihr Vater, ein brutaler Säufer, der sie wahrscheinlich missbrauchte, terrorisiert seine Familie. Mit 17 Jahren wird sie das erste Mal Mutter,1993 Playmate des Jahres, 1994 Heirat mit dem Ölmilliardär J. Howard Marshall. Das amerikanische Schmuddel-TV offeriert 2002 der extrem aufgeschwemmten Hundeliebhaberin (Stoffhunde beobachten in Wiesbaden von der Proszeniumsloge aus das Geschehen) die Anna Nicole Show, die den US TV-Pöbel durch peinliches Benehmen mit durchaus bemerkenswerten Quoten zuschalten lässt. 2004 kommt ihre Tochter zur Welt, um deren Vaterschaft sich gleich drei Männer streiten. 2007 starb sie an einer Überdosis Drogen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl – Monika Forster

Die „Anna Nicole Show“  –  nun als Oper

In einer im besten Sinne leidenschaftlichen Inszenierung erzählt Bernd Mottl ohne Skandalisierungsversuche, ohne Spektakel auf Kosten der Heldin, die Oper in Form einer Anna Nicole Show. Etwa vierzig Personen als Abbild der amerikanischen Gesellschaft bilden einen repräsentativen Querschnitt (Mormone, Moslem, orthodoxer Jude, Lederfetischist, Straßenarbeiter, Geschäftsmann, Hausfrau, Kriegsveteran, Miss America, Inder, Hippi, Sportler, Wrastler, verschiedene Ethnien, High School-Absolventin, Stripperin, Polizist…). In einem glitzernden drittklassigen 80er Jahre TV-Studio mit einer Tribüne mit fünf Sitzreihen verfolgen sie ihre Lebensgeschichte, reagieren mit Hochhalten verschiedener Schilder auf die jeweilige Situation. Sie sind zusammengekommen, ein Requiem anzustimmen. Auf einer Totenbahre liegt ein glitzernder Leichensack, der sich bewegt. Mitten im Requiem wird die Tote wieder lebendig und wird zur Hauptdarstellerin ihres Lebens; ihre Karriere mediengemacht, von gnadenlosen Profiteuren vorangetrieben, von der voyeuristischen Gier der Öffentlichkeit gepuscht und niedergemacht. Erzählt wird der rasante Aufstieg von Anna Nicole von der Angestellten in einer Hühnerbraterei zur Supermarktverkäuferin in Houston, der „Stadt der Freude“, bis hin zur zunächst erfolglosen Stripperin, die „größere Talente“ braucht. Nach einer OP bei Dr. Feelgood wird das Busenwunder durch seine Ehe mit einem greisen Öl-Tycoon ein gefundenes Fressen der Boulevardpresse. Der Milliardär gibt Anna alles, außer der Ranch, auf der sie gerne mit ihrem Jungen Daniel leben möchte. Bei ergreifender Musik und nach einem verrichteten blow job ruft Anna gutgläubig „Wir haben die Ranch!“

Menschenverachtende Vermarktung

Anwalt und späterer Geliebter Howard Stern verkauft die Rechte für die Live-Übertragung der Geburt ihrer Tochter an einen Pay-TV-Sender. Selbst ein Auftritt in der berühmten Larry King Show wird möglich. Anna ist randvoll mit Drogen… Sie bekennt sich zu ihren Träumen, telefoniert mit ihren Hunden. Als ihr Sohn Daniel drei Tage nach der Geburt seiner kleinen Schwester im Krankenbett seiner Mutter an einem Drogencocktail stirbt, verliert sie ihren letzten Lebensmut. Von nun an macht sie nur noch durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam, wobei Stern ihren Verfall für die Medien immer gnadenloser vermarktet. Als sie erneut schwanger wird, will sie nur noch fressen. Sie stirbt ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes ebenfalls an einer Überdosis verschiedener Medikamente. Die Oper rollt die Geschichte von hinten auf und beginnt mit dem Tod der Titelfigur. Die New York Times titelte nach ihrem Tod: Sie war berühmt dafür, berühmt zu sein…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl – Monika Forster

Garanten eines erfolgreichen Abends

Friedrich Eggert (Bühne, Kostüme) gelingt es hervorragend das Trash-Format einer amerikanischen TV-Show einzufangen, ohne die Mitwirkenden der Lächerlichkeit preiszugeben. Geradezu liebevoll identisch sind die Kostüme der „Jury-Mitglieder“. Fantasievoll, wie die Farben ineinander spielen, das ist sehr hohe Qualität. Dagegen das Strahlen und Funkeln von ganz billigem Tand. Die Jury setzt sich den Strahlenkranz der Freiheitsstatue auf, den amerikanischen Traum demonstrierend. Ein goldener Volant-Bühnenvorhang, eine Sitzecke, die an die Couch von „Wetten das?“ erinnert, eine Bar mit zwei Barhockern und die Möglichkeit rascher Auf- und Abgänge sind Garant des erfolgreichen Abends. Chapeau!

Elissa Huber ist !!! Anna Nicole. Sie singt und spielt grandios die anspruchsvolle Partie mit dauerhaften Spitzentönen und Koleraturen und wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Eine außergewöhnliche Leistung, die viele Jahre in Erinnerung bleiben wird. Es ist ein Höhepunkt, wenn sie meisterhaft die Koloraturarie „Zeit zu träumen und zu fliegen, ich werde siegen“ singt. Als Schutzpatronin der heutigen Trash-Generation lässt sie mit „I want to blow you all… a kiss“ ihr Leben Revue passieren. Stimmlich mit großem Sopran, darstellerisch mit bewegendem Spiel und auch optisch hervorragend ausgefüllt, zeigt sie anfangs eine Koketterie à la Marilyn Monroe, entwickelt sich zu einem wahren Busenwunder, das Männerherzen höher schlagen lässt. Ihr bewegendes Spiel macht glaubhaft, welchen Preis Anna für ihren Ruhm zahlt. Es bleiben Momente, in denen sie im weißen Hochzeitskleid in einem Konfetti-Regen steht oder mit hochhackigen Schuhen selbstverliebt den roten Teppich küsst. Zum Schluss singt sie einen Blues „Amerika, du dreckige Hure, ich gab dir alles, du wolltest mehr.“ Erheblich zum Scheitern von Anna trägt der Anwalt Howard Stern bei. Christopher Bolduc verkörpert glaubhaft und aalglatt diese schmierige Rolle. Es geht ihm ausschließlich um kommerziellen Erfolg. Aus Annas Entgleisungen schlägt er größtmöglichen Profit. Sogar die Geburt ihrer Tochter vermarktet er als Pay-per-view-Ereignis. Mit sicherem hochkultiviertem Bariton ist er ein Parvenü, skrupellos und egoistisch.

Margarete Joswig ist als Virgie eine richtende Instanz. Sichtbar aus der Gosse kommend, sie bedroht ihren Ehemann mit der Waffe „Fuck you, fuck you back“, ist sie eine strenge Mutter, resolut und kämpferisch, die sich auch um ihren Enkel Daniel kümmert „Hatte ein Stück vom Kuchen und will auch den Rest versuchen...“: Es ist Virgie, die ein großes Anti-Männer-Lied singt, eine wütende und triumphale Ballade, kraftvoll glühend. Mit ihrem warmen Mezzo gewinnt sie auch mittels glitzernder Bosheit. Ein Mann, der sich seine Träume erfüllen kann, weil er unermesslich reich ist, ist J. Howard Marshall (Uwe Eikötter). Der greise Öl-Milliardär verliebt sich in Anna Nicole. Mit abstoßender Lüsternheit verlangt er Oralverkehr – zweimal lautes Stöhnen in der Musik! – eine Mischung aus Bosheit und Altmännergeilheit. Er erleidet einen Zusammenbruch, kommt noch einmal zu sich und sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens. Ohne ein Testament zu hinterlassen, stirbt er kurz darauf.

Solistenrollen durchweg glänzend besetzt

Die drogensüchtige Cousine Shelley, „fünf Kinder und keine Zähne“, singt die Mezzosopranistin Lena Haselmann, die durch ihre besondere Spielfreude imponiert. Gelungen in Maske und Gesang ist der sensationslüsterneTalkmaster Larry King des Tenors Christopher Diffey. Kaum zu glauben, dass ein so junger Interpret eine solche Rolle meistern kann. Der Tenor Ralf Rachbauer profiliert sich auf hohem Niveau in drei Rollen: als verliebter Trucker in der Dancing-Bar, als Mitglied der Marshall Family und als Doctor Feelgood, der die menschliche Selbstoptimierung, wenn nötig mit chirurgischer Unterstützung vornimmt. „Wer arm, hässlich und dumm bleibt, der trägt selbst die Verantwortung für das ausbleibende Lebensglück: Why be average, when you could be a sensation?“ Letztendlich ist er der Schuldige an Annas Drogensucht… Bariton Daniel Carison ist der gewalttätige Daddy Hogan, vor dem alle Angst haben. Die in Wiesbaden vielfach gefeierte Annette Luig ist Kay, die fürsorgliche Tante, bei der Anna aufwächst und etwas Liebe erhält. Schon nach kurzer Zeit erfolgreich im Ensemble verankert ist die Mezzosopranistin Fleuranne Brockway (Melissa, News Reporter). Nathaniel Webster ist Annas erster Ehemann Billy, der sie schon nach einem Jahr verlässt und sich ihrer verlotterten Familie zuwendet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl – Monika Forster

Die abwechslungsreiche Oper wird durch tänzerische Einlagen von „Annas Notorius Showcrew“ (Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper H. Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing), Choreografie: Myriam Lifka) revuehaft aufgelockert. Vier heiße Lap Dancer (Radoslava Vorgic, Karolina Lici, Maike Menningen, Jessica Poppe) sorgen für scharfe Einlagen an Pole Stangen, weisen Anna in den Stangentanz ein und verweisen darauf, um bei Männern Erfolg zu haben, braucht es „schöne Ansichten“. Als Meat Rack Quartet agieren gekonnt Petra Heike, Lena Naumann, Ines Behrendt, Ayako Daniel. Bei Annas Sohn Daniel denkt man zunächst, es sei eine stumme Rolle, doch hat auch er etwas zu sagen. Bariton David Krahl zählt in einer Art Registerarie in schwer fassbarer, dunstiger Musik alle nur denkbaren Schmerz- und Betäubungsmittel auf.

Unter der Leitung von Albert Horne steht sowohl der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden als auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Ihm gebührt großes Lob… Durch die prägnanten Chorszenen, in denen die Masse Anna Nicoles Geschichte mit ihren Kommentaren immer weiter treibt, hat Turnage dem Chor eine zentrale Rolle zugedacht. Er souffliert, wenn Anna nicht mehr weiß: „Wo war ich noch stehen geblieben?“ „F.U.C.K.“ Auch um Kotze, Titten und Schwänze geht es… In den unterschiedlichen Lebensstationen dieser Story fasziniert der Chor als heimlicher Star mit rasantem Spiel und stimmlicher Brillanz.

„Ich denke, die Leute werden überrascht sein, wenn sie die Oper hören“, so Turnage. „Der letzte Teil ist sehr ernst und sehr traurig… Es wird fast wie eine traditionelle Oper.“ Der 1. und der 2. Akt sind zwei Seiten einer Medaille. Albert Horne lässt die vielseitigen Klangwelten prägnant erklingen. Es gelingt ihm, eine derbe Abrechnung mit dem American Way of Life erklingen zu lassen. Turnage verbindet seine kompositorische Arbeit mit der Klangwelt von Jazz und Popmusik. Seiner dritten Oper Anna Nicole hat er eine Form gegeben, die mit ihren Songs und Tanzeinlagen ans Musical erinnert, an Vorbilder wie Kurt Weill und Leonard Bernstein. Neben dem klassischen Orchester sind eine E-Gitarre, E-Bass, Banjo, Saxophon, Jazz-Drummer und Trompeten im Big-Band-Sound zu hören.

Das Opernmagazin, Detlef Obens, schrieb 2013 zur Aufführung von Anna Nicole  in Dortmund: „Die anspruchsvolle Partitur der Turnage-Oper, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, war von Angebinn ein Erlebnis der besonderen Art. Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten der Oper –  all das war hohe Musikkunst.

Die anspruchsvolle Partitur, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, ist von besonderer Art: Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten sind hohe Kunst. Wiederholt kommt es zu schroffen Wechseln zwischen Musicalsound und Realityshow einerseits und klassisch-jazzigen wie opernhaften Elementen, eine dauernd fetzige Flut von grell bebilderten Szenen und mitreißenden Songs und Ensembles, die an Emotionalität nichts vermissen lassen.

Ein außergewöhnlicher Opernabend: frenetischer Jubel, Standing Ovations für alle Beteiligten

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage, 15.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage
Libretto von Richard Thomas

Premiere Samstag, 15. Februar 2020, 19.30,  die nächsten Vorstellungstermine: 21. & 28. Februar, jeweils um 19.30 Uhr

Anna Nicole – Sexsymbol, Partyluder und Männerfantasie, Busenwunder, Milliardärsgattin und Tabletten-Junkie. Sie war eine Person voller Widersprüche, mit einer Biografie, die den Stoff zu einer Seifenoper hätte liefern können. Komponist Mark-Anthony Turnage und Librettist Richard Thomas haben eine richtige Oper daraus gemacht: Eine rasante Revue voller Sprachwitz und musikalischem Humor, gewürzt mit ein paar messerscharfen Dissonanzen, abwechslungsreich gestalteter Instrumentierung und rockigen Schlagzeugrhythmen.

In Wiesbaden wird das Stück unter der Musikalischen Leitung von Albert Horne und in einer Neuinszenierung von Bernd Mottl, der in Wiesbaden zuletzt die Oper von Arno Schreier, Schade, dass sie eine Hure war,  inszenierte, zu erleben sein.

In dem temporeichen Stück, das mühelos den Spagat zwischen Musical-Song, Opernkoloratur und neuer Musik schlägt, wird die Titelpartie von Elissa Huber verkörpert, die derzeit in der Rolle der Lilli Vanessi in Kiss Me, Kate an der Wiener Volksoper zu sehen ist.

Die Produktion wird theaterpädagogisch begleitet

Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung Bernd Mottl Bühne, Kostüme Friedrich Eggert Chor Albert Horne Choreografie Myriam Lifka Licht Klaus Krauspenhaar Dramaturgie Daniel C. Schindler Theaterpädagogik Luisa Schumacher

MIT:  Anna Nicole Elissa Huber,  Stern Christopher Bolduc, Virgie Margarete Joswig, J. Howard Marshall Uwe Eikötter, Shelley / Marshall Family Lena Haselmann, Mayor of Mexia / Larry King Christopher Diffey Trucker / Doctor / Marshall Family Ralf Rachbauer Deputy Mayor / Patron / Runner Frederic Mörth Daddy Hogan / Marshall Family Daniel Carison Kay / Marshall Family Annette Luig Melissa / News Reporter Fleuranne Brockway Billy / News Reporter Nathaniel Webster Lap Dancer 1 Radoslava Vorgic Lap Dancer 2 Karolina Liçi Lap Dancer 3 Maike Menningen Lap Dancer 4 Jessica Poppe Teenage Daniel David Krahl

TänzerInnen:  Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing)

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung