Berlin, Komische Oper, Die Gezeichneten von Franz Schreker, IOCO Kritik,

Februar 8, 2018 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

 Die Gezeichneten von Franz Schreker

Verstörende tonale Traumatherapie an der Komischen Oper

Von Kerstin Schweiger

Calixto Bieto inszeniert 100 Jahre nach der Uraufführung an der Frankfurter Oper 1918 Franz Schrekers spätromantische Oper Die Gezeichneten an der Komischen Oper Berlin. Premiere war am 21. Januar 2018.

Als einer der meistgespielten Opernkomponisten nach dem ersten Weltkrieg klingt Franz Schreker musikalisch nahe an Wagner, Mahler und Strauss. Mit ausgeprägten expressionistischen Stilmitteln war seine Musiksprache auch Ausdruck eines unbedingten Erneuerungswillens nach Kaiserreich und Weltkrieg in der jungen Weimarer Republik. Der Erfolg führte zur Berufung als Direktor der Berliner Akademischen Hochschule für Musik, die er leitete bis er von nationalsozialistischen Kulturverantwortlichen bereits 1931 aus dem Amt gedrängt wurde. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert und von den Bühnen verbannt, fanden seine Stücke erst in den 1970er Jahren nach und nach wieder den Weg in die Opernhäuser.

Schreker maß den Libretti seiner Stücke große Bedeutung zu und verfasste diese als Textdichter überwiegend selbst. Dabei waren die Veröffentlichungen Freuds ebenso prägend wie die morbiden Ausläufer des Fin de Siécle und das spätbürgerliche oder auch oppositionelle Verständnis von Künstlern und Literaten wie Oscar Wilde, Zweig, Schnitzler und Wedekind, auf dessen Drama „Hidalla oder Sein und Haben“ (1904) das Libretto zu Die Gezeichneten fußt. Das Stück ist im Genua der Renaissance-Zeit verankert.

Beeinflusst von Weltkrieg, Massentraumata und dem gesellschaftlichem Umbruch der Entstehungszeit, führt der gesellschaftliche Überbau in Schrekers Stück zu einer Konzentration der Figuren auf das Ich, zu einem Ringen mit dem Selbst und den Anderen. Schrekers Protagonisten sind auf der Suche nach Eros und Erlösung, Liebe und Schönheit, verlieren sich aber in den Abgründen seelischer und erotischer Exzesse.

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten © IKO Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten © IKO Freese / drama-berlin.de

Die Handlung

Eine Refugium der Lust vor den Toren Genuas, verschwundene und missbrauchte Kinder, ein seelisch deformierter Kunstliebhaber als Fädenzieher, der sich in den von ihm gesponnenen gesponnenen Fäden selbst verliert sind die Eckpunkte dieses spätromantisch-psychologischen Musiktheaterstücks. Der reiche Alviano hat ein hässliches Geheimnis. Seine Seelenqualen lindert er an einem  Fluchtort, den er sich selbst geschaffen hat, sein Elysium. Zugänglich ist es nur für ihn und sein männliches Netzwerk reicher Freunde. Diese leben dort abgründige, brutale Neigungen aus. Immer mehr junge Töchter und Söhne verschwinden aus der Stadt, Alviano fürchtet, dass sie in seinem Elysium entdeckt werden und will es allen Bürgern der Stadt zugänglich machen. In der Begegnung mit der schönen, fragilen Künstlerin Carlotta sieht er Seelenverwandtschaft und findet er erstmals einen Weg, aus den um sich selbst kreisenden seelischen Problemen auszubrechen und sich einem anderen Menschen zu öffnen. Carlotta malt sein Porträt und Alviano sieht in ihr die lang gesuchte Liebe seines Lebens, eine Art Erlöserin seiner mentalen Probleme. Carlotta wendet sich jedoch Tamare, einem der adeligen Freunde Alvianos zu und wendet sich von Alviano ab. Alviano öffnet sein Elysium den Bürgern der Stadt. Tamare verrät versehentlich dem Herzog den eigentlichen Zweck des Elysiums. Die Genueser, in Bewunderung des von Alviano geschaffenen äußerlich paradiesisch schönen Ortes schützen Alviano zunächst vor dem Zugriff. Die Stimmung kippt als das Ausmaß des Missbrauchs und Kindermordens offenbar wird. Alviano, Carlotta und Tamare reißen sich gegenseitig in den Tod.

Die Produktion

Anlässlich der Berliner Erstaufführung am 1. Juni 1921 in der Vossischen Zeitung schrieb Max Marschall: „Man mag im Einzelnen gegen das Werk sagen, was man will: es ist in seiner Gesamtheit anzunehmen, die Kühnheit und die Größe seiner Konzeption gelten zu lassen, ja zu bewundern, wird man nicht umsonst kommen“. Wie aber spricht das Stück heute ein Publikum an, zumal in der Komischen Oper, die unter der Leitung von Barrie Kosky stets nach Rückfragen zu aktuellen Themen an Opernwerke sucht und diese auch findet?

Calixto Bieito macht es dem Publikum nicht einfach. Wenn er Regie führt, sitzt der Zuschauer gedanklich den ganzen Abend auf der Sesselkante. Bieito konzentriert die verzweigte Handlung in der aktuellen Inszenierung auf Alvianos pädophile Neigung und macht dabei auch nicht vor Änderungen an Text und Handlungsfäden halt. So wird aus Alvianos selbst gewählter abgeschirmter Traumwelt Elysium ein von anderen im großen Stil genutzter organisierter Kindesmissbrauch an Jungen und Mädchen.

Bieito, der dem Haus mit Inszenierungen von Madame Butterfly, Armida, Freischütz, Dialoge der Karmeliterinnen und einer viel diskutierten Entführung aus dem Serail seit fast zwei Dekaden verbunden ist, fordert den Zuschauer auch in seiner 8. Inszenierung an diesem Haus heraus, sich auseinanderzusetzen, sich bestürzendsten Bildern zu stellen, die in eine verdichtete Gegenwart führen. (Kostümbild: Ingo Krügler). Alvianos Weltbild ist – auch optisch – wie ein verstörender immer währender Kindergeburtstag. Er selbst ein ewiger Peter Pan, der nicht erwachsen wird und in einer stets präsenten Jungenpuppe mit Matrosenanzug sein junges Alter Ego und seine pädophile Neigung spiegelt. Die Kinderkomparserie der Komischen Oper leistet hier und insbesondere später im Schlussbild Großartiges.

In einem weißen Reinraum der Gefühle (Bühnenbild: Rebecca Ringst) versetzt Bieito den Zuschauer in die Rolle eines Psychoanalytikers, der die Seelenbilder der Protagonisten betrachtet. Vermittelt wird dies im ersten Teil ausschließlich auf der Vorbühne in einem klinisch weiß abgehängten Portal vor einer weißen Wand, die als Projektionsfläche für die Innenwelten der Protagonisten aber auch – und das sind die verstörendesten Bilder – der unter deren Taten leidenden Kinder und ihrer Vergewaltiger dient (Projektionen: Sarah Derendinger). Die Konzentration der ersten beiden Akte auf der Vorbühne in einer fast statischen Regie dominiert die erste Hälfte des Abends, macht diese jedoch auch stellenweise sehr zäh und in der szenischen Aufbereitung seltsam undynamisch. Dies steht in völligem Kontrast zur überbordenden nervösen Klangwelt Schrekers. Die Protagonisten können sich in der szenischen  Reduktion also völlig auf den von Stefan Soltesz und dem absolut fabelhaften  Orchester der Komischen Oper ausgebreiteten opulenten Klangteppich Franz Schrekers begeben.

Im zweiten Teil reißt das Produktionsteam dann die Wand auf rückt und die Tabus der Gesellschaft ins direkte Scheinwerferlicht. Hier findet Bieito auch zu einer klaren irritierenden und direkten szenischen Sprache.

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten © IKO Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten © IKO Freese / drama-berlin.de

Ein Toyland mit riesigen Spielzeugen, Stofftieren, Monstern ist der Playground für die morbide Gesellschaft, die sich an Kindern vergeht und diese organisiert ins Elysium verschleppt hat. Riesige Teddybären, ein überlebensgroßer King Kong; Dinosaurier, Roboter bevölkern die düstere Szenerie. In der Vorankündigung der Komischen Oper heißt es: „Die Gezeichneten heute wie damals brisante Themen: Worüber trauen wir uns nicht zu reden? Und wie gehen wir mit dem um, was dann doch an die Oberfläche gelangt.“ Franz Schrekers ebenso opulente, ausladende aber auch stetig nervös springende Musik unterstützt dies mit eruptiven, teils schwülstigen Klanggemälden. Musikalisch steht das Stück permanent vor dem Ausbruch eines Vulkans, ein Spiegelbild des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Anklänge an Mahler und Strauss aber auch Korngold, in Klangsequenzen suggerieren quasi  der Tonfilmära vorweggenommene Hollywood-Filmmusik-Zitate. Die Ouvertüre macht bereits klar, wie virtuos Schreker ein Orchesterklangbild zeichnet. Weit gespannte Melodiebögen lösen sich stetig wechselnd ab mit harmonischen Entwicklungen bis an den Rand der Tonalität. Inspiriert durch Symbolismus und Psychoanalyse entsteht ein Musiktheater musikalischer wie dramatischer Grenzüberschreitung. Seine Figuren sind auch musikalisch buchstäblich voneinander Gezeichnete.

Die musikalische Leitung liegt bei Stefan Soltesz in besten Händen. Er bündelt Schrekers eklektische Klangekstase zügig und lässt trotzdem den Sängern Freiraum für große Phrasierungen. Mit straffem Dirigat bringt er das Orchester der Komischen Oper zum Strahlen.

Die international gefeierte litauische Sopranistin Aušrine Stundyte als Carlotta, der englische Tenor Peter Hoare als tragischer Held und der Bariton Michael Nagy, ehemals Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin, als moralisch korrupter Gegenspieler Alvianos sind die gefeierten Protagnisten. Peter Hoare bewältigt die fordernde Rolle des Alviano großartig. Aušrine Stundytes dunkler dramatischer Sopran unterstreicht in ihren großen Szenen die morbide Figur Carlottas, die in Bieitos Interpretation selbst Missbrauchsopfer zu sein scheint. Michael Nagys präsenter dunkler Bariton gibt dem selbstverliebten, egozentrierten Tamare stimmstrahlende psychologische Kontur. Als Herzog ist Joachim Goltz, als Podesta Nardi, Carlottas Vater, Jens Larsen musikalisch sehr präsent und souverän.

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten - hier Michael Nagy als Tamare, Michael Hoare als Alviano © IKO Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Gezeichneten – hier Michael Nagy als Tamare, Michael Hoare als Alviano © IKO Freese / drama-berlin.de

Schreker hat trotz der starken Konzentration auf das leading Trio noch eine Nebenhandlung implementiert. Hier sind als vorzügliche Sängerdarsteller aus dem exzellenten Ensemble der Komischen Oper insbesondere Christiane Oertel und Christoph Späth zu nennen.

Das Schlussbild im Toyland, in dem der klangstarke Chor der Komischen Oper Berlin, szenisch und musikalisch eindringliche (einstudiert von David Cavelius) Präsenz zeigt, gehört zu den stärksten des dreistündigen Abends: eine riesige Spielzeugeisenbahn mit leblosen Kindern an Bord zieht unermüdliche Kreise während die drei Protagonisten einander ihre Seelen öffnen und sich gegenseitig in den Abgrund ziehen.

Wer Stanley Kubriks filmisches Meisterwerk „Eyes wide shut“ als verstörende Filmoper nach Schnitzlers „Traumnovelle“ in Erinnerung hat, findet in Bieito an der Komischen Oper einen Bruder im Geiste Kubricks an der Seite Franz Schrekers.

Calixto Bieito galt lange als „Skandalregisseur“, hier katapultiert er sich mit dieser Inszenierung auf eine andere Ebene: als kluger Regieanalytiker versetzt er den Zuschauer in einen Opernalbtraum mit aktuellem Bezug.

Lang anhaltender Applaus für alle Beteiligten, insbesondere das Protagonisten-Trio und Stefan Soltesz 

Die Gezeichneten an der Komischen Oper, weitere Vorstellungen: 10.2., 18.2.; 11.7. 2018

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Berlin, Komische Oper Berlin, Premiere: Cendrillon (Aschenputtel) von Jules Massenet, 12.06.2016

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

 

Cendrillon (Aschenputtel) von Jules Massenet
Oper in vier Akten, 1899 | In französischer Sprache, Libretto von Henri Cain nach dem Märchen von Charles Perrault

Premiere: Sonntag, 12. Juni 2016, 19 Uhr, Weitere Vorstellungen: 16. / 19. / 26. / 29. Juni und 2. / 10. Juli 2016, Einführungsmatinee: Sonntag, 5. Juni 2016, 12 Uhr (davor ab 10 Uhr Opernfrühstück)

Paris / Grabmal Gioacchino Rossini © IOCO

Paris / Grabmal Gioacchino Rossini © IOCO

Von Rossinis La Cenerentola über Prokofjews Ballett Cinderella bis zum gleichnamigen Walt-Disney-Musical – das weltweit bekannte Märchen vom armen unterdrückten Mädchen war für viele Komponisten ein beliebter Bühnenstoff. Jules Massenets 1899 uraufgeführte Adaption war seinerzeit die erfolgreichste, doch heute führt sein Cendrillon eher ein Aschenputtel-Dasein auf den Spielplänen der Bühnen. Die Neuproduktion an der Komischen Oper Berlin wartet daher mit einem doppelten Berlin-Debüt auf: Nicht nur Regie-Shooting-Star Damiano Michieletto debütiert in der Hauptstadt, auch das Werk, das er inszeniert, feiert seine Berlin-Premiere, denn in der Hauptstadt war es tatsächlich noch nie zu sehen. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Henrik Nánási. Die Titelrolle übernimmt Nadja Mchantaf, die zur nächsten Spielzeit von der Dresdener Semperoper ins Ensemble der Komischen Oper Berlin wechselt.

Cendrillon entstand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und traf den Nerv einer Zeit radikaler gesellschaftlicher und technischer Umbrüche, in der die Sehnsucht nach kleinen Fluchten aus einer Wirklichkeit, die die Menschen zunehmend überforderte, ins schier Unendliche wuchs. Massenet konzentriert sich in seiner zauberischtraumhaften Version der Geschichte ganz auf das gefährdete Glück des Liebespaares.

Dem Venezianer Damiano Michieletto eilt nicht erst seit seinen Arbeiten am Royal Opera House der durchaus liebevollen Ruf eines »enfant terrible des Musiktheaters« voraus. Unlängst sorgte er mit Inszenierungen von Rossinis Guillaume Tell, Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Pagliacci in London für Aufmerksamkeit bei Publikum und Kritik, wurde mit dem renommierten Laurence Olivier Award geehrt und gilt als international gefragter Neuerer der Opernregie. Michieletto erzählt die Fabel von Mädchen, Märchenprinz und Tanz im »gläsernen Pantoffel« für ein erwachsenes und junges Publikum: als Teil der neidvoll-harten Realität einer Ballettschule, in der die Leistungsansprüche der Erwachsenen auf die Träume von jungen Menschen treffen – und in der nach einem Unfall der Prima Ballerina Märchenhaftes geschieht.

Musikalische Leitung: Henrik Nánási, Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns
Dramaturgie: Simon Berger, Chöre: David Cavelius, Licht: Diego Leetz

Besetzung
Nadja Mchantaf Cendrillon / Aschenputtel,  Agnes Zwierko (Madame de la Haltière), Karolina Gumos (Le Prince Charmant), Mari Eriksmoen (La Fée), Mirka Wagner (Noémie), Zoe Kissa (Dorothée), Werner van Mechelen (Pandolfe), Carsten Sabrowski (Le Roi), Christoph Späth (Le Doyen da la Faculté), Nikola Ivanov (Le Surintendant des plaisiers), Philipp Meierhöfer (Le Premier Ministre), Chorsolisten der Komischen Oper Berlin u. a.

Premiere: Sonntag, 12. Juni 2016, 19 Uhr, Weitere Vorstellungen: 16. / 19. / 26. / 29. Juni und 2. / 10. Juli 2016, Einführungsmatinee: Sonntag, 5. Juni 2016, 12 Uhr (davor ab

10 Uhr Opernfrühstück)

—| Pressemeldung Komische Oper Berlin |—

 

Berlin, Komische Oper Berlin, Premiere: Jewgeni Onegin, 31.01.2016

Januar 18, 2016 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

 Jewgeni Onegin  von Pjotr I. Tschaikowski

Pjotr I. Tschaikowski und Konstantin S. Schilowski nach dem gleichnamigen Roman in Versen von Alexandr S. Puschkin, In russischer Sprache

Premiere: Sonntag, 31. Januar 2016 | 18 Uhr,  Weitere Vorstellungen: 3. / 6. / 26. / 28. Februar, 3. / 12. März und 6. Juli 2016

Einführungsmatinee: Sonntag, 17. Januar 2015, 12 Uhr (ab 10 Uhr Opernfrühstück)

Berlin / Komische Oper Berlin, vlnr Kosky, Moser, Hánási © IOCO

Berlin / Komische Oper Berlin, vlnr Kosky, Moser, Hánási © IOCO

Chefregisseur Barrie Kosky nimmt sich einer der ganz großen unglücklichen Liebesgeschichten der Opernliteratur an: Tschaikowskis Jewgeni Onegin. Basierend auf Alexandr Puschkins Erzählung erzählt die Oper die Geschichte von Tatjana, die sich in den Lebemann Onegin verliebt. Der weist sie jedoch ab – und muss Jahre später erkennen, dass er mit ihr seine einzige wahre Liebe verschmäht hat…

Kein Stoff der großen Oper, sondern die Gefühle von Menschen aus Fleisch und Blut, »ein Konflikt, der mich wirklich berührt«, schwebte Tschaikowski vor, als er mit Jewgeni Onegin den ersten Gipfel seines Opernschaffens erreichte. Poetischer Reichtum war dem Komponisten wichtiger als eine rasante dramatische Handlung. Warme, tiefempfundene Melodien, Chöre im russischen Volkston und ein farbenreich instrumentierter Orchesterklang entführen in die Innenwelten der Protagonisten, die – wie so oft bei Tschaikowski – ihrem Schicksal nicht entfliehen können.

Nach seinem komödiantischen Don Giovanni in der vergangenen Spielzeit bietet sich dem Bariton Günter Papendell nun mit der Partie des tragischen Titelhelden, der durch die eigene Arroganz sein Glück verspielt, eine neue Herausforderung für seine stimmliche und darstellerische Vielseitigkeit. In der Partie der Tatjana kehrt Asmik Grigorian auf die Bühne in der Behrenstraße zurück, die hier bereits als Rusalka sowie als Maria in Mazeppa, ebenfalls von Tschaikowski, zu erleben war. Die Musikalische Leitung übernimmt Generalmusikdirektor Henrik Nánási.

Musikalische Leitung Henrik Nánási, Antonello Manacorda Gajal de la Chenaye
Inszenierung Barrie Kosky, Bühnenbild Rebecca RingstKostüme,  Klaus Bruns
Dramaturgie Simon Berger, Chöre David CaveliusLicht,  Franck Evin

BESETZUNG:
Jewgeni Onegin: Günter Papendell, Tatjana: Asmik Grigorian
Olga: Karolina Gumos, Lenski: Ales Briscein
Larina: Christiane Oertel, Fürst Gremin: Alexey Antonov
Filippjewna: Margarita Nekrasova, Zarezki: Yakov Strizhak
Triquet: Christoph Späth, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

—| Pressemeldung Komische Oper Berlin |—

Berlin, Komische Oper Berlin, Premiere – My fair Lady, IOCO Kritik, 28.11.2015

Dezember 4, 2015 by  
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Komische Oper Berlin

Großartige Darsteller für „My fair Lady“ Premiere. 28.11.2015

Komische Oper Berlin / My Fair Lady Foto @copy Iko Freese | www.drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / My fair Lady – Foto : © Iko Freese | www.drama-berlin.de

Erstmals am letzten November-Samstag, an der Komischen Oper Berlin präsentiert, das weltberühmte Musical „My fair Lady“, in der Regie von Andreas Homoki, ehemaliger Intendant der Komischen Oper und aktuell Intendant des Opernhauses Zürich.

Komische Oper Berlin / My fair Lady - Foto : © Iko Freese | www.drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / My fair Lady – Foto : © Iko Freese | www.drama-berlin.de

My fair Lady“, dass zu den weltweit beliebtesten Musicals gehört, basiert auf dem erfolgreichen Schauspiel „Pygmalion“ des irischen Autors George Bernard Shaw, dass wiederum auf dem von Ovid geschilderten Mythos des gleichnamigen Künstlers beruht. Während in der mythologischen Erzählung der Bildhauer, enttäuscht von den Frauen, sich seine eigene, ideale Frau in Stein meißelt und sie dann zum Leben erweckt wird, geht es in der Komödie des Literaturnobelpreisträgers Shaw, der eine Karikatur der damaligen Londoner Gesellschaft zeichnen wollte,  etwas anders zu. Hier ist es kein Künstler, sondern der Sprachwissenschaftler und Phonetik Spezialist, Professor Higgins, der anstatt der Frauenstatue ein vulgäres Blumenmädchen mit der feinen Sprache, sittlichen Manieren und einer eleganten Garderobe ausstatten und zur Dame machen will.

Da sich Shaw Zeit seines Lebens einer musikalischen Vertonung wiedersetzt hatte, konnte erst nach seinem Tod, als die Rechte dafür vergeben wurden, das Werk zu einem Musical bearbeitet und schließlich mit der Musik von Frederick Loewe und den Liedtexten von Alan Jay Lerner uraufgeführt werden.

Die erfolgreiche Premiere dieses Musicals, dass im Gegensatz zu Shaws Stück mit einer Art „Happy End“ durch die letztendlich entstandene Liebe zwischen dem Professor und der Blumenverkäuferin Eliza ausgestattet wurde, fand am 18. April 1956 in New York im Mark Hellinger Theatre, mit Julie Andrews und Rex Harrison in den Hauptrollen statt. Seitdem wurde „My fair Lady“ immer wieder weltweit in die Repertoires sämtlicher Theater- und Opernhäuser aufgenommen.

In einer deutschen Fassung wurde das Musical erstmals 1961 im Berliner Theater des Westens aufgeführt, indem der spezifische Londoner Dialekt „Cockney“ ins „Berlinerische“ übersetzt worden war. 1964 kam dann auch die berühmte Verfilmung (mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle), die dem Musical noch zusätzlichen Ruhm verschaffte.

So ist auch diese Neuproduktion der Komischen Oper Berlin mit großem Beifall vom Publikum honoriert worden. Die solide Inszenierung von Homoki glänzt zwar nicht durch Originalität oder besonderen Einfallsreichtum, verschafft aber mit bester Personenregie den Darstellern zu ihrer großartigen Leistung. Allen voran der Berliner Schauspieler Max Hopp als Professor Henry Higgings. Dem Publikum der Komischen Oper bestens aus vorangegangene, erfolgreichen Produktionen bekannt, zeichnet er mit viel Witz, aber auch viel Sensibilität, den eingefleischten Junggesellen und lässt ihn trotz seiner frauenverächtlichen Züge rührend liebenswert erscheinen. Applaus für die Glanzleistung!

Auch Katharine Mehrling begeistert mit ihrer charaktervollen und spritzigen Interpretation der Eliza Doolittle. Ihre jazzige Stimme passt zwar mehr zu der frechen und vorlauten Göre als zu der verträumten und zerbrechlichen Eliza nach ihrer „Verwandlung“, jedoch bekommt die Figur vielleicht gerade dadurch mehr Glaubwürdigkeit. Sehr schön das Evergreen „Ich hätt getanzt heut Nacht“.

Ausgezeichnet Jens Larsen als Elizas Vater, Alfred P. Doolittle. Mit großer Bravur und mit bereits mehrfach in anderen Rollen bewiesenem, schauspielerischem Talent, verkörperte der Bassist die sympathische Figur.

Überzeugend auch alle anderen Darsteller: Die Schauspielerin Susanne Häusler als Mrs Higgins, die langjährigen Ensemblemitglieder Christoph Späth und Christine Oertel als Oberst Pickering und Mrs. Pearce und ganz besonders beeindruckend Johannes Dunzals (Mitglied des Opernstudios) als  Freddy – sowohl szenisch wie vor allem gesanglich. Mit seinem strahlenden Tenor und voller Inbrunst sang er seinen Song und sorgte für einen der Highlights des Abends. Auch die Chorsolisten waren klangvoll und spielfreudig wie immer.

Das Orchester spielte unter der sicheren musikalischen Leitung der estnischen Dirigentin Kristiina Poska, seit 2012/2013 erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper. Hier und da hätte man sich vielleicht nur etwas mehr Schwung gewünscht.

Das recht wenig spannende, aber für die Umstände gut gelöste Bühnenbild, bestehend aus einigen überdimensionalen, immer wieder anders angeordneten Grammophonen und einem stilvollen, auf einer Rundschiene laufenden Vorhang, wurde von Frank Philipp Schlösmann geschaffen. Kostüme von Metchield Seipel.

Unter den Premierengästen zahlreiche Prominente, u. A. der ehemalige regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit.

Insgesamt ein sehr gelungener Theaterabend und eine empfehlenswerte Produktion, vor allem den bestens zusammengestellten und hervorragenden Darstellern und ihrer Glanzleistung zu verdanken.

IOCO / G.G./ 28.11.2015

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