Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester mit „Sinfonien der Krise“, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 22, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

NDR Elbphilharmonie Orchester mit Herbert Blomstedt

„Sinfonien der Krise in nobler nordischer Eleganz“

Von Guido Müller

Am 11. Januar 2018 feierte das neue Wahrzeichen Hamburgs, die Elbphilharmonie  einjährigen Geburtstag. Und zwar gut hanseatisch nicht mit einem Galakonzert großer Stars von auswärts sondern mit ihrem Hausorchester und dem langjährigen Chefdirigenten Herbert Blomstedt in einem Abonnementskonzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 und der Sinfonie Nr. 3 d-moll in der Urfassung von Anton Bruckner.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und "Sinfonien der Krise" © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und „Sinfonien der Krise“ © Daniel Dittus

Eine bessere und festlichere Kombination hätte es kaum geben können. Der noble, charmante und bescheidene Maestro aus dem hohen Norden mit der heroischen und vornehmen großen Es-Dur Sinfonie von Mozart, deren Eingangsportal mit feierlichen Punktierungen des Orchesters nach dem Vorbild der barocken Ouvertüre bereits die Töne des Erhabenen wie in seiner Oper Die Zauberflöte vorgeben. Und die große d-moll-Sinfonie Bruckners, nicht nur der Tonart nach an Beethovens Großer Neunter Sinfonie modelliert, mit der die Elphi vor einem Jahr eröffnet wurde (Foto) – und dirigiert vom bedeutendsten Bruckner-Dirigenten unserer Tage. Schon diese Programmierung macht deutlich, wie intelligent und bewußt der neunzigjährige Altmeister aus Schweden seine  Konzertprogramme zusammenstellt.

Bruckners dritte Sinfonie, die er als sein Schmerzenskind in drei Fassungen von 1874, 1877 und schließlich 1890 hinterlassen hat, hat noch den Beinamen „mit der Trompete“ – aufgrund des charakteristischen Trompetenmotivs – und „Wagner-Sinfonie“, aufgrund der Widmung  Bruckners nach seinem Bayreuthbesuch an seinen zweiten neben Gott am meisten verehrten  und angebeteten Meister Richard Wagner.

 Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Wie der NRD-Dramaturg Julius Heile in seinem ausgezeichneten Einführungsvortrag plastisch mit Tonbeispielen zeigte, ist die Urfassung auch voller Themen und Motive aus Richard Wagners Opern wie das berühmte Tristan-Motiv aus Tristan und Isolde, aus Isoldes Liebestod, das Schlafmotiv aus der Walküre und aus dem Chorauftritt im zweiten Aufzug  Lohengrin. Diese huldigenden Wagner-Zitate strich Bruckner später nach den totalen Mißerfolgen der ersten Konzerte wieder. Die Wiener Philharmoniker hatten sich der  Aufführung 1874 verweigert.

Wagner selber bezeichnete in seiner ironisch-sarkastischen Art den Verehrer aus Linz aufgrund dieser Sinfonie als „die Trompete“. Bruckner zitierte aber nicht nur unterwürfig den Bayreuther Meister sondern auch sich selber selbstbewusst mit der Zweiten Sinfonie. Damit  wird deutlich, wie durchaus seiner kompositorischen Fähigkeiten bewußt der sonst voller Skrupel und Unterwürfigkeit auftretende und leicht zu verunsichernde Organist von Sankt  Florian eigentlich war. Auch im Finale der dritten Sinfonie in der Urfassung zitiert Bruckner selbstreferentiell und selbstbewusst bereits in dem ihm eigenen Verfahren Themen aus den ersten drei Sätzen seiner Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Vor Mozarts „Erhabener“ und der „Wagner-Sinfonie“ Bruckners mit der Trompete in der   Urfassung, die Bruckner selber nie gehört hatte, wurde das einjährige Elbphilharmonie –   Jubiläum mit einer festlichen Blechbläserfanfare von Simone Candotto, die das Oboen-Solostück zur Elphi-Eröffnung 2017 verwendet, sowie einer kurzen Ansprache von Generalintendant Christoph Lieben-Seutter gewürdigt.

Darauf folgte Mozarts erste Sinfonie aus der großen sinfonischen Trias des Krisenjahrs 1788. In diesem Jahr hatte Mozart gesellschaftlich seinen Zenit überschritten, hatte als Unternehmer  in Wien keine Erfolge mehr und sank sein Einkommen drastisch. Im Jahr zuvor war sein  Vater gestorben und Mozart verfiel in seelische Depression und Melancholie. Trotzdem  entfaltete er gerade in dieser Zeit eine enorme kreative Produktivität wie mit den in nur neun Wochen geschriebenen großen letzten Sinfonien, deren Auftrag oder Anlass wir nicht kennen.

Das oftmals mit solchen Attributen wie „glücklich“, „liebenswürdig“ und „heroisch“             bezeichnete Stück steht mit einem Bein noch in der überkommenen Tradition gepflegter Unterhaltung. Auf der anderen Seite zeugt es aber auch von der „Auseinandersetzung des Individuums mit mächtigen, bisweilen übermächtig erscheinenden Kräften“ (Martin Geck). Der „Gestus des Erhabenen“ (Julius Heile im Einführungstext des Programms, S. 7) manifestiert sich in der nebenbei auch freimaurerischen Tonart Es-Dur und schließt bei Mozart aber auch scheinbare Unordnung mit vielerlei Kontrasten ein.

„Die heroischen und elegischen Züge der Sinfonie, das F-moll Thema des Andantes,  besonders im Adagio, die heftigen Zweiunddreißigstel und die Herzens-Seufzer kurz bevor sich die krause Stimmung in lächelnde Heiterkeit auflöst, sind reale Erlebnisse, an denen nicht zu zweifeln ist.“ (Theodor Kroyer,1933). Diese innere Gegensätzlichkeit und scheinbare Unordnung, sicher biographisch begründet, zwischen dem ungewöhnlich zarten Thema des 1. Satzes nach der pompösen Einleitung oder dem dunklen h-moll Einbruch des Andantes ist bezeichnend für diese Sinfonie des Umbruchs kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Ebenso auch der das Versprechen der majestätischen Sinfonie-Eröffnung à la Ancien Regime so gar nicht  einlösende, ja geradezu in Frage stellende unschließende offene Schluss des à la Altmeister   Haydn wirbelnden Allegro-Finales voll Mozartischer Unfasslichkeiten und Überraschungen.

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Herbert Blomstedt dirigiert nun einen nie aufdringlichen, nie aufgeregten Mozart. Zart und  ernst, leicht federnd und mit der nötigen Dramatik und Tiefe, zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Sinfonieorchester atmend gestaltet er den Übergang vom Adagio zum Allegro des 1. Satzes mit philosophisch rhetorischer Eleganz des Grandseigneurs. Die existentielle Dramatik kommt im voll aufblühenden und duftigen Klang des überragend musizierenden Orchesters ganz zu ihrem Recht. Herausragend immer wieder der Stimmführer der Flöten Wolfgang Ritter. Im Menuett explodiert der Tanz förmlich mit einem zugleich luftig wie männlich-markant aufspielenden Trio. Dabei spielt der Klarinettist Gaspare Buonomano mit aller italienisch-Wienerischen Eleganz. Im Andante steuert das Fagott von Magnus Koch-Jensen die zauberhafte Kantilene bei. Auch im Duett mit Sonja Starke. Im Finale gestaltet Blomstedt mit dem meisterhaft spielenden Orchester eine perfekte Terrassendynamik und ruft bei den Mitgliedern des auf der Stuhlkante musizierenden Orchestere Lächeln und Freude in die  Gesichter. Selbstverständlich dirigiert Blomstedt den Mozart ebenso wie den Bruckner auswenig. Nur ein kleines rot eingeschlagenes Heft auf dem Pult bezeugt die Demut des lediglich ausführenden Kapellmeister-Dirigenten vor der Komposition und dem Komponisten.

Zu Bruckner hatte Herbert Blomstedt bereits als junger Student vor bald 70 Jahren ein besonderes Verhältnis. Mit seinem älteren Bruder pfiffen sie nach einem Besuch der Vierten  Sinfonie Bruckners die Themen nach, um sie nicht zu vergessen, und bei den schönen Stellen klopften sie sich gegenseitig leicht auf die Knie. Die Auseinandersetzung mit Bruckner war für Blomstedt „anfangs – bevor die intellektuelle Aufarbeitung kam – vor allem ein sehr emotionales, fantastisches Erlebnis„, das ihn seitdem nicht los gelassen hat. (zitiert nach dem Programmzettel) Genauso ergeht es sicher den meisten Hörern beim erstmaligen Besuch einer Bruckner-Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Und dieses großartige emotionale Erlebnis garantiert heute Blomstedt, wenn er auf der ganzen Welt immer wieder Bruckner dirigiert, wie an diesem unvergesslichen Abend in Hamburg mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester.

Wenn der Bruckner-Kritiker Hanslick 1877 das gehässige Verdikt über die Dritte ausspricht,  sie sei eine „Vision, wie Beethovens ‚Neunte‘ mit Wagners ‚Walküre‘ Freundschaft schließt    und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät“ (Programm, S. 9), so empfinden wir das heute   in der meisterlichen Interpretation durch Blomstedt als Kompliment. Den ersten großen Satz   der Dritten als Sonatensatz mit drei Themengruppen in der Exposition gestaltet Blomstedt bereits im Trompetensignal (hervorragend Guillaume Couloumy) über dem pulsierenden Klangteppich der herausragenden Streicher unter Konzertmeister Stefan Wagner nomen est omen, kann man hier sagen –  als erhabene festliche „Welt-Enstehungsmusik“. Blomstedt gelingt dabei gestalterisch auf das Faszinierendste den ganz großen Bogen zu schlagen zur Wiederkehr des signalartigen Trompetenmotivs in den letzten Takten des Finales und triumphalen Zieles der gesamten Sinfonie. Die wuchtigen Blechbläsersteiherungen lassen den Zuhörer den Atem anhalten (Hörner mit Jens Plücker, Posaunen mit Stefan Geiger und Uwe  Leinbacher (Bassposaune). Ähnlich wie in Mozarts Es-Dur Sinfonie atmet Bruckners Scherzo des 3. Satzes in der Ländler-Melodie des 2. Abschnitts und im Trio im Dreiertakt Wiener Eleganz. Wie in einer Bruckner-Sinfonie zeichnen diese Querbezüge immer auch die Konzertprogramme Blomstedts aus.

Im Finale kombiniert Bruckner Sphären des mit grober Pranke dreinschlagenden Hauptthemas mit einer charmant schmeichelnden Polka und einem Choral der Hörner (Jens Plücker, Dave Claessen, Adrian Diaz Martinez, besonders Nuria Rodrigez hervorragend!).  Alle Themen der vorherigen Sätze spielt Bruckner kurz vor Schluss des Finales nochmals kurz an. Dies wirkt innerhalb der Sinfonie wie eine Reminiszenz auf das vorhergehende Geschehen und erlaubt dem Zuhörer gedanklich gleichsam sich der vielen großartigen Momente eines Elphi-Jahres zu erinnern.

Mit enormer geistiger Wachheit, körperlicher Präsenz, Herzlichkeit und manchmal bübischer Fröhlichkeit, charmant, nobel und uneitel dirigiert Herbert Blomstedt als absolute Ausnahmeerscheinung unter den Dirigenten unserer Zeit mit Konzentration auf Wesentliche, größtmöglicher Präzision und geradezu hartnäckiger Durchsetzung seiner ästhetischen Anschauungen nicht nur Mozart und Bruckner. Sondern ebenso souverän und fröhlich stellt er sich auch den dankbaren Ovationen und dem Beifallsorkan des Hamburger Publikums.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnte Chefdirigent Herbert Blomstedt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester den Hamburgern und vielen Besuchern von weit her nicht machen. Das Konzert wurde aufgezeichnet und im NDR übertragen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, 2019: Alan Gilbert folgt Thomas Hengelbrock, IOCO Aktuell, 24.06.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

2019: Alan Gilbert – New York kommt nach Hamburg 

  Alan Gilbert – Nachfolger von Thomas Hengelbrock

Von Patrik Klein

Mit dem Einzug in die Elbphilharmonie hat das NDR Elbphilharmonie Orchester sieben Jahrzehnte nach seiner Gründung eine zeitgemäße künstlerische Heimat gefunden und ein neues Kapitel seiner Geschichte aufgeschlagen.

Als Residenzorchester prägt das NDR Elbphilharmonie Orchester das musikalische Profil von Hamburgs neuem Konzerthaus maßgeblich mit. Und die räumlichen und akustischen Möglichkeiten der Elbphilharmonie beeinflussten entscheidend die weitere Entwicklung der Klangkultur des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

„Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen!“

Mit dem Eröffnungskonzert im Januar 2017 und den vielen Konzerten des Klangkörpers aus dem klassischen Repertoire sowie zahlreichen auch Risiko nicht scheuenden neuen Stücken, hat sich das Orchester in die Kategorie der Weltklasseorchester selbstbewusst und mit allergrößtem Engagement eingereiht.

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

NDR Elbphilharmonie-Orchester © Michael Zapf

Der Große Saal der „Elphi“ ist nicht einfach zu bespielen. Wenn sich ein Orchester gelungen adaptiert hat, klingt es dann wunderbar transparent mit einer glasklaren, trockenen, keine Spielfehler verzeihenden Akustik, die sich in großem Masse von der warmen, stark die Instrumente vermischenden Akustik der Laeiszhalle unterscheidet. Diesen Wechsel und der Umgang mit der neuen Situation ist dem NDR – Orchester gut  gelungen. Man durfte in den ersten Monaten große Orchester u.a. die Wiener Philharmoniker, das Chicago Symphony Orchestra, die Staatskapelle Dresden und die Berliner Philharmoniker hören. In diese Qualitätskategorie hat sich das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Fleiß, höchster Motivation und einer großen Zahl an Arbeits- und Spielstunden gespielt. IOCO Kultur im Netz war in vielen dieser Konzerte dabei und berichtete auch vom Eröffnungskonzert am 11.1.2017

Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung trägt Thomas Hengelbrock,  seit 2011 Chefdirigent des Orchesters. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit. Die Pressemitteilung in den vergangenen Tagen kam jedoch ein wenig unerwartet:

Thomas Hengelbrock wird seinen Vertrag als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters über die Saison 2018/19 hinaus nicht verlängern. Nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie möchte er wieder mehr Zeit haben, um sich intensiver anderen künstlerischen Herausforderungen widmen zu können. Er wird dem NDR jedoch auch nach 2019 weiterhin regelmäßig für spezielle Konzertprojekte zur Verfügung stehen.“

 NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

NDR Intendant Lutz Marmor, l, und Alan Gilbert, r, © Patrik Klein

In einer Pressekonferenz am 23.06.2017 verkündete der NDR,  wer als Hengelbrock Nachfolger an der Spitze des Residenzorchesters der Elbphilharmonie stehen wird.

Neben dem designierten Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters waren vom NDR dabei: Intendant Lutz Marmor, Hörfunk-Programmdirektor Joachim Knuth sowie Andrea Zietzschmann, Leiterin des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte, und ihr Nachfolger Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Die Elbphilharmonie war durch Intendant Christoph Lieben-Seutter vertreten. Durch die Veranstaltung führte Friederike Westerhaus, Moderatorin bei NDR Kultur. In zwei Jahren beginnt für das NDR Elbphilharmonie Orchester eine neue Ära. Chefdirigent Thomas Hengelbrock wird sich mit Ablauf der Spielzeit 2018/19 nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren von Alan Gilbert abgelöst.

Alan Gilbert (* 23. Februar 1967 in New York City) ist US-amerikanischer Dirigent und seit 2009 Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Er studierte Musik an der Harvard University, dem Curtis Institute of Music in Philadelphia und der Juilliard School of Music in New York bei Otto-Werner Mueller. Nach seinem Studium war Alan Gilbert 1995–1997 Assistant Conductor des Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi. Von 2000 bis 2008 war Gilbert Chefdirigent der Königlichen Philharmoniker Stockholm (Kungliga Filharmonikerna) und zusätzlich von 2003 bis 2006 Musikdirektor der Oper von Santa Fe. Seit 2004 ist er Erster Gastdirigent beim NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg, mit dem Gilbert bereits mehrfach auf Tournee war.

Mit der Spielzeit 2009/10 trat Gilbert die Nachfolge von Lorin Maazel als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker an. Gilbert ist damit der erste gebürtige New Yorker auf dem Posten. Sein erstes Konzert eröffnete er mit dem Werk EXPO des finnischen Komponisten Magnus Lindberg, der von 2009 bis 2012 Composer in Residence bei den New Yorker Philharmonikern war. Gilbert kündigte im Februar 2015 an, 2017 von seinem Amt zurückzutreten.

Auf Ebene 15 in der Elbphilharmonie drängten sich die vielen angereisten Journalisten, Musiker und Freunde des Orchesters. Nach der Begrüßung und dem Blitzlichtgewitter der zahlreich vertretenen Fotografen eröffnete Achim Dobschall, Manager des NDR Elbphilharmonieorchesters die Pressekonferenz: „Mit dem neuen Chefdirigenten Alan Gilbert wollen wir weiter an der Devise arbeiten: Wir wollen uns mit den Spitzenorchestern dieser Welt messen“.

Mit Alan Gilbert wurde ein genialen Musiker gefunden, der als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra als Nachfolger von Lorin Maazel neue Wege gegangen ist, neue Konzertformate entwickelte ohne die Tradition zu brechen. Gilbert (auch Gastdirigent bei den Berliner Philharmonikern) steht für Integrität, Pluralität und Offenheit. Er kennt das Orchester sehr gut aus seiner Zeit als 1. Gastdirigent und erhält erstmalig in der Geschichte des Orchesters einen 5-Jahresvertrag. 12 Wochen pro Saison wird er in Hamburg dirigieren. Der NDR Intendant Lutz Marmor kennzeichnet Gilbert als den Wunschkandidaten des Orchesters und des NDR, da man auch in der Vergangenheit bereits exzellent zusammengearbeitet hat. Die Planungen für 2019ff laufen bereits auf Hochtouren und werden den Anforderungen und Gegebenheiten des Konzertsaals in der Elbphilharmonie in spannender Weise genügen. Man darf sich auf die Zukunft freuen.

—| IOCO Aktuell Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Beethoven – 9 Sinfonien in 5 Tagen, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 25, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Die neun Sinfonien Beethovens in 5 Tagen

 Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela – Leitung Gustavo Dudamel

„I VIVA Beethoven“

Von Patrik Klein

Die jüngste Revolution der klassischen Musik hat 1975 in Venezuela stattgefunden. Das Projekt nennt sich El Sistema und schafft tausenden von Kindern und Jugendlichen eine Zukunftsperspektive, indem sie kostenlos ein Instrument lernen können. Über 800.000 Kinder haben bislang an dem Projekt teilgenommen. Die Spitze dieser Bewegung ist in dem mittlerweile erstklassig gewordenen Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela zu sehen, dem Gustavo Dudamel seit 1999, damals 18-jährig, als Chefdirigent vorsteht.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Der Elbphilharmonie Hamburg und seinem Intendanten Christoph Lieben-Seutter ist es gelungen, im Rahmen einer großen Tournee durch Europa, das Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela für die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens in Hamburgs neuen Konzertsaal zu bringen. In chronologischer Reihenfolge wurden die Sinfonien an 5 Tagen, vom 19.3. bis 23.3.2017 zur Aufführung gebracht.
Am 19.3.2017, dem ersten Abend, gibt man die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 2, die wegen der relativen Kürze von ca. 30 Minuten mit den Ouvertüren zu Egmont und Coriolan angereichert werden. In noch recht kleiner Besetzung erklingen die ersten Klassiktöne aus dem rhythmisch-feurigen Südamerika. Das wundervolle Orchester mit den jugendlichen, mittlerweile erwachsen gewordenen Musikern spielt elegant, supersympathisch und entfesselt. Die vom Komponisten angelegten schnellsten Menuettstrukturen, damals bei den Uraufführungen in Wien von der Konzertkritik geächtet und verrissen, werden mit südamerikanischem Temperament gespielt, so dass jeder Menuetttänzer unweigerlich aus der Kurve fliegen würde. Ein Auftakt nach Maß bereits nach dem ersten Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Beethovens dritte und vierte Sinfonie dann am zweiten Abend mit deutlich größerer Besetzung, wie z.B. 6 Kontrabässen, 4 Hörnern, 4 Querflöten und entsprechender Streicherverstärkung. Die Eroica gilt als eine der komplexesten Werke Beethovens. Die danach gegebene vierte eher als so etwas wie eine kompositorische Verschnaufpause. Gespielt werden sie beide in jedem Falle meisterhaft vom Orchester, angeleitet von einem der derzeit energetischsten und gefragtesten Dirigentenstars auf unserem Globus, Gustavo Dudamel. Und nach dem Konzert hatte man den Eindruck „Was kann es schöneres geben, als glücklich und beseelt aus einem großartigen Konzert in der Elbphilharmonie zu kommen?“ Es macht grenzenlosen Spaß Dudamels Musikern beim Spielen zu lauschen…spielfreudig, feinsinnig, aufbrausend mit südamerikanischem Temperament, feinste Streicherflächen, sauberste Horn- und Trompetenklänge und eine Leichtigkeit, die man so noch nicht vernommen hat. Gustavo Dudamel braucht auch überhaupt keine „Showeffekte“. Im Gegenteil, er ist hier absolut nicht der „Stardirigent“ mit „Allüren“, sondern ein Primus inter pares. Kein einziges Mal nimmt er den Jubel der 2100 begeisterten Zuhörer auf dem Dirigentenpodium an, sondern er gesellt sich, immer fast ein wenig schüchtern wirkend, zu seinen Orchestermusikerinnen und -musikern.

Wien / Ludwig van Beethoven - Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Wien / Ludwig van Beethoven – Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Am dritten Abend dann die Schicksalssinfonie Nr. 5 und die Pastorale Nr. 6 in einem Konzert. Beethoven haderte hier mit seiner beginnenden Taubheit, und man wirft ihm vor, dass er dem „Schicksal in den Rachen greifen will“. Das Genie Beethoven hat hier aus dem recht einfachen Kern aus drei Achteln und einer Halben einen ganzen Satz aus diesem Motiv heraus entwickelt. In fast jedem der 500 Takte des Kopfsatzes ist es zu hören. Hier komponierte er, wie Kinder mit Legosteinen bauen. Und das Orchester aus Venezuela spielt es wunderbar klar, feinsinnig, manchmal wuchtig und temperamentvoll. Im Block S, gut 25 Meter vom Dirigenten entfernt in bester Position sitzend und hörend, mischt sich der überaus transparente Klang zu einer vollkommenen Einheit. Das Konzert wird live gestreamt auf Facebook und Youtube und kann jederzeit abgerufen werden. Bei der durchaus wunderschönen Pastoral-Sinfonie, die an das Landleben erinnern soll, dann doch die ersten etwas schwächeren Momente der Konzertserie. Die besonders stark besetzten Blechbläser fahren ihre Instrumente in den äußersten Grenzbereich und übertönen oft viel zu stark und manchmal nicht ganz im Takt die herrlichen Streicher. Diese Lautstärke ist in dem wunderbaren Konzertsaal gar nicht notwendig, aber so geht es auch einmal einem Top-Orchester, das hier zum ersten Mal die Tücken der Akustik kennenlernt.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Der Abend vier der Konzertreihe besteht nun aus den beiden Sinfonien Nr. 7 und Nr. 8. Der Anfang der siebenten ist wie eine Orgie des Rhythmus in einem fröhlichen 6/8-tel Takt, wie ein Besuch in der Werkstatt des Komponisten. Sie stellt Beethovens pure Energie der Vortriebskraft dar. Lust an knackigen Rhythmen und treibende Schlägen werden bis ins Exzessive gesteigert. Hier zeigt sich wieder die fantastische Stärke des Orchesters mit einer Mischung aus Disziplin und lateinamerikanischem Musikgefühl angeheizt durch den Maestro am Pult, sich steigernd in einen wahren Spielrausch ganz im Sinne des Meisters. Manchen Besuchern ist es wohl doch zu viel des Guten und vielleicht etwas zu uneuropäisch. Die verhältnismäßig kurze achte Sinfonie folgt nach der Pause. Sie ist ihm ein wenig heiter geraten, wirkt ein wenig harmlos nach dem Energiefeuerwerk von vorhin. Doch der Eindruck täuscht: Beethoven sprüht hier vor Witz und geht munter zur Sache. Es entwickelt sich ein stattliches Thema, das wenig später völlig aus dem Takt fällt. Das ruhig fließende Seitenthema bringt den Satz denn doch voran, allerdings in einer untypischen Tonart. Am Ende scheint sich Beethoven selbst zu persiflieren, in dem er nicht auf den Punkt für einen Schlussakkord kommt. Bei der Uraufführung war das Publikum entsetzt und bezeichnete das Werk als „furorelos“. Dass es das nicht ist, konnte man durch das formschön aufspielende Orchester beeindruckt erleben.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Und so unprätentiös wie sie spielen, kommen sie am letzten Abend wieder auf die Bühne. Nicht fein säuberlich nacheinander wie bei allen anderen Orchestern, sondern mal in Reihe, mal mit einer Minute Pause, beim Hereinkommen sich bekreuzigend wie manche Fußballer vor dem Elfmeterschuß. Der Konzertmeister erscheint erst nachdem das Orchester sitzt und empfängt den ersten höflichen Begrüßungsapplaus. Beethovens musikalisches Weltkulturerbe kann beginnen. Finale! Es ist so weit: Beethovens Opus magnum, seine neunte und letzte Sinfonie steht auf dem Programm und bildet den würdigen Abschluss einer außergewöhnlichen Konzertwoche in der Elbphilharmonie. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Beethovens gewaltiges Spätwerk wurde 1824 in Wien uraufgeführt. Zehn Jahre Inkubationszeit mit Skizzen, Änderungen und seinen berühmten Wutausbrüchen hat es gebraucht, bis es fertig war. Beethoven war mittlerweile völlig taub und hat seine Komposition nie gehört. In Wien war man Haydn gewohnt und musste nun den „tauben Grobian“ aus Bonn ertragen. Der Komponist war sich seiner Sache absolut sicher und ohne Perücke, mit zerzausten Haaren, schlecht gelaunt und einer Sinfonie in absoluter Überlänge gelang es ihm dennoch, seine Genialität erfolgreich darzustellen. Genial, weil er es perfekt verstand, mit simplen Motiven durch Wiederholungen und Weiterentwicklungen Dynamik und Lage zu variieren, Tonarten und Rhythmen permanent zu ändern und immer wieder auf die simplen Ausgangsformen zurückzukommen.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

 Der erste Satz beginnt mit einer „Ursuppe“ und der Idee eines Themas, welches sich zu einer explosiven Geste mit 16-Tonraumumfang entwickelt. Das Thema setzt sich aus verschiedenen Motiven zusammen und wird permanent variiert, immer wieder das „Freude-Thema“ andeutend. „Fratzenhafter“ der zweite Satz mit einem Schluss, der damals skandalös empfunden wurde. Ein Schnitt, als wenn der Stecker gezogen wird. Im dritten Satz wieder langsam, elegisch, pastoral, mit Pastellfarben das „Freude-Thema“ erneut andeutend. Im vierten Satz dann mit Chor und Solisten Schillers Ode an die Freude im Fokus. Die Insel der Seligen mit paradiesischen Zuständen als Zukunftswunsch und Appell an die Menschheit.

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Dudamels Orchester aus Venezuela spielt in allergrößter Besetzung mit unglaublicher Dynamik und Spielfreude. Gänsehaut bekommt man, wenn man die 8 Kontrabässe im vierten Satz oft fast alleine hört und das gesamte Podium als Resonanzboden dient. So leise, dass es fast unhörbar klingt, baut Dudamel eine unerhörte Spannung auf, dass minutenlang kein Huster oder Papierraschler wahrzunehmen ist. Den Hörnern, der Posaune und dem Pauker gelingen dann doch manchmal die Temperamentausbrüche zu heftig und auch etwas zu schnell im Takt. Fantastisch die Streicher, die Flöten, Fagotte und Oboen. Der Chor der Europachorakademie aus Mainz mit seinem Leiter Joshard Daus liefert ein grandioses Ergebnis aus Klarheit, Textverständlichkeit und Musikalität ab. Die Solisten, allesamt aus Übersee (Julianna di Giacomo, Tamara Mumford, Joshua Guerrero und Soloman Howard) geben sich allergrößte Mühe mit leichten Problemen bei der Textverständlichkeit und Intonation. Insgesamt ein würdiger Abschluss einer grandiosen Konzertreihe durch die „Spitze des Eisberges“ der Bewegung El Sistema. Das Hamburger Publikum dankt es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Standing Ovations.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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