Bremen, Theater Bremen, Don Giovanni – Wolfgang A Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2019

Oktober 22, 2019 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

– Die große Leere absoluter Freiheit –

von Thomas Birkhahn

Nachdem das Bremer Theater den komödiantischen Rosenkavalier von Richard Strauss in der ersten Neuproduktion der Saison als Drama inszeniert hatte, durfte man gespannt sein, ob es jetzt bei Don Giovanni – von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte im Untertitel als Drama giocoso (Heiteres Drama) betitelt – etwas zu lachen gab.

Das Bühnenbild, ganz in schwarz-weiß gehalten, stellt eine Straße dar, die ins Nichts führt, und den Lebensweg symbolisieren könnte. Sie wird gesäumt von einem tristen grauen Acker mit Kohlköpfen. Ganz vorne ist eine Grube, in die später die beiden Toten fallen werden, und in die manchmal auch die Lebenden steigen.

Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart
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Für Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihr Team (Bühnenbild: Klaus Grünberg, Kostüme: Silke Willrett) ist Don Giovanni absolut frei. Er kennt keine Konventionen, keine Moral und keine Gesetze. Er ist ein Rastloser, der zwei Akte lang ohne Halt durch das Geschehen taumelt, ohne eine Bindung zu einer der drei Frauen zu finden, die er erfolglos zu verführen versucht. Die Freiheit, die er als Lebensstil auslebt, führt zu großer innerer Leere – ständig muss ein neuer Kick her.

Der einzige Mensch, dem er sich scheinbar verbunden fühlt, ist der Komtur. Liegt es daran, dass dieser das Gesetz und die Ordnung verkörpert, nach dem sich Don Giovanni doch heimlich sehnt? Zumindest ist es später auch der Komtur – und nicht die Kammerzofe – dem er sein berühmtes Ständchen singen wird, und dem er am Schluss lieber ins Jenseits folgt als sein Leben zu ändern. Bei Gürbaca tötet er den Komtur auch eher unabsichtlich, was bei ihm ein kurzes Innehalten bewirkt. Es wird der einzige Moment dieser Art an einem Abend voll rastloser Energie bleiben.

Doch der Reihe nach: Die Aufführung wird dominiert vom darstellerisch brillianten Birger Radde als Titelhelden Don Giovanni und seinem ebenso großartig aufspielenden zappeligen Sidekick Christoph Heinrich als Leporello. Was diese beiden Sängerdarsteller dem Publikum bieten, ist beste Unterhaltung. Es wird geprügelt, gestritten, gesoffen, gelacht und oftmals auch auf Kosten des schönen Gesangs gebrüllt. Die beiden singen und spielen ihren Part nicht nur hervorragend, sie „sind“ an diesem Abend Don Giovanni und Leporello.Sie gehören bei Gürbaca zusammen wie Laurel & Hardy und sorgen gelegentlich mit slapstickhaftem Klamauk für manchen Lacher.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Hyojong Kim, Birger Radde, Mima Millo © Joerg Landsberg

Es ist seit der Uraufführung vor über 200 Jahren eine offene Frage, was denn nun genau zwischen Don Giovanni und Donna Anna zu Beginn der Oper stattgefunden hat. Wurde sie von ihm verführt? Muss Don Giovanni sich überhaupt maskieren, im Dunkeln auftreten, um Frauen zu erobern? Ist das das Merkmal eines großen Womanizers, der – nach Angaben seines Dieners – über 2000 Frauen erobert hat? Gürbaca meint nein, und zeigt ganz offen, wie Donna Anna sich mit verbundenen Augen willig vom Titelhelden verführen lässt. Sie wird auch den ganzen Abend nicht von Don Giovanni loskommen, was ihre Darstellerin Mima Millo sehr glaubhaft verkörpert. Er ist ja auch wirklich aufregender als ihr verlässlicher Verlobter Don Ottavio, der mit der nötigen Biederkeit von Hyojong Kim gespielt wird. Sein „Dalla sua pace“ – von Mozart für die Wiener Erstaufführung dazukomponiert – war zudem einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Mit tenoralem Glanz und wunderschönem Legato gestaltete er eine der populärsten Arien Mozarts.

Bei Tatjana Gürbaca kreisen alle Figuren ständig um den Titelhelden. Er ist nie allein auf der Bühne. Sie werden von ihm magisch angezogen, er soll ihr durchschnittliches Leben aufpeppen. Da aber Don Giovanni – wie schon erwähnt – vergeblich die Leere in seinem Leben zu füllen versucht, sind alle Protagonisten ständig auf der Suche nach ihrem Lebensglück..

Auch Donna Elvira kann nicht vom Titelhelden loslassen. Sie reist ihm viele hundert Kilometer nach. Entweder, um sich zu rächen, weil Don Giovanni sie sitzen ließ, oder um seine Liebe zurück zu gewinnen. Das weiß sie vermutlich selber nicht genau. Patricia Andress macht die Unsicherheit dieser Figur deutlich, und gestaltet die drei Arien dieser Partie sehr anrührend. Bei Gürbaca ist sie zudem schwanger, was ihre Chancen beim Ex nicht gerade erhöht…

Gürbaca lässt Leporello die „Registerarie“ mit großartiger Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit vortragen. Klar, er hat diese Arie bei einem Register von über 2000 Frauen ja auch schon hunderte Male gesungen. Die spult man irgendwann nur noch gelangweilt herunter.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Christoph Heinrich, Birger Radde als Don Giovanni , Loren Lang © Joerg Landsberg

Mit der bäuerlichen Gesellschaft von Masetto und Zerlina kommt nicht nur musikalisch ein volkstümlicher Kontrast hinzu, sondern in dieser Aufführung auch durch die Kostüme. Während Don Giovanni ständig sein Outfit wechselt, mal im Anzug, mal in pinkfarbener Leggings und Damenschuhen auftritt, und seine Gegenspieler business-like gekleidet sind, erinnert die Kleidung der bäuerlichen Gesellschaft eher an osteuropäische Bauern-Kostüme. Offenbar ist aber auch auf dem Land der Fernseh-Empfang sehr gut, denn ihre Moves für die Hochzeitsfeier scheinen die Gäste direkt von einem MTV-Video abgeguckt zu haben.

KaEun Kims Zerlina ist ein weiterer musikalischer Höhepunkt des Abends. Mit ihrem glockenhellen Sopran singt sie vor allem ihre erste Arie („Batti, batti“) mit zauberhafter Leichtigkeit. Stephen Clarks Masetto ist darstellerisch ein angemessem aggressiv auftretender Bräutigam, der nicht akzeptieren will, wie ihm nicht nur von Don Giovanni sondern auch von Zerlina übel mitgespielt wird. Leider erreicht er stimmlich diese Aggressivität nicht ganz. Sein Tenor klingt oftmals noch zu freundlich für diese Partie.

Im Finale des ersten Aktes kommen alle Figuren in den Genuss der Freiheit, die der Titelheld ihnen vorlebt: Don Giovanni lässt Kokain verteilen, und es beginnt eine Orgie, in deren Verlauf auch die scheinbar so tugendhaften Paare Masetto / Zerlina und Anna / Ottavio eindeutig Gefallen an der vorherrschenden sexuellen Freizügigkeit finden.

Dieses Finale hat als musikalische Besonderheit die Gleichzeitigkeit von drei Taktarten, was für damalige Ohren unerhört geklungen haben muss: Wir hören im Orchestergraben einen 3/4-Takt, und von den beiden Bühnenorchestern einen 2/4-Takt bzw. einen 3/8-Takt. Dieses komponierte „Chaos“ wird es erst im 20. Jahrhundert wieder geben. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Musiker der Bühnenorchester nicht im schwarzen Anzug am Rand der Bühne spielen, sondern wirklich auf der Bühne mitten im Geschehen agieren. Warum nicht auch die Musiker Kokain nehmen lassen und an der Orgie teilnehmen? Es hätte den Charakter des Anarchischen dieses Festes noch erhöht.

Im zweiten Akt ragt an diesem Abend musikalisch besonders Don Giovannis Ständchen heraus. Birger Raddes innig vorgetragene Liebeserklärung wird von der Mandolinistin vom Bühnenrand aus ebenso einfühlsam begleitet. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob es dem Regiekonzept nicht mehr entspräche, die Mandolinistin auf der Bühne am Geschehen teilhaben zu lassen; so wirkt es etwas brav.

Theater Bremen / Don Giovanni - hier :  Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Don Giovanni – hier : Andress, H Kim, Heinrich, Millo, Clark, K Kim © Joerg Landsberg

Als „Oper aller Opern“ bezeichnete E. T. A. Hoffmann den Don Giovanni, und bezog sich damit vermutlich hauptsächlich auf das Finale des 2. Aktes, in dem Mozart Don Giovannis Höllenfahrt in nie zuvor gehörter Art und Weise in Töne setzt. Diese Musik weist weit in die Zukunft, und erst Carl Maria von Weber wird über 30 Jahre später in seinem Freischütz wieder solch düstere „Horrormusik“ komponieren. Hier hätte man sich einen klangvolleren Komtur gewünscht. Loren Langs Bass fehlte es etwas an Durchschlagskraft. Das Bedrohliche der bevorstehenden Höllenfahrt seines Mörders erschloss sich nicht ganz. Dafür konnten hier die Bremer Philharmoniker voll überzeugen. Waren sie in der Ouvertüre noch zu zaghaft, steigerten sie sich unter der Leitung ihres Kapellmeisters Hartmut Keil im Laufe des Abends, um bei der Rückkehr der Musik der Ouvertüre den ganzen Schrecken dieser Horrorszene hörbar zu machen.

Die im 19. Jahrhundert meist gestrichene letzte Szene wird in dieser Aufführung gespielt, und das ist auch gut so, zeigt Gürbaca doch, wie sehr den Überlebenden jetzt der Lebensmittelpunkt fehlt. Sie räumen die Bühne auf, das aufregende Partyleben ist mit Don Giovannis Tod vorbei, es beginnt wieder der Alltag. Nur Donna Elvira schlägt einen anderen Weg ein. Sie hat ihr Kind bekommen, gibt es aber Zerlina und geht lieber ins Kloster.

Besondere Erwähnung verdienen noch die Rezitative. Selten waren sie so unterhaltsam wie an diesem Abend. Sie wurden von den Darstellern nicht nur mit viel Tempo und Witz gespielt, sondern auch von Hartmut Keil mit Phantasie und Humor am Hammerklavier begleitet. Ein besonderer Leckerbissen war seine Idee, im Rezitativ der Friedhof-Szene nochmal die Champagner-Arie zu zitieren.

Dieser Abend ließ sängerisch und szenisch kaum Wünsche offen. Die Regie machte überzeugend die Doppelmoral der Protagonisten deutlich, bei denen der Titelheld gleichzeitig zwei konträre Emotionen hervorruft: Einerseits verurteilen sie Don Giovannis Tun als verwerflich, gleichzeitig haben sie aber auch den Wunsch, diesem Schurken zu folgen. Wer dazu Parallelen in der Politik sucht, wird sicher schnell fündig werden…

Begeisterter Applaus für alle Mitwirkenden und das Regieteam war verdienter Lohn für diese Don Giovanni  Aufführung.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Bremen, Theater Bremen, Premiere Die Entführung aus dem Serail, 01.12.2018

November 16, 2018 by  
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Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Die Entführung aus dem Serail  –  Wolfgang A. Mozart

Premiere am 1. Dezember 2018, 19:30 Uhr 

Wo das Vertraute fremd erscheint, stellt sich die Frage nach Liebe und Treue plötzlich neu und anders: Belmonte liebt Konstanze, Konstanze liebt Belmonte und Pedrillo und Blonde lieben sich ebenso. Doch im Serail des türkischen Bassa Selim werden die Karten neu gemischt – oder nicht? Regisseur Alexander Riemenschneider liest Mozarts Orient nicht als geografisch verortbare Fremde, sondern als Blick auf das Fremde, in dem sich die eigenen Sehnsüchte und Ängste spiegeln.

Anders als die Musiktheater-Performance von Ted Gaier, Gintersdorfer/Klaßen, Benedikt von Peter und Markus PoschnerLes robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“ aus dem Jahr 2015 beschäftigt sich Riemenschneider nicht mit der Konfrontation zweier heterogener Kulturen. Er begibt sich gemeinsam mit den Sänger*innen und fünf Schauspieler*innen in einen inneren Orient und legt Mozarts subtile Menschen- und Beziehungsporträts frei, die sich unter der Oberfläche des Singspiels verbergen.

Die Musikalische Leitung hat Hartmut Keil: Er war von 2002 – 2016 an der Oper Frankfurt engagiert und dirigierte da neben allen großen Mozart-Opern ein breites Repertoire. Von 2003 bis 2012 war er musikalischer Assistent und Studienleiter bei den Bayreuther Festspielen, seit der Spielzeit 2017/2018 ist er als Erster Kapellmeister am Theater Bremen engagiert und hatte die musikalische Leitung bei Puccinis „Il tabarro & Gianni Schicchi“, Dvo?áks „Rusalka“ und Strawinskys „The Rake’s Progress“. Regie führt Alexander Riemenscheider, er studierte Germanistik, Musik- und Medienwissenschaften in Bonn und Regie an der Theaterakademie in Hamburg. Seit 2009 inszenierte er in Hamburg, Berlin, München, Bochum, Prag und Sibiu (Rumänien). Am Theater Bremen führte er u.a. Regie bei der Uraufführung „Aber sicher!“ von Elfriede Jelinek und erarbeitete gemeinsam mit der tschechischen Kafka Band die beiden Kafka-Abende „Das Schloss“ und „Amerika“. Nach „Hänsel und Gretel“ ist Die Entführung aus dem Serail seine zweite Arbeit in der Sparte Musiktheater.

Die Entführung aus dem Serail
Deutsches Singspiel in drei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart. Text von Johann Gottlieb Stephanie dem Jüngeren nach Christoph Friedrich Bretzner
Uraufführung: 16. Juli 1782, Burgtheater Wien

Musikalische Leitung:                     Hartmut Keil
Inszenierung:                                  Alexander Riemenschneider
Bühne:                                            Jan Štepánek
Kostüme:                                        Emir Medic
Dramaturgie:                                  Caroline Scheidegger

Mit :  Parbet Chugh, Anna-Lena Doll, Iryna Dziashko, Christoph Heinrich, Hyojong Kim, Ferdinand Lehmann, Nerita Pokvytyte, Joel Scott, Stephanie Schadeweg, Alexander Swoboda.

Es spielen die Bremer Philharmoniker

—| Pressemeldung Theater Bremen |—

Bremen, Theater Bremen, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 05.10.2018

Oktober 6, 2018 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

 Fidelio – Ludwig van Beethoven

– Grandiose Bremer Freiheitsode –

Von Michael Stange

Ludwig van Beethofen © IOCO

Ludwig van Beethofen © IOCO

Beethovens Fidelio wurde nach der Aufführung der dritten revidierten Fassung zum Symbol des siegreichen Freiheitskampfes gegen Napoleon. Die großen Bühnen in Deutschland und Europa brachten das Werk in zügiger Folge heraus. Goethe, damals Intendant des Hoftheaters in Weimar, nahm Fidelio schon 1816 ins Programm, Carl Maria von Weber dirigierte 1823 die Dresdner Erstaufführung, 1830 wurde die Oper erstmals in Paris gegeben, 1831 folgte die Premiere in London.

Richard Wagner erlebte das Werk mit 16 Jahren 1829 in Leipzig. Dies führte zum Entschluss Opernkomponist zu werden und die Themen Treue und Aufopferungen bildeten zeitlebens einen zentralen Aspekt seiner Opern.

Die politische Aktualität der Oper besteht fort. Politische Gefangene, Unrechtsysteme, Folterungen, Unterdrückung, staatliche Gewalt, Lebensgefahr und Terror prägen heute den Alltag von Millionen von Menschen.

Daran knüpft die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich an. Leonore ist eine liebende Frau, die – auch um ihren Gatten zu befreien – gegen die herrschenden politische Gewalt kämpft, um die Freiheit ihres Mannes zu erreichen und letztlich auch die Willkürherrschaft zu beenden.

Theater Bremen / Fidelio - hier : Myrisol Schalit, Christoph Heinrich, Nadine Lehner, Joel Scott © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier : Myrisol Schalit, Christoph Heinrich, Nadine Lehner, Joel Scott © Jörg Landsberg

In einer Zeitreise durch Theatergeschichte erinnert Dittrich durch Videosequenzen an frühere historische Ereignisse in Paris, Leningrad und Deutschland an und nimmt Bezug auf dortige Fidelio-Inszenierungen aus den jeweiligen Epochen seit der Entstehung der Oper.

Gleichzeitig stellt er Teilhabe an und Einmischung in politische Prozessen als wichtige Aufgabe des Einzelnen dar. Durch Einbeziehung des Publikums in die Handlung fordert er zur Aktivität, zur Emanzipation und zur Positionierung auf. Zuschauerraum und Bühne verschwimmen ineinander. Sechzig Zuschauerinnen und Zuschauer werden im 2. Akt an einen großen Tisch auf die Bühne gebeten werden und das Finale wird von Chor und Ensemble vom 2. Rang herunter gesungen. Dieses Konzept geht auf und steigert ungemein die Botschaft des Werks durch die Involvierung des Publikums.

Theater Bremen / Fidelio - hier - Christian-Andreas Engelhardt, Claudio Otelli, Tischgesellschaft © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier – Christian-Andreas Engelhardt, Claudio Otelli, Tischgesellschaft © Jörg Landsberg

Yoel Gamzou ist ein Glücksfall für das Theater Bremen. Schon in der Ouvertüre zeigen er und die ihm mit Spielfreude, technischer Brillianz und Feuer folgenden Bremer Philharmoniker eine temporeiche, spannende nuancierte Wiedergabe. Die ausgewogene Orchesterbalance und die stete Hörbarkeit der Streicher erzeugen durchgängig ein präsentes und beeindruckendes Orchesterbild. Poesie im 1. Akt paart sich mit dramatischer Attacke im 2. Akt. Welches Feuer die Bremer Philharmoniker aufbringen, zeigt die Videoinstallation der Leonoren Ouvertüre vor dem Finale in der das Orchester auf der Leinwand zu sehen ist. In diesem Farbreichtum und dieser Präzision dürfte das andernorts kaum zu hören sein.

Gesanglich bewegt sich die Aufführung auf höchstem Niveau. Nadine Lehner gelingt als Leonore trotz ihrer eher lyrischen Stimme ein farbenreiches Rollenportrait mit dramatischer Attacke und farbenreichen Facetten. Claudio Otelli ist ein Pizarrro mit ausladendem Bariton, heldischer Attacke und abgrundtiefer Bösartigkeit.

Theater Bremen / Fidelio - hier : Nadine Lehner, Claudio Otelli © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Fidelio – hier : Nadine Lehner, Claudio Otelli © Jörg Landsberg

Christian-Andreas Engelhardt überzeigt als Florestan auf ganzer Linie. Mit baritonalem Timbre meistert er furchtlos mit ausgeglichener, bruchloser Gesangslinie in allen Registern die Arie des Florestan im 2. Akt. Wuchtig und durchschlagskräftig gelingen ihm auch die hohen Töne des himmlischen Reichs. Christoph Heinrich portraitiert einen sympathischen Rocco mit sonorem und rundem Bass. Marysol Schalit ist vom Timbre her fast über die Marcelline hinausgewachsen. Gleichwohl gelingt ihr ein gesanglich exzellentes Portrait mit berührendem, strahlenden Ton und brillanter Geläufigkeit auch in den hohen Lagen. Joel Scott ist ein lyrischer und durchschlagskräftiger Jaquino. Diese ausgezeichnet Sängerriege rundet der Don Fernando von Daniel Ratchev ab, der Autorität und lyrische Gesangslinie glücklich vereint.

Mit diesem Fidelio ist dem Theater Bremen musikalisch und szenisch ein großer Wurf gelungen.

Fidelio am Theater Bremen; die nächsten Termine: 4.11.; 10.11.; 16.12.2018; 10.1.2019

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Bremen, Theater Bremen, Fidelio – Ludwig van Beethoven, 16.09.2018

September 5, 2018 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

 Fidelio – Ludwig van Beethoven

Die Durchleuchtung einer Freiheitsoper: Paul-Georg Dittrich inszeniert Fidelio von Ludwig van  Beethovens. Yoel Gamzou hat die Musikalische Leitung. Premiere ist am 16. September um 18 Uhr im Theater am Goetheplatz.

Beethovens einzige Oper ist das Zeugnis einer immensen Abarbeitung an der Gattung Oper und dem Thema der Freiheit. Leonores Errettung ihres dem Tode geweihten Gatten wird zu einem Fanal für politische Mündigkeit. Ein Thema, das Fidelio als Oper für besondere Gelegenheiten prädestiniert. „Und durchaus auch für die unrühmlichen“, führt Brigitte Heusinger, seit der Spielzeit 2018/19 Leitende Dramaturgin im Musiktheater, aus: „Dies ist der Ausgangspunkt der szenischen Umsetzung, die im ersten Teil exemplarische Aufführungen anzitiert und Revue passieren lässt.“ In insgesamt acht Dioramen nimmt Dittrich Bezug auf geschichtsträchtige Inszenierungen aus verschiedenen Jahrzehnten.

Im zweiten Teil wird der appellative Charakter der Oper, die Forderung nach Einmischung und Teilhabe wörtlich genommen. 60 Zuschauer*innen wechseln die Seite, die klassische Guckkasten-Situation wird aufgehoben. Bei Brot und Theaterwein werden sie zur Tischgesellschaft auf der Bühne. Karten für diese speziellen Plätze gibt es ausschließlich an der Theaterkasse.

Stilistisch changiert Fidelio zwischen Singspiel, dramatischer Oper und Oratorium, die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Yoel Gamzou inne. In den Hauptpartien geben Christian-Andreas Engelhardt als Florestan und Nadine Lehner als Leonore ihr Debüt, Tenor Joel Scott alias Jaquino ist in Bremen erstmals zu erleben.

Nach „Wozzek“ und „La Damnation de Faust“, beide Arbeiten nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST, und in der vergangenen Spielzeit „Lucia di Lammermoor“, ist der Regisseur Paul-Georg Dittrich nun mit seiner vierten Inszenierung am Theater Bremen zu sehen. Dittrich, geboren 1983, studierte Regie in Hamburg und arbeitet häufig sparten- und medienübergreifend. Er inszenierte u.a. am Schauspiel Frankfurt, am Schauspielhaus Wien, am Maxim Gorki Theater Berlin und an der Staatsoper Hamburg.

Fidelio – von Ludwig van Beethoven, Text Joseph Ferdinand Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke nach Jean-Nicolas Bouilly

Premiere: Sonntag, 16. September 2018  18 Uhr – Theater am Goetheplatz

Musikalische Leitung:  Yoel Gamzou, Regie: Paul-Georg Dittrich, Bühne:  Lena Schmid, Kostüme: Anna Rudolph, Licht: Joachim Grindel, Chor: Alice Meregaglia, Video: Kai Wido Meyer, Dramaturgie: Isabelle Becker, Brigitte Heusinger

Mit: Christian-Andreas Engelhardt, Christoph Heinrich, Nadine Lehner, Claudio Otelli, Daniel Ratchev, Marysol Schalit/Iryna Dziashko, Joel Scott, Jeong Hoon Lee, Romualdas Batalauskas. Chor und Extrachor des Theater Bremen. Es spielen die Bremer Philharmoniker

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