Osnabrück, emma-theater, Verbindungsfehler – von Julian Mahid Carly, IOCO Kritik, 23.06.2021

Juni 22, 2021 by  
Filed under emma-theater, Hervorheben, Kritiken, Schauspiel

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück

 VerbindungsfehlerSiegerstück  von Julian Mahid Carly – Digital-Premiere 

– Theater als leerlaufende Selbstreflexion des Produktiosteams –

von Hanns Butterhof

Das emma-theater war in Vor-Corona-Zeiten Osnabrücks Spielort für Modernes und Experimentelles. So sollte es auch der Ort der Uraufführung des Stücks Verbindungsfehler von Julian Mahid Carly sein, das den Osnabrücker Dramatikerpreis 2019 gewonnen hat. Jetzt erblickte Verbindungsfehler als stream im Digitalen Theater in einer Mischung aus digital animierten und realen Film-Szenen das Licht der Welt. In dem Stück verbindet sich eine Vielzahl rücksichtsvoller und feinfühliger Überlegungen zu Migration, Identität, Wirklichkeit und ihrer Darstellung im Theater derart, dass dem breiteren Publikum das Dekodieren kaum fehlerfrei möglich ist.

Regisseurin Rieke Süßkow lässt Verbindungsfehler in einer digitalen Umwelt aus bunten Tetris-Klötzen (Bühne und Kostüme: Mirjam Stängl, einfallsreiche Animation: Jan Riesenbeck / Stephan Q. Eberhard) spielen, die ein Haus sein können, in dem vier unterschiedliche Personen wohnen.

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler - hier: Viet Anh Alexander Tran spielt ein*e Youtuber*in © Video-Still: Theater Osnabrück

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler – hier: Viet Anh Alexander Tran spielt ein*e Youtuber*in © Video-Still: Theater Osnabrück

Ayali (Viet Anh Alexander Tran) ist ein*e Youtuber*in, welche*r mit blonder Perücke, blauen Lippen und blauem Kunstpelz am Kragen des Blaumanns das Haus und die Fans mit täglichen Botschaften versorgt. Mitbewohner Tao (Soheil Emanuel Boroumand), der rosa Sportdress zu rosa Turnschuhen trägt, gilt zu Unrecht als Japaner. Er muss sich ständig mit Fragen nach seiner wirklichen Herkunft herumschlagen und mit der, ob er ein Mann oder eine Frau ist; er hat ja so porzellanweiße Haut, dass der Techniker Kaya (Magdalena Kosch), der den titelgebenden Verbindungsfehler im Router reparieren soll, sich in seine süßen Schlitzaugen verguckt.

Aus dem Rahmen dieser diversen Bewohner fällt die Fitnesstrainerin Anette (Andreas Möckel), grauhaarig mit Bart und Ohr-Klunkern. Sie ist ein*e defensiv-aggressive Normal*a, die ihrem Kind (Christina Dom) die Anerkennung seiner Identität aus einer Verbindung mit dem farbigen Vater verweigert. Sie verheimlicht dieses Kind derart vor allen, dass es erst nur als digitaler Bauklotz um ihre Hilfe bitten muss, bevor es als reale Person auftreten kann.

Die Regie zeigt nicht nur mit der (mutmaßlich) paradoxen geschlechtlichen Besetzung, dass es ihr um das Unterbinden unreflektierter Zuschreibungen auf möglichst vielen Ebenen geht. Gut gemeint ist dabei, wenn auch dem Sinn von Theater als Zusammenwirken von Wort und Bild reichlich widersprechend, dass nicht dem Bild getraut werden darf, sondern nur das Gesagte und das dahinterstehendes Gefühl ernst zu nehmen sind. Eher nicht ironisch wird davor gewarnt, dass dabei Worte mit rassistischen, queeren und transgender-feindlichen Diskriminierungen fallen werden, die geeignet sind, auf Zuschauer*innen verletzend oder (re)-traumatisierend zu wirken.

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler - hier: Digitales Spiel mit Wirklichkeiten. Viet Anh Alexander Tran, Christina Dom, Soheil Emanuel Boroumand © Video-Still: Theater Osnabrück

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler – hier: Digitales Spiel mit Wirklichkeiten. Viet Anh Alexander Tran, Christina Dom, Soheil Emanuel Boroumand © Video-Still: Theater Osnabrück

Dabei wird viel über Vieles geredet, es geht um Penisgröße, Vaginalpilz oder das Gefühl, nach einem analen Geschlechtsakt eine Abtreibung zu brauchen, weil der Partner nicht genügend Leidenschaft aufgebracht hat.

Eine Geschichte wird nicht erzählt, und die Sprache der Szenen ist expressiv, zerfetzt. Sie besteht oft nur aus der Abfolge einzelner Begriffe, die entweder unmittelbar ein Gefühl treffen oder ins Leere gehen, auch Leere schaffen.

Allenthalben ist die Absicht spürbar, keine möglichen „Opfer“ zu verletzen und jeden Verdacht zu vermeiden, aus einer privilegierten „weißen“ Sicht zu sprechen. Dabei hat das Stück wohl nur dann einen Sinn, wenn es von einem Publikum mit genau dieser privilegierten „weißen“ Sicht zum Zwecke seiner Sensibilisierung und Veränderung aufgenommen wird. An der Verbindung zum Publikum muss noch gearbeitet werden. Sonst degeneriert Theater zur leerlaufenden Selbstreflexion nur derer, die an der Produktion beteiligt sind.

Verbindungsfehler von Julian Mahid Carly ist ab sofort kostenfrei verfügbar im Digitalen Theater auf

www.theater-osnabrueck.de 

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie zur Wilkommenskultur, IOCO Kritik, 11.02.2021

Februar 10, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Willkommen – Spritzige Komödie zur selbstgefälligen Willkommenskultur

Theater-Film – Stress für die Gemeinschaft der Egoisten

von Hanns Butterhof

Die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, fiel dem ersten Lockdown im März zum Opfer und verschwand rasch im zweiten, nachdem sie im Theater am Domhof nur unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattgefunden hatte. Jetzt ist die Hauptprobe der Komödie als Video on demand zu sehen. In der Regie von Elina Finkel kratzt die Komödie unterhaltsam den gutmenschlichen Lack von der Willkommenskultur und legt darunter Egoismus und Ausgrenzung bloß.

Willkommen – Theater Osnabrück
youtube Trailer Theater Osnabrück
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In dem WILLKOMMEN – Video gibt es statt der coronabedingt steifen Pressekonferenz–Aufreihung im live-Theater einen richtigen Bühnenraum für beziehungsreich lebendiges Spiel, wenn sich in ihrem Gemeinschaftsraum vor einer Kunst-Tapete mit beziehungsreich blauem Aquarium-Muster (Ausstattung: Vesna Hiltmann) eine bürgerliche Wohngemeinschaft zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen trifft. Bei reichlich Alkohol werden unter allgemeinem Wohlwollen auch anliegende Probleme besprochen. Dabei überrascht der smarte Dozent Benny (Andreas Möckel) mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen und könnte sein Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen überlassen. Sein mit hohen Worten wie „Weltverantwortung“ und „umfassende Hilfe“ gespickter Vorschlag schreddert die schöne Harmonie in einer heftigen emotionalen Diskussion über die Haltung zu Fremden. Zusätzliche Reibung liefert der Anspruch der schwangeren Anna (Hannah Walther), Bennys Zimmer Hassan zu überlassen, dem türkischstämmigen Vater ihres Kindes.

Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie in witzigen Szenen die Ich-Bezogenheit der sechs Charaktere und ihre verlogenen Beziehungen zueinander heraus. Benny ist ein intellektueller Schönredner, der hinten und vorne nicht hält, was er verspricht, und so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Der biedere Bank-Betriebswirt Jonas (Stefan Haschke), den alle gern als Laufburschen benützen, will nur seine Ruhe und hält sich schön verdruckst möglichst aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Die trinkfreudige WG-Älteste Doro (Christina Dom) lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Mit ihrem ganzkörperlichen Einsatz und kompromissloser Aufrichtigkeit für ihr Wohlbefinden ruft sie die helle Empörung der Mitbewohner hervor, die ihr den Mund mit Sprühsahne stopfen. Hannah Walther als verwirrte Studentin Anna bietet mit ihrem verheulten Hin und Her, ob Kind oder Mann oder keines von beiden, wie als Verkörperung der in der Migranten-Frage zerrissenen Mehrheitsgesellschaft Klamotte pur. Und Sophie (Josefine Raschke), hinter deren Rücken sich alle über ihre künstlerischen Ambitionen als Fotografin lustig machen, verbirgt unter ihrem weltoffenen Eintreten für Flüchtlinge unsichere Selbstsuche und fehlenden Realitätsbezug. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Kosten ihres Vaters, der ihr als Eigentümer der Wohnung rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Kindsvater Achmed (Oliver Meskendahl) erfreut mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft, deren uneingestandene Vorurteile er durch sein bloßes Auftreten hervorruft. Ohne dass es jemand offen ausspricht, passt er nicht in die Gruppe hinein, und die gründlich zerrüttete Wohngemeinschaft der Egoisten findet über die Ausgrenzung auch dieses Fremden zu ihrer falschen Harmonie zurück.

Willkommen spielt satirisch die Abstufungen der Willkommenskultur durch, von der substanzlosen Großsprecherei über gutmenschliches Engagement bis zur glatten Ablehnung. Elina Finkels spritzige Inszenierung wirbt angenehm unaufdringlich und nur indirekt für weniger Egoismus und mehr aufrichtiges Willkommen. Mit klarer Filmsprache, dynamischem Spiel des Ensembles und seiner präzisen, dem pointierten Text angemessenen Sprechweise bietet Willkommen als Video fünfundachtzig fesselnde Minuten Vor-Corona-Theater, in denen jeder Zuschauer etwas von sich finden kann.

Willkommen steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie über Willkommenskultur, IOCO Kritik, 01.11.2020

November 2, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 Willkommen – Komödie wirbt für mehr Willkommenskultur

– Die Gemeinschaft der Egoisten –

von Hanns Butterhof

Nachdem die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, dem Lockdown im März zum Opfer gefallen ist, konnte sie nun im Theater am Domhof unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattfinden. In der Regie von Elina Finkel wirbt die Komödie für weniger Egoismus und mehr Willkommenskultur.

An einem langen Tisch quer über die Bühne (Ausstattung: Vesna Hiltmann), trifft sich eine bürgerliche Wohngemeinschaft, coronabedingt durch Plexiglas-Scheiben voneinander getrennt und durch Mikrofone verbunden, zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen, bei dem auch anliegende Probleme besprochen werden. Dabei überrascht der Anglistik-Dozent Benny seine Mitbewohner mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen. Sein Vorschlag, sein geräumiges Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen zu überlassen, löst eine heftige emotionale Diskussion aus. Sie wird noch verschärft durch den Anspruch der schwangeren Mitbewohnerin Anna, in dieses Zimmer Hassan, den türkischstämmigen Vater ihres Kindes einzuquartieren.

Willkommen – Komödie zur Willkommenskultur
youtube Trailer Theater Osnabrück
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie weniger politisch und mehr als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie die sechs nicht sehr differenzierten Charaktere und ihre verqueren Beziehungen heraus. Der Benny  Andreas Möckels ist ein weichlicher, verantwortungsloser Schönredner, der so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Stefan Haschke als biederer Bank-Betriebswirt Jonas hält sich schön verdruckst weitgehend aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Ganz anders treten die Frauen für ihre Positionen ein. Christina Dom als trinkfreudige Verwaltungsangestellte Doro lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Sehr bühnenpräsent überzeugt sie mit der zynischen Aufrichtigkeit, mit der sie vor allem die mittelalterliche Frauenverachtung arabischer Männer schmäht. Hannah Walter als verwirrte Studentin Anna will Hassan nur vielleicht und bietet köstlich mit ihrem verheulten Hin und Her, Kind oder Mann oder keines von beiden Klamotte pur. Und Juliane Böttger als feinfühlige Fotografin Sophie zeigt schmerzlich, dass unter ihrem gutmenschlichen Eintreten für Flüchtlinge in der Wohnung unsichere Selbstsuche und fehlender Realitätsbezug stecken. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Rechnung des Vaters, der ihr als Wohnungsbesitzer rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - Komödie zur Willkommenskultur - hier : Die Wohngemeinschaft ist zum Meeting versammelt; vl Christina Dom, Andreas Möckel, Juliane Böttger, Hannah Walther, Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – Komödie zur Willkommenskultur – hier : Die Wohngemeinschaft ist zum Meeting versammelt; vl Christina Dom, Andreas Möckel, Juliane Böttger, Hannah Walther, Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

Als Achmed, Mitarbeiter einer Fahrradwerkstatt, erfreut Oliver Meskendahl durch authentisches Auftreten und mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft. So passt er da nicht hinein, und wenn am Ende nach einem Zeitsprung von zwei Jahren die WG wieder zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen genau wie zu Beginn des Stücks zusammensitzt, fehlt er entsprechend.

Elina Finkels Inszenierung tut nirgends wirklich weh. Sie wirbt nur indirekt für weniger Egoismus und mehr Willkommenskultur mit der Selbstentblößung einer Wohn-Gemeinschaft in komfortabler Lage, die sich letztlich eigensüchtig gegen das Elend in der Welt abschottet. Wenn am Schluss plakativ die Flagge der EU auf den Bühnenvorhang projiziert wird, wird deutlich, dass mit der WG die EU als eine Gemeinschaft der Egoisten gemeint ist.

Viel Beifall nach neunzig unterhaltsamen Minuten für Ensemble und Regieteam

Willkommen am Theater Osnabrück; die für November geplanten Termine fallen aus; weitere Termine: 2.1.; 5.1.; 9.1.; 13.1.2021, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 11.12.2019

Teilen Sie den Artikel
  • 114
  •  
  •  
  •  
  •   

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Carmen – Georges Bizet

 Regisseur Laufenberg: Carmen, eine Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier….

von Ingrid Freiberg

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

Die Uraufführung der Oper Carmen 1875 in der Pariser Opéra-Comique war ein Fiasko! Georges Bizets Librettist Ludovic Halevy schreibt über die Uraufführung: „Gute Wirkung des ersten Aktes. Das Auftrittslied der Galli-Marie wird beklatscht … ebenso das Duett zwischen Micaëla und José. Der Akt endet gut mit Beifall und Hervorrufen… Auf der Bühne viele Leute… Bizet wird umringt und warm beglückwünscht. Der zweite Akt verläuft weniger glücklich. Der Anfang wirkt glänzend. Das Auftrittslied des Toreadors macht großen Eindruck. Dann Kühle… Bizet entfernt sich jetzt mehr und mehr von der traditionellen Form der Opera-comique, und das Publikum ist verwundert und weiß sich nicht mehr zurechtzufinden… Im Zwischenakt finden sich schon weniger Leute um Bizet ein. Die Glückwünsche sind weniger aufrichtig, tragen mehr den Charakter der Förmlichkeit. Die Kühle nimmt im dritten Akt zu… Beifall erntet nur das Lied der Micaëla, das noch ganz nach altem Zuschnitt ist… Auf die Bühne kommen noch weniger Leute… Und nach dem vierten Akt, der von der ersten bis zur letzten Szene mit eisiger Kälte aufgenommen wird, ist die Bühne leer… nur drei oder vier wahre Freunde (vermutlich Halevy, Meilhac, Guiraud) bleiben um Bizet. Alle versuchen sie, ihn zu beruhigen, zu trösten, aber die Trauer spricht aus ihrem Blick...“ Die Pariser Presse urteilt: „Die Figur der Heldin ist schrecklich unangenehm. Die Musik voll von Konzessionen und Banalitäten. Welche Realistik, was für ein Skandal! Herr Bizet gehört bekanntlich jener neuen Sekte an, deren Lehre darin besteht, die musikalischen Gedanken verdunsten zu lassen, statt sie in bestimmte Konturen zu bannen. Für diese Schule ist Herr Wagner das Orakel: Das Motiv ist außer Mode, die Melodie antiquiert; der Gesang, vom Orchester beherrscht, darf nichts als ihr schwaches Ego sein.“

Carmen – Georges Bizet
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden 
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Straßenräuber, Deserteure, Toreros, Soldaten und junge Hexen mit großen schwarzen Augen…

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch nicht unumstritten ist.

Zwischen Eros, Lust und Tod…

Henry Meilhac Paris © IOCO

Henry Meilhac Paris © IOCO

Der Franzose Georges Bizet erwirbt vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Er bringt Tabakrauch, Sehnsucht nach erotischer Liebe, die männliche Wut eines Tieres und die animalischen Verlockungen der Frau in einen einzigartigen Klangrausch. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique ist Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Bizet hat mit Carmen so etwas wie einen Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Für ihn sind die Minderprivilegierten, die verhängnisvoll verführerische Zigeunerin Carmen und der desertierte Soldat Don José, mit seinem Niedergang zum Schmuggler und Mörder, der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Der brave Don José  geht an den selbstbewussten Spielen der femme fatale und ihrer nur kurz entflammten Liebe zugrunde. Es ist eine flirrende Welt aus militärischer Ordnung, Schmugglerchaos, Kartenlegerinnen, der gottesfürchtigen Micaëla  – ein Tableau für unterschiedlichste Charaktere, die unter der heißen spanischen Sonne aufeinandertreffen. Carmen ist eine Oper, die transpiriert, die Blut und Leidenschaft hören lässt. Bizet scheut nicht vor existenzieller Härte zurück. Den Mega-Erfolg seiner Oper erlebte der drei Monate nach der Uraufführung verstorbene Komponist nicht mehr. Zeitgenossen vermuteten, er sei aus Kummer über seinen Misserfolg gestorben. Aber Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung.

Der Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg schreibt: Carmen ist sehr schwer zu inszenieren. Weil sie eigen, unbändig und nicht verführbar ist! Jedes Klischee von Carmen hat in der 144-jährigen Aufführungstradition schon stattgefunden. Aber die wirkliche Carmen tritt selten auf. Die Frau, die das Leben versteht und trotzdem lebt und liebt. Die Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber trotzdem in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier. Aber: Sie hat sich das Leben ausgesucht und sich entschieden. Sie lebt auf der Grenze von Tod und Leben. Und wenn der Tod kommt, ist sie bereit, aber auch kampffähig. Wir alle müssen sterben. Wollen wir das in der Arena, blutrünstig und leidenschaftlich? Oder sterben wir lieber still, schon weil wir wissen, dass wir in der Arena nicht bestehen können? Arena ist Theater. Wer sich da hinein traut, kann darin umkommen…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Laufenbergs Inszenierung basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die SängerInnen, die lange französische Dialoge sprechen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert. Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Carmen ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf wird zur Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche überhandnehmen, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video, das schwer wieder aus dem Kopf geht, seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er auf einer Drehbühne einen mittigen rechteckigen Raumteiler stellt. Bühnen- und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossenen Ganzen. Der Schriftzug Toros si, corridas no auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die Bühne zeigt übergangslos die verschiedenen Schauplätze wie Zigarrenfabrik, Kaserne, Taverne – auch Carmen und José, die sich halbnackt, sehr temperamentvoll in ihrem rotsamtenen Lotterbett lieben… Furiose Auf- und Abgänge des Chores werden durch diese Konzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird mit farbenfrohen Kostümen gekonnt entsprochen.

DIE ANIMALISCHEN VERLOCKUNGEN EINER FRAU

Silvia Hauer ist eine Carmen, die sich zu einer verachtungsstolzen, starken Frau wandelt, in der das Unabhängigkeitsfeuer lodert. Sie ist die Verheißung einer Weiblichkeit, die sich mit ungemeiner Körperlichkeit einfach mehr vom Leben nimmt und emanzipatorische Selbstbehauptung mit Lust in Einklang bringt. Es gelingt ihr, die Luft vor Freiheitshitze vibrieren zu lassen. „Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich, wenn du mich liebst, nimm dich in Acht…“ ist ihr Schicksalscredo. Hauers Stimme hat Drive, Direktheit und die Leichtigkeit, die man für eine Carmen braucht. In den Todesahnungen klingt ihr Sopran packend und flackernd, dunkel, voll und elegant. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Silvia Hauer lässt das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, aufflammen, dass es eine Freude ist. Wie sie José die rote Akazienblüte vor die Füße wirft, zeigt glaubhaft ihre unabdingbare Entschlossenheit zur Trennung. Von Anfang an ist zu spüren, dass Don José nicht den Hauch einer Chance bei ihr hat. Je mehr er in Selbstmitleid verfällt, umso unnahbarer wird Carmen. Sogar bei ihrem Kastagnettentanz im 2. Akt, dem einzigen Moment, in dem die beiden für ein paar Takte zueinander zu finden scheinen, steht sie über ihm, ist unerreichbar. Silvia Hauers Rollendebüt ist ein überzeugender Erfolg!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“ beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt ihren betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Sein lyrischer Tenor verfügt über dynamische Feinschattierungen. Mit Schmelz und Strahlkraft brilliert er in der Arie „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée…“  Christopher Bolduc (Escamillo) überzeugt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. nicht vollumfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus ausleuchtet. Shira Patchornik verleiht dem braven Bauernmädchen Micaëla die Naivität, Innigkeit und Lebendigkeit, die die Rolle erfordert. Für die Arie „Je dis, que rien ne m’épouvante“ erhält sie Szenenapplaus. Ihre anrührende Stimme hat Seele, verfügt über feine Nuancen – bis hin zu fast privaten Empfindungen.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte Unverfrorenheit. Seine Stimme vermittelt Autorität, ist von hemdsärmeliger Intensität, kräftig und zupackend. Maskulin, machohaft und auffallend präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein gut eingespieltes „Solisten“-Ensemble. Die Schmuggler und ihre Freundinnen verspotten Carmen glanzvoll in dem weltbekannten Quintett. Stella An (Frasquita) und Fleuranne Brockway (Mercédès) profilieren sich u.a. mit feurigem Flamenco – ausgezeichnet choreografiert und getanzt – auf hohem stimmlichen Niveau und augenfälliger Bühnenpräsenz. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum, winken mit Wimpeln und Händen dem (Stierkampf-)Publikum zu. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber erwünscht präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastischer Gesang. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Leitung von Christina Domnick, das sich sichtbar verjüngt hat, hält vom ersten Ton an die Zuhörer mit tragischer Magie gefangen. Beim Vorspiel ist man versucht, mitzuspielen: Alle vier Sekunden kickt ein fetziges Zisch-Bumm die rassige Arenamusik in eine andere Tonart! Beim Toreador-Lied möchte man sogar mitsingen! Carmens Lebensmelodie ist ein lang gezogener Valse in Zigeunermoll, leidenschaftlich in Violoncelli und Fagotten, düster in Trompeten und Klarinetten, mit sarkastischen Nachschlägen in Hörnern, Harfe, Pauke, Bässen und Kastagnetten, angerissen von einem wilden Streichertremolo – kalt und rau. Unüberhörbar steuert die Melodie auf einen Eklat zu. Domnick lässt die Rhythmen knallen und scheint dabei schwerelos von Szene zu Szene zu schweben. Die Komposition erfährt eine gedankenhelle Leichtigkeit.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT LANGANHALTEND. – GROSSE BEGEISTERUNG FÜR SILVIA HAUER!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; der nächste Termin 22.05.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


Teilen Sie den Artikel
  • 114
  •  
  •  
  •  
  •   

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung