Dresden, Sächsische Staatskapelle, Sonderkonzert mit Rudolf Buchbinder, 08.03.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Rudolf Buchbinder

– Ludwig van Beethoven –

von Thomas Thielemann

Inzwischen zur schönen Tradition geworden, kommt zumindest einmal im Jahr Rudolf Buchbinder nach Dresden, um im Semperbau mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle eine Sonderkonzert-Matinee zu geben.

Wie meistens trat er sowohl als Solist als auch als Dirigent am 3. März 2019  in Erscheinung. Die besondere Verbindung zwischen Buchbinder und den Musikern wird damit verstärkt und führt zu besonderen Klangentwicklungen. Seine tiefgründigen intensiven Interpretationen bringen eine einzigartige Atmosphäre- es gibt kaum einen anderen, der Beethoven derart vollendet  und auf diesem Niveau spielt. Ebenso hatte der Ausnahme-Pianist und Orchesterleiter in dieser Formation mit Beethoven Klavierkonzerten im Dezember 2017 zwei Gastkonzerte in Abu Dhabi gegeben und im Januar 2018 eine Tournee mit Konzerten in  Berlin, München und Essen bestritten.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Rudolf Buchbinder © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Rudolf Buchbinder © Matthias Creutziger

Buchbinder ließ im Kozert am 3.3.2019 den Flügel in der Mitte der Bühne aufstellen und umgab sich mit den Streichern. Die Bläser waren leicht erhöht im Hintergrund in Reihe angeordnet.

Zu Beginn des Konzertes spielte Rudolf Buchbinder eins der frühen Klavierkonzerte Beethovens, das B-Dur-Konzert Nr. 2  op. 19. Komponiert zwischen 1788 und 1801 war es sogar vor dem 1. Klavierkonzert entstanden und erinnert mit der in den ersten beiden Sätzen häufig verwendeten Chromatik noch an Mozart.

Das eröffnende  Allegro con brio spielte Buchbinder noch mozartisch charakterisiert. Bis er mit markantem Fugato in die Beethoven Kadenz überleitete. Das Adagio bot er poetisch, perlend und fließend bis er dann in den letzten Minuten die Stimmung auf eine berückende Art zurück nimmt. Das abschließende „Rondo. Molto allegro“ wurde dann wieder markanter gleichsam als Ohrwurm dargeboten. Virtuos, fordernd, forsch und-wenn notwendig- auch zärtlich und subtil realisierte Buchbinder mit dem Orchester die wunderbaren Dialoge

Dem frühen Klavierkonzert folgte das 1805 bis 1806 entstandene Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur. Für viele Musikfreunde gilt es als sein  schönstes und größtes Klavierkonzert. Gemeinsam mit dem 5. Beethovens stellt es zweifelsfrei den wichtigsten Beitrag zur „Gattung“ der  Klavierkonzerte dar.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Die Darbietung begann, vom Üblichen abweichend, mit dem Solo Buchbinders, bevor er dann das Orchester ziemlich aggressiv einbezog. Trotz kleinerer Klavier-Wortmeldungen blieb das Orchester im ersten Satz  der bestimmende Partner. Den kurzen Mittelsatz begann das Orchester Streicher-lastig recht schroff. Buchbinder antwortete eher schüchtern, um sich dann zunehmend selbstbewusst einzureihen. Nach Aussagen von Zeitzeugen ist Beethoven von der Orpheus-Sage zu dieser Satzgestaltung angeregt worden. Der Konflikt zwischen der Liebe des Sängers und den Mächten der Finsternis wäre durch das düstere , marschartige Streicher-Thema und den innigen Klavierthemen mit immer kürzer werdenden Argumenten vorgetragen worden. In dessen Verlauf wurde das Orchester immer leiser und kürzer in seinen Aussagen, während das Klavierspiel an Selbstbewusstsein gewinnt.

Es beeindruckte, wie Buchbinder ob seiner Doppelfunktion als Orchesterleiter und Solist beiden Argumenten zur Wirkung verhilft, dann aber den Satz mit elementar ausbrechendem Klaviersturm beendet, während die Streicher zaghaft den Sieg des Liebesthemas besiegeln. Heiter schloss sich dann unmittelbar das abschließende Rondo („vivace“) mit der erst 1809, im Jahr nach der Uraufführung nachgelieferten, Kadenz an. Nach der letzten Abwandlung des Rondo Themas beendete Buchbinder mit einer brillanten Presto Stretta.

Zum Abschluss der Matinee spielte Rudolf Buchbinder mit den Musikern der Staatskapelle das einzige in Moll-Tonart gesetzte Klavierkonzert Beethovens Nr.3 op. 37. Entstanden in den Jahren 1800 bis 1803 gilt es auch als das erste Klavierkonzert mit sinfonischen Merkmalen. Damit wollte Beethoven in Anbetracht der Fortschritte im Klavierbau der Gattung Klavierkonzerte den Weg in die Konzertsäle ebnen.

Saechsische Staatskapelle Dresden - hier : mit Dirigent Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Saechsische Staatskapelle Dresden – hier : mit Dirigent Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Die Darbietung des  ersten Satzes Allegro con brio enthielt alles, was Musik ausmacht: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben und Dynamik. Auch der Kontrast zwischen dem Solisten und den Orchestergruppen war, wie von Beethoven Schritt für Schritt zusammengefügt, ohne schematisch zu wirken. Buchbinder beeindruckte wiederum sowohl  als Orchesterleiter als auch als Solist mit einer tiefgründigen, klangvollendeten und intensiven Interpretation.

Der zweite Satz verließ den finsteren Moll-Bereich und gehörte ganz dem Klavier. Nur gedämpfte Streicher begleiteten und treten erst hervor, wenn das Klavier schweigt. Dem Klavier waren hier Klangregionen erschlossen worden, die vom Solisten auf das prachtvollste genutzt wurden. Erst das finale Rondo kehrte zum Moll zurück. Zwei kurze von Beethoven eingefügte Kadenzen gingen dann mit Schwung zum Zusammenwirken von Klavier und Orchester und damit zu einem triumphalen Abschluss über. Buchbinder betonte durchaus bewusst  die symphonische Anlage der Komposition; das Klavier gab den Ton an. Vorteil für den Musiker, der Brillanz durch Objektivität und nicht durch Verzückung erreicht. Buchbinders klarer Anschlag bringt die Läufe und gebrochenen Akkorde zu faszinierender Wirkung.

Die Souveränität der Darbietung des inzwischen 72-jährigen Pianisten hatte etwas Mitreißendes, und die Mischung aus seiner Individualität und der Disziplin der Staatskapellen-Musiker, machten den Vormittag zu einem Ereignis.

Das  Publikum im restlos ausverkauften Haus dankte für das Vormittagserlebnis mit stürmischen und stehenden Ovationen.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden, 8. Symphoniekonzert 2018/19, IOCO Kritik, 28.02.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Franz Schubert – Große Symphonie C-Dur

 Robert Schumann – Konzertstück für vier Hörner und Orchester

von Thomas Thielemann

Nachdem Franz Schubert am 19. November 1828 im Alter von 31 verstorben war und sein Vermögen staatlicherseits geschätzt werden sollte, stellte der zuständige Beamte fest,  dass Schubert außer zehn Gulden nur einige alte Noten hinterlassen habe.

Robert Schumann ist es zu verdanken, dass er am Neujahrstag 1839 während eines Wien-Aufenthalts Schuberts Bruder Ferdinand aufsuchte, in dessen Wohnung Kettengasse 6 Schubert gestorben war. Der Bruder präsentierte seinem Gast diesen Nachlass, der mit Kennerblick freudeschauernd „das Wunderwerk des Verstorbenen, das Manuskript der Großen Symphonie“ aus dem angehäuften Reichtum heraussuchte und dem Gastgeber empfahl, das Werk Mendelssohn Bartoldy anzuvertrauen. Dessen feinen Blick werde keine schüchtern auf knospende, geschweige denn so offenkundige, meisterhaft strahlende Schönheit entgehen.

Die Leipziger waren von der genialen Schöpfung so ergriffen und entzückt, dass am 21. März 1839 die bereits um 1825 komponierte Symphonie im Gewandhaus unter Leitung des Felix Mendelssohn Bartoldy zum ersten Mal erklingen konnte.

 Saechsische Staatskapelle Dresden/ 8. Symphoniekonzert hier Christian Thielemann und das Hornquartett © Matthias Creutziger

Saechsische Staatskapelle Dresden/ 8. Symphoniekonzert hier Christian Thielemann und das Hornquartett © Matthias Creutziger

Schubert hatte zwar das Manuskript 1826 der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet und dafür eine Ehrengabe von 100 Gulden erhalten Die Gesellschaft habe aber auf eine Aufführung verzichtet, da das Werk mit schwierigen Passagen gespickt sei und man vor allem nur auf Laienmusiker zurückgreifen könne. Schubert erhielt sein Opus zurück.

Handschriftliche Vermerke deuten, dass er bis 1828 an der Partitur gefeilt habe. Inzwischen hat die Gesellschaft der Musikfreunde die Originalpartie für ihr Archiv zurückgefordert und mit einer Millionen Euro versichert.

In einem ZEITmagazin- Interview hatte 2011 Christian Thielemann erzählt, er habe als Jugendlicher eine Schallplatte mit der Furtwängler-Einspielung die „neunten“ von Franz Schubert erhalten. Da habe er sofort gewusst: Das ist es, dieser dunkle Klang, diese flexiblen Tempi! Er hatte das Gefühl, es zerrt an ihm. Mit der Staatskapelle Dresden standen ihm Musiker zur Seite, mit denen er eine derartige Aufführung seinerseits realisieren konnte.

Bereits mit dem Kopfsatz deutete der Dirigent an, wie er Schubert verstanden habe möchte. Nach dem Auftakt der Hörner wurden keine romantisierenden Blümlein gepflückt. Alles Pathetische und  jede Morbidität wurden vertrieben. Mit geradliniger Energie wurden die Melodien vorangetrieben. Als am Ende des ersten Satzes das Hornthema zurückkehrte, war das Allegretto kaum merkbar.

Mit dem zweiten Satz- Andante con moto- bewegte  Christian Thielemann sein Orchester  mit der sensiblen Oboe der Céline Moinet und der wehmütigen Entgegnung der Solo-Klarinette Wolfgang Großes hinein in den Melodienreichtum, der in epischer Breite ausgelebt wird. Der Wandercharakter blieb dank des durchgehaltenen Tempos erhalten. Bis dann Trompeten und wundervoll eigenständige Posaunen die Musik zu einem Schreckensklang zusammen ballen. Erst wenn die Celli wieder einzustimmen wagen und zum Zentrum des Geschehens werden, schließt der Satz ab.

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Da Franz Schubert einen langsamen Satz als unpassend nicht komponiert hatte, ließ auch Christian Thielemann mit dem Scherzo (Allegro vivace)  seinem Publikum keine Gelegenheit zum ruhig durchatmen. Delikates Spiel der Holzbläser und Streicher ergänzten sich auf das Vollkommenste. Hier entwickelte sich der dunkle Dresdner Klang auf das Wunderbarste. Erst das Trio wurde etwas gemächlicher genommen und die Klangschichten präzise ausbalanciert.

Das Finale gestalteten Dirigent und Orchester zu einer Euphorie der Lebensfreude. Der Höhepunkt der Durchführung wird nicht brutal herausposaunt, sondern markant und transparent gespielt bis dann die Symphonie furios fast abrupt abschloss.

Als Einstieg in das 8. Saisonkonzert spielten die Horn-Solisten Zoltán Mácsai und Jochen Ubbelohde sowie die Zweiten Hornisten Julius Rönnecke und Miklós Takács gemeinsam mit der Staatskapelle Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur op. 86.

Schumann hatte das Stück 1849 aus Begeisterung ob der Weiterentwicklung des Hornes zum Ventilhorn durch die Instrumentenbauer Schötzel und Blühmel  komponiert. Da aber die Hörner zum Schmettern neigen, gab er den vier Hörnern ein großes Orchester zur Seite, das er mit einer Pikkoloflöte und zusätzlichen Posaunen ergänzte.

Der von Schumann mit „lebhaft“ überschriebenem erstem Satz setzte resolut ein und verschaffte dem Publikum  das plastische Hörerlebnis einer Jagdszene, als wäre ein Jägerquartett im Wald und auf der Heide unterwegs.. Ein zartes, leicht verschwommenes Klangbild  lag über der Romanze. Die Hörner sind kompakt oder aufgefächert eingesetzt. Die anspruchsvollen Solopartien von geheimnisvoller Tiefe.

Sprühend mit intensivem Jubel geriet das Finale und rief heftigen Beifall hervor, so dass noch eine Zugabe der vier Hornisten geboten werden musste.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Sächsische Staatskapelle – Mendelssohn Bartholdy – Bruckner, IOCO Kritik, 10.02.2019

Februar 10, 2019 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Christian Thielemann – Frank Peter Zimmermann – Staatskapelle Dresden

Felix Mendelssohn Bartholdy – Anton Bruckner

von Michael Stange

Am 06. Februar 2019 beendeten die Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann in der Hamburger Elbphilharmonie ihre Europa Tournee nach Konzerten in Wien, Baden-Baden und Frankfurt. So ging der von Dirigent und Publikum 2017 geäußerte Wunsch nach einer baldigen Wiederkehr nach Hamburg in Erfüllung.

Sternenklarer Mendelssohn, impressionistisch, farbenreicher Bruckner

Auf dem Programm standen Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64; im zweiten Teil beendete die Sächsische Staatskapelle ihren auch auf DVD erhältlichen Bruckner-Zyklus mit der bisher fehlenden Sinfonie Nr. 2 c-Moll.

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Das Konzert bot Gelegenheit, den kompositorischen und spirituellen musikalischen Parallelen beider Komponisten nachzuspüren. Glaube und die Kirchenmusik bedeuteten Pfeiler ihres Seelenlebens und kompositorischen Wirkens.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy war einer der maßgebenden Treiber der Wiederentdeckung der Vokalmusik Johann Sebastian Bachs und führte mit nur 20 Jahren in Berlin dessen Matthäus Passion auf. Die weltoffenen katholischen Düsseldorfer beriefen ihn, den Protestanten, 1831 – als den wohl Besten den sie bekommen konnten – als Generalmusikdirektor und damit auch als Leiter der Kirchenmusik. In Berlin übernahm er 1842 die Oberaufsicht über die Kirchenmusik im Berliner Dom.

Seine Oratorien Elias und Paulus sind heute Eckpfeiler der nicht-lithurgischen Kirchenmusik. Von der Welt verabschiedete er sich mit der Motette „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“. Beim Katholiken Bruckner schimmert eher der gewaltige Gott als Schöpfer durch. Christian Thielemann hat Bruckners Schöpfungen auch mit der Weite der Landschaft Ostpreußens verglichen. Sie und Bruckners Musik entwickeln sich nach seiner Lesart langsam. Man dächte, äußerte er, da passiere gar nichts. Nach einer Weile stelle man jedoch fest, da passiert wahnsinnig viel.

Gleiches galt auch für diesen Konzertabend.

Die Einleitung von Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert spielte Frank Peter Zimmermann Violinkonzert derart verhalten, das man ein wenig an das Weinen des Engels um das verlorene Paradies denken musste. Konzentriert ging er die Betonungen des ersten Taktes des Hauptthemas an. Die virtuosen Passagen des Kopfsatzes waren von beeindruckender Geläufigkeit und Spielfreude. Im sehnsuchtsvollen Andante glänzte er mit ruhigem, klaren Melodienbögen und berührenden Tönen. Zimmermanns schnörkelloses, klares Musizieren legt durch seinen organischen Ansatz Bezüge der Melodien offen und macht das Konzert dadurch zu einer runden, eindringlichen musikalischen Erzählung. Es wird innerlich und tief empfunden ohne Beimischung von Zuckerguss und Süßholz gespielt.

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle verschmelzen mit ihm musikalisch und interpretatorisch zu einer ungeahnten kaum erlebten klanglichen Einheit. Runde Bögen, ein fein sowie präzise abgestimmtes Zusammenspiel, das den Violinpart immer hörbar macht und eine beseelte Dynamik ließen die kompositorische Größe des Werks in einer glühender Intensität und leuchtender Klarheit wie neu erstehen.

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Zwischen Solisten und Orchester bestand eine Symbiose aus gemeinsamen Atem, Spiel und gemeinsamer Werkauffassung die die Zuschauer suggestiv bannte. Klanglich wurde zudem ein farbenfroher sinfonischer Teppich mit manchmal raschen Tempi ausgebreitet. Im dritten Satz zieht Christian Thielemann das Tempo mächtig an. Tänzelnd mit zum Teil atemberaubenden Feinheiten entlockt er dem Orchester einen märchenhaften klanglichen Reichtum. Der romantische, warme und sinnlichen Klang der Staatskapelle Dresden kommt in der Elbphilharmonie vollendet zur Geltung. Ein fulminantes, paradiesisches Finale.

Diese interpretatorische Glanzleitung sprang auf das Publikum wie ein Funke über. Mit frenetischem Jubel wurden die Künstler gefeiert.

Dafür bedankte sich Frank Peter Zimmermann mit der innig und virtuos gespielten „Melodia“ aus der Solo-Sonate von Béla Bartók.

Nach der Pause folgte Bruckners 2 Sinfonie. Zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung war ihr Komponist bereits 48 Jahre alt. Das Werk hat den individuellen Kompositionsstil des früh Vollendeten und erst spät zum Sinfoniker Gewandelten. Sein Urmodell „Stirb und werde“ und Merkmale des Aufbaus der folgenden Sinfonien werden schon in diesem früher Sinfonie sichtbar. Auch in Bruckners 2. Sinfonie paaren sich verzweifelte, wüste Ausbrüche mit innigen Momenten. Gleichzeitig verstummt die Musik oft. Im langsamen Satz zitiert er das Kyrie und das Benedictus aus seiner f-moll Messe.

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Elbphilharmonie Hamburg / Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Frank Peter Zimmermann © Matthias Creutziger

Gespielt wurde die Carragan-Fassung von 1877. Sie glättet und zeichnet ein fließendes Brucknerbild. Diesen dem organischen und den sich aus dem musikalischen Fluss entwickelnden Spannungen folgte Christian Thielemanns Lesart. Seine Sichtweise auf Bruckner betont nicht das Harsche oder die Gegensätze. Er schafft fließende Übergänge zwischen sehnsüchtigen, berührenden Klängen und den sinfonischen Urgewalten Bruckners. Durch diese organische Verbindung werden die Steigerungen konzeptionell in ein gesamtes Klangbild eingebettet, das dem Hörer Bruckner nahe bringt. Vordergründige Gegensätze werden zu einem zueinander hinführenden Ganzen verschmolzen.

Das Andante wurde fließend eingeleitet und lyrisch singend entwickelt. Das weitgespannte Hauptthema wurde in meditativer Ruhe ausgekostete, so dass die Musik Zeit hatte zu fließen. Dergestalt eingeleitet begann der 2. Satz (Andante) langsam mit intensiver Durchleuchtung der Themen. Die Kulmination dieses Satzes wurde dadurch sorgsam vorbereitet und wurde als Steigerung und Fortentwicklung des Vorherigen verständlich. Das Scherzo wurde auch noch feinsinnig und differenziert genommen. Im Scherzo erhöhte Chrisitan Thielemann das Tempo als Einleitung auf das ungemein dynamisch genommene Finale. Die Reminiszenzen an Alpen, Schubert und Beethoven wurden romantisch tiefsinnig ausgelotet. Im Finale folgte Thielemann der Anweisung sehr schnell und dem Orchester gelang eine atemberaubende virtuose Darbietung.

Stets blieben Streiche und Holzbläser hörbar. Die Durchsichtigkeit des Orchesters, die Balance zwischen den Instrumentengruppen und sein warmer Klang blieben selbst im Fortissimo nie auf der Strecke. Der blendend gelaunte Maestro unterband mit zurückhaltenden Gesten Applaus zwischen den Sätzen, umarmte am Ende seinen Konzertmeister, bedankte sich blendend gelaunt bei seiner Staatskapelle und machte einen überaus gelösten, glücklichen Eindruck.

Die Virtuosität des Orchesters und die Lesart Christian Thielemanns ergaben eine Symbiose, die unvergleichlich mitriss und faszinierte. Hier fand eines der außergewöhnlichsten und großartigsten Konzerte seit der Eröffnung der Elbphilharmonie statt. Dank auch an Pro Arte für diesen glanzvollen Abend, der selbst mit Gold nicht aufzuwiegen war und den Anwesenden unvergessen bleiben dürfte.

Hoffen wir, dass es für ihn wieder ein großes Vergnügen war, in Hamburg zu musizieren. Für die Zuhörerinnen und Zuhörer dürfte nach diesem Abend der brennende Wunsch auf ein das Wiederhören und –sehen mit der Staatskapelle Dresden bestehen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, „Lady Inchiquin“ mit Bruckner und Mendelssohn, IOCO Kritik, 31.01.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

  „Lady Inchiquin“  – Eine berühmte Stradivari und die Dresdner

 Frank Peter Zimmermann und die Sächsische Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Der Hobby-Geigenbauer und damalige Violinist der Berliner Philharmoniker Walter Scholefield entdeckte 1978 bei den Geigenhändlern Bein & Fushi in Chicago eine Violine mit einem außergewöhnlich gestalteten Korpus, die 1711 in der Werkstatt Antonio Stradivari gebaut worden war. Ob jahrzehntelanger Vernachlässigung waren dem Instrument nur mit extremer Anstrengung Töne zu entlocken. Es war eigentlich akustisch „tot“.

Möglicherweise über Fritz Kreisler war das Instrument gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach England in eine Familie Foster gelangt. Deren Tochter Jane heiratete 1900 in eine gälische Familie königlichen Blutes, wurde damit zur Baronin von Inchiquin und somit zur Namensgeberin der berühmten Geige; welche seither „Lady Inchiquin“ heißt. Nach ihrem Tode im Jahre 1940 wurde die Stradivari zunächst in die Schweiz versteigert, gelangte bis in die späten 1960er Jahre in die berühmten Sammlung Cho-Ming Sin nach Hongkong, bis sie dann nach Chicago im Gegenzug für ein anderes Instrument regelrecht getauscht worden ist.

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Für $210.000  erworben, hat Scholefield mit einem professionellen Geigenbauer zweieinhalb Jahre an der Restaurierung seines Kaufs gearbeitet, bis die Geige nach Jahren geduldigen Arbeitens und Abwartens vor allem mit der Rekonstruktion des Holzes des Geigengrundkörpers endlich den perfekten Zustand, den dunklen Klang einer Guarani und den hellen einer Stradivari, erreicht hatte. Nach Scholefield Pensionierung kaufte 2001 die Düsseldorfer Bank WestLB AG die Geige und stellte sie Frank Peter Zimmermann zur Verfügung.

Nach einigen Wirrnissen gehört die „Lady Inchiquin“ inzwischen den NRW-Kunstsammlungen „Kunst im Landesbesitz“, so dass Frank Peter Zimmermann die Geige mit ihrem wundervollen Klang im 6. Symphoniekonzert mit Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll vorstellen konnte.

Der Solist setzte unmittelbar im zweiten Takt mit dem Hauptthema ein. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen. Die Lady Inchiquin klang im Semper-Bau klar, schön und souverän; ein ästhetisches Erlebnis. Zimmermann spielte frisch mit Virtuosität wo nötig und mit Zurückhaltung, wo angebracht. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen, eine Interpretation, wie selbstverständlich.

Christian Thielemann ging bei alledem voll mit; ein Spiel wie aus einem Guss. Orchester und Solist erwiesen sich als Verbündete. Tempowechsel der Sologeige wurden vom Orchester sofort aufgenommen. Da waren Künstler am Werk, die das Expressive voll auskosteten und bis ins Letzte darboten.

Dem stürmischen Beifall folgte eine Bach-Zugabe Zimmermanns, eine faszinierende Verbindung von Sensibilität und emotionaler Intensität, sowie eine eindrucksvolle Demonstration der klanglichen Möglichkeiten der Lady.

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Als Abrundung seines Bruckner-Zyklus mit den Dresdnern hatte Christian Thielemann die 1877er-Fassung der 2. Symphonie der neuen Edition des William Carragan gewählt. Der Bruckner-Spezialist Carragan (geboren 1937) hatte Bruckners gründliche Überarbeitung von 1877 (in der Überlieferung des Kopisten Franz Hlawaczek) mit Aspekten des Erstdrucks der Partitur von 1892 (incl. Bruckners handschriftlicher Anmerkungen) verglichen. Dabei wurden insbesondere Wiederholungen und Zusatznoten eliminiert, fragwürdige Änderungen in Phrasierung und Dynamik korrigiert, sowie Änderungen von Instrumentierungen auf Bruckner zurückgesetzt. Erstmalig 1997 aufgeführt, wurde die Partitur 2007 in die Bruckner-Gesamtausgabe aufgenommen.

Mit seiner Interpretation der c-Moll-Symphonie gelang Christian Thielemann ein abschließender Höhepunkt seines Bruckner-Zyklus mit der Sächsischen Staatskapelle.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Die opulente Streicherbesetzung machte das vom ersten Einsatz deutlich. Neben dem Ideal des gedeckten, dunklen aber immer durchsichtigen Klangbildes der Dresdner erreichte das Gebotene eine prachtvolle Durchsichtigkeit und Klarheit. Die Blechbläser waren hervorragend im Klangbild eingebunden und akzeptierten in jeder Phase die anderen Instrumenten -Gruppen. Im Andante war der lyrisch-hochromantische Charakter der Bruckner-Arbeit besonders betont und bot eine Rückbesinnung auf Mendelssohn. Im Scherzo trieb der Dirigent seine Musiker unter Hockdruck nach vorn und formte damit ein höchst dramatisches Geschehen. Das Finale, flott angegangen, wurde dann geradezu sanft und lieblich, bis nach der großen Drei-Takt- Generalpause der Sturm massiv losbrach. Besonders in den langen Generalpausen lagen die spannungsintensivsten Eindrücke der Darbietung.

Letztlich setzte Christian Thielemann Anton Bruckners Wille auf eine Performance voller Nuancen, voller Kraft und Eloquenz auf eindrucksvolle Weise um.

Fast überflüssig, den gewaltigen Beifall zum Abschluss des Bruckner-Zyklus der Staatskapelle zu erwähnen.

Nach den Dresdner Konzerten gehen das Orchester unter der Leitung Christian Thielemanns sowie seinem Capell-Virtuos Frank Peter Zimmermann mit dem Programm auf eine Tournee nach Wien, in den Musikverein, nach Baden – Baden ins Festspielhaus, nach Frankfurt in die Alte Oper und Hamburg, in die Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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