Detmold, Landestheater Detmold, My fair Lady – Frederick Loewe, 02.11.2019

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

My fair Lady – Frederick Loewe

– Es grünt so grün, doch nur !!  wenn Detmolds Blüten blühen

von Karin Hasenstein

Man nehme eine anrührende Geschichte, würze sie mit ein paar unverwüstlichen Melodien, sorge für ein Happy-End – und schon hat man das erfolgreichste Musical aller Zeiten. My Fair Lady wurde allein am New Yorker Broadway über 2.700 mal gespielt. Wo dieses Musical von Frederick Loewe auf dem Spielplan steht, darf man mit ausverkauften Häusern rechen, so war es auch nahezu am Premierenabend im Landestheater Detmold.

My fair Lady Frederick Loewe
youtube Trailer Landestheater Detmold
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Regisseur Christian Poewe erzählt die Geschichte vom einfachen Blumenmädchen Eliza Doolittle schwungvoll und ganz klassisch, wie man sich eine My Fair Lady vorstellt.
Dankenswerterweise übersetzt er die Geschichte nicht in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort, sondern belässt sie da, wo Alan Jay Learner sie angesiedelt hat. So öffnet sich der Vorhang nach der kurzen beschwingten Ouvertüre und gibt den Blick frei auf eine aufwändig und detailliert bebilderte Straßenszene. Dass Eliza ihre Veilchen vor der Londoner Oper Covent Garden verkauft, wird durch einen geschlossenen dunkelblauen Vorhang angedeutet, eine Bühne auf der Bühne. (Bühne: Markus Meyer)

Als die Besucher aus der Oper kommen und ein junger Mann, wir lernen ihn als Freddy Eynsford-Hill kennen, (Nando Zickgraf) Eliza im Gedränge anrempelt, ergießt sich eine Schimpftirade in übelstem Straßenjargon auf den armen Freddy. Das erregt die Aufmerksamkeit von Sprachforscher Henry Higgins (wunderbar steif: Andreas Jören), edlem Verfechter einer ehrlichen und reinen englischen Muttersprache. Eine derartige Beleidigung der Sprache ist ihm ein Gräuel und großspurig verkündet der Professor, dass er binnen sechs Monaten allein durch seinen Sprachunterricht aus dem einfachen Blumenmädchen eine feine Lady machen kann und damit sind wir auch schon beim ersten „Hit“ des Abends „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?“

Offenbar kann es keiner, denn kurz darauf schon erfahren wir, was Elizas sehnlichster Wunsch ist: „Nur ein Zimmerchen irjendwo, mit ’nem Sofa drin, sowieso, und Gasbeleuchtung, oh, oh wäre det nich‘ wundascheen?“ „Wundascheen“ ist vor allem der Background-Chor aus Obdachlosen, (Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer, Ognjen Milivosja), die ungemein pittoresk und mit netter Choreografie Eliza auf einer riesigen Ratte reiten lassen. Alle sehen bereits ausgesprochen abgerissen aus, doch ein Schild, das einer von ihnen um den Hals trägt, verkündet „It’s going to get worse“.

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

In der drehbaren Wand öffnet sich die Kneipentür und Elizas Vater, der Müllkutscher Alfred P. Doolittle (herrlich rustikal: Rudi Reschke) stolpert heraus. Es folgt der Song „Der Herrgott schuf den Männerarm wie Eisen“ (Mit ’nem kleenen Stückchen Glück) und die hierzu getanzte Müllsack-Choreografie ist einfach großartig. Überhaupt ist dieses ganze „Arme-Leute-Viertel-Ambiente“ ganz entzückend mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt (Kostüme: Maren Steinebel, Choreografie: Kirsteen Mair).

In der nun folgenden Szene befinden wir uns im Haus von Professor Higgins. Hierfür wird geschwind die Wand erneut gedreht und „frisch tapeziert“ fügt sich diese in die Kulisse ein. Aus zwei Teilen wird ein riesiges Sofa, ein komfortabler Sechs-Sitzer, zusammengebaut, zwei große Grammophone runden das Bild ab. Begeistert lauscht Higgins seinen Aufnahmen von verschiedenen Dialekten, während sein Gast, der arme Oberst Pickering „Zuflucht“ unter einer Zeitung sucht. Bereits beim Song „Doch lass‘ ein Weib an dich heran – kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ begeistern Andreas Jören und Hannes Fischer mit wunderbarer Bühnenpräsenz und hinreißender Mimik in dieser Hymne auf das Junggesellendasein.

Die Haushälterin Mrs. Pearce (herrlich trocken: Brigitte Bauma) kündigt Besuch an. Eliza hat ihr Erspartes genommen, um bei Professor Higgins Sprachunterricht zu nehmen. Schließlich habe er gesagt, er könne eine Lady aus ihr machen und das will sie sein, eine Lady in einem Blumenladen. Higgins‘ Empfindung für den Eindringling ist irgendwo zwischen Abgestoßensein und Faszination über die Dreistigkeit und den Mut von Eliza. Diese hat es schließlich Pickering zu verdanken, dass Higgins einwilligt, ihr Sprech- und Benimmunterricht zu erteilen. So wird Eliza Gegenstand einer Wette zwischen den beiden Männern.

Während Eliza nun mit endlosen Übungen „gequält“ wird, hat es sich auch zu ihrem Vater herumgesprochen, dass seine Tochter bei einem piekfeinen Herrn wohnt. Es gibt eine Liste mit Dingen, die man ihr nachschicken soll, ihre Kleider brauche sie jedoch nicht. Was soll Alfred P. Doolittle davon halten?! Er sucht den Professor auf und versucht noch etwas Kapital aus der Sache zu schlagen.

Aus der wunderbar wandelbaren Wand wird das Wohnzimmer, wird die Straße, wird das Wohnzimmer…  Zu Elizas Song „Wart’s nur ab, Henry Higgins!“ tanzt die Queen mit drei Soldaten und schon geht der Sprechunterricht weiter. Als schließlich beim gefühlt 100. Mal „es grient so grien“ endlich der Knoten platzt, hängt das Publikum vor Lachen auf der Sesselkante und Hannes Fischer alias Oberst Pickering hat endgültig sämtliche Sympathien auf seiner Seite.  Aber auch der Chor, (Foto unen), der hinter den sich öffnenden und schließenden Fenstern in gelben Kostümen und schwarzen Pottschnitt-Perücken ein graßartig absurdes Bild abgibt, treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen.

Elizas Begeisterung über ihre Fortschritte drückt sich in den Songs „Es grünt so grün“ und „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ aus. Die Herren sind sich einig: Eliza ist bald so weit, dass sie sich in der feinen Gesellschaft bewegen kann, doch vorher soll es sozusagen eine Generalprobe geben. Und was würde sich da besser anbieten als das Pferderennen in Ascot?

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Für den nun folgenden Chorauftritt („Jeder Duke und Earl und Peer ist hier“) hat die Kostümabteilung des Landestheaters alles gegeben. Die Herren erscheinen in Frack und Zylinder, die Damen in wunderschönen farbenfrohen Kleidern mit großen Schleifen und riesigen phantasievollen Hüten, Handschuhen und Handtaschen, eine wahre Kostümschlacht und Augenweide.

Auch hier wieder ein liebevolles Detail: eine Krankenschwester schnappt sich einen Besucher, der ohnmächtig geworden ist. Ob die Ursache das aufregende Pferderennen war oder Elizas verbaler Rückfall in ihre alten sprachlichen Gewohnheiten: “Lauf, Dover, lauf! Sonst streu ick dir Pfeffer in den Arsch!” sei hier dahingestellt. Der etwas tollpatschige Freddy Eynsford-Hill jedenfalls ist spätestens jetzt hoffnungslos verliebt in die schöne Fremde.

Die nächste Szene spielt vor dem Haus von Professor Higgins, und während eine Straßenlaterne kopfüber aus dem Schnürboden baumelt, tanzt Freddy vor der Tür auf und ab und singt sein berühmtes „Ging die Straße schon oft hinunter hier und das Pflaster lag gewöhnlich ruhig unter mir“. Der Position der Laterne nach zu urteilen, liegt es jetzt wohl über ihm.

Schließlich ist der Tag des Balls gekommen. Mittels eines Prospekts mit wunderbarer Tiefenwirkung verwandelt sich die Bühne in einen Ballsaal.  Higgins und Pickering sind bereits im Smoking und warten auf Eliza. Als diese schließlich erscheint, sind die beiden Herren überwältigt von ihrer Anmut. In ihrem langen weißen Kleid mit Schleppe wirkt Eliza wie ein Braut. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Pickering ihr die Schleppe richtet und sie am Arm der beiden Herren zum Ball geführt wird. Auch hier ist wieder eine relativ kurze Szene wunderschön und aufwändig ausgestattet. Drei Paare tanzen, doch als Eliza auftaucht, haben alle Herren nur noch Augen für sie.

Wieder zurück im heimischen Wohnzimmer feiern Higgins und Pickering ausgelassen ihren Erfolg: „Sie sind’s, der es geschafft hat!“ Der Chor tanzt – nun wieder in gelben Dienstboten-Uniformen – und stimmt an „Wir gratulieren, Professor Higgins! und sorgt somit wieder für Lachtränen beim Zuschauer.  Eliza ist bei all dem nur enttäuscht, da von ihr niemand Notiz zu nehmen scheint und die Herren nur sich selber feiern. Wütend stimmt sie ihr „Wart’s nur ab, Henry Higgins, wart’s nur ab“ an.

Eliza kehrt nach Hause zurück. Auf der Straße sehen wir wieder die großartige Ratte und den Trupp der Verlierer, diesmal verkündet das Schild „Let’s join EU!“ was wieder für allgemeine Erheiterung im Publikum sorgt. Ähnlichkeiten mit aktuellen politischen Ereignissen wären rein zufällig! Die Gang der Obdachlosen stimmt am Ende übrigens für “Remain”.  Elizas Vater hat es offenbar durch Reden bei der Gesellschaft für moralische Erneuerung zu einem bescheiden Vermögen gebracht und schmiedet Hochzeitspläne. Statt des blauen Opern-Vorhangs dominiert nun ein Glitzer-Vorhang die Szene und zum Song „Hei, heute Morgen mach‘ ich Hochzeit!“ gibt es wieder eine rauschende Chorszene mit Tanzeinlage.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Mittlerweile hat man auch im Hause Higgins entdeckt, dass Eliza ausgerückt ist. Ein schauspielerisches Highlight des Abends ist die wiederholte Feststellung Pickerings „Ich bin platt!“ Niemand sagt das so schön fassungslos erstaunt wie Hannes Fischer ! In der Reprise von „Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ gelangt Higgins zu der Frage „Kann eine Frau nicht sein wie… Sie?!“ Die Szene zwischen Andreas Jören und Hannes Fischer ist einfach wunderbar mit großer Spielfreude, Schwung und Witz dargeboten und die beiden ernten zu Recht Szenenapplaus.

Eliza sucht Trost und Rat bei Higgins‘ Mutter. Ein Prospekt versetzt uns in eine üppige Orangerie. Eine „lebende Pflanze“ verhindert, dass diese Szene allzu ernst werden kann.
Higgins stürmt herein und will sich bei seiner Mutter darüber beklagen, dass Eliza verschwunden ist und gerät im Verlauf der Szene immer wieder in die „Reichweite“ der Grünpflanze. Eliza macht ihm deutlich, es geht auch „Ohne dich!“, während Higgins immer noch darauf beharrt „Ich bin’s, der das geschafft hat!“ Als Eliza nun endgültig gehen will, erkennt der Professor „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“. Jören singt diesen Song alleine vor dem geschlossenen Vorhang, nachdenklich und mit dem Ausdruck von aufrichtigem Bedauern und Verlust.

Mit Elizas Ruf „Henry, wo zum Teufel sind meine Pantoffeln?“ fällt der Vorhang. Und so findet zu guter Letzt doch noch zusammen, was zusammengehört.

Das Landestheater Detmold bringt mit dieser Produktion eine My Fair Lady heraus, wie man sie sich vorstellt. Mathias Mönius leitet das Symphonische Orchester und den Chor des Landestheater Detmold sowie die Solisten mit sicherer Hand und gutem Gespür für Atmosphäre und Stimmungen durch den Abend. Das Tempo ist schwungvoll und lebendig. Obwohl die Dynamik der Größe des Hauses angemessen ist, hat die Sängerin der Eliza, Caterina Maier (seit 2015/16 Ensemblemitglied des Nationaltheater Weimar) hin und wieder Schwierigkeiten, mit ihrem leichten Sopran über das Orchester zu kommen. Schauspielerisch vollzieht sie die Wandlung vom Blumenmädchen zur feinen Lady überzeugend. Allerdings hätte man sich anfangs noch etwas mehr „Gosse“ gewünscht, denn so „entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig“ wie Higgins sie beschreibt, zeichnet sie die Eliza gar nicht. Dafür gerät die zarte zerbrechliche junge Frau, die auf dem Ball alle Blicke auf sich zieht, sehr authentisch.

Freddy, der so für Eliza schwärmt und doch nie eine Chance bei ihr hat, wird von Nando Zickgraf liebenswert und charmant porträtiert. Der Tenor gestaltet seine Songs mit sicherem Gespür für die Rolle und viel Leichtigkeit. Andreas Jören (seit 2005 Ensemblemitglied des Landestheater Detmold) gibt den steifen Professor und eingefleischten Junggesellen sehr routiniert. Seine wandlungsfähige Stimme ermöglicht ihm den raschen Wechsel zwischen gesprochenem Text und Gesangspassagen, was für Opernsänger eher ungewohnt ist und deshalb das Singen von Operetten und Musicals so anspruchsvoll macht.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Rolle des Oberst Pickering ist bei Hannes Fischer in den besten Händen. Der Schauspieler war an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zuhause und ist auch als Fernsehschauspieler einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Seit seinem 65. Lebensjahr gastiert er freischaffend und es ist ein großer Glücksfall, dass das Landestheater Detmold Hannes Fischer für die Rolle des Pickering gewinnen konnte. Er gibt den Freund und Partner Higgins‘ in der Wette um Eliza so liebenswürdig-kauzig und überzeugt auch in den kleinen Choreografien und Gesangseinlagen mit seiner einzigartigen Bühnenpräsenz, dass ihm an diesem Premierenabend dafür verdient üppiger Applaus gespendet wird. Eine Traumbesetzung!

Sehr gut besetzt waren auch die Rollen der Mrs. Pearce mit Brigitte Bauma, die eine in jeder Situation souveräne Hausdame gab, die den Junggesellen-Haushalt inklusive der weiteren dienstbaren Geister (Chor und Tänzerinnen) bestens im Griff hatte sowie der Mrs. Higgins mit Kerstin Klinder. Elizas Vater Alfred P. Doolittle wurde von Rudi Reschke mit rustikal-derbem Müllkutscher-Charme passgenau verkörpert. Der Sänger, Tänzer und Schauspieler ist in zahlreichen Musicalproduktionen und verschiedenen Fernsehrollen aufgetreten.

Auch Jürgen Strohschein und Steven Armin Novak als Harry und Jamie konnten in den Ensemblestellen positiv zum Gesamteindruck der Produktion beitragen. Die beiden Musical-Darsteller sorgten für viel Schwung mit rasanten, bisweilen akrobatischen Tanzszenen. Davon hätte man gerne noch mehr gesehen! Ebenso der Background-Chor der Obdachlosen! Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer und Ognjen Milivosja sangen und spielten sich mit Charme und Mut zur Hässlichkeit gepaart mit sehr viel Spielfreude in die Herzen des Publikums.

Abgerundet wird das positive Bild durch den wunderbar beweglich singenden und agierenden Chor und die Statisterie des Landestheaters Detmold. Diese Ensembleleistung aller Beteiligten auf, neben und hinter der Bühne belohnte das begeisterte Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall, zahlreichen Bravi und standing ovations.

Wer also Lust hat, sich in bester Musical-Manier einen Abend lang mit den nicht totzukriegenden Evergreens, die man am liebsten alle mitsingen würde, unterhalten zu lassen, dem sei der Weg ins Landestheater Detmold wärmstens empfohlen.

My fair Lady am Landestheater Detmold; die weiteren Termine 10.11.; 13.11.; 15.11.; 17.11.; 20.11.; 22.11.; 23.11.; 8.12.; 14.12.; 19.12.2019 und mehr..

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Ulm, Theater Ulm, Premiere Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke, 07.02.2019

Januar 14, 2019 by  
Filed under Operette, Premieren, Pressemeldung, Theater Ulm

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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

 Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke

– Der Mond als kosmischer Postillon d’amour –

Premiere 07. Februar 2019

Wenn der Mond als kosmischer Postillon d’amour Verwendung findet, ein armer Wandergesell dem liebeskranken Sopran den Kopf verdreht und in schmissigem Rhythmus konstatiert wird, dass „am Mann wirklich nichts dran“ ist, dann hat man die chaotische Welt der Operette betreten. Eduard Künnekes Sensationserfolg mit dem geografisch prägnanten Titel Der Vetter aus Dingsda, dessen Uraufführung 1921 in die Blütezeit der Berliner Operette fiel, lässt nichts aus, was das Bürgertum des frühen 20. Jahrhunderts in seinen Grundfesten erschüttern könnte: Die liebe Verwandtschaft will über Julia de Weerts Liebesleben und damit über ihre Zukunft und die Verteilung eines stattlichen Erbes entscheiden. Darum bestürmen gleich mehrere Männer die junge Frau, die eigentlich nur auf ihren geliebten Roderich warten will, der seit gefühlten Ewigkeiten im fernen Dingsda … irgendwo in Asien … vielleicht in Batavia weilt – so genau weiß das niemand – und hoffentlich bald zurückkehrt.

Schon seit sieben Jahren wartet die hoffnungslos romantische Julia de Weert (Maryna Zubko) auf die Rückkehr Roderichs, dem sie vor seiner Abreise nach „Dingsda“ ihre Liebe geschworen hat. Nur leider haben ihre beiden Vormunde – Onkel Josse (Martin Gäbler), dessen Hang zum hemmungslosen Konsum vor allem den Briefträger fordert, und Tante Wimpel (Elke Kottmair), die ihre mondäne Extravaganz stets zur Schau trägt – ganz andere Pläne für ihr Ziehkind: Neffe August Kuhbrot soll Julias Bräutigam werden. Das Geld soll schließlich in der Familie bleiben. Auch Egon von Wildhagen (Luke Sinclair) wittert in Julia eine gute Partie und wirbt um die Schöne. Unterstützt von ihrer reichlich frechen Freundin Hannchen (Maria Rosendorfsky) genießt Julia jedoch erst einmal ihre frisch gewonnene Volljährigkeit. Noch vertrackter wird diese Geschichte allerdings, als zwei Fremde auftauchen (Markus Francke und Joska Lehtinen), die sich beide als Roderich ausgeben. Mittendrin in dieser Verwechslungskomödie, an deren Ende jeder Topf seinen passenden Deckel zu finden hofft, sind die Diener Hans (J. Emanuel Pichler) und Karl (Girard Rhoden).

Christian Poewes Inszenierung von Der Vetter aus Dingsda lebt ganz im Sinne der Berliner Operette, die von jeher mit einem selbstironischen Blick auf die eigene Gattung geschaut hat, von einem kleinen Ticken überpointierter Künstlichkeit und einem guten Schwung Humor: Wenn auch die alltäglichsten Dinge in nahezu Wagnerischer Breite besungen, die ins Extreme übertriebene romantische Liebessehnsucht in vollen Zügen auskostet wird und eine ordentliche Portion Wortwitz das Spießbürgertum des 20. Jahrhunderts charmant karikiert, kommen nicht nur ausgemachte Operettenfans voll auf ihre Kosten.

Olga von Wahls Bühnenbild zeichnet mit expressionistischen Anleihen eine schräge Welt nach, in der die Menschen sich auf die Suche nach dem ganz persönlichen Glück begeben.

Vervollständigt durch die farbenfrohen Kostüme von Carl-Christian Andresen entfaltet sich vor den Augen der Zuschauenden ein Panoptikum der Sehnsüchtigen. Für die angemessene Prise Slapstick sorgt Choreograf Gaëtan Chailly.

Unter der musikalischen Leitung von Levente Török wird in Der Vetter aus Dingsda zu Tango, Walzer und Foxtrott geliebt, geflirtet, gesungen und gelogen, dass sich die Balken biegen und neben den Emotionen auch die Tanzbeine glühen. Das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm wird in dieser Inszenierung, die von Benjamin Künzel dramaturgisch betreut wird, für den richtigen Operettenschwung sorgen.

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

 

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—