Dresden, Semperoper, Saisoneröffnung mit Mahler Jugendorchester, IOCO Kritik, 31.08.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Gustav Mahler Jugendorchester  –  Othmar Schoeck, Franz Schubert

von Thomas Thielemann

Ungeachtet der erheblichen Einschränkungen des Kulturlebens, wurde die Dresdner Gepflogenheit, die Saison in der Dresdner Semperoper mit dem Gustav Mahler Jugendorchester zu eröffnen, auch für die Spielzeit 2020/21 beibehalten. Begreiflicherweise waren erhebliche Programm- und Besetzungsänderungen erforderlich, um trotzdem ein niveauvolles Konzert zu bieten. In erster Linie waren die Kooperationsbeziehungen zur Sächsischen Staatskapelle mit dem Einsatz von 26 Kapellmitgliedern und Akademisten zu konkretisierten. Auch gelang es, für die Begleitung der Darbietung von Othmar Schoecks Liederfolge Elegie, den durch frühere Zusammenarbeit dem Jugendorchester den verbundenen Bariton Christian Gerhaher zu gewinnen.

Der Schweizer Komponist und Dirigent Othmar Schoeck (1886-1957) ist unter anderem bei Max Reger in Leipzig ausgebildet worden. In Dresden brachte er seine wichtigsten Bühnenwerke Penthesilea 1927 und Massimilla Doni 1937 zur Uraufführung.

 Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Schoeck wird vor allem als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts geschätzt. Sein 1923 geschaffenes Opus 36 Elegie entstand in einer Zeit seines tiefen Liebeskummers zunächst mit Texten von Nikolaus Lenau (1802-1850). Den düsteren Lenau-Liedern fügte er später Kompositionen nach Gedichten von Joseph von Eichendorff (1788-1857) zu, um den Zyklus etwas „aufzuhellen“. Mit der Naturverbundenheit und Melancholie fühlte sich der Komponist auf das innigste verbunden. Mit der durchdachten Instrumentierung und dem Einsatz der Stimme erzeugt Schoeck beim Publikum bewegende Stimmungen, vorausgesetzt die Zuhörer lassen sich auf das Fehlen spektakulärer Momente ein. Schoeck zwingt den Sänger geradezu zur Bescheidenheit und fordert vom Auditorium einen gewissen intellektuellen Einsatz, so dass sich die Elegie den meisten Konzertbesuchern bei der ersten Begegnung wohl kaum erschlossen hat. Deshalb empfand ich die Wahl des fast einstündigen Werkes für ein Jugendorchester-Konzertes etwas gewagt.

 Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

So einfühlsam, fantasieintensiv und zugleich energievoll wie von Christian Gerhaher, hört man die Lieder selten. Mit betont heller Stimmführung vermied er das Deklamierende und sang nuancenreich und fantasievoll. Die begrenzte Orchesterbegleitung, Flöte, Englischhorn, zwei Klarinetten, Horn, Schlagzeug, Klavier und Streicher, erlaubte ihm, die Melancholie der Komposition voll zur Geltung zu bringen. Das Verträumte, die Innenschau und ruhige Trauer liegt Gerhaher, wobei er durchaus auch dramatisch mit strahlender Stimme auffahren kann. Obwohl die Gedichte von Lenau und Eichendorff nicht unmittelbar zusammenhängen, gelang es dem Dirigenten Duncan Ward mit dem Kammerensemble, eine wirklich konkrete Abfolge der psychischen Zustände des Erzählenden zu schaffen.

Sanft, mit Eichendorffs „Wehmut“ eröffnet, folgt Nikolaus Lenaus deprimierender „Liebesfrühling“. Mit „Stille Sicherheit“ und „Frage nicht“ taucht mehrfach auf, warum die Liebe zerbrochen sei. Dazu treten mit „Warnung und Wunsch“ Gedanken auf ein mögliches Handeln zum Retten der Beziehung auf, flackern mit LenausWaldgang“ und „An den Wind“ Hoffnungen. Ein ständiger Wechsel zwischen Rückbesinnungen, Niedergeschlagenheiten, angedachten Aktivitäten und Hoffnungen bis sich der Protagonist sich im „Der Einsame“ (nach Eichendorffs Der Einsiedler) in sein Schicksal fügt.

Der britische Dirigent Duncan Ward (geboren 1989) wollte ursprünglich sein Debüt bei der Staatskapelle im März diesen Jahres geben. Nun konnte er den Dresdnern zeigen, wie exponiert und brillant er mit einem reduzierten Orchester prachtvolle Wirkungen erreichen kann.

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Auch mit Schuberts 5. Symphonie bot Ward im zweiten Konzert-Teil feine Nuancen und Transparenz. Franz Schubert (1797-1828) komponierte die D-Dur-Symphonie im Herbst des Jahres 1816, nach dem etwas missglückten Versuch, sich mit einer c-Moll-Symphonie Beethoven zu nähern. Der 19-jährige Schubert begriff offenbar selbst, dass er mit seiner Vierten statt einer tragischen, eine pathetische Komposition geschaffen hatte. Mit seiner Fünften schuf er mit einem ganz eigenen Tonfall und ihrer unbeschwerten Melodik sein bekanntestes kleines Orchesterwerk. Jugendliche Unbekümmertheit kombiniert mit künstlerischer Reife lassen das Werk gleichberechtigt zwischen Mozart, Haydn und Mendelssohn stehen. Duncan Ward gewinnt mit der sparsamen Orchesterbesetzung einen beeindruckenden Klangreichtum, bewegliche Transparenz sowie feine Nuancen und gibt damit dieser Musik ihre Jugendlichkeit zurück. Besonders gefiel, wie Ward mit seinem körperbetonten Dirigat das Menuetto zur Geltung bringen konnte.

Ich hätte für den Programmgestalter keinen Vorschlag, welche Musik er der hochemotionalen Elegie-Interpretation Christian Gerherhars ohne Pause hätte folgen lassen können, ohne deren Wirkung zu beeinträchtigen. Für mich war der Wechsel von der Nachwirkung der Elegie ohne Pause zu Schuberts fröhlicher Musik äußerst problematisch und ich habe in meinen Empfindungen den Hauptanteil des Schubertschen Allegro noch bei Schoeck zugebracht.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

München, Bayerische Staatsoper, kostenlose Livestream Angebote ab 23.03.2020

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Live und kostenlos: Weitere Montagskonzerte ab 23. März

Jeweils ab 20.15 Uhr auf STAATSOPER.TV, live und kostenlos: Das Programm der Montagskonzerte wird sich aus Liedgesang, Solo-Instrumentalisten sowie kammermusikalischen und tänzerischen Darbietungen zusammensetzen.

Mit dabei sind über die kommenden Montage verteilt Musikerinnen und Musiker des Bayerischen Staatsorchesters, Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts sowie der Staatsoper eng verbundene Künstlerinnen und Künstler wie Geigerin Julia Fischer, Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, Bariton Christian Gerhaher, Pianist Gerold Huber, Tenor Jonas Kaufmann, Bariton Michael Nagy und Bass Tareq Nazmi. Das detaillierte Programm sowie die Verfügbarkeit eine on demand werden zu einem späteren Zeitpunkt auf unserer Homepage bekannt gegeben.


Die nächsten Video-on-Demand-Angebote


George Balanchines JEWELS

Ab dem kommenden Samstag, 21. März, präsentiert das Bayerische Staatsballett George Balanchines Jewels (2019).

28 Stunden Video-on-Demand
Vom Sa, 21. März 2020, 19.30 Uhr bis 22. März 2020, 23.59 Uhr kostenlos verfügbar


LUCIA DI LAMMERMOOR

Am 25. März folgt Donizettis Lucia di Lammermoor mit Diana Damrau in der Titelpartie und Pavol Breslik als Edgardo, in einer Inszenierung von Barbara Wysocka aus dem Jahr 2015. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Generalmusikdirektor Kirill Petrenko.

14 Tage Video-on-Demand
Vom 25. März 2020, 12.00 Uhr bis 8. April 2020, 11.59 Uhr kostenlos verfügbar


Weitere kostenlose Online-Angebote bis zum 19. April


Verlängert bis 26.3. | Video-on-Demand: JUDITH 

https://operlive.de/judith/


14.3. bis 28.3. | Video-on-Demand: IL TROVATORE 

mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros

https://operlive.de/trovatore/


17.3. bis 31.3. | Video-on-Demand: 1. Montagskonzert

u. a. mit Igor Levit und Christian Gerhaher

https://operlive.de/akademiekonzert19-20/

 

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, Wozzeck – Alban Berg, IOCO Kritik, 20.11.2019

November 19, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Wozzek – Alban Berg

– „Wir arme Leut“ –

von Hans-Günter Melchior

Wie Treibholz mäandert er zwischen dem Hauptman und dem Doktor hin her. Ohne eigene Sprache, ausstaffiert mit Zitaten aus der Bibel: “Lasset die Kleinen zu mir kommen“, ein unehelicher Vater am Rande der Gesellschaft.

Wozzeck. Abgefertigt wird er von den beiden Herrscherfiguren in der hierarisch gegliederten Gesellschaft, dem Hauptmann („Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er.“) und dem Doktor mit zynischen Sprüchen, nichtssagenden Leerformeln, der typische Untertan, arm und rechtlos, nicht aus eigenem Willen, sondern dazu gemacht, weil es in die gesellschaftliche Ordnung passt bzw. diese es nicht anders zulässt.

Wozzeck Alban Berg
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Armut als zu duldendes, zu erduldendes Schicksal. Dieser Mensch hat kein Recht auf seine Person, er ist nichts als ein Objekt, entpersönlicht und der Verfügungsgewalt der Inhaber der Macht überlassen, zum Beispiel des Doktors, der seine Experimente mit ihm ausführt, ihm einseitige Ernährungsvorschriften erteilt und die Wirkungen seiner Anweisungen, die er erbärmlich honoriert, „wissenschaftlich“ beobachtet. Und ihn, weil es ihm in den Kram passt, zum psychiatrischen Fall abstempelt.

Ein armer Hund also ist dieser Wozzeck, von Georg Büchner 1836 als Woyzeck geschrieben, als Protest gegen die politischen und sozialen Zustände seiner Zeit so konzipiert – und vom Regisseur Andreas Kriegenburg auch so auf die Bühne gestellt. Dabei verzichtet Kriegenburg bewusst darauf, das Stück in die Gegenwart umzusetzen, er inszeniert aus der Perspektive der Zeit, in der es entstanden ist. Im Interview macht er geltend: „Man sollte ihn (Anmerkung: Wozzeck) in seinen Gefangenheiten belassen. Diese ganz konkreten Gefangenheiten würden wir bei einer Adaption in unsere Zeit ins Spekulative verharmlosen.

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck - hier : Christian Gerhaher als Wozzeck und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck – hier : Christian Gerhaher als Wozzeck und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann © W. Hoesl

Das vermag zwar nicht ganz zu überzeugen. Auch in unserer Zeit gibt es exemplarische Armut, die auf das Prinzipielle einer Gesellschaft verweist, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, aus Gründen, die immer mehr als ungerecht empfunden werden. Auch mit diesen Menschen ein Mitleid zu haben, wie es Büchners Stück herausfordert, ist keine schlechte Einstellung.

Dennoch funktioniert auch Kriegenburgs Konzept der historischen Stilechtheit hervorragend. Wie Projektionen des halluzinierenden Wozzeck (Doktor. Wozzeck. Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis…“) wandeln die ins Groteske stilisierten Figuren, der überfettete, mit Polstern behangene Hauptmann und der asketische Doktor über die im Vordergrund unter Wasser stehende Bühne. Überhaupt: das Wasser. Das ist hier nicht, wie Joseph Brodsky in seinem hervorragenden Venedig-Büchlein „Ufer der Verlorenen“ schreibt die „Zwillingsschwester“ der Musik (überhaupt: Venedig und Hochwasser, doch das ist ein anderes Thema), sondern ein Zustand. Er kennzeichnet, sofern man sich darauf einlassen will, das Elend und die Unsicherheit der Ordnung. Das Wasser als allgemeines Zustandssinnbild wird in der sich über der vorderen Bühne aufbauenden zweiten Bühne gespiegelt, die die ärmliche Behausung der Marie und ihres Kindes zeigt. Man friert als Zuschauer förmlich, ein unbehagliches Gefühl kommt auf: hier kann man nicht leben

Die Handlung des Fragment gebliebenen Stückes, an das sich Alban Berg weitgehend hielt, ist einfach: Wozzeck, ein einfacher Soldat, Untertan (Objekt) des Hauptmanns und des Doktors gleichermaßen, hat von Marie, mit der er nicht verheiratet ist, ein Kind (hier ein bereits großer Junge, Alban Mondon). Marie betrügt ihn mit dem Tambourmajor. Er ersticht Marie an einem Teich und wirft das Messer ins Wasser. Immer weiter geht er später, als er sich in einer Kneipe, blutverschmiert, verdächtig gemacht hat, um das Messer in der Mitte des Teichs verschwinden zu lassen. Der Hauptmann und der Doktor kommen vorbei. Sie hören ein Stöhnen, der Doktor stellt das Sterben eines Menschen fest. Wozzeck bleibt auf der Bühne regungslos im Wasser liegen.

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck - hier : das Ensemble © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck – hier : das Ensemble © W. Hoesl

Alban Berg hat aus dem Stück eine musikalisch hochdifferenzierte Oper gemacht. Die Musik steigt bald in nahezu gewalttätige expressionistische Höhen auf, bald verebbt sie in einer Art Sprechgesang, der rhythmisiert ist. Sie verwendet klassische sinfonische Formsprachen in tonalen Resten, überwiegend aber wirft sie gleichsam ein atonales Netz, insbesondere auch  aus Elementen der Zwölftontechnik über das Geschehen, dieses zu einem Schreckensdrama und zu einer einzigen Anklage in geradezu lakonischer Knappheit zusammenziehend.

Das Orchester unter der Leitung von Hartmut Haenchen bewältigte diese extrem schwierige Aufgabe meisterhaft. Nuanciert, höchst facettenreich und erschütternd, vor allem in den Bläsern, insbesondere dem Blech. Den Zuhörer ergriff geradezu ein Beben, besonders wenn den hervorragenden Chören, dem Chor und dem Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, vom Orchester gleichsam unter die musikalischen Arme gegriffen wurde.

Höchst eindrucksvoll der Wozzeck Christian Gerhahers. Nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch anrührend. Ihm zur Seite stand stimmgewaltig die Marie der Gun-Brit Barkmin.

Überwältigend gesanglich, darstellerisch skurril, bis ins Groteske hinein überzeichnet, der Hauptmann von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und der Doktor von Jens Larsen.

Hagestolz und in bester Form auch der Tambourmajor von John Daszak. Ein szenischer Höhepunkt: der Tambourmajor wurde –, auf einem Brett stehend, das auf dem sklavisch gebeugten Rücken mehrerer Männer ruhte –, auf die Bühne getragen wie ein Imperator.

Großer Applaus. Nur einige, Belcanto-Fetischisten (?), verließen das Haus

Wozzeck an der Bayerischen Staatsoper;  weitere Vorstellungen 20.11.; 23.11.; 25.11.2019.

Achtung: Die Wozzeck Aufführung vom 23.11.2019, 19.00 Uhr wird auf dem Live-Stream Staatsoper TV übertragen

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Dresden, Semperoper, Gustav-Mahler-Jugendorchester mit Herbert Blomstedt, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Das Gustav-Mahler-Jugendorchester – unter Herbert Blomstedt

– Junge Talente treffen auf Jahrzehnte Pulterfahrung –

von Thomas Thielemann

Nachdem 1976 das Jugendorchester der Europäischen Union seine Tätigkeit aufgenommen hatte, bemühte sich eine Gruppe um Claudio Abbado (1933-2014), das gemeinsame Musizieren auch jungen österreichischen Musikern mit Kollegen aus der Tschechoslowakei und Ungarn zu ermöglichen. Im Jahre 1978 wurde deshalb  das European Community Youth Orchestra gegründet, um freie Probespiele in Ländern des Ostblocks zu ermöglichen. 1986 formte Abbado aus der zunächst lockeren Vereinigung das Gustav Mahler Jugendorchester, das seit 1992 für junge Musiker bis zum 26. Lebensjahr aus ganz Europa zugänglich wurde. Damit war das einzige internationale Jugendorchester, das künstlerisch und organisatorisch unabhängig von öffentlichen, institutionellen sowie privatwirtschaftlichen Trägern tätig ist, entstanden. Seine Tätigkeit ist nicht gewinnorientiert und gilt heute als besondere Talentschmiede für europäische Orchestermusiker.

Alljährlich bewerben sich über 2000 Musiker, von denen die talentiertesten in die Orchesterprojekte, den Auftritten in renommierten Konzertsälen und führenden Festivals, einbezogen werden. Dann arbeiten sie mit den bedeutendsten Dirigenten und Solisten unserer Zeit zusammen und sammeln so Erfahrungen, die für ihre künftige Laufbahn als Profi-Musiker entscheidend werden können. Musiker der sächsischen Staatskapelle, so der 1. Konzertmeister Matthias Wollong, die Solooboistin Céline Moinet, der Solokontrabassist Petr Popelka und zwölf weitere jetzige Mitglieder sind über das Jugendorchester nach Dresden gekommen. Auch in der Dresdner Philharmonie sind acht „Ehemalige“ tätig.

Im sächsischen Konzertleben hat das Gustav-Mahler-Jugendorchester inzwischen

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

einen festen Platz. Mit der Sächsischen Staatskapelle verbindet das Orchester  ein Kooperationsvertrag.

Das Konzert am 1. Semper 2019 im Semperbau war eine Hommage an ein Konzert vom 8. September 2010 mit dem gleichen Dirigenten Herbert Blomstedt, dem identischen Solisten Christian Gerhaher und einem vergleichbaren Programm: Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler und der 9. Symphonie von Anton Bruckner.

Nun traf wieder die jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Auch einer der profiliertesten Lied- und Konzertsänger Christian Gerherhar gestaltete wieder einen Teil des Konzerts, diesmal am Beginn des Abends mit den „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler.

Friedrich Rückert (1788-1866) war als Sprachgelehrter, der sich mit über 40 Sprachen beschäftigt hatte, einer der Begründer der deutschen Orientalistik und ein unwahrscheinlich kreativer Dichter. Mit seinen Gedichten kompensierte er seine Gefühlswelt. Nach dem Scharlach-Tode zweier seiner Kinder zum Jahreswechsel 1833 zu 1834 hat er allein zur Bewältigung seines Schmerzes 426 Gedichte geschrieben, von den einige Gustav Mahler für seine Kindertotenlieder auswählte. Für seine Rückert-Lieder wählte Mahler fünf selbstständige Einzelwerke Rückerts, die Mahler offenbar besonders berührten. Neben „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Ich atme einen Linden Duft“, „Um Mitternacht“ und „Liebst du um Schönheit“ beeindruckte ihn besonders „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Christian Gerhaher sang mit klarem schlanken Bariton und vorbildlicher Textverständlichkeit in ruhigem Erzählton. Er konnte den jeweiligen Charakter der Lieder eindringlich verdeutlichen, auch mit zärtlicher Süße, wo es angebracht war. Dabei begeisterte vor allem seine natürliche Tongebung. Kein Forcieren, stattdessen Strahlkraft und subtile Schattierungen sowie Intellekt. Grandios seine Interpretation der Rückert´schen „Mitternacht“. Das erzeugte schon Schauer beim Hörenden.

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Herbert Blomstedt begleitete mit dem Orchester zurückhaltend ohne Kontraste in idealer über die Jahre herausgebildeter Partnerschaft.

Anton Bruckner komponierte seine sechste Symphonie A-Dur (WAB 106) nach einer schöpferischen Pause von fünf Jahren 1879 bis 1881 unbeschwerter und weltlicher als die vorherigen. Der Komponist bezeichnete sie launig als seine „keckeste“ und war vom Ergebnis so befriedigt, dass er das Gefühl hatte, das Werk sei vollkommen. Er beließ seine Arbeit in der ursprünglichen Form, so dass erstmals von einer Bruckner-Symphonie keine Zweit- oder gar Drittfassung existiert. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Sechste sich erst spät im Konzertbetrieb etablieren konnte. Im Februar 1883 brachten die Wiener Philharmoniker nur die beiden Mittelsätze zur Aufführung. Auch Gustav Mahler hatte für die Gesamt-Erstaufführung 1899 die Instrumentierung stark verändert und das Werk gekürzt. Erst 1935 erklang unter Paul van Kempen die Komposition nach der von Robert Haas wieder rekonstruierten Original-Partitur. Aber erst durch die Aufnahme in Gesamteinspielungen und Bruckner-Zyklen hat sich die Sechste im Konzertbetrieb gleichberechtigt eingeführt.

Im zweiten Teil des Konzertes traf eine .jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Bruckner-Dirigate mit Herbert Blomstedt haben wir mehrfach in den vergangenen Jahrzenten sowohl mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, als auch mit dem Gewandhausorchester Leipzig erleben dürfen. Da war der Vergleich seiner Dirigate der Spitzenorchester mit der Führung des Jugendorchesters durchaus aufschlussreich. Während Blomstedt die Profi-Klangkörper mit Gelassenheit führt und der Musik einen breiten Klang-Raum eröffnet, gab er dem Jugendorchester stärkere Impulse. Mit präziser, effektiver Zeichengebung hielt er die Fäden der musikalischen Entwicklung fest in der Hand und ließ seine Führung in den reichliche sechzig Minuten nicht für einen Augenblick schleifen.

Dies war auch bei den noch jungen Musikern notwendig. Denn während die Streicher auf hohem Niveau, mit Begeisterung und innerer Beteiligung musizierten, fehlte es bei den Bläsern an solistischen Initiativen. Insbesondere beim Adagio kamen die stark geforderten Hörner und Tuben an ihre technischen Grenzen. Dabei fing Blomstedt einiges dank seines gestalterischen Überblicks und seiner Präsenz als Interpret ab. Über Strecken wirkte dabei der greise Dirigent jugendlicher als eine Reihe der Orchestermusiker.

Bereits mit dem ersten Satz spürte man, wohin Blomstedt seine Musiker führen wollte. Ruhig lässt er Themen und Motivgruppen vorüberziehen. Auch mit der Durchführung spürt man, da dirigiert einer, der in der Tiefe seiner Seele Ruhe und Überblick schätzt. Sachlich bleibt auch der Satzschluss. Mit sachlicher Innigkeit wurden auch im Adagio die Bruckner-Themen miteinander verflochten. Nichts erhält den Eindruck von Sentimentalität oder gar Kitsch. Auch das Scherzo machte dem Dirigenten und den Musikern richtig Spaß, so dass Blomstedt das Orchester mit Freude in das Finale mit seinen Verzögerungen, Anspannungen sowie Entfesselungen regelrecht hineindrängen konnte.

Erwartungsgemäß wurde vor allem der in Dresden hochbeliebte und geschätzte Dirigent mit stehendem Applaus gefeiert. Aber auch das mit über einhundert Musikern stark besetzte Gustav-Mahler-Jugendorchester konnte sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen.

—| Pressemeldung Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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