Wolfsburg, Scharoun Theater, Albrecht Mayer – I Musici di Roma, IOCO Kritik, 13.10.2020

Oktober 12, 2020 by  
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Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Albrecht Mayer  –  I Musici di Roma

Ein Hauch von Venedig im Scharoun Theater in Wolfsburg

von Christian Biskup

„Die Musik des Barock klingt immer gleich!“ Wie oft schon hörte man schon diesen Vorwurf gegenüber den alten Meistern. Und nicht nur unwissende Laien äußern ihn. War es nicht Igor Strawinsky der behauptete, Vivaldi habe ein Konzert mehrere hundert Mal komponiert?

Selbst der Rezensent kann nicht leugnen, dass er in früher Jugend zu den gleichen Urteilen kam. Doch wer das zweite Gastspiel in der Konzertreihe des Scharoun Theater Wolfsburg erlebte, muss letztendlich doch bekennen – so einfallslos waren die Herren von damals eben doch nicht!

Wie schon oft in der Vergangenheit folgte ein hochkarätiges Ensemble samt Solist der Einladung des Wolfsburger Hauses. Albrecht Mayer, der wohl bedeutendste lebende Oboist unserer Zeit und das italienische Kammerorchester I musici di Roma kamen als Gäste mit einem reinen Barockprogramm, Oboen-Konzerte und virtuosen Concerti grossi: Sie entführten den Zuhörer in das barocke Italien und oft genug ins historische Venedig!

Alfred Mayer und I Musici di Roma
youtube Trailer Konzertdirektion Dr. Rudolg Goette Hamburg
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Den Beginn machte die Sinfonie für Streicher B-Moll RV 168 von Antonio Vivaldi. Angeführt von der dynamischen Konzertmeisterin Iuditha Hamza gelang ein furioser Anfang. Dynamisch, kontrastreich und die Affekte auskostend war besonders der erste Satz bereits ein Glanzstück barocker Klangentfaltung.

Antonio Vivaldi - Denkmal in Wien © IOCO

Antonio Vivaldi – Denkmal in Wien © IOCO

Zum zweiten Werk, dem Concerto für Oboe, Streicher und Basso Continuo C-Dur RV 450 kam Albrecht Mayer auf die Bühne, der es sich nicht nehmen lies, den Abend auch ein wenig zu moderieren. Vivaldi unterrichtete am Ospedale della Pietà, ein Waisenhaus für gestrandete und verwaiste Kinder – kurz: ein sozialer Brennpunkt, so Mayer. Vivaldi hob das Können der Musizierenden auf ein bedeutendes Niveau und häufig verliebte sich der rote Priester wohl auch in das ein oder andere Mädchen. Zuerst viel für eine – wohl durchhaus hübsche – Fagottistin komponierend, trat eines Tages eine – wahrscheinlich noch attraktivere – Oboistin zu Vivaldi. Schließlich ließ er das Komponieren für Fagott sein und schrieb rund 20 Konzerte für die Oboe, wie Mayer nicht ohne Augenzwinkern zu berichten weiß.

Das Konzert, welches sich durch harmonische Raffinessen und ungemein schnelle Verzierungen auszeichnet und fast das Prädikat „virtuos ohne Sinn und Verstand“ verdient, meistert Mayer mit großer Leichtigkeit, Elan und Schwung. Schon hier zeigt sich, dass I musici di roma und Mayer ein lang bekanntes, eingespieltes Team sind. Die homogene Klangentwicklung und das Zusammenspiel beeindrucken ungemein – schon hier: Viel Applaus!

Scharoun Theater Wolfsburg / hier das Ensemble I Musici di Roma © Ernesto de Angelis

Scharoun Theater Wolfsburg / hier das Ensemble I Musici di Roma © Ernesto de Angelis

Es folgt die dreisätzige Sonata a Cinque g-moll SI 7 des venetianischen Barockmeisters Tomaso Albinoni (1671-1751). Zumindest ließ das Programmheft dies so verlauten. Die Titelbezeichnung im Programm war jedoch offenkundig falsch, da sich das gespielte und anläßlich der Rezension nachgehörte Stück im wesentlichen unterscheiden und auch Titel und Verzeichnisnummer nicht zusammengehören. Welches Stück es auch immer war – auch hier eine Darbietung der Extraklasse.

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Johann Sebastian Bach Leipzig © IOCO / HGallee

Eines der Programmhighlights war das folgende Konzert für Oboe d’amore A-Dur BWV 1055 von Johann Sebastian Bach (1685­-1750). Ein Fachmann wird zwar sofort aufhorchen und sagen „BWV 1055 ist doch ein Cembalokonzert!“, womit man nicht unrecht hat. Der Ambitus der Solostimme entspricht jedoch dem einer tiefer klingenden Oboe d’amore, sodass man aus der Cembalostimme das vermeintlich originale Oboenkonzert rekonstruiert hat. Klanglich ist diese Fassung ein großer Gewinn. Gerade der herrliche, so innig empfundene langsame zweite Satz erhält durch den Gesang der Oboe einen schmerzlich-schönen Ausdruck, der durch die komponierten Dissonanzen in den Streichern ungemein expressiv wirkt. Im finalen Satz, ähnlich einem Bauerntanz kann Mayer erneut seine große Virtuosität ausspielen. Bravo!

Francesco Germiniani (1687-1762) sorgte für das zweite Programmhighlight. Obgleich der Komponist in Italien geboren wurde, verbrachte er ab 1714 den Großteil seines Lebens in London, wo er als Violinvirtuose und Komponist wirkte. Als Schüler Corellis versuchte er von dessen beliebten Werken zu profitieren und arbeitete dessen Sonaten op. 5 für Violine und Basso Continuo zu Concerti grossi um. Eines davon wurde das bekannte Konzert La Folia, welches auf einer iberischen Tanzmelodie basiert und in 24 Variationen verarbeitet wird. Der Raffinesse zu lauschen, mit der Germiniani die einfache und eingängige Melodie stetig verändert und zu neuen Höhepunkten führt, macht einfach Spaß; besonders, wenn das Orchester – nun unter Konzertmeisterin Francesca Vicari – mit solch großer Spielfreude dabei ist. Stark kontrastierend spielend, erweisen sich die Musiker als Meister ihrer Instrumente. Dies zeigt sich besonders in den teils aberwitzig-schnellen Figuren der Solistengruppe – so besonders im Cello. Das Zusammenspiel ist perfekt und das Publikum ist nach diesem fulminanten Werk hörbar begeistert!

Zum Abschluss des Konzertes präsentierte Mayer das Konzert für Oboe in d-Moll. Ein Werk welches – wie er erklärt -, auch gerne schon von achtjährigen jungen Oboisten gespielt wird. Doch es gibt ein Problem dabei, wie Mayer erläutert: „Der langsame Satz ist wirklich eine überirdisch schöne lange Melodie. Und da weiß man schon, dass es ohne eine Zirkuläratmung nahezu unmöglich ist, das wirklich vernünftig zu spielen. Das bedeutet, dass man während des Blasens ein- und ausatmen kann.“ Und das kann Mayer! Die Linie wird nicht unterbrochen, die hymnische Melodie eine einzig schöne Phrase! Der letzte Satz ist wieder ein Virtousenstück, welches den Applaus nur so heraufbeschwört.

Als Zugabe erklingt ein Satz aus der Bachkantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, gewidmet dem unlängst verstorbenen ersten Cellisten Francesco Strano.

Das Wolfsburger Publikum ist begeistert – viel Beifall für ein Konzert der Superlativen!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun Theater, Staatsorchester Braunschweig – „Verklärte Nacht“, IOCO Kritik, 29.09.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Staatsorchester Braunschweig –  Verklärte Nacht

Prachtvolle Streicherklänge schweben im Scharoun Theater

von Christian Biskup

Die Corona-Krise macht den Theatern zu schaffen. So auch dem Scharoun Theater Wolfsburg, welches am 18.09.2020 nach langen Monaten als beliebtes Gastspieltheater wieder geöffnet ist:  offen für Künstler  und Produktionen aus aller Welt. Traditionell finden jährlich in dem Haus zehn Sinfoniekonzerte statt, welche die stets gut verkaufte Konzertreihe des Hauses begründen. Das Staatsorchester Braunschweig eröffnet im Scharoun Theater die Spielzeit 2020/21: ein reich-buntes Kultur-Angebot, zu dem auch Stummfilmkonzerte und hochkarätige Solistenkonzerte gehören.

Dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann, bewies das Staatsorchester Braunschweig am 25.09 bei seinem Gastspiel im Wolfsburger Theater. Denn wann sonst, außer jetzt, hat man in Volkswagen-Stadt Musik nur für Streichorchester gehört?  Es dürfte lange her sein. Und wenn dann auch noch ein unbekanntes wie hochinteressantes Konzert, wie das für Altsaxophon und Streichorchester von Alexander Glasunow auf dem Programm steht, ist der Abend auch in dieser Weise als besonders zu betiteln.

Das Staatsorchester Braunschweig und das Scharoun Theater Wolfsburg verbindet schon eine lange Freundschaft. Ob mit Opernproduktionen oder mit Konzerten – das Braunschweiger Ensemble ist häufig zu Gast im bekannten Scharoun Theater. So auch in dieser Spielzeit 2020/21, wo sie die Konzertsaison mit Werken von Schönberg, Glasunow und Dvorak eröffnen.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

„Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein“ – diese berühmten Zeilen des Dehmel-Gedichtes Verklärte Nacht inspirierten Arnold Schönberg zu einem seiner bekanntesten Werke. Das Werk um eine Frau, die ihrem Liebhaber gesteht, dass sie von jemand anderem ein Kind erwartet und dessen Verständnis erhält, war – wie so vieles von Schönberg – am Beginn unverständlich, sinnlos und schlichtweg nicht relevant. Heute ist das Werk längst akzeptiert und eines der meistgespielten Werke des Avandgardisten. So manch einer mag verwirrt fragen warum Schönberg eine Abkehr von der süffigen, expressiven Spätromantik genommen hat, dies sei ja viel verträglicher für die Ohren – doch wenn man genau hinhört stellt man schnell fest, das Schönberg auch schon hier sehr stark an den tonalen Grenzen komponiert. Das Werk, welches wie eine Stummfilmmusik über das Geschehen berichtet, eckt stets an und rüttelt an dem Zuhörer; besonders wenn die Ausführung so expressiv, detailliert und klangvoll wie mit dem Staatsorchester unter der Leitung von Srba Dinic gelingt. Flirrende Soli, irrisierende Klangschichten – es gab Musik in bester Fin de siécle Manier.

Ein Kontrast dazu bildete das Konzert für Altsaxophon und Streichorchester des russischen Komponisten Alexander Glasunow. Zu Lebzeiten einer der berühmtesten Komponisten seines Landes, ist er – wie zum Beispiel auch Anton Rubinstein – fast gänzlich von den Konzertprogrammen verschwunden. Zu unrecht, wie die Ausgrabung des Abends zeigte. Das Saxophonkonzert, ist das letzte größere Werk des Komponisten, der zwei Jahre nach dessen Entstehung 1934 verstarb. Nachdem ein Saxophonquartett als Vorgängerwerk zur Erprobung des, damals in Russland noch relativ unbekannten, Instrumentes gelten kann, sollte dem ein richtiges Konzert folgen. Unverhohlen romantisch, russisch melancholisch, überzeugt das Werk nicht nur durch seine melodischen und rhythmischen Raffinessen, sondern auch durch den wirklich gelungenen Saxophon-Part, den Maike Krullmann (Foto unten) bestens gestalten konnte. Von schwelgenden breiten Phrasen hin zu aberwitzig schnellen Läufen und Tonsprüngen – alles meisterte die Solistin mit Bravour.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig - hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig – hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Besonders beeindruckend gelang der langsame zweite Satz, der zum Teil pianissimo in höchster Lage erfordert und von intimer Schönheit ist. Insgesamt war das Werk ein großes Plädoyer für das Instrument Altsaxophon, welches in seiner ganzen Klangschönheit selten so zu hören ist. Obgleich das Werk mit seinen zahlreichen Rubati sicherlich nicht leicht zu begleiten ist, erwies sich das Staatsorchester unter Srba Dinic jedoch als idealer Partner. Viel Applaus!

Am Schluss des rund 90-minütigen Konzertabends stand die Streicherserenade in E-Dur von Antonin Dvorak. Die Legende berichtet, er habe das Werk innerhalb von nur 12 Tagen komponiert, was angesichts des fruchtbaren Jahres 1875 eventuell gar nicht so weit hergeholt ist. Letztlich ist dies auch nicht relevant, herausgekommen ist jedenfalls ein lebensbejahendes, vitales Werk voller Schönheiten. Herrlich ist der erste Satz mit seinem, aus dem Nichts entstehenden, dahinfließenden Hauptthema, welches sich lyrisch breit entfaltet. Nicht minder schön ist der zweite Satz. Der melancholischer Walzer voll slawischer Schwermut und heiter-volkstümlichen Anklängen ist eine der bekanntesten Melodien Dvoraks und wird elegant wie sehnsuchtsvoll vom Staatsorchester interpretiert. Auch die scheinbar von böhmischen Volkstänzen inspirierten Sätze drei und fünf gelangen äußerst mitreißend und beschlossen den Konzertabend. Obgleich man teils recht deutlich merkte, dass besonders der Glasunow und Schönbergs Verklärte Nacht geprobt wurde, gelang eine musikalische packende Interpretation:

… die dem Wolfsburger Publikum teils auch sichtbar Freude bereitete. Viel Applaus für den gelungenen Auftakt der Konzertsaison.2020/21 im Scharoun Theater

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Hannover, Staatsoper Hannover, TRIONFO – Vier letzte Nächte – nach G. F. Händel, IOCO Kritik, 22.09.2020

September 22, 2020 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 TRIONFO – Vier letzte Nächte  –  nach G F Händel

– Die Zeit breitet im verborgenen ihre Flügel aus… –

von Christian Biskup

Trionfo – Vier letzte Nächte: so der Titel der ersten Opernproduktion im großen Haus der Staatsoper Hannover. Diese, auf einem eher unbekannte Händel – Oratorium nach einem Libretto des Kardinals Benedetto Pamphili basierend, entwickelte sich dank des dramatischen Musikgehalts und der Inszenierung von Elisabeth Stöppler zu einem nachdenklichen Opernabend.

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Die Entstehungsgeschichte des Werkes ist schon kurios. Nach einem Erdbeben im Jahr 1703 durften in Rom für fünf Jahre keine Opern aufgeführt werden. Zu lasterhaft erschien dem Papst das Leben der Stadt – und scheinbar auch die Gattung Oper. Da jedoch Georg Friedrich Händel im Jahr 1707 – gerade einmal 22 Jahre alt – in Rom weilte, mussten stattdessen eben Oratorien komponiert werden. Eines davon ist Il trionfo del Tempo e del Disinganno – Der Triumpf von Zeit und Erhellung. Doch anders als in den bekannteren geistlichen Werken des deutsch/englischen Komponisten sind die Handlungstragen der vier Allegorien – die Schönheit (Bellezza), das Vergnügen (Piacere), die Zeit (Tempo), die Erhellung / Desillusionierung (Disinganno), die von ihren Fragen, Sehnsüchten und Ängsten erzählen.

Trionfo – Vier letzte Nächte – vorgestellt von Elisabeth Stöppler …..
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Die Zeit breitet im verborgenen ihre Flügel aus…

Wenn sich jedoch der Vorhang der Bühne öffnet, wird nicht einfach ein Oratorium vorgestellt. Regiesseurin Elisabeth Stöppler und Dramaturg Martin Mutschler hauchen den Allegorien ein Leben ein, machen das Werk dadurch zu einer Handlungsoper. So wird die Schönheit, B., (für Bellezza) als Hausfrau mit Kind, voller Träume und Wünsche, dargestellt. Sie fühlt sich eingeengt, fühlt die Zeit verrinnen ohne, dass sie wirklich zum Leben kommt. Sie sehnt sich nach dem Vergnügen, P. (Piacere) Vom Brustkrebs gezeichnet, im Hier und Jetzt lebend, ist sie wie ein Sehnsuchtsort für B., die jedoch die Abgründe der Figur nicht sieht. Denn P.  ist verzweifelt. Sie hat das Leben gelebt, aber jetzt? Ihre Zeit verrinnt stetig; jede Nacht kann ihre letzte Nacht sein, der sie nicht fliehen kann. Und dann ist da auch noch D., die Erhellung und Desillusionierung. Er ist Schriftsteller, jedoch unfähig zu schreiben, die Welt richtig zu fassen. So verzweifelt er jedoch ist, eine helle Seite kann er jeder Situation abgewinnen. Bleibt nur noch die Zeit, T., die sich fragt, wer er/sie eigentlich ist. Es zeigt sich, dass er eigentlich seit Jahren ein Mädchen sein will, die Zeit jedoch noch nicht dafür da war.

Staatsoper Hannover / Trionfo - hier : Nina von Essen als Piacere - Vergnügen und Sarah Brady als Bellezza - Schönheit © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Trionfo – hier : Nina von Essen als Piacere – Vergnügen und Sarah Brady als Bellezza – Schönheit © Sandra Then

Stöppler versucht die Figuren in eine logische Handlung einzubinden, was dank dem Umschieben verschiedener Nummern gut gelingt. Besonders die Figur T. (Zeit / Tempo) kommt jedoch nicht voll zum Tragen und hinterlässt mehr Fragen als sie Klarheit schafft. Klar wird jedoch: alle Figuren fürchten die Zeit, hadern mit ihr, die als Uhr an der Wand tickt und gleichzeitig im Verborgenen ihre Flügel ausbreitet, wie eine Figur es singt. Jede Figur sitzt zu Beginn in ihrer eigenen kleinen Welt; doch die Zeit bringt sie Zusammen – und auch wieder auseinander. Dies ist das Glück für B. – T. und D. können sie überzeugen, dass das Leben im Hier und Jetzt nicht das Glück der Welt verspricht. B. sagt sich von ihrem Kind los um sich zu entfalten, wandert jedoch nicht den Pfaden des Vergnügens nach. Jede Figur muss ihren eigenen Platz im Rinnsal der Zeit finden, so könnte die Moral der Inszenierung sein. Der himmliche Chor „Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts“ aus der Beerdigungsmusik von Henry Purcell beschließt den Abend, der einen der elementarsten Konflikte der Menschen betrifft:  das Leben mit der Zeit!

In musikalischer Hinsicht war der Premierenabend ungemein beglückend. Das absolute Highlight der Aufführung war das Orchester unter Leitung des jungen, dynamischen Dirigenten David Bates. Da es immer schwer ist, einem großen, auf Romantik und Spätromantik eingespielten Sinfonieorchester barocke Töne zu verleihen, kann man dem Ensemble zu dem Klangereignis nur beglückwünschen. Stets den großen Bogen atmend, kostet Bates die Affekte der Partitur hör- und sichtbar aus. Wenn man das lebendige Orchesterspiel in Hannover hört, wird dem Publikum schnell bewusst, weshalb Händel als der „Popstar des Barock“  galt.

Staatsoper Hannover / Trionfo hier Sunnyboy Dladla als Zeit - Tempo © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Trionfo hier Sunnyboy Dladla als Zeit – Tempo © Sandra Then

Auch die Sänger verdienen größte Würdigung, allen voran die Niederländerin Nina van Essen, die in der Rolle der P. (Vergnügen) nicht nur als Kolloraturakrobatin, sondern auch schauspielerisch überzeugen konnte. Besonders die Arie „Lascia la spina, cogli la rosa“, die später im Rinaldo so berühmt gewordene Nummer, gelang bezaubernd schön. Ihre Stimme sehr zurücknehmend, kongenial vom Orchester begleitet, gelang ein Augenblick berückender Intimität, sodass auch das Publikum erst nach einer gefühlten Ewigkeit zu großen Bravorufen aufbrauste.

Ebenfalls höhen- und koloraturensicher erwies sich Nicolas Tamagnas kultiviert geführter Countertenor in der Rolle des D., Disinganno. Sehr expressiv im Ausdruck, verdeutlichte er die dramatische Dimension der Textvorlage äußerst intensiv. Ebenfalls überzeugend agierten Sarah Brady in der Rolle der B. sowie Sunnyboy Dladla als Time, der besonders in der Mittellage über ein äußerst wohlklingendes Timbre verfügt.

Dank der ausgeklügelten Corona-Sicherheitsbestimmungen, konnte man eine entspannte Aufführung im großen Haus erleben, welches nur mit 312 statt über 1200 Plätzen belegt werden durfte. Das Publikum feiert den ersten Opernabend der Saison frenetisch. Sowohl für Orchester und das Ensemble auf der Bühne als auch für die Regie ist die TRIONFO – Vier letzte Nächte ein voller Erfolg. Keine Buhs, nur schier endloser Applaus! Danke!

Trinfo – Vier letzte Nächte an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine: 22.9.; 24.9.; 2.10.; 9.10.; 17.10.; 23.10.; 30.10.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater, Intendant Lattemann – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 08.07.2020

Juli 8, 2020 by  
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Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 2020/21: Dido and Aeneas, Schwanensee und viel mehr  ..

 Intendant  Dirk Lattemann, ein Tourneetheater, über 100.000 Besucher

von Christian Biskup

Das modern wirkende Scharoun-Theater Wolfsburg, ein Tourneetheater ohne eigenes Ensemble, wurde 1973 neu eröffnet. Es ist benannt nach seinem Architekten Hans Scharoun. Mit der Spielzeit 2020/21 ändert sich einiges im Scharoun-Theater: Eine Ausstellungseröffnung, die Verabschiedung einer verdienten Mitarbeiterin, ein neuer Intendant und, natürlich, ein spannender Spielplan für 2020/21.

Rainer Steinkamp, Intendant des Wolfsburger Scharoun-Theater seit 2008, gibt zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz an Dirk Lattemann (*1976) ab. Als Schauspieler und guter Kenner des Veranstaltungssektors, kennt Lattemann die Gegebenheiten des Theater Wolfsburg gut. Und so liegt mit dem Spielplan 2020/21 (link HIER) auch ein vielversprechendes Programm für die Stadt und den Kreis Wolfsburg vor. Lattemann möchte zukünftig auch außerhalb „seines“ Theaters mehr der Stadt Wolfsburg spürbar sein, plant Veranstaltungen in kleinen Spielstätten und mit dem Wolfsburger Kunstmuseum.zu gemeinsamen „neuen Ufern“ finden.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Steinkamp, der seit 2008 als Nachfolger von Hans Thoenies das Programm quantitativ verkleinerte jedoch qualitativ steigerte, kann auf 12 erfolgreiche Jahre in Wolfsburg zurückblicken. Sein guter Kontakte zu Schulen, sowie eine enge Bindung zu anderen Bildungsinstitutionen in Wolfsburg, machten ihn zu einem gern gesehenen Gast in jeglichen Belangen. Zeitgleich mit Rainer Steinkamp, verlässt auch Marita Stolz das Scharoun-Theater. Über vierundzwanzig Jahre prägte Marita Stolz das Theater hinter der Bühne; zuerst als Veranstaltungsplanerin, dann in der Pressearbeit. Obgleich die Verabschiedung beider durch die Corona-Situation kleiner als geplant ausfallen musste, muss man ihnen für ihre Verdienste danken. Vor dem Abschied verwirklichten sie noch eine Neugestaltung des Theaterfoyers. Fotografien des Wolfburger Fotografen Heinrich Heidersberger zieren nun die Wände; sind als Dauerausstellung für Besucher zugänglich.

Scharoun-Theater Wolfsburg – Der Spielplan 2020/21 und mehr –  HIER

Das Scharoun Theater ist seit jeher ein Tourneetheater und bot schon zahlreichen Künstlern, darunter auch Weltstars wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons oder Christian Thielemann eine Bühne. Auffällig: das Konzertprogramm wird weitgehend vom Orchester des nahe gelegenen Staatstheater Braunschweig und dem Staatstheater verbundenen Künstlern bestritten. Highlights des Spielpan 2020/21 dürften das Gastspiel von Albrecht Mayer und I musici di Roma am 9. Oktober 2020 und am 23. Januar 2021 ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze sein.

Im Musiktheater wird zu Beginn der Spielzeit 2020/21 auf größere Aufführungen verzichtet. Mit Dido and Aeneas von Henry Purcell (13. November 2020) und Der Apotheker von Joseph Haydn (27. Februar 2021) wurden Werke gewählt, die auch unter den Corona-Vorschriften funktionieren sollten. Ab März stehen mit La Traviata (17. März 2021), Jesus Christ Superstar (27. und 28. April 2021) und Puccinis Turandot (27.05.2021) wieder große Werke des Musicals und der Oper mit viel Chor auf der Bühne. Freunde des Tanzes können sich über zwei Gastspiele des Russischen Nationalballett freuen: Giselle von Adolphe Adam wird am 07. Dezember 2020, Schwanensee am  08. Dezember 2020 gespielt.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Illustre Gäste erwartet die Besucher des Scharoun Theater im Schauspiel: Der mehrfache Grimme-Preisträger und Tatort-Kommisar Jörg Schüttauf spielt am 26. September 2020 in der Revue Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin den von rauschendem Erfolg, Vertreibung und Wahnsinn getriebenen „Titelheld“. In der reizvollen Komödie Monsieur Pierre geht online (24. Oktober 2020) wird der aus Film und Fernsehen bekannte Bürger Lars Dietrich auftreten. Mit Boris Aljinovic steht am 24. November 2020 ein weiterer Tatort-Kommisar in der Komödie Nein zum Geld auf der Wolfsburger Bühne. Ein Angriff auf die Lachmuskeln dürfte auch das Stück Komplexe Väter von René Heinersdorff sein. Mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse darf sich das Publikum auf zwei Urgesteine des Humors freuen.

Nicht weniger unterhaltsam werden die Abende mit Götz Alsmann (28. Februar 2021) und Dominique Horwitz (24. März 2021), in welchen Kunst und Komik gleichsam bedienen werden.

Auch die A-Capella-Gesangskunst steht erfreulicherweise unter der neuen Intendanz wieder auf dem Programm. In der Chorstadt Wolfsburg zeigte sich dieses Angebot in den vergangenen Jahren als perfekt zugeschnitten auf die Gäste des Scharoun Theater. Neben Delta Q (30. September 2020) und Voices of the North (05. November 2020), sind auch Stammgäste wie Maybebop (03. Dezember 2020) und Vocaldente (13. Januar 2021) zu erleben.

Die kleine Meerjungfrau – ein Kinderstück aus dem Jahr 2017
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Auch für das junge Publikum bietet das Scharoun-Theater 2020/21 pannendes: So schon am 20. und 21.9.2020:  Zinnober in der grauen Stadt heißt das Stück für Kinder ab 4 Jahren, nach dem Buch von Margret Rettich.  Die Handlung: Alles ist grau in der Stadt des Malers Zinnober: Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Sommerkleider – einfach alles ist immer nur grau. Dabei liebt Zinnober Farben! Zusammen mit den Kindern Paula und Jonas entwirft er einen großen Plan: Die Stadt soll bunt werden, vielfältig, sie soll leuchten! Und siehe da: Es ist ansteckend!

Dirk Lattemann und sein Team haben für die Spielzeit 2020/21 ein vielseitiges und vielversprechendes Programm entworfen. Man muss nun hoffen, dass die Corona-Krise die Spielzeit nicht zu sehr durcheinanderbringt wenn es heißt: Bühne frei!

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