Chemnitz, Theater Chemnitz, Winterreise – Tanzstück von Robert Bondara, IOCO Kritik, 08.09.2019

September 8, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Winterreise –  Liederzyklus von Franz Schubert

Als Tanzstück – Uraufführung von  Robert Bondara

von Thomas Thielemann

Franz Schubert © IOCO

Franz Schubert © IOCO

Das Ballett des Theater Chemnitz eröffnete am 6. September 2019 mit der Uraufführung des Tanzstücks Winterreise zur Musik des gleichnamigen Liederzyklus op., D 911 von Franz Schubert die Spielzeit 2019/20. Die Choreografie und Inszenierung hatte der kreative künstlerische Leiter des Teatr Wielki in Poznan (Posen) Robert Bondara übernommen.

Über lange Zeit galt die Winterreise als ein Werk für den altbackenen Konzertsaal zur Ergötzung älterer Besucher über die schönen blumigen alten Zeiten. Aber der Dichter der Verse, Johann Ludwig Wilhelm Müller (geboren am 7. Oktober 1794 in Dessau und verstorben am 1. Oktober 1827 ebenda), war ein hochpolitischer Mensch gewesen. Als Student meldete er sich 1813 als Freiwilliger zum preußischen Heer und nahm als Leutnant an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Er war Freimaurer der Leipziger Koge „Minerva zu den drei Palmen“, verkehrte als Student in den Berliner literarischen Salons und engagierte sich von Lord Byron beeinflusst im Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Besatzung.

Neben seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer und späterer „Herzoglicher Bibliothekar“ in Dessau war er Herausgeber und Redakteur der in vielen Teilen des deutschsprachlichen Raumes verbotenen „Brockhaus-Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts“. Durch seine gesellschaftskritischen, ob der Umgehung der Zensur häufig verbrämten Volkslieder, wurde Müller bekannt, galt aber als mittelmäßiger Autor der Romantik. Wegen der Eingängigkeit seiner Verse wurden diese mehrfach, unter anderem auch von Franz Schubert (geboren am 31. Januar 1797 bei Wien und verstorben am 19. November 1828 im heutigen Wien), vertont.

Theater Chemnitz / Winterreise - Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Winterreise – Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Die Gedichte in Wilhelm Müllers Winterreise sind offenbar von zeitgenössischen Umständen und kaum aus autobiografischen Einflüssen in den Jahren 1822 bis 1824 entstanden. Obzwar Zeitgenossen, haben Müller und Schubert sich nie getroffen, und eine ihrer wesentlichen Gemeinsamkeiten war, dass beide bereits am Anfang ihres dreißigsten Lebensjahrzehnts verstorben sind. Während Müller der solide Familienvater war, sagt man dem genialen, aber labilen Schubert nach, dass er viel mit sich selbst zu tun hatte. Auch heißt es, dass er seine bescheidenen Geldeinnahmen für Abende im Freundeskreis in den Altwiener Gasthäusern ausgab. Aber der Umstand, dass Franz Schuberts Freundeskreis vor allem von Dissidenten gebildet war und er Müllers im Österreich Metternichs verbotenen Texte aufspürte und nutzte, beweist seine Distanz zum herrschenden System. Seine exponierte Begabung machte ihn mit gezielt subtiler Kritik zum wichtigen Sprachrohr der Wiener oppositionellen Intellektuellen.

Schubert sei, als er im Februar 1827 die ersten zwölf Lieder komponierte, mürrisch und verschlossen gewesen. Erst im Spätsommer fand er die übrigen zwölf Verse und beendete die Arbeit im Oktober. Die Komposition orientiert sich an dem immer wiederkehrenden Klang der Drehleier, einem vom Rad gestrichenem Saiteninstrument. Der Titel stammt wahrscheinlich von dem Wiener Musikverleger Tobias Haslinger. Ein durchgehender Handlungsstrang ist nicht erkennbar. Die Eindrücke des „jungen Wanderers“ wechseln zwischen überschwänglicher Freude und hoffnungsloser Verzweiflung. Es wird vermutet, dass Schubert bewusst und gezielt Kritik am Herrschaftssystem übte und der Winter als Metapher der reaktionären Restauration unter dem Kanzler Metternich diente. Die Lieder „Im Dorfe“ (Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten) und „Hoffnung“ (Hie und da ist an den Bäumen manches bunte Blatt zu sehen) spricht für diese Interpretation. Auch dass der Zyklus mit dem „Leiermann“, dem Treffen des Wanderers mit dem frierenden Leiermann endet, lässt eine hoffnungslose Todessehnsucht vermuten.

Theater Chemnitz / Winterreise - Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Winterreise – Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Während bei den Texten Wilhelm Müllers neben den volkstümlich-romantischen Motiven vor allem die Kritik am politischen System betont waren, richtete Bondara die Blicke auf die derzeitige Gesellschaft. Die Chemnitzer Choreografie und Inszenierung des polnischen Gastes konzentriert sich auf die Suche des Wanderers nach der eigenen Person und auf Begegnungen mit Schatten seiner Vergangenheit. Dieser klaren Ästhetik ist auch die musikalische Gestaltung untergeordnet.

Begleitet von der aus Polen stammenden Pianistin der Robert-Schumann-Philharmonie Anna Beinhauer singt mit ausdrucksvollem, warm timbrierten Bariton Andreas Beinhauer vom Chemnitzer Ensemble die Schubertlieder. Mit der Kondition eines gestandenen Opernsängers bietet er die vierundzwanzig Lieder, abweichend vom üblichen Liedgesang, ohne Pause. Dabei bringt er sich als „der Wanderer“ aktiv in das Bühnengeschehen ein- eine beeindruckende Leistung.

Dazu hat Robert Bondara eindrucksvolle Tanzbilder über Verluste von Individualität, fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt, Gewalt, Mobbing und Vereinsamung sowie einer unerfüllten Liebe geschaffen. Die Tänzerinnen und Tänzer des Chemnitzer Ballett-Ensembles bringen den unaufhörlichen Wechsel von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Vergebung und Zorn sowie zehrende Einsamkeit und Reste menschlicher Wärme mit hohem tänzerischem Können auf die Bühne. Wie beim musikalischen Vorbild wurde auch in der Ballettinszenierung auf einen eventuell möglichen Handlungsfaden verzichtet.

Theater Chemnitz / Winterreise - Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Winterreise – Als Tanzstück © Nasser Hashemi

Der Hamburger Hans Winkler hatte ein Bühnenbild geschaffen und Kostüme gestaltet, die eine winterliche Situation, eigentlich fast eine arktische Welt assoziieren, so dass die Stimmung der Einsamkeit in ewiger Kälte auf das Publikum im Saal überging.

Mit Annas differenzierter Klavierbegleitung und Andreas sängerisch-schauspielerischen Leistung prägte aber letztlich das Ehepaar Beinhauer den Erfolg der Aufführung. Für einen nicht unwesentlichen Anteil des Publikums hatte allerdings die Leistung des in der Region so populären Balletts Chemnitz den Vorrang. So die Diskussionen bei der Premierenfeier. Diese differenzierte Auffassung schränkte aber den langen und stürmischen teils stehenden Beifall für Robert Bondara und sein Team nicht ein.

Winterreise – ein Tanzstück von Robert Bondura, die nächsten Vorstellungen am Theater Chemnitz:  3.10.; 20.11.2019; 9.1.; 24.2.2020 und mehr

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Chemnitz, Theater Chemnitz, Diego Martin-Etxebarria – Erster Kapellmeister, IOCO Aktuell, 12.07.2019

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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Diego Martin-Etxebarria – Erster Kapellmeister ab April 2020

Diego Martin-Etxebarria wird neuer Erster Kapellmeister an den Städtischen Theatern Chemnitz. Er tritt sein Engagement am 1. April 2020 an und wird als erste Neuproduktion Mozarts Die Entführung aus dem Serail (Premiere am 8. Mai 2020) dirigieren. Seinen Einstand am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie gibt er bereits am 31. August 2019 beim Open-Air-Konzert zur Spielzeiteröffnung 2019/20 auf dem Theaterplatz Chemnitz.

Der gebürtige Spanier, 1979 in Bilbao geboren, war im Frühjahr 2019 einer Einladung der Theater Chemnitz zu mehreren Orchesterproben und einem Vorstellungsdirigat von Mozarts Zauberflöte gefolgt und überzeugte die Leitung ebenso wie die Musikerinnen und Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie von seiner künstlerischen und sozialen Kompetenz.

Theater Chemnitz /  Diego Martin-Etxebarria, Erster Kapellmeitser ab April 2020 © Kansai Philharmoni

Theater Chemnitz / Diego Martin-Etxebarria, Erster Kapellmeitser ab April 2020 © Kansai Philharmoni

Diego Martin-Etxebarria schloss sein Diplom an der Musikhochschule Catalunya ab und absolvierte über ein Stipendium des DAAD ein Aufbaustudium in Orchester dirigieren an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar. Sein Konzertexamen schloss er an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden bei Ekkehard Klemm und Christian Kluttig ab. Parallel zu seinen Studien assistierte er an den Opernhäusern von Bilbao und Bern, an der Semperoper Dresden und am Théâtre des Champs-Élysées Paris.

Er war Künstlerischer Leiter des Art Ensemble Barcelona (2004 bis 2007) sowie Musikalischer Leiter des Euskadiko Ikasleen Orkestra (Baskenland, 2007 bis 2008) und des Akademischen Orchesters Freiburg (2010 bis 2012). Gastengagements führten ihn für Musiktheaterproduktionen u. a. an das Theater Augsburg, die Staatsoper Berlin, das Teatro Arriaga Bilbao und das Teatro Real Madrid. Nachdem ihn das Theater Krefeld Mönchengladbach in der Spielzeit 2016/2017 zunächst als Kapellmeister engagierte, wurde er bereits in der Folgesaison zum Ersten Kapellmeister und stellvertretenden Generalmusikdirektor ernannt. Er ist mehrfacher Preisträger des 17. Internationalen Musikwettbewerbs für Dirigieren in Tokyo. Seine Aufnahme von Enric Moreras Zarzuela „La viola d’or“ wurde von Kritikern in Katalonien als beste Klassik-CD des Jahres 2016 ausgezeichnet.

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Chemnitz, Theater Chemnitz, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 12.06.2019

Juni 12, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Siegfried:  Der – Chemnitzer – Ring des Nibelungen

Was will die Regie wirklich zeigen?

von Thomas Thielemann

Die gravierende Fehlbesetzung der Titelrolle des Siegfrieds im Oster-Ring der Oper Chemnitz war Veranlassung genug, den Siegfried des Pfingst-Ringes mit dem Sänger-Darsteller der Premierenrunde Daniel Kirch zu besuchen. Auch waren Unklarheiten geblieben, was Regisseurin Sabine Hartmannshenn dem arglosen Opernbesucher in ihrer Inszenierung vermitteln möchte; die IOCO Rezension vom 26.4.2019 – Wagner aus feministischeer Sicht  – link hier-  und dort erwähnte Verbrechen von Männern an Frauen deuten schon deren Richtung an.

Siegfried –  Richard Wagner
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Erst die phänomenale schauspielerische Leistung des Daniel Kirch, die geringfügige sängerische Rest-Defizite vergessen lässt, führt zum Kern der Inszenierung. Mit fünf Männern konfrontiert uns Richard Wagner, die von der Regie charakterisiert werden müssten: Der Riese Fafner ist bereits im Rheingold als Brudermörder ob seiner Habgier denunziert. Der Zwerg Mime schneidet brutal den Siegfried-Fötus aus  Sieglinde und lässt sie verbluten, nur um sich ein Werkzeug zu schaffen, das seine körperlichen Defizite kompensieren soll. Sein Bruder Alberich vergewaltigt eine gesichts- und willenslose Nibelungensklavin, um dem Knaben Hagen die angestrebten Machtverhältnisse zu demonstrieren. Der junge Hagen begreift und tritt nach. Warum der Wanderer, also eigentlich ein Gott, wenn auch auf Abruf, den Waldvogel umbringt, erläutert die Inszenierung nicht so richtig. Ist dem Gott ihre Informationsfreudigkeit und ihr Warnen ein Dorn im Restauge geworden?

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Arnold Bezuyen als Mime - knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Arnold Bezuyen als Mime – knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Bleibt Siegfried: er ist bereits von Wagner am Beginn als kindlich und naiv angelegt. Aber die Spielfreude des Daniel Kirch, wahrscheinlich von Sabine Hartmannshenn noch angefeuert, stellt ihn uns kindisch bis zu den Schluss-Szenen vor. Er beherrscht die Bühne, ohne dabei auch nur die geringste Entwicklung zu zeigen. In der April-Rezension hatte ich der Regie mangelhafte Personenführung kritisiert. Das war aber am Ostersamstag der Notwendigkeit geschuldet, dass der musikalische Leiter alle Mühe hatte, den armen Ersatz-Siegfried über den Spätnachmittag zu bringen und ihn deshalb häufiger an die Rampe holte. Kirch hat bewiesen, dass seine Spielfreude Mittel zum Zweck war. Siegfried blieb ein Kindskopf bis er in die Fänge der Brünnhilde geriet.

Fazit der Chemnitzer Inszenierung: Alle Männer sind Verbrecher oder naive Kindsköpfe; es sei denn, sie werden von einer starken Frau gelenkt, geleitet

Sabine Hartmannshenn ist eine höchst begabte Regisseurin. Wie sie die Oper mit diesem einen Bühnenbild, das eigentlich nur im Bereich des Feuerzaubers abgewandelt ist, ausfüllt, ist bemerkenswert. Einige Szenendetails – die Tafelei des Wanderers mit Mime mit dem abrupten Abbruch, die Drachenszene mit der Statisterie – zeugen von hoher Kreativität.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Gesungen wurde in der Aufführung recht ordentlich. Arnold Bezuyen war besser als am Ostersamstag. Prachtvoll wieder Jukka Rasilainen, Magnus Piontek und vor allen Guibee Yang und Stéphanie Müther.Überzeugend auch der Wanderer von Ralf Lukas und die Erda von Nadine Weismann.

Götterdämmerung – Richard Wagner
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Die Abendleistung des Orchesters zu beurteilen fällt schwer. Weil noch andere Aufführungen in meinem Ohr klingen, scheint mir, daß Guillermo Garcia Calvo mit den Blechbläsern recht üppig um sich warf und über weite Strecken das Feuer eines Richard Wagner vermissen ließ.

Der ausgeprägt aggressive Feminismus in den Konzeptionen von Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler bleibt nach modernen Wertvorstellungen nur schwer verkraftbar.

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Chemnitz, Theater Chemnitz, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Fidelio – Ludwig van Beethoven

Florestan, ein Mitglied der Oberklasse, ist verschwunden ….

von Thomas Thielemann

Die Oper Chemnitz hatte zur zweiten Aufführung der leider wenig beachteten klugen und sensiblen Inszenierung des Fidelio von Ludwig van Beethoven eingeladen. Auch um das desaströse Bild der Stadt in den Medien etwas gerade zu rücken. Eventuell wollte das Haus einen Beitrag zur Deutung des eigentlich unmöglichen Wahlverhaltens der Sachsen am letzten Wochenende leisten.

Fidelio –   Ludwig van Beethoven
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In einer beliebigen Bananenrepublik unserer Tage ist das Mitglied der Oberklasse, Florestan, verschwunden. Seine Ehefrau Leonore nutzt skrupellos alle Möglichkeiten, um ihren Mann aufzuspüren und der Gesellschaft zurückzugeben. Da ist für sie auch legitim, in der Verkleidung als Fidelio die Treuherzigkeit des Gefangenenwärters Rocco zu missbrauchen, seine Tochter Marzelline verliebt zu machen und sogar eine Eheschließung vorzubereiten.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Soweit ist die Inszenierung von Robert Lehmeier mit ihrer guten Personenführung fast konventionell. Den ersten Akt mit der Vorbereitung einer Grillparty zu verbinden, bis dann die robusten Personenschützer des Pizarros die Bühne übernehmen, ist nicht besonders originell. Auch dass Lehmeier die Geschichte aus der Sicht Marzellines erzählen lässt, fand ich als Zuhörer angenehm. Denn die oft von Sängern gestammelten Rezitative und Dialoge zwischen den Musiknummern waren gestrichen. Stattdessen wurden die Reflexionen der jungen Frau von der guten Schauspielerinnenstimme Christine Gabsch „aus dem Off“ (so die nette die Einführung Vortragende) eingesprochen.

Lehmeiers Inszenierung schien sich damit auf die eigentlichen Verlierer des Geschehens Marzelline, Rocco und Jaquino zu bewegen, als die Robert-Schumann-Philharmonie unter der beeindruckenden Leitung des „assistierenden Kapellmeiste“ Jakob Brenner mit der Leonoren Ouvertüre Nr.2 (von 1805) mit einem musikalischem Höhepunkt des Abends das Finale vorbereitete.

Der Vorhang öffnete sich: statt der bis zu dieser Phase des Geschehens dunklen Farben über-raschte Robert Lehmeier sein Publikum mit einem vorwiegend vertikal angeordnetem gewaltigen Statisterie Aufgebot in bunter „Verkleidung“, fast regungslos nur mit einer der Pantomime entlehnten Armbewegung.

Vor diesem offensichtlich desinteressierten aber auch unbeachteten statischen Winke-Volk lässt Lehmeier die berühmte Schlussszene als „Friede-Freude-Eierkuchen“ in zugegebenermaßen hoher musikalischer Qualität ablaufen, indem sich der Minister, Leonore, Florestan mit Chorbegleitung gegenseitig befeiern. Dazu am rechten Bühnenbereich die „Verlierer“ Marzelline, Rocco, Jaquino.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Ein Opernschluss, der regelrecht im Halse stecken geblieben ist, denn, sind nicht die wahren Verlierer Jene, die nicht aus ihrer Beteiligungslosigkeit herausfinden? Mit jedem unserer Abstecher nach Chemnitz hat uns die Qualität, wie dort musiziert und gesungen wird, gefallen. Die Robert-Schumann-Philharmonie als guter Sinfoniker und Sänger-begleiter über-zeugte diesmal mit der aufmerksamen Leitung des „assistierenden Kapellmeisters“ Jakob Brenner.

Eine sängerisch-schauspielerisch auch emotional bewegende Leistung bot die Koreanerin Guibee Yang vom Hausensemble als Marzelline. Spröder und gewollt distanzierter war eine stimmgewaltige Leonore der finnischen Sopranistin Pauliina Linnosaari zu erleben. Der Petersburger Viktor Antipenko ist seit seinen Einsätzen im Ring für das Haus ein häufiger und zuverlässiger Tenor-Gast. Stimmgewaltig erwies sich gleichfalls der ungarische Gast Kristián Cser in der Rolle des Pizarro. Über derart zuverlässige Ensemblemitglieder, wie Magnus Piontek (Rocco) und Siyabonga Maqungo (Jaquino), verfügt auch nicht jedes Opernhaus. Florian Sievers als erster Gefangener und André Eckert sowie Andreas Beinhauer vervollständigten die Sänger-Riege.

 Fidelio am Theater Chemnitz; die weiteren Vorstellungen 15.6.; 23.6.2019

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