Annaberg-Buchholz, Eduard von Winterstein Theater, Premiere Tosca – Giacomo Puccini, 20.01.2019

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Eduard von Winterstein Theater

Eduard-von-Winterstein-Theater / Tosca © Dirk Rückschloß

Eduard-von-Winterstein-Theater / Tosca © Dirk Rückschloß

 Tosca –  Giacomo Puccini

Am Sonntag, 20. Januar 2019, hat um 19 Uhr Giacomo Puccinis große italienische Oper Tosca unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Naoshi Takahashi in einer Inszenierung von Rainer Wenke Premiere am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg- Buchholz.

Nach dem Welterfolg seiner Oper La Bohème fand Giacomo Puccini in dem französischen Drama La Tosca von Victorien Sardou die Vorlage für sein nächstes Werk, das genauso wie die Bohème und später Madame Butterfly die Opernbühnen der ganzen Welt erobern sollte: Der Maler Mario Cavaradossi arbeitet in der Kirche St. Andrea della Valle an einem Bild der Heiligen Maria Magdalena. Hier hat sich in einer Seitenkapelle der entmachtete Konsul der untergegangenen Römischen Republik, Cesare Angelotti, versteckt. Als Cavaradossi seinen Freund entdeckt, verschließt er zu dessen Schutz die Kirchentür. Die Sängerin Tosca aber, die Cavaradossi sehen will, wird wegen der verschlossenen Tür argwöhnisch; sie beschuldigt ihren Geliebten der Untreue. Der kann sie beruhigen, und nachdem Tosca gegangen ist, verlässt auch er mit Angelotti hastig die Kirche, um den Freund in seinem Haus vor den brutalen neuen Machthabern zu verstecken. Auf der Suche nach Angelotti stürmt Polizeichef Scarpia in die Kirche. Als Tosca, auf die er schon lange ein Auge geworfen hat, noch einmal zurückkommt, schürt er die Eifersucht der Sängerin, um zu erfahren, was Cavaradossi plant. Tosca und Cavaradossi werden zu hilflosen Werkzeugen in Scarpias bösem Machtspiel.

Eduard-von-Winterstein-Theater / Tosca © Dirk Rückschloß

Eduard-von-Winterstein-Theater / Tosca © Dirk Rückschloß

 Tosca singt Bettina Grothkopf; Cavaradossi verkörpert Jason Lee und Jason-Nandor Tomory ist als Baron Scarpia zu erleben. In weiteren Rollen stehen unter anderem Volker Tancke als Angelotti und László Varga als Mesner auf der Bühne. Neben den Solisten des Ensembles und dem Opernchor des Eduard-von- Winterstein-Theaters wirken Extra- und Kinderchor mit. Es spielt die Erzgebirgische Philharmonie Aue.

Premiere: 20. Januar 2019, 19 Uhr,  weitere Vorstellungen: Mi, 23.01.2019, 19.30 Uhr | Sa, 02.02.2019, 19.30 Uhr | Fr, 08.02.2019, 19.30 Do, 14.02.2019, 19.30 Uhr | So, 17.02.2019, 19.00 Uhr | So, 10.03.2019, 19.00 Sa, 20.04.2019, 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Eduard von Winterstein Theater |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 23.11.2108

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Tosca – Giacomo Puccini

– Himmel und Hölle der Gefühle –

Von Ingo Hamacher

Tosender Applaus, Ovationen, rythmisches Klatschen und Standing Ovations krönten einen Abend, bei dem das begeisterte Publikum die Darsteller und das Produktionsteam so oft an die Bühnenrampe zurück forderte, bis dass der Inspizient das Machtwort sprach, und den Vorhang endgültig in den nicht enden wollenden Jubel fallen ließ.

Musikalisch ein Genuss und stimmlich großartig bis in die kleinste Partie stellt diese Tosca einen Höhepunkt der jetzigen Saison dar. TOSCA errang schnell, obwohl sie attraktive Partien für Tenor und Bariton aufweist, als Primadonnenoper Ruhm und Anfeindung.

Tosca  –  Giacomo Puccini
Youtube Trailer der Opéra Royal de Wallonie-Liège
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1913 wurde die Oper noch vernichtend beurteilt: „Die Sensation schlägt durch. Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Behandlung“, die Musik sei „Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen, lächelnder Mord“ und die Arien seien versungen und vertan: „geopfert dem Moloch der Kinodramatik“.

Inzwischen gilt TOSCA als eine der bekanntesten Opern der Welt; Puccinis Musikdrama wird vom Publikum als realistisch empfunden, als komplexer Ausdruck einer psychischen Situation der Opernfiguren. Gianluigi Gelmetti, der die Aufführung musikalisch leitet, zeichnet die musikalischen Welten des Stücks, wie die Welt Scarpias mit ihrem tonalitätsfernen Blechbläserklang; die schmerzliche Chromatik der gequälten Revolution; wie auch die naive Sphäre des naiven Messners, feinfühlig und differenziert nach.

Gianluigi Gelmetti, 72, ist ein italienischer Dirigent und Komponist. Lange Jahre hatte Gelmetti die Position als Chefdirigent des SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (1989–1995) inne. Im Jahre 2001 wurde er zum Chefdirigenten des Teatro dell’Opera in Rom ernannt.

Wie häufig in Puccinis Werk sind in TOSCA sinnliche Liebe und Todesnähe oft unentrinnbar miteinander verknüpft. Das Werk ist dramatisch stringent und steht dem Verismo nahe. Die Handlung der TOSCA lässt sich auf den Tag genau festlegen: den Nachmittag und Abend des 17. Juni 1800 mit folgendem Morgen, drei Tage nach der Schlacht bei Marengo.

Hintergrund: Napoleon Buonaparte hatte in den Jahren zuvor fast ganz Italien erobert, und freiheitliche Republiken nach französischem Vorbild errichtet. Als er anschließend zu seinem Ägypten-Feldzug aufbracht, kam es zu einem Sieg reaktionärer Kräfte, die die republikanischen Bestrebungen aufs heftigste unterdrücken, und statt dessen eine Polizeiherrschaft errichten. An ihrer Spitze: die Königin Maria Carolina, die in Rom alle Unterstützer der vormaligen Republik erbarmungslos verfolgen ließ. Napoleon kehrte aus Ägypten zurück, marschierte erneut in Italien ein und errang den entscheidenden Erfolg in der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800. Vor diesem historischen Hintergrund spielt das Stück.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier links  A. Machado als Cavaradossi © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier links  A. Machado als Cavaradossi © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die berühmte Sängerin Tosca, die sich ihre Frömmigkeit bewahrt hat, liebt einen freigeistigen Maler, den liberal intellektuelle Cavaradossi, der neben seiner bildenden Kunst auch noch zum republikanischen Parteigänger wird. Dadurch kommt er in Konflikt mit dem allmächtigen Polizeichef Scarpia, dessen Persönlichkeit durch eine Mischung aus rücksichtsloser Grausamkeit und sexueller Obsession geprägt ist, und der den ehemaligen republikanischen Funktionär Angelotti jagt, dem nach Monaten im Kerker als Strafe für seinen Kampf gegen den alten Feudalismus die Flucht gelungen ist.

1. Akt

Ohne Ouvertüre, nur mit drei wuchtigen Harmonien eingeleitet, beginnt der erste Akt. Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf das Innere von Sant’Andrea della Valle, eine römische Kirche im Stil des Barock, die in einzelnen Elementen auf der Bühne nachgebildet wurde. Linkerhand sehen wir die zuerst verhangene akuelle Arbeit des Künstlers: Ein Bildnis der Magdalena. Im Hintergrund barocke Goldelemente und lebensgroße Heiligenstatuen; rechts das Gitter einer Familienkapelle sowie den Kerzen und Blumenschmuck einer Madonna.

Der politische Gefangene Angelotti (Bass) versteckt sich in der Kirche Sant’ Andrea, wo sein Freund, der Maler Cavaradossi (Tenor) ein Bildnis der Magdalena fertigstellt. Der Messner behauptet, das Bild ähnelt einer der Frauen, die zum Beten regelmäßig in die Kirche komme. Cavaradossi malt tatsächlich die Gesichtszüge dieser Frau in sein Bild, besingt jedoch leidenschaftlich seine große Liebe: Tosca.
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MARIO CAVARADOSSI – Aquiles Machado
Für den venezuelanischer Tenor, 45, der sein Debut 1996 in Caracas in L‘elisir d‘amore hatte gehört die Partie des Cavaradossi zu einer seiner Paraderollen, mit denen er weltweit auftritt. Die Wärme seiner großartigen Stimme passt perfekt zu dem Menschenfreund Cavaradossi, der bereit ist, selbst Schaden zu nehmen, um andere zu schützen.
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Angelotti kommt aus seinem Versteck und Cavaradossi will ihm helfen. Als Tosca (Sopran) die Kirche betritt, versteckt sich Angelotti erneut. Im Bild der Magdalena erkennt die Primadonna die Ähnlichkeit mit der Gräfin Attavanti, Angelottis Schwester, und beim Anblick der überlebensgroßen lasziven Nacktheit der Sünderin werden es wohl nicht nur die besungenen blauen Augen gewesen sein, die ihre flammende Eifersucht geweckt haben. Cavaradossi überzeugt sie jedoch von seiner Liebe und kann sie beruhigen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier Virginia Tola als Tosca © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier Virginia Tola als Tosca © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Virginia Tolah, ein international gefeierter argentinischer Sopran, 42, singt die Partie der FLORIA TOSCA mit der gebotenen leichten Hysterie der gefeierten Künstlerin im ersten Akt, um dann folgend alle Tiefen der Emotionen und Leidenschaften stimmschön und kraftvoll musikalisch zu gestalten.Kanonenschüsse sind zu hören. Angelottis Flucht wurde entdeckt und Cavaradossi bietet ihm seinen Garten als Versteck an. Der Polizeichef Scarpia (Bariton) kommt in die Kirche und bemerkt den Korb mit Essen, den Cavaradossi für Angelotti hingestellt hat. Zudem findet Scarpia einen Fächer. Er behauptet gegenüber Tosca, dies sei der Fächer der Gräfin aus dem Bild, mit der der Maler eine Affäre habe. Erneut eifersüchtig verlässt Tosca die Kirche.

Als nachtschwarze Bosheit und Schlechtigkeit, die sich in Scarpia manifestiert, steht Marco Vratogna, ein italienischer Bariton, mit schwarzem Bart, Glatze und mephistotelischem Umhang auf der Bühne. Vratogna hat die Partie schon in Wien, Dresden, Berlin, London, Hamburg und Baden-Baden gesungen; in Lüttich feiert er sein Hausdebut. Auch er, wie die beiden voraus genannten Hauptfiguren, stimmlich ein Erlebnis, dass den Abend noch lange nachklingen lassen wird.

Die Nachricht einer gewonnenen Schlacht gegen Napoleon läßt die reaktionären Kräfte jubeln. Scarpia schwört unterdessen, Tosca zu erobern. Das zur Feier des – vermeintlichen – Sieges aufgeführte Te Deum gibt der Regisseurin Claire Servais die Möglichkeit, den bisher kammerspielartigen Handlungsablauf zur großen Chorszene auszuweiten.

Zahllose Messnerknaben, Mönche, Nonnen, Priester, Kardinäle und nicht weniger als neun Bischöfe verwandeln die gold-barocke Szenerie mit ihrer schier unüberschaubaren Menge an Menschen, Weihrauch, Gesang und Gebet in ein Abschlussbild, bei dem man den Eindruck gewinnt, einen Blick auf himmlische Heerscharen geworfen zu haben und dem Himmel nahe gekommen zu sein.

2. Akt

Haben wir am Ende des ersten Aktes einen Blick in den Himmel geworfen, erwartet uns nun die Hölle. An der Rückwand der bis auf Scarpias Festtagstafel leeren, schwarzen Bühne sehen wir 13 Bilder alter Holzschnitte, die historische Folter- und Tötungsszenen grafisch darstellen. Als 14. und uns allen als Erlösungszeichen bekannte Darstellung hängt lebensgroß der gekreuzigte Jesus vor uns, nicht als Heiland, sondern als figürliche Darstellung des Sterbens und des Leidens.

Vor diesem Hintergrund beginnt der dramaturgisch geschickte zweite Akt: Während Scarpia im oberen Stockwerk seinen Machenschaften nachgeht, feiert die Königin im Stockwerk darunter ein Fest zu Ehren des mutmaßlichen Siegs über Napoleon. In Scarpias Wut darüber, daß seine Häscher Angelotti nicht gefunden haben, und in seiner Freude über die vorsorgliche Verhaftung Cavaradossis ertönt dann aus dem Festsaal eine Kantate mit Fünfstimmigem Chor mit dem Solo der Sopran-Primadonna Tosca.

Wir befinden uns in Scarpias Räumen im Palazzo Farnese. Der Palazzo Farnese, nach dem Adelsgeschlecht der Farnese benannt, ist eines der bedeutendsten Bauwerke der italienischen Renaissace und einer der größten Paläste Roms. Scarpia will Tosca besitzen. Triumphierend singt er „Ella verrà“, „Sie wird kommen“. Seine Diener holen Cavaradossi und bringen ihn genau in dem Moment herein, als auch Tosca kommt. Der Polizeichef befiehlt, Cavaradossi foltern zu lassen, bis er das Versteck des geflohenen Angelottis verrät.

Cavaradossi wird durch eine verborgene Tür in der Wand des Grauens in einen dahinter liegenden Raum geführt. Da die Türe einen Spalt offen steht, erleben wird die Qualen seine Folter durch seine zu uns dringenden Schreie mit. Wie der Gottessohn, der für die Sünden der Menschen sein Leben gab, erleidet auch der Maler seine Leiden, um einen anderen Menschen zu schützen. Wie der Erlöser wird auch Cavaradossi mit einem Dornenkranz um den Kopf gefoltert, wie wir aus dem Bericht Scarpias erfahren. Der weiße Corpus Christi als einzig erleuchteter Fleck in dieser Dunkelheit des Schreckens veranschaulicht uns die Gemeinsamkeit der Schicksale.

Tosca ist erschüttert und verrät das Versteck, um ihren Geliebten zu retten. Darüber ist Cavaradossi außer sich, zeigt aber, dass er sich über die von einem Boten gebrachte Nachricht vom endgültigen Sieg Napoleons freut. Daraufhin ordnet Scarpia seine Exekution an. Nur wenn sich Tosca mit ihm Scarpia einließe, würde ihr geliebter Maler verschont bleiben. In der berühmten Arie „Vissi d’arte, vissi d’amore“, der Tradition entsprechend liegend gesungen, wendet sich die Primadonna zu Gott und fleht „Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier Roger Joakim als Cesare Angelotti © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier Roger Joakim als Cesare Angelotti © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Kurz darauf erfahren wir, dass sich Angelotti umgebracht hat, um der Gefangenschaft zu entgehen. Scarpia erpresst Tosca weiterhin, um sie zu erobern. Er ist bereit eine Scheinhinrichtung Cavaradossis organisieren, ihn aber anschließend freilassen, wenn sie ihm zu Willen ist. Als sich Scarpia schließlich Tosca nähert, ersticht sie ihn mit dem Ausruf „Hier ist Toscas Kuss!“. Tief in ihrem christlichen Glauben verwurzelt, kann sie selbst ihn nicht unversorgt liegen lassen. Sie lagert seine Hände und bedenkt ihn mit einer Rose. Vor Gott ist Vergebung. Das übergroße Kreuz neigt sich von der Wand, und kommt dem Sünder entgegen. Atemberaubend!

3. Akt

Dem dritten Akt geht eine lange Einleitung voran, bis auf das kurze Lied des jungen Hirten, ganz ohne Text. Die Musik schildert Umgebung, Situation und Szene, die am Ende der Nacht auf der Plattform der damals noch vor den Toren der Stadt liegenden Engelsburg spielt, was den Hirtenknaben verständlich macht. Schließlich ertönen in verschiedenen Höhen und Rhytmen die Morgenglocken der städtische Kirchen. Puccini war persönlich nach Rom gefahren, um die Schauplätze der Handlung kennen zu lernen und besonders die Stimmung der Engelsburg und den Klang der umgebenden Kirchen im stimmigen musikalischen Couleur wieder geben zu können.

Gefängnis in der Engelsburg. Die Engelsburg in Rom wurde ursprünglich als Mausoleum für den römischen Kaiser Hadrian (117–138 n. Chr.) errichtet und später zur Festungsanlage umgebaut. Den heutigen Namen erhielt die Anlage im Jahr 590, als in Rom die Pest wütete. Papst Gregor I. der Große soll über dem Grabmal die Erscheinung des Erzengels Michael gesehen haben, der ihm das Ende der Pest verkündete.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier V. Tola als Tosca und Marco Vratogna als Scarpia © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Tosca hier V. Tola als Tosca und Marco Vratogna als Scarpia © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Wir blicken auf eine leere, steingraue Bühne, auf der das Auge bis auf eine nach oben führende Treppe mit anschließender Empore keinen Anhaltspunkt findet. Darüber ein nachtblauer Himmel mit einem Sternenmeer. Die Hinrichtung von Mario Cavaradossi soll in einer Stunde stattfinden. Er denkt an Tosca: „E lucevan le stelle“, „Es funkeln die Sterne“. Tosca kommt und erzählt, dass sie Scarpia getötet hat und ihm nur eine Scheinhinrichtung bevorstehe. Er solle wie in einem Theaterstück mitspielen und sich nach den Schüssen fallen lassen.

Für die Hinrichtungsszene senkt sich eine ebenfalls graue Wand vor den Hintergrund. Auf der davor befindlichen Empore erscheint das Erschießungskommando; Cavaradossi steht mit dem Rücken zum Publikum. Die Schützen zielen, und auf Befehl schießen sie auf ihn und damit gleichzeitig auch auf das Publikum. Erneut ein schwer auszuhaltender Moment. Cavaradossi stürzt und Tosca ruft: „Ecco un artista!“, „Was für eine Schauspieler!“. Die Mauer im Hintergrund hebt sich wieder und gibt den Blick auf das blutrote Morgenlicht frei. Tosca sagt ihm mehrfach, er solle noch liegenbleiben, merkt dann jedoch, dass ihr Geliebter wirklich tot ist.

Bevor der Polizeiagent Spoletta, der inzwischen Scarpias Tod bemerkt hat, Tosca verhaften kann, stürzt sie die Treppen zum Rand der Engelsburg hoch. Die Figur des Erzengels Michael wird sichtbar; Tosca stürzt in den Tod.

Regie: Claire Servais
Claire Servais hat Tosca bereits 2016 in Toulon inszeniert. Ihre letzte Inszenierung in Lüttich war die wunderschöne und märchenhaft verspielte ZAUBERFLÖTE als Kinderzimmertraum eines kleinen Jungen im Frühjahr 2017. Mit dieser dritten Inszenierung für Lüttich wird die große Breite ihres künstlerischen Arbeitens erlebbar.
Bühne: Carlo Centolavigna, 65-jähriger italienischer Bühnenbildner mit internationaler Arbeitserfahrung.
Kostüme: Michel Fresnay
Fresnays erste Kostümarbeit fand im Jahre 1965 statt. Seit dem hat er nicht nur Produktionen auf fast allen französischsprachigen Bühnen ausgestattet, sondern auch Shows im Ausland und fürs Fernsehen ausgestattet. Die Kostüme von TOSCA geben die Mode der Handlungszeitdes Stücks wieder.
Licht: Olivier Wéry / Chorleiter: Pierre Iodice / ORCHESTRE, CHŒURS ET MAÎTRISE / Opéra Royal de Wallonie-Liège
CESARE ANGELOTTI: Roger Joakim
EIN MESSNER: Patrick Delcour
Beide Bariton und Mitglied des Ensembles der königlichen Oper Lüttich / SPOLETTA: Pierre Derhet / Belgischer Solist des Royal Theater la Monnaie, Brüssel
SCIARRONE: Marc Tissons / EIN TRÄGER: Pierre Gathier

Tosca an der Opéra Royal de Wallonie-Liège, weitere Vorstellungen 25.11.; 27.11. – 15.00 Uhr; 28.11.; 29.11.; 30.11.; 1.12.; 2.12.2018

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Wien, Oper in der Krypta, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 06.11.2018

November 7, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

  Tosca  —  Giacomo Puccini

Oper in der Krypta – Große Oper mit Kammerspiel-Charakter

Von Marcus Haimerl

Mit der am 14. Jänner 1900 in Rom uraufgeführten Oper Tosca des italienischen Komponisten Giacomo Puccini fand die erste große Opernpremiere der Saison in der Krypta der Wiener Peterskirche statt. Wo könnte man auch diesen Opernkrimi besser aufführen, als in einer Kirche. Spielt doch die Handlung im Kirchenstaat Rom im Juni des Jahres 1800 und der erste Akt in der Kirche Sant’Andrea della Valle. Giuseppe Giacosa und Luigi Illica schufen das Libretto nach dem Drama La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, welches 1887 uraufgeführt wurde und mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle in ganz Europa Erfolge feierte.

Zwar war auch Puccinis Werk ein Erfolg, stieß aber auch auf starken Gegenwind: in Oskar Bies Standardwerk „Die Oper“ steht: „Die Sensation schlägt durch. Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Behandlung“. Auch über die Musik fanden sich keine lobenderen Worte: „Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen“, und selbst die wenigen Arien seien versungen und vertan, „geopfert dem Moloch der Kinodramatik“. Aber auch bei Musikern und Musikkennern hielt sich diese Betrachtungsweise lange: „Kunstmachwerk“ (Gustav Mahler), „Affenschande“ (Felix Mottl) und von Kritikern „Folterkammermusik“ (Julius Korngold) oder „namenlose Gemeinheiten“ (Ferdinand Pohl). Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sprach der amerikanische Musik- und Opernforscher Joseph Kerman noch vom „schäbigen Schocker“. Natürlich fand sich aber auch immer wieder sachlich fundierte Kritik an dieser dem Verismo nahestehenden Oper Puccinis und mittlerweile erfreut sich dieses Werk größter Beliebtheit.

Oper in der Krypta Wien / Tosca  - hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Tosca  – hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Die Oper, die zwischen kantabler Lyrik und eruptiv ausbrechender Dramatik schwankt, bedarf großer darstellerischer Intensität in ihren Protagonisten und einen Regisseur, der es versteht, zwischen eiskaltem Machtmissbrauch und lodernder Dramatik die Ehrlichkeit und Menschlichkeit der Charaktere herauszuarbeiten. Für Oper in der Krypta konnte man hierfür keinen besseren Regisseur finden, als den künstlerischen Leiter selbst, den Amerikaner Joel Wolcott. Der vielseitige Künstler überzeugt die zahlreichen Besucher mit einer packenden und wohldurchdachten Personenführung. So gerät der zweite Akt zu einem explosiven, tiefergreifenden und verstörenden Kammerspiel zwischen Scarpia und Tosca, das von der Chemie der Darsteller auf der Bühne lebt und das Publikum emotional sichtbar aufwühlte.

Auch mit dem Bühnenbild werden starke Akzente gesetzt: Für das Innere der Kirche Sant’Andrea della Valle, wird die bereits sakrale Umgebung durch ein beeindruckendes steinernes Weihwasserbecken mit Madonnenstatue ergänzt. Für den verhängnisvollen dritten Akt reduziert sich die Kulisse auf ein schlichtes Podest, auf welchem sich das letale Finale der Oper in intensivem, blutrotem Licht abspielt. Dass Floria Tosca sich am Ende mit einer Pistole das Leben nimmt, ist den baulichen Gegebenheiten der Krypta geschuldet, erweist sich aber als durchaus gelungene Alternative zum herkömmlichen Finale der Oper.

Isabella Kuëss erlebt man in der Titelpartie der Opernsängerin Floria Tosca. Und es handelt sich hier in der Tat um ein Erlebnis, denn die österreichische Sopranistin lebt diese Partie in allen Facetten aus. Sie ist große Diva, zärtliche Geliebte, verzweifelte Mörderin und leidende Frau in Einem. Ihr Ringen um Leben, Liebe und Würde geht unter die Haut. Dazu bedarf es nicht immer großer Gesten; schon ein Blick oder eine kaum merkliche Bewegung sorgen für Gänsehaut und der ins Gesicht geschriebene Ekel bei den Zudringlichkeiten Scarpias lässt niemanden kalt. Ihr voller dramatischer Sopran mit schöner, breiter Mittellage und strahlender Höhe ist ebenso zu lodernden dramatischen Ausbrüchen fähig, wie zu warmen, lyrischen Piani und hinterlässt großen Eindruck. Ihr „Vissi d’arte“, in der von Maria Jeritza eingeführten liegenden Position, geriet zum Bravourstück.

In Florian Pejrimovsky findet Isabella Kuëss einen Gegenspieler auf Augenhöhe. Der österreichische Bassbariton setzt in der Partie des Scarpia neue Maßstäbe. Nicht nur seine Darstellung des brutalen und gnadenlosen Polizeichefs überzeugte das Publikum, auch mit seinem stimmgewaltigen Bassbariton hinterlässt er nachhaltig Eindruck.

Der junge russische Tenor Pavel Kvashnin überzeugt als Maler Mario Cavaradossi, der mit kräftigem Tenor und unglaublicher Strahlkraft dieser Partie neue Akzente verleiht. Er gestaltet seine Arie „È lucevan le stelle“ mit enormer Emotionalität und schmelzenden Zwischentönen und findet in den Szenen mit Tosca eindringliche Momente.

Oper in der Krypta -  Wien / Tosca - hier :  Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Tosca – hier : Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Auch die kleineren Partien sind exzellent besetzt: In der Partie des Mesners erlebt man den mexikanischen Bariton Daniel Valero, der es versteht, die humorige Seite dieser Rolle fein herauszuarbeiten, aber später auch als düsterer Gendarm Sciarrone zu überzeugen weiß. Regisseur Joel Wolcott schlüpft auch in die Rolle des Spoletta und der deutsche Bariton Michael Pinsker verlieh der kurzen Partie des Cesare Angelotti Bedeutung. Auch der Chor In höchsten Tönen!, die Sopranistinnen Naomi Montfort, Shabnam Najafi, Natalia Leal, Sofija Jankovic, Johanna Kloser, Djurfjica Gojkovic und der Tenor Rafael Diaz Marenco, ermöglichten ein hervorragend gelungenes Te Deum am Ende des ersten Aktes.

Die musikalische Leitung liegt wieder in den Händen von Ekaterina Nokkert, die mit viel Liebe zum Detail Puccinis Musik packend wiedergibt und das Sängerensemble sicher durch alle Klippen der Oper leitet.

Mit dieser Produktion hat sich Oper in der Krypta erneut einen Erfolg beschert. Am Jubel des Publikums gemessen, wird sich Puccinis Tosca mit Sicherheit noch lange im Repertoire halten und für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—