Kiedrich, St. Valentinus Kirche, Willibald Bibo und die Kiedricher Orgel, IOCO Aktuell, 01.08.2020

August 1, 2020 by  
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St Valentinus in Kiedrich @ Oreskovic Herrmann

St Valentinus in Kiedrich @ Oreskovic Herrmann

Kiedricher Orgel – Kiedricher Chorknaben

 Willibald Bibo, Organist – im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann, IOCO, über St. Valentinus, seine Orgel und einzigartige Kiedricher Chorgesänge

Wenn vom Rheingau die Rede ist, denken viele Menschen zuallererst an die ungemein schöne Kulturlandschaft am Rhein, die Weinberge und das üppige Grün an den Hügeln im Sommer, die Wirtshäuser und Weinschenken und das gesellige Zusammensein – was einfach nur für pure Lebensfreude steht. Wer es aber bei der genussvollen Sättigung allein nicht belassen möchte, für den bietet sich ein Spaziergang an, der alle Sinne beansprucht und herausfordert. Die Rede ist von Kiedrich. Der malerische Ort mit etwa 4.200 Einwohnern besitzt mit der alten Kirche St. Valentinus und Dionysius und ihrer im 15. Jahrhundert entstandenen Orgel ein in weltweiten Maßstäben bedeutendes Kultur-Wahrzeichen.

Der erste karolingisch-romanische Kirchenbau in Kiedrich stammt aus dem 11. Jahrhundert und wurde dem hl. Dionysius geweiht. Valentinus’ Reliquien – eine Schenkung des in der Nähe liegenden Kloster Eberbachs – befinden sich seit dem 14. Jahrhundert in der Kiedricher Kirche, die damit zur Pilgerstätte wurde. Ab 1490 erfolgte das Patronat und als Patron der sogenannten „fallenden Krankheiten“ (wie z.B. der Epilepsie) wird Valentinus verehrt – doch in aller Welt bekannt geworden ist er als Beschützer der Liebenden. Der Valentinstag, immer am 14. Februar, ist nicht nur ein Fest für Blumenhändler, er ist der fest im Kalender vermerkte Anlass, sich die gegenseitig Liebe mittels Blumen zu bekunden.. Früher – auch das sei erwähnt – war der Valentinstag der einzige Tag, an dem Männer mit Blumen beschenkt wurden.

Heute trägt das Gotteshaus auch den Ehrentitel Basilica minor (kleinere Basilica) eine Bezeichnung, die seit dem 18. Jahrhundert vom Papst herausragenden sakralen Bauwerk zugesprochen wird. Es war „unser“ Papst Benedikt XVI., der 2010 die St. Valentinus und Dionysius Kirche mit dem Titel Basilica minor auszeichnete. Heutzutage pilgern viele Menschen dorthin. Nicht allein wegen Valentinus – die Kirche zieht auch weniger gläubige Menschen an: Prächtige alte Kirchenbänke zeugen von Handwerkskunst und tief empfundenen Glauben, der Altar mit der Madonnenstatue, die lange Zeit – aus unbegreiflichen Gründen – ausgelagert und vergessen war und von einem englischen Baronet ihren rechtmäßigen Platz in der Kirche wieder erhielt – und natürlich die mächtig-prunkvolle Orgel. Dies ist der „Arbeitsplatz“ von Willibald Bibo, einem der Organisten in Kiedrich. Doch der Reihe nach.

 St Valentinus in Kiedrich @  J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich @  J. Herrmann

Sir John Sutton – Ein Wohltäter aus England

Wer den Haupteingang wählt, wird sofort die Kirchenbänke bestaunen, die 1510 von Erhart Falckener aus Abensberg in Bayern angefertigt wurden und mit zahlreichen Inschriften und floralen Darstellungen im Flachschnitt versehen sind – es ist ein äußerst selten so vollständig erhaltenes Chorgestühl. Der Mittelgang führt zur Kiedricher Madonna, die auf einer Stele mittig unter dem Lettner aufgestellt ist. Der Künstler ist unbekannt, aber ihre Entstehungszeit dürfte um 1330 gewesen sein. Irgendwann verschwand die Madonna, landete auf einem Speicher – bis ihr „Entdecker“, der eingangs schon erwähnte Baronet Sutton auf den Plan trat. Sir John Sutton (3rd Bt.), 1820 in Sudbrooke Holme, Lincolnshire geboren, kam 1857 während seiner – für englische wohlhabende Adlige üblichen – sogenannten Grand Tour durch Europa nach Kiedrich. Er war begeistert und blieb – nicht nur die Gegend, der Ort, sondern vor allem die Kirche hatte es ihm angetan. Bis heute gilt er als der „Wohltäter der Kirche“ und ganz Kiedrichs. Als Dank trägt die vor St. Valentinus verlaufende Straße seinen Namen. In der Kirche ist er im Chorraum in einem Kirchenfenster – nach seinem Tod verewigt kniend worden; Sutton trat 1855 zum katholischen Glauben über – Organist Bibo ist jedoch sicher, dass Baronet Sutton dies nicht gewollt hätte – er war als bescheidener Mann bekannt.

Damals erstrahlte die Kirche nicht mehr; die große Zeit der Orgelmusik war nicht nur im Rheingau vorbei; Mozart z.B. hat nicht ein einziges Orgelkonzert geschrieben. Zudem fehlte nach dem Dreißigjährigen Krieg Geld für Erneuerungen, so dass auch in Kiedrich die Entfernung der Orgel (um 1800) erwogen wurde. In vielen Kirchen finden sich tatsächlich, nach der Barockzeit, nicht mehr alte Orgeln, sie wurden nicht mehr benutzt und benötigt, waren ruinös und sind durch neue ersetzt worden. „Man hat etwas Gescheites reingestellt“ bringt es Bibo auf den Punkt. Auch der Kiedricher Orgel drohte das Schicksal, aber das mangelnde Geld verhinderte die Entfernung aus der Kirche. Zum Glück! Und ein fast noch größerer Glücksfall war die Ankunft des englischen Adligen. Baronet Sutton war sehr kunstsinnig und bewies einen Sinn für Gotik, war musikalisch talentiert und ein guter Klavier- bzw. Orgelspieler – und erkannte trotz Mängel und schlechtem Zustand die besondere Bedeutung von Kirche und Orgel. Und er scheute die enormen Kosten nicht: Die Restaurierung der alten defekten Orgel, deren Substanz größtenteils erhalten blieb, erforderte einen Gesamtaufwand von 6.000 Gulden!

 St Valentinus in Kiedrich / hier : Organist Willibald Bibo auf "seiner" Orgel spielend @  J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : Organist Willibald Bibo auf „seiner“ Orgel spielend @  J. Herrmann

Heute in Kiedrich –  Eine der ältesten spielbaren Orgeln der Welt

Willibald Bibo, einer der Organisten St. Valentinus Kirche ist mit „seiner“ Orgel bestens vertraut: „Das Besondere für mich ist, dass ich diese Orgel von Kindheit an kenne. Ich bin hier geboren, hier groß geworden. Als Kind hier in den Bänken gesessen, habe die Orgel gehört und dann auch schon im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal die Orgel gespielt.“ Und Bibo führt weiter aus: „Ich habe das Glück und das Vergnügen auf dieser besonderen Orgel zu spielen – und das jetzt schon seit sechzig Jahren.“ Die Orgel entstand um oder nach 1500, lange Zeit galt sie als die älteste (gotische) spielbare Orgel Deutschlands, die heutige Sicht fällt differenzierter aus, ihre historische Bedeutung bleibt jedoch unbestritten. Und es mindert  nicht im geringsten den Wert dieses Instrument, im Gegenteil: Tatsache ist, so Bibo, dass es sich mit Sicherheit um eine der ältesten spielbaren Orgeln Deutschlands und Europas handelt. Die frühe Verbundenheit mit der Orgel dürfte aber seinem Berufswunsch befördert haben. Der damalige Organist war sein Cousin, der dem – noch – Schuljungen Willibald (Bibo) einfach sagte: „Ich bringe dir das bei, und dann kannst du mir helfen und mitspielen – so bin ich da reingewachsen.

Von ihm erhielt er den ersten Klavier- und Orgelunterricht, später studierte Willibald Bibo Schul- und Kirchenmusik an der Musikhochschule in Mainz; sein Staatsexamen schloss er in Orgel mit der Note „sehr gut“ ab. Nach seinem Examen übte er zeitweise auch die Lehrtätigkeit als Dozent für Tonsatz und Kontrapunkt (das sind die Grundlagen der Komposition) und für konzertantes Orgel- und Cembalospiel an seiner Heimatuniversität aus. Hauptberuflich war Bibo Gymnasiallehrer, als Oberstudienrat unterrichtete er die Fächer Musik, Deutsch und Latein.

Lateinisches Hochamt der Kiedricher Chorknaben
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Seit 1333 – Einzigartige Choralgesänge der Kiedricher Chorbuben

Wegbereiter für Andreas Scholl Elisabeth Scholl

Seine musikalische Laufbahn begann er, wie es sich für einen Kiedricher gehört, bei den Kiedricher Chorbuben – sie gestalten während des Choralhochamtes den Gottesdienst musikalisch mit und singen ihre lateinischen Gregorianischen Choralgesänge, daneben auch mehrstimmige Chormusik. Willibald Bibo hat das jahrzehntelang getan. Diese Chorgruppe setzt sich aus Knaben und Männern aus der Gemeinde Kiedrich zusammen und kann auf eine lange und einmalige Tradition zurückblicken. Seit etwa 40 Jahren gehören übrigens auch Mädchen dazu. Allerdings bezeugt Kiedrich auch in dieser Hinsicht Einzigartigkeit: Die Notation und Form des Chorals ist in „Gotisch-Germanischem Dialekt“Alt-Mainzer-Fassung – gehalten und wird heute nur noch dort gepflegt; nachweisen lässt sich diese Praxis aber seit dem Jahr 1333 erklingen am 2., 3. und 4. Sonntag. im Monat fast 700 Jahre Kirchen- und Musikgeschichte  „In dieser Form wird es weltweit nicht noch einmal gesungen!“ erklärt Bibo bewegt und stolz zugleich.

Auch der große Wohltäter Sutton war davon überwältigt und gründete eine Stiftung – die Choral-Schola und bewahrte die alten Choralcodices für die Nachwelt auf. Die Pflege des alten Chorals führte 1973 den ganzen Chor sogar nach England: Benjamin Britten hatte ihn zu einem Galakonzert eingeladen. Und bei dieser Gelegenheit konnte auch der Wohnort von Baronet Sutton besichtigt werden. „Aus Kiedrich und den Chorbuben sind eine ganze Reihe professioneller Musiker hervorgegangen.“ Hier seien stellvertretend Andreas Scholl (Countertenor), oder auch Elisabeth Scholl (Sopranistin) genannt. Musik „spielt“ im täglichen Leben des Ortes Kiedrich immer eine zentrale Rolle.

„Grundlage unseres Schaffens, darauf baut alles auf, sind die großen Komponisten – sei es Johannes Sebastian Bach oder Heinrich Schütz oder der große Buxtehude und all die anderen. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind. Ohne Bach schon gar nicht. Ich bin zwar katholisch und in der Tradition aufgewachsen, aber ich bin mit der evangelischen Kirchenmusik und Liturgie genauso verbunden. Ich habe auch oft in evangelischen Gottesdiensten gespielt. Als Kirchenmusiker hat man keine Berührungsängste“, so Bibo.

St. Valentinus Kirche – 500 Jahre alte Orgel

Nebenberuflich ist Willibald Bibo seit 1974 Leiter der Kirchenmusik an St. Jakobus im nahe gelegenen Rüdesheim – es ist seine eigentliche Kirchenmusikstelle. Dort gibt es eine moderne große Orgel, die zwar schön, so Bibo, aber doch anders klingt. Mit der Kiedricher Orgel ist er geradezu – wie er es selbst beschreibt – verwachsen. Die „Liebe“ begann im Januar 1960, als er zum ersten Mal auf der historischen Orgel spielte, seitdem hilft er immer wieder als Organist auf „seiner“ Heimatorgel aus. Derzeit ist er auch „amtierender Organist“, weil die Stelle nicht besetzt ist. Seine Zuneigung ist mit jedem Satz zu spüren und so ähnlich dürfte auch Baronet Sutton empfunden haben: eine große, lebenslange und ansteckende Begeisterung für das alte Instrument mit seinen 1000 Pfeifen. Und auf die Frage, welche Fähigkeiten für diesen Beruf – in Bibos Fall ist es eher Berufung – notwendig sind, nennt er zwei wesentliche Aspekte: genaues Studium der Literatur und freies Spiel. „Zum einen, dass ist ganz, ganz wichtig, dass man sich sehr, sehr intensiv mit den Meistern der Musik, der Orgelmusik, der Komposition beschäftigt, sie spielen lernt und mit Bewusstsein liest. Sie lernen dabei alles für die Praxis im Gottesdienst. Der Organist muss sehr gut nach Noten spielen können, also Literatur spielen können, von Bach, Pachelbel bis Mendelssohn, César Franck und Max Reger, zum anderen muss er in der Improvisation sehr gut sein. Man kann dann quasi aus der Hand spielen, dass ist dann zwar kein Bach, kein Buxtehude, das ist dann eine „Eigenmarke“, aber das muss man auch sehr gut beherrschen – das ist sehr wichtig. Für den sonntäglichen Gottesdienst stimmen sich Zelebrant und Organist immer ab, die letzte Entscheidung trifft stets der Zelebrant.“ Und Bibo bereitet sich auch nach sechzig Jahren Orgelpraxis vor, weil auch etwas gefordert werden könnte, was er nicht so oft spielt.

 St Valentinus in Kiedrich / hier : der spät-gotische Altarraum @   J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : der spät-gotische Altarraum @   J. Herrmann

Die im 15. Jahrhundert um zwei Emporen erweiterte Kirche bot mit ihrem doppelt so hohen Deckengewölbe genügend Platz für eine Orgel, und es entsprach den Usancen der Zeit, (neuerrichtete) Kirchen mit Orgeln auszustatten. Deshalb dürfen die Jahre zwischen 1500 und 1520 als wahrscheinliches Einbaudatum für die Orgel gelten – gleichwohl gibt es keine schriftlichen Dokumente, die diesen Vorgang bezeugen. Aber eine Besoldungsordnung für einen Organisten und einen Calcanten (Balgtreter) von 1533 belegt die Existenz einer Orgel in St. Valentinus. Der Anstellungsvertrag für den Organisten Antonius Maius (Anton May) vom 3. Juni 1595 darf als erste Festanstellung eines Organisten in der Kirche gewertet werden. Willibald Bibo zeigt sich davon ergriffen, in welcher Reihe er sich weiß, dass er an derselben Orgel spielt wie 500 Jahre zuvor schon Anton May vor ihm: „Mir liegt immer viel daran klarzumachen, was auch das besondere an dieser Orgel ist. Sie ist ein kostbares altes Stück, und jedes Museum würde uns darum beneiden, aber sie ist kein Museumsstück. Sie ist bei jeder gottesdienstlichen Feier im Einsatz. So bleibt sie immer ein ‚junges Ding’.“

Die Kiedricher Orgel verfügt über 21 Register auf zwei Manualen und Pedal, die beiden Manuale können durch eine Schiebekoppel verbunden werden. Wie bei vielen alten Orgeln gibt es die sogenannte „Kurze Oktave“ auf den Manualen. Dies bedeutet, dass in der „Großen Oktave“ die Töne Cis, Dis, Fis und Gis nicht vorhanden sind, da man sie in den Stimmungen der früheren Zeit nicht benötigte und deshalb die Belegung der Tastatur veränderte: Die Tasten C, Cis, D und Dis fehlen, auf der E-Taste erklingt C, auf Fis ist es D und auf Gis E. Im Pedal fehlt das große Cis, da man dieses ebenfalls früher nicht einsetzen konnte. Der besonderen Klang, den Bibo hervorhebt, geht auf die Stimmung der Orgel zurück. Ihre Tonhöhe steht einen Halbton über der heutigen Normalstimmung. Und was ihr einen ganz eigenen individuellen und spezifisch-schönen Klang verleiht, ist die „Mitteltönige Stimmung“.

Bis ins 17. Jahrhundert war es Usus, die Orgel mitteltönig zu stimmen. Das hat bezüglich der die Spielpraxis zur Folge, dass Kreuz-Tonarten nur bis A-Dur (E-dur) und B-Tonarten nur bis B-dur (Es-dur) spielbar sind, alles andere darüber hinaus wird als „verstimmt“ wahrgenommen. Kurzgefasst heißt das, C-dur erklingt ganz rein, doch je weiter man sich von dieser Tonart entfernt, erzeugt es „Verstimmungen“ klanglicher Art. Aber die positiven Seiten dieser Stimmung sind, dass die Tonarten mit wenig Vorzeichen besonders schön, edel und unverwechselbar klingen. Bibo: „Diese Besonderheiten in der Stimmung geben der Orgel einen ganz eigenen charakteristischen Klang. Sie kann von zart bis äußerst brillant klingen. Was bei ihr auffällt, ist, dass sie einen sehr farbigen bis brillanten Klang hat. Aber man kann den Klang nicht beschreiben, man muss ihn hören.“

Die prächtig bemalten Flügel der Orgel werden nur noch selten geschlossen, da dieses eines gewissen Aufwands bedarf. Für die Malereien zeichnet der aus Groß-Umstadt stammende August Franz Konrad Martin verantwortlich. Martin wurde 1837 geboren, studierte an den Kunstakademien von Frankfurt am Main und Darmstadt und wurde von Baronet Sutton beauftragt, die Flügel zu bemalen. Sie entsprechen der kirchlichen Ikonographie der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, und in dem Künstler Martin, dessen Ambition es war, die mittelalterliche Kunst neu zu beleben, fand Sutton den idealen Partner. Eine Untersuchung von 2006 ergab, das sich keine Reste ursprünglicher Darstellungen unter Martins Malereien finden lassen, die von Sutton eingeleitete Orgelrestaurierung fand zwischen 1858 und 1860, so dass dieser Zeitraum auch für Martins Ausführungen zugrunde gelegt werden kann.

 St Valentinus in Kiedrich / hier : Altgotische Kirchenfenster @ J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : Altgotische Kirchenfenster @ J. Herrmann

St. Valentinus – Kiedrich –  Die „kleine“ Orgel

Neben der großen Orgel gibt es im Chorraum ein Orgelpositiv. Es ist eine einmanualige Orgel ohne Pedal und wird zumeist als Begleitung des Chorgesangs in den Choralhochämtern eingesetzt. Auch diese Errungenschaft geht auf Sir John Sutton zurück: 1860 schenkte er dem damaligen Pfarrer, Peter Zimmermann,  diese Kleinorgel. Wann sie gebaut wurde – wahrscheinlich um 1680 – ist jedoch nicht belegt. Da bei der damaligen Restauration der Orgel der belgische Orgelbauer Louis-Benoit Hooghuys aus Brügge von Sutton engagierte wurde, spricht vieles für eine Herkunft der kleinen Orgel aus Flandern. Auch in Brügge beschäftigte Sutton den zuvor erwähnten Maler Martin (St. Vivenkapelle und Schloss Lopem). Doch Sutton starb 1873 in Brügge, so dass sich Martin nach neuen Auftraggebern umsehen musste und 1886 endgültig mit seiner Familie nach Kiedrich zurückkehrte. Die Gebeine des Baronets wurden über ein Jahrhundert später, im November 1974, nach Kiedrich überführt. Im Kirchhof befindet sich die Gruft von Sir John Sutton.

Auch nach Suttons Tod waren die Orgel und die wunderbaren Glocken in Gefahr. In beiden Weltkriegen wollte man sie einschmelzen, doch glücklicherweise erkannte man auch in Berlin welch unwiederbringlicher Wert verloren gehen würde. Aber so Bibo: „Die Orgel muss immer wieder in Stand gehalten werden.“ Diesmal war es die Schweizer  Orgelbau Kuhn AG in Männedorf, die eine Sanierung in den Jahren 1985-1987 durchführte und die Wartung bis heute vornimmt. Ihre Arbeit ist der Garant dafür, dass die Orgel spielbar bleibt und ihr langjähriger Organist immer wieder mit Begeisterung die Empore zu seinem Arbeitsplatz hochsteigen kann. Der Klang der Orgel kann – Willibald Bibo hat wirklich Recht – nur unzulänglich mit Worten erfasst werden, man muss sie selbst hören – das Kleinod in St. Valentinus. Noch unter dem Eindruck der Klangfülle und verzaubert von seinem Spiel, zitiert er zum Schluss einen auf Latein und Deutsch verfassten „Spruch“ aus dem alten – von Sutton geretteten – Choralcodex von 1714:

„Si cor non orat, vane vaga lingua sonorat.
Hinc si numen amas Rhingave! corde canas“
„Mein Rheingauer liebst du Gott, treib im Singen nicht dein Spott,
denn umbsonst wendst an die Stund, wann viel singt und Hertz an Mund.“

—| IOCO Portrait |—

Ulrike Theresia Wegele – Organistin von Weltruf – im Gespräch, IOCO Interview, 11.06.2020

Juni 11, 2020 by  
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Ulrike Theresia Wegele, berühmte Organistin in Wien @ Peters

Ulrike Theresia Wegele, berühmte Organistin in Wien @ Peters

Prof. Ulrike Theresia Wegele – Organistin von  Weltruf

Im Gespräch mit Dr. Albrecht Schneider, IOCO

Lebensweg: Geboren in Weingarten / Württemberg. Studium der katholischen Kirchenmusik an der Musikhochschule Stuttgart bei Prof. Dr. Ludger Lohmann. Aufbaustudium an der Musikuniversität Wien bei Prof. Michael Radulescu. Diplome (A-Examen für Kirchenmusik und Konzertfachdiplom mit Auszeichnung.  Verleihung des Titels ‚Magister artium‘. Live-Mitschnitte und Rundfunkproduktionen für viele europäische und internationale Rundfunk-anstalten, CD-Aufnahmen und Fernsehproduktionen. Regelmäßiger Gast bei vielen bedeutenden Orgelfestivals in ganz Europa, den USA und Mexiko.

1991-1999 Dozentin an der Musikhochschule in Graz, 1999 Berufung als Professorin für Orgel an die Universität für Musik nach Graz (Institut Oberschützen). Seit 1992 auch Professorin für Orgel am Joseph-Haydn-Konservatorium in Eisenstadt.

2000-2010 Musikbeirätin für das Burgenland und während seines Bestehens von 2004-2010 die Künstlerische Leiterin des Weinklang Musikfestivals. Für hervorragende pädagogische Arbeit mit Schülern und Studierenden wurde sie vom Landesschulrat ausgezeichnet. 2009 wurde ihr im Staatsinteresse die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Prominente Einladungen Zur internationalen Orgelwoche nach Granada / Spanien, den Haydnfestspielen in Eisenstadt, zum weltweit größten Organistenkongreß in Washington DC wo sie eines der renommierten Hauptkonzerte gab, an die Riverside Church und die St. Thomas Cathedral in New York City, zum Pablo Casals-Festival nach Prades / Frankreich, geben Beispiel für ihre internationale Karriere als Konzertorganistin.

Als gefragte Persönlichkeit hält sie weltweit Gast- und Meisterkurse u.a. an der berühmten Juilliard School of Music in NYC oder der Montclaire State University.

2019 erschien ihr dreibändiges Werk Orgelschule mit Hand und Fuß beim Wiener Musikverlag Doblinger. Im Sommer 2020 wurde ihr dafür der Theodor-Kery-Preis der Burgenlandstiftung verliehen.

Ihr breites Orgelrepertoire umfasst Werke vorbachscher Meister, das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach, der Klassik, Romantik bis hin zu Musik des 21. Jahrhunderts.

Professorin Magistra Artium Ulrike Theresia Wegele zählt zu den führenden OrganistInnen  unserer Zeit

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Organistin Ulrike Theresia Wegele spielt Johann Ludwig Krebs, Wir glauben all an einen Gott
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 Prof. Ulrike Theresia Wegele – im Interview mit Dr. Albrecht Schneider

Albrecht Schneider (AS): Frau Prof. Wegele, die Coronapandemie trifft jeden von uns in der Jetztzeit des Jahres 2020.  Kultur und  Künstler sind von der Pandemie oft überaus hart getroffen. Wie sehr haben Sie die letzten Monate in Ihrer Lehrtätigkeit  und  Ihrer solistischen Tätigkeit eingeschränkt?

Ulrike Theresia Wegele (UTW):  Nun ja, von einem Tag auf den anderen hat sich nicht nur mein Terminkalender bis in den Herbst hinein komplett entleert, es hat mein Leben auf den Kopf gestellt.

Ich hätte im April am Shanghai Conservatory einen Vortrag zu zeitgemäßem Orgelunterricht halten sollen und ein Konzert spielen sollen. Im Juli hätte in den USA der größte Orgelkongreß der Welt abgehalten werden sollen, auch da wäre ich mit einem Vortrag und einem lecture recital vertreten gewesen. Zig andere Veranstaltungen wurden abgesagt…

Im Unterrichtsbetrieb hieß es rasch kreativ zu sein. Die Vorlesungen habe ich adaptiert und für die Studierenden online zur Verfügung gestellt, das war nicht sehr schwer. ‚Unterricht‘ mache ich seit Mitte März 2020 mit Videos. Die Studierenden nehmen sich selbst auf und ich kommentiere das ausführlich per Sprachnachricht oder Email. Meist sende ich dann auch noch eigene Aufnahmen mit um manches besser begreiflich zu machen. Das ersetzt den Präsenzunterricht nicht, hält aber alle bei der Stange und es sind dennoch Fortschritte zu verzeichnen.

Ich sende jede Woche ‚die Orgel der Woche‘ aus, besonders schöne historische Instrumente und spezifisch abgestimmte Improvisationsübungen und interessante Aufsätze über ausgewählte Themen. Die Resonanz der Studierenden ist sehr gut und ich denke wir haben das Beste aus der Situation gemacht.

AS:   Welche  familiäre wie musikalische Bedingungen und Anregungen haben Sie just zur Orgel als Ihrem Instrument geführt?

UTW:  Ich komme nicht aus einer Musikerfamilie, aber ein Klavier war bei uns zuhause. Meine Eltern legten Wert darauf, dass sowohl meine drei älteren Geschwister als auch ich, wenigstens für ein paar Jahre Klavier Unterricht erhalten. Als jüngstes der Kinder habe ich bereits mit fünf Jahren Unterricht erhalten. Als ich mit 6 Jahren zum ersten Mal die berühmte Orgel von Joseph Gabler in der Basilika St. Martin in meiner Heimatstadt Weingarten gehört habe, habe ich mich in dieses Instrument verliebt. Von da an war es mein größter Wunsch dieses Instrument zu erlernen.

Organistin Prof. Ulrike Theresia Wegel @ www.lukasbeck.com

Organistin Prof. Ulrike Theresia Wegel @ www.lukasbeck.com

AS:  Anhand der auf  ihrer Webseite nachzulesenden  Programmzettel: Steht im Zentrum Ihrer Arbeit der Kanon der Orgelliteratur vom Frühbarock, Sweelinck-Prätorius bis zur Spätromantik (Reger)?

UTW: Nein das ist nicht ganz richtig. Mein Repertoire umfasst die gesamte Orgelliteratur insbesondere auch die Orgelmusik des 20igsten und 21igsten Jahrhunderts. Ihr diesbezüglicher Verweis zu meiner Webseite ist korrekt; allerdings werden die Programme der Website demnächst aktualisiert..

AS: Hat die große französische Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, wie César Franck – Charles Widor, Bedeutung für Sie? Gehört sie zum Ihrem Repertoire ?

UTW:  César Franck ja, von ihm habe ich fast alles gespielt. Die drei Choräle und das grande piéce symphonique spiele ich regelmäßig. Widor und Boellmann habe ich als Teenager gespielt, das interessiert mich heute nicht mehr. Ich habe für mich in den letzten Jahrzehnten die deutsche Orgelromantik entdeckt. Neben Brahms, Mendelssohn und Schumann die wunderbaren Sonaten von Ritter, Dienel oder Bartmuss.

AS:  Gibt es Sie interessierende zeitgenössische Werke für Orgel?  Welche und inwieweit?  Von Wolfgang Rihm gibt es ein Stück; hat er es speziell für Sie geschrieben?  Interessiert sich die Moderne überhaupt für Ihr Instrument?

UTW:  Oh ja! Das Stück Bann, Nachtschwärmerei von Wolfgang Rihm habe ich oft in Konzerten gespielt, es ist aber nicht mir gewidmet.

Hingegen zahlreiche österreichische, italienische, ungarische und US-amerikanische KomponistInnen haben eigens Stücke für mich geschrieben. Es gibt sehr viel zeitgenössische Literatur für die Orgel und vieles davon ist sehr ansprechend und interessant.

AS:   Nach wie vor sind überwiegend Männer auf den Orgelbänken zu finden. Warum ist das so?

UTW: Ich denke, das ist im geschichtlichen Kontext zu sehen. In früheren Jahrhunderten hatten nur Männer die Möglichkeit dieser Ausbildung. Erst im 19. Jahrhundert war das Orgelspiel auch für Frauen möglich. Ich sehe aber jetzt vermehrt viele junge Frauen die Orgel studieren.

AS:   Haben Sie eine große Schüler/innenzahl und wie steht es um deren Chancen?  Sind es vorwiegend künftige Kirchenmusiker/Innen?

UTW: Ich habe aktuell 11 Studierende, 5 junge Männer und  !!! 6 junge Frauen. Ich unterrichte Konzertfach Orgel und Instrumentalpädagogik Orgel.

In Österreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland nur ganz wenige hauptamtliche KirchenmusikerInnenstellen. Kirchenmusik ist in Österreich nicht wirklich eine Option. Meine Absolventen arbeiten meist in einem Mix aus Unterricht an Musikschulen, Privatlehre, Konzertieren oder Ensemblemitglieder.

Organistin Ulrike Theresia Wegele – Orgelschule mit Hand und Fuß Band 3
youtube Video Ulrike Wegele-Kefer
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AS:   Wie haben Sie jetzt diese Coronazeit Verbracht? Ihre umfangreichen Bücher  Orgelschule mit Hand und Fuss , link HIER! wurden bereits 2019 publiziert !

UTW: Meine Bücher,  „Orgelschule mit Hand und Fuß“  ist mit allen drei  Bänden bereits 2019 beim Wiener Musikverlag Doblinger (link HIER!) erschienen. Die Bücherreihe ist abgeschlossen und in sich komplett.

Aber – es wird zu jedem Band der Orgelschule ein eigener ergänzender Literaturband erscheinen. Band 1 ,Lass die Pfeifen tanzen‘ war vor Corona schon fertig und wird im Juli erscheinen. Band 2 ‚Zieh alle Register‘ und Band 3 ‚Pro Organo pleno‘ habe ich jetzt – schneller als gedacht – fertig gestellt.

Aber auch noch andere Dinge, die findet man in ca zwei Monaten auf meiner Homepage

www.wegele.at

Der ‚Unterricht‘ über Videos nimmt meist mehr Zeit in Anspruch als Präsenzunterricht. Ich arbeite meist sieben Tage die Woche. Aber da ich wirklich mit Leib und Seele Pädagogin bin stört mich das nicht.

AS:   Freuen Sie sich auf die Zeiten nach Corona, wenn Sie wieder uneingeschränkt lehren und auftreten können?

UTW: Um ehrlich zu sein verunsichert mich diese Situation sehr. Wir wissen viel zu wenig über diesen Virus.

Meinen Sommerkurs an der Universität werde ich unter sehr strengen Sicherheitsmaßnahmen abhalten. Vermutlich wird das dann auch so ab dem Wintersemester sein. Zur Normalität werden wir noch lange nicht zurückkehren können.

Bislang habe ich nur meine Teilnahme an einem großen deutschen Organistenkongreß im Herbst 2021 zugesagt, da könnte ich zur Not auch mit dem Auto anreisen. Anfragen aus anderen Ländern Europas, Asien oder den USA habe ich bis auf Weiteres vertagt. Ich kann mir unter den derzeitigen Bedingungen keine längere Flugreise vorstellen.

Ich weiß, dass dies viele KollegInnen lockerer sehen, aber für mich ist das noch lange nicht ausgestanden.

AS:  Für dies ausführliche und für die IOCO Community aufschlussreiche Interview, Frau Professorin Wegele,  dürfen wir uns bedanken. Für Ihre Arbeit als Solistin wie Lehrerin wünschen wir Ihnen auch weiterhin allen Erfolg wie viel Zuspruch.

—| IOCO Portrait |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Messiaen, Mozart, Beethoven, IOCO Kritik, 30.01.2019

Januar 29, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Messiaen, Mozart, Beethoven

Paavo Järvi mit dem Tohalle Orchester – Beginn einer neuen Ära

von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester hat derzeit keinen Chefdirigenten. Nach der langen Ära David Zinman (1995-2014) und einer eher glücklosen Zeit konnte Paavo Järvi gewonnen werden, der in der Saison 2019/2020 sein Amt antreten wird. In der laufenden Spielzeit ist er schon mehrmals zu Gast, und natürlich werden seine Konzerte mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und vom Publikum zahlreich besucht. Der Abend des 16. Januar 2019 wird als musikalisches Feuerwerk und als Verheißung einer neuen Ära in Erinnerung bleiben.

 Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Tonhalle Orchester Zürich / Paavo Järvi © Brescia e Amisano

Das Programm bestand aus Frühwerken: früher Messiaen, früher Mozart, wieder früher Messiaen und schließlich früher Beethoven. Zunächst Messiaen, Les offrandes oubliées. Dieses Werk von 1930 (Olivier Messiaen war 21 Jahre alt) wurde vom Komponisten mit einem Begleittext versehen. Der tiefen katholischen Spiritualität Messiaens verpflichtet, thematisiert er die Trauer um vergessene Opfergaben religiöser Natur (so zum ersten und letzten Abschnitt unter anderem: „Vous nous aimez, doux Jésus, nous l’avions oublié“).

Unterteilt ist das Werk in drei Teile, wobei der Mittelteil auf heftige Klangballungen setzt, die von eher zarten Klanggemälden gerahmt werden. Der Mischklang wurde auch durch die Sitzordnung transparent gehalten (Celli links, zweite Violinen rechts). Das Schlagwerk wurde vom Dirigenten zu bemerkenswert harten (und sehr präzise ausgeführten) Schlägen animiert. Der starke Nachhall des Ausweichquartiers, in dem das Orchester spielt, wurde zu einem gestalterischen Moment, indem die nach den großen Fortissimi komponierten Pausen gehalten wurden, bis sich der Klang ganz verflüchtigt hatte. Der dritte Teil bewegt sich in Richtung einer ätherischen Klangmeditation. Henryk Górecki, der in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner (bereits 1976 abgeschlossenen) dritten Symphonie einen regelrechten Hit landete, könnte hier Inspiration gefunden haben. Immer höher werden die Töne, immer langsamer geht die Veränderung vonstatten. Ein Stück, das wohl außerhalb des Konzertsaales kaum diese Wirkung entfalten können wird. Das Publikum blieb nach dem Verdämmern der letzten Takte lange still.

Nach den von lauten Ausbrüchen umrahmten Breitwandpianissimi Messiaens hatten es die ersten Takte von Mozarts Violinkonzert Nr. 5 KV 219 in A-Dur nicht ganz einfach. Janine Jansen bot eine sehr engagierte Interpretation dar. Mozarts Witz, aber auch die zwischendurch aufscheinende Verletzlichkeit wurden so erfahrbar, ganz besonders in der Kadenz am Ende des ersten Satzes – und auch wenn Mozarts Adagiosätze später noch mehr Melancholie, ja Trauer transportieren sollten. Im ersten Satz fielen die Mittelstimmen auf, denen mehr Körper zuteilwurde als in anderen Interpretationen. Ständiger Blickkontakt mit Dirigent und Orchester (teilweise auch mit den hinten sitzenden Instrumentengruppen) führten zu einem gelungenen Zusammenspiel, insbesondere mit dem in diesem Konzert privilegiert mit der Violine im Dialog stehenden Horn.

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Vom zweiten Satz (Adagio) zum dritten Satz ließ der Dirigent das Horn trotz der eigentlich notierten Achtelpause gewissermaßen hinüberbinden, so dass die obligate Hustenpause zwischen den Sätzen geschickt überblendet wurde. Paavo Järvi beließ es ebenso wie die Solistin nicht bei gefälligem Wohlklang: Der fast schon wilde Mittelteil des Rondeaus (in Form und Anlage der Marche turque aus Mozarts elfter Klaviersonate KV 331 nicht unähnlich mit einem Wechsel des Taktes und von A-Dur zu a-Moll) wurde zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Kontrabässe mit ihren Bögen absichtlich auf die Saiten schlugen. Dieses sonst meist störende Klappergeräusch wurde hier gezielt eingesetzt, und so bekam dieser frühe Mozart ein starkes rhythmisches Fundament. Durch häufige Wechsel der Dynamik gewann dieses bekannte und oft gespielte Konzert markante Konturen. Der Schluss des Konzertes geriet fast verspielt, sehr leise.

Janine Jansen blieb nach ihrem Part noch als Zuhörerin und konnte so im Publikum erleben, wie der Gesamteindruck nach der Pause noch einmal überzeugender wurde. Olivier Messiaens Werk Le tombeau resplendissant weist abermals eine Dreiteilung auf (diesmal mit einem eher lauten Teil am Anfang, einem zurückhaltenderen Mittelteil und einer Art Reprise). Das titelgebende glänzende Grabmal ist wohl als Messiaens Jugend zu verstehen, jedenfalls ist das die von Messiaen selbst vorgegebene Auffassung („ma jeunesse est morte: c’est moi qui l’ai tuée“). Die Komposition von 1931 (Messiaen war inzwischen 22 Jahre alt) steht sehr hörbar in der Tradition der symphonischen Dichtung, speziell der französischen Vorläufer Camille Saint-Saëns und César Franck. Es wurde zwischen 1933 und 1984 nicht gespielt und erst in den neunziger Jahren auf CD aufgenommen. Insgesamt sind sowohl Komposition als auch die Umsetzung an diesem Abend sehr viel diesseitiger geraten als bei Les offrandes oubliées vor der Pause. Paavo Järvi entschied sich jetzt dafür, bereits in den noch ausklingenden Nachhall hinein wieder einsetzen zu lassen, doch blieb die Dosierung der Klangmassen überzeugend und wurde nie schwer erträglich. Nach dem letzten Takt abermals lange Stille im wohl ausverkauften Saal, und dies mitten in der Erkältungszeit und nach einem eher unbekannten Werk – Konzentration, die für sich spricht.

Als letztes Werk wurde Beethovens erste Symphonie in C-Dur opus 21 von 1800 gespielt. Gerade mit den Symphonien Beethovens, die als Gesamteinspielung auf CD veröffentlicht wurden, hat der frühere Chefdirigent David Zinman das Tonhalle Orchester international bekannt gemacht, so dass bei Orchester und Publikum gewiss eine besonders hohe Erwartungshaltung herrschte. Zinmans rasche Tempi, die akzentuierten Rhythmen und eine oft sehr präsente Pauke wirkten damals wie ein Weckruf. Das Orchester saß jetzt in großer Besetzung auf dem Podium, Paavo Järvis Interpretation war von Zinmans Ansatz nicht weit entfernt: zügige Tempi, klare Strukturierung, alerter Wechsel zwischen den Stimmen.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Der Beginn, fast noch wie bei Haydn, ließ schnell ahnen, wie Beethoven neue Ideen in Musik setzte und wie revolutionär dies auf das damalige Publikum gewirkt haben muss. Das heutige Publikum konnte erleben, dass die Wiederholung der Exposition auf einmal neue Mittelstimmen zutage förderte, dass Fagotte aufmüpfig und auftrumpfend klingen können. Paavo Järvi dirigierte auswendig und federnd. Bezeichnend für diesen aufbrausenden Beethoven, für den Dirigenten, aber auch für die Stimmung an diesem Abend zwischen dem Orchester und seinem künftigen Leiter war die Einleitung zum Finalsatz: Die ersten Violinen tasten sich schrittweise nach oben, finden aber zunächst nicht zu einem Thema. Järvi dirigierte diese Stelle humorvoll nur mit unterschiedlich weit hochgezogenen Schultern, zwischendurch noch mit einem gespielt-ratlosen Seitenblick ins Publikum. Das Finalthema, das der Großvater des Rezensenten stets erleichtert und nur halblaut mit „zu Ende, jetzt ist es gleich zu Ende“ begleitete, fegte dann buchstäblich durch die Instrumentengruppen.

Selten wird es nach der Aufführung einer frühen Beethoven-Symphonie in der letzten Zeit solche Begeisterungsstürme gegeben haben wie an diesem Abend. Das Publikum hat den künftigen Chef jetzt schon in sein Herz geschlossen. Bezeichnend auch dies: Beim ersten Applaus signalisierten die Streicher ihre Zustimmung mit lebhafter Bewegung der Bögen. Beim zweiten Applaus blieben die Musiker entgegen der Aufforderung sitzen und trampelten einhellig zu Ehren ihres baldigen Leiters.

Eine neue Ära kündigt sich an – sie könnte golden werden.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Dortmund, Konzerthaus Dortmund, »Junge Wilde« – Vilde Frang, 01.10.2014

August 27, 2014 by  
Filed under Konzerthaus Dortmund, Pressemeldung

 

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund

»Junge Wilde« – Vilde Frang

Mi 01.10.2014 19.00

Vilde Frang (Violine)
Kirill Troussov (Violine)
Maxim Rysanov (Viola)
Guy Ben-Ziony (Viola)
László Fenyo (Violoncello)
Eduard Kunz (Klavier)

Maurice Ravel: Klaviertrio a-moll
Johannes Brahms: Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111
César Franck: Quintett für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello f-moll

Einführung mit Ulrich Schardt um 18.15 Uhr im Komponistenfoyer
Nach dem Konzert »meet the artist!«

Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND
Sponsor: RWE

—| Pressemeldung Konzerthaus Dortmund |—

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