BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO Serie, Teil 2, 05.12.2020

Dezember 5, 2020 by  
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 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen

Teil 1:  Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER

von Peter M. Peters

Teil 2:  Freier Lauf für die Fantasie … 

Dies ist es, was wir unseren Kleinkindern von Generation zu Generation zum Lesen geben: Grausame Geschichten mit heimtückischer Sexualität, die ein widersprüchliches Bild des Ehepaares vermitteln und den Vater als grausamen blutbefleckten Henker mit einem großen Hirschfänger bewaffnet zeigen. Und wir sind danach erstaunt, dass sie fürchterliche Albträume haben. Aber es ist zweifellos besser sie durch eine Allegorie an die Frustrationen des Lebens heranzuführen als sie in der dunklen Unwissenheit zu lassen. Rosenwasser hat noch nie jemandem geholfen erwachsen zu werden. Am Ende lernt man sowieso alles von selbst und für die meisten von uns werden wir im Schlaf nicht mehr von einem Menschenfresser verfolgt. Darüber hinaus ist die Bibel, wie wir schon gesehen haben, nicht unbedingt eine gesunde Lektüre.

Ob es uns gefällt oder nicht, Blaubart (die aktuellen Ausgaben haben den weiblichen Artikel aufgegeben) ist seit drei Jahrhunderten das berühmteste Märchen von Perrault: gerade weil es uns viel tiefer bewegt. Peau-d’Âne ist nur ein Name, Cendrillon ein Zeichentrickfilm, Le Chat botté ein Wachtraum. Nur Blaubart verfolgt unsere Träume. Sogar so sehr, dass die Autoren von Opernlibrettos Angst davor hatten. Die Geschichte war zu explizit und konnte nicht so gezeigt werden wie sie ist! Zu blutrünstig! Zu sadistisch!

Pina Bausch : Barbe-Bleue – geschaffen 1977
youtube Trailer crireunmouvement
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In einigen italienischen Variationen isst der Held sogar die Leichen. Es ist daher nicht verboten zu denken, dass unser Henker von unserer Maumariée versucht, an seiner Frau eine Abtreibung zu vollziehen. Ein Komponist würde Schwierigkeiten haben diese Dinge zu vertonen. So wie auch die unausgesprochene Geschichte sich nicht für eine Inszenierung eignet, indem man Ungezeigtes zeigen müsste. Lassen wir unserer Fantasie freien Lauf, denn nur sie spielte uns einen verwegenen Streich.

Bleiben wir bei der Hervorrufung der bewundernswerten Formulierung von Perrault, bei „Anne, ma sœur Anne“, „beim grünen Gras und der pudrigen Sonne“. Die Tür zu den schrecklichen Geheimnissen wurde schnell wieder geschlossen. Das Blut auf dem Schlüssel ist nur ein Rostfleck. Wir wissen, wenn der Hirschfänger sich anhebt zum Stoß, nichts tödliches wird geschehen. Denn genau in diesem Moment kommen im geschwinden Galopp die beiden Brüder der armen Frau angeritten, der eine ist Musketier und der andere Offizier bei den Dragonern. Sie beide retten sie in größter Not und die schreckliche Spannung ist vorbei. Gleich wie in dem Refrain am Schluss der Oper Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verkündet wird: „Das alles in den besten aller möglichen Welten in Ordnung gebracht wurde, dass die Bösen bestraft wurden und die Unschuldigen beschützt.“ Nachdem Perrault die schlimmsten Fantasien hervorgerufen hat, schreibt er jedoch, dass die Frau nach dem Tode ihres gefährlichen Ehegatten die gesamten Reichtümer erbt. Und so verheiratet sie sich mit einem „sehr ehrlichen Mann“. Komm schon, das Leben ist nicht so schlecht! Auch die Ehe nicht, wenn man sie überlebt!

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Das Licht der Freiheit leuchtet auch in der Dunkelheit
Ariane und der Fall Dreyfus:Eine politisch-historische Interpretation- 

Es mag überraschend erscheinen, das Stück von Maurice Maeterlinck (1862-1949) im Zusammenhang mit der berühmten Dreyfus-Affäre zu sehen. Einige Kommentatoren glaubten jedoch, sie könnten eine Parallele zwischen den beiden ziehen. Dies ist insbesondere bei Adolphe Boschot (1871-1955) in seinem Buch Chez les musiciens (1922) der Fall, der 1921 nach einer Neuaufführung von Ariane et Barbe-Bleue (1907) von Paul Dukas (1865-1935) mit dem Libretto von Maeterlinck an der Opéra Comique Paris folgendes schreibt: „Die Eigenschaft eines Symbols, mehrere Ideen vorzuschlagen, die sich je nach Zuschauer unterscheiden. Hier kann man durch Vergleiche und ohne Zweifel mit einem Anschein von Vernunft an die Dreyfus-Affäre und an andere politische Ideen denken. Auf der einen Seite gibt es bei Ariane Licht und  „die Lichter“; auf der anderen Seite gibt es Dunkelheit und Obskurantismus. Die Frauen von Blaubart leben ohne Aufruhr als Gefangene in einer Burgzitadelle, in Kerkern mit Mauern umgeben aus überströmenden blitzenden Edelsteinen. Sie gehören daher zu der besitzenden konservativen Partei, die gutes edles Fortschrittsdenken verachtet und sind gewöhnt an finstere Vorurteile. Sie mögen einen gutaussehenden Soldaten. Blaubart, lustvoll und engstirnig, wie es sich für einen richtigen Mann gehört, der einen Säbel trägt. Blaubart verführt alle seine Frauen mit seiner vorteilhaften Dummheit. Er ist ein eitler Geck in Uniform.  Auf der anderen Seite versucht Ariane, Göttin der Intellektuellen, mit lichtvoller Vernunft und Gelassenheit die Wahrheit in Bewegung zu setzten. Vergeblich versucht sie die passiven Frauen zur Freiheit zu bringen. Für einen Moment führt Ariane die Menschen, die von Natur aus leichtgläubig und großzügig sind, zur Revolte. Zum Elend verurteilt, unterdrückt von der Zitadelle des Blaubart und von der Partei der Besitzer und Genießer; möchte das Volk auch an der Autorität und dem Reichtum mit den Besitzenden teilhaben. Doch die obrigkeitsdenkenden Soldaten und die törischen Frauen sind in keiner Weise eine Hilfe für sie. Ariane benutzt diesen neidvollen Instinkt des Volkes, obwohl im Grunde ein Vernunftmensch, verachtet sie jedoch keinerlei demagogische Mittel um ihr Ziel zu erreichen. Die Trägheitskraft, die aus der Vergangenheit hervorgeht, triumphiert über die Vernunft selbst. Ariane enttäuscht, besiegt, lässt die Menschheit in der Dunkelheit ihrer Leidenschaften und alten Vorurteile gefangen. Sie selbst leuchtend steigt zum Licht, der idealen Heimat der Intelligenz auf.“

All das vermischt mit der symbolischen Fabel, einige Anspielungen auf die Kämpfe und die politischen Ideen vor 1900, d.h. dem Jahre der Entstehung von Ariane. Nichts hindert uns anzunehmen, dass die Ereignisse der Zeit zu dieser symbolischen Fabel geführt haben. Es gibt auch nichts, was durch eine Art Rückkehrbewegung der Fabel entgegengesetzt ist und die an einen Geisteszustand der Zeit der ersten Ariane-Aufführung denken lässt.

Zu diesem Thema müssen wir auch das spätere Zeugnis von Georges Pioch (1873-1953) zitieren. Letzterer erzählt in La Page musicale vom 3.Dezember 1937 folgendes: „Ich habe von Paul Dukas ein ehemaliges Propos behalten, das ich nicht verfälsche, indem ich es darauf reduziere: « Ariane et Barbe-bleue zu aktualisieren ist die Dreyfuss-Affäre! » Als er mir das erzählte, Dukas ein leidenschaftlicher „Dreyfusard“ war gerade fertig mit dem komponieren seines bewegenden, erhabenen und nachdenklichen Werk; das in Musik und Theater den Namen seines Heros verewigte. Und das war kein Witz! Ariane, war entschlossen, die fünf Frauen zu befreien. Die Blaubart mit Gewalt geheiratet hat und sie an einem finsteren Ort gefangen hält. Wie man auf hugoischer Weise sagen könnte, der ewige Kampf von Licht und Dunkelheit, von Intelligenz und Instinkt, von Unwissenheit und Freiheit. Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts wird sie aufhalten“, schrieb Emile Zola (1840-1902) 1898. Ariane ist die Wahrheit, die immer auf dem Vormarsch ist und die nichts aufhalten wird. Sie wird allein weiter gehen und anderen die ersehnte Befreiung erkämpfen. Auch Niederlagen wird sie großzügig hinnehmen!“

„Wohin geht sie? Dort drüben wo sie auf mich warten!“ Wo immer Menschen die Wahrheit ersehnen und das Licht der Freiheit suchen. Auch dehnen die es ablehnen werden, zeigt sie den Weg zur Erlösung. Dies war in der Tat der Geist der Dreyfus-Affäre und wir können sagen, dass ihre glorreiche Niederlage anhält.

Anmerkung: Alfred Dreyfus (1859-1935) war ein französischer Offizier von jüdischer Konfession. Er wurde von einem Militärgericht fälschlicher Weise wegen Hochverrats verurteilt. Eine der großen politischen Affären von internationalen Ausmaßen am Anfang der III. Republik, die geschürt wurde von den antisemitischen Kreisen.

Der Schlüssel des Geheimnis

Gut dreißig Komponisten haben ihr Glück versucht mit der Fabel von Perrault. Blaubart hat dadurch alle Arten von Adaptionen erfahren, sogar Karikaturen. Von Grétry bis Bartók, Sind hier die neuen Abenteuer eines Standesherrn mit solch einem schwarzen Bart?

Durch einfaches Einsehen in spezielle Diktionäre können wir mehr als dreißig Werke über Blaubart entdecken und dass von der spanischen Zarzuela Barba Azul (1855) von Gerónimo Giménenez y Bellido (1854-1923) bis Blue-beard or the Hazard of the Dye (1883) von Sir Francis Cowley Burnand (1836-1917). Desgleichen das musikalische Vaudeville Le Sire de Barbe-Bleue (1864) von Marquet (?-?) und Auguste L’Éveillé (1828-1882) bis zu allen Arten von Pantomimen, Opern, Komischen Opern und Operetten. Allein im 19. Jahrhundert hat Charles Beaumont Wicks (1777-1845) bereits etwa zwanzig Werke über Blaubart gefunden. Seltsamerweise, wird eine Frau in der Titelrolle der Pantomime von Francis Thomé (1850-1909) Barbe-Bleuette (1890) genannt.

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Der Grund dafür liegt in der Natur der ursprünglichen literarischen Erzählung und den Grauzonen die sie suggeriert. Die Handlung als Ganzes, die Charaktere einzeln und bis zu den Orten, an denen die Verbrechen (oder die mutmaßlichen Verbrechen!) stattfanden, scheint alles in der Geschichte von Perrault beabsichtigt – oder unbeabsichtigt zu sein? – Er will Verwirrung stiften! Das Märchen hinterlässt viel Eindruck auf unsere Vorstellungskraft. Selbst eine schnelle Lektüre lässt eine Tür für viele andere Mutmaßungen offen. Mehr als z.B. Cendrillon oder Le Petit Poucet ist es möglich in dieser Fabel eine Identifikation oder zumindest ein Echo auf unsere eigenen Albträume zu finden. Es ist dieser Teil des Mysteriums, diese immer erneute Hochzeit von Liebe und Tod, diese Mischung unseres Helden aus Dunkelheit und Licht, die unsere Aufmerksamkeit erweckt. Ab hier kann sich jeder nach seinen eigenen Wünschen orientieren: zu Marquis Alphonse François de Sade (1740-1814) oder sogar zu La Bibliothèque Rose (eine französische Serie berühmter Kinderbücher). Vielleicht auch sogar mit Spott auf so viel gedämpfte Gewalt reagieren! Der gemeinsame populäre und vulgäre Geschmack des Théâtre du Grand Guignol reicht nicht aus, um die Anwesenheit von Blaubart in diesen billigen Komödien zu erklären. Finden wir nicht in jeder Periode den dunklen Spiegel unserer heimlichen Illusionen, die Enttäuschungen die auf der Grundlage der gesamten Gesellschaft: Die Ehe?     PMP-20/11/20-2/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie

Teil 3 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters folgt am 11.12.2020  –   TITEL:     Der Schlüssel des Geheimnis

—| IOCO Buchbesprechung |—

Ulm, Theater Ulm, PREMIERE Cendrillon – Aschenputtel, 19.12.2019

November 25, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Ulm

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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

PREMIERENEINLADUNG

Cendrillon (Aschenputtel)

Premiere am Donnerstag, 19. Dezember 2019 um 20 Uhr im Großen Haus

der verlorene gläserne Schuh – dieses Bild ist untrennbar mit Aschenputtel verbunden. Schönheit und Liebe, der Rausch eines Ballabends, der Traum Prinzessin zu sein: der Schuh ist Symbol und Wendepunkt im Leben der Märchenheldin. Erzählt wurde die Geschichte des traumhaften Schicksalswandels von Aschenputtel nicht nur von den Brüdern Grimm. Auf der ganzen Welt existiert Aschenputtel, teils in brutal nuancierten Erzählungen. Nicht vor Grausamkeit, dafür vor Zauberei und Poesie sprüht Jules Massenets Märchenoper »Cendrillon«. Christian von Götz inszeniert sie in Ulm.

Das Libretto von Henri Cain zu Jules Massenets Komposition basiert auf dem Cendrillon-Märchen von Charles Perrault, »Aschenputtel oder Das gläserne Pantöffelchen«, das seinen Fokus auf faszinierende Magie und eine tapfere Aschenputtel-Figur legt. 1899 wurde Massenets romantisches Werk in Paris uraufgeführt. Er komponierte in hohem Maße sinnliches Musiktheater, kreierte »Cendrillon« virtuos mit verschiedenen Kompositionsstilen, beispielsweise aus dem Barock. Es entsteht rauschendes, farbenprächtiges Musiktheater – nicht ohne Grund gehört die Oper »in Frankreich zur Vorweihnachtszeit wie Elsässer Gebäck und das ›Reveillon‹, eine opulente Schlemmerei im Familienkreis« (Deutschlandfunk Kultur).

Neben Christian von Götz als Regisseur – das Ulmer Publikum hat seine Inszenierung von »My Fair Lady« in der vergangenen Spielzeit zur Inszenierung des Jahres gewählt – und dem Dirigat des musikalischen Leiters Michael Weiger sorgen das Bühnenbild von Petra Mollérus und die Kostüme von Lukas Noll für eine gefühlsstarke und klangsatte Oper, deren Libretto viel Wert auf eine spannende psychologische Zeichnung ihrer Figuren legt. Unter anderem ist I Chiao Shih als Cendrillon zu erleben, Christianne Bélanger als Madame de la Haltière, Luke Sinclair als Prince Charmant und Maryna Zubko als La Fée. Der Opern- und Extrachor ist ebenfalls beteiligt. Es spielt das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm.

Premiere am Donnerstag, 19. Dezember 2019 um 20 Uhr im Großen Haus

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Berlin, Komische Oper Berlin, Eine Erfolgsgeschichte – Auslastung über 90%, IOCO Aktuell, 29.06.2019

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

 2018/19  –  Auslastung 90%  – Eine Erfolgsgeschichte

 Hoher Zuspruch – Aber erst seit Barrie Kosky

Gespräche über die Auslastung ihrer hoch subventionierten Häuser meiden zahlreiche Kulturverantwortliche in Deutschland sorgsam. Das Postulat – „Kunst kennt keine Kosten“ – schwebt so in unbestimmten Tönen klammheimlich über vielen Theatern. Dominique Meyer, Intendant der Wiener Staatsoper, auch hierzu eine Ausnahme, bespricht die hohe Auslastung seines Hauses (99%) in allen Facetten regelmäßig, offensiv, öffentlich. Niedrige Auslastungen anderer bedeutender deutscher Musiktheater, wie der Staatsoper Hamburg oder Rheinoper Düsseldorf / Duisburg  werden öffentlich nur marginal thematisiert.

Komische Oper Berlin / Barrie Kosky und Susanne Moser © IOCO

Komische Oper Berlin / Barrie Kosky und Susanne Moser © IOCO

Die Komische Oper Berlin entwickelte sich seit 2012, dem Beginn der Intendanz von Barrie Kosky kontinuierlich positiv. Die Auslastung  des Hauses waberte unter der Intendanz des Kosky-Vorgängers Andreas Homoki bis 2012 bei beständig niedrigen wie teuren 65-70%.  Mit Barrie Kosky, seit 2012, bricht die Komische Oper Berlin mit modern auffälligen Produktionen und Angeboten seither beständig ihre Besucherrekorde nach oben: 2018/19 beträgt die Auslastung über 90%. Mit dieser Auslastung / diesem Besucherzuspruch zählt die Komische Oper Berlin inzwischen zu den führenden Musiktheatern Deutschlands. Dazu werden Produktionen der Komischen Oper Berlin / Barrie Kosky wie Die Zauberflöte inzwischen regelmäßig an andere Theater „exportiert“.

Die Zauberflöte – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Komische Oper Berlin
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Hier die Veröffentlichung der Komischen Oper Berlin für die vergangene Spielzeit 2018/19:     Mit Vorstellungen der Barrie Kosky-Produktionen La Bohème und Candide (siehe Trailer unten)  im Rahmen des traditionellen Komische Oper Festivals endete die Saison im Opernhaus an der Behrenstraße. In der siebten Saison unter Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky präsentierte sich das Haus vielfältig und künstlerisch in hervorragender Form: Akzente setzten unter anderem markante Neuproduktionen, wie Poros in der Inszenierung von Altmeister Harry Kupfer, die Uraufführung von Moritz Eggerts M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Roxy und ihr Wunderteam mit den Geschwistern Pfister sowie die Barrie-Kosky-Produktionen Candide und La Bohème, ein Bernstein 100-Festival und eine erfolgreiche Neuauflage des Tango-Festivals sowie vielfältiges Repertoire von Die Perlen der Cleopatra über West Side Story und Cendrillon bis hin zu Der Rosenkavalier unter dem neuen Generalmusikdirektor Ainars Rubikis. Konzerte, ein breit gefächertes Angebot für junge Opernbesucher*innen und neue Ausgaben der Pop-Up-Opera im Rahmen von Selam Opera! runden die Saison ab. Erfolgreiche Gastspiele führten das Ensemble unter anderem mit Die Zauberflöte nach Australien und Neuseeland. Im Sommer 2019 folgen Gastspiele nach New York (Die Zauberflöte) sowie zum Edinburgh International Festival (Jewgeni Onegin).

Candide – Leonard Bernstein
youtube Trailer Komische Oper Berlin
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Die Komische Oper Berlin freut sich auch bei den Zahlen über eine erfolgreiche Bilanz 2018/19. Die Gesamtauslastung lag bei knapp über 90%, es wurden rund 225.000 Karten für 239 Vorstellungen, davon 211 auf der Hauptbühne, verkauft. Damit erreicht die Auslastung einen neuen Höchstwert unter Barrie Koskys Intendanz. Zu den beim Publikum beliebtesten Produktionen der Spielzeit zählen mit überdurchschnittlichen Auslastungen unter anderem die Neuproduktionen Poros, Der Zauberer von Oz, La Bohème und Candide sowie im Repertoire West Side Story, Die Zauberflöte, Anatevka, My Fair Lady, Die Perlen der Cleopatra sowie Die Liebe zu drei Orangen. Die im Rahmen des Tango-Festivals präsentierte Piazzolla-Rarität Ein Sommernachtstraum erreichte ebenso wie die konzertante Weihnachtsoperette Viktoria und ihr Husar eine Komplett-Auslastung von 100%.

Am 22. August eröffnet die Spielzeit 2019/20 mit den Wiederaufnahmen von Candide, Roxy und ihr Wunderteam und Jewgeni Onegin. Am 1. September 2019 lädt das Haus zum jährlichen Kinderfest zum Spielzeitauftakt ein, dieses Jahr unter dem Motto Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, der neuen Kinderopernproduktion, die am 4. November Premiere feiert. Platzkarten für die Konzerte im Saal sind ab sofort an der Opernkasse erhältlich. Am 15. September steht mit dem ersten Teil der Konzert-Trilogie Flucht ein erstes Highlight auf dem Spielplan. Saisoneröffnungs-Premiere ist am 13. Oktober Heinz Werner Henzes The Bassarids, inszeniert von Barrie Kosky und mit Vladimir Jurowski am Pult.

—| IOCO Aktuell Komische Oper Berlin |—

Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

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