Amsterdam, Het Concertgebouw, Rotterdamer Philharmoniker – Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2020

Het Concertgebouw in Amsterdam © Hans Roggen

Het Concertgebouw in Amsterdam © Hans Roggen

Het Concertgebouw

Dmtri Schostakowitsch – Gioacchino Rossini

Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 1, Es-Dur, op.107, Sinfonie Nr. 15, A-Dur, op. 141 –   Gioacchino Rossini:  Wilhelm Tell

von  Thomas Birkhahn

Warum kombinieren Konzertveranstalter Gioaccinos Rossinis Wilhelm Tell Ouvertüre mit zwei Werken von Dmtri Schostakowitsch?

Die Frage ist relativ leicht zu beantworten: Schostakowitsch zitiert in seiner 15. Symphonie das berühmte Thema aus der Wilhelm Tell Ouvertüre. Viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, warum er das macht. Mehr dazu später.

Rotterdamer Philharmoniker – Gautier Capucon – Violoncello

Das Konzert beginnt also mit Rossinis bekanntester Ouvertüre, dessen erwähntes Hauptthema wohl zu den populärsten Melodien der klassischen Musik überhaupt zählt. Weit weniger bekannt ist das wunderbare Celloquintett, mit dem die Ouvertüre beginnt. Die Cellisten der Rotterdamer Philharmoniker spielen diese getragene und ernste Musik mit vollem Ton und großer romantischer Geste. Auch die später einsetzenden Bläser zeigen in klangschön vorgetragenen Soli ihre Musikalität und technische Meisterschaft. Aber auch der Streicherapparat beweist im berühmten Hauptthema und den rasenden Läufen seine Klasse. Dirigent Valery Gergiev zeichnet die Dramatik dieses Klassik-Hits gut nach. Auch wenn die Ouvertüre keine besondere musikalische Tiefe vermittelt, macht es einfach Spaß, solche Musik zu hören!

Rotterdamer Philharmoniker und Valery Gergiev
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Im darauf folgenden ersten Cellokonzert von Schostakowitsch macht Solist Gautier Capucon von den ersten 4 Tönen des solistisch vorgetragenen Hauptthemas an klar, worum es ihm in diesem Werk geht bzw. nicht geht: Für Capucon ist dies kein launiges Bravourstück, durch das man in rasendem Tempo seine technische Meisterschaft zeigen kann. Die Tempovorgabe „Allegretto“ setzt er konsequent um. Sein Ton hat eine Härte, die eine grimmige Grundstimmung erzeugt. Dies ist kein Wohlfühlklang, der sich selbst im großen Klagegesang des zweiten Satzes nicht in einen romantisch singenden Ton verwandelt. Wie ein Blick in eine andere Welt ist die Passage, in der der Solist das Thema des zweiten Satzes mit künstlichen Flageoletts im Zusammenspiel mit der Celesta vorträgt. Die gläserne Leichtigkeit dieser Passage hat man selten mit solcher Zartheit gehört. Auch im introvertierten Beginn der Kadenz findet der Hörer bei Capucon keinen Trost. Er bleibt mit bewundernswerter Konsequenz bei seiner Linie, die Härte dieser Musik zu betonen, so dass es dann auch im Schlusssatz keine Überraschung mehr ist, dass die rasenden Läufe und schwierigen Doppelgriffe von Capucon nicht zum Zeigen seiner technischen Brillanz – die er zweifellos besitzt – genutzt werden.

Bei Gautier Capucon scheint die Musik nach der Rückkehr des viertönigen Hauptthemas des ersten Satzes beinahe vor sich selbst davon zu laufen. Der Hörer ist fast erleichtert, als das Konzert vorbei ist, und die Anspannung weichen kann. Capucons Interpretation ist wohl durchdacht, mit absoluter Konsequenz durchgehalten und ohne darauf aus zu sein, beim Zuhörer Wohlgefühl zu erzeugen. Wir meinen, auch in diesem Werk Schostakowitschs Leiden an den persönlichen und politischen Verhältnissen in der Sowjetunion zu hören. Beim Orchester ist zu allererst der Hornist hervorzuheben, der von Schostakowitsch gerade im ersten Satz beinahe wie ein zweiter Solist behandelt wird. Auch er vermeidet Schönklang, vielmehr schmettern seine Solopassagen mit aggressiver Geste heraus. Das Orchester insgesamt ist dagegen zu oft kein gleichwertiger Partner für den Solisten. Man vermisst gerade im zweiten Satz etwas mehr bohrende Intensität, etwas mehr Tiefgang. So großartig das erste Cellokonzert auch ist, in diesem Konzert hätte das weniger populäre weil deutlich introvertiertere zweite Cellokonzert besser gepasst, denn die nach der Pause gegebene 15. Sinfonie zitiert auch aus dem 2. Cellokonzert. Hier ist der Konzertveranstalter dem Publikumsgeschmack gefolgt, anstatt ein inhaltlich stimmiges Programm zu erstellen.

Het Concertgebouw / der Grosse Saal © Hans Roggen

Het Concertgebouw / der Grosse Saal © Hans Roggen

Die 15. Sinfonie von Schostakowitsch gibt dem Hörer Rätsel auf, die sich wahrscheinlich nie lösen lassen. Sie beginnt mit einem einzelnen Glockenspielschlag, gefolgt von einer kindlich-heiteren Flötenmelodie. Ist das ernst gemeint? Klingt so das symphonische Vermächtnis eines der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts? Es wird noch rätselhafter: wie schon erwähnt, intonieren die Blechbläser das berühmte Thema aus Rossinis „Wilhelm Tell“. Und es bleibt nicht dabei! Freunde des musikalischen Zitats kommen in dieser Sinfonie voll auf ihre Kosten. Schotakowitsch zitiert das Schicksalsmotiv aus Wagners Ring, der Beginn des Tristan zieht kurz vorüber, es gibt Zwölftonreihen, das B-A-C-H-Motiv erklingt und wir hören Anklänge an seine 4. und 7. Sinfonie sowie an das 2. Cellokonzert. Was soll das alles? Ein Scherz? Ist Schostakowitsch nach über 35 Jahren stalinistischer Tyrannei nach Scherzen zumute? Eine Spurensuche ist wenig ergiebig. Vom Komponisten ist nur die Aussage überliefert, dass er die Zitate „nicht nicht hätte einfügen können.“ Außerdem bezeichnete er den ersten Satz als „tanzende Puppen in einem Spielwarenladen.“ Also doch echte Heiterkeit?  Dirigent Kurt Sanderling, lange Jahre ein enger Freund Schostakowitschs, war vom Gegenteil überzeugt. Es seien leblose Puppen, Marionetten einer Diktatur, die hier einen Totentanz tanzen.

Das Rätsel der Zitate kann keine Aufführung beantworten, auch nicht, wenn der Dirigent Valery Gergiev heißt, der Schostakowitsch noch persönlich gekannt hat und seit Jahrzehnten dessen Musik regelmäßig aufführt. Aber wie geht Gergiev den „Spielzeugladen“ an? Auch für ihn ist dies keine heitere Musik, sondern sie hat etwas Bedrohliches. Die Leichtigkeit des Beginns ist trügerisch, die Musik hat bei Gergiev eine Schwere, die schon den Trauermarsch des zweiten Satzes vorwegnimmt. In diesem Trauermarsch gelingt es Gergiev dann aber nur bedingt, eine musikalische Tiefe zu erzeugen. Die Musik bleibt etwas vordergründig. Es fehlt ihr sowohl an Ruhe als auch an innerer Spannung. Auch sind manche Bläsereinsätze wie schon im ersten Satz nicht ganz präzise. Die detaillierten dynamischen Vorgaben des Komponisten werden nicht genau genug umgesetzt.

Die Musik dieser letzten Sinfonie Schostakowitschs besteht aus vielen kleinen Gesten, die oftmals auf engstem Raum nebeneinander stehen. Hier hätte man sich mehr Kontraste gewünscht, sie klangen zu einheitlich. Eine Klage ist etwas anderes als ein Seufzer, und ein Lachen etwas anderes als ein Meckern. Diese Verschiedenartigkeit, die den Reiz dieser Musik ausmacht, kam in dieser Aufführung zu kurz. Manche Passagen gelangen wiederum sehr überzeugend, wie das Tristan-Thema des letzten Satzes, in dem die Streicher eine wunderbare Ruhe vermittelten. Trotzdem bleibt als Gesamteindruck eine gewisse Oberflächlichkeit. Ob das an geringer Probenzeit lag, oder daran, dass Gergiev seine Sicht auf das Stück nicht vermitteln konnte, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls konnte das Orchester seine zweifellos vorhandene Qualität in dieser Aufführung nur bedingt zeigen. Es wurde eine Chance vergeben, die vielen Qualitäten dieser selten gespielten Sinfonie einem größeren Publikum – der Concertgebouw war fast ausverkauft – näher zu bringen.

—| IOCO Kritik Het Concertgebouw |—

Gera, Theater Altenburg Gera, Cellokonzert im Fokus, 22.,23.,24.01.2020

Dezember 4, 2019 by  
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Theater Altenburg Gera

Theater Altenburg Gera / Marie-Elisabeth Hecker © Harald Hoffmann

Theater Altenburg Gera / Marie-Elisabeth Hecker © Harald Hoffmann

Cellokonzert im Fokus

Das Philharmonische Orchester Altenburg Gera gibt sein 5. Philharmonisches Konzert der Saison am Mittwoch, 22. und Donnerstag, 23. Januar 2020 jeweils 19.30 Uhr im Konzertsaal des Geraer Theaters sowie am Freitag, 24. Januar 2020 um 19.30 Uhr in der Brüderkirche Altenburg. Am Pult steht diesmal Ektoras Tartanis, der sich mit dem Dirigat als Bewerber um die Stelle des GMD präsentiert. Derzeit ist er 1. Kapellmeister am Theater Freiburg.

Im Fokus des Programms steht das Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129 von Robert Schumann. Die aus Schumanns Heimatstadt Zwickau stammende Cellistin Marie-Elisabeth Hecker wird dabei als Solistin auftreten. Sie gewann 2005 den renommierten Rostropowitsch-Wettbewerb in Paris; heute ist sie als Konzertsolistin und Kammermusikerin international gefragt.

Zu Beginn des Konzertes erklingt Hans Pfitzners Scherzo für Orchester c-Moll. Die Leidenschaft des Komponisten galt der Fortführung der spätromantischen Musik. Im zweiten Konzertteil ist dann die 3. Sinfonie b-Moll von Albéric Magnard zu hören. Diese Sinfonie spiegelt wunderbar Magnards typischen Stil im Spannungsfeld zwischen dem Erbe der Romantiker, den harmonischen Raffinessen moderner Tendenzen und dem Hang zur klanglichen Größe Mahlers und Bruckners wider.

Jeweils 18.45 Uhr gibt Dramaturgin Birgit Spörl eine Einführung.

Infos und Karten in den Theaterkassen, telefonisch unter 0365 8279105 (Gera) bzw. 03447 585160 (Altenburg), online unter www.theater-altenburg-gera.de sowie an allen eventim-Vorverkaufsstellen.

—| Pressemeldung Theater Altenburg Gera |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Spielbetrieb wieder aufgenommen – nach Wasserschaden, IOCO Aktuell, 29.11.2019

Dezember 2, 2019 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Wasserschaden:  Spielbetrieb  ab 29.11. wieder „live“

Nachdem am 25.11.2019 durch eine Fehlauslösung der Sprinkleranlage Teile der Bühne (IOCO Bericht hierzu hier) und des Orchestergrabens im Opernhaus Düsseldorf durch austretendes Löschwasser beschädigt wurden, kann der Spielbetrieb bereits am Freitag, 29. November, wieder aufgenommen werden. Dem technischen Personal der Deutschen Oper am Rhein ist es mit Unterstützung von umgehend eingesetzten Spezialfirmen gelungen, in kurzer Zeit die zentralen bühnentechnischen Voraussetzungen für den Vorstellungsbetrieb wiederherzustellen.  Verbleibende Schäden werden im Lauf der nächsten Wochen behoben. Die Schadenshöhe wird noch ermittelt – zunächst hatte die Wiederherstellung des Probe- und Spielbetriebs Priorität.

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden © Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Wasserschaden an der Rheinoper  Düsseldorf © Deutsche Oper am Rhein

Generalintendant Prof. Christoph Meyer:Wir haben alles daran gesetzt, so schnell wie möglich wieder für unser Publikum da zu sein. Mein großer Dank gilt dem hochengagierten Einsatz unseres technischen Teams, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der städtischen Kulturbauabteilung und sämtlichen externen Fachleuten. Dass sie  es geschafft haben, die Bühnentechnik in so kurzer Zeit für den Vorstellungsbetrieb wiederherzustellen, ist eine herausragende Leistung und grenzt schon fast an ein Wunder. Wir freuen uns sehr, unsere drei Wochenendvorstellungen spielen zu können.“

Im Opernhaus Düsseldorf ist am Freitag, 29.11.2019 sowie am Samstag, 30.11. das neue Ballettprogramm b.41 mit der Uraufführung Cellokonzert von Martin Schläpfer zu erleben, das erst am vergangenen Samstag seine gefeierte Premiere hatte. Am Sonntag, 01.12. wird zum letzten Mal in dieser Spielzeit Saint-Saëns große Chor-Oper Samson et Dalila gezeigt.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, b.41 – Ballettpremiere, 23.11.2019

November 15, 2019 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballettpremiere b.41  – Neue Schläpfer Choreographie

Seine letzte Kreation, Cellokonzert, für das Ballett am Rhein präsentiert Martin Schläpfer im Programm b.41, das am Samstag, 23. November 2019 Premiere im Opernhaus Düsseldorf hat. Cellokonzert ist eine Choreographie für alle 44 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll. Außerdem widmet sich das Ballett am Rhein mit Lamentation und Steps in the Street erstmals der großen amerikanischen Tanzrevolutionärin Martha Graham. Eröffnet wird das abwechslungsreiche Tanzprogramm mit Jirí Kyliáns „Forgotten Land“. Die musikalische Leitung der Düsseldorfer Symphoniker hat GMD Axel Kober alternierend mit Kapellmeister Wen-Pin Chien, solistisch sind am Cello Nikolaus Trieb und am Klavier Eduardo Boechat zu erleben.

Deutsche Oper am Rhein / Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer © Gert Weigelt

Deutsche Oper am Rhein /
Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer © Gert Weigelt

Die Ballett-Saison steht im Zeichen des Abschieds von Martin Schläpfer, der die Compagnie vor zehn Jahren als Ballett am Rhein neu formierte und an die Spitze der international anerkannten Tanzensembles führte. Im Programm b.41 stellt er seine letzte Uraufführung für sie vor: „Cellokonzert“ zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll.

Den Auftakt macht Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“, das er 1981 für das Stuttgarter Ballett zu Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ kreierte. Inspiriert von der Einsamkeit der rauen Ostküste Englands erzählt Kyliáns Ballett in starken Bildern von Verlusten und Vergessen.

Mit „Lamentation“ und „Steps in the Street“ zeigt das Ballett am Rhein erstmals Werke von Martha Graham. Die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin revolutionierte mit ihrer eigenen, vom Körperzentrum und den Prinzipien „contraction“ und „release“ ausgehenden Tanztechnik seit den späten 1920er Jahren die Ästhetik des Bühnentanzes. Ihr Solo „Lamentation“ ist ein eindringliches Stück über die Einsamkeit des Menschen. „Steps in the Street“, von den weltgeschichtlichen Ereignissen der 1930er Jahre geprägt, gilt als eine bis heute zeitlose Warnung vor Faschismus, Verfolgung und Krieg.

Schon am Donnerstag, 14.11., um 18.00 Uhr ermöglicht die Ballettwerkstatt mit Gesprächen und Probenausschnitten bei freiem Eintritt im Opernhaus Düsseldorf erste Einblicke in das Ballettprogramm b.41.

Tickets von 21,00 bis 106,00 Euro im Opernshop Düsseldorf, an der Theaterkasse Duisburg,  telefonisch und online unter www.ballettamrhein.de

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—