Verona, Arena di Verona 2019, 97. Opernfestival – Tosca, 10.08. – 06.09.2019

Juni 4, 2019 by  
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Arena di Verona

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

97. Opernfestival Arena die Verona – 21.6. – 7.9.2019

Tosca – Giacomo Puccini 10.8. – 6.9.2019

Das 97. Opernfestival in der Arena di Verona beginnt am 21. Juni 2019 mit La Traviata von Giuseppe Verdi, eine neue Inszenierung des legendären Franco Zeffirelli,*1923. Die Festspiele dauern bis 7. September 2019. An 51 Abenden werden in der „Tradition der Arena“ klassische Opern für das spektakuläre römische Amphitheater inszeniert. Große Stars der Opernbühne geben hier gerne ihr Stelldichein. Über 600.000 Besucher werden das 97. Opernfestival 2019 in der Arena di Verona erneut zum größten Opernereignis der Welt  machen. Fünf Opern stehen 2019 auf dem Spielplan:  La Traviata, Aida, Il Trovatore, Carmen, Tosca. 

Nabucco  2000  – Va pensiero
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Geschichtliches: Seit 1913, dem 100. Geburtsjahr von Giuseppe Verdi, populärster aller Opernkomponisten und sensibler Menschenfreund, finden in der antiken Arena di Verona die über zwei Monate dauernden Opernfestspiele statt. Stimm- und Lebensfreude sind die besonderen Merkmale dieses Opernfestivals. Verona feiert dies Festival im humanen Geiste Giuseppe Verdis, „lebendig, mitten im Volk“

Tosca –  Inszenierung aus 2006 – Regie Hugo de Ana

Tosca wurde am 14. Januar 1900 in Rom im Costanzi Theater unter musikalischen Leitung von Leopoldo Mugnone uraufgeführt. Eine nervöse Stimmung herrschte an jenem Abend: Es war die Rede von einer Bombe, die im Theater explodieren könne, und als kurz nach Beginn der Aufführung merkwürdige Laute zu vernehmen waren, unterbrach Mugnone die Aufführung, stieg fluchtartig vom Dirigentenpult und ordnete an, den Vorhang fallen zu lassen. Es handelte sich jedoch nur um lautes von verspätet eingetroffenen Besuchern verursachtes Stimmengewirr. Der Vorhang hob sich erneut und alles ging, wie geplant, seinen Gang.

Tosca – Giacomo Puccini 2017
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Heute ist Tosca immer noch weltweit eine der beliebtesten Opern. Trotz der inzwischen aufgekommenen Begeisterung des Publikums standen die Musikkritiker der Oper von Anfang an eher skeptisch gegenüber; sie kritisierten sie jahrelang wie kein anderes von Puccini geschaffenes Werk.

Siebtes Werk auf dem Spielplan an 5 Abenden ab 10. August 2019 ist Giacomo Puccinis Tosca in der Inszenierung aus dem Jahr 2006 von Hugo de Ana, der auch die Regie, das Bühnenbild, die Kostüme und das Lightening Design zeichnet.

Hugo de Ana hat die Inszenierung der Tosca für die riesigen  Räume und Flächen der Arena eigens für die Opernsaison 2006 gestaltet; sie erweckt jedes Mal große Verwunderung und Erstaunen sowie endlosen Beifall beim Publikum der Arena. Zur Inszenierung einer «Oper mit Personen», so hat sich der Regisseur geäußert, hat sich de Ana für eine theatralische, filmhafte Gestaltung entschieden, die die Psychologie der Personen vermittelt und deren dramatische Absichten tiefgreifend wahrgenommen werden können.

Arena di Verona / Festspiele 2018 hier Nabucco © Ennevi

Arena di Verona / Festspiele 2018 hier Nabucco © Ennevi

Musikalische Leitung Daniel Oren, Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht Hugo de Ana, Knabenchor A.LI.VE. unter der Leitung von Paolo Facincani, Chordirektor Vito Lombardi
Leiter Bühneausstattung Michele Olcese, Orchester, Chor und Techniker der Arena di Verona

Besetzung : Tosca  –  Saioa Hernández (10, 16/8 – 6/9), Hui He (23, 29/8), Cavaradossi  – Yusif Eyvazov (10, 16, 23/8), Murat Karahan (29/8 – 6/9), Scarpia  – Ambrogio Maestri (10, 16, 23, 29/8),  Claudio Sgura (6/9), Angelotti  – Krzysztof Brczyk (10, 16, 23/8), Romano Dal Zovo (29/8 – 6/9), Ein Mesner – Biagio Pizzuti, Spoletta – Roberto Covatta (10, 16, 23/8), Francesco Pittari (29/8 – 6/9), Sciarrone –  Nicolò Ceriani, Ein Schließer, Stefano Rinaldi Miliani, Ein Hirtenknabe – Enrico Ommassini (10, 16, 23/8), Vittoria Pozzani (29/8 – 6/9)

—| Pressemeldung Fondazione Arena di Verona |—

Paris, Opéra Bastille, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 04.06.2019

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Opera National de Paris 

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

TOSCA   –  Giacomo Puccini

Suggestive, atmosphärisch-dichte Bildwelten – historisch verortet

von Uschi Reifenberg

In diesem Jahr  gibt es für die Opéra National de Paris gleich zwei bedeutende Ereignisse zu feiern. Zum einen begeht Frankreich heuer das Jubiläum „350 Jahre Pariser Oper“ unter dem Leitsatz „Modern seit 1669“, zum anderen feiert die Opéra Bastille 2019 ihren 30. Geburtstag.

Opéra Bastille – gelegen auf dem symbolträchtigen  Place de la Bastille

Die Bastille Oper wurde 1983 vom damaligen Staatspräsidenten François Mitterand als moderner Gegenentwurf zum Palais Garnier konzipiert, jenem neobarocken Prachtbau, der seit 1875 den Parisern für Opern- und Ballettaufführungen diente und zu einem der repräsentativsten und prunkvollsten Theaterbauten Europas zählt. Heute finden in der Opéra Garnier in erster Linie  Ballettaufführungen des hauseigenen Ensembles statt.

Die Opéra Bastille, als demokratisches, anti-elitäres Theater geplant, steht auf einem der symbolträchtigsten Plätze von Paris, dem „Place de la Bastille“, in dessen Mitte die Siegessäule von 1830 prangt, von welchem 1789 mit dem „Sturm auf die Bastille“, dem damaligen Pariser Staatsgefängnis, die Französische Revolution ihren Anfang nahm. Eröffnet wurde der futuristisch anmutende Riesenbau 1989, am Vorabend des 200. Jahrestages der Französischen Revolution.

Die Opéra Bastille – Ihre Entstehung 
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Das Opernhaus fasst vier verschiedene Säle, der große Saal bietet 2703 Zuschauern Platz. Mit neun beweglichen Bühnen, beweglichem Orchestergraben, einem Amphitheater, integrierten Werkstätten, Büros und Proberäumen ist die Bastille Oper eines der überragendsten französischen Großprojekte der letzten Jahrzehnte. Die Technik wird nach neuesten Standards weiterentwickelt, zählt heute zu den aufwendigsten weltweit.

Umso beziehungsreicher und spannender gestaltet sich eine Aufführung von Giacomo Puccinis Oper Tosca im historischen und entstehungsgeschichtlichen Kontext an der französischen Opéra National de Bastille.

Das populäre Werk des italienischen Opernkomponisten Puccinis basiert auf dem Schauspiel La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, der 1831 in Paris geboren wurde, dort mit seinen Bühnenwerken Berühmtheit erlangte und im Jahr 1908 hochgeachtet starb. Die Hauptrolle in Sardous Drama übernahm eine der damals gefeiertsten Schauspielerinnen des 19. Jahrhunderts, Sarah Bernhardt, die in der Rolle der eifersüchtig, aber aufrichtig liebenden Primadonna alle Facetten Ihrer Schauspielkunst ausschöpfen konnte.

Puccini erlebte anfangs der 1890er Jahre eine Aufführung von Sardous Drama in Mailand, und obwohl er die französische Sprache nicht verstand, war er von den schauspielerischen Möglichkeiten sowie vom theatralischen Potenzial des Stoffes so beeindruckt, dass er sich entschloss, das Drama als Vorlage für eine Oper zu verwenden. Er kaufte Sardou die Bearbeitungsrechte ab und seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica verfassten  zusammen mit Sardou das Libretto.

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Die Premiere fand 1900 in Rom statt, in welcher das Stück im Jahre 1800 auch angesiedelt ist. Der Stoff des Werkes weist eine große Nähe zum sogenannten „Verismo“ auf, jener italienischen Stilrichtung in der Literatur, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, vom französischen Naturalismus beeinflusst war und aktuelle sowie soziale Probleme der Gegenwart ungeschönt und ohne Idealisierung darstellte wollte. Es sollte ein Abbild des „wahren“ Lebens gezeigt werden, mit Milieuschilderungen, politisch-revolutionären Sujets, die eine Abwendung vom Historismus der Oper des 19. Jahrhunderts bedeuteten, ebenso vom Symbolismus und vor allem von den mythisch- germanischen Stoffen Richard Wagners.

Sardou verortet Tosca ganz konkret am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, in einer Zeit großer  politischer Unruhen; die Schauplätze sind eindeutig festgelegt. Die Einheit von von Zeit, Raum und Handlung ist gegeben.

Die Folgen der Französischen Revolution sind überall deutlich zu spüren, in Europa brechen Kämpfe aus, es ist der Beginn einer neuen Zeit, der Napoleonischen Ära. Das Postulat von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gerät  wenig später zum Leitmotiv für die neue Geisteshaltung. Eugène Delacroix‘ berühmtes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 ist  im benachbarten Pariser Louvre zu bewundern.

Besuchte Vorstellung – 25. Mai 2019  –  Opéra Bastille, Paris

Auch in Paris gut 230 Jahre später erlebt Frankreich wieder politische Aufstände in Gestalt der Gelbwesten, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit und niedrigere Steuern auf die Straßen begeben.Jeden Samstag formieren sich Aufständische und liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, so auch am 25.05.19 vor der Opéra Bastille. Als deutsche Opernbesucherin, die das „Schauspiel“ aus der sicheren Entfernung durch die Fenster der Oper verfolgt, am Abend vor der Europawahl, verstärkt diese Erfahrung die symbolische Bedeutung des Schauplatzes und weitet zusätzlich den Blickwinkel für unsere gemeinsame europäische Verbundenheit und Verantwortung.

Im Rom um 1800 stehen Royalisten den freiheitlich gesinnten Republikanern gegenüber, die in der  Folge gejagt und hingerichtet wurden. Am 14. Juni trafen im norditalienischen Marengo die französischen Truppen Napoleons auf die Österreichischen Machthaber, welche zunächst den Sieg der Royalisten über die Franzosen verkünden und ihren Triumph feiern. Das ist die Ausgangslage, in welcher nun die Handlung der Tosca einsetzt.

Diese Oper ist ein Kraftwerk der Gefühle. Ein Stück über eine Dreieckstragödie, die Geschichte einer starken Frau, eine Liebesbeziehung, die in die Fänge von Macht, Politik und Kirche gerät, ein Künstlerdrama im Überwachungsstaat, zwischen Liebe, Eifersucht, Verrat, Machtgier und Loyalität.

Und ein packender Opernthriller, der fast alles an gesetzeswidrigen Tatbeständen aufweist, was das heutige krimigeschulte Publikum erwartet: Erpressung, sexuelle Nötigung, Folter, Widerstand gegen die Staatsgewalt, versuchte Gefangenenbefreiung, falsche uneidliche Aussage, falsche Verdächtigung, Bestechlichkeit, Körperverletzung im Amt, Bestechung, Verfolgung Unschuldiger, Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat, Mord, Selbstmord…

Tosca –  Giacomo Puccini
youtube Trailer Opéra National de Paris
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Piere Audi, der Regisseur, bleibt in seiner Lesart nah am Text, besticht mit einer ausgefeilten Personenführung und überwältigt mit suggestiven, atmosphärisch-dichten Bildwelten, die den Zuschauer sogartig in die Szene hineinziehen. Der Bühnenbildner Christof Hetzer hat drei beeindruckende opulente Bilder geschaffen, die auf die historischen Verortungen präzise, aber variabel Bezug nehmen.

Der 1. Akt in der Kirche Sant’ Andrea della Valle in der römischen Innenstadt wird von einem riesigen Holzkreuz beherrscht, das als Kirchenraum und gleichzeitig als erhöhter Zugangsweg mit Treppe zur Kirche dient und in den ersten beiden Akten als Dreh- und Angelpunkt präsent ist. Noch vor Einsetzen des wuchtigen Scarpia Motivs, ist für Gruseleffekt gesorgt. Die Bühne ist völlig dunkel, (Lichtregie: Jean Kalman), aus Nacht und Nebel schälen sich die Umrisse einer schwarzen Gestalt, die Häscher sind omnipräsent, der Überwachungsstaat im Einsatz.

Der Künstler Cavaradossi, ein junger, Charmeur, malt im von Kerzen erhellten Altarraum an der Unterseite des Holzkreuzes an einem Panoramabild mit tanzenden blonden Nymphen und schwärmt von seiner Geliebten Floria Tosca. Mit der Fluchthilfe des aus dem Gefängnis entflohenen Häftlings Angelotti hat sich der Republikaner Cavaradossi den Fängen des Polizeichefs Scarpia ausgeliefert. Im folgenden Duett mit seiner Geliebten, der berühmten Sängerin Tosca, die ihre Eifersucht nur schwer kontrollieren kann, blitzt dennoch die Möglichkeit der Erfüllung ihrer beider Liebesglücks auf, spürt man für einen Moment die unendliche Leichtigkeit des Seins. Aber es ist zu spät.

Opéra Bastille © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille © Uschi Reifenberg

Scarpia, der römische Polizeichef, die Inkarnation des Bösen, ein Nachfolger Jagos, ist eine janusköpfige Gestalt mit graumelierter Mähne und Gehstock, mit dem er bedrohlich hantiert. Er verfügt über alle Abgründe menschlicher Niedertracht und schreckt vor nichts zurück. Als Zyniker und Tyrann kann er seine Lüsternheit hinter einer aalglatten Fassade verbergen und sublimiert sie in falscher Bigotterie. Zum „Tedeum“ finden sich Gläubige, Kleriker, und der Kardinal in der Kirche ein, das Holzkreuz dient nun zur Trennung der verschiedenen Ebenen. Unten steht das Volk, erhöht der Klerus und im grellen Neonlicht in der Mitte erscheint der Kardinal. Ehrfürchtig verneigt sich Scarpia vor der kirchlichen Macht. Ein starkes Bild!

Der 2. Akt zeigt Scarpias „Büro“, ein prunkvolles Zimmer im Palazzo Farnese, mit halbrunden roten Wänden, das in der Höhe nur die Hälfte der Bühne einnimmt, darüber thront das Holzkreuz aus dem 1.Akt, das nun senkrecht zur Bühne angebracht ist. Im Zimmer der gedeckte Tisch, mehrere Chaiselongues, brennende Kerzen, religiöse Requisiten. Tosca, die bejubelte Sängerin, erscheint in strahlender Schönheit. im golddurchwirkten langen Kleid (Kostüme: Robby Duiveman), mit Diadem und schwarzem Haarkranz. Sie erinnert in ihrem Auftritt an eine weltberühmte Rollen- Vorläuferin. Hier spielt sich nun die Tragödie von Tosca, Cavaradossi und Scarpia ab, wird durch die politischen und individuellen Implikationen das Schicksal der drei Protagonisten unabänderlich besiegelt. Scarpia lässt Cavaradossi foltern, um den Aufenthaltsort von Angelotti zu erpressen, dieser bleibt jedoch standhaft. Tosca, die Musikerin, die nur für die Kunst und die Schönheit lebte, und dies in einem ergreifenden Bekenntnis offenbart, wird zum Opfer des eiskalt und zynisch handelnden Tyrannen. Die Verkündigung von Napoleons Sieg verleiht Cavaradossi neue Kräfte und er triumphiert über die Royalisten. Um an sein Ziel zu gelangen, bietet Scarpia Tosca einen Deal an: Sex gegen Cavaradossis Leben, sie willigt ein. Als Scarpia Tosca umarmen will, ersticht sie ihn mit einem Messer.

Im 3. Akt weicht Pierre Audi vom vorgegebenen Schauplatz der Engelsburg ab und verlegt das dortige Gefängnis auf ein ehemaliges Schlachtfeld. Dieses symbolstarke Bild wird beherrscht von vereinzelten toten Baumstümpfen und Sumpfgrasbüscheln, welche die Trostlosigkeit der Szene spiegeln. Schwach dämmert der graue Tag herauf, ein kleines beleuchtetes Zelt dient dem todgeweihten Cavaradossi als letzte Zuflucht und ist Blickfang. Das Holzkreuz beschließt nun in Deckenhöhe die einsame Szene. Soldaten lagern auf dem Feld, formieren sich zum Exekutionskommando, unterbrochen von Cavaradossis letztem verzweifeltem Aufbäumen gegen das grausame Schicksal, das seiner Liebeshoffnung und seinem Leben nun ein Ende setzt. Da stürmt wie ein deus ex machina Tosca auf die Szene und gemeinsam geben sich die Liebenden noch einmal der trügerischen Hoffnung einer gemeinsamen Zukunft hin, bis die grausame Realität mit Cavaradossis realer Hinrichtung der Liebesutopie ein jähes Ende setzt. Es fällt ein schwarzer Schleier, man sieht Tosca auf ein Tor aus gleißendem Licht zuschreiten.

Wenn man es nicht geahnt hatte, dann weiß man es spätestens nach dieser Aufführung. Anja Harteros ist vielleicht DIE Tosca unserer Zeit. Ihre Stimme ist prädestiniert für Puccinis große Heroine und vereint alle Eigenschaften, die für eine kongeniale Rollenausdeutung ideal sind. Ihr voller, warmer Sopran leuchtet in allen Lagen, sie variiert ihre Stimme von äußerster Zartheit bis in dramatische Spitzenbereiche und schattiert jeden Affekt mit verblüffendem Nuancenreichtum. Ihr untrüglicher Sinn für Puccinis‘ Melos lässt ihr „Vissi d‘arte“ zu einem Höhepunkt der Aufführung werden und reißt das Pariser Opernpublikum zu Beifallsstürmen hin. In ihrem Spiel akzentuiert sie die aufrichtig Liebende mit Sensibilität und Verletzlichkeit, anrührend gerät ihre Traumatisierung nach dem Mord an Scarpia.

Tosca –  Giacomo Puccini
youtube Trailer – Opéra National de Paris –  Premiere 2018
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Marcelo Puente als Cavaradossi avanciert ebenfalls zum Publikumsliebling an diesem Abend. Ein feuriger, jugendlicher Liebhaber, der mühelos jede tenorale Klippe umschifft und mit einem beeindruckenden Rollenportrait überzeugt. Sein warmer lyrischer Tenor besitzt Strahlkraft, Innigkeit und viel Schmelz, er weiß perfekt zu phrasieren, ohne stilistisch abzugleiten und bewegte tief mit seiner letzten Arie „E lucevan le stelle“.

Zeljko Lucic punktet als Fiesling Scarpia mit vielen baritonalen Glanzmomenten, seine höhensichere Stimme klingt einschmeichelnd, voll triefender Ironie und weiß vor allem an den leisen Stellen zu überzeugen. Im „Tedeum“ überstrahlte sein tragfähiger Bariton mühelos das Ensemble und im 2. Akt findet er nicht nur in der Darstellung zu Härte und Boshaftigkeit. Auf höchstem Niveau sangen und agierten  Krysztof Baczyk als Angelotti, Nicolas Cavallier als Mesner, Rodolphe Briand als Spoletta, Igor Gnidii als Sciarrone und Christian R. Moungoungou.

Dan Ettinger am Pult des Orchestre de l‘Opéra National de Paris entlockte dem hochmotivierten Klangkörper ein Feuerwerk an Klangfarben wie man es sich von Puccinis Partitur erträumt. Der ehemalige Mannheimer GMD und Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker findet die perfekte Balance zwischen italienischem Pathos, Transparenz, stilsicherem Rubato und mitreißender Schwärmerei. Ettinger zaubert hinreißende Klangbilder, und gestaltet dramatische Aufschwünge mit südländischem Temperament, ohne die Details zu vernachlässigen. Wann hat man jemals so eine spannende und differenziert gestaltete Dynamik bei der Militärmusik gehört sowie derart sensibel und fein ziselierte Holzbläser. Ebenfalls herausragend waren Chor ( Leitung: José Luis Basso) und Kinderchor.

Das enthusiasmiere Pariser Publikum bedachte die Hauptakteure mit Blumen und spendete lange Beifall nach diesem außergewöhnlichen Abend

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritk

Mai 20, 2019 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Die Meistersinger mutieren zum formidablen Fliegenden Holländer –

von Thomas Kunzmann

Eigentlich sollten 2019 am Staatstheater Cottbus, nach längerer Wagner-Pause, Die Meistersinger von Nürnberg Premiere feiern, Regie Martin Schüler. Doch die Inszenierung der Meistersinger wurde kurzfristig getauscht.  Der fliegende Holländer, inszeniert von Jasmina Hadziahmetovic, hatte nun Premiere am Staatstheater. Eine eigen(artig)e Geschichte zahlreicher Irrungen und Wirrungen.

Die Vorgeschichte:  Martin Schüler, der unter anderem bei Ruth Berghaus studiert hatte, kam unter Christoph Schroth 1991 zuerst als Operndirektor nach Cottbus, nach Schroths Ausscheiden übernahm er 2003 zusätzlich die Intendanz des Hauses. Nach langer Wagner-Pause sollte es 2019 Die Meistersinger von Nürnberg in seiner Regie geben. Doch dann kam alles anders. Durch ein Facebook-Posting eines musikalischen Mitarbeiters, in dem offen Missstände im Umgang mit Musikern und Sängern am Staatstheater Cottbus angesprochen wurden, geschrieben in Form eines offenen Briefes, brachte die Grundfesten des wunderschönen Jugendstil-Baus zwischen Dresden und Berlin ins Schwanken. Offensichtlich veröffentlicht, nachdem eine interne Klärung mehrfach versucht worden war, jedoch erfolglos blieb. Dem Mitarbeiter wurde binnen einer Woche fristlos gekündigt.

Der fliegende Holländer –  Richard Wagner
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Speziell ging es um den Führungsstil des damaligen GMD Evan Alexis Christ, dessen Vertrag gegen den Willen des Orchesters frisch verlängert worden war. Der in Los Angeles geborene,  einer Musikerfamilie entstammende  Christ war 2008 nach Stationen in Würzburg und Wuppertal als einer der jüngsten GMD’s Deutschlands nach Cottbus gewechselt, brachte frischen Wind in das Haus. In seiner Zeit, in der er die meisten Opernproduktionen sowie ca. 6 der 8 jährlichen Philharmonischen Konzerte dirigierte, kamen bei den Konzerten etwa 60 Uraufführungen auf die Lausitzer Bühne. Bereits 2010, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde er zum „Cottbuser des Jahres“ gewählt. 2011 gewann das Orchester mit ihm den Preis des Deutschen Musikverleger-Verbands für das beste Konzertprogramm aller deutschsprachigen Orchester.

Einige alteingesessene Besucher „schreckte“ das neue Konzept; Christ stellte sich charmant den entstandenen Diskussionen – aber gleichzeitig gewann er junges Publikum für das Theater. Der Abonnement-Verkauf stieg auf sagenhafte 95%. Und so kam selbst für Gäste, die regelmäßig das Haus besuchten, diese Wendung äußerst überraschend. Nach der Veröffentlichung des besagten Postings  gab es offenbar einen Konsens darüber, die nun ins Rollen geratene Bewegung so lärmfrei wie möglich zu gestalten: Funkstille der Beteiligten nach außen.

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Dennoch, die Brandenburgische Kulturstiftung war alarmiert und musste den Vorfällen nachgehen, woraufhin Evan Christ zunächst bis zum Ende der Saison 2017/18 beurlaubt wurde. Die Vermittlungsversuche des Intendanten zwischen den Parteien scheiterten. Der Vertrag von Evan Christ wurde aufgelöst, Martin Schüler hatte das Vertrauen der Mitarbeiter verloren, versäumte außerdem, sich der Situation zu stellen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, dass er ihre auch an ihn herangetragenen Nöte nicht ernst genug genommen hatte. Zumindest das hätte die Belegschaft erwartet, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schüler übernahm, wie es immer so schön heißt, die volle Verantwortung und legte nach 83 Inszenierungen am mittlerweile einzigen Vier-Sparten-Haus Brandenburgs zum Ende der Saison 17/18 sein Amt nieder. Die Kündigung des Mitarbeiters, der dies alles ausgelöste hatte, wurde übrigens zurückgenommen.

In seiner Amtszeit inszenierte Martin Schüler vier Wagner-Opern: 1993 Lohengrin, 1997 Der fliegende Holländer, 1999 Tannhäuser. 2003 begann der zu Beginn „semiszenisch“ genannte Ring des Nibelungen, der über 10 Jahre geschmiedet werden sollte, um 2013, dem großen Wagner-Jahr, vollendet zu werden. Das Orchester spielte auf der Bühne, die Bühnenbilder entsprechend reduziert. Vieles im aktuellen Mindener Ring erinnert an Cottbus, wobei erstaunlich wenige Gäste zum Einsatz kamen. In den Hauptrollen war es besonders die Partie des Siegfried (Peter Svensson im Siegfried, Craig Birmingham in der Götterdämmerung). Seit dem Weggang des hünenhaften John Pierce, der noch im Rheingold die Partie des Loge sang, gab es am Haus keinen Heldentenor mehr. Kurzfristig sprangen auch interessante Gäste ein wie Antonio Yang oder Thomas de Vries als Alberich, letzterer ein früheres Ensemble-Mitglied. 2014 hieß es, man wolle (und könne) nur alle zwei Jahre Wagner-Opern herausbringen, Schüler ließ einmal beiläufig durchblicken, er wäre sogar daran interessiert, eines der Frühwerke zu inszenieren. Doch erst im Spielplan 2018/19 stand Wagner wieder auf dem Programm – Die Meistersinger.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Ende März 2018 brachen die oben genannten Ereignisse über das Haus herein …

Interimsintendant ist Dr. René Serge Mund. Der promovierte Volkswirt ist mit dem Haus bestens vertraut, war er doch 1992-96 und 2005-12 dort Geschäftsführender Direktor. Im April 2019 wurde der Schweizer Stephan Märki vom Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) aus angeblich 30 Kandidaten einstimmig zum künftigen Intendanten und Operndirektor am Staats­theater Cottbus gewählt. Er wird zur Spielzeit 2020/21 das Amt antreten.

Stephan Märki hat bisher noch nicht am Staatstheater Cottbus gearbeitet. Er war aber Intendant des Hans-Otto-Theater Potsdam, welches er verließ, als sich die Abwicklung des Musiktheaters nicht mehr abwenden ließ. Das Staatstheater Cottbus bespielt seit einigen Jahren die Bühne des Hans-Otto-Theaters Potsdam mit nahezu allen eigenen Opernproduktionen. Nach Ausscheiden von Martin Schüler wurde die Spielplanung 2019/20 des Staatstheater Cottbus umgestellt; Meistersinger wurden durch den Fliegenden Holländer ersetzt.  Regisseur wurde nun Christiane Lutz. 2017 hatte sie erfolgreich Wozzeck in Cottbus inszeniert, die Bühne dazu entwickelte damals schon Natascha Mavaral, mit der Lutz bereits öfters gearbeitet hatte. Aber erneut kam etwas dazwischen: Lutz, Lebensgefährtin des Star-Tenors Jonas Kaufmann, wurde schwanger und konnte ihrer Regieverpflichtung nicht nachkommen. Jasmina Hadziahmetovic ersetzte Lutz. An Wagner-Erfahrung bringt  eine Zusammenarbeit mit Calixto Bieito mit: beide inszenierten 2017 den Tannhäuser am Stadttheater Bern.

Die nun gezeigte Inszenierung des Fliegenden Holländers am Staatstheater Cottbus wurde so von zahlreichen ungeplanten Ereignissen geprägt, welche kurzfristige Reaktionen erzwangen.

Das von Natascha Maraval gefertigte Bühnenbild ist von ebenso beeindruckender Schlichtheit wie Ausdrucksstärke. Düstere Romantik im Stile Caspar David Friedrichs, dessen „Mönch am Meer“ optisch Pate stand. Symmetrisch säulenartige Mauern versperren den Blick nach rechts und links, sorgen jedoch für einen äußerst sängerfreundlichen Raum. Ein verdorrter Baum, Sinnbild der verlorenen Hoffnung, Leitern, die ins Nichts führen. Mit dem rückwärtigen Blick auf das Meer als natürliche Begrenzung und nach vorn der Blick ins Unbekannte, schuf Maraval eine Atmosphäre, die optisch an „Stalker“, einen Film des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski erinnert: An einem bestimmten, von unbekannter Kraft, vielleicht einer Atomkatastrophe zerstörten Raum, gehen – glaubt man der Legende –  die geheimsten, innigsten Wünsche in Erfüllung. Während der Eine sich darin sein einstiges Leben zurückersehnt, will der Andere diesen Raum zerstören, weil er dessen Missbrauch fürchtet. Der Raum ist stark und prägt die Charaktere. Potenziert wird die Wirkung durch eine Projektion (Video: Ron Petraß) Sentas in diesen Raum hinein, bereits beim Einlass, lange vor der Ouvertüre, unbeweglich verharrend, den Holländer herbeiwünschend, wie ein Gemälde, das mit der Musik unmerklich zu leben beginnt. Wie aus dem Nichts, von ihr ersehnt, materialisiert sich der Holländer, Senta geht auf ihn zu und wird eins mit ihm.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Hadziahmetovic entwirft Figuren der Einsamkeit. Das ist plausibel, wenn auch nicht gerade neuartig. Außenseiter, ohne Anerkennung, nur ihrer inneren Antriebskraft folgend. Allein der Auftritt des Holländers macht unmissverständlich klar: wäre ihm die Möglichkeit gegeben, sein Leid zu beenden, er täte es ohne zu zögern, und würde er die Welt mit hinabreißen. Senta handelt in einer Mischung aus Trotz und pubertärer Schwärmerei. Mit dem Holländer-Bild und Schiffsmodell sucht sie ihr Umfeld zu provozieren. Ihr Koffer ist von Anfang an gepackt, sie will der bedrückenden Enge entfliehen.

Leider ist gut gedacht nicht immer gut gemacht. Die Regie lässt den Figuren allzu viel Freiraum, ihre Charaktere selbst zu gestalten. Das gelingt mit dem Steuermann, dem Holländer und Mary, scheitert allerdings an Daland. Welche Gründe könnte es geben? Warum verhökert er seine Tochter bereitwillig für beliebigen Tand an den Fremden? Not? Habsucht? Dafür tritt er zu weltmännisch als erfolgreicher Kapitän auf. Ist es der Erkenntnis geschuldet, dass Daland im Holländer Sentas ersehnten Traummann erkennt? Auch dafür bietet die Regie leider keine glaubhaften Anhaltspunkte.

Stark wiederum die Szene des ersten Aufeinandertreffens des Holländers auf Senta. In beiden spürt man das gegenseitige Erkennen sowie das Bewusstsein für die Bedeutung der Situation, wie sie sich umkreisen, die Blicke nicht voneinander lassen, als müssten sie voreinander bestehen, das „Hier bin ich, deine Erlösung, erkennst du mich als diese an?“ von ihr, sich wandelnd von der vorangegangenen Widerborstigkeit ins Butterweiche, und sein Hin- und Hergerissensein zwischen „Kann diese Frau, nein, dieses Mädchen, was zuvor keiner Anderen gelungen ist?“ und dem Herbeisehnen des Endes seiner Odyssee. Hier wirkt die Magie des „Raumes der Wünsche“ besonders nachhaltig.

Erik ist im „Stalker“-Plot die Figur, die sich sein Leben (mit Senta) zurückwünscht. Zur falschen Zeit am falschen Ort ist der Holländer und wird Zeuge des Senta-Erik-Dialogs, fühlt sich betrogen, eher noch, er möchte sich betrogen fühlen; sucht einen Grund, Senta nicht in den Abgrund ziehen zu müssen; nimmt ihr Erlösungsangebot nicht an. Senta legt nach, beziehungsweise einige Kleidungsstücke ab; aber auch das ändert an des Holländers Entschluss nichts. „Auch gut – dann eben nicht“, Senta steigt – völlig wagner-untypisch – entwaffnend pragmatisch aus. Der Schlussakkord verklingt ungenutzt. Bewusst oder unbewusst eine Reminiszenz an Schülers Götterdämmerung, in dessen letztem Bild Wotan als stumme Rolle Brünnhilde zur Versöhnung die Hand reicht, die diese jedoch ausschlägt. Cottbus – kein Ort für Wagners Erlösungsmotive?  Wäre wohl jetzt ein Tristan geboten?

Unbeholfen, etwas übertrieben theatralisch stapft Jens Klaus Wilde als Erik durch die Szenerie, sich selbst bemitleidend. Die Cottbuser tenorale Allzweckwaffe, eingesetzt als Aegisth, Cavaradossi, Don Carlos, Paul Ackermann oder Ritter Blaubart fällt überhöht weinerlich aus, was schade ist, hat doch das Ensemble mit Martin Shalita seit 2017 wieder einen Tenor mit der notwendigen Durchschlagskraft, wie er schon als Calaf (IOCO berichtete) eindrucksvoll unter Beweis stellte. Neu auf dieser Bühne ist Tanja Christine Kuhn als Senta. Die 32-jährige bietet eine solide Leistung für die schwierige Rolle: Die Partie erfordert stimmliche Reife, die wiederum konträr zum Alter der dargestellten Figur steht. Trotz einiger Intonationsschwächen ist Tanja Christine Kuhn eine glaubhafte Kind-Frau mit unbeirrbarer Konsequenz. Man wird sie in Cottbus bald wieder hören können, heißt es.

Hardy Brachmann, der einzige Solist auf der Bühne, der bereits im 97er Holländer dabei war, überzeugt mit sauberem Legato und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Ulrich Schneider als Daland könnte deutlichere Akzente setzen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Carola Fischer als Mary ist eine gute Besetzung, gesanglich überzeugend, plausibel im Ausdruck. Unbestrittener Glanzpunkt ist jedoch Andreas Jäpel als Holländer. Mit einer Stimme wie ein Fels in der Brandung, als würde er des Meeres Urgewalten durch seine Kehle kanalisieren. Gepaart mit einer fesselnden Bühnenpräsenz, wird er der Titelpartie nicht nur gerecht – plötzlich kann man sich nicht mehr vorstellen, dass diese Figur je anders funktionierte.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Chorleistung (Einstudierung: Christian Möbius). Präzise Einsätze, voluminöser Klang, geschlossenes Auftreten. Der um den Extrachor verstärkte Opernchor darf mit einem auch regietechnisch interessanten Kniff arbeiten: durch das Aufsetzen von Masken wird im Handumdrehen aus Dalands Besatzung die Holländer-Mannschaft.

Das Philharmonische Orchester liefert insgesamt eine stattliche Leistung. Den wahrlich stürmischen Einstieg reguliert Alexander Merzyn in den Folgetakten auf ein Normalmaß. Es fehlt mitunter etwas an Durchsichtigkeit und Feinschliff. Die Lautstärke ist allerdings über die gesamte Partitur höchst ausgewogen und sängerfreundlich. Die wie von Wagner vorgesehene pausenlose Oper benötigt in Cottbus 2 Stunden 15 Minuten.

Trotz aller Irrungen und Wirrungen in der Produktion dieses Fliegenden Holländers: das Publikum, in dem auch Martin Schüler und die Mary von vor 22 Jahren, Marie-Luise Heinritz saßen, nahm die Produktion begeistert auf und zollte sowohl den Solisten, als auch Regie/Bühnenbild und Orchester wohlverdienten Applaus. Es feierte die Inszenierung überschwänglich; vielleicht schwang auch ein wenig Stolz mit, überhaupt wieder eine große Oper von Richard Wagner im Staatstheater Cottbus auf dem Spielplan stehen zu haben.

Der fliegende Holländer am Staatstheater Cottbus; die weiteren Vorstellungen

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Meiningen, Meininger Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini, 05.05.2019

Meininger Staatstheater 

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

 TOSCA  – Giacomo Puccini

05. Mai 2019 19.00 Uhr

In Giacomo Puccinis Tosca durchlebt ein Künstlerpaar vor den historischen Ereignissen um Napoleons Entscheidungsschlacht innerhalb weniger Stunden einen von Machtgelüsten, Eifersucht und Folter angetriebenen tödlichen Krimi.

Meininger Staatstheater / Tosca © Marie Liebig

Meininger Staatstheater / Tosca © Marie Liebig

Die letzte Gelegenheit Puccinis rasanten Opernthriller voll mitreißender und bewegender Melodien in der preisgekrönten Inszenierung von Ansgar Haag zu erleben ist am Sonntag, 5. Mai 2019 im Großen Haus. Der Theaterförderverein Meininger TheaterFreunde wählte die Regiearbeit zur Inszenierung des Jahres und übergab bei der letzten Vorstellung den Preis an Hausherrn Ansgar Haag.

Der Fördervereinvorsitzende Thomas Michel äußerte sich: TOSCA ist ein Werk des Verismo und als solches bedarf es einer klaren Inszenierung, in der die Gefühle der Protagonisten dem Zuschauer dargelegt werden. Zugleich muss sie sich aber den politischen Hintergründen stellen, die sich aus der Handlung ergeben. Das ist dem inszenierenden Intendanten Ansgar Haag in mustergültiger Weise gelungen.“

Neben der großartigen musikalischen Leistung der Solist*innen, des Chors und der Hofkapelle sind es wohl auch das prächtige Bühnenbild, ein Kircheninnenraum, geschaffen von Dieter Richter, und die stilvollen historischen Kostüme von Renate Schmitzer, die zum Erfolg der Inszenierung beigetragen haben. Die Kostümbildnerin Renate Schmitzer, die eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Ansgar Haag verband und an die 50 Jahren lang Kostüme für die Opernbühnen der Welt entwarf, verstarb im März nach kurzer, schwerer Krankheit.

Tosca Giacomo Puccini
youtube Trailer Meininger Staatstheater 
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Die Sängerin Tosca und der Maler Cavaradossi leben für die Kunst, stehen selbiger jedoch unerwartet wenig emanzipiert gegenüber. Die beiden verbindet darüber hinaus eine Liebe – frisch, unentschlossen, trotzdem wild und aus dem Sinne der Kunst heraus feurig. Die politische Realität bricht über die emotionale Genese des Paares in Gestalt des Polizeichefs Scarpia wie eine Sturmflut herein, die zum einen das sensible Liebeskonstrukt von Tosca und Cavaradossi mit Eifersucht, Unsicherheit und Misstrauen unterspült, zum anderen aber auch alle Beteiligten in einen Strudel der Obsessionen und Machtspiele hineinzieht. Vor dem Hintergrund der Repressalien und Befürchtungen keimen aber auch vage Hoffnungen: Identitäten werden neu befragt, die Grenzen der oktroyierten Werte stehen auf dem Prüfstand – mit fatalen Folgen …

Karten sind an der Theaterkasse vor Ort, unter 03693/451-222 und -137 sowie www.meininger-staatstheater.de erhältlich.

—| Pressemeldung Meininger Staatstheater |—

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