Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Die Frau ohne Schatten – Richard Strauss, IOCO Kritik, 08.10.2019

Oktober 8, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DIE FRAU OHNE SCHATTEN  –  Richard Strauss

 – Wahre Humanität findet der Mensch nur  ……  –

von Uschi Reifenberg

Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 10. Oktober 1919 wurde Die Frau ohne Schatten  an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Am 8. September 2019 jährte sich der Todestag des Komponisten Richard Strauss zum 70. Mal, eine wichtige Zahl für den Umgang mit den Urheberrechten von Komponisten, denn nach der ablaufenden Schutzfrist von 70 Jahren werden deren Werke dann erstmalig gemeinfrei.

Nun feierte am Nationaltheater Mannheim (NTM) zu Beginn der Spielzeit 2019/20 als eine der größten Wiederaufnahmen das monumentale Werk Die Frau ohne Schatten aus den Federn des genialen Künstlergespanns Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sein glanzvolles Comeback.

Die schwer zu realisierende Oper geht nicht nur szenisch, sondern vor auch musikalisch an Grenzen des Möglichen, die das exzellente Ensemble des NTM  mit Bravour bewältigte.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Catherine Foster als Färberin © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Catherine Foster als Färberin © Hans Joerg Michel

Die Frau ohne Schatten, vierte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, wurde 1917, mitten im 1. Weltkrieg vollendet. Sie ist vom Textdichter des Stückes in der „Märchenwelt“ zur „Märchenzeit“ angesiedelt, was auch als Weltflucht oder Gegenentwurf zur schweren und leidvollen Zeit während der Kriegsjahre interpretiert werden könnte. Strauss bezeichnete das Werk als „letzte romantische Oper“ und die Autoren sparten nicht mit bühnenwirksamen Schauplätzen und phantastischem Personal wie Tempeln, Palästen, Hütten, unterirdischen Klüften, Geisterboten, Zauberei, Verwandlung, mythischen Verweisen, Tierwesen, sowie Menschen- und Geistersphäre. Die Oper bietet ein ganzes Füllhorn an Symbolen und Metaphern, enthält aber auch zum Teil verworrene Handlungsstränge und komplizierte Bezüge.

Drei starke Frauen mit unterschiedlichen psychologischen Strukturen stehen im Mittelpunkt des Geschehens; sie gehören verschiedenen Sphären der fernöstlich angehauchten Geschichte an: Die Kaiserin und die Amme, ihre Begleiterin, stammen ursprünglich aus der Geisterwelt, die Frau (Färberin) lebt in der Menschenwelt. Der Schatten ist das Fruchtbarkeitssymbol, den die Kaiserin erlangen möchte, damit ihr Gatte, der Kaiser, nicht versteinern muss. Die frustrierte Färberin hingegen, verheiratet mit dem einfachen Färber Barak, der sich Eheglück und Kinder wünscht, ist mit ihrem Leben unzufrieden und lehnt es ab, Mutter zu werden. Die Amme, Abgesandte des Geisterfürsten Keikobad, Vater der Kaiserin, verkörpert das negative Prinzip, sozusagen „den Geist, der stets verneint“. Sie ist Seelenfängerin und trägt diabolische Züge. Als Begleiterin der Kaiserin hasst sie alles Menschliche und wird – märchengerecht – am Schluss gegen „das Gute“ verlieren. Aber bis dahin steht den beiden Ehepaaren – wie in Mozarts Zauberflöte ein beschwerlicher Prüfungsweg bevor, auf dem Kaiserin und Färberin einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen und in einem schmerzlichen Erkenntnisprozess ihren Egoismus zu überwinden lernen, Verzicht leisten und zu Menschlichkeit, Empathie und Mutterglück finden.

Richard Strauss (1864-1949), „Operntitan“ und bedeutendster deutschsprachiger Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts, gilt als Meister orchestraler Klangfarben und der Instrumentation, die in ihrer Einzigartigkeit als Essenz seines Schaffens angesehen werden kann.

Strauss begann seine musikalische Entwicklung zunächst als Komponist Sinfonischer Dichtungen in der Tradition Franz Liszts, folgte dann aber immer mehr der Idee des Gesamtkunstwerks Richard Wagners. In seinen Opern knüpfte er an dessen leitmotivisch geprägten durchkomponieren Kompositionsstil an, erweiterte diesen in kunstvoll polyphoner Verarbeitung und intensivierte die tonmalerische Ausgestaltung der Motive. Er überarbeitete die grundlegende Instrumentationslehre von Hector Berlioz von 1844, entwickelte sie in der Wagner Nachfolge konsequent weiter und führte die klanglichen Möglichkeiten des modernen Sinfonieorchesters im 20. Jahrhundert zu einem absoluten Höhepunkt.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Miriam Clark als Kaiserin, KS Thomas Jesatko als Barak, der Färber © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Miriam Clark als Kaiserin, KS Thomas Jesatko als Barak, der Färber © Hans Joerg Michel

Strauss erweiterte die romantische Tonsprache bereits in seinen früheren Werken Salome (1905) und Elektra (1909) und ging bis an die Grenzen der Tonalität, mit einer bis dahin nie gehörten Häufung von Dissonanzen, Clustern, Verfremdungen und exotischen Klangfarben. Viele dieser für die damalige Zeit neuartigen Stilelemente griffen Komponisten wie Schönberg, Berg oder Hindemith auf, die unter anderem als Repräsentanten der atonalen Kompositionsweise in die Musikgeschichte eingingen.

Frau ohne Schatten stellt mit seiner Instrumentation einen Höhepunkt romantischer Ausdruckskunst darstellt. Strauss erweitert dazu die Orchesterbesetzung nicht nur zahlenmäßig, sondern bezieht auch seltene Instrumente wie Glasharmonika, Rute oder mehrere chinesische Gongs ein. Er fordert insgesamt 64 Streicher, 33 Bläser, 2 Harfen, 2 Celestas, ausgedehntes Schlagwerk, darunter Tamtams, Wind- und Donnermaschine, Orgel, sowie ein Bühnenorchester mit zusätzlich 19 Bläsern.

GMD Alexander Soddy und das blendend disponiere Nationaltheater- Orchester ließen keinen Zweifel, dass sie sich in der spezifischen Strauss‘schen Tonsprache wie zu Hause fühlen. Soddy, der die Oper in kompletter Länge dirigierte, erwies sich erneut als Strauss Dirigent par excellence. Er fächerte das Klangfarbenspektrum der komplexen Partitur kaleidoskopartig auf, ließ in den Zwischenspielen die Orchestermassen aufblühen und zauberte magische Momente. Gleichzeitig hielt er den Riesenapparat von Bühne und Orchester immer unter Kontrolle.

Bereits die Eröffnung des 1. Aktes mit den brachialen Schlägen des Keikobad Motivs ging unter die Haut, schwelgerisch gelangen die melodienseligen weit geschwungenen Bögen, ebenso die elektrisierend flirrenden und unruhig flackernden Motive, besonders innig und fein austariert die kammermusikalischen liedhaften Stellen der Barak Szene und der Wächtergesänge am Ende des 1. Aktes. Geriet der 1. Akt spannungsmässig noch nicht vollends überzeugend, bündelte Soddy im 2. und 3. Akt dann die Energien, entzündete pathetische Wucht mit kompromissloser Expressivität und vereinigte in der C-Dur Schluss- Apotheose Solisten und Orchester zum ekstatischen Höhepunkt.

Dass das NTM traditionell einen hervorragenden Ruf in der Wagner– und Strauss- Pflege genießt, konnte man an diesem Abend nicht nur bezüglich der außergewöhnlichen Sängerriege bestätigt sehen. Die fünf sehr anspruchsvollen Hauptrollen waren bis auf eine Ausnahme mit hauseigenen Solisten besetzt; es war beglückend zu erleben, wie sich das hoch motivierte Ensemble, Solisten, Orchester, der fantastische Chor (Danis Juris) und Kinderchor (Anke-Christine Kober) zu großer Homogenität auf hohem Niveau zusammenfand.

Catherine Foster, vielumjubelte Bayreuther Brünnhilde ( 2013-2018), wartete mit einer stimmlich wie darstellerisch grandiosen Charakterstudie auf. Ihre Färberin ist keine am prekären Milieu zerbrechende Frau, die sich gegen ihr kleinbürgerliches Dasein als Ehefrau und Mutter aufbäumt, sondern eine selbstbewusste Persönlichkeit, die sich emanzipieren will und für ihre Ziele kämpft, allerdings um den hohen Preis der Fruchtbarkeit. Foster stattet die zerrissene Figur mit allen Facetten ihres hochdramatischen Soprans aus, findet im Streit mit Barak zu beißendem Spott mit stählerner Tongebung und gleissenden Höhen. Im Zeichen ihrer Wandlung und ihrem Bekenntnis zu Liebe und Mutterglück lässt sie ihren schön timbrierten, weichen Sopran innig und in zartesten Farben strahlen.

Die schillernde Figur der Amme wird von Julia Faylenbogen mit jugendlicher Ausstrahlung und einer beeindruckenden Vielfalt an Gestaltungs- und Klangfarben ausgestattet, die sie mit großer  Souveränität variiert. Die kraftvollen Höhen ihres ausgeglichenen Mezzosopran strahlen mühelos über die Orchesterwogen, ihr tiefes Register leuchtet in satten Farben und trägt problemlos auch an den leisen Stellen. Die vertrackten Intervallsprünge meistert sie mit bestechender Präzision. Faylenbogen zeichnet die dämonischen Züge dieser ambivalenten Figur eher zurückhaltend und beweist hingegen viel Sinn für Sarkasmus, Ironie und Schmeichelei. Hervorragend ist auch ihre differenzierte Textausdeutung.

Hauptfigur ist die Kaiserin, die Frau ohne Schatten, von Miriam Clark  mit glitzernden Koloraturen und mühelosen, jubelnden Spitzentönen und starker Leuchtkraft gesungen wird. Ihre Entwicklung von der noch etwas blutleeren Feen-Erscheinung am Anfang bis zu ihrer Entscheidung zur Mitmenschlichkeit, gestaltet sie zutiefst anrührend. Die verschiedenen Stadien ihrer „Menschwerdung“, der bewusste Verzicht auf ihre Mutterschaft zugunsten des Glücks von Färber und Färberin, die suggestive Traumszene, aber vor allem ihr großer Monolog „Vater, bist Du’s“, in der sie „durch Mitleid wissend“ wird, ist von großer Intensität. Sie verströmt ihren Sopran in weichen Lyrismen und hauchzarten piani. Umso ergreifender wirkt ihre hochexpressive Deklamationsszene, die melodramatische Steigerung, welche sie bis an die Grenzen des Ausdrucks führt und ein umfassende Identifizierung mit ihrer Rolle erreicht.

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten - hier : Miriam Clark als Kaiserin, Julia Faylenbogen als Amme © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Frau ohne Schatten – hier : Miriam Clark als Kaiserin, Julia Faylenbogen als Amme © Hans Joerg Michel

Thomas Jesatko ist als Barak, der Färber eine Idealbesetzung. Sein samtener, immer voll tönender und hell timbrierter Bariton ist prädestiniert für die seelenvollen Kantilenen des einfachen, aber gutherzigen Barak. Vorbildlich auch seine Phrasierungskunst sowie die perfekte  Textverständlichkeit. Der Traum von einem bescheidenen Glück an der Seite einer liebevollen Ehefrau, einer Kinderschar und harter Hände Arbeit wird ihm vorerst nicht erfüllt, was er geduldig erträgt. Jesatko gestaltet die liedhaften Passagen mit berührender Innigkeit und Sensibilität, findet aber auch zu heldenbaritonaler Wucht, wenn er letztendlich die Demütigungen seiner Frau nicht mehr aushält und sich endlich zur Wehr setzt.

Den Kaiser singt Andreas Hermann mit jugendlich- heldischem Tenor, durchweg höhensicher und durchschlagskräftig, zuweilen allerdings mit etwas enger Tongebung. Sein Kaiser ist eher ein Jäger, der sich mit seiner Beute schmückt und sie sich unterwirft, als ein hingebungsvoll liebender Mann. Seine Jagdtrophäe, die Kaiserin, die er als Gazelle gejagt hat, nun aber jede Nacht als Frau in seinen Besitz bringt, erreicht sein Herz nicht, nur seinen verliebten Ehrgeiz. Erst durch das liebende Entsagungsopfer der Kaiserin kann er sein Herz öffnen und erlöst werden.

Die drei Brüder des Färbers sind als Kriegsversehrte gezeichnet und singen und agieren ebenfalls auf hohem Niveau. Ilya Lapich als „der Einäugige“ mit klangschönem Bariton, „der Einarmige“ Marcel Brunner mit profundem Bassbariton und Benedikt Nawrath, „der Bucklige“ mit klarer Tenorstimme. Sie brachten als klanghomogenes Trio viel Lebendigkeit, aber auch soziale Tristesse in den Alltag der Färber.

Joachim Goltz gab mit seinem beeindruckenden heldischen Bariton dem Geisterboten Gewicht und Autorität, Estelle Kruger sang mit leuchtenden Tönen den Hüter der Schwelle des Tempels. Der Erscheinung eines Jünglings gab Juray Holly feinen Tenorglanz, Natalija Cantrak ließ als Stimme des Falken aufhorchen und Susanne Scheffel überzeugte als Stimme von oben. Jost-Jochen Wacker war verhalten präsent in der Rolle des Hugo von Hofmannsthal.

Die Inszenierung von Gregor Horres aus dem Jahr 2007 gewinnt ihre heutige Faszination aus  symbolischer Zeichensprache, Reduktion der Mittel und Abstraktion, komplettiert durch eine raffinierte Lichtregie (Bernard Häusermann), die dem opulenten Werk das nötige Quantum Magie verpasst.

Die Frau ohn Schatten – Making of … hier mit Korrepetitor Elias Corrinth
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Das Bühnenbild von Sandra Meurer (Bühne und Kostüme) symbolisiert mit beweglichem Deckensegment und vielfach einsetzbarer Drehbühne die obere und untere Sphäre, die sich am Ende versöhnlich aufeinander zubewegen. Angesiedelt ist die Oper in ihrer Entstehungszeit, der Textdichter Hugo von Hofmannsthal ist als eingefügte Figur fast die ganze Zeit auf der Bühne anwesend und reagiert schreibend auf den Ablauf des Geschehens. Er ist Doppelgänger von Barak, der hier kein Handwerker ist, sondern eher ein weltfremder Schriftsteller in seinem Elfenbeinturm zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Färberin trägt Züge von Strauss‘ Ehefrau, man sieht sich in „Szenen einer bürgerlichen Ehe“ in eben jene Zeit hineinversetzt.

Das Kaiserpaar mit langen weißen Haaren und Gewändern scheint aus der Mythologie zu stammen, die Amme mit exotischer Frisur und gelbem Kleid ist eher in der Märchenwelt beheimatet Auf märchenhafte Attribute verzichtet der Regisseur weitgehend und betont die      psychoanalytischen Aspekte, denn zeitgleich veröffentlichte Siegmund Freud seine bahnbrechenden Hauptwerke über Psychopathologie und weibliche Hysterie. Faszinierend in Szene gesetzt ist der Traum der Kaiserin mit surrealen Traumsequenzen, Tiersymbolik, perspektivischen Verschiebungen und geheimnisvollen Farbwechseln. Ein überdimensionaler roter Handschuh schiebt sich  im Wechsel mit einem ebenso großen Federhalter von oben in die Szene, ansonsten bestücken ein Bett, eine Tür, Tisch und Schreibpult die karge Bühne.

Die „Frauenthemen“ des Werkes, Fruchtbarkeit, Emanzipation oder Gendergerechtigkeit setzt Horres in einen zeitlosen Kontext. Er gibt Anstöße zu aktuellen Fragen wie Doppelbelastung von Familie und Beruf, Beziehungs -und Ehekrisen, Konsumverhalten, Geburtenraten oder Mutterglück.

Das begeisterte Publikum spendete nach dieser hinreißenden Aufführung frenetischen Beifall und feierte mit Blumen und Jubelrufen die Solisten und alle Beteiligten. 100 Jahre Frau ohne Schatten  – mit Themen ungebrochener Aktualität.

Die Frau ohne Schatten am NTM, die weiteren Vorstellungen 13.10.; 1.11.; 17.11.; 1.12.2019; 12.1.2020

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Ludwigsburg, Forum am Schlosspark, Walküre – Foster, Vogt, Kessler, Argiris, IOCO Kritik, 07.03.2019

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark Ludwigsburg

Walküre konzertant – Mit Weltklasse Besetzung

– Catherine Foster, Klaus Florian Vogt, Aris Argiris, Astrid Kessler –

von Peter Schlang

Die Stadt Ludwigsburg und das dort beheimatete Forum am Schlosspark, zugleich und eigentlich das Festspielhaus der weit bekannten Ludwigsburger Festspiele, begannen im vergangenen Jahr einen Zyklus, der wichtige Opern in konzertanter Form in hochkarätiger Besetzung präsentiert. Diese Aufführungsart hat in Ludwigsburg eine lange Tradition, die auch und vor allem bei den im Frühsommer stattfindenden Ludwigsburger Festspielen gepflegt wird.

Wagner‘sche Wohlklänge wecken Wonnegefühle – Im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg

Nach Beethovens Fidelio zum Auftakt wurde diese Reihe am 1. März 2019 mit Richard Wagners Walküre fortgesetzt, dem 2. Teil seiner Tetralogie Ring des Nibelungen. Zugpferde und Stars dieser Aufführung waren die auf allen großen „Wagner-Bühnen“ gefeierten und zur allerersten internationalen Garde der Wagner-Interpreten gehörenden Catherine Foster als Brünnhilde und Klaus Florian Vogt als Siegmund. Dazu kamen die zwar noch nicht ganz so im Rampenlicht stehenden, aber auf der Berühmtheits-Skala ständig nach oben kletternden Astrid Kessler als Sieglinde, Aris Argiris als Wotan, Monika Bohinec als Fricka und Magnus Piontek als Hunding.

Auch für das Oktett der Walküren waren mit Daniela Köhler, der kurzfristig für die erkrankte Regine Sturm eingesprungen Caroline Wenborne, Magdalena Hinterdobler, Sylvia Rena Ziegler, Franziska Krötenheerdt, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Sophia Maeno in Ludwigsburg ausschließlich Sängerinnen zu erleben, die nicht nur den aufstrebenden Wagner-Interpretinnen zuzurechnen, sondern an führenden Häusern engagiert oder dort als Gäste zu erleben sind.

Fast die Hälfte der genannten Vokal-Solistinnen und -solisten sind Ensemble-Mitglieder oder „feste Gäste“ an den Theatern Chemnitz, die in einem bisher einmaligen Kraftakt im vergangenen Jahr den gesamten Ring-Zyklus in die Hände von vier Regisseurinnen legten und in viel beachteten Aufführungen auf die Chemnitzer Opernbühne brachten. Deren Orchester, die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, unter ihrem zur Spielzeit 2017/2018 ans Haus gekommenen Generalmusikdirektor Guillermo Garciá Calvo lieferten auch das musikalische Gerüst für diese Ludwigsburger Walküre, so dass es durchaus berechtigt erscheint zu schreiben, dass die Theater Chemnitz am 1. März in Ludwigsburg mit Richard Wagners Walküre ein konzertantes Gastspiel gaben.

Dieses war, dies sei gleich zu Eingang gebeichtet, vom Rezensenten mit recht gemischten Gefühlen erwartet worden, was nichts mit dem Ruf der Chemnitzer Oper, ihres Orchesters und der aufgebotenen Protagonisten zu tun hat, sondern ausschließlich darin begründet liegt, dass für den Betrachter nun einmal zu einer Opernaufführung alle entsprechenden Dimensionen gehören, ein Opernabend also im Prinzip nur als szenisches Live-Erlebnis auf einer Opernbühne vorstellbar ist und ungetrübten Genuss bieten kann.

Im Vorspiel zum ersten Akt der Walküre schienen sich diese Festlegungen, ja Befürchtungen, tatsächlich zu bestätigen, denn vom im Bühnenkasten platzierten Orchester drang zunächst ein eher matter, blasser, ja verschwommener Wagner-Klang an die Ohren des schreibenden Zuhörers, der keinerlei Bemühungen um Phrasierung und Dynamik erkennen konnte. Dies mochte zum einen an der speziellen Ludwigsburger Bühnensituation und an der dafür recht mächtigen Orchester-Besetzung gelegen haben, so dass wichtige Orchesterteile weit hinten an der Bühnenwand zu sitzen kamen. Auf jeden Fall klangen die ersten Takte wie hinter einem stark dämpfenden Vorhang oder aus einer schallgedämmten Kiste.

Vielleicht war dafür aber auch – zweitens – diese für den Verfasser eher ungewohnte, neue Aufführungsart einer großen Oper verantwortlich, an die sich – drittens – auch die Instrumentalisten und ihr mit größter Umsicht und Feinfühligkeit agierender Leiter, der eingangs erwähnte 40jährige spanische Dirigent Guillermo Garciá Calvo, erst gewöhnen mussten. Jedenfalls erwiesen sich weitergehende Befürchtungen im weiteren Verlauf des Abends als unbegründet, und diese Irritationen verschwanden spätestens mit dem Auftritt Sieglindes und Siegmunds. Allerdings blieb auch am Ende dieses fast fünfstimmigen Opernabends die Erkenntnis, dass Wagners Musik von der Konzertbühne herab völlig anders wirkt oder zumindest im Ohr ankommt, als wenn sie wie üblich aus dem Orchestergraben erklingt.

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Forum am Schlosspark in Ludwigsburg © Daniel Stauch

Dennoch bescherte diese „Ludwigsburger Walküre“ eine große Fülle an schönen und beglückenden Momenten sowie wunderbaren musikalischen wie darstellerischen Eindrücken. Dabei entspringt das letzte Adjektiv keinem Versehen oder der schmerzhaften Erinnerung des Autors an denkwürdige szenische Aufführungen, sondern soll ausdrücken, dass diese Ludwigsburger Version als mindestens „halb-szenische“ bezeichnet werden kann. Der Grund dafür waren nicht nur die passgenauen Auftritte der Solisten in eine Szene, die sie nach ihrem Ausscheiden aus derselben auch umgehend verließen. Erfordern Libretto und Handlung aber ein weiteres, passives Verweilen der Darsteller auf der Bühne, setzten sie sich zuhörend auf die für Konzertsänger üblicherweise vorgehaltenen Stühle. Dieses Zuhören geschah jedoch nicht passiv, sondern in der Form aktiv, dass die Sängerinnen und Sänger deutlich sichtbar und mindestens mimisch auf den Auftritt ihrer Kolleginnen und Kollegen reagierten.

Diese körperliche Präsenz und Reaktion wuchs sich den aktiven Phasen einer Szene fast zum Spiel aus, so dass die inneren Vorgänge der Rollen in zwar kontrollierten und begrenzten, aber deutlich sichtbaren Bewegungen und klarer Gestik und Mimik auch äußerlich wahrnehmbar wurden.  Sehr schöne sinnliche Szenen ergaben sich dadurch in der Interaktion von Siegmund und Sieglinde, drastisch-dramatische zwischen Göttervater Wotan und seiner bisherigen Lieblingstochter Brünnhilde. Diese Personendramaturgie ging allerdings weder ins Kitschige noch zu Lasten des Gesangs und seiner Prägnanz wie Präsenz. Vielmehr zeigte sich hier der große Vorteil einer solchen Dramaturgie bzw. Aufführungsform: Man konzentriert sich als Zuhörer voll und ohne Probleme auf die Musik, sei sie nun rein instrumental oder vokal mit entsprechend orchestraler Begleitung und Untermalung. Und bei den Vokalpartien überzeugte darüber hinaus die hohe Musikalität und Wortverständlich, vor allem wenn solche Sängerinnen und Sänger am Werke sind, wie es in Ludwigsburg der Fall war. So können Wagners Texte ihre ganz Urgewalt entfalten – und den Zuhörer hin und wieder auch an die Grenzen seines textlichen Fassungs- und Begriffsvermögens führen.

Größten Anteil an dieser denkwürdigen und beeindruckenden Walküre hatten, und das nicht nur wegen des beachtlichen Umfangs ihrer Rolle, die eingangs zuerst aufgeführten je zwei Sängerinnen und Sänger, und hier wiederum allen voran die Darstellerin der Brünnhilde, Catherine Foster, und der Sänger des Siegmund, Klaus Florian Vogt. Beide bewiesen in je makelloser Weise ihre internationale Extraklasse und betörten durch ihre dem Charakter ihrer Rolle wie angemessene, absolut schlüssige, ja aufregende Interpretation. Catherine Fosters Brünnhildes bestach durch ihre so menschlichen, in allen emotionalen Lagen berührenden Züge und eine Stimme, die in allen Stimm- und Gefühlslagen mitriss und begeisterte. Ja, wie fabelhaft diese Sängerin ihre vokalen Fähigkeiten einsetzt und auch in Extremlagen traumwandlerisch beherrscht, grenzt wirklich an ein Wunder und zeugt von größter Meisterschaft und intensivstem Rollen- wie Menschen-Studium. Diese Beschreibung gilt ohne jeden Abstrich auch für Klaus Florian Vogt, der mit seinem stets leicht und sauber geführten, so samtigen Tenor dem Duktus der Wagner‘schen Musik und dem seiner Rolle in betörender Weise entsprach. Er gestaltete die liedhaften Passagen mit genauso großer Intensität wie die dramatischen Ausbrüche. Das große Wunder war hier zusätzlich, dass dem Sänger dieser ja unglaublich schweren und kräftezehrenden Rolle auch gegen Schluss keinerlei Schwäche oder Ermüdung anzumerken war und er seine Stimme noch in den letzten Takten sicher, kraftvoll und dennoch samtweich führte: das stimmliche Heldentum stand dem dramatisch vorgegebenen in keiner Weise nach.

Gegen diese beiden Ausnahmesänger-Darsteller sollten es normalerweise die übrigen Protagonisten deutlich schwerer haben – nicht so aber an diesem ersten Märzabend in Ludwigsburg. So gab Astrid Kessler mit ihrem strahlend-glänzenden wie kraftvoll-energischen Sopran eine Sieglinde, der man ihre Liebe zum unbekannten Gast genauso abnahm wie ihr Erschrecken über die aus dieser Liebe und den verwandtschaftlichen Beziehungen resultierenden Folgen. Klang ihre Stimme anfangs in den Höhen noch etwas scharf, überzeugte sie alsbald in allen Lagen, und die gemeinsamen Auftritte mit ihrem „geliebten Bruder“ waren unvergleichliche Momente dieses gesanglich ja wirklich sensationellen Wagner-Abends.

Für dessen Erfolg garantierte auch der Wotan des griechischen Bassisten Aris Argiris, dessen Stimme eingangs leicht belegt wirkte, der dann aber einen absolut souveränen, allen musikalischen wie stimmlichen Anforderungen gewachsenen Göttervater gab. Sein tiefgründiger, wirklich „rabenschwarzer“, dennoch von großer Dynamik und Flexibilität geprägter Bass machte das „Göttergewaltige“ und „den Himmel Beherrschende“ genauso erfahrbar wie das Erdbezogene und von großem Verständnis zeugende, ja gütige Auftreten gegenüber seinen Zwillingskindern. An diesem hervorragenden Eindruck änderten auch leichte Trübungen gegen Ende des 3. Aktes kaum etwas und unterstellt, dass Aris Argiris noch an Erfahrung, Ökonomie und Durchhaltevermögen gewinnt, wird man diesen fabelhaften Sänger alsbald in Bayreuth und auf anderen berühmten Bühnen erleben können.

Allenfalls Monika Bohinec als Fricka und Magnus Piontek als Hunding vermochten in ihren Rollen nicht ganz bzw. durchgehend auf dem beschriebenen Niveau zu überzeugen, doch waren die hier vom Rezensenten gehörten farblichen und gestalterischen Schwächen eher punktuell und nicht so schwerwiegend, dass sie den positiven, ja begeisternden Eindruck dieses Abends getrübt hätten. Dies gilt auch für den Chor der acht Walküren, auch wenn man sich diesen insgesamt etwas harmonischer und ausgeglichener gewünscht hätte. So beschlich den Rezensenten das lebhafte Gefühl, dass die eine oder andere der Walküren vom Pferd gestürzt und im Kampfgetümmel etwas die Orientierung verloren hatte…..

Daran mochte auch das ansonsten tadellose Orchester ein wenig Anteil haben, indem es an zwar wenigen Stellen, aber da doch deutlich die Oberhand hatte und so den Sängerinnen und Sängern ein wenig die ansonsten starke  Unterstützung versagte. Allerdings muss man zur Ehrenrettung aller Beteiligten nochmals betonen, dass eine solche „konzertante Aufführung“ sowohl vom Orchester als auch vom singenden Personal Höchstleistungen abverlangt, was Hörvermögen, Konzentration und Koordination betrifft. Ja es bleibt dem naiven Betrachter recht schleierhaft, wie etwa der Dirigent und seine Musiker/innen vom Gesang der vor ihnen agierenden Solistinnen und Solisten so viel mitbekommen, dass sie entsprechend reagieren können. Diese Schwierigkeit mag auch erklären, dass man den Orchesterklang stellenweise als zu wenig „wagnerisch“ und eher italienisch-spanisch geprägt empfand. Dies führte aber auch wieder über weite Strecken zu der schon gerühmten großen Durchhörbarkeit und Transparenz, was sowohl dem Klang einzelner Orchestergruppen und Solo-Instrumente als auch der Hörbarkeit der Gesangssolisten und deren Wortverständlichkeit sehr zu Gute kam.

Wer sich von all dem selbst überzeugen möchte, hat dazu mindestens dreifache Gelegenheit: Die Ludwigsburger Aufführung wurde nämlich vom Deutschlandfunk und vom Südwestrundfunk mitgeschnitten und ist am Samstag, dem 25. Mai ab 19.05 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur zu hören. Und die nächsten zyklischen Aufführungen des Ring des Nibelungen an den Theatern Chemnitz finden vom 18. bis 22. April (Ostern) und am 30. Mai, 1., 8. und 10. Juni 2019 (Pfingsten) statt

—| IOCO Kritik Forum am Schlosspark Ludwigsburg |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Festkonzert mit CATHERINE FOSTER, 01.09.2018

August 23, 2018 by  
Filed under Pressemeldung, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover 

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

CATHERINE FOSTER ZU GAST AN DER STAATSOPER

Für das Festkonzert zugunsten der Stiftung Staatsoper Hannover am 1. September 2018 konnte Sopranistin Catherine Foster als Stargast gewonnen werden. Das Konzert bewegt sich in einem Streifzug durch die neue Opern-Spielzeit 2018/19.

Auch in diesem Jahr eröffnet wieder das Festkonzert zugunsten der Stiftung Staatsoper Hannover die Opernsaison. Für die 14. Ausgabe am 1. September 2018 um 19.30 Uhr konnte Catherine Foster als Stargast verpflichtet werden. Foster ist eine der gefragtesten Sopranistinnen im dramatischen Fach und feierte in Partien von Richard Wagner, Richard Strauss und Giacomo Puccini weltweit große Erfolge. Unter der Musikalischen Leitung von Will Humburg ist sie an diesem Abend mit der Turandot-Arie „In questa reggia“ und Ausschnitten aus Tristan und Isolde zu erleben.

Das Publikum kann sich zudem auf Mitglieder des Staatsopern-Ensembles, das Niedersächsische Staatsorchester Hannover und die Kapellmeister Valtteri Rauhalammi, Mark Rohde und Cameron Burns freuen. Gemeinsam bieten sie einen Vorgeschmack auf die neue Spielzeit und lassen Kostproben aus Franz Schrekers „Die Gezeichneten“, Benjamin Brittens „Ein Sommernachtstraum“, Jacques Offenbachs „König Karotte“ sowie Hector Berlioz‘ „Fausts Verdammnis“ erklingen. Durch den Abend führt Chefdramaturg Klaus Angermann.

Mit dem Erwerb der Opernkarte unterstützen die Konzertbesucherinnen und -besucher die Arbeit der Stiftung Staatsoper Hannover. Diese ermöglicht besondere Opernereignisse in Hannover und stärkt den hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft der Oper durch die Förderung eines engagierten Jugendprogramms.

Am darauffolgenden Tag, 2. September 2018 um 18.30 Uhr, ist ein beinah identisches Programm beim Eröffnungskonzert im Opernhaus zu erleben. Die Partien der Isolde übernimmt dann allerdings Kelly God, die auch in der Hannoveraner Neuinszenierung von Tristan und Isolde in der Titelpartie debütieren wird. Für das Eröffnungskonzert gibt es nur noch wenige Restkarten.

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Walküre – Gerahmt von Jubel und Entsetzen, IOCO Kritik, 21.08.2018

August 22, 2018 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Die Walküre –  Auf dem Grünen Hügel

 Jubel und Entsetzen in Bayreuth – Eine zwiespältige Walküre

Von Sebastian Siercke

Hat es je in Bayreuth ein einzelnes Werk aus dem Ring gegeben?      Nein!

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier: Catherine Foster als Brünnhilde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier: Catherine Foster als Brünnhilde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Dass es 2018 dazu kam, so mutmaßte das Publikum, lag wohl am Wunsch Placido Domingos, hier zu dirigieren. Dieser Ausnahmesänger, jahrzehntelang weltweit umjubelter Tenor, der auch in Bayreuth 1992 bis 1995 als Parsifal und 2000 als Siegmund Triumphe feierte und mittlerweile zu Verdis großen Bariton-Partien gewechselt hat, dirigiert schon lange. Nun dirigierte Domingo also auch in Bayreuth.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : Stephen Gould als Siegmund © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : Stephen Gould als Siegmund © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Zuschauer saßen gespannt im Saal und erlebten eine herbe Enttäuschung. Das beste Orchester der Welt für Wagners Musik wurde – von Dirigent Placido Domingo – dazu gebracht, wie eine „schlecht gelaunte Kurkapelle“ zu klingen. Langsam, unspannend und farblos und streckenweise derb, diente es nur noch der Untermalung des Gesangs. Von der Farbenpracht der Partitur, die besonders hier in Bayreuth sonst so meisterhaft zu hören ist, ist nichts geblieben. Keinerlei Dynamik, keine Spannung, nur Langeweile.

Aber zum Glück gab es ja noch andere Künstler, die diesen Abend trotzdem zum Ereignis machten! Stephen Gould, bisher als Tannhäuser, Siegfried und Tristan in Bayreuth, nun mit seinem ersten Siegmund. Mühe und makellos sang er sich, vier Tage nach seinem letzten Tristan im Festspielhaus, durch die Partie, als gäbe es nichts leichteres und konnte sich so vollkommen auf die Gestaltung der Rolle konzentrieren, was ihm meisterhaft gelang.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : Anja Kampe als Sieglinde © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : Anja Kampe als Sieglinde © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Ihm als Sieglinde zur Seite Anja Kampe, die schon 2013 in der Premiere dieser Frank-Castorf-Produktion dabei war. Stimmlich, darstellerisch und vom Ausdruck hinreißend. Ihr grimmiger Mann Hunding war der Bayreuthdebütant Tobias Kehrer, der in diesem Jahr hier als Hunding und im Parsifal als Titurel zu hören ist.

Die letztjährige Götterdämmerungs – Waltraute, Marina  Prudenskaya, war dieses Mal als Fricka angesetzt, die peitschenschwingend ihren Göttergatten Wotan zur Räson zwingt.

Wotan war der Schwede John Lundgren. Phantastisch in seinen dramatischen Wutausbrüchen, wie in den äußerst zarten, zu Tränen rührenden Momenten im Abschied von seiner über alles geliebten Tochter Brünnhilde. Catherine Foster war in jener Titelpartie dabei und eroberte die Bühne mit selten so brillant und wuchtig gehörten Hojotoho-Rufen. Ein seltener Genuss, der sogar Kenner von Frau Fosters Können schwelgen ließ. Die Leichtigkeit, mit der sie die Partie singt, ich hatte das Gefühl, sie wird von Jahr zu Jahr besser, lässt sie eine bewundernswerte Tiefe in der Darstellung der Partie erreichen. Abgerundet wurde die Solistenriege durch die Walküren Caroline Wenborne, Christian Kohl, Simone Schröder, Regine Hangler, Mareike Morr, Mika Kaneko und Alexandra Petersamer, die jede für sich so klang, als könne sie auch eines Tages als Brünnhilde brillieren.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : John Lundgren als Wotan © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : John Lundgren als Wotan © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Die Walküre Bayreuth 2018 war an diesem Abend ein durchaus bemerkenswertes und erinnerungswürdiges Ereignis. Auch war es für das kennende und kritische Publikum Bayreuths sowohl Kunstgenuss als auch Lehrstunde: Die Künstler auf der Bühne dieses Hauses bringen nach wie vor eine beeindruckende Qualität, die vom Publikum mit jubelndem Beifall bedacht wurde. Die Lehrstunde aber traf hart den Dirigenten Placido Domingo, dem man zu gerne und wohlwollend zuraunen wollte:  „Schuster bleib bei deinen Leisten!“

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

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