Lyon, Opéra de Lyon, Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski; IOCO Kritik, 19.03.2019

März 19, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski

– Mit der Virtual-Reality-Brille am Schachbrett des Schicksals –

von Patrik Klein

Im November 2018 präsentierte IOCO die Opéra de Lyon und Serge Dorny, Intendant des Hauses, link HIER; als Teil der IOCO Serie über hinreißende Operhäuser.

Nun, im März 2019, war es denn so weit, die Opéra de Lyon in der  Stadt an der Rhone, zu besuchen: Das Operngebäude, mit seiner faszinierenden und ungewöhnlichen Architektur, bestehend aus einem neoklassizistischen alten Teil aus dem 20ten Jahrhundert und dem 1989 von Jean Nouvel verantworteten neuen Teil mit dem spektakulärem gläsernen Dach, einer räumlichen Erweiterung in die Höhe und die Tiefe zu besichtigen, zwei Neuproduktionen zu besuchen und ein spannendes Gespräch mit dem amtierenden Intendanten Serge Dorny zu führen.

Kennzeichnend für die in der Stadt beliebte und viel besuchte Opéra de Lyon ist auch ein jährlich stattfindendes Festival. 2019 heißt das Festival-Motto Leben und Schicksale. Drei unterschiedliche Mythen, die der abendländischen Kultur zugrunde liegen und durch miteinander verbundene Kernthemen eine dunkle und tiefe Einheit bilden, standen in kurzer Abfolge auf dem Programm und sollten dem Opernbesucher ganz neue und unerwartete Sichtweisen kaum bekannter, aber doch verwandter Werke mit verschiedenen Aspekten von menschlichen Schicksalen ermöglichen. Jedes dieser drei Werke setzt sich auf seine besondere Weise mit der Frage des menschlichen Schicksals auseinander.

Monteverdis Il Ritorno d´Ulisse, Tschaikowskis Die Zauberin (zum ersten Mal überhaupt in Frankreich szenisch aufgeführt) und Purcells Dido und Aeneas bildeten dieses Triptychon. Die beiden zuletzt genannten Werke hatten an zwei aufeinander folgenden Tagen Premiere und wurden von IOCO besucht.

Schon bevor die Vorstellung begann wurde deutlich, dass dieser Premierenabend  ein ganz anderer werden sollte, als man vielleicht erwartete. Noch vor der Ouvertüre blickte man auf einen geschlossenen Vorhang, vor dem ein Tisch mit Schachbrett und ein Stuhl standen. Die riesige Videoprojektionsfläche des Vorhangs gab einen Kircheninnenraum frei, in dem neben einem Altar eine überdimensionale Christusfigur angebracht war. Ein Priester erschien am Schachbrett, spielte ein paar Züge Blindschach ohne Partner, setzte sich eine VR- Brille auf und ward plötzlich im Videobild im Kirchenraum zu sehen. Dort riss er Jesus den Augendeckel ab und befestigte darin Kameras und Kabel. Die ersten leisen Töne der Ouvertüre setzten ein.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Bleiben wir aber zunächst in der Historie: Das Libretto der Oper von Ippolit Spazhinsky basiert auf dessen gleichnamigem Theaterstück. Die Oper wurde zwischen September 1885 und Mai 1887 in Maidanovo, Russland komponiert und 1887 in Sankt Petersburg uraufgeführt. „Ich bin überzeugt, dass Die Zauberin meine beste Oper ist“, bewertete Tschaikowski damals selbst sein Werk.

Der verfälschende Titel Die Zauberin, müsste ja eigentlich Circe heißen, denn die Wirtin Nastasia ist eher eine Frau, die vorwiegend mit übersinnlichen Kräften die Männer anzieht und verführt, sie ihrer Sinne beraubt und sie zu willenlosen Opfern ihrer Leidenschaften werden lässt. Das 1887 komponierte Werk, die siebente der neun Tschaikowski-Opern, liegt zeitlich zwischen dem russischen Schlachtengemälde Mazeppa und der populären Vertonung der Puschkin-Novelle Pique Dame. Wie später Tschaikowski selbst konstatiert  „…und trotzdem wird sie bald in den Archiven verbleiben“ hat sie zu Unrecht in den Spielplänen der mitteleuropäischen Opernhäuser nur eine untergeordnete Rolle. Eine Inszenierung von David Pountney in St. Petersburg und von Tatjana Gürbaca in Antwerpen und Erfurt haben dann in den letzten Jahren doch den Fokus auf dieses beachtliche Werk gerichtet.

Obwohl im 15. Jahrhundert spielend, zielt die Oper in ihrer Thematik und Problematik auf das Russland des 19. Jahrhunderts an. Die selbstbewusste, sich ihren Lebensunterhalt verdienende Nastasia, scheut sich nicht, dem Prinzen ihre Liebe als erste zu bekennen. Sie begreift ihre Position als Außenseiterin und hat die Klugheit und auch die Kraft, sich ihre Existenz immer wieder zu erkämpfen. Ihre gegen die Doppelmoral der Kirche gewandte Haltung unterscheidet sie von der Fürstin, mit der sie andererseits ein ähnliches Schicksal teilt. Beide müssen sich gegen eine vom Patriarchat bestimmte Gesetzgebung wehren. Die lyrische, dem Volkslied verhaftete, auf weichen Holzbläser- und Streicherklang gestellte musikalische Gestalt der Wirtin Nastasia ist dem metallisch getönten, schärferen, mit schneidenden dynamisch akzentuierten Orchesterklängen der Fürstin gegenübergestellt. Das Liebespaar Nastasia und Juri sind hingegen durch weiche Klänge und fließende Melodik hervorgehoben. Tschaikowskis Hass auf die Kirchenmoral seiner Zeit ist nicht nur thematisch im Werk vorhanden, sondern auch musikalisch. Nicht nur dem Geläut zum Gottesdienst wird eine Volksweise entgegengesetzt, sondern auch Nastasias Tod wird mit einer nach alten Vorbildern gesetzten Kirchenweise beklagt. Das war als Affront gegen die zeitgenössische Kirche und ihre Rituale gemeint und wurde auch so verstanden. Demgegenüber wirken die musikalischen Charakteristika des alten Fürsten eher blass und farblos. Hier dominieren stereotype konventionelle, am italienischen Opernstil der Zeit angelehnte Elemente.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern© Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern © Stofleth

– Handlung Erster Akt: Außerhalb der Stadt betreibt Nastasia (Elena Guseva, Sopran), genannt Kuma, eine Gastwirtschaft, in der die Männer trinken, spielen, kämpfen und sich mit Frauen treffen. Man schimpft auch viel über die korrupten und bigotten Politiker und Kirchenleute. Die Fähigkeit Kumas, die Gäste zu beeinflussen, macht die Frauen der Männer eifersüchtig und man sagt ihr übernatürliche Kräfte nach. Als der Sohn des Fürsten, Prinz Juri (Migran Agadzhanyan, Tenor) vorbeikommt, verliebt sich Kuma sofort in ihn, kann sich aber nicht überwinden, ihn einzuladen. Kurz darauf taucht der Fürst (Evez Abdulla, Bariton) selber mit seinem Schreiber Mamirow (Piotr Micinski, Bass) auf. Alle wollen in Panik fliehen, weil der konspirative Ort dem Fürsten ein Dorn im Auge ist und Mamirow droht auch gleich, man solle die Wirtschaft niederbrennen. Kuma aber versucht auf ihre Weise, die Situation zu retten: sie schmeichelt dem Fürsten, lädt ihn zum Wein ein und überzeugt ihn, dass ihre angebliche Zauberkunst nur besondere Liebenswürdigkeit ist. Sie bringt den Fürsten sogar so weit, Mamirow mit auftretenden Gauklern tanzen zu lassen. Gedemütigt schwört dieser Rache, während der Fürst, völlig beeindruckt von Kuma, seinen Diamantring als Bezahlung in seinen leeren Becher fallen lässt.

Zweiter Akt: Die Eifersucht der Fürstin (Ksenia Vyaznikova, Mezzosopran) wird durch Mamirow weiter genährt, der verspricht, Kuma zu bespitzeln. Im Sinne Mamirows, der Kumas Tod will, erzählt seine Schwester Nenila (Mairam Sokolova, Mezzosopran), die Kammerfrau der Fürstin, ihr von einem Gift, die Fürstin behauptet aber, davon nichts wissen zu wollen. Ihrem Sohn eröffnet die Fürstin, eine Frau für ihn gefunden zu haben. Der Prinz merkt aber, dass etwas seine Mutter bedrückt. Sie will ihn aber von allen schlechten Nachrichten fernhalten. Der Bettelmönch Paisi (Vasily Efimov, Tenor) wird von Mamirow engagiert, den Prinzen zu beobachten. Es kommt zum offenen Streit zwischen dem Fürst und der Fürstin, die droht, die heimliche Affäre ihres Mannes den Vertretern der Kirche anzuzeigen. Als einige Diebe Waren in den Fürstenpalast bringen, wirft das Volk Mamirow vor, es zu berauben. Als Ausschreitungen drohen, stellt sich Prinz Juri öffentlich auf die Seite der Bürger und fällt damit bei seinen Eltern in Ungnade. Als er von der angeblichen Affäre seines Vaters erfährt, schwört er, seine Mutter zu rächen.

Dritter Akt: In ihrem Zimmer gesteht der Fürst Kuma seine Liebe, die sie nicht erwidert. Gegen sein weiteres Drängen kann sie sich nur mit einem Messer schützen und der Fürst verlässt sie. Zwei Freunde berichten ihr vom Racheplan Juris, den sie liebt. Sie stellt sich schlafend und wartet auf ihn. Der Prinz kommt mit einem Dolch in ihr Zimmer und will gerade zustechen, da ist er von ihrer Schönheit verzaubert und lässt die Waffe sinken. Kuma gesteht, dass sie nicht seinen Vater, sondern ihn liebe. Nach kurzem Zögern gibt Juri nach.

Vierter Akt: Eine Jagd in den Wäldern nimmt Juri zum Anlass, mit Kuma zu fliehen. Trotz der Warnungen seiner Freunde vor ihren angeblichen Zauberkräften will er sie im Wald treffen. Auch die Fürstin ist in den Wald gekommen, um vom Magier Kudma (Sergey Kaydalov, Bariton) ein Gift zu holen. Kuma, die von ihren Gefährten in den Wald gebracht und verabschiedet wurde, trifft auf die als Pilgerin verkleidete Fürstin, die ihr Wasser aus einer Quelle anbietet. Heimlich hat sie das Gift hineingemischt. Auf die nahenden Jagdhörner hin entfernt sich die Fürstin. Juri trifft auf Kumaund beide freuen sich, miteinander fliehen zu können, da stirbt sie in seinen Armen. Als die Fürstin den Mord zugibt, verflucht ihr Sohn sie, sie aber lässt Kumas Leiche in den Fluss werfen. Auch der Fürst tritt auf, will seinem Sohn aber nicht glauben, dass Kuma tot ist. In dem folgenden Streit tötet er ihn. Zu spät erkennt der Fürst, was er getan hat und verfällt dem Wahnsinn.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

In Lyon hatte man nun den ukrainischen Regisseur Andriy Scholdak (humorvoll als der „ukrainische Frank Castorf“ betitelt) verpflichtet, dessen besondere Vorliebe den mythologische Frauenfiguren gilt, die bei ihm als explosives Zentrum der Welt dargestellt werden. Das Regieteam um ihn (Regie, Bühne und Licht) mit Daniel Scholdak (Bühne), Simon Machabeli (Kostüme) und Étienne Guiol (Video) befreiten die Oper von jedweder dunklen russischen Melancholie und Schwere und verzichteten ebenso auf eine banalisierende Aktualisierung. Man lud vielmehr dazu ein, sich auf die handelnden Charaktere einzulassen, die sich in der unmittelbaren Wirkung der eigentlich im Zentrum stehenden Nastasia befinden. Sie „becirct“ durch überbetontes „Aushauchen“ ihrer Energie mit ihrer angeborenen erotischen Kraft die Personen in ihrem Umfeld zuerst und treibt dann diejenigen, die sich ihrer Anziehungskraft unterwerfen, ähnlich wie Bizets Carmen auf ein Verbrechen zu. Voller Leidenschaft, Erotik und Intensität führt ihr Lebensweg und Schicksal sie schließlich in den Tod. In den über 10 Wochen dauernden intensiven Probenarbeiten entwickelte sich darüber hinaus ein surrealistisches Ideenkonzept mentaler Realität mit einer gigantischen Aneinanderreihung von zum Teil chaotischen Elementen, bei dem in drei wesentlichen beweglichen Bühnenteilen gearbeitet und gespielt wurde. Eine Kirche, eine Fürstenwohnung und das Wirtshaus unterstrichen die Zwischenbeziehungen der handelnden Personen und splitten die Handlungsebenen in drei Parallelwelten auf. Die Rolle des „Zeugen“ in Gestalt eines diabolischen Priesters und KGB Agenten bekam der Schreiber Mamirow erst durch die Interaktion zwischen Regie und Künstlern während dieser Probenzeit, in der der Darsteller Piotr Micinski ganz besonders den Regisseur mit seiner schauspielerischen Kraft überzeugte. Dieser zum falschen Prediger mutierte Mamirow trieb dann mit „Virtual Reality Brille“ die Figuren der Oper erbarmungslos ins Verderben. Er verschaffte sich nun als Priester unaufhörlich Einblicke in reale und virtuelle Welten. Schon vor und während der Ouvertüre installierte er eine Videokamera in die Augen des Gekreuzigten. Scholdak knüpfte damit an Tschaikowskis Kritik an der Macht der Kirche an. Durch die VR-Brille erhielt er nun Einblicke in die verschiedenen Betrachtungsweisen von der reinen Liebe bis hin zur Pädophilie. Er hielt die Fäden in der Hand und führte alle Liebenden letztendlich in die Katastrophe. Nach dreieinhalb Stunden intensivem Musiktheater leerte sich die Bühne bis auf die Fassade des Wirtshauses. Was blieb? Ein tennisspielender Priester in grellgrünem Trainingsanzug – allein in seiner Selbstzufriedenheit.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Musikalisch bescherte der Abend in Lyon Hochgenuss. Die aus Kurgan in Sibirien stammende Sopranistin Elena Guseva gab eine Nastasia mit hell strahlendem, leuchtenden Sopran. Die international gefeierte und zuletzt an der Wiener Staatsoper als Polina (Der Spieler) und Cio-Cio-San engagierte Sängerin gestaltete die äußerst anspruchsvolle Partie mit bestens sitzendem Sopran, klug und sicher auf dem Atem singend mit enormen kraftvollen und dramatischen Reserven. Besonders in der bekannten Arie der Nastasia im ersten Akt, in der sie die Sehnsucht nach Freiheit beschwört, und in der sie von Prinz Juri traumhaft, fast absentiert schwärmt. Auch im dritten Akt gelingt ihr in stimmlich betörender Manier, zunächst die Abweisung des Fürsten und dann die auf magische Weise anmutende Wandlung Juris vom hasserfüllten Rächer zum entflammten Liebhaber. Im vierten Akt schließlich ahnt sie in einer ergreifend gesungenen Arie ihren Tod und träumt voller Sehnsucht vom Entfliehen, vom Jammer, Elend und Leid in dieser Gesellschaft.

Evez Abdulla (Fürst, Bariton) studierte an der Musikakademie in Baku und wurde anschließend Mitglied des Ensembles der Nationaloper Aserbaidschans. Seit 2010 singt der Bariton überwiegend an bekannten Häusern in Europa. Zudem ist er festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim. Die Rolle des Fürsten gelang ihm mit drohendem heldischem Klang und beeindruckender Stimmführung. Man nahm ihm die „Liebe auf den ersten Blick“ sowie die Faszination von der Gastwirtin sofort ab. Besonders in der Arie im zweiten Akt singt er mit sicher gestaltender Stimme und tappt glaubwürdig in die Falle des Strippenziehers Mamirow, bei dem er seine Liebe zu Nastasia unverhohlen zugibt und damit den Schicksalslauf mit seinem finalen Wahnsinn unaufhaltsam vorantreibt.

Ksenia Vyaznikova (Fürstin, Mezzosopran) stammt aus Moskau und ist eine international erfahrenen Mezzosopranistin. Sie gestaltete die Rolle der eifersüchtigen und sich betrogen wähnenden Herrscherin mit sicher gestaltender Stimmführung, die mit metallisch prägnantem dunklen Klang und reich an kraftvoller Dramatik bestach und ihre Gefühlslagen von Liebe, Eifersucht und Hass eindringlich Form annehmen ließ. Besonders beim Aufeinandertreffen auf ihren Gatten im zweiten Akt, wo sie versucht, ihm Nastasia auszureden, zog sie alle Register ihrer Gesangskunst von der bittend lyrischen Feinheit und Finesse, bis zur drohenden dramatischen Geste an den Gatten. Im vierten Akt wurde im Duett mit Nastasia während der Vergiftungsszene das komponierte Farbspiel und die Gegensätzlichkeit in der Musik Tschaikowskis besonders deutlich. Einerseits wurden die hellen weichen Bögen für die Zauberin und andererseits hier die dunklen Klänge der Fürstin mit voller Hingabe und totbringender Überzeugung von der Mezzosopranistin zum Ausdruck gebracht.

Der jüngst an der Deutschen Oper Berlin als umjubelter Don José engagierte, aus Armenien stammende und in Sankt Petersburg studierte Tenor (Komponist und Dirigent) Migran Agadzhanyan sang den Prinzen Juri mit kraft- und ausdrucksvoller Stimme. Sicher in der Höhe und ebenso überzeugend in den intimeren Passagen. Sein an Obertönen reicher Tenor strahlt mühelos über das Orchester und harmonierte ganz besonders intensiv mit den anderen Gesangsstimmen. Einen der Höhepunkte gestaltete er beim Duett mit seiner Mutter im zweiten Akt, wo er um Seelenruhe, Glück und Freude bittend sein Herz ausschüttet und ihr helfend die Wahrheit über ihre Betrübtheit entlocken wollte. Im finalen Akt träumte er schließlich selbstverloren von seiner Liebe und bedauerte, sich von ihr während der Flucht getrennt zu haben. Auch hier zeigte er sowohl kraftvollen, metallischen Glanz als auch lyrische mit feinem Legato behaftete Gestaltung. Man darf gespannt sein, wie sich seine noch junge Karriere international weiterentwickeln wird.

Piotr Micinski nahm eine Sonderrolle ein, denn er wurde als Figur zur zentralen Gestalt der Produktion. Er genoss förmlich den schauspielerischen Raum, dem ihm die Regie gegeben hatte. Als Geistlicher, Schachspieler, Sadist, Teufel und zuletzt als Tennisspieler in giftgrünem Outfit gab er den hasserfüllten, wandlungsfähigen KGB-Agenten Mamirow mit tiefem, sicher intonierenden schelmisch schwarzen Bass. Anders als in der Vorlage Tschaikowskis trieb er das Schicksal seiner Mitspieler von Beginn an ins Verderben.

Mairam Sokolova trat als Nenila, Schwester Mamirows und Kammerfrau der Fürstin in der giftigen Atmosphäre des zweiten Aktes als Verbündete des nach Rache dürstenden Bruders auf. Mit dramatischem und überzeugendem Mezzosopran offerierte sie ihrer Herrin das „Dröhnkraut“ auf dem Wendestein (in Scholdaks Regie ein radioaktives Gift aus dem Aktenkoffer), das das Drama zu medizinisch tödlichem Ende brachte.

Das gesamte Gesangsensemble bestehend aus den erfahrenen internationalen Sängerinnen und Sängern Vasily Efimov (Paisi, Vagabund, Tenor), Sergey Kaydalov (Kudma, Magier, Bariton), Oleg Budaratskiy (Ivan Jouran, Jagdmeister, Bass-Bariton), Christophe Poncet de Solages (Lukasch, Kaufmannssohn, Tenor), Simon Mechlinski (Foka, Onkel Nastasias, Bariton), Clémence Poussin (Polja, Freundin Nastasias, Sopran), Daniel Kluge (Balakin, Kaufmann, Tenor), Roman Hoza (Potap, Kaufmannssohn, Bass-Bariton) und Evgeny Solodovnikov (Kitschiga, Faustkämpfer, Bass) wurde speziell für diese neue, in Frankreich erstmals szenisch aufgeführte Produktion zusammengestellt. Die durch die Regie notwendigen körperlichen Anstrengungen und Besonderheiten schränkten sie in keinster Weise dabei ein, mit einer hohen gesanglichen und darstellerischen Qualität zu überzeugen.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Hervorzuheben ist auch der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Christopher Heil), der an zwei aufeinanderfolgenden Abenden eine Neuproduktion zu absolvieren hatte. An dem Abend war er nie zu sehen, aber umso eindringlicher wahrzunehmen. Die rund 35 Chormitglieder sangen äußerst präzise, wuchtig und drohend, die Emotionen der verschiedenen Farbschichten in der Musik stimmlich gestaltend. Besonders gelang dies im Schlusschor und dem finalen Chor der Männer. Schade nur, dass zum Schlussapplaus weder Chor noch Chorleiter bejubelt werden konnten.

Am Pult stand der junge aus Mailand stammende Dirigent Daniele Rustioni. Nach ersten internationalen Erfahrungen u.a. in London, Mailand und Bari ist er seit der Spielzeit 2017/18 Generalmusikdirektor der Opéra de Lyon. Gerade wurde er vom irischen Ulster Orchestra ab September 2019 zum neuen Chefdirigenten bestellt. Sein Orchester führte er mit feinster Präzision und wohltuender Balance zwischen den wuchtigen Phrasen des reinen Orchesterklangs und der überaus guten Hörbarkeit sämtlicher Sängerstimmen und des Chores. Man hört, dass er künftig auch häufiger in München zu erleben sein wird. Sein jetziger und auch dann künftiger Intendant weiß eben, was er tut.

Das Publikum der ausverkauften Opéra de Lyon würdigte die musikalische Leistung des Abends mit frenetischem Beifall für alle Beteiligten. Das Regieteam um Andrij Scholdak stand zwischen kräftigen Missfallenskundgebungen besonders aus den oberen Rängen und überwiegenden Beifallsstürmen.

Die Zauberin an der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 19.3., 22.3., 24.3., 27.3., 29.3. und 31.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Die 107. Bayreuther Festspiele beginnen, IOCO Aktuell, 25.07.2018

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2018

Lohengrin, Parsifal, Tristan, Meistersinger, Holländer, Walküre

Von Patrik Klein

Am 25. Juli eines jeden Jahres beginnen auf dem Grünen Hügel in Bayreuth die Bayreuther Festspiele; den Hauptwerken Richard Wagners gewidmet. In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen 1797 – 1888) wurde am 13.8.1876 die erste Festspielsaison in Bayreuth mit Rheingold und höchst prominenten Gästen wie König Karl von Württemberg, Friedrich Nietzsche, Anton Bruckner, Franz Liszt, Leo Tolstoi, Camille Saint-Saents eröffnet. Der menschenscheue König Ludwig II. (1845 – 1886), Finanzier und Wagnerverehrer, fehlte zur Eröffnung; doch hatte er Tage zuvor den Generalproben und später einem Ring-Zyklus beigewohnt. 58.000 Besucher, verschworene Wagnerianer,  „pilgern“ seither jedes Jahr zu den Bayreuther Festspielen. Die Festspiele zählen zu den bekanntesten wie meist besprochenen Festspielen der Welt. IOCO wird mit sechs Korrespondenten alle Bayreuther Produktionen besuchen und für IOCO – Besucher besprechen.

Spielplan 2018  –  Hintergründe

Richard Wagner Büste © IOCO

Richard Wagner Büste © IOCO

Am 25. Juli 2018 beginnen die 107. Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung des Lohengrin. Die Regie liegt in den Händen von Yuval Sharon (der mit israelischen Wurzeln versehene Regisseur arbeitete unter anderem an der Deutschen Oper Berlin, bei den Bregenzer Festspielen und an der Oper von San Franzisco. Zu seinen neueren Arbeiten zählt Péter Eötvös’ Tri Sestri an der Wiener Staatsoper. Seine Inszenierung der Oper Doctor Atomic von John Adams 2014 am Staatstheater Karlsruhe erhielt den Götz-Friedrich-Preis). Für die Ausstattung zeichnen Neo Rauch und Rosa Loy verantwortlich. Beachtenswert dürfte Piotr Bezcala als Lohengrin nach der höchst unwürdigen Absage von Roberto Alagna und die Rückkehr von Waltraud Meier als Ortrud auf den Grünen Hügel sein. Die musikalische Leitung zum Lohengrin hat Christian Thielemann. Der Musikdirektor der Festspiele wird dann jedes der Hauptwerke Wagners auf dem Grünen Hügel dirigiert haben. Daneben stehen Der fliegende Holländer, Die Meistersinger von Nürnberg, Tristan und Isolde und Parsifal auf dem Spielplan. Um im ersten ringfreien Jahr eine möglichst große Zahl unterschiedlicher Produktionen zeigen zu können, wird zudem Die Walküre aus dem abgespielten Castorf-Ring noch einmal in drei Einzelvorstellungen präsentiert. Am Pult steht hier kein geringerer als Plácido Domingo.

IOCO Kultur im Netz berichtete 2017 ausführlich über Produktionen in Bayreuth, wie den Rings des Nibelungen, den sogenannten Castorf-Ring, Parsifal oder Die Meistersinger von Nürnberg. 2018 wird IOCO erneut mit mehreren Korrespondenten leidenschaftlich, mit offenen Augen und „gespitzten“ Ohren den Aufführungen im Festspielhaus beiwohnen und darüber berichten.

Die Bestätigung der im Herbst bestellten Tickets sind mittlerweile erfolgt. Ein weiteres Kontingent an Karten kommt demnächst in den Onlineverkauf. Voraussichtlich am 18. März 2018 um 14 Uhr wird der Verkauf von Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele 2018 im Online-Soforterwerbs-Verfahren beginnen, das heißt, ohne oftmals langjährige und lästige Wartezeiten.

Für sämtliche Aufführungen der Bayreuther Festspiele 2018 sind Eintrittskarten für Online-Bestellungen und schriftliche Bestellungen und für Online-Sofortkauf-Tickets abrufbar unter: http://www.bayreuther-festspiele.de/tickets-service/agb/

Kartenbestellungen werden nur im Internet (http://ticket.btfs.de) oder in schriftlicher Form (Bestellschein an: Bayreuther Festspiele GmbH · Kartenbüro · Postfach 100 262 · 95402 Bayreuth) angenommen.

 Palast am Canale Grande in Venedig - Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

Palast am Canale Grande in Venedig – Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

Bayreuther Festspiele – Spielplan 2018

Besetzungen – Änderungen vorbehalten

LOHENGRIN –  25.7.; 29.7.; 2.8.; 6.8.; 10.8.2018

Musikalische Leitung Christian Thielemann
Regie Yuval Sharon
Bühne Neo Rauch, Rosa Loy
Kostüm Rosa Loy, Neo Rauch
Chorleitung Eberhard Friedrich
Licht Reinhard Traub

Heinrich der Vogler Georg Zeppenfeld
Lohengrin Piotr Bezcala  (Roberto Alagna hat kurzfristig abgesagt)
Elsa von Brabant Anja Harteros
Friedrich von Telramund Tomasz Konieczny
Ortrud Waltraud Meier
Der Heerrufer des Königs Egils Silins

  1. Edler Michael Gniffke
  2. Edler Eric Laporte
  3. Edler Raimund Nolte
  4. Edler Timo Riihonen

Termine: Mittwoch, 25. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 29. Juli 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 02. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 06. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 10. August 2018, 16:00 Uhr


PARSIFAL: 26.7.; 1.8.; 14.8.; 19.8.; 25.8.2018

Musikalische Leitung Semyon Bychkov
Regie Uwe Eric Laufenberg
Bühne Gisbert Jäkel
Kostüm Jessica Karfe
Licht Reinhard Traub
Video Gérard Naziri
Dramaturgie Richard Lorber
Chorleitung Eberhard Friedrich

Amfortas Thomas J. Mayer
Titurel Tobias Kehrer
Gurnemanz Günther Groissböck
Parsifal Andreas Schager
Kundry Elena Pankratova
Klingsor Derek Welton

Termine: Donnerstag, 26. Juli 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 01. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 08. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 14. August 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 19. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 25. August 2018, 16:00 Uhr


 Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten © Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten © Rainer Maass

TRISTAN UND ISOLDE: 27.7.; 13.8.; 16.8.; 20.8.; 24.8.; 28.8.2018

Musikalische Leitung Christian Thielemann
Regie Katharina Wagner
Bühne Schlößmann; Lippert
Kostüm Thomas Kaiser
Dramaturgie Daniel Weber
Licht Reinhard Traub
Chorleitung Eberhard Friedrich

Tristan Stephen Gould
Marke René Pape, Georg Zeppenfeld
Isolde Petra Lang
Kurwenal Iain Paterson
Brangäne Christa Meyer

Termine: Freitag, 27. Juli 2018, 16:00 Uhr; Montag, 13. August 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 16. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 20. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 24. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 28. August 2018, 16:00 Uhr


DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG –  28.7.; 5.8.; 11.8.; 17.8.; 21.8.; 27.8.2018

Musikalische Leitung Philippe Jordan
Regie Barrie Kosky
Bühne Rebecca Ringst
Kostüm Klaus Bruns
Chorleitung Eberhard Friedrich
Dramaturgie Ulrich Lenz
Licht Franck Evin

Hans Sachs Michael Volle
Veit Pogner Günther Groissböck
Sixtus Beckmesser Johannes Martin Kränzle
Fritz Kothner Daniel Schmutzhard
Walther von Stolzing Klaus Florian Voigt
David Daniel Behle
Eva Emily Magee

Termine: Samstag, 28. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 05. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 11. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 17. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 21. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 27. August 2018, 16:00 Uhr


DER FLIEGENDE HOLLÄNDER:  30.7.; 3.8.; 7.8.; 12.8.; 22.8.; 26.8.2018

Musikalische Leitung Axel Kober
Regie Jan Philipp Gloger
Bühne Christof Hetzer
Kostüm Karin Jud
Chorleitung Eberhard Friedrich
Dramaturgie Sophie Becker
Licht Urs Schönebaum

Daland Peter Rose
Senta Ricarda Merbeth
Erik Tomislav Muzek
Mary Christa Mayer
Der Steuermann Rainer Trost
Holländer Greer Grimsley, John Lundgren

Termine: Montag, 30. Juli 2018, 18:00 Uhr; Freitag, 03. August 2018, 18:00 Uhr; Dienstag, 07. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 12. August 2018, 18:00 Uhr; Mittwoch, 22. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 26. August 2018, 18:00 Uhr


DIE WALKÜRE – 31.7.; 18.8.; 29.8.2018

Musikalische Leitung Plácido Domingo
Regie Frank Castorf
Bühne Aleksandar Denic
Kostüm Adriana Braga Peretzki
Licht Rainer Casper
Video Andreas Deinert, Jens Crull
Technische Einrichtung Karl-Heinz Matitschka

Siegmund Stephen Gould
Hunding Tobias Kehrer
Wotan Greer Grimsley, John Lundgren
Sieglinde Anja Kampe
Brünnhilde Catherine Foster
Fricka Marina Prudenskaya

Termine: Dienstag, 31. Juli 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 18. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 29. August 2018, 16:00 Uhr


Alle Informationen und weitere Details können auf der Internetseite www.bayreuther-festspiele.de eingesehen werden.

—| Pressemeldung Bayreuther Festspiele |—

München, Residenztheater, Don Juan oder Die Irrwege des Frank Castorf, IOCO Kritik, 20.07.2018

Juli 21, 2018 by  
Filed under Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON JUAN  –  Jean Baptiste Moliere

Die Irrwege des Frank Castorf

Von Hans-Günter Melchior

Es ist das gewohnte Castorf- bzw. Denic-Bild. Ein mehrstöckiges Holzhaus, im Parterre oder auf einer Art Balkon wuselt die Handlung – schwer erkennbar, ist aber über Videos auf herabhängenden Bildschirmen zu verfolgen. Dazu die Coca-Cola-Reklame, damit jeder weiß: das ist nicht das 17. Jahrhundert, in dem der in jeder Hinsicht heruntergekommene und von Don Juan repräsentierte Adel seine Vormachtstellung verspielt, das ist Neuzeit, und zwar krudeste Neuzeit im Spätkapitalismus, der das Wetterleuchten des Untergangs eines maroden Systems anzeigt. Wie dazumal, als sich der Adel die unerhörtesten Freiheiten herausnahm und moralisch wie gesamtgesellschaftlich abwirtschaftete.

Jean-Baptiste Molière - La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Jean-Baptiste Molière – La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Man tut gut daran, vor dem Theaterbesuch das Stück Don Juan von Moliere noch einmal gründlich zu lesen. Die Aufführung dauert zwar nicht weniger als 4 ½ Stunden, deutlicher wird dadurch aber nicht, was Moliere uns sagen wollte. Vielmehr schwimmen Handlungsinseln in einem Ozean aus Assoziationen, Anspielungen, Literaturbezügen (George Batailles ausschweifende Sexualphantasien, Zitate aus Werken von Heiner Müller und Alexander Puschkin) philosophischen Zitaten (Blaise Pascals berühmtes Diktum, das Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht allein im Zimmer sitzenbleiben könne) und musikalischen Untermalungen, ohne sich zu einem plausiblen Zusammenhang zu fügen. Sogar Tiere treten in Aktion, Ziegen zum Beispiel, die in einem Käfig, zum Teil auch frei über die Bühne laufen. In der Tat: es ist was los bei Castorf, Action ist angesagt, Action und immer wieder Action im Lärm.

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Was richtig verstimmte ist der Umstand, dass sich der Regisseur im Vergleich mit dem Autor offenbar für den Besseren hält –, freilich, ohne ein eigenes Stück zu schreiben oder schreiben zu können, sondern das vorhandene, das ihm offenbar nicht deutlich genug ist, zu verhackstücken. Was dabei herauskommt, ist eine Melange aus Gedankensplittern und Montagen, die streckenweise – zugegeben: widerwillig wird es registriert – recht unterhaltsam sind, zum Teil aber schmerzlich langweilig. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Und vor allem: es geht viel zu viel von Molieres Ironie verloren. Die Leichtigkeit dieses genialen Dichters. Castorf hat aus der scharfzüngigen Kritik Molieres an der Verworfenheit des Adels ein schwergewichtiges und plumpes Drama gemacht, das vor augenzwinkernden Bezugnahmen trieft und offenbar alle Welträtsel im Handumdrehen lösen soll.

Wo bleibt zum Beispiel die herrlich devote Haltung des Dieners Sganarell, der am Gesicht seines Herrn Don Juan die Missbilligung abliest und sich mitten im kritischen Satz über den Lebenswandel des Adeligen um die eigene Achse dreht und das Gegenteil dessen sagt, was er eigentlich sagen will? Der Sganarell wurde völlig gestrichen. Seine Rolle spielt Pierrot (herrlich komödiantisch und sprachlich unbeholfen freilich Marcel Heupermann im Bericht über die Rettung der um ihr Leben Schwimmenden), der zugleich den Bräutigam des schönen Bauernmädchens Charlotte (Nora Buzalka) gab. Und warum geht Don Juans hohe Kunst des Abwimmelns (die Kunst eines Bilderbuchbetrügers)  des Gläubigers Dimanche, den er mit lauter Höflichkeiten einwickelt, bis dieser sein Anliegen vergisst oder vorzutragen versäumt, in einem beiläufig am Bühnenrand in französischer Sprache geführten Palaver unter?

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Den Diener gibt es nur einmal, Don Juan hingegen zweimal (Aurel Manthei und Franz Pätzold). Warum? Eingesehen hat es der Rezensent nicht.

Schade also, dass sich das herrliche Stück träge viereinhalb Stunden lang über die Bühne wälzt. Wo doch so wunderbare Schauspieler (wie zum Beispiel Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als La Ramée und Farah O´Bryant als Mathurine) für eine bittere, bitterböse Komödie zu Verfügung standen.

Nach der Pause war viel Platz im Theater

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Tristan – Parsifal – Festspiel-Erlebnisse, IOCO Aktuell, 20.08.2017

August 19, 2017 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, IOCO Aktuell, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Bayreuther Festspiele 2017 – Mitreißende IOCO Erfahrungen

Tristan und Isolde, Götterdämmerung, Parsifal, IOCO – Redaktionstreffen, Begegnung mit Richard Wagners Urenkelin Katharina Wagner

Von  Patrik Klein

Seit beinahe 30 Jahren reisen meine Frau und ich regelmäßig nach Bayreuth zu den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Doch 2017 ist anders als die vielen Jahre zuvor: Erstmals fungiere ich in Bayreuth offiziell als IOCO Koordinator: IOCO Redaktionsmitglied Dr. Hanns Butterhof, besuchte die vier Vorstellungen des Ring des Nibelungen, den Castorf – Ring 2017 und veröffentlichte bei www.ioco.de seine packende Rezension. IOCO – Kollege Dr. Albrecht Schneider wird die Meistersinger, inszeniert von Barrie Kosky, noch besuchen und ebenso bei IOCO berichten. Als IOCO – Koordinator für die Bayreuther Festspiele nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, das Kulturportal IOCO, meine Kollegen und mich bei Peter Emmerich, Leiter Marketing und Presse der Bayreuther Festspiele, vorzustellen. In seinem Büro sitzend, IOCO vorstellend, trat plötzlich und völlig unerwartet Katharina Wagner herein, setzte sich zu uns und nahm interessiert wie aktiv an unserem Gespräch teil. Da meine Frau und ich Karten für Tristan und Isolde hatten, Petra Lang (Isolde) aber wegen Indisposition durch Ricarda Merbeth ersetzt wurde, unterhielten wir uns mit Katharina Wagner angeregt über Nöte kurzfristiger Umbesetzungen, die Bayreuther Festspiele allgemein wie auch Ziele und Schwerpunkte des Kulturportales www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz GmbH. Eine für mich wunderbare Erfahrung, all dies im Herzen der Festspiele persönlich wie intensiv kommunizieren zu können.

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Die folgenden Tage in Bayreuth bestanden aus dem Besuch von Tristan und Isolde, Götterdämmerung und dem Spätwerk des Meisters, Parsifal. Dazu im Hotel Goldener Löwe eine kleine Redaktionssitzung zu aktuellen wie zukünftigen Zielen von IOCO; mit Viktor Jarosch und Dr. Hanns Butterhof. Dr. Butterhof besuchte und rezensierte bereits den Bayreuther  Castorf – Ring 2017 (link hier).

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan, Götterdämmerung, Parsifal – Kurze Eindrücke

Tristan und Isolde: Die Musik Richard Wagners geht über Alles. Seine Musik geht durch Mark und Bein; sie regt auf; sie regt an zum Nachdenken, zum Träumen und zum Weinen. Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners, versteht es blendend in Ihrer Inszenierung von Tristan und Isolde Spannung aufzubauen, Spannung welche fasziniert. Sie schafft es, innere Seelenbilder „sichtbar“ zu machen. Ähnlich der Ruth Berghaus Inszenierung in Hamburg setzt sie an bei der Vorgeschichte.

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Tristan und Isolde lieben sich seit langem, bereits seit der Vorgeschichte in Irland (1. Akt „Dein Elend jammerte mich“ in Liebe-unterstreichender Tonart). König Marke wird nicht als etwas dümmlicher Opa charakterisiert, sondern ist Diktator, Schurke, Egoist. Die Handlung der Katharina Wagner – Inszenierung ist folgerichtig und klug durchdacht. Tristan und Isolde  brauchen keinen Liebestrank (mir klopft das Herz). Sie schütten ihn sogar weg u.v.m. Im zweiten Akt wird deutlich, dass sie wissen, dass dies ihre letze Nacht (Liebesnacht) werden wird. Der dritte Akt endet nicht wie so oft mit einem verklärten Liebestod (Wagner hat nie geschrieben, dass sie stirbt); Isolde spielt noch ein wenig mit der Leiche ihres Geliebten und wird dann schroff von Marke in ihre Kammer gezerrt. Atemberaubend und großartig dargestellt. Das Orchester der Bayreuther Festspiele ist „des Wahnsinns fette Beute“. Am Beginn des dritten Aktes kann man die Tränen angesichts der Schönheit der Musik nicht mehr zurückhalten. Warum auch?

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde – Schlussapplaus © Patrik Klein

Christian Thielemann dirigiert perfekt; flüssig; an manchen Stellen innehaltend; wuchtig; solide; abenteuerlich. Es ist eine Freude. Der Gesang ist besser als befürchtet. Grandios mit allesüberstrahlendem Bass René Pape. Kraftvoll bis zum letzten Atemzug der Tristan von Stephen Gould. Ricarda Merbeth singt ordentlich von der Seite für die erkrankte Petra Lang. Frau Lang spielt stumm. Die Brangäne wird von der wohlklingenden Christa Mayer dargestellt. Insgesamt sind die Stimmen bis auf René Pape wenig textverständlich. Obwohl ich den Text der Oper Tristan und Isolde recht gut kenne, sehnt man die fehlenden Übertitel herbei. Großer Jubel und Getrampel nach sechs Stunden spannendem Musiktheater.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Finale © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Finale © Enrico Nawrath

Götterdämmerung: Da Dr. Hanns Butterhof bereits ausführlich über den Ring berichtete, hier mein kurzer Eindruck von der Castorfschen Apokalypse des Kapitalismus. Die Vorstellung gerät, wenn man die drei vorherigen Teile nicht sehen konnte, leicht zu einer Reizüberflutung größten Ausmaßes. Nie zuvor war ich nach einer Götterdämmerung emotional so fertig und scheinbar überrannt. Doch die Musik war umso erstaunlicher. Marek Janowski dirigierte vor Kurzem mit dem NDR Elbphilharmonieorchester und Weltklassesängern ein großartiges Rheingold in der Elbphilharmonie Hamburg. Die musikalisch hohe Qualität setzte sich hier in Bayreuth   nahtlos fort.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Schlussapplaus © Patrik Klein

Janowski dirigiert zügig; sehr zügig, aber spannend und facettenhaft. Das machte Spaß. Die Sängerriege kurzum großartig erhielt Zuspruch ohne Einschränkungen. Es ist wunderbar, ein solches gleichförmiges Niveau erleben zu dürfen. Der Chor unter Eberhard Friedrich singt im Weltklassemodus. Man wünscht sich als Hamburger an dieser Stelle, dass es ihm gelänge, dies auch an der Hamburgischen Staatsoper häufiger umzusetzen.

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“, so der Dalai Lama. Parsifal bei den Bayreuther Festspiele 2017: Ein Ereignis.  Regisseur Uwe Eric Laufenberg gibt zu denken; er provoziert mit sanften Bildern, nicht wie gestern der Chef des aktuellen Ringes. Seine Bilder rauben mir den Atem. Wir befinden uns in Mossul, wenn ich die Raumfahrt über google earth richtig gedeutet habe. In einer beschädigten Kirche, die nachts Flüchtlingen Unterschlupf gewährt. Soldaten queren und in der Kuppel sitzt eine Gestalt auf einem Stuhl, blau gekleidet mit schwarzen Locken…starr und stumm…sie wird uns die ganzen 4 Musikstunden begleiten, nichts sagen, nichts tun, nur ab und an mal angestrahlt; die machtlose Mutter Gottes? Die Gralsritter wirken hektisch und es lauert Gefahr. Gurnemanz (überragend Gerd Zeppenfeld) weist den schwantötenden Parsifal (Andreas Schagerl in Bestform) in seine Schranken. Die Verwandlungsmusik wird bebildert durch eine Videowand in voller Bühnenbreite. Durch das Kuppeldach der Kirche fliegen wir in den Weltraum und sehen Sterne, Chaos und wilde Schönheit. Und wir landen wieder dort, im Irak, an der Grenze zur Türkei. Amfortas (großartig Ryan McKinny) leidet und durchlebt eine Tortur des Rituals der Gralsenthüllung. Der Chor unter Eberhard Friedrich klingt erschütternd. Amfortas wird die Wunde gewaltsam geöffnet, Blut entnommen und in den Kelch gefüllt. Verrohen die Gralshüter angesichts der brutalen Ereignisse? Im zweiten Aufzug im Reich des Klingsors (Werner Van Mechelen mit einem kraftvollen Bayreuthdebut) findet in einem Hamam statt. Die Blumenmädchen sind als Muslima getarnt und unter Burkas verhüllt. Erst als Parsifal erscheint, entledigen sie sich der Kleidung und erscheinen in farbenfrohen Gewändern. Parsifal im Dialog mit der großartigen Kundry, Elena Pankratova, wird durch Mitleid wissend und nimmt sich Kundry ordentlich zur Brust.

Bayreuther Festspiele / Parsifal - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Parsifal – Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein gefangen gehaltener Gralshüter tut es ihm gleich, während Klingsor sich in einem Kuppelraum vollgestopft mit Kreuzen mit einer Peitsche malträtiert. Im dritten Akt befinden wir uns viele Jahre später wieder im Dunstkreis Amfortas. Gurnemanz im Rollstuhl, kaum noch gehfähig, Kundry eine Greisin. Der Ort ist verwildert mit riesigen Pflanzen, die das Mauerwerk längst durchstoßen haben. Ersehntes Wasser regnet in Strömen aus den Wolken während beim Karfreitagszauber wieder ein Videoausflug stattfindet, bei dem Kundry, Amfortas und Wagners Totenmaske „erlöst“ werden. Die Schlussszene wiederholt sich wie am Anfang. Die wütenden Gralshüter fordern massiv ein letztes Mal die Enthüllung von Amfortas (der Chor sehr ausdrucksstark!). In offenem Sarg werden die religiösen Attribute der großen Weltreligionen versenkt, währenddem die Kirche aufreißt, das Licht im Zuschauerraum anschwillt und das Ensemble friedvoll in der Hinterbühne verschwinden. Der Vorhang fällt NICHT! Jubel ohne Ende für alle Beteiligten und ganz besonders für das atemberaubende Dirigat Hartmut Haenchens.

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