München, Theater am Gärtnerplatz, Im weißen Rössl – Erik Charell, IOCO Kritik, 28.03.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Im weißen Rössl  – Erik Charell

Die Urfassung – Jazz und Schlager durchsetzt – NEU nach 80 Jahren

von Daniela Zimmermann

So österreichisch es klingt, die Wurzeln des Weißen Rössl liegen tatsächlich in Berlin; in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Monarchie entwickelte sich ein anderes, neues Lebensgefühl. Man wollte sich wieder des Lebens freuen können, Spaß haben, sich amüsieren. Herr über das damalige Berliner Große Schauspielhaus mit 3.500 Plätzen war  Erik Charell, 1894 – 1974, der die Revue,  die  Revueoperette beflügelte und 1930 mit Das weiße Rössl auf Anhieb einen weltweiten Sensationserfolg schaffte. Bis heute belebt diese Operette mit ihrer erfrischenden Mischung aus Operette, Theater und Revue ein breites Publikum auf allen Kontinenten.

Die ins Herz gehende und schmissige Musik stammt von Ralph Benatzky, die mitreißenden Liedertexte von Robert Gilbert.  Erik Charell hatte ein Gespür für die damalige Zeit und für die Wünsche seines Publikums: Die Operette, Das weiße Rössl, war sein Auftragswerk, welchem das gleichnamige Alt-Berliner Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg als Vorlage diente; ein Lustspiel entstanden 1896 in der Nähe von Bad Ischl mit Anleihen bei Carlo Goldoni, 1707 – 1793; bei einem Urlaub, den Oskar Blumenthal damals dort machte. 1960 wurde Das weiße Rössl verfilmt mit Peter Alexander.

2012 wurde Das weiße Rössl, als Debut von Josef Köpplinger für das Theater am Gärtnerplatz, auf der Ersatzspielbühne im Deutschen Theater im Zelt in Fröttmaning neu inszeniert. Jetzt erst, 2019, wird die Operette erstmals im eigenen Haus, im Staatstheater am Gärtnerplatz aufgeführt.

Im weißen Rössl  –  Erik  Charell
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Joseph Köpplinger ist Österreicher; seine Inszenierung am Gärtnerplatztheater zieht alle Register der österreichischen Sommerfrische: Nächster Urlaub am Wolfgangsee!  Auch das Berlinerische kommt nicht zu kurz, wenn der Trikotagen Fabrikant (Erwin Windegger) von der Ostsee schwärmt und das bitte, im Urlaub  am schönen Wolfgangsee: Diese Sprachschmankerl sind wunderbar, pointiert komödiantisch herausgearbeitet, große Unterhaltung. Alles kommt so in Köpplingers Inszenierung zusammen: feinfühliger Humor, dazu Gefühl und Liebe wie klamaukiger Kitsch: Die wesentlichen Ingredienzien einer packenden Operette.

Michael Brandstädter spielt mit dem Orchester des Gärtnerplatztheaters lebendig auf. Es ist sein Abend, in der vor 80 Jahren geschaffenen Urfassung gespielt etwas jazzig, mit vielen Schlagern aber doch gefühlvoll. Mit Tempo verzaubert Brandstädter mit den so populären Lieder, ihrem Frohsinn und Charme  das Publikum.

Für alpenländliches Urlaubsgefühl sorgt das Bühnenbild von Rainer Sinell, der auch die Kostüme kreierte. Österreichische Tracht und Berliner Schick der 20er Jahre: dies allein hat schon seinen besonderen Reiz. Ein schiefhängendes großes Bild im Bühnenhintergrund zeigt beständig buntes Alpenpanorama. Vor diesem Bild wird geschuhplattelt und gejodelt (Choreographie Frank-Oliver Weißmann). Nicht zu vergessen die Blaskapelle, die Wandergruppen und  die herrliche Bestuhlung des Gastgartens des Weißen Rössl: bei belegten Brötchen gab es dort einen schräg kitschigen Blick auf den von Wellen bewegten See und die Berge. Um das einmalig schöne Balkonzimmer streiten sich die Gäste lauthals. Letztlich bekommt das Zimmer … Wer? Natürlich der Kaiser. Der blaue Himmel wird dann vom Schnürlregen abgelöst. Gießkannen demonstrieren den Schnürlregen, den es –  alle Welt weiß es – nur und oft im Salzkammergut gibt..

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Aber erst einmal geht es mit dem Bus und der richtig schwäbisch sprechenden Reiseleiterin, Dagmar Hellberg, deren englische Erklärungen natürlich köstlich amüsant sind, auf die große Fahrt ins Salzkammergut. Im Gasthaus zum weißen Rössl, schmachtet Zahlkellner Leopold, Daniel Prohaska,: „Es muss, was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden“!  um seine Chefin Josepha, Sigrid Hauser. Daniela Prohaskas klare schöne Tenorstimme ist für diese Partie eine ideale Besetzung. Die fesche, resolute und etwas barsch wirkende Chefin aber hat den jungen Rechtsanwalt, Dr. Siedler, aus Berlin kommend und Stammgast, (Maximilian Meyer), im Kopf. Sigrid Hauser ist ist nicht nur wunderbare Wirtin; mit feinen hohen Sopran lässt sie zarte Gefühle durchschimmern; und unterstützt dabei auch den österreichischen Folklore Gesang.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Berlin ist stets präsent in dieser Operette: Viele Gäste kommen aus Berlin, aus dem voll besetztem Reisebus, auch Dr. Giesecke mit seiner hübschen Tochter Ottilie (Iva Shell), die dem Sonnyboy Dr. Siedler nur allzu gut gefällt. Aus Sangershausen reist der schöne Sigismund an, Fabrikantensohn, der sich spontan in das lispelnde Klärchen verliebt. „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“, kann man da noch widerstehen? Klärchen ist Tochter des sparsamen und armen Privatgelehrten Prof. Dr. Hinzelmann, (Wolfgang Krasnitzer). Allein die Wirtin zeigt sich Leopold gegenüber noch immer spröde, aber da kommt der Kaiser, ganz persönlich und hilft schließlich den Beiden zu ihrem Liebesglück. So finden drei glückliche Paare zueinander.

Ankunft und Ansprache des Kaisers mit Federhaube, ist natürlich ein Höhepunkt. Kaiser Franz Josef: es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“, das geht zu Herzen. Sehr würdevoll und echt gespielt von Wolfgang Hübsch. Natürlich ist auch diese Ankunft ein folkloristisches Highlight. Felix Meyerbier schuf dazu die schräg humorige  Choreografie. Der Chor, das Volk bejubeln Ihre Majestät und sind stets sehr präsent im lebendigen Operettengeschehen auf der Bühne

Natürlich begeistert zum guten Schluss das Ballett durch eine komödiantische Revue mit tanzenden, glücklichen Kühe und dem Schmetterling als Liebessymbol. Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Österreich, wie es liebt und lebt. Ohne Zahlkellner geht kein Gastgewerbe und so bekommt, das glückliche Ende abschließend, Leopold erhät von Josepha schließlich einen Chefvertrag auf Lebenszeiten.

Das überraschend glückliche Ende der Operette wird vom erneut ausverkauften Haus ebenso froh und wohlgemut gefeiert

Im weißen Rössl am …  Gärtnerplatztheater; die weiteren Termine 11.5.; 12.5.2019

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjiew, IOCO Kritik, 02.03,2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Die Liebe zu drei Orangen  – Sergei Prokofiew

– Ein Puppenspieler und andere fantastische Gestalten –

 von Uschi Reifenberg

Bühne frei für Sergei Prokofiews satirische Märchenoper Die Liebe zu drei Orangen, zur Zeit eine der originellsten Produktionen am Mannheimer Nationaltheater. Mit der Wiederaufnahme aus dem Jahr 2014 in der Inszenierung der fabelhaften Cordula Däuper, besitzt das Nationaltheater einen langjährigen Publikumsrenner in seinem umfangreichen Repertoire.

Sergei Prokofiews märchenhaftes Werk strotzt vor überraschendem Witz und skurrilen Charakteren. Parodie, Ironie und Groteske treffen auf Fantastisches, Komisches und Irreales und verschmelzen zu einem vielschichtigen und symbolhaften Spektakel, das gleichzeitig einen theaterästhetischen Diskurs thematisiert.

Die Oper geht zurück auf eine Fabel aus der Märchensammlung Pentamerone von Giambattista  Basile aus dem Jahr 1635, die hundert Jahre später der Dichter Carlo Gozzi aufgriff und daraus eine Komödie im Stil der Commedia dell’arte schuf.

Die Liebe zu den drei Orangen  –  Sergej Prokofjiew
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Gozzi wollte die Commedia  dell’arte, die in der Renaissance Ihre Blütezeit erlebte, vor dem Verfall retten, im Gegensatz zu seinem Widersacher Carlo Goldoni, der einen natürlichen bzw naturalistischen Theaterstil einforderte. Mit Gozzi und Goldoni trafen zwei unterschiedliche Positionen aufeinander, zum einen das improvisierte Masken- und Typentheater, zum anderen eine „an den Gedanken der Aufklärung orientierte realistische Wirklichkeitsreflexion“ (Programmheft).

1913 knüpfte der bedeutende russische Regisseur Wsewolod Meyerhold, einer der wichtigsten Vertreter des revolutionären russischen Theaters an Gozzis Ideen vom Theater aus dem Geist der Commedia dell’arte an und arbeitete dessen Stück Die Liebe zu den drei Orangen zu einem szenischen Divertissement um. Meyerhold beeinflusste mit seinen Thesen eines  antinaturalistischen Theaters beispielsweise auch Bertold Brecht, Erwin Piscator, Jerzy Grotowski oder Luigi Pirandello.

Der Komponist Sergei Prokofiew, als Musiker immer am Puls der Zeit, begegnete 1917 Meyerhold und beschloss, aus besagtem Stück eine Oper zu schaffen. Als Avantgardist wandte er sich bewusst gegen die Opernkonventionen des späten 19. Jahrhunderts mit ihrer Mystik und ihrem romantischen Pathos Wagnerscher Prägung. Die Liebe zu drei Orangen reizte Prokofiew nicht nur aufgrund seiner Mischung aus Scherz und Satire, sondern auch „wegen seiner szenischen Wirksamkeit“ (Prokofiew).

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen © Hans Joerg Michel

1918 verließ Prokofiew nach der Oktoberrevolution Russland und reiste in die USA, wo er von der Chicagoer Oper den Auftrag erhielt, ein Werk zu komponieren. Er bearbeitete Meyerholds Text als Libretto, versah es mit Bühnenanweisungen und beendete die Komposition 1919. Zwei Jahre später erfolgte die Uraufführung an der Oper Chicago mit großem Erfolg und läutete damit auch einen Richtungswechsel des modernen Musiktheaters ein.

Träger der märchenhaften Musikkomödie ist das farbenreiche Orchester, welches jede szenische Aktion bis ins feinste Detail hörbar macht. In atemlosen Tempo wechseln rhythmische, instrumentale und harmonische Einfälle. Dissonanzen und bohrende Motorik, spezielle Klangeffekte, filmmusikartige Schnitte, bizarre Charakterisierungen und leitmotivische Floskeln sorgen für Hochspannung. Auf Arien oder Ensembles wird bewusst verzichtet zugunsten eines deklamatorischen Gesangstils.

Der Verschmelzung von Surrealem und Realem sowie dem Ineinandergreifen der verschiedenen Schichten entsprechen die drei verwobenen Handlungsebenen der Oper, nämlich die Personen aus dem Märchen (Prinz, Truffaldino...), die der unterirdischen Mächte (Zauberer)  und die der Sonderlinge. Das sind die widerstreitenden Fraktionen, von denen jeder die eigene Vorliebe auf dem Theater verwirklicht sehen möchte, die Tragiker, die Komiker, die Lyriker, die Hohlköpfe, allesamt vom Komponisten geistreich karikiert.

Die Vermischung der Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum wird bereits vor Beginn des eigentlichen Stückes erfahrbar, wenn sich schwarz gekleidete Akteure auf der offenen Bühne einfinden und das Theaterpublikum spiegeln.

Bühnenbildner Ralf Zeger hat das Halbrund eines Amphitheaters geschaffen mit ansteigenden Treppensitzen, in dessen manegenartiger Mitte ein kleines Puppentheater steht. Der Chor, bzw das Publikum nimmt nach und nach auf den Stufen Platz und separiert sich in die erwähnten fünf Fraktionen, die immer wieder in das Geschehen eingreifen, kommentieren oder je nach Handlungsverlauf ihre eigenen Interessen einfordern.

Regisseurin Cordula Däuper beeindruckt mit einem Feuerwerk an Ideen, Puppentheater, Märchenspiel, Zirkusnummer, Commedia dell‘arte, alles gewürzt mit viel Situationskomik. Punktgenau werden die Figuren geführt, die unterschiedlichen Ebenen der Handlung präzise herausgearbeitet. Däuper bereichert ihre kunstvolle Inszenierung durch die eingefügte Figur des Puppenspielers, der alle Puppen auch selbst angefertigt hat und sie bespielt, sowohl die menschenähnlichen Marionetten als auch die riesige furchteinflössende Monsterpuppe der Zauberin Fata Morgana, die nebelumwabert, mit blutroten Glutaugen und riesigen Schaufelhänden für Gruseleffekte sorgt. Ein genialer Kunstgriff ist, einige Sänger durch Puppen zu verdoppeln, was einerseits Distanz schafft, aber auch die Gleichzeitigkeit verschiedener Bedeutungsebenen erlaubt. Das geschieht immer in perfekter Kongruenz mit den musikalischen Abläufen.

Der Puppenspieler kündigt die Aufführung von Goethes Faust an, beginnend mit dem „Vorspiel auf dem Theater“, aber die lächerliche Gruppe setzt das Stück Die Liebe zu drei Orangen durch. Das Puppentheater wird seitlich platziert, das Spiel kann beginnen.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :  Bartosz Urbanowicz als der Zauberer Celio © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier :  Bartosz Urbanowicz als der Zauberer Celio © Hans Joerg Michel

Der König ist untröstlich, dass sein einziger Sohn, der Prinz, an schwer zu behandelnden seltsamen Symptomen leidet, und in diesem Zustand nicht die Regierungsgeschäfte zu übernehmen imstande ist. “Hypochondriotische Verschleimung“ diagnostiziert der Arzt dem Prinz, den man als Marionette im Krankenbett liegen sieht. Die traurige Prinz-Puppe leidet so täuschend echt, dass man vor Mitleid zerfließen möchte. Als alleiniges Heilmittel gegen Dekadenz, Depression, Antriebslosigkeit, Deprivation, um nur einige der Symptome zu nennen, soll das Lachen als befreiendes Heilmittel zum Einsatz kommen. Der „richtige“ Prinz im Schlafanzug entpuppt sich als heilloser Hypochonder. Er jammert und greint und zieht seinen ganzen Hofstaat mit in sein Elend. Der König befiehlt den Spaßmacher Truffaldino als geeignete Therapiemaßnahme herbei. Dieser – ganz im Stil der Commedia dell‘arte ausstaffiert, versucht sein Bestes, aber vergebens. Ein königliches Fest, als Spassbad ausgerichtet, garantiertes Lachen inbegriffen, soll Abhilfe schaffen.

Allerlei skurrile Gestalten tummeln sich in diesem bizarren Panoptikum, eine dämonische Zauberin, ein Windgeist, ein Spaßmacher, eine maskuline Köchin mit riesiger Kelle und attraktive durstige Prinzessinen, die Orangen entsteigen. Die Figuren hat die Kostümbildnerin Sophie du Vinage in spektakuläre leuchtend bunte Kostüme gesteckt, mal im Commedia-Stil, mal in schrillem Haute Couture Outfit oder einfach nur  märchenhaft-fantasievoll verkleidet.

Um den Thron und gegen den Prinzen streiten auch Clarice, der zwielichtige Leander, sowie die Sklavin Smeralda, denen die dämonische Zauberin Fata Morgana zur Seite steht. Auf der Seite der Guten für Prinz und König kämpfen der Magier Tschelio, Farfallone, der Windgeist, Pantalone und natürlich der Harlekino alias Truffaldino.

Auf dem Fest des Königs verliert Fata Morgana bei einem Streit mit Truffaldino ihren Rock und steht in der Unterhose da, was endlich dem Prinzen das befreiendste Gelächter entlockt, das je für die Opernbühne komponiert wurde. Schadenfreude ist eben die schönste Freude! Aber Fata Morgana wäre nicht die Zauberin, für die sie berüchtigt ist, würde sie diese Schmach auf sich sitzen lassen. Sie schleudert dem Prinzen einen Fluch entgegen, er müsse sich in drei Orangen verlieben, und sich sofort auf die Suche nach ihnen machen. Tatsächlich beginnt der Prinz sich nach den Orangen zu verzehren und zieht mit Truffaldino von dannen. Sie werden vom Windgeist mit Sturmfrisur zur furchtbaren Köchin mit der alles vernichtenden Kelle geblasen, die über die drei Orangen wacht. Wie das umgesetzt wird, zeigt die beeindruckende Bühnentechnik des Opernhauses, ein weiterer schöner Effekt epischen Theaters.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :   Michael Pietsch als Puppenspieler, Jelena Kordic als verruchte Smeralda © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier :   Michael Pietsch als Puppenspieler, Jelena Kordic als verruchte Smeralda © Hans Joerg Michel

Die Köchin, eine hünenhafte, Bass- singende Matrone mit roten Haaren und überdimensionalem Kochlöffel kann überlistet werden und der Prinz entführt die Objekte seiner Begierde. Als die Orangen geöffnet werden, entsteigen den beiden ersten Früchten zunächst winzige Püppchen, die kurz vor dem Verdursten stehen, dann zwei wunderschöne Prinzessinnen, denen aber nicht mehr zu helfen ist. Es kommt wie es im Märchen kommen muss. In die dritte Prinzessin, Ninetta, verliebt sich der Prinz sogleich und will sie heiraten.

Bis es allerdings soweit ist, wird Ninetta erst noch in eine Ratte verwandelt, die man als Marionette bereits im ersten Akt bewundern durfte. Das Gute siegt, Ninetta wird wieder in ein hübsches Mädchen zurückverwandelt, die bösen Mächte werden verbannt und es kann Hochzeit im Königreich gefeiert werden. Ende gut, alles gut!

Der farbenfrohen, tempo- und effektreichen Szene entspricht das NTM Orchester unter der Leitung seines Dirigenten Matthew Toogood in idealer Weise. Den immens schwierigen Anforderungen der Partitur wird Toogood in jedem Moment gerecht und versteht es  darüberhinaus, alle Energien des hochmotiviert aufspielenden Klangkörpers zu entfesseln. Beeindruckend die präzisen und virtuosen Kapriolen der Holzbläser, die stringent peitschende Rhythmik, die genüsslich ausgestalteten Dissonanzen. Toogood lässt gekonnt den nötigen Raum für die Entfaltung von Kantilenen, um danach sofort wieder in den unerbittlichen Duktus der Prokofievschen Motorik zu wechseln. Dabei behält er in jeder Zeit die Kontrolle über die aktionsreichen Abfolgen von Orchester, Chor und Sänger.

Sung Ha verlieh dem Kreuz-König sowohl royale Würde als auch glaubhafte Verzweiflung über die Melancholie seines Sohnes und überzeugte in jedem Moment mit seinem prachtvollen weichen Bass. Juraj Holly war als Prinz mit nuancenreichem, tragfähigem Tenor nicht nur umwerfend komisch, er gestaltete auch die Entwicklung vom labilen Weichei zur selbstbestimmt liebenden Persönlichkeit mit großer Ausdruckskraft.

Als lustige Figur Truffaldino war Raphael Wittmer mit lebendigem Spiel, komödiantischem Eifer und viel tenoralen Glanzpunkten eine Idealbesetzung. Die Wandlungsfähigkeit von Thomas Jesatko ist immer wieder staunenswert. Den zwielichtigen  Leander stattete er mit baritonaler Belkanto-Dämonie aus, und gab der Figur auch ausreichend kriminelle Energie. Nikola Diskic sang den Pantalone mit klangschönem Bariton und Profilschärfe, als Zauberer Celio zog Bartosz Urbanowicz alle darstellerischen Register und überzeugte mit kultivieren Basstiefen.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :  Natalija Cantrak als Prinzessin Ninetta, Puppenspieler Michael Pietsch, Juraj Holly als Prinz © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier : Natalija Cantrak als Prinzessin Ninetta, Puppenspieler Michael Pietsch, Juraj Holly als Prinz © Hans Joerg Michel

Die imposante Köchin von Patrik Zielke schwang ihren Kochlöffel bedrohlich wie einen Hammer, faszinierte aber auch mit heldischem Bass. Der Windgeist Farfarello von Ilya Lapich war stimmlich als auch darstellerisch absolut rollendeckend. Die Damenriege stand den Herren lediglich zahlenmäßig nach. Sorgte das Erscheinen der Riesenpuppe Fata Morgana für Gänsehauteffekt, so fand Ludovica Bello als Double zu ihrer dämonisch-suggestiven Darstellung mühelos auch die nötigen dramatischen Spitzentöne. Julia Faylenbogen war als Kontrahentin Clarice ideal im Spiel und wartete mit satten Mezzo- Farben auf, ebenso gefiel Jelena Kordic als verruchte Smeralda.

Die zarte Orangen Prinzessin Ninetta wurde von Natalija Cantrak mit silbernen Sopran Spitzen ausgestattet, auch Julia Müller-Wolthuis und Gudrun Hermanns als verdurstende Prinzessinen gaben ihren kleinen Rollen anrührende Innerlichkeit. Viel Applaus für Michael Pietsch, der als Puppenspieler von Anfang bis zum Ende alle Fäden in der Hand hielt. Hervorragend der von Danis Juris einstudierte Chor, dem nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch eine Hauptrolle zukam!

Jubel und Begeisterung im ausverkauften Opernhaus, vor allem auch von den jüngeren Zuschauern.

Die Liebe zu den drei Orangen im NTM:  Die  Termine der laufenden Spielzeit 2.3.; 21.3.2019

 

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 10, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew

Lachen als Heilmittel – nicht nur für kranke Prinzen, sondern auch für Opernbesucher aller Altersklassen: Axel Ranisch verpixelt an der Staatsoper Stuttgart Prokofjews Die Liebe zu (den) drei Orangen zu einem veritablen und mitreißenden Computerspiel und spielt so mit dem Möglichen und dem Unmöglichen, den Grenzen und dem Grenzenlosen der Oper, des Theaters – ja des Lebens

Von Peter Schlang

Der menschliche Alltag und die daraus entstehende Lebenserfahrung lehren, dass es verschiedene Ursachen für die Freude und erst recht das daraus resultierende Lachen gibt. Die Schadenfreude wird dabei gemeinhin als die moralisch verwerflichste Form angesehen; bezüglich ihrer befreienden, positiven Wirkung auf die von ihr befallenen Menschen dürfte sie aber auf einer entsprechenden Skala wohl weit oben rangieren.

Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew
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Dies lässt sich nicht nur im menschlichen Alltag immer wieder unter Beweis stellen, sondern seit 1921 auch in Sergej Prokofjews skurriler Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen beobachten. In ihrem, vom Komponisten nach einer Vorlage des italienischen Komödiendichters Carlo Gozzi selbst erstellten Libretto findet ein an „Lachhemmung“ und in der Folge davon auch an vielerlei psychosomatischen Störungen leidender Prinz sein Lachen nicht durch allerlei gut geplante Späße des aus Carlo Goldonis Diener zweier Herren bekannten Spaßmachers Truffaldino wieder, sondern durch ein blödes Missgeschick, bei welchem die ihm und seinem königlichen Vater feindlich gesinnte Zauberin Fata Morgana stürzt. Darüber tief erzürnt, übt die Zauberin eine für ihren Berufsstand typische Form der Rache und „verurteilt“ den Prinzen dazu, sich in drei Orangen zu verlieben, was dem an seinen Vater gefesselten Sohn in Wahrheit aber dazu verhilft, sich von diesem zu befreien und (zu) sich selbst zu finden.

Nach allerlei Erschwernissen und Abenteuern, die nicht nur in der Natur der Sache liegen, sondern durch Fata Morgana verursacht und verschärft und durch deren Gegenspieler, den dem König und dem Prinzen nahestehenden Zauberer Celio, wiederum abgeschwächt werden, kann es endlich zur Hochzeit des glücklichen Prinzen mit Ninetta kommen. Diese war wie zwei andere Damen je einer der drei Orangen entschlüpft, blieb aber im Gegensatz zu ihren beiden Kolleginnen am Leben.

Unterlegt werden diese zwei Handlungsebenen – die Liebes- und Emanzipations-geschichte des ursprünglich depressiven Prinzen wird ja stark durch die genannten beiden Magier gesteuert – durch eine dritte, nämlich den Streit der Anhänger verschiedener Literaturformen. Sie befeuern die eh schon skurrile, verwirrende Handlung durch wahre Salven an literatur-, und insgesamt kunstkritischen Sottisen, welche den seinerzeitigen Richtungsstreit der italienischen Komödienfürsten Carlo Gozzi und Carlo Goldoni – beide hatten ihre große Zeit in den 60er Jahren des18. Jahrhunderts – und ihre sich dahinter verbergende Vorliebe für bestimmte literarische Formen und Mittel aufs Korn nehmen.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Die sich daraus ergebende und in der modernen Textfassung Werner Hintzes (Auf ihn bzw. sie geht auch der neue, leicht verkürzte Titel Die Liebe zu drei Orangen zurück.) noch zugespitzte, rasant-verwirrende Tragikomödie, die sich ohne Abstriche zu einem Musterbeispiel für das Spiel auf dem und mit dem Theater entpuppt, erlebte am 2. Dezember, also rechtzeitig zum Beginn der Adventszeit, in der Stuttgarter Staatsoper als dritte Neu-Inszenierung in der noch jungen Intendanz Viktor Schoners ihre Premiere.

Und Viktor Schoner und sein Dramaturgie-Team waren weitsichtig und mutig genug, zur opernreifen Umsetzung dieses alle Grenzen der Oper überschreitenden, phantasieschwangeren Stoffes ein ebenso mutiges, wildes, ja geradezu verrücktes Quintett zu engagieren. An dessen Spitze sorgt der junge, durch allerlei außergewöhnliche Arbeiten für Film und Fernsehen bestens für diese Aufgabe empfohlene Berliner Regisseur Axel Ranisch für eine wahre Flut an Bildern, Gags und Einfällen. Deren verrücktester, gleichzeitig aber auch genialster war sicher die Idee, die Oper im Jahr 2018 als Computerspiel der frühen neunziger Jahre, es trägt den reißerischen Titel „Orange Desert III“, auf die Bühne und auch an deren als riesige Projektionsfläche dienende Rückwand zu bringen. Dafür ist der Computer-Experte Till Nowak der geeignete Partner, denn ihm gelingt es nicht nur, die immerhin zweistündige Opernhandlung komplett computergerecht und widerspruchsfrei zu visualisieren und ohne jeden Bruch in die Form einer (ehemals) zeitgenössischen Computeradaption zu bringen, sondern dabei auch die erwähnten drei Handlungsebenen wie mit Geisterhand miteinander zu verweben. So durchkreuzen und vermischen sich Sphären des Phantastischen und des Realen, des Theaters und der alltäglichen Welt in einem Fort und sorgen für eine regelrechte Orgie an Aktionen und Reaktionen, welche die Möglichkeiten des Theaters und des Spiels an sich bis zum Letzten ausreizt, gleichzeitig aber auch alle Grenzen verwischt und die Sinne herrlich verwirrt.

Axel Ranisch nutzt diese Konfusionen und die weiteren, sich daraus ergebenen Möglichkeiten – oder befeuert er sie umgekehrt durch seine Ideen noch? – für seine Lust am Erzählen, am Spiel mit Überraschungen und an der Betonung des Märchenhaft-Illusionären und entzündet einen regelrechten Vulkan an grotesken Szenen, Komik und Illusionen, wie man ihn in dieser Dichte und Form auf der Bühne äußerst selten zu sehen bekommt. Denn um so etwas erleben zu können, muss man normalerweise ins (sehr gute) Kino gehen – oder eben am Computer spielen!

Wunderbare, kongeniale Erfüllungsgehilfinnen bei der Erschaffung seiner Phantasiewelt findet Axel Ranisch in seiner Bühnenbildnerin Saskia Wunsch, die nicht nur ein Bühnenbild aus drei Ebenen schafft, die sich ähnlich der Handlung ständig verschieben und vermischen, sondern dabei auch die Grenzen zwischen dem Bildschirm-Hintergrund und der Bühne verwischt, indem sie dieser und den darauf zu sehenden Aufbauten das gleiche verpixelte Ansehen verpasst wie dem auf dem übergroßen Computerbildschirm zu verfolgendem Geschehen und dessen dabei zu sehenden Figuren.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Eine ähnlich phantastische Anmutung geben Bettina Werner und Claudia Irro ihren phantasievollen, unsagbar bunten und auf ganz verschiedene Kunstepochen und
-richtungen anspielenden Kostümen, mit denen sie nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch den Chor der Staatsoper Stuttgart zu charaktervollen wie schrägen Mitspielern des auf der Bühne sich entfaltenden Panoptikums machen.

Auch musikalisch bewegt sich diese Stuttgarter Produktion auf allerhöchstem Niveau, auch wenn die Musik gegen Ende der Aufführung, wenn die dramatischen, technischen und schauspielerischen Effekte kulminieren, etwas unter die Räder zu geraten droht und nicht mehr mit dem Feuerwerk an Farben, Tricks, Gags und dem dadurch entstehenden Lärm mithalten kann. Das tut aber weder dem Gesamteindruck der Aufführung noch der musikalischen Leistung der einzelnen Sängerinnen und Sänger oder der beiden großen Kollektive des Abends einen Abbruch.

Von Letztgenannten liefert das unter der besonnenen wie wagemutigen Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez stehende Staatsorchester die sichere Grundlage für eine absolut geschlossene musikalische Darbietung. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musiker arbeiten dabei die zahlreichen, in der Partitur Prokofjews verborgenen komischen Elemente genauso wirkungsvoll heraus wie die vielen musikalischen Anspielungen auf Komponisten und Stile unterschiedlichster Epochen. Dabei reizt Pérez die Skala an Klangfarben und Dynamik gekonnt und mit größtmöglichem Bezug zur Bühne aus, was die Sängerinnen und Sänger, auch dank der einfühlsamen Choreografie Katharina Erlenmaiers, wunderbar ausnutzen und die von ihnen geforderten ausgeprägten Bewegungen gekonnt auf die aus dem Graben kommende Musik abstimmen, ja geradezu aus ihr heraus entwickeln.

Dies gilt nicht nur für den wie immer famosen Staatsopernchor, innerhalb dessen dem an diesem Abend am vorderen rechten Bühnenrand agierenden Männerchor der Sonderlinge, eine Mischung aus Kunstrichtern und Regie-Assistenten, der größte Anteil an Handlung wie an stimmlicher Anforderung zukommt.

Libretto und Partitur dieser sich für alle Gruppen von Zuschauern und Zuhörern bestens eignenden Oper wollen es, dass neben dem Chor auf der Bühne ein zweites Gesangskollektiv zu erleben ist, das der Solistinnen und Solisten, die allesamt an diesem Abend ihr jeweiliges Rollendebüt feiern. Sie bilden, bis auf eine Gast-Ausnahme fest zum teilweise neu formierten Haus-Ensemble gehörend, bei dieser Premiere ein Protagonisten-Ensemble der absoluten Sonderklasse.

So überzeugt Goran Juric als König mit seinem geschmeidigen, profunden Bass und seiner stimmlichen wie darstellerischen Präsenz genauso wie der alle Gefühlsschwankungen von niedergeschlagen bis manisch gekonnt ausreizende Elmar Gilbertsson als sein Sohn, also der die Handlung verursachende Prinz. Dass beide Sänger durch die neue Intendanz an das Haus am Eckensee gekommen sind, darf als ähnlicher Glücksfall bezeichnet werden wie das Engagement der an vielen Opernhäuser der Welt auftretenden Mezzosopranistin Carole Wilson als Fata Morgana. Sie gibt dieser Rolle der Zauberin genau die Mischung aus Verschlagenheit, Dämonie und Verführungskraft, die man von einer solchen Figur gemeinhin erwarten darf und überzeugt mit ihrer großen stimmlicher Verwandlungsfähigkeit genauso wie durch ihre darstellerische Wucht.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Als ihr Gegenüber Celio besticht der in seinem Äußeren an einen Star-Wars-Krieger erinnernde Michael Ebbecke mit baritonalem Glanz und einem für einen Zauberer fast zu würdigen Auftreten, während der famose, sich von Rolle zu Rolle zu einem Charakterdarsteller höchster Güte entwickelnde Daniel Kluge (ein ehemaliger Aurelius Sängerknabe aus Calw) als Prinzenkumpel Truffaldino ohne Abstriche zu begeistern vermag.

Die weiteren Sängerinnen Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Aytaj Shikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als Smeraldina resp. Nicoletta, Esther Dierkes als Ninetta und Sänger Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Johannes Kammler als Pantalone, Matthew Anchel als Farfarello und Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und das Kinderchor-Mitglied Ben Knotz als Serjoscha nur zu erwähnen, heißt nicht, ihre Leistung und ihren Beitrag zu diesem Opernerlebnis der Extraklasse kleinzureden.

Und so zollte das begeisterte Premierenpublikum auch ihnen wie allen ausführlicher gewürdigten Mitwirkenden begeisterten Beifall, ja, das ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus erlebte einen Jubelsturm, wie man ihn auch beim so begeisterungs-fähigen Stuttgarter Publikum äußerst selten erlebt.

Und wenn man seinen Blick kurz von den auf der Bühne feiernden und gefeierten Künstlerinnen und Künstlern abwandte und zur Intendanten-Loge im ersten Rang schweifen ließ, konnte man dort einen zufrieden lächelnden Victor Schoner sehen, der mit dieser Produktion einen weiteren herausragenden Erfolg seiner noch jungen Intendanz verbuchen darf.

Die Liebe zu den drei Orangen an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 14., 17. und 19. Dezember 2018, 04. und 11. Januar sowie am 09., 14. und 22. April 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Wien, Volksoper, Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit, IOCO Kritik, 14.06.2017

Juni 14, 2017 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

 Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit  von Christian Kolonovits

Von Marcus Haimerl

BaRock-Oper bezeichnet der österreichische Komponist Christian Kolonovits sein Musical Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit, das sich mit dem Leben des venezianischen Komponisten Antonio Vivaldi beschäftigt. Von seiner Kindheit, über Priesterweihe und seinen musikalischen Aufstieg bis zu seinem Tod in bitterer Armut in Wien, haben Kolonovits und seine Librettistin Angelika Messner Vivaldis Biografie aufbereitet. In der Musik finden sich Zitate aus Vivaldis Die vier Jahreszeiten zu den jeweiligen, nach den Jahreszeiten benannten Teilen des Stücks, ansonsten treffen hier Pop und Klassik aufeinander, eine sehr gefällige Musik mit vielen Ohrwürmern.

In einer Rahmenhandlung kommen die Mädchen der Rockband Vivaldi nach Wien um Noten aus dem letzten Lebensjahr ihres Idols zu finden. Stattdessen finden sie ein Tagebuch von Paolina Girò, der Schwester seiner Muse/Geliebten Annina Girò, die ihn nach Wien begleitet hat. Sie tauchen ein in das Leben Vivaldis. Da Vivaldis Mutter Musik für brotlose Kunst hält, übergibt sie den jungen Antonio an Kardinal Ruffo, der dem Jungen Avancen macht, um ihn zum Priester ausbilden zu lassen. Zum Priester geweiht rettet ihn eine „Weihrauchallergie“ vor dem Priesterdienst und er wird Geigenlehrer der Waisenmädchen des Ospedale della Pietà, die es bedauerlich finden, dass er Priester ist (Ein Jammer , dass er Priester ist). In Annina Girò, die bei ihm Unterricht nehmen möchte, findet er seine Muse. Annina bekommt die Hauptrolle in seinem neuen Stück und der Adel zerreißt sich die Mäuler über den Priester und seine Geliebte. Alsbald ist Vivaldis Stern langsam im Sinken begriffen, Absagen und Auftrittsverbote bestimmen sein künstlerisches Leben. Vivaldi versucht sein Glück in Rom, der Stadt der Kastraten. Bei einem Konzert kommt es zu einem Sängerwettstreit zwischen Annina und dem Kastraten Cafarelli. Annina fühlt sich von Vivaldi verraten und verlässt ihn. Auf dem Karlsplatz lesen die Mädchen die letzten Seiten des Tagebuchs, für sie bleibt die Erkenntnis, dass seine Musik durch sie weiterlebt: das ist die fünfte Jahreszeit.

Volksoper Wien / Vivaldi - Die fünfte Jahreszeit - Morton Frank Larsen im Kardinalskostuem © Markus Patak

Volksoper Wien / Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit – Morton Frank Larsen im Kardinalskostuem © Markus Patak

Für die sehr kluge Regie zeichnete sich der Hausherr Robert Meyer verantwortlich. Die Bühnenbilder von Christof Cremer zeigen, auf einer Drehbühne angeordnet, die Karlskirche in Neonbeleuchtung, eine kleine Kammer Vivaldis in Venedig und für den Hauptteil des Abends ein Bühnengerüst, welches mit Prospekten in den jeweiligen Handlungsort verwandelt wird. Auch die etwas überzeichnenden, grellen, nahezu schrillen Kostüme stammen von Christof Cremer und passen hervorragend zur ganzen Show.

Volksoper Wien / Drew Sarisch als Vivaldi © Johannes Ifkovits

Volksoper Wien / Drew Sarisch als Vivaldi © Johannes Ifkovits

Christian Kolonovits stand auch am Pult des hochmotivierten Orchesters der Volksoper Wien, welches die Musik hervorragend umsetzte. In der Partie des Vivaldi beeindruckte der amerikanische Musical-Star Drew Sarich, der mit seinem beweglichen, facettenreichen Tenor das Publikum zu Jubelstürmen hinriss. Die amerikanische Sopranistin Rebecca Nelson, die an der Volksoper als Qualitätsgarant für klassische bis zeitgenössische Oper, für Operette und Musical gilt, ist in der Rolle der Annina Girò ein weiteres Highlight des Abends. Mit ihrem schönen, schlanken Sopran und der kräftigen Mittellage verzauberte sie das Publikum und der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme war für sie ein Leichtes. Auch Julia Koci als Schwester Paolina Girò weiß zu überzeugen und begeisterte spätestens bei ihrem Lied Einmal im Leben das Publikum nachhaltig. Mit der ungeheuren Durchschlagskraft seines Baritons ist Morten Frank Larsen ein dämonischer Gegenspieler Vivaldis. Auch Boris Pfeifer als Carlo Goldoni, der Chronist und Spielleiter des Abends, hinterlässt nachhaltig Eindruck und der Countertenor Thomas Lichtenecker als Kastrat Cafarelli ist ein Ereignis für sich. Und auch Sulie Girardi, Wolfgang Gratschmaier und das restliche Ensemble lieferten tadellose Leistungen ab.

Ein Theaterabend, der das Publikum zu Recht nachhaltig beeindruckte, Standing Ovations inklusive.

Vivaldi – Vier Jahreszeiten In Wien – in der Volksoper, weitere Termine: 16.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017, 28.6.2017  –  27.1.2018, 1.2.2017, 11.2.2017

 

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