Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, PREMIERE Don Carlos, 27.10.2019

September 26, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

PREMIERE Don Carlos Giuseppe Verdi

Sonntag, 27. Oktober 2019, 17 Uhr

Weitere Vorstellungen
01. / 03. / 08. / 10. November 2019
15. / 21. / 26. März 2020
18. April 2020

Der Kampf um Macht und Einfluss

Verdis Don Carlos feiert Premiere im Stuttgarter Opernhaus

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert; Lotte de Beer inszeniert; Bühne und Kostüme von Christof Hetzer

Am Sonntag, 27. Oktober 2019, eröffnet die Staatsoper Stuttgart um 17 Uhr den Premierenreigen der Saison mit Giuseppe Verdis Don Carlos. Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert, Regie führt Lotte de Beer. Die Preisträgerin der „International Opera Awards“ inszenierte bereits u. a. am Theater an der Wien, an De Nationale Opera Amsterdam und an der Israeli Opera Tel Aviv. Die Ausstattung entwirft Christof Hetzer, regelmäßiger künstlerischer Partner der Regisseurin.

An der Staatsoper Stuttgart ist die erstmals 1886 in Modena gezeigte, vom Komponisten revidierte fünfaktige Fassung in französischer Sprache zu hören. Generalmusikdirektor Cornelius Meister dazu: „Die große Anzahl an existierenden Fassungen von Verdis Don Carlos erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit den höchst unterschiedlichen Versionen des Werks. Letztlich haben wir uns für die Sprache der Uraufführung entschieden: Verdis Musik im Don Carlos ist meiner Ansicht nach deutlich auf die französische Sprache hin komponiert.“ Die Neuproduktion der Staatsoper Stuttgart beinhaltet dabei auch eine selten gespielte Szene aus der Pariser Urfassung des Don Carlos von 1866/67 und eine „Stuttgarter Fassung“ der Ballett-Suite mit einer zeitgenössischen Übermalung durch den österreichischen Komponisten Gerhard E. Winkler.

Lotte de Beer verlagert das Geschehen in eine nahe Zukunft. Verschiedene Konflikte und Krisen haben den Planeten verändert, es herrscht politisch-ideologischer Ausnahmezustand. Vor diesem Hintergrund inszeniert sie Verdis Meisterwerk nach Friedrich Schillers Drama Don Karlos, Infant von Spanien, als einen Kampf zwischen Masse und Individuum um die Entscheidungsgewalt. „Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen in unserer Machart außerstande sind, mit dieser Macht umzugehen“, so die Regisseurin.

In der Titelpartie kehrt Massimo Giordano an die Staatsoper Stuttgart zurück. Hier war er in der vergangenen Saison u. a. an der Seite von Catherine Naglestad als Cavaradossi in Puccinis Tosca zu erleben. Erneut zu Gast ist auch Falk Struckmann, der 2018 im ehemaligen Paketpostamt als Herzog Blaubart sein Stuttgart-Debüt gab. In Don Carlos singt er die Rolle des Großinquisitors. Die weiteren zentralen Partien verkörpern die Ensemblemitglieder Björn Bürger (Marquis von Posa), Olga Busuioc (Elisabeth von Valois), Goran Juri? (Philipp II.) sowie der soeben zum zwölften Mal zum „Opernchor des Jahres“ gekürte Staatsopernchor Stuttgart.

Musikalische Leitung Cornelius Meister

Regie Lotte de Beer
Bühne & Kostüme Christof Hetzer
Licht Alex Brok
Chor Manuel Pujol
Dramaturgie Franz-Erdmann Meyer-Herder, Peter Te Nuyl
Philipp II. Goran Juri?
Don Carlos Massimo Giordano
Marquis von Posa Björn Bürger
Der Großinquisitor Falk Struckmann
Ein Mönch Michael Nagl
Elisabeth von Valois Olga Busuioc
Prinzessin Eboli Ksenia Dudnikova
Thibault, Page Elisabeths Carina Schmieger*
Eine Stimme vom Himmel Claudia Muschio*
Graf von Lerma Christopher Sokolowski*
*Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Begleitveranstaltungen

Einführungsmatinee
Sonntag, 20. Oktober 2019, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 03.05.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck

– Flash-back in der Seniorenresidenz –

von Peter Schlang

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Angeregt durch das in Richard Wagners Lohengrin,  der ersten Premiere Viktor Schoners als Stuttgarter Operndirektor, ausgesprochene Frageverbot, überschrieben der neue Intendant und sein Dramaturgen-Team alle Neuproduktionen ihrer ersten Stuttgarter Saison  mit einer jeweils passenden und sinnstiftenden Leitfrage. Nach dem „Wem glaubst Du?“, mit dem die letzte Premiere Nixon in China versehen worden war, feierte am 28. April Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride unter dem ebenfalls recht existenziellen Interrogativ  „Wem vergibst Du?“ in der Inszenierung des  polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski im „Haus am Eckensee“ Premiere. Angesichts der Kette von Verrat, Intrige, Mord und darauf folgendem Rachemord, von denen Glucks 1779 in Paris uraufgeführte Reformoper erzählt, ist dieses Motto treffend wie anspruchsvoll gewählt und verheißt notwendigerweise eine Antwort mit zahlreichen Namen.

Iphigénie en Tauride – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Deren Trägerinnen und Träger kommen in dieser packenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, welche auf einer 2006 für die Opéra national de Paris geschaffenen Produktion basiert, auch alle tatsächlich vor. Der Regisseur wählt nämlich als Rahmen für die Opernhandlung die Methode des Spiels im Spiel, hier als Traum-Bilder der Titelheldin.

Iphigénie en Tauride  in Stuttgart – Subtiles Traumgebilde

In Stuttgart träumt Iphigenie die Träume wichtiger Stationen ihres Lebens – und damit der Opernhandlung – in einem offenbar ausschließlich Frauen vorbehaltenen Altersheim. Dort sieht man sie in der Eingangsszene nach dem mitreißend vorgetragenen orchestralen Gewittersturm, aber auch in späteren Szenen, wie sie in einer Schachtel mit alten Familienfotos wühlt und sich dabei an ihr Leben prägende Ereignisse erinnert.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck - hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck – hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Diese Erinnerungshandlung wird von einem stummen Chor älterer Damen vorbereitet und begleitet, den Warlikowski der Titelheldin anstelle der griechischen Priesterinnen an die Seite stellt. Sie sind wie Iphigenie Bewohnerinnen dieser heruntergekommenen, verblichenen Glanz verbreitenden und die Atmosphäre eines „Nicht-Zuhauses“ ausstrahlenden Seniorinnen-Residenz. (Bühne und Kostüme: Margorzata Szczesniak).Als zusätzliches, tiefenpsychologisch wirkendes Element schaltet die Bühnenbildnerin dem Bühnenraum an ausgewählten Stellen eine verschiebbare Spiegelwand vor, die nicht nur den dann an den Brüstungen der Ränge angestrahlten Zuschauerraum und die am Proszenium agierenden Protagonisten spiegelt, sondern durch eine raffinierte  Technik auch Durchblicke auf die Hinterbühne und die sich dort abspielenden Rückblenden ermöglicht.

Für diese Rückblenden und Kommentare setzt der Regisseur vorwiegend die erwähnten neun alten Damen ein, die von teilweise schon seit Jahrzehnten an der Stuttgarter Oper wirkenden Statistinnen verkörpert werden. Im Verlauf der gut zweistündigen Opernhandlung übernimmt dieses Nonett  nicht nur die Rolle des Chores der antiken Tragödie, sondern spiegelt auch den gleichförmigen Alltag eines Altenheims, was nicht zuletzt durch eine tageszeiten-typische und anlass-gemäße Kleidung der Damen unterstrichen wird.

Neben dem eindrucksvollen Äußeren dieser Seniorinnen-Equipe, das auf satt gelebte Leben wie auf diese prägende harte Schicksale schließen lässt, gibt das sehr gut gestaltete Programmheft Aufschluss über Bedeutung und Hintergründe  dieses packenden Inszenierungsdetails: Dort schildern die neun Statistinnen – die älteste  Darstellerin ist 95 (!) Jahre alt – Episoden  ihres Lebens und ziehen dabei Parallelen zur Situation und zum Schicksal Iphigenies und deren Familie.

Und wie Iphigenie wurden auch ihre hier agierenden Geschlechts- und Schicksalsgenossinnen unübersehbar durch familiäre Strukturen, die entsprechenden Rollenbilder, den Umgang mit Verlusten und Abschieden und  das Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder auch Verschweigen  gezeichnet. Nicht zuletzt machen diese Frauen aber auch deutlich, wie stark Krieg  und Vertreibung und ihre Folgen für Familienzusammenhänge sich ganz besonders auf weibliche Biographien auswirken und diese nachhaltig prägen.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Dieses behutsame Aufzeigen von Parallelen ist ein ausgesprochen kluger Zug der Regie, der nicht nur  eine Brücke in unsere Gegenwart schlägt, sondern auch relativ spielerisch Assoziationen zu Formen heutiger Schuld und Vergangenheits-bewältigung ermöglicht. Nicht zuletzt  öffnet dies den Blick auf tagesaktuelle Themen, wie etwa die Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht gesucht und gefunden haben. Wenn man in diesem Zusammenhang etwas Kritisches anmerken möchte, wäre es der kleine Makel, dass man sich an anderen Stellen vom Regisseur etwas mehr Mut zu aktuellen Bezügen oder ein stärkeres Bekenntnis zu Christoph Willibald Glucks immer wieder hervorgehobener Rolle als Opernreformer gewünscht hätte. Andererseits zeichnet sich Warlikowskis Regie immer wieder durch kluge, sinnvolle Akzente und Einfälle aus. So setzt er als weiteres Stilmittel und Element zur Vergangenheitsbewältigung Iphigenies und zur traumhaften wie traumatischen Illustration ihrer Rückblicke einen weiteren stummen Chor ein, der sich aus den Mitgliedern von Iphigenies Kernfamilie zusammensetzt.  Diese letzte Generation der Atriden,  ergänzt um Iphigenies Fast-Ehemann Achill, bespielt mehrmals den Hintergrund oder eine Seite der Bühne, dabei stets ordentlich aufgereiht wie auf einem Familienfoto. Wenn sich dann je nach Szene die junge Iphigenie, von der erstmals in Stuttgart auftretenden Amanda Majeski stimmlich wie darstellerisch unnachahmlich wiedergegeben, unter ihre Nächsten mischt, stellt sich wirklich ein Gefühl von Traum und Déjà-Vu ein, welches alle Grenzen verschmelzen lässt und der Opernbühne und –handlung zu deren einzigartiger Wirkung verhilft.

Dass dieses so möglich wird, verdanken die neue Stuttgarter  Iphigenie und das diese atemlos verfolgende Publikum neben der erwähnten fabelhaften Sängerin der Iphigenie der ungeheuer plastisch und detailgenau agierenden Schauspielerin Renate Jett, welche die alte Iphigenie zu einer bemitleidenswerten wie faszinierenden, vom Leben gezeichneten Erscheinung formt.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck - hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck – hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Neben diesem Iphigenien-Duo, bei dem nochmals die ungeheure stimmliche Präsenz Amanda Majeskis herausgestellt sei, die mit ihrem nur anfangs etwas spröde und in den Höhen leicht scharf klingenden, dann aber wundervoll biegsamen  und expressivem Sopran eine dichte musikalisch-psychologische Wirkung erzielt, überzeugen auch die Darsteller der drei männlichen Rollen. In der Folge ihres Auftretens sei hier zunächst Gezim Myshketa genannt, der mit seinem dunklen, tiefgründig-rauen Bass dem Taurenkönig Thoas genau die angsteinflößende, dämonische Note verleiht, die man von einem als Despoten und Barbaren verschrienen Mannsbild erwartet. (Auch Ausstatter und Maskenbildner leisten hier fast mehr als eigentlich nötig, um dieses Bild herauszustreichen.) Stimmlich wie darstellerisch vom Feinsten präsentiert sich auch das griechische Freundesduo Oreste und Pylade, das nicht nur in seinem Duett am Ende des zweiten Aktes sehr berührt.  Dabei hat Jarett Ott als Iphigenies Mutter-mordender Bruder mit seinem weichen, unangestrengten und sehr beweglich geführten Bariton wegen der Anlage seiner Rolle ganz leichte Vorteile. Aber auch  Elmar Gilbertsson füllt mit seinem ungemein geschmeidigen und klangreinen Tenor die Rolle des Pylade ohne Abstriche stimmig und glaubhaft aus.

Gleiches gilt für die aus dem Bühnen-Off singenden Carina Schmieger als sehr empathisch-ausdrucksstarke Göttin Diana, Ida Ränzlöv als jeweils stimmsichere wie rollen-genaue Griechin und Priesterin und  Elliott Carlton Hines, der die beiden Rollen des Skyten und von Thoas‘ Aufseher mit schönem Timbre artikuliert.

Eine  herausragende Arbeit muss erneut dem stellvertretenden Chordirektor Bernhard Moncado bescheinigt werden, der den Staatsopernchor punktgenau und hervorragend auf seine besondere Rolle in dieser Produktion eingestellt hat. Der Chor agiert unsichtbar aus den Bühnenhintergrund bzw. vom hinteren Orchestergraben, und nicht nur seine schwarze Konzertkleidung, die er beim Schlussapplaus auf der Bühne präsentiert, verleiht seinem gesamten Auftreten etwas Oratorienhaftes, ja Sakrales. Dazu trägt auch die bekanntermaßen höchste Gesangskultur dieses Stimmen-Kollektivs bei, das seine Partien an vielen Stellen wie in eine andere Sphäre entrückt gestaltet.

Wunderbar (Wenn man die anderen Produktionen dieser Spielzeit nicht gesehen hätte, müsste man das Adjektiv erstaunlich oder überraschend verwenden.) und als höchst verlässliches musikalisches Zentrum dieser sich auf allerhöchstem Niveau bewegenden Aufführung agiert erneut das Staatsorchester Stuttgart. Der in der Pressemitteilung zur Premiere zu Recht als Barock-Experte eingeführte Stefano Montanari lässt es  in schillernden Farben, äußerst beweglich, höchst dynamisch, und mit überbordendem Klangsinn und dennoch großer Sängerfreundlichkeit musizieren. Und es spricht für die Qualität dieses früher oft als „Beamtenorchester“ verspotteten Klangkörpers, dass es mit Glucks Musik dem berühmten Stuttgart-Sound des untergegangenen Radiosinfonie-Orchesters des Südwestrundfunks sehr nahe kommt – und dies gerade drei Wochen, nachdem es mit der Minimal-Music von John Adams‘  Nixon in China auf einem ganz anderen musikalischen Terrain seine großen Qualitäten unter Beweis gestellt hat.

So gilt der einhellige, sich bis zum Jubel steigernde Beifall des Premierenpublikums gerechterweise allen Akteuren, den musikalischen wie den die Aufführung vorbereitenden und leitenden. Und auch der kritischste und anspruchsvollste Beobachter muss Viktor Schoner in seiner ja noch jungen Stuttgarter Intendanz eine bisher nahezu makellose Bilanz zugestehen.

 Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 02., 05., 10., 12., 14., 19. und 30. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—