Bern, Theater Bern, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 28.11.2018

November 29, 2018 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

La Bohème –  Giacomo Puccini

 – Andy Warhol als Marcello – Mimì als Krebskranke –

Von Julian Führer

Gibt es Weihnachtsopern?  Wenn ja, dann aus zwei Gründen: Sie gelten aus verschiedenen Gründen als familientauglich, oder sie spielen zur Weihnachtszeit. Humperdincks Hänsel und Gretel sind die Lebkuchen zum Verhängnis geworden, spielt das Stück doch eigentlich ganz eindeutig im Sommer (die Kinder suchen Erdbeeren, hören einen Kuckuck und übernachten unter freiem Himmel!). In La Bohème hingegen ist tatsächlich Heiligabend: Die Kinder quengeln nach Geschenken, und man trifft sich im Lokal zum überteuerten Weihnachtsessen. Vor allem aber wird gefroren. Seit Beginn der Spielzeit war La Bohème schon am Opernhaus Zürich und am Theater Freiburg zu sehen; nun hatte am Theater Bern (in Kooperation mit Cape Town) eine neue Lesart in der Regie von Matthew Wild Premiere.

A Henry Murger Montparnasse © IOCO

A Henry Murger  – Montparnasse © IOCO

Weihnachtlich sind hier nur ein paar Anklänge im Libretto. Zu Beginn sehen wir einen leeren Ausstellungsraum (Bühne: Kathrin Frosch), der für eine Werkretrospektive eingerichtet wird. Schnell wird deutlich, dass Marcello es in seiner Künstlerexistenz nach dem eigentlichen Ende der Oper zu Ruhm und Erfolg gebracht hat. Matthew Wild als Regisseur bezieht sich hier auf den Roman Scènes de la vie de bohème von Henry Murger, der als Vorlage für die Oper diente und anders als diese mit dem Tod der Mimì nicht zu Ende ist. Nun, hinfällig und an den Rollstuhl gefesselt, erlebt Marcello Rückblenden in seine Jugendzeit. Er ist dargestellt wie Andy Warhol, wenn er denn im Jahr 2018 noch leben würde (Kostüme: Ingo Krügler, Frauke Leni Bugnar). Er wäre nun 90 Jahre alt. In der anderen Erzählzeit der Oper, recht deutlich in den 1960er Jahren und in New York, hoffen mehrere junge Künstler auf die große Karriere: Der junge Marcello (Todd Boyce), der wie der langhaarige John Lennon von 1969 zurechtgemachte Colline (Young Kwon mit rundem, klangschönem Bariton), der Literat Rodolfo (Peter Lodahl) und die koksende Drag Queen Schaunard (Michal Marhold mit sehr präsentem Organ und großer Spielfreude). Die Künstlerkommune lebt in den Tag hinein und erhält zweimal Besuch. Zunächst vom Vermieter Benoît, der vom alten Marcello (John Uhlenhopp) verkörpert wird.

Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier

Die anspruchsvolle Inszenierung vermischt hier mehrere Interpretationsebenen und zeigt nicht nur die Figur des Marcello in verschiedenen Generationen, sondern lässt den alten Marcello auch als Sinnbild des Alters immer wieder den Jüngeren unter die Augen treten: als Vermieter, später auch als lächerlicher, aber wohlhabender Liebhaber Alcindoro und als Spielzeughändler Parpignol. Diesen drei Figuren ist gemeinsam, dass sie von den Jüngeren nicht ernstgenommen werden – allerdings gehören sie nicht dem gleichen Stimmfach an, so dass John Uhlenhopp sowohl zwei Baritone als auch einen Tenor singen muss, was wohl die meisten Sänger an ihre Grenzen bringen würde. Gleichzeitig handelt es sich um eine große Leistung, da Uhlenhopp pausenlos auf der Bühne agiert und sowohl singt als auch spielt.

Wie Andy Warhol ist hier Marcello als Maler immer wieder vom Motiv des Herzens (durchaus im Sinne des inneren Organs, Foto unten) fasziniert, das in unterschiedlichen Formen auf der Bühne gezeigt wird. Mit einem Augenzwinkern sehen wir zudem, dass Marcellos Farbeimer eine Konservendose der ebenfalls von Warhol zur Kunst erhobenen Campbell’s Soup ist. Todd Boyce, kürzlich als Don Alfonso in Così fan tutte zu sehen, kann hier einen wirklich jungen Mann verkörpern, was seiner Physis sehr entgegenkommt, und auch stimmlich kann er mit seinem agilen jugendlichen Bariton punkten – ein großer Erfolg für den jungen Sänger.

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Der andere Besuch ist natürlich Mimì (Evgenia Grekova), die sichtlich den Kontakt zu den Künstlern sucht (die Kerze, die ihr angeblich versehentlich erloschen ist, bläst sie selbst in der Tür aus). Rodolfos Gesang von der kalten Hand („Che gelida manina„) wirkt inszenierungsbedingt hier nicht ganz überzeugend. Peter Lodahl geht aber hier wie auch sonst sehr kontrolliert mit seiner Stimme um. Lieber singt er einen Ton vorsichtig an, statt ins Forcieren zu geraten, und so ist sein Tenor von leichtem, fast mozarthaftem Schmelz. Evgenia Grekova hatte das Publikum von ihrem „Si, mi chiamano Mimì“ an für sich eingenommen. Ihr im Mezzo grundierter Sopran meisterte auch die Höhen der Partie und passte gut zum Rollenportrait der Regie.

Das zweite Bild spielt nicht im Restaurant von Momus, sondern auf einer amerikanischen Party der Sechziger mit entsprechend aufwendig kostümiertem Damenchor und Kindern im Batman-Kostüm. Der Kinderchor der Singschule Köniz verdient besondere Erwähnung, denn so präzise und exakt hört man die Eingangsszene des zweiten Bildes selten. Auch die sehr schnellen Chöre der Erwachsenen (Chöre: Zsolt Czetner) ließen keine Wünsche offen. Im zweiten Bild begegnen wir also wieder dem alten Marcello einerseits als Alcindoro, andererseits als Parpignol und endlich als Marcello selbst, der am Ende als verzerrte Karikatur des Tambourmajors eine Art Totentanz anführt. Anderes wird von der Regie ganz konventionell behandelt, so die Beziehung von Marcello und Musetta (Orsolya Nyakas), die weder mit- noch ohne einander glücklich werden. Der alte Marcello im Rollstuhl wird ab und an von einer älteren Musetta geschoben, so dass die Inszenierung hier sogar verhalten optimistisch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen ist. Orsolya Nyakas setzte sich gekonnt in Szene und konnte gerade in ihrer großen Szene „Quando m’en vo“ punkten.

Das stark besetzte Orchester (das Blech im vergrößerten Graben schon unter der Bühne) unter der Leitung von Ivo Hentschel entwickelte im ersten und zweiten Bild einen satten, runden Klang, besonders in „O soave fanciulla“ herrlich süßlich parfümiert mit leuchtenden Farben und sehr präsenter Harfe und allenfalls am Ende des zweiten Bildes mit etwas zuviel Lautstärke.

Nach der Pause befinden wir uns wieder im Ausstellungsraum. Die Beziehungen von Marcello und Musetta einerseits und Rodolfo und Mimì andererseits befinden sich an einem toten Punkt, doch weiß Rodolfo, dass Mimì sterben wird – und sie erfährt es eher zufällig. Dieses Bild wirkt in der von der Regie eingenommenen Perspektive wie so oft am wenigsten überzeugend, auch die Straßenfeger und Bauernmädchen von der Seitenbühne passen nicht zur Regie.

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Zu Beginn und zwischen den Bildern wird (vom Band und mit gewolltem Knistern und daher sehr viel flacher als das Orchester) Puccinis Streichquartett Crisantemi eingespielt. Dazu wird auf der Bühne jeweils der alte Marcello gezeigt, wie er, nach der Pause zunehmend hinfälliger, sich an Bruchstücke seines früheren Lebens erinnert. Musikalisch wären diese Szenen noch eindringlicher geraten, wenn man das Streichquartett aus dem Graben oder von der Seite gespielt und nicht nur eingespielt hätte. Zur sehr kompakt gehaltenen Partitur der Oper passt das Quartett auch nicht immer, doch ist der Ansatz der Regie durchaus nachvollziehbar.

Das letzte Bild wirkt beklemmend: Wir sind immer noch im Ausstellungsraum, der alte Marcello sieht sein altes Sofa mit riesigen Häkelblumen als Exponat, da kommen die jungen Leute aus seiner Erinnerung und feiern eine alberne und jeglichen Ernst des Lebens verleugnende Party. Musetta kommt herein und kündigt die auf den Tod erkrankte Mimì an. Die kommt mit Glatze auf die Bühne, offensichtlich von Krebs und Chemotherapie gezeichnet. Im Publikum konnten viele Zuschauer die Tränen nicht zurückhalten, und man ahnt, dass die Regie hier Bezüge zu vielen persönlichen Schicksalen herstellt. Mimì stirbt auf dem Blümchensofa, Rodolfo ist hilflos und weiß nicht, was er tun soll. Der alte Marcello versucht, die Jüngeren zu beeinflussen, solange noch Zeit ist: Er schiebt den jungen Marcello in Richtung der Sterbenden, kann aber doch nichts daran ändern, dass sie alleine ihren letzten Atemzug tun muss. Im Schlussbild, als den anderen bewusst wird, dass sie tot ist, steht sie auf und bewegt sich zum alten Marcello. Ein Lichtkegel (Licht: Bernhard Bieri) ist auf das leere Sterbesofa gerichtet, gleichzeitig geleitet Mimì, nun schon in einer anderen Welt, den alten Marcello seinerseits ins Jenseits.

Das Publikum war konzentriert und schenkte den Solisten ungeteilte, teils (insbesondere für Evgenia Grekova als Mimì) fast begeisterte Zustimmung. Großen Beifall gab es für Dirigent und Orchester, die Reaktion auf die Regie fiel weniger einhellig aus. In Bern ist eine starke Regie zu sehen, die den Zuschauern aber einiges abverlangt. Eine Lektüre des Programmhefts ist angeraten – ein Besuch ebenfalls.

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Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018 by  
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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

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