Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Samson et Dalila – Camille Saint-Saens, IOCO Kritik, 29.10.2019

Oktober 29, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Samson und Dalila  –  Camille Saint-Saëns

– Mon coeur s’ouvre – mein Herz öffnet sich –

von  A. Schneider

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Allenthalben ertönt auf unserem Planeten die Klage über dessen universale Vermüllung mit Plastik oder, um einiges lauter weil noch bedrohlicher, die Korrosion des Leibes durch das allgegenwärtige CO2. Diesem Faktum adäquat ist der Auspuff an Musik, dem man wehrlos ausgesetzt ist. Vor ihrem Angriff schützt allenfalls das traute Heim, vorausgesetzt, seine Mauern sind widerständig genug. Dass Kaufhäuser, Restaurants, Fahrstühle, Cafèhaustoiletten und viele Plätze mehr des Glaubens sind, mittels Beschallung den Besucher zugänglicher für ihre Angebote zu stimmen oder einen Aufenthalt minder lästig zu gestalten, dergleichen Taktik dürfte ihnen die Verkaufspsychologie eingeredet haben. Damit aber nicht genug: auch Filme, Theater, Szenerien jeder Sorte werden fast ausnahmslos mehr oder weniger in Musiken aller Arten getaucht, als könne auf dem Wege schwache Dramaturgie, einfallslose Kameraführung und fade Texte konterkariert werden. Die Postmoderne (gar bereits die Postpostmoderne?) hat sich der Musik bemächtigt, auf dass sie die Banalität ihrer Gedanken und Phänomene mit Tönen einnebele. Zudem möchte die nie endende Zahl der Musikmacher und Songschreiber ihre Arbeit, gleich ob gelungen oder dilettantisch, an Frau und Mann gebracht hören, worunter dann das Menschenohr zu leiden hat.

Samson et Dalila Camille Saint-Saens
youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Frage ist, inwieweit durch das invasive Dudeln unsere Sinne für komplizierteres Musizieren, wobei Qualität und Bedeutung des populären unbestreitbar bleiben, à la longue abstumpfen, und daher die heutigen Theaterbesucher der Ästhetik einer Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihrer scheinbar gemäßigten Intensität kaum etwas abzugewinnen vermögen.

Einem Auditorium des vorletzten Jahrhunderts bedeutete ein Opern- oder Konzerthausbesuch, ein Ereignis zu sein: ein erhebendes, ein missfallendes oder eines, das gleichgültig ließ. Musik war noch nicht vorwiegend zum Dekorationsstoff von Ware, Bild und Aktion gediehen, sie war kein Umweltrauschen, sondern blieb singulär, bildete die Ausnahme. Die in Klänge gefassten Botschaften der Instrumente und Stimmbänder waren elementar und einmalig genug, um nicht im Ohr stecken zu bleiben, vielmehr um tiefer im Inneren Herz und Hirn zu touchieren.

Mit Camille Saint-Saëns Oper Samson und Dalila, uraufgeführt in Weimar 1877, französische Premiere in Rouen 1890, und erst 1892 an die Opéra in Paris gelangt, wurde der französischen Zuhörerschaft neuerlich bewusst, dass auf den alten Opernhelden, den Ritter vom Hohen C, nicht länger das hellste Bühnenlicht fiel. Gleichsam in den Schatten stellte ihn immer häufiger die Frau, die weibliche Stimme, und besonders dem Mezzosopran lieferte sich neuerlich der Tenor zum eigenen Verhängnis aus. Als ein solcher den Mann zerstörender Mezzo hatte sich George Bizets Carmen gezeigt, eine gegen Männerzwang revoltierende eigensinnige Person, die für ihr Freiheit sogar über die eigene Leiche ging, und auch die Schicksal spielende, hassliebende Dalila trat vor den Vorhang der französischen Oper als gleichsam aus dem Geiste des Feminismus geborenes Geschöpf. Ähnlich ambitionierte Schwestern hatten ihren Auftritt mit Jacques Offenbachs Helena, danach Jules Massenets Manon und Gustave Charpentiers Louise, allesamt letztlich fatale Damen, die schwachen Männern gefährlich wurden. Das von der Bühne signalisierte weibliche Emanzipationsbestreben widersprach freilich der einer Frau in der Belle Epoque zugedachten Rolle, der zu entkommen die konservative Gesellschaft nicht vorsah, und fügte sich zudem ganz und gar nicht den traditionellen Männerphantasien.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Saint-Saens Sirene ist Dalila, deren Gesang Samson ebenso erliegt, wie er bis auf den heutigen Tag im Repertoire jeden Mezzosoprans zu finden ist. Die Arie: Mon coeur s’ouvre – Mein Herz öffnet sich bleibt für immer in den Kanon großer Arien eingeschrieben. Der Oper ist anzumerken, dass ihr Sujet, die biblische Erzählung von Samson und Dalia aus dem Buch der Richter, anfänglich die Vorlage für ein Oratorium bilden sollte. Ein paar Stücke wurden komponiert, wanderten in die Schublade, und wurden Jahre später, als der Komponist die Absicht geändert hatte, in die Oper eingebracht. Deren religiöser und statischer Charakter war mithin vorgezeichnet, und ihre wesentlichen Protagonisten, die Chöre, sind getragen von alttestamentarischer Klage, göttlicher Verheißung und Gotteszorn. Auf der Bühne tut sich nicht viel; die Konflikte zwischen Hebräern und Philistern wie zwischen Samson und Dalila werden handgreiflich backstage entschieden, vorne befehden sich Chor und die wenigen Figuren vorwiegend verbal, getragen von einer Musik, die der Thematik angepasst auf barocke Form wie Fugato oder Kirchentonarten zurückgreift, und die hin und wieder pseudoorientalisches Lokalkolorit mittels Fünftonreihen und ein erotisches Flair auch durch ausgefalleneres Instrumentarium wie Kastagnetten und Tamburin beschwören will.

Der komponierte Mythos handelt von dem von Gott erleuchteten und von ihm mit Riesenkräften ausgestatteten Samson, der die Hebräer von der Knechtschaft der Philister befreit, der jedoch Dalilas genialen Verführungskünsten auf Dauer nicht widersteht, und von ihr mittels Haarschnitt seiner Stärke beraubt, also gleichsam entmannt, sein Volk und sich selbst wieder ins Unglück der Philistertyrannei stürzt. Halbtot geschlagen, blind und zutiefst gedemütigt, legt er in einem letzten Anflug alter Kraft den Tempel der Feinde in Trümmer, unter denen sie nun begraben liegen.

Das ist eine alte Geschichte oder fromme Legende, wie man will, aus der, in Form einer ziemlich bejahrten Oper präsentiert, heutzutage wohl kaum ein Kassenschlager hervorgehen dürfte Ein Publikum des 21. Jahrhunderts mit einem Kopf voller optischem und akustischem Larifari, benötigt eine auffällige, eine unerhörte Darstellung, um zum Schluss davon angetan oder befremdet zu sein.

Regisseur Joan Anton Rechi macht aus Samson und Dalila, von deren Partitur die Dramaturgie (Anna Grundmeier) anderswo selten den Staub wischen will, ein zeitnahes wie zeitloses Theater. Theater im allerrealsten Sinn. Bei ihm wird aus dem theologisch induzierten Kreuzzug für den richtigen Gott, aus dem Herrschaft und Knechtschaft herrühren, ein klassischer Klassenkampf zwischen Ausbeutern, den Gold(?) -minenbesitzern, und den Ausgebeuteten, die als Heloten untertage die Erde auszubeuten haben. Die Spiegelung einer sich in Besitzende und Besitzlose spaltenden Gesellschaft.

Im ersten der drei Akte wandelt die Inszenierung den im Original lediglich kommentierenden, jammernden und erst zuletzt enthusiasmierten Chor (Ltg. Gerhard Michalski) zu einer Front von Minenarbeitern die nun mittels Bewegung und Gesten die vorwiegend aus Rhetorik bestehende handlungsarme Handlung verlebendigt. Zu Aktionen kommt es erst, wenn das Proletariat den Aufstand wagt, und wenn nach dessen Gelingen Samson den gotteslästernden Oberaufseher Abimélech (Luke Stocker) erschlägt. Dass die Arbeiter den Leichnam pietätvoll begraben, erinnert an die eigentliche religiöse Intention der Oper; dass indessen hier ein anderer Geist wirkt, wird schlüssig, wenn gleich hinterher die siegesfrohen Revoluzzer sich mit einer Schar aufgekratzter Liebesdienerinnen unter Leitung der Freudenhausdirektrice Dalila vergnügen. In wessen Händen immer die Macht gelangt, sie gibt sich nicht unbedingt moralisch.

 Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Saint-Saens im Grunde gottesfürchtige Musik verträgt sich mit der Evolution der zweifellos nicht sittenstrengen Philisterfrauen zu fröhlichen Freudenmädchen gleichermaßen wie mit der  Modulation des Gotteshaders zum klassenkämpferischen Impetus. Die Bühne (Gabriel Insignares) ist frei von vieldeutigem Inventar, ein paar Versatzstücke wie farbige Wände, Stufen, ein Tafeltisch  reichen aus, das Auge muss nicht über die Symbolik des Inventars spekulieren. Die optische Reduktion tut den Ganzen keinen Abbruch.

Inwieweit die Entscheidung des Menschen für Gut und Böse auf einem freien Willen beruht, darüber grübelt die Philosophie. Für ein Libretto taugte die Thematik bislang vernehmbar nicht, ihre Daseinsberechtigung verschaffen der Oper große Gefühle und ebensolche Taten, gleich ob sie von der Macht, der Gier, dem Freiheitsdrang, oder von Caritas, Eros oder dem Himmel selber gestiftet werden.

Derartige Gefühle rasen jetzt im zweiten Akt. Der willensstarke Powermann Samson (Michael Weinius), der doch zuvor mit solch metallischem Timbre die Kollegen zum Aufstand und die Gegner in den Staub sang, ergibt sich, zuerst widerstrebend, doch dann von Liebeswahn enthemmt, der fürwahr verführerischen Erscheinung der Dalila (Ramona Zaharia). Deren in der Tat unwiderstehlich betörende Töne sind allerdings vergiftet, die Frau steckt voller Rachsucht wegen seines vormals geübten Liebesentzugs. Ihre Zerstörungslust will zudem der kaltgestellte und enteignete Minenboss (Simon Neal) zwecks Rückeroberung der verlorenen Goldgruben nutzen. Zu den Zwecken muss Samson das Geheimnis seine Stärke preisgeben, und der geeignete Ort dafür ist Dalilas Bett. Es sind schon böse Szenen, wenn die Vernunft abdankt und Eros, Hass, Profitgier die drei Figuren umtreiben, indem sie sich umkreisen, abtasten, an die Wäsche gehen und endlich gewalttätig werden. Dalilas parfümierte Liebesworte schweben gleichsam auf gedämpften Bläserwolken, bei dem Wort l`amour perlt dazu die Harfe, Samsons Leidenschaft- und Selbsthassbeichte zerschneiden Streicherskalen. Saint-Saens hat für die triebsatte Sphäre eine Musik geschrieben, mit der das formidable Orchester (GMD Axel Kober) den unheilschwangeren Raum füllt.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Der liebestolle Held ist im Boudoir der Dame seiner Haare und mithin seiner Stärke ledig geworden, und folgerichtig befindet er sich im 3. Akt gefoltert und blind wieder in der Gewalt der alten Herrschaften, seinetwegen haben auch die Genossen ihre junge Freiheit eingebüßt. Sie grollen ihrem Anführer und beklagen die neue unselige Lage, indessen Samson heftig mit seine Willens- und Körperschwäche hadert.

Das Kartell der siegreichen Minenbesitzer feiert mit Dalila in einer skurrilen Choreografie ihren Gott Mammon. An die Stelle des in der Partitur vorgesehenes Ballett-Bacchanal der Philister/Innen ist passend und listig der verzückte Reigen der Bosse um ihre Geldkisten ob des geglückten Putschs: hat die Revolution doch neuerlich ihre Kinder gefressen, sind die alten Zustände zurückgekehrt. Samson gerät ob der Demütigung und Schmähung seiner Ideale in einen heiligen(?) Zorn, aus dem ihm noch einmal solche Kraft zuwächst, dass, so wie er mit den Kumpels im ersten Bild des ersten Aktes aus der Erde ans Tageslicht fuhr, jetzt die gesamte Kapitalistenclique im Boden versinkt. Ein Menetekel?

Eine Oper, die einen Märtyrermythos einbindet, in reiner Form einer nicht durchgängig religionsnahen Zuhörerschaft anzubieten, dürfte bei ihr kaum Resonanz finden. Allein die Passionsgeschichte der Israeliten für ihren Glauben verträgt die Umdeutung in eine Erzählung von Arm und Reich oder Macht und Ohnmacht. Und zudem eine der Interdependenz von Frau und Mann: der einfache, von seinen Leidenschaften zerrissene, aber baumstarke Samson konfrontiert mit Eva, der Schlange. Oder gar dem Vamp, der Femme Fatal, dem ihm überlegenen Weib? Und erst recht eine Erzählung von der Steuerung der Menschen…. ja durch wen und was?

Die Mythen der Geschichte sind zeitlos. Indem die Düsseldorfer Inszenierung den von Samson und Dalila zu einem Gesellschaftskonflikt aufbereitet und zur Schau stellt als ein augenfälliges Theater, das den Menschen anfasst, beleidigt sie damit keineswegs die hehren Ideen dahinter. Puristen mögen mäkeln, das Ganze sei zu realistisch geschminkt, allein es schadet selbst der absichtsvollsten Oper nicht, sollte sie ein bisschen als Spektakel daherkommen.

So fügt sich auch die Musik Camille Saint-Saens ohne Bruch der neuen Deutung. Die Solisten singen und spielen sich zu verständlichen Figuren, der Chor – S.+D. ist im Grunde eine Choroper – lamentiert, droht und jubelt meisterlich als Herrschaft wie als Knechtschaft, die Musikalisierung des agonalen wie emotionalen Dramas von hörbar französischem Charakter liegt bei den Düsseldorfer Symphonikern in allerbesten Händen.

Alles Anlass für das Publikum, nach dem zwar finsteren, das Gerechtigkeitsempfinden immerhin beruhigende Finale mit lautem Beifall nicht zu geizen. Zweieinhalb Stunden Zustandsschilderung als rundherum vortreffliches Theater dargeboten, Opernfreundinnen und Opernfreunde, was wollt Ihr mehr?

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler, IOCO Kritik, 18.09.2019

saechs_staatskapelle.jpg

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Sol Gabetta – Daniele Gatti   

Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler

von Thomas Thielemann

Dem Komponisten Charles Camille Saint-Saëns (1835-1921) sagten Zeitgenossen nach, dass er von keiner Leidenschaft geplagt gewesen sei. Nichts habe die Klarheit seines Verstandes getrübt. Er wäre von Anfällen krankhafter Müdigkeit geplagt gewesen, verfügte aber andererseits über einen wunderlichen Humor und einen kapriziösen Geschmack für Parodien, Burlesken, Possenhaftem. Zugleich trieb ihn eine ruhelose erregte Laune durch die Welt, was ihn zu vielfältigen, zum Teil exotischen Kompositionen anregte, die sein vagabundierendes Denken über Epochen und Landschaften widerspiegelten. Seine Musik zeichnet sich besonders durch handwerkliche Meisterschaft, formale Strenge und Eleganz des Klanglichen aus.

Sächsische Staatskapelle Dresden – 2. Symphoniekonzert 2019/20

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sein Violoncello-Konzert a-Moll op. 33 von 1872 ist für jeden Solisten ein Paradestück und sehr beliebt. Statt der üblichen dreisätzigen Konzertform strukturierte Saint-Saëns seine Arbeit in einem Satz, der allerdings drei eng verbundene Ideen enthält. Im 2. Symphoniekonzert der Saison 2019/20 spielte die Capell-Virtuosin der laufenden Saison Sol Gabetta das Konzert mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Daniele Gatti. Beide haben als Gastmusiker schon des Öfteren im Semperbau mit großem Erfolg musiziert, so dass es keine Berührungsprobleme zu überwinden gab. Auch gehört Sol Gabetta inzwischen mit ihrem virtuosen kraftvollen Spiel und ihrer enormen Bühnenpräsenz zu den eindrucksvollsten Musikerinnen unserer Zeit. Mit einem Lächeln im Gesicht meisterte sie die enorm anspruchsvollen Schwierigkeiten  des Soloparts, insbesondere im letzten Abschnitt des Konzerts. Berückend bot sie auch die Kadenz im Menuett-Mittelteil. Dazu kam der warme Klang ihres Instruments, das 1730 in der Werkstatt des Cello-Spezialisten Matteo Goffriller in Venedig gebaut worden ist.

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Daniele Gatti begnügte sich mit einer dienenden Rolle und ließ die Solistin überwiegend im dramatischen und musikalischen Vordergrund. Er führte die Musiker der Staatskapelle einfühlsam und flexibel, bot so die Gegenmelodien zurückhaltend.

Besondere Begeisterung entfachte die Zugabe der Solistin und des Orchesters mit Gabriel Faurés  „Plays Aprés un rêve“.

Nach der Pause folgte dann Gustav Mahlers fünfte Symphonie. Mit keiner seiner Kompositionen plagte sich Mahler mit der Instrumentierung so, wie bei diesem Werk. Nach den Symphonien zwei, bis vier war das nächste Werk dieser Gattung das erste ohne Einbeziehung der menschlichen Stimme. In den Sommerferien 1901 und 1902 konzipiert, 1903 erstmals instrumentiert, fand die Uraufführung 1904 statt. Die heute dargebotene Instrumentierung ist allerdings eine Mahler-Überarbeitung aus seinem Sterbejahr 1911.

Die Verwendung des Adagietto als Filmmusik in Viscontis  “Tod in Venedig“ hat massiv zur Popularität der Komposition beigetragen, so dass sie heute eine der beliebtesten und am häufigsten aufgeführte Symphonie Mahlers ist. Das Werk ist voll von Themen, Gegenthemen, schnellen Stimmungswechseln und hat einen gewaltigen Dynamikumfang. Gatti gelingt mit den Musikern aber auch ein Spiel mit Weichheit und Transparenz. Hervorragend werden die langen Passagen von den Blechbläsern der Kapelle freigelegt. Bei der Häufigkeit der unterschiedlichen Interpretationen war es für Gatti schwierig, Besonderheiten, die auch seinem Stil entsprechen, in der Darbietung unterzubringen. Die Anklänge an Bachs Polyphonie waren beeindruckend. Der erste Satz wurde an der Grenze des von Mahler gewünschten gemessenen Schrittes gespielt, bevor sein Dirigat Fahrt aufnahm. Der Wirkung des zweiten Satzes bekam, zumindest nach meinem Empfinden, die von Daniele Gatti vorgegeben Tempo- und Intensitätswechsel recht gut.

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Das Scherzo, nach des Komponisten Einteilung bereits der II. Abteilung zugehörig, bot Daniele Gatti mit den verblassenden Erinnerungen des Lebens den Abschluss einer Entwicklung. Denn fast plötzlich ist das Adagietto als das Markenzeichen jeder Interpretation und als Ruhebereich von Mahlers „fünfter“ da. Gatti versuchte mit seinem Dirigat die Hörerwartungen gerade zu rücken, um beim Publikum die Kino-Assoziationen aus dem Kopf zu bekommen und so ein Abgleiten in die Liebeserklärung an Alma Schindler zu vermeiden. Dazu nutzte er die melodischen Wendungen an das Rückert-Lied „ Ich bin der Welt abhandengekommen“. Letztlich gestaltete Gatti, von den flexiblen Streichern des Orchesters unterstützt, ein Atemholen vor dem unmittelbar angeschlossenen Finale.

Zunächst finden Dirigent und Staatskapelle fast zögerlich den Bewegungsrhythmus mit seinen rudimentären Motiven. Dann aber ließ Daniele Gatti die Musik Mahlers für sich sprechen und führte zum jubelnden Finale. Frenetischer Beifall des doch recht erschöpften Publikums für das Gebotene.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dortmund, Oper Dortmund, Internationale Ballettgala XXIX, 06. und 07. Juli 2019

Juni 27, 2019 by  
Filed under Ballett, Pressemeldung, Theater Dortmund

pic25423

Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Internationale Ballettgala XXIX

  6. und 7. Juli 2019 –  Dortmunder Opernhaus

Die XXIX. Dortmunder Ballettgala findet am Samstag, 6. Juli 2019, 19.30 Uhr und am Sonntag, 7. Juli 2018, 18 Uhr im Opernhaus statt. Mit diesem weit über die Grenzen Dortmunds bekannten Tanzfest internationaler Stars beenden das Dortmunder Ballett und sein Direktor Xin Peng Wang die Spielzeit. Solistinnen und Solisten u.a. des New York City Ballet, des National Ballet of Canada, des Stuttgarter Balletts, des Ballett Zürich sowie des Staatsballetts Berlin werden einmal mehr Dortmunds Ruf als Tanzmetropole unter Beweis stellen.

Dortmund hat sich durch seine Gastfreundlichkeit seinen Platz als Drehscheibe des internationalen Tanzes in der Ballettwelt erobert. Für viele Stars der renommiertesten Compagnien sind die „Internationalen Ballettgalas“ der Ruhrmetropole Fixpunkte in ihren Terminkalendern.

Theater Dortmund / Alexander Abdukarimov © Yan Revazov

Theater Dortmund / Alexander Abdukarimov © Yan Revazov

Ein rauschendes Fest der Tanzkunst erwartet die Freundinnen und Freunde hoher Tanzkunst zum Ende der Spielzeit 2018/2019. Wie in den Jahren davor werden die Stars der Tanzwelt das Publikum mit Brillanz, Bravour sowie Poesie und Witz verzaubern.

Svetlana Lunkina vom National Ballet of Canada wird den „Sterbenden Schwan“ in der Choreographie von Michel Fokine zur Musik von Camille Saint Saëns geben.

Die Leistungsschau internationaler Tanzkunst wird in ganz besonderer Weise von den Solisten des Stuttgarters Ballett, Elisa Badenes und Alexander Jones, dargestellt. Beide zeigen Christian Spucks Choreografie GRAND PAS DE DEUX mit der Musik von Gioachino Rossini. Der Solist des Berliner Staatsballetts, Alexander Abdukarimov wird eine eigene Choreographie in Dortmund vorstellen. Gemeinsam mit den Solistinnen und Solisten des New York City Ballet, des National Ballet of Canada, des Stuttgarter Balletts, des Ballett Zürich und des English National Ballet werden sie die internationalen Maßstäbe der Tanzkunst eindrucksvoll aufzeigen.

Und natürlich werden sich die Tänzerinnen und Tänzer des BALLETT DORTMUND am Ende dieser erfolgreichen Spielzeit bei ihrem Publikum bedanken.

Wenige Restkarten sind an allen bekannten Vorverkaufsstellen, an der Theaterkasse im Opernhaus, telefonisch unter 0231 / 50 27 222, oder im Internet auf www.theaterdo.de erhältlich.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Wien, Wiener Staatsoper, Premiere Samson et Dalila, 12.05.2018

Mai 7, 2018 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Samson et Dalila  –  Camille Saint-Saens

Nach 24 Jahren kehrt Samson et Dalila zurück an die Wiener Staatsoper: Am  12. Mai 2018 feiert die Oper in einer Neuinszenierung von Alexandra Liedtke Premiere im Haus am Ring. Weitere Vorstellungen: 15.5.; 18.5.; 21.5.2018.

Camille Saint-Saens komponierte ausgehend von einem Libretto Voltaires eine Oper (die ursprüngliche Musik zu diesem Werk ist verschollen), die aus der bekannten biblischen Geschichte nur einen Ausschnitt wählt: Die Liebesgeschichte. Besonders interessierte den Komponisten aber auch der einsame Raum rund um die Protagonisten – und so sind Samson und Dalila nicht nur Liebende, sondern auch Einsame in sich bekriegenden Gesellschaften.

Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Uraufgeführt wurde das Werk 1877 in Weimar, kam 15 Jahre später an die Pariser Opéra und 1907 in der Direktion Gustav Mahlers und unter Dirigent Bruno Walter an die Wiener Hofoper. Die bisher zweite Staatsopern-Produktion von Samson et Dalila kam im Dezember 1990 heraus, mit KS Plácido Domingo als Samson, KS Agnes Baltsa als Dalila, unter dem Dirigat von Georges Prêtre und in einer Inszenierung von Götz Friedrich.

Die anstehende Neuproduktion wird musikalisch geleitet vom italienischen Dirigenten Marco Armiliato, der seit seinem Debüt im Haus am Ring 1996 mit Andrea Chénier eine Vielzahl an Repertoirevorstellungen – insgesamt 30 unterschiedliche Werke – sowie die
Premierenproduktion von Il trovatore (2017) dirigierte. Bei Samson et Dalila handelt es sich um eine durchwegs französische Musik, um eine sehr abwechslungsreiche, kurzweilige, elegante französische Musik, in der jeder einzelne Moment für sich ebenso beeindruckend ist, wie der Gesamteindruck! […] In dieser Oper reiht sich ein besonderer Moment an den nächsten“, so Marco Armiliato im Gespräch mit Andreas Láng für das Staatsopernmagazin Prolog.

Regie führt – erstmals an der Wiener Staatsoper – die deutsche Regisseurin Alexandra Liedtke, die bisher u. a. am Schauspielhaus Hamburg, dem Burgtheater, am Theater in der Josefstadt, den Salzburger Festspielen und am Schauspielhaus Bochum arbeitete. Ihr Debüt als Opernregisseurin gab sie mit Das Labyrinth bei den Salzburger Festspielen, mit Samson et Dalila debütiert sie nun im Haus am Ring. Ihr Zugang zum Werk ist mitunter geprägt von David Grossmans Buch Löwenhonig, in dem die These aufgeworfen wird, dass Samson eine Art Selbstmordattentäter ist: „Sein Buch hat für mich in der Auseinandersetzung und Vorbereitung auf die Inszenierungsarbeit einen ganz großen Reiz besessen. Es tauchen ja viele Fragen auf: Wie wird unterschieden in der Frage, ob ein Mensch ein Held ist oder ein Mörder?

Wenn man sich die großen Stoffe anschaut – egal, ob Bibel oder griechische Mythologie – was definiert Menschen, ob sie Helden sind oder Mörder? Wenn jemand tausende Menschen umbringt: Wann nennen wir ihn einen Helden? Bei Samson frage ich mich: Wie sehr wollte er das tun? Er wurde schon vor seiner Geburt auserwählt – hatte er eine Wahl? Wie lebt es sich mit dem Wissen, der Retter eines Volkes zu sein? Ein Gottgesandter zu sein? Manchmal habe ich ja fast den Eindruck, dass Samson wie ein Kind durch die Welt wandelt und niemals an Konsequenzen denkt.“

Der deutsche Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt, der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte, ist mit Samson et Dalila erstmals an der Wiener Staatsoper tätig. Er arbeitete bisher u. a. für das Schauspielhaus Graz, die Salzburger Festspiele, das Theater in der Josefstadt, Burgtheater, Salzburger Landestheater, Staatstheater Mainz, Schauspiel Leipzig, für die Opernfestspiele der Bayerischen Staatsoper, das Residenztheater München, das Berliner Ensemble.

Alexandra Liedtke und Raimund Orfeo Voigt entschieden sich bewusst für ein schlichtes Bühnenbild und gegen Exotismus aus biblischer Zeit, was die Regisseurin erläutert: „Ich stelle mir lieber die Frage: Wie modern ist das Thema? Es geht um Macht, um Machterhalt. Und es geht um Verantwortung und Liebe – und die Spannung, die sich daraus ergibt. Was passiert, wenn man sich zwischen Herz und Verstand entscheiden muss? Ich fürchte, es geht selten gut aus …“

Die Kostüme gestaltet die deutsche Kostümbildnerin Su Bühler, die an der Wiener Staatsoper bisher die Kostüme für Lady Macbeth von Mzensk kreierte. Für das Lichtdesign zeichnet Gerrit Jurda (Debüt im Haus am Ring) verantwortlich, die Choreographie stammt von Lukas Gaudernak.

Die Sängerbesetzung

In den Titelpartien geben zwei der international gefragtesten Sänger ihr persönliches Rollendebüt: KS Roberto Alagna als Samson sowie KS Elina Garanca als Dalila.

Den Protagonisten Samson beschreibt KS Roberto Alagna so: „Für mich ist er der größte Held der Bibel. Als ich Kind war, erzählte mir meine Großmutter die bekannten Geschichten aus der Bibel nach. […] Und Samson wurde bald zu meinem liebsten Helden. […] Weil Samson nicht nur enorm stark war, sondern auch eine gewisse Fragilität hatte. Wir lernen in der Bibel ja, wie er auch Schwäche zeigte. Abgesehen davon scheint er mir bis heute ein nobler Charakter: Sein Flehen zu Gott um Vergebung hat ja keine persönlichen Gründe, sondern er bittet um Macht, um seinem Volk helfen zu können. […] Samson zu studieren ist so wie sich zu verlieben. Umso mehr man sich mit der Partie beschäftigt, desto vielfältiger und faszinierender erscheint sie einem. Es ist überraschend, wie reich diese Oper an Melodien ist, wie viel Atmosphäre in ihr steckt. Man hört Phrasen, die unglaublich bewegend sind und einen an Puccini erinnern.“
Im Haus am Ring feierte der Tenor in den vergangenen Wochen großen Erfolg als Otello sowie als Calaf (Turandot); nach Des Grieux (Manon), Faust sowie Manrico (Il trovatore) ist Samson et Dalila seine vierte Staatsopernpremiere.

KS Elina Garanca verkörpert erstmals die Dalila, eine Partie, die für sie besonders interessant ist: „Bei Dalila ist es ja tatsächlich so, dass wir sehr wenig über sie wissen. Woher kommt sie? Wer hat welche Macht über sie – und warum? Hat sie einen Glauben – und wenn ja, welchen? Wie ist ihr Verhältnis zum Oberpriester? Alles ist ziemlich nebelhaft. Da muss ich mir eben viele Fragen stellen und bin gefordert, die Bühnenfigur zum Leben zu erwecken. Das ist durchaus eine sehr schöne Arbeit – und macht die Proben auch spannend! […] Sie ist ein komplexer Charakter, und das interessiert mich! […] Ich hatte immer großen Respekt vor der Partie, weil sie so als Alto-mäßig verschrien ist. Dalila ist in Wahrheit aber eine unglaublich lyrische Partie, die man auch so singen muss.“

KS Ellna Garanca startete ihre Karriere als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, der sie seit ihrem Debüt eng verbunden ist. Mit Samson et Dalila wirkt sie bei ihrer fünften Premiere im Haus am Ring mit; bisherige Neuproduktionen waren Meg Page (Falstaff), Charlotte (Werther), Giovanna Seymour (Anna Bolena), und Sesto (La clemenza di Tito).

KS Carlos Álvarez gestaltet den Oberpriester des Dagon, den großen Gegenspieler des Protagonistenpaares Samson und Dalila. Die Produktion ist die achte Staatsopernpremiere des Publikumslieblings nach Don Carlo (Ernani), Don Giovanni (im Theater an der Wien), Figaro (Le nozze di Figaro), Alphonse XI (La Favorite), Ford (Falstaff), Sulpice (La Fille du régiment), Don Carlos (La forza del destino).  Den Oberpriester des Dagon verkörperte er erstmals vor rund drei Jahren in Oviedo und gibt nun sein Staatsopern-Rollendebüt. Im Gespräch mit Andreas Láng für den Prolog erklärt er auf die Frage, ob der Oberpriester der eigentliche Bösewicht in Samson et Dalila ist: „Was ist der Oberpriester des Dagon? Die zentrale politische und religiöse Macht der Philister in einer Zeit, in der Menschenleben nicht viel galten und die Geschichte nur von den Siegern geschrieben wurde. […] Aus seiner Sicht kann das Ziel nur in der Vernichtung Samsons liegen – und darin wird er nichts Verwerfliches erkennen. Das Publikum soll durchaus über die Sinnhaftigkeit dieses Standpunktes nachdenken, über alternative Wege diskutieren, aber so einfach als Bösewicht würde ich den Oberpriester nicht abqualifizieren.“

In den weiteren Partien sind die Staatsopern-Ensemblemitglieder Sorin Coliban als Abimélech, Dan Paul Dumitrescu als Alter Hebräer, Leonardo Navarro als Kriegsbote der Philister, Jörg Schneider als Erster Philister und Marcus Pelz als Zweiter Philister zu erleben.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Nächste Seite »