Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Aktuelles 2019/20 – Spielzeit 2020/21, IOCO Aktuell, 07.04.2020

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Aktuelles – Spielzeit 2020/21

Staatsoper-Intendant   Matthias Schulz   –  stellt vor

Staatsoper Unter den Linden / Intendant Matthias Schulz © Martin Lengemann, Welt24

Staatsoper Unter den Linden / Intendant Matthias Schulz © Martin Lengemann, Welt24

Gerade in diesen schwierigen Zeiten möchte die Staatsoper Unter den Linden den Blick nach vorne richten und wir freuen uns, Ihnen heute das Programm der Saison 2020/21 vorstellen zu können. Ruhelosigkeit ist das Schlagwort, das über der Saison 2020/21 steht: Sie treibt die Menschen an und lässt sie nicht stillstehen. Durch Ruhelosigkeit entsteht Dynamik. Auch Ruhe ist von Bewegung nicht losgelöst. In-sich-Ruhen ist nicht mit Stillstand zu verwechseln. Ohne Bewegung ist keine Ruhe denkbar und umgekehrt. Verzögerung oder Langsamkeit können ebenso zu Fortschritt und Veränderung führen. Wer hätte gedacht, dass dieser Ausgangspunkt in der heutigen Situation aktueller ist denn je?

Aufgrund der durch die Corona-Pandemie bedingten Entwicklungen nach Druckschluss der – schon veröffentlichten – Programmvorschau müssen im Spielplan 2020/21 der Staatsoper Unter den Linden Anpassungen vorgenommen werden. Das betrifft:

  • CHOWANSCHTSCHINA: Die Produktion kommt 2020/21 noch nicht, an den geplanten Terminen wird nun eine Wiederaufnahme von Verdis MACBETH stattfinden.
  • IDOMENEO: Die schon für die Spielzeit 2019/20 geplante Neuproduktion (entfällt) wird zur Premiere der Spielzeit 2020/21. Es wird dabei leichte Terminänderungen geben.
  • COSÌ FAN TUTTE: Ob die Produktion (die Premiere war für die Spielzeit 2019/20 geplant)  in 2020/21 zu den geplanten Wiederaufnahmeterminen als Premiere stattfinden kann, wird derzeit noch geprüft. Diese Information wird rechtzeitig vor dem vorgezogenen Vorverkaufsbeginn für Abonnements und FESTTAGE-Zyklen am 25. April 2020 bekannt gegeben
  • Über die genauen (Termin-)Änderungen informiert  staatsoper-berlin.de.

Macbeth – 2020/21 wieder an der Staatsoper
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Besondere Akzente setzen in der neuen Saison sieben Premieren im Großen Haus, das Format LINDEN 21 (mit vier Produktionen, darunter eine Uraufführung), die dritten BAROCKTAGE (13. bis 22. November 2020) sowie die FESTTAGE (26. März bis 5. April 2021). Ebenso gehören 26 wiederaufgenommene Musiktheaterwerke sowie mehr als 90 Konzerte zum Kern des Spielplans. Insgesamt präsentiert die Staatsoper Unter den Linden 2020/21 rund 360 Veranstaltungen, zudem zahlreiche Projekte der Jungen Staatsoper. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir zudem dem Jubiläum der Staatskapelle Berlin, die ihr 450-jähriges Bestehen feiert: Eine Festwoche vom 5. bis 12. September 2020 wird hierbei den Höhepunkt bilden.

PREMIEREN

Mit dem Engagement von Barbara Wysocka, Satoshi Miyagi, Calixto Bieito, Damiano Michieletto, Lydia Steier und Vincent Huguet werden alle Premieren der Spielzeit 2020/21 im Großen Haus von Regisseurinnen und Regisseuren inszeniert, die erstmals an der Staatsoper Unter den Linden arbeiten. Als siebte Premiere wird die ursprünglich für die aktuelle Spielzeit 2019/20 geplante Neuproduktion von Mozarts IDOMENEO in der Regie von David McVicar nachgeholt. Bei LINDEN 21 werden zudem Simon Steen-Andersen, Swaantje Lena Kleff und Barbora Horáková Joly ihr Hausdebüt geben.

Die Eröffnungspremiere der Spielzeit wird am 3. Oktober 2020 Luca Francesconis QUARTETT sein, in der Regie von Barbara Wysocka, dirigiert von Daniel Barenboim. Die Zweipersonen-Oper nach Heiner Müllers gleichnamigem Schauspiel, das auf dem berühmten Briefroman Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos basiert, wurde 2011 in englischer Sprache uraufgeführt und wird nun erstmals in einer deutschen Fassung auf die Bühne gebracht. Es singen Mojca Erdmann (Marquise de Merteuil, Rollendebüt) und Thomas Oliemans (Vicomte de Valmont, Haus- und Rollendebüt).

Staatsoper Unter den Linden / 2017 - als die Oper saniert wurde - hier die Bühne © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / 2017 – als die Oper saniert wurde – hier die Bühne © IOCO

Der Mozart-Da-Ponte-Zyklus, der ursprünglich bei den diesjährigen FESTTAGEN 2020 mit COSÌ FAN TUTTE beginnen sollte, startet nun im kommenden Jahr bei den FESTTAGEN 2021 mit der Premiere von LE NOZZE DI FIGARO (Premiere: 27. März), in der Regie von Vincent Huguet und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim. Zum Ensemble zählen u. a. Elsa Dreisig (Gräfin Almaviva, Rollendebüt), Nadine Sierra (Susanna), Marianne Crebassa (Cherubino), Waltraud Meier (Marcellina), Gyula Orendt (Graf Almaviva, Rollendebüt), Riccardo Fassi (Figaro), Siegfried Jerusalem (Don Curzio) und Stephan Rügamer (Basilio).

Darüber hinaus wird Daniel Barenboim während der FESTTAGE die Wiederaufnahme von Wagners PARSIFAL in der Regie vonDmitri Tcherniakov musikalisch leiten sowie bei den FESTTAGE-Konzerten in Erscheinung treten: als Dirigent der Wiener Philharmoniker und der Staatskapelle Berlin sowie in der Doppelfunktion als Dirigent und Pianist bei Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 sowie als Solist bei einem Duo-Recital, beides gemeinsam mit Martha Argerich. In der Spielzeit 2020/21 wird der Generalmusikdirektor außerdem vier Abonnementkonzerte der Staatskapelle Berlin gestalten sowie im Rahmen der Festwoche »450 Jahre Staatskapelle Berlin« das FESTKONZERT und das Open-Air-Konzert im Rahmen von STAATSOPER FÜR ALLE auf dem Bebelplatz dirigieren. Des Weiteren steht er bei einem KONZERT FÜR BERLIN, bei den Konzerten zum Jahreswechsel und bei den Gastspielen nach Paris, Wien und Athen am Pult der Staatskapelle Berlin.

Staatsoper Unter den Linden / Der Besucherraum © Marcus Ebener

Staatsoper Unter den Linden / Der Besucherraum © Marcus Ebener

Zu den weiteren Premieren der Saison 2020/21 zählen Wagners LOHENGRIN (Premiere: 13. Dezember 2020) in der Regie von Calixto Bieito und unter der musikalischen Leitung von Matthias Pintscher, mit Roberto Alagna in der Titelrolle und Sonya Yoncheva als Elsa von Brabant, die beide hiermit ihr Rollendebüt geben. Zum weiteren Ensemble zählen René Pape (Heinrich der Vogler), Martin Gantner (Friedrich von Telramund) und Ekaterina Gubanova (Ortrud). Zusammen mit TANNHÄUSER und DER FLIEGENDE HOLLÄNDER als Wiederaufnahmen sind die drei romantischen Opern Wagners in der kommenden Spielzeit vertreten.

Mit der Premiere von JENUFA (Premiere: 14. Februar 2021) setzt Simon Rattle seine Auseinandersetzung mit zentralen Werken von Janácek an der Staatsoper Berlin fort. Inszeniert wird die Neuproduktion von Damiano Michieletto. Mit der Staatsoper Unter den Linden verbindet JENUFA eine besondere Beziehung, da die Berliner Erstaufführung 1924 unter Erich Kleiber, bei der auch Janácek selbst anwesend war, dem Werk den endgültigen Durchbruch auf deutschen Bühnen brachte und die Berliner Janácek-Tradition begründete. Zu erleben sind u. a. Camilla Nylund, die ihr Debüt in der Titelrolle gibt, Evelyn Herlitzius (Küsterin Buryjovka), Stuart Skelton (Laca Klemen) und Ladislav Elgr (Števa Buryja). Flankierend zu dieser Neuproduktion wird Musik von Janá?ek auch bei den Kammerkonzerten mit Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Berlin im Fokus stehen.

Giacomo Puccinis LA FANCIULLA DEL WEST (Premiere: 13. Juni 2021), inszeniert von Lydia Steier und dirigiert von Antonio Pappano, wird erstmals an der Berliner Staatsoper zu erleben sein. Puccinis »Wild-West-Oper«, die zu Hochzeiten des Goldrauschs in der kalifornischen Einöde spielt, zeichnet ein treffendes Porträt einer Welt voller Entbehrungen und geplatzter Träume. Es singen u. a. Anja Kampe (Minnie), Yusif Eyvazov (Dick Johnson) und Michael Volle (Jack Rance, Rollendebüt). Ergänzt wird diese Neuproduktion im Repertoire durch eine Trias der bekannten Puccini-Opern LA BOHÈME, TOSCA und MADAMA BUTTERFLY.

Staatsoper Unter den Linden / GMB Daniel Barenboim © Holger Kettner

Staatsoper Unter den Linden / GMD Daniel Barenboim © Holger Kettner

MITRIDATE, RE DI PONTO, Mozarts frühe Opera seria, ist die BAROCKTAGE-Premiere am 13. November 2020. Inszeniert wird sie von Satoshi Miyagi, der in seiner Inszenierung eine Brücke zwischen der westlichen Theatertradition und der Ästhetik des japanischen Kabuki-Theaters schlägt. Die musikalische Leitung übernimmt Marc Minkowski. Zum Ensemble zählen u. a. Pene Pati, der in der Titelrolle sein Haus- und Rollendebüt gibt, sowie Julie Fuchs (Aspasia, Haus- und Rollendebüt), Elsa Dreisig (Sifare, Rollendebüt), Jakub Józef Orlicski (Farnace, Rollendebüt) und Anna Prohaska (Ismene, Rollendebüt). Es spielen Les Musiciens du Louvre.

Die BAROCKTAGE finden 2020 vom 13. bis 22. November statt und richten in ihrer dritten Ausgabe den Blick auf den frühen Mozart, auf Gluck sowie auf den Orpheus-Mythos. Neben der Premiere von Mozarts MITRIDATE, RE DI PONTO sind die Wiederaufnahmen von Glucks ORFEO ED EURIDICE und Monteverdis L’ORFEO zu erleben, zudem eine konzertante Aufführung einer ORFEO-Oper von Carl Heinrich Graun, dem Berliner Hofkapellmeister Friedrichs des Großen. Im Rahmen von LINDEN 21 wird es mit NEVER LOOK BACK – EIN ORPHEUS-FESTIVAL eine Kooperation mit Studierenden von Berliner Kunsthochschulen geben. Daneben stehen ein Roundtable-Gespräch sowie 14 Konzerte auf dem Programm.

LINDEN 21 umfasst die Produktionen und Projekte des Spielplans, die den vielfältigen Formen zeitgenössischen Musiktheaters nachspüren. Neben NEVER LOOK BACK – EIN ORPHEUS-FESTIVAL in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch sowie dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin (Premiere: 14. November 2020), wird es mit WALK THE WALK eine Uraufführung von Simon Steen-Andersen geben, der für Komposition, Konzept, Bühnenbild und Licht verantwortlich zeichnet (Uraufführung: 10. September 2020). Elementarer Ausgangspunkt der »Performance für vier Schlagzeuger, Laufbänder, Video, Objekte, Licht und Rauch« ist das »Gehen«. Der dänische Komponist und Installationskünstler Simon Steen-Andersen beschäftigt sich zusammen mit dem Schweizer Schlagzeugerquartett Ensemble This | Ensemble That mit dem Phänomen des Gehens als theatrales wie musikalisches Element und schafft so eine multimediale Performance über Tempo und Bewegung (Produktion und Kompositionsauftrag der Staatsoper Unter den Linden, Musica Strasbourg, Gare du Nord Basel und KLANG Kopenhagen).

Außerdem stehen bei LINDEN 21 die Premiere von Georg Friedrich Haas’ THOMAS in der Regie von Barbora Horáková Joly und dirigiert von Max Renne auf dem Programm (Premiere: 16. April 2021) sowie Lucia Ronchettis PINOCCHIOS ABENTEUER für Kinder ab 6 Jahren, inszeniert von Swaantje Lena Kleff, die musikalische Leitung übernimmt Adrian Heger (Premiere: 17. Januar 2021).

Der Rosenkavalier – von Richard Strauss – an der Staatsoper
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AUSGEWÄHLTE WIEDERAUFNAHMEN

  •  DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR von Otto Nicolai, in der Premierenbesetzung, dirigiert von Daniel Barenboim (September 2020)
  •  TOSCA von Giacomo Puccini mit Angel Blue in der Titelpartie, die damit ihr Hausdebüt gibt (Februar / März 2021)
  • DER ROSENKAVALIER (hier link der IOCO Rezension aus März 2020) von Richard Strauss, inszeniert von André Heller und dirigiert von Simone Young, mit u. a. Camilla Nylund, Günther Groissböck und Nadine Sierra (März 2021)
  • LA BOHÈME von Giacomo Puccini, dirigiert von Rafael Payare und mit Aida Garifullina als Mimì (April / Mai 2021)
  •  LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi, dirigiert von Eun Sun Kim und mit Elsa Dreisig als Violetta Valéry (Mai 2021)
  •  WOZZECK von Alban Berg, in der Regie von Andrea Breth, dirigiert von Matthias Pintscher, mit Matthias Goerne in der Titelpartie und Eva-Maria Westbroek als Marie. Die Produktion feierte 2011 im Schiller Theater Premiere und ist erstmals in dieser Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben, dem Haus, an dem das Werk 1925 seine Uraufführung erlebte (Mai 2021)
  •  DER FREISCHÜTZ von Carl Maria von Weber wurde 1821 in Berlin uraufgeführt. Zum 200-jährigen Jubiläum steht die Produktion in der Regie von Michael Thalheimer und unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy wieder auf dem Spielplan (Mai / Juni 2021)

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

Dresden, Semperoper, Gurre-Lieder – Arnold Schönberg, IOCO Kritik, 11.03.2020

März 10, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Liederabend, SemperOper

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Gurre-Lieder   –   Arnold Schönberg
 Oratorium für fünf Gesangssolisten, Sprecher, Chor, Großes Orchester

von Thomas Thielemann

Nahezu jede zu Herzen gehende Dichtung handelt von einer unglücklichen Beziehung zweier Menschen. So auch die Legende von der Liebe des dänischen Königs Waldemar des Großen (1131-1182) zu dem Mädchen Tove (im Altnorwegischen: Tofa, die Taube). Aber so recht war die Liebe Waldemars zu dem Bauernmädchen nicht unerfüllt geblieben, denn Tove lebte offenbar als Mätresse am Hofe des auch Volmer genannten künftigen Königs und hatte ihm 1150 einen unehelichen Sohn Christoffer geboren.

Eifersucht wird es kaum gewesen sein, dass die Gattin des Königs Helwig ihren Bettgenossen Folkward anstiftete, während einer Abwesenheit des Königs seine Geliebte im Badehaus einzusperren, so dass Tove vom Heißdampf verbrüht wurde. Denn sie hatte sich mit Falkward anderweitig versorgt. Da wären doch andere Mordmotive zu vermuten.
Offenbar war die Rache des Volmer so fürchterlich, dass er auch die Existenz des Mörderpaar aus den Geschichtsbüchern regelrecht tilgen ließ. Deshalb gilt die Heirat des Königs 1157 mit Sophia von Minsk (etwa 1141-1198) rechtlich als seine einzige Ehe. Als sich Waldemar nach blutigen Auseinandersetzungen 1157 als alleiniger König von Dänemark durchsetzen konnte, wurde Toves Sohn Christoffer sogar zum Herzog von Jütland.

Die Beziehung von Waldemar I. und Tove aber wurde zur Legende und eine ehemalige Burg in Nord-Seeland zum Schloss „Gurre“-nach dem Ruf der Tauben.
In der Überlieferung im Volke wurde die wilde Ehe des Volmers mit der Mätresse Tove zur unglücklich-reinen Liebe des späteren Königs Waldemar IV. Atterdag (1321-1375) zu einem Bauernmädchen verklärt. Möglicherweise auch, weil er auf Schloss Gurre lebte und dort auch verstorben war.

 Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier .  das 143 Personen fassende Orchester mit Christian Thielemann  und Solisten © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Gurre Lieder – hier . das 143 Personen fassende Orchester mit Christian Thielemann  und Solisten © Matthias Creutziger

Der dänische Schriftsteller und Naturforscher Jens Peter Jacobson (1847-1865) hat, damals 21-jährig, diese Legende der Liebe von Waldemar und Tove irgendwann in das Mittelalter Dänemark verortet, die Bestrafung des Folkwards auf das grausamste ausgeschmückt und Waldemar wegen eins Gottesfluches samt seinen Mannen zu rastlos reitenden unerlösten Toten gemacht. Zur heiteren Entspannung des Geschehens hat der Dichter die Figuren des abergläubigen Bauern sowie des Klaus-Narr eingeführt und aus dieser Gemengelage eine Novelle geschaffen, die um 1870 seinem Prosa-Poesie-Zyklus „En cactus springer du“ -Ein Kaktus ist erblüht- zugefügt worden war. Der Österreicher Literaturhistoriker Robert Franz Arnold (1872-1938) übersetzte die Jacobson  –Texte.

Arnold Schönberg (1874-1951) war von Jacobsens Lyrik stark beeindruckt. Als er sich an einem Kom-ponistenwettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins für einen „Liederzyklus mit Klavierbegleitung“ beteiligen wollte, entnahm er der deutschen Übertragung Schönbergs von 1899 Verse und komponierte einige schöne und vor allem neuartige Lieder. Sein Freund und Lehrer Alexander von Zemlinski (1871-1942) riet von der Einreichung ab, weil die Lieder wegen ihrer Neuartigkeit beim Wettbewerb keine Chance hätten und die Kompositionen in dieser Form ohnehin zu schade wären. Folglich verzichtete Schönberg auf die Teilnahme am Wettbewerb und entschloss sich zu einer Umarbeitung seiner Arbeit für Gesang und Orchester.

Zwischen März 1900 und März 1901 setzte er sich, unterbrochen von teils längeren Pausen, intensiv mit dem Vorhaben auseinander. Entstanden war ein Werk für einen gewaltigen Klangapparat: fünf Gesangssolisten, einen Sprecher, vier unterschiedliche Chöre und ein riesiges Orchester. Mit großen Abständen schloss er 1911 die Instrumentierung des Oratoriums ab. Für Schönberg war seine Periode der Spätromantik längst abgeschlossen und er war mit seinen ersten Streichkonzerten und der 1. Kammersinfonie von 1906/07 zur musikalischen Moderne mit der freien Tonalität weitergezogen. Möglicherweise bereitete er bereits seinen Übergang zur Atonalität vor.
Trotzdem verblüffte Schönberg am 23. Februar 1913 sein Wiener Publikum, als er ein publikums-freundliches, im Schönklang der Spätromantik schwelgendes Opus mit opulenter Besetzung vorstellte.

Auf der Bühne der Semperoper hatte eine gewaltige Orchesterbesetzung von 149 Musikern Platz genommen und zieht die Zuhörer vom Beginn des Vorspiels an, in ihren Bann. Faszinierend machtvoll lässt Christian Thielemann aus diesem gewaltigen Klangfluss die überreichen Melodien aufblühen. Zurückhaltend vom Orchester begleitet, interpretieren Camilla Nylund und Stephen Gould im Wechsel und nie gemeinsam die Klagen des Bauernmädchens Tove sowie des Königs Waldemar über den dramatischen Verlauf ihrer Liebe. Wunderbar sinnlich singt Camilla Nylund mit ihrer klaren hellen Stimme gut verständliche Verse. Stephen Goulds Waldemar ist nur im ersten Teil der junge Held. Stimmlich beweist er aber beeindruckend, dass er das Träumen noch nicht verlernt und gibt seiner Partie über den gesamten Abend eine besondere Note. Zum letzten Abschnitt des ersten Teils kommt noch die Waldtaube der Mezzosopranistin Christa Mayer hinzu, wenn sie mit einer zwölf-Minuten-Wahnsinns-Partie den Tod und die Grablegung der geliebten Tove zu beklagen hat. Alle drei Solisten mit ihren perfekt aufeinander abgestimmten Stimmen bieten eine brillante Klangkultur und souveräne Sprache.

Semperoper Dresden / Gurre Lieder - hier .  Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Gurre Lieder – hier . Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

m zweiten, nur kurzen Teil, hadert Waldemar mit seinem Schöpfer, bezichtet ihn, nicht wie ein gütiger Gott gehandelt zu haben und wendet sich wieder zum Glauben der Urahnen.

Was dann Christian Thielemann und das Orchester im dritten Teil leisteten, war in seiner Wirkung überirdisch. Alles erschien leicht und gelang wie selbstverständlich. Mit der wilden Jagd der Verfluchten verquicken sich die von Schönberg verwandten Gattungselemente: Schauerromantik, Chöre, Ironie und Wiedererweckungsjubel durchsetzt, mit wunderlich-nordischer Atmosphäre. Eingeordnet kommen die zur Auflockerung der Stimmung hinzu gefügten Figuren: des von Markus Marquardt artikuliert vorgetragenen abergläubigen Bauern, des von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit schöner Tenorstimme gesungenen skurrilen Klaus-Narr, sowie die etwas distanziert angelegte Rolle von Franz Grundheber, als mit seinem Sprechgesang über die zweideutige Lebenskraft der Natur uns ordentlich Angst eingeflößt werden sollte.

Aber dem dritten Teil spürt man ohnehin an, dass Schönberg während seiner Arbeit schon gedanklich im Aufbruch war. Und ohne Grund hatte er die Gurrelieder nicht noch zwei Jahre bis zur ersten Aufführung warten lassen.
Zu den musikalischen Höhepunkten der Aufführung gehörten aber vor allem die von Jörn Hinnerk Andresen beziehungsweise Jan Hoffmann hervorragend einstudierten Darbietungen des MDR-Rundfunkchores und des Sächsischen Staatsopernchores, die dem Abend dann mit dem Schlusschor noch eine gehörige Portion Optimismus verleihen konnten.

So steht unter dem Strich ein in jeder Hinsicht stimmig und musikalisch packendes Konzerterlebnis

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 07.03.2020

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Der Rosenkavalier  – Richard Strauss

– Jedes Ding hat seine Zeit –

von Karin Hasenstein

Die Uraufführung des Rosenkavalier fand am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus in Dresden statt, die Berliner Uraufführung am 9. November 1911.  Ort und Zeit der Handlung: Wien um 1740

Richard Strauss selber war von dem Titel Rosenkavalier zunächst gar nicht begeistert. Es war auch „Ochs auf Lerchenau“ oder „Die silberne Rose“ für den Titel im Gespräch. Weibliche Bekannte rieten jedoch von Ochs auf Lerchenau ab und plädierten für Rosenkavalier. Den Ausschlag gab aber Strauss‘ Ehefrau, so dass dieser schließlich eingelenkt hat: „Also Rosenkavalier, der Teufel hol‘ ihn.“

Der Abend begann zunächst mit einem jener gefürchteten Momente, wie sie gerade in der kalten Jahreszeit schon einmal vorkommen, eine Mitarbeiterin der Staatsoper trat vor den Vorhang der annähernd ausverkauften Staatsoper und kümdete Bariton Roman Trekel (Faninal) als mit einem Infekt kämpfend an.

the Making of  –  Rosenkavalier
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Die musikalische Leitung liegt in den Händen des indischen Dirigenten Zubin Mehta. Der inzwischen fast 84-Jährige hat noch im Dezember zwei Auftritte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Er wirkt tatsächlich etwas fragil, als er sich seinen Weg durch den Orchestergraben bahnt und seinen Platz am Pult einnimmt. Der begrüßende Applaus des Publikums ist warm und überschwänglich, es gibt gar vorab vereinzelt stehende Ovationen. Der Maestro nimmt das Vorspiel mit sattem vollen Orchesterklang, fast scheint es nur eine Dynamik, forte, zu geben. Angenehm fällt das Blech auf, namentlich die Hörner.

Vom Portal blicken die Portraits von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal von einem königsblauen Hintergrund einander an und ins Publikum.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf die erste Szene, die im Schlafzimmer der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg spielt. Auch im Inneren des Schlafzimmers herrscht die Farbe blau vor (Bühne: Xenia Hausner). Die blauen Wände erstrecken sich bis in den Schnürboden und werden auf der Rückseite durch eine rot angestrahlte Wand mit großem floralen Tapetenmuster verbunden. Nach vorne und zu den Seiten hin werden diese Wände bis in den Proszeniumsbereich herumgezogen und verschmelzen so mit dem Zuschauerraum. Außer mit dem großen Bett ist das Zimmer nur spärlich möbliert, etwa mit einem Frisiertisch, ein paar Sesseln und einem Paravent. Das Blumenmuster auf der Rückwand wechselt je nach Stimmung auf der Szene die Farbe und erscheint mal blaugrundig, mal rot oder gelb-grünlastig. Die Ausstatter stellen damit eine Reminiszenz an den Exotismus und Japonismus her, der in der damaligen Zeit Mode war.

Die Idylle der Feldmarschallin und ihres jungen Liebhabers Octavian wird jäh durch Lärm auf dem Korridor gestört. Doch es ist nicht der Feldmarschall, wie zunächst befürchtet, sondern nur ein Verwandter der  Marschallin, ihr Vetter, der Baron Ochs auf Lerchenau, der zu früher Stunde der Gräfin einen Besuch abstatten will. In aller Eile weist sie Octavian an, sich zu verstecken, und als dieses nur mäßig gelingt, beschließt dieser, die Flucht nach vorn anzutreten und schlüpft in Frauenkleider. Da hat er nun die Rechnung ohne Vetter Ochs gemacht. Der ausgemachte Weiberheld ist außerordentlich entzückt von dem reizenden „Mariandl“, dem sogleich seine ganze Aufmerksamkeit gilt: „Pardon, mein hübsches Kind!“

Währenddessen wird das übliche Morgenprogramm in der Marschallin Schlafgemach abgespult. Die erste große Massenszene auf der Bühne ist schrill, lebhaft, wuselig, vor allem aber eines: bunt. Es ist ein wahrer Sinnenrausch und man weiß gar nicht, wohin man zuerst und zuletzt schauen soll. Bei zuviel knallbunter Reizüberflutung bleibt immer noch die  Besinnung auf den Rausch der Strauss’schen Partitur.

Die Marschallin trägt nun anstelle des Morgenmantels ein Kleid in schwarz-weiß, mit Blockstreifen und Schachbrettmuster. Der Diener erscheint und ein kleiner Frühstückstisch wird aus der Unterbühne herauf gefahren.

Sie stellt fest „Jedes Ding hat seine Zeit“ und in den großen Fenstern erscheinen riesige Blumenmuster, die heller werden und die Farben verändern. Die simple Technik des Serviertischchens wird im Laufe der Szene etwas überstrapaziert, so spannend ist es nun auch nicht, den Tisch in der Versenkung verschwinden zu lassen. Aber vielleicht sollte man sich auch nicht zu lange fragen, was der tiefere Sinn dahinter sein könnte.

Der Auftritt des Baron Ochs kündigt sich mit einem Walzer an. „Es ist ein Besuch! Das ist ja der Ochs!“  Dieser verkündet dem aufgebrachten Personal „Ein Ochs antechambriert nicht!“ Da ist sie, Hugo von Hofmannsthals herrlich blumenreiche wienerische Sprache. Die Rezensentin erinnert sich an ein Programmheft einer Rosenkavalier-Inszenierung, das ein Glossar enthielt mit Erklärung von antechambrieren bis Kongestion. Für Nicht-Wiener durchaus hilfreich!

Mit dem gebürtigen Österreicher Günther Groissböck (aus Waidhofen an der Ybbs) hat die Berliner Staatsoper geradezu die Idealbesetzung des Baron Ochs. Groissböck hat diese Rolle bereits an der New Yorker Metropolitan Opera (mit Renée Fleming als Marschallin und Elina Garanca als Oktavian) verkörpert und 2014 bei den Salzburger Festspielen in Harry Kupfers Rosenkavalier-Inszenierung, des Weiteren in Berlin, München und Wien. Günther Groissböck spielt nicht Ochs, er IST Ochs. Zumindest solange er im Kostüm auf der Bühne steht und singt. Das Wienerische kommt bei ihm besonders authentisch und überzeugend rüber und es ist einfach nur eine Freude, ihm zuzuhören und zu -sehen.

Er ist nicht der ältere, dicke, leicht schmierige Typ, als der der Ochs häufig gezeichnet wird, sondern ein durchaus attraktiver, charmanter und witziger Frauentyp, der seinem verarmten Landadel ein bisschen auf die Füße helfen will, indem er entsprechend einheiratet. Die Erwählte ist die blutjunge Sophie, Tochter des Herrn von Faninal und wie es sich unter Leuten von Stand gehört, braucht Ochs dafür einen Rosenkavalier, der die silberne Rose übergibt und in seinem Namen um die Hand der Auserwählten anhält.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier : Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) _ Ensemble © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) _ Ensemble © Ruth Walz

In der Folge ist Ochs nun ganz hin und hergerissen zwischen der Braut, dem Fräulein Faninal, und dem erfrischend einfachen Mariandl. „Ich ließ ein solches Goldkind“ und „Hat sie schon einmal mit einem Kavalier…“.  Als die Marschallin ihn an seine Heiratspläne erinnert, kontert er „Macht das einen lahmen Esel aus mir?“ Überhaupt hat der Ochs eine Menge Weisheiten parat: „Schöner ist Juni, Juli, August…  da hat’s Nächte!“ oder „Wollt, ich könnt‘ sein wie Jupiter, in 1.000 Gestalten.“

Dabei gibt er auch im Original schon eine sehr ansehnliche Erscheinung ab, groß, stattlich, heller Anzug, weißes Hemd, grüne Weste. Ansonsten scheint der Baron nicht anspruchsvoll zu sein: „Muss halt a Heu in der Nähe dabei sein…!“ Schon klar.

Im folgenden Terzett überzeugen die Solisten durch Textverständlichkeit. Dieser kommt zugute, dass Zubin Mehta das Orchester leicht zurücknimmt und die Soli gut ausbalanciert nach vorne kommen lässt. Die Balance gerät perfekt und die Solisten kommen sehr gut über das Orchester.  Mittlerweile sind die zahlreichen Besucher aus der Antechambre bis ins Schlafzimmer der Marschallin vorgedrungen. Hier beeindrucken trotz der Kürze des Auftritts die drei adeligen Waisen (Olga Vilenskaia, Anna Woldt, Verena Allertz), bei denen man sich schon fragen kann, wieso sie eine Mutter dabei haben. Wieder ein Hinweis darauf, dass Strauss und von Hofmannsthal uns eigentlich die ganze Zeit auf den Arm nehmen… oder es sind hier wohl eben Halbwaisen.

In der Lever-Szene bieten die Kostümabteilung und die Werkstätten der Staatsoper alles auf, was dem Auge Freude macht. Der Tierhändler mit seinen Tieren, der Notari, der Papierkünstler mit immer größer wachsender Papierblume, die Modistin, der Friseur – alle sind liebevoll und mit viel Phantasie und Liebe zum Detail ausgestattet. Während einer nach dem anderen der Marschallin seine Aufwartung macht, separieren sich der Notari und der Baron auf die linke Seite und verhandeln den Ehevertrag.

Ein weiterer Schelmenstreich von Richard Strauss ist die Figur des italienischen Sängers. Wenn man sich beim ersten Hören des Rosenkavaliers vielleicht noch wundert, was ein solcher in einer romantischen Oper vom Anfang des 20. Jahrhunderts verloren hat, so lernt man doch bei näherer Beschäftigung mit der Oper, dass Strauss sich hier einmal mehr lustig macht über die italienische üppige Oper voller Effekte. Eigentlich ist diese kunstvolle italienische Arie eine einzige Parodie. Der italienische Sänger (Atalla Ayan) im roten Samtanzug und mit absurder grauer Tolle gibt jedenfalls alles und wird zum Dank dafür von allen verlacht und von Ochs rausgeschmissen. Der Inhalt dieser Arie Di rigori armato il seno“ (deren Text nicht einmal in den Übertiteln übersetzt wird) und die heute nicht zufriedenstellende Arbeit ihres Friseurs machen die Marschallin nachdenklich und sie schickt alle Besucher und Bittsteller hinaus, während Ochs dem Notari die letzten Anweisungen diktiert „Als Morgengabe… acte de présence zu machen… bin ich verstanden? Als Morgengabe!“

Erwähnt werden müssen an dieser Stelle auch Karl-Michael Ebner (Valzacchi) und Katharina Kammerloher (Annina). „Ik kann dienen, ik kann besorgen!“, „Wir sind da! Unter die Bette…“– beide sind so überzeugend komisch und authentisch in ihrer Rolle, dass es eine Freude ist. Das wundert sogar Baron Ochs: „Was es alles gibt in diesem Wien…!“

Der Rosenkavalier – Richard Strauss
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Er lässt das Futteral mit der silbernen Rose schon einmal für den Bräutigamsaufführer zurück. An der Stelle „Eurer Gnaden haben heute durch unversiegte Huld mich tiefst beschämt“ lässt Groissböck mit dem tiefen C den tiefsten Ton der Rolle und der gesamten Partitur erklingen. Dies geschieht absolut souverän und unangestrengt. Die Marschallin bleibt zurück und stellt fest „Da geht er hin, der aufgeblas’ne schlechte Kerl, und bildet sich was ein… s’ist doch der Lauf der Welt.“

Sie erinnert sich ihrer Jugend „Kann mich auch an ein Mädel erinnern…“ doch sie ruft sich zur Ordnung, weil sie weiß, dass es müßig ist „Such dir den Schnee vom vergangenen Jahr“. Camilla Nylund singt stets ruhig und sehr nobel, ihr warmer dramatischer Sopran fließt hier rund und voll und sie gestaltet unglaublich nuanciert, klug und liebevoll. Sie verkörpert eine stolze und geachtete Frau, die genau weiß, was kommen wird: „Und man ist dazu da, dass man’s ertragt. Und in dem „Wie“, da liegt der ganze Unterschied.“

Octavian hat jetzt seinen roten Rock, weiße Hosen und schwarze Stiefel angelegt. Michèle Losier verfügt über einen traumhaft klaren Mezzo, leicht metallisch und mit einer phantastischen Höhe, der besonders gut zur Geltung kommt, wenn sich Octavian aufregt „Sie haben dich mir ausgetauscht, Bichette!“

Im nun folgenden Zeit-Monolog („Die Zeit ist ein sonderbar Ding“) wandert Camilla Nylund über eine Brücke über den Graben auf die rechte Bühnenseite, nur von einem Spot ausgeleuchtet.  Die Stelle „Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der alles erschaffen hat“ ist so zauberhaft zart und lyrisch, dass die Zeit stillzustehen scheint. Es ist einer dieser unwirklichen Momente, die man für immer festhalten möchte.  Octavian versteht nicht, dass die Marschallin ihn zurückweist, er liebt sie doch. „Will sie sich traurig machen mit Gewalt? Ich will den Tag nicht denken!“ Unterstützt wird diese schmerzhaft-schöne Stimmung vom fabelhaften tiefen Blech und den Hörnern.

Sie gibt dem Diener Mohamed das Futteral mit der silbernen Rose und weist ihn an, es zum Grafen Octavian zu bringen. „Da drin ist die silberne Rose“ ist auch wieder so eine Stelle, die einem das Herz zerreißt. Resigniert schließt sie „Der Herr Graf weiß ohnehin…“ – hat er doch alles mit angehört.  –   Zu den Klängen der Solo-Violine und der Flöte fällt der Vorhang.

Dieser hebt sich alsbald zum zweiten Aufzug und wir erblicken einen großen Ballsaal mit einer Freitreppe. Säulen rechts und links sind in blau und gold gehalten. Die Wände zieren übergroße Klimt-Gemälde, die Livrée steht Spalier, Sophie erscheint in einem zartrosa Brautkleid mit Glitzer und alles wartet auf den Auftritt des Rosenkavaliers, der mit den Rufen „Rofrano! Rofrano!“ begrüßt wird.  Als dieser schließlich den Saal betritt, ist es wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit: da steht ein Rosenkavalier, der Prototyp eines Rosenkavaliers, wie man ihn sich nur denken kann –  ganz in Silber, silberner Mantel, silbernes Beinkleid, Schuhe, Perücke, einfach alles, dazu in der Hand die silberne Rose… unweigerlich denkt die Rezensentin an ihren ersten Rosenkavalier im Fernsehen der 1970er oder ’80er Jahre, Anneliese Rothenberger. Michèle Losier ist nicht weniger als die Reinkarnation auf der Bühne der Staatsoper.

Als sie dann anhebt „Mir ist die Ehre widerfahren…“ ist das so schön, dass im Saal Tränen fließen. Harfen und Celesta unterstreichen das Bittersüße dieser Aussage zur Überreichung der silbernen Rose, denn der Jüngling Octavian wird sich vom Fleck weg in die junge Sophie verlieben und die Prophezeiung der Marschallin wird sich erfüllen. „Heut oder morgen… oder am übernächsten Tag.“ Dass es allerdings so schnell gehen würde, damit hatte sie dann doch nicht gerechnet.  Dass nicht ein Übermaß an Rührung aufkommen kann, liegt am recht zügigen Tempo, das an dieser Stelle überrascht, wählt Zubin Mehta doch im Verlaufe des Abends überwiegend eher sehr ruhige Tempi, bisweilen vielleicht ein wenig zu ruhig. Warum er das macht, ist nicht immer schlüssig. An der einen oder anderen Stelle hätte etwas Bewegung der Sache gut getan.

„Wie himmlische, nicht wie irdische… wie Rosen vom Paradies“.  Immer wieder erklingt das Motiv der Rose in der Oboe. „Ist wie ein Gruß vom Himmel, dahin müsst‘ ich zurück“ ist so zart und zerbrechlich. Auch das Duett Sophie / Octavian ist so lieblich, dass man schon ganz gespannt auf den Schluss des dritten Aufzuges ist.  Da kündigt sich Großes an!

Binnen kürzester Zeit vollzieht sich die dramatische Wendung, Sophie und Octavian verlieben sich vom Fleck weg ineinander und die Pläne des Baron Ochs geraten ins Wanken, kaum dass er den Raum betreten hat. In Begleitung der Lerchenauer fühlt er sich stark. Herausgeputzt hat er sich, nun im anthrazitfarbenen Anzug mit hellgrauer Weste und rotem Einstecktuch, ein Bräutigam. Seine Lerchenauer benehmen sich schlecht, kaum dass sie den Ballsaal betreten haben.  Ochs findet seiner Art gemäße Worte der Bewunderung für das Fräulein Braut „Deliziös!“ und für seinen Schwiegervater in spe, Faninal: „Brav, Faninal, er weiß, was sich gehört! Serviert einen alten Tokajer mit einem jungen Madl!“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) © Ruth Walz

In der ganzen Szene im Ballsaal läuft Groissböck zu Höchstform auf, was auch zu einem guten Teil an seinem unnachahmlichen Wiener Akzent liegt. „Geht alls so wie am Schnürl, I hab halt grad ein lerchenauisch Glück!“ Gierig grabbelt Ochs die junge Sophie an und zieht sie eng an sich. Ihren Widerstand tut er ab „Wird kommen über Nacht… kennt sie das Liedl?“  Hier hat Strauss für den Ochs einen der schönsten Walzer im Rosenkavalier geschrieben. „Mit mir, mit mir, keine Kammer dir zu klein…“ und endet mit „Mit mir, mit mir…. keine Nacht dir zu lang.“ Als wäre das nicht ohnehin schon im Text überdeutlich, wird die Aussage des Ochs hier noch mit dezenten Kopulationsbewegungen unterstrichen.  Aber noch ist es nicht soweit, „Doch gibt’s Geschäfte jetzt.“

Die Aussichten für Sophie werden immer ungünstiger, denn Ochs zeigt nun sein wahres Gesicht. Dem jungen Vetter erklärt er, er könne sich ruhig bei Sophie bedienen: „Ist wie bei einem jungen ungerittenen Pferd, kommt all’s dem Gatten zugute…“ Alle gehen ab, nur Sophie und Octavian bleiben zu den letzten Tönen des Walzers allein zurück. Die Lerchenauischen sind vom Branntwein besoffen und fallen über das weibliche Personal her.     Das Licht wird gedimmt, es gibt nur noch einen Spot auf die beiden.

Octavian erkennt und gesteht Sophie seine Liebe „Was sie ist“ und sie erwidert „Da war er mir nah! Er muss mir seinen Schutz vergönnen.“ Die beiden werden jäh gestört von Ochs, der hinzukommt. „Was hat sie mir zu sagen?“ Da Sophie stumm vor Angst und völlig überfordert ist, ergreift Octavian das Wort. „Euer Liebden muss ich halt vermelden… Die Fräulein… die Fräulein… mag Sie nicht!“  Ganz der souveräne weltmännische Baron tut Ochs das ab „Sei er da außer Sorg, wird schon lernen mich zu mögen.“ Wieder einmal läuft es einem kalt den Rücken herunter bei diesem Frauenbild, aber so war das wohl im Wien des 18. Jahrhunderts und nicht nur da… Aber er kann ja gar nichts dafür, der Ochs, denn: „Man ist halt, was man ist!“

Da gehen sie mit dem jungen Octavian durch und er verletzt Ochs mit dem Degen am Arm: „Mord! Mein Blut, zu Hilfe, Mörder! I hob ein hitzig Blut!“ Auf sein Jammern und Rufen kommen alle herzu „Gestochen ist einer!“ und es ist ungeheuer komisch, wie Groissböck den Leidenden gibt, dabei ist kaum ein Kratzer zu sehen. Das nun folgende Ensemble ist wiederum ganz großartig, alles greift harmonisch und perfekt abgestimmt ineinander. Octavian versucht zurückzurudern: „Er muss mich pardonieren!“ und Sophie erklärt „Der Herr dort hat sich nicht so, wie er soll, betragen“.

Vater Faninal (im goldenen Anzug) erkennt bereits, was die Stunde geschlagen hat „Mir auseinander meine Eh'“, will aber nicht so schnell aufgeben: „So heirat‘ sie ihn als Toter, und wenn er sich verbluten tät“. Ochs schimpft immer noch vor sich hin „Luderei“, beruhigt sich dann aber „Is guat… is guat.“ Wie gut, dass sich in der rechten Bühnenwand eine Bar auftut, so kann Faninal den Baron mit einem stärkenden Getränk beruhigen: „Ein Wein? Ein Bier? Ein Hippokras mit Ingwer?“ Wer denselben nicht kennt und auch gerne einmal seine kräftigende Wirkung erfahren möchte, dem sei das Rezept auf Seite 74 im Programmheft empfohlen….

Aber Ochs protestiert: „Bin Manns genug… is guat. Weiß, was Satisfaktion ihm schuldig bin.“ Aber so richtig fassen kann er seine Situation nicht: „Da lieg‘ i… Was einem Kavalier nit alles passieren kann! Wär nicht mein Gusto hier… dich sollt‘ i nur erwischen!“ donnert Ochs im forte-fortissimo in Richtung Octavian. „Im Hühnerstall! Wenn i dich erwisch…!“ Aber er wäre nicht der Baron Ochs, wenn er nicht etwas Gutes an der Situation finden würde: „’s gibt auf der Welt nichts, was mich so enflammiert als wie ein rechter Trotz!“ Er weist den Wirt an: „Mach er das Bett aus lauter Federbetten. Ein Federbett… zwei Stunden noch zu Tisch…“

Im Orchester erklingt die Melodie des Walzers und Ochs fällt ein „Ohne mich, jeder Tag… mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang“ und trotz der schweren Verletzung tanzt er einen Walzer bis er alle mit den Worten „Luft da!“ rausschmeißt, denn nun muss er sich um das Mariandl kümmern.  Annina auf seinem Schoß liest den Brief Mariandls vor. Ochs macht sich darüber lustig „Sie wart‘ auf Antwort!“ und freut sich, dass sein Plan scheinbar aufgeht „’s geht alls recht am Schnürl wie z’haus.“ Wieder erklingt ein Walzer-Quodlibet aus „Ich hab halt ein lerchenauisch Glück“ und „Mit mir… keine Nacht dir zu lang“, das hier auf dem tiefen e endet und von Groissböck extra lang ausgehalten wird. Im Walzerschritt durchmisst Ochs die ganze Halle, der Walzer verklingt und der Vorhang schließt sich zur Pause.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Christian Schönecker (Leopold), Michèle Losier (Octavian), Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau) und Erik Rosenius (Ein Polizeikommissar) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Christian Schönecker (Leopold), Michèle Losier (Octavian), Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau) und Erik Rosenius (Ein Polizeikommissar) © Ruth Walz

Zu Beginn des dritten Aufzuges ziert ein Text von Hugo von Hofmannsthal das Portal.

„Die Musik ist unendlich liebevoll und verbindet alles: ihr ist der Ochs nicht abscheulich – sie spürt, was hinter ihm ist und sein Faunsgesicht und das Knabengesicht des Rofrano sind ihr nur wechselweise vorgebundene Masken, aus denen das gleiche Auge blickt. Ihr ist die Trauer der Marschallin ebenso süßer Wohllaut wie Sophiens kindliche Freude, sie kennt nur ein Ziel: die Eintracht des Lebendigen sich ergießen zu lassen, allen Seelen zur Freude.“

Damit ist eigentlich alles gesagt, besser kann man die Musik im dritten Aufzug kaum beschreiben. Fast wundert man sich, dass die Musik zu Salome und Elektra vom selben Komponisten stammt wie die zum Rosenkavalier und Arabella. Doch soweit sind wir noch nicht, der Beginn des dritten Aufzuges ist lebendig, spritzig, Mehta wählt ein gutes bewegtes Tempo.

Der Ochs und das Mariandl betreten einen Raum, der von einem marokkanisch inspirierten Zelt bestimmt wird, im Hintergrund sind riesige Palmenhäuser zu erkennen. Ein Tropenhaus oder eine Orangerie. André Heller mag sich hier von den Palmenhäusern im Schönbrunner Schlosspark und im Burggarten in Wien haben inspirieren lassen. Verinzelt konnte die Rezensentin vernehmen, dass Zuschauer den Beisl vermissten, aber letztlich ist der obsolet. Wo der Baron Ochs das Mariandl verführt, ist doch nebensächlich. Eine schöne exotische Kulisse geben die riesigen Palmen allemal ab.

Baron Ochs hat nun das Bräutigamsgewand abgelegt und trägt quasi Tracht, eine kurze Lederhose, rote Kniestrümpfe, rosa Weste, Sakko – ein Mannsbild zum Niederknien. Das findet Mariandl anscheinend nicht: „Nein, nein, i trink kein‘ Wein“ wehrt sie sich gegen die Avancen des begehrlichen Ochs. Sie blickt in das Zelt und stellt fest „Jesus Maria! Steht a Bett drin, a mordsmäßig großes!“  Diener bringen noch große Laternen, im Vordergrund liegen bequeme Kissen, alles ist vorbereitet, „Kommt glei‘ wer mit’m Essen.Ochs ist in seinem Element. „Hier sitzt mit seiner Allerschönsten ein Verliebter beim Souper.“

Die Musik wird schwelgerisch, die Stimmung ist geradezu schwül aufgeheizt, man meint, die Papierpalmen tragen das Ihre dazu bei. Mariandl weiß gar nicht, wie ihr geschieht. „Mir scheint, ich hab die Kongestion! Die schöne Musi…“  „Macht sie der Wein ‚leicht immer so?“ fragt Ochs, um sogleich festzustellen „Jetzt wird’s bei mir a bissl heiß“

Auf der nur noch von den Laternen erleuchteten Bühne tanzen Geister, laufen Spinnen und Ratten umher, gruselige Schatten gleiten über die Wände und durch den Nebel als plötzlich zehn Kinder auftauchen und laut „Papa! Papa! Papa!“ schreien, begleitet von ihrer Mutter, die Ochs identifiziert: „Er ist es, das ist mein Mann!“  Und Ochs läuft angesichts der Konfrontation noch einmal zu Höchstform auf: „Der Teufel frequentier sein verflixtes Extrazimmer! Debarassier er mich von denen da!“ sucht er Hilfe beim Wirt.

In dem nun folgenden Tumult verliert der Ochs seine Perücke, die Polizei eilt herzu und Mariandl verkündet „I geh‘ ins Wasser!“ Faninal ist aufgebracht, „in ein Palmhäusl (nicht Beisl!) depeschiert zu werden“ und Ochs stellt wiederholt fest „Man kriegt die Kongestion davon!“  Faninal sieht nun endgültig seine Felle schwimmen, „Kein Hund nimmt mehr ein Stuck Brot von mir!“  Als Ochs beschließt, sich aus dem Staub zu machen „I zahl… I geh'“ erscheint die Frau Feldmarschallin, nun im schwarzen langen Kleid und einem Umhang, außen lila, innen rot und einem weißen Hut, ganz Grande Dame.  Octavian wird verlegen „War anders abgemacht. Marie Theres, ich wunder‘ mich. Mein Gott, es war nicht mehr als eine Farce…“

Jeder versucht nun eine Erklärung zu finden „Das Ganze war nur eine Farce, weiter nichts.“ Oder  „Is schon aso. Is eine wienerische Maskerad‘ und weiter nichts.“ Die Feldmarschallin bewahrt in dem ganzen Durcheinander als Einzige die Contenance. „Er ist, mein ich, ein Kavalier. Da wird er sich halt gar nichts dabei denken. Das ist’s, was ich von ihm erwart!“ Der Ochs greift die Vorlage auf: „Bin von soviel Finesse charmiert. Ein Lerchenauer war noch nie kein Spielverderber net.“ Und die Marschallin versucht zu den leichten Walzerklängen des Orchesters, dem Ochs den Abgang zu erleichtern: „Er darf in aller Still‘ sich retirieren. Versteht er nicht, wenn eine Sach‘ ein Ende hat? Was drum und dran hängt, ist mit dieser Stund‘ vorbei.“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier - hier :  Staatsopernchor, Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau), Christian Schönecker (Leopold) und Wassil Penkov (Medicus) © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Rosenkavalier – hier : Staatsopernchor, Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau), Christian Schönecker (Leopold) und Wassil Penkov (Medicus) © Ruth Walz

„Mit dieser Stund’… vorbei….? Ochs erkennt schließlich, dass er verloren. „Ist halt vorbei. Leopold, mir gehen.“ Das Walzer-Motiv des Ochs erklingt noch einmal und mit seinem Motto „Ich hab halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück!“ Zu den Worten „Platz da“ Kreuzmillion!“ tragen ihn seine Lerchenauer raus. Zurück bleiben die Marschallin, Sophie und Octavian. Sophie stellt schüchtern fest „Wie er bei ihr steht…“ Der Marschallin kommen ihre Worte vom Anfang wieder in den Sinn „Heut oder morgen…“ – sie hat es die ganze Zeit gewusst.  Leider erschließt sich die ganze Poesie der folgenden Szene nur, wenn man alle drei Textpassagen parallel mitliest, jede Figur sinniert einzeln über ihr Schicksal, und dennoch geht es perfekt zusammen.

Sophie: „Vergess‘ er nicht…“      Octavian: Hab allzu lieb ihr lieb Gesicht.“    Marschallin: „Der Bub… so schnell hat sie ihn gart so lieb? Red sie nur nicht so viel, sie ist ja hübsch genug.“

Zu den Worten von OctavianMarie Theres, wie gut sie ist!“ ordnen sich die Drei zum Schlussterzett. Etwas hinten in der Mitte steht die Marschallin, vorne links Sophie und vorne rechts Octavian.

Diese Schlussterzett gehört für die Rezensentin zum Schönsten, was die Opernwelt hervorgebracht hat, ganz sicher zum Schönsten, was Richard Strauss komponiert hat. In dieser luxuriösen Besetzung Nylund – Losier – Sierra und als Höhepunkt dieser Rosenkavalier – Aufführung war es ein Moment von überirdischer Schönheit.

Strauss hat darüber an von Hofmannsthal geschrieben:  „Dass es beim Vorlesen abflaut, ist klar. Dass der Musiker dagegen an dem Schluss, wenn ihm überhaupt was einfällt, gerade seine besten und höchsten Wirkungen erzielen kann – dies zu beurteilen, können Sie beruhigt mir überlassen (…) Für den Schluss vom Abgesang des Barons garantiere ich.“

Jeder, der das Final-Terzett, den üppig schwelgerischen und doch bitter-süßen Höhepunkt der Partitur, gehört hat, wird zustimmen, dass Strauss sein Versprechen mehr als eingelöst hat. Auch hier muss man eigentlich wieder den Text aller drei Figuren parallel verfolgen, denn jeder ist für sich völlig eigenständig komponiert.

Marschallin: „Hab mir’s gelobt, dich lieb zu haben, in der richtigen Weis‘, dass ich selbst deine Lieb‘ zu einer anderen lieb habe.“   Sophie: „Weiß gar nicht, wie mir ist.“    Octavian: „Und spür nur dich.“

An der Stelle „Da steht der Bub, und da steh ich“ wird die Musik so dicht, schwelgerisch und pompös, dass es fast weh tut. Zubin Mehta befeuert die Staatskapelle noch einmal so richtig und lässt das Blech erstrahlen.  Die Musik bäumt sich geradezu auf, die Personen auf der Bühne wechseln noch einmal die Positionen und nun ist Octavian hinten in der Mitte zwischen den beiden Frauen, aber näher an Sophie als zuvor.  Nach einer kleinen Modulation geht die Musik in das Duett Sophie – Octavian über. Mit den Worten „In Gottes Namen“ geht die Marschallin langsam nach links ab, Sophie und Octavian bleiben alleine in der Mitte der Bühne zurück, nur von einem Verfolger beleuchtet. Die Celesta mischt sich mit ihrer bitonalen Akkordfolge aus der Rosenübergabe in die harmonisch einfache Idylle und sprengt diese mit ihrer komplexen Harmonik.

„Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“ Beide bringen noch einmal das zum Ausdruck, was sie bewegt, und was sie bisher gar nicht formulieren konnten, ein Liebesgeständnis ganz am Schluss der Oper.  Nach diesem Gespinst aus Harmonien und leichten Dissonanzen von Harfe und Celesta, dolce e pianissimo, schwingt sich die Partitur ganz zum Schluss noch einmal in rasantem Tempo und fortissimo auf und endet mit einem von der Klarinette eingeleiteten und den Bläsern aufgenommen fanfarenartigen Ruf in einer pompösen Kadenz.

Wahrscheinlich war das selbst für Richard Strauss zuviel Zuckerguss auf der silbernen Rose. Der Mohr (hier tatsächlich eine „person of colour“) findet das Taschentuch der Marschallin, winkt damit und das Letzte, was wir sehen, ist eine Art Andromedanebel oder Sternenstrudel. So bleibt nach diesen fast vier Stunden festzustellen, dass es mit Sicherheit einer der besten Rosenkavalier – Aufführung war, die die Rezensentin erlebt hat  – und das waren schon einige.

Die Solisten nur zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen. Was an diesem Abend aber besonders zu spüren ist, ist die allumfassende Spielfreude. Günther Groissböck als Baron Ochs auf Lerchenau wurde bereits an der New Yorker Metropolitan Opera gefeiert als „an Ochs for the ages“ und das ist er ganz sicher. In puncto Spielfreude ist er an diesem Abend jedoch unübertroffen. Durch seinen wienerischen Charme und originären Akzent füllt er die Rolle einfach perfekt aus. Allein vom Habitus her bietet er alles, was die Rolle braucht. Kommt dann noch sein an diesem Abend absolut präsenter und bestens disponierter Bass dazu, bleiben keine Wünsche offen. Mit Witz, Charme und absolutem Wohlklang gestaltet er die so textreiche und dadurch nicht ganz einfache Rolle sehr eindrucksvoll. Und dann der Genuss dieser tiefen Töne im Walzer, das ist wie Zartbitterschokolade. Immer wieder eine große Freude ist seine außerordentliche Bühnenpräsenz und Liebe zum Detail.

Camilla Nylund überzeugt ebenfalls vollends als Marschallin. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, dass die Marschallin keineswegs eine alte Frau ist. Es war einmal zu lesen, dass sie etwa 37 ist. Das ist nicht alt, wenn auch etwas älter als ihr jugendlicher Liebhaber mit seinen vielleicht 17 Jahren. Sie ist also eine erfahrene verheiratete aber dennoch unglückliche Frau, die sich mit Octavian ein Stück Lebensfreude und Jugend zurückholt und die sich ihrer Situation absolut bewusst ist. Deshalb wirkt die Figur auch überhaupt nicht lächerlich, im Gegenteil. Sie ist eigentlich die, die allzeit den Überblick hat und behält und souverän mit der Situation umgeht. Camilla Nylund verkörpert darstellerisch wie stimmlich eine phantastische Marschallin. Sie ist ruhig und überlegen, strahlt Größe und Grazie aus und ist in jeder Situation beherrscht und überlegen. Zu ihrer anmutigen Erscheinung kommt ihre unglaubliche Stimme. Ihr warmer lyrisch-dramatischer Sopran passt ideal zur Rolle der Marschallin. Für die Rezensentin steht sie damit auf einer Stufe mit Renée Fleming, die diese Rolle in der bereits erwähnten Robert-Carsen-Inszenierung an der Metropolitan Opera mit Günther Groissböck, Elina Garanca und Erin Morley interpretiert hat.

In der Hosenrolle des Octavian erlebt das Staatsopern-Publikum mit Michèle Losier eine junge kanadische Mezzo-Sopranistin, die mit der Partie des Octavian ihr Debüt an der Staatsoper Unter den Linden gibt.

Vom Kostüm perfekt unterstützt gelingt ihr die Verkörperung des jungen Liebhabers großartig und sehr überzeugend. Ihr warmer voller Mezzo, der auch in der Höhe über eine große Strahlkraft verfügt, setzt sich in den Ensemble- und Orchesterstellen stets gut durch und ist sowohl kraftvoll als auch zart und sehr wandlungsfähig. Michèle Losier gewinnt das Publikum mit ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrer Leidenschaft sowohl als junger Liebhaber der Marschallin als auch als Bräutigamsaufführer und letztlich als verliebter junger Mann, der in Sophie sein Gegenüber gefunden hat. Aber auch die Verwandlung zum etwas derben Mariandl gelingt ihr vorzüglich. Die Innigkeit schließlich, die zwischen ihr und ihrer Partnerin Nadine Sierra im Schluss-Duett entsteht, ist beeindruckend.

Nadine Sierra, die junge US-amerikanische Sopranistin, gestaltet die Sophie hingebungsvoll und ebenfalls sehr authentisch. Ihr klarer, leicht metallischer Sopran verfügt über eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten. Leider hat Richard Strauss ihr dazu mit dieser Rolle nicht so viele Möglichkeiten gegeben. Zu oft wird Sophie auch von der Regie auf das dumme kleine Mädchen reduziert, das einfach nur an den Baron Ochs verschachert wird. So ist Sophie in erster Linie jung, hübsch und lieblich anzusehen. Lediglich als sie Ochs heiraten soll und dieser sein wahres Gesicht zeigt, begehrt sie auf, dass sie ihn nie wieder ansehen wird. Ihr schönsten musikalischen Passagen hat Sophie im Duett mit Octavian und im Terzett. Hier hinein legt Nadine Sierra dann auch alle Leidenschaft, so dass die letzte Viertelstunde zum Höhepunkt des fast vierstündigen Opernabends wird. Alle drei Damen zeigen hier im Zusammenklang welch großartigen Künstlerinnen sie sind.

In der besuchten Vorstellung leider von den Auswirkungen einer Erkältung leicht beeinträchtig aber doch souverän gestaltet Roman Trekel die Rolle des Edlen von Faninal. An einigen wenigen Stellen merkt man ihm die Erkältung ein wenig an, jedoch tat das der Wirkung der Rolle und dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. Sein lyrischer Bariton strömt warm und voll und verleiht dem Brautvater eine gewisse Würde. Erwähnt werden sollen hier auch sehr gerne Katharina Kammerloher als Annina und Karl-Michael Ebner als Valzacchi. Mit großer Spielfreude und stimmlicher Wandlungsfähigkeit geben sie das intrigante Paar, das insbesondere in der Lever-Szene zu Hochform aufläuft.

Mit Erik Rosenius, Linard Vrielink, Jaka Mihelac, Andrés Moreno García und Viktoria Randem sind zudem fünf junge Mitglieder des Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden auf der Bühne, die man gerne in der Zukunft weiter begleiten möchte.

Der Staatsopernchor (Einstudierung: Anna Milukova) und die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Maestro Zubin Mehta runden das durchweg positive Bild ab. Der Chor trägt durch die großen Szenen entscheidend dazu bei, dass hier eine Atmosphäre erzeugt wird, die den Zuschauer mitnimmt, auch wenn der Rosenkavalier selbstverständlich keine große Choroper ist. Präzise und mit großer Spielfreude präsentiert sich das Chor-Kollektiv.

Zubin Mehta führt die Staatskapelle Berlin mit sicherem Dirigat durch den langen Strauss-Abend und ist dabei stets verlässlicher Begleiter für die Solisten. Warum er über weite Strecken sehr ruhige Tempi wählt, bleibt unklar. Bisweilen hätte ein wenig mehr Bewegung der Sache gut getan.

Das Schwelgerische und Opulente in Strauss‘ Partitur arbeitet er hervorragend heraus, so dass der Abend musikalisch ein großer Genuss wird. Die dynamische Bandbreite vom zarten Pianissimo bis zum Fortissimo der Schlusskadenz kostet Mehta voll aus und spart dabei auch nicht die darin liegende Brüchigkeit aus. Die Sänger agieren wie erwähnt durchweg auf hohem bis höchstem Niveau, so dass dieser Rosenkavalier sicher jedem, der ihn im Haus Unter den Linden erlebt hat, in besonderer Weise im Gedächtnis bleiben wird.

Die Figuren erfüllen die Erwatungshaltung, die man an sie hat. Die Personenregie von André Heller ist nachvollziehbar und schlüssig, die Wege und Handlungen sind plausibel. Raum für Überraschungen bleibt da wenig.

Das Ganze findet in einem bunten und opulenten Bühnenbild statt, das die Strauss’sche Üppigkeit der Partitur gut unterstreicht. Die Kostüme unterstreichen die wohlhabende Gesellschaft, in der wir uns bewegen, ebenso wie die herrschaftlichen Räume, die Lerchenauer sind rustikal, wie man es vom Landadel erwartet und der Rosenkavalier ist so sehr Klischee, wie man es sich nur vorstellen kann. Der einzige Bruch, den Heller vornimmt, ist, dass er den dritten Aufzug nicht in einem Gasthaus, einem Beisl spielen lässt, sondern das Tête-à-tête mit Mariandl vor ein marokkanisches Zelt und vor die Kulisse einer Orangerie oder eines Palmenhauses verlegt. Aber auch das funktioniert und wird nur von wenigen traditionell orientierten Opernbesuchern hinterfragt. Wem das keine Ruhe lässt, der kann im reich bebilderten und wirklich gut gestalteten Programmheft den diesem Thema gewidmeten Teil studieren.

Einzig das etwas spacige komplett goldene Kostüm des Herrn von Faninal lässt einen grübeln, was uns André Heller damit sagen will, passt dieses doch so gar nicht zu den anderen, die alle sehr passend und schlüssig sind.

Das Publikum in der Lindenoper dankte allen Beteiligten mit üppigem Beifall nach jedem Aufzug und stehenden Ovationen am Schluss. Etliche Vorhänge fielen, bis die Zuschauer bereit waren, die Sänger und Musiker in den wohlverdienten Feierabend zu entlassen. Man kann der Produktion und dem Publikum nach nur sieben Vorstellungen im Februar 2020 nur eine baldige Wiederaufnahme wünschen. Verdient hätte sie es.

Der Rosenkavalier in der Staatsoper Unter den Linden; für die Spielzeit 2019/20 sind keine weiteren Vorstellungen mehr vorgesehen.

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Dresden, Semperoper, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

Von den Salzburger Osterfestspielen nach Dresden – Regie Jens-Daniel Herzog

von Thomas Thielemann

Nach der Vollendung der Partitur seiner Oper Tannhäuser stieg am 3. Juli 1845 der Dresdner Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau, Hund, Papagei und jeder Menge Lektüre über die deutsche Literaturgeschichte in der Pension „Zum Kleeblatt“ im böhmischen Marienbad zum Zwecke eines längeren Kuraufenthalts ab. Ob es nun die Leere nach Abschluss der Komposition war, jedenfalls fand Wagner in den Badewannen und bei den Liegekuren keine Ruhe. Er erinnerte sich eines unklaren Lohengrin-Konzepts seiner Pariser Jahre und der Beschäftigung in Onkel Adolfs Bibliothek mit der Meistersinger-Tradition der Nürnberger Handwerker-Gilden. Neben einer Lohengrin-Dichtung entstanden in Marienbad drei Akte eines heiteren Satyrspiels über die Meistersinger von Nürnberg als eine gewisse Kompensation zur Arbeit am mystischen Tannhäuser. Dieser erste Entwurf basierte auf Wagners Begeisterung für die altdeutsche Art und Kunst. Auch begrenzte er seine Aussage auf eine ironische Betrachtung des Formalen im Künstlerischen und ließ das Stück mit einer Prügelei abschließen.

Meistersinger – Dirigent Christian Thielemann führt ein
youtube Trailer Semperoper
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Der Stoff blieb dann liegen, weil Wagner weiter am Lohengrin arbeitete, sowie 1846 Skizzen zu einem Barbarossa-Drama und einem Drama über Alexander dem Großen erarbeitete. Aus dem Alexander-Stoff sei dann, weil die Ermordung eines Getreuen des Albaners ihn an die Nibelungengen-Sage erinnerte, Siegfrieds Tod und damit später der Ring des Nibelungen abgeleitet worden.

Erst im Oktober 1861, also mitten in den „Tristan-Kalamitäten“, begann Richard Wagner während eines Aufenthaltes in Wien, den Meistersinger-Stoff wieder aufzunehmen. Als Gegenentwurf zur Dresdner Satire war der Verzichtsaspekt zum zentralen Thema geworden. Bereits im Dezember 1861 konnte er den Prosaentwurf vorlegen. Die Komposition erfolgte ab 1862, auch wegen der wechselnden Lebensumstände, ziemlich unsystematisch und regelrecht wie die Herstellung eines Flickenteppich. Trotzdem war 1866  der erste Aufzug, wenn auch lückenhaft vollendet. Erst in der Tribschen-Zeit arbeitete Wagner intensiver an der Fertigstellung der Komposition, so dass er am 24. Oktober 1869 die Partitur abgeschlossen vorlegen konnte.

In seiner Meistersinger-Inszenierung der Osterfestspiele 2019 in Salzburg baute Jens-Daniel Herzog das Portal der Semperoper auf der Bühne des Festspielhauses auf und präsentierte die Wagner-Oper als „Theater auf dem Theater“. Dabei bezieht er neben der Heimat der Dresdner Staatskapelle auch Anklänge an sein Nürnberger Haus ein.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Dieses Prinzip behielt Herzog auch bei seiner Adaption der Osterfestspiel-Arbeit in die Semperoper bei, bot somit Regietheater im eigenen Saft. Hans Sachs, bzw. sein „Darsteller“, firmiert dabei im Wechsel als Intendant, Regisseur, Beleuchter, aber hin und wieder als Schuster oder Meistersinger. Ich glaube, sogar Rückgriffe Herzogs auf frühere Dresdner Meistersinger-Inszenierungen erkannt zu haben.

Da der Regisseur sich in seinem Metier befunden hat, fiel es ihm leicht, ein lockeres Kammerspiel auf die Bühne zu bringen. So können die Agierenden mal in historischen Kostümen, mal in Alltagskleidung auftreten. Selbst in der grenzwertigen Festwiese habe ich die Stimmung selbst erlebter Dorffeste im Nordhessischen wieder gefunden. Nahezu unpolitisch bringt die Regie den hochpolitischen Text auf die Bühne.

Statt des Welttheaters wurde aber musikalisches Weltklasse-Theater geboten, so dass Jens-Daniel Herzog dem eher konservativen Dresdner Operngängern und ihren Stammgästen doch weitgehend entgegen gekommen war. Das musikalische Gerüst boten die hervorragenden Musiker der Staatskapelle mit einem konzentrierten sängerfreundlichen Dirigat Christian Thielemanns. Eine wunderbare Klangbalance, Esprit, Vitalität und die Buchstabierung der schönsten Stellen bestimmten die musikalische Dramaturgie der Premiere. Dabei wurden die Streicher gelegentlich bis an die Grenze der Hörbarkeit zurück genommen.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Die hervorragende Riege der Gesangssolisten führte Georg Zeppenfeld als ein eher intellektueller Hans Sachs an. Zwar von allen geachtet und geschätzt, zeigte er sich innerlich zerrissen auf der Suche nach Größerem. Seine Spielfreude, der unangestrengte Glanz seiner Stimme und die hervorragende Wortverständlichkeit machten jeden Moment seiner Auftritte zur Freude. Unvergessen wird sein Fliedermonolog bleiben. Seinen Gegenspieler, den Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, demütigt er nicht und verzichtet berührend auf eine Werbung um die Tochter Eva seines Freundes Veit Pogner.

Den Walther von Stolzing  sang und spielte Klaus Florian Vogt mit heller, samtig leuchtender Stimme, guter Textverständlichkeit und jugendlich schnöseligem Auftreten. Camilla Nylund bot eine selbstbewusste großartig-stimmschöne Eva, die damit die Rolle aus ihrer Passivität herausholte und eine liebenswerte Persönlichkeit gestaltete. Adrian Eröd war ein nobler Sixtus Beckmesser, fern jeder Judenkarikatur, mit leichtem schönem Bariton ausgestattet.

Eine besondere Pracht waren die übrigen Meistersinger-Besetzungen. Großartig war der Goldschmied Veit Pogner von Vitalij  Kowaljow, der mit seinem dunklen Bass die notwendige Autorität ausstrahlte. Markus Miesenberger, Iurie Ciobanu,  Patrik Vogel und Beomjin Kim verkörperten mit sicheren Tenorstimmen den Zinngießer Balthasar Zorn, den Kürschner Kunz Vogelsang, den Würzkrämer Ulrich Eißlinger sowie den Schneider August Moser. Des Weiteren verkörperten Günter Haumer den Spengler Konrad Nachtigall, Oliver Zwarg den Bäcker Fritz Kortner, Rupert Grössinger den Seifensieder Hermann Ortel und Christian Hübner den Strumpfwirker Hans Schwarz.

Meistersinger – Georg Zeppenfeld führt ein
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Hinter dieser opulenten Sängerriege müssen sich der souveräne Sebastian Kohlhepp mit seinem leicht abgedunkelten Tenor als David, die zuverlässige Christa Mayer mit ihrer in der Höhe brillanten und in der Tiefe angenehmen Stimme als Magdalena sowie der Bassist Alexander Kiechle als Nachtwächter auf keinen Fall verstecken. Vital und feurig agierte der Staatsopern-Chor auf der Festwiese und mit dem „Wach auf“.

Eine Bemerkung noch zum Vergleich mit der Vorstellung im Salzburger Festspielhaus: Die Staatskapelle mit dem Dirigat von Christian Thielemann hört sich im Semperbau eleganter und kompakter als im gewöhnungsbedürftigen Salzburger Festspielhaus an. Es bleibt doch deutlich, dass ihr „Dresdner Klang“ sich aus den akustischen Bedingungen des Hauses entwickelt hat. Auch der Eindruck des Gesangs erscheint unmittelbarer. Deshalb wäre eine Verpflanzung der Osterfestspiele der Staatskapelle nach Dresden ab 2023 zumindest für den Klang der Opernaufführungen ein ästhetischer Gewinn.

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