Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 08.04.2018

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Parsifal  von Richard Wagner

Ein Bühnenweihfestspiel – In der neuen Staatsoper

Von Karola Lemke

Die Inszenierung Dmitri Tscherniakov´s hatte ihre Staatsopern-Premiere am 28. März 2015 im Rahmen der Festtage 2015 im Schillertheater. 2016 übernahm die hochgeschätzte Waltraud Meier die Rolle der Kundry, wurde verdient gefeiert.

Karfreitag 2018 erklingt das Bühnenweihspiel erstmalig in der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden, Schon vor Vorstellungsbeginn wird der Apollosaal das meistgesuchte Fotomotiv. Großes Fotointeresse  dann nach Öffnung auch im Saal. Die Bestuhlung ist relativ eng und die Sitze sind stramm gepolstert.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum - Neu erschaffen © Gordon Welters

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum – Neu erschaffen © Gordon Welters

Und wie hat sich die Akustik verändert? Während des Vorspiels wird deutlich, daß zumindest im ersten Rang das Klangerlebnis sehr angenehm ist. In weichen runden Klängen, sehr gedehnt, die fehlende Dynamik noch durch das Auskosten jeder Note verstärkend, zelebriert Daniel Barenboim dies ergreifende Vorspiel. Auch im weiteren Verlauf der Vorstellung mischen sich Orchester und Sänger ausgezeichnet.

1. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Gralsburg – Lieblose, kaum Licht durchlassende Fesnter

Im ersten Aufzug zeigt Tscherniakov, angelehnt an die frühe Bayreuther Tradition, die halbrunde Gralsburg. Lieblos wirkende Fenster, die kaum Licht durchlassen, wurden an unpassender Stelle eingebaut. Während der Gralserzählung des spirituellen Lehrers und Gralsritters Gurnemanz zeigen Bilder auf weißer Leinwand die ParsifalUraufführung 1882 in Bayreuth.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Richard Wagner hatte in seinem Parsifal dem um 1200 entandenen Versroman Parzifal Wolfram von Eschenbachs mit Kundry eine höchst komplexe Frauenfigur  hinzugefügt. Tscherniakovs Kundry  ist Nina Stemme, in beige Hose und Trenchcoat im Gegensatz zu den Gralsrittern gegenwärtig gekleidet. Die Gralsritter sind zu Gottestreue, Gehorsam und Keuschheit verpflichtet. Amfortas (Lauri Vasar) verstieß durch den Beischlaf mit Kundry gegen die Gelübde. Lauri Vasar gestaltet diesen Amfortas überzeugend mitleiderregend. Qualvoll fristet er in Folge als designierter Nachfolger seines Vaters Titurel (Reinhard Hagen) nach der Verletzung durch Klingsor und dem Verlust der heiligen Lanze seine Tage in der Gralsburg Monsalvat. Ansonsten: Männerwirtschaft in abgelegener kalter unwirtlicher Gegend: Grobe Bänke, ärmliche Bekleidung, verhärmt wirkende Gralsbrüder. René Pape gibt  bei ausgezeichneter Textverständlichkeit einen vorzüglichen Gurnemanz

Der jugendliche Parsifal (Andreas Schager), in kurzen Hosen, Sweatshirt, modernem, hoch bepacktem  Wanderrucksack und Armbrust, wirkt in dieser Szenerie exotisch. Parsifal, der Tor, wächst von der Welt abgeschottet auf, weiss weder von seiner adligen Herkunft noch von der Rolle, für die er auserwählt ist. Er ist reinen Herzens, aufrichtig und voller Demut. Aber er muß seinen Weg in einer Welt von Leid und Tragik erst noch finden. Dass der Tor die Regeln nicht kennt, zeigt sich bei Eschenbach, als Parzival nach der Tötung des roten Ritters dessen Rüstung an im Glauben sich nimmt, nun auch Ritter zu sein. Bei Wagner tötet Parsifal im heiligen Gebiet des Grals einen Schwan und zieht sich die Empörung der Gralsritter zu. Tscherniakv verzichtet auf die gegenständliche Darstellung des Schwanes.

Titurel in langem Mantel kommt auf die Bühne und steigt in einen Sarg, den die Gralsritter zuvor auf der Bühne abgestellt hatten. Hat Parsifal im Nachhinein ob der Tötung des Schwanes Gewissensbisse gezeigt, so ist er von der Gralsenthüllung (bei Tscherniakow ausreichend abstossend inszeniert) und den damit verbundenen Schmerzen Amfortas entsetzt. Die Verbände werden Amfortas abgeschnitten und das Blut aus der Wunde gepreßt. Mitleid kann Parsifal jedoch nicht zum Ausdruck bringen, der erhoffte Satz: „Was quält dich, mein König“ fällt nicht. Gurnemanz schickt Parsifal enttäuscht davon.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

2. Aufzug, Klingsors Zaubergarten

Klingsor – Verbraucht abstoßender Mann in Uraltstrickjacke 

Im unveränderten Bühnenbild taucht lediglich das Licht (Gleb Filshtinsky) alle Handlung in kaltes Weiß. Die Fenster erscheinen durchsichtig. Eine Textprojektion verkündet, dass Klingsor sich hier eine Heimstatt errichtet hat in der er mit seinen zahlreichen Töchtern, den Blumenmädchen, lebt. Beklemmend wirkt, wenn die blutjungen Blumenmädchen  in Kinderröcken, mit  geflochtenen Zöpfen oder „Affenschaukeln“ Spielzeug in den Händen halten; ebenso beklemmend, doch anders im Ausdruck, wenn die Gralsritter Amfortas Blut abzapfen. Das Bühnenbild der Inszenierung zeigt so in kurzer Folge zwei Seiten von Wahnsinn; beide Szenen nur schwer zu ertragen. Lyrisch weich klingt der Chor der Blumenmädchen, wenn sie die Ritter beweinen; ganz zart ihr  „Komm, komm holder Knabe“.

Klingsor (Falk Struckmann) ist ein alter, verbrauchter, gestörter, abstoßender Mann in Uraltstrickjacke und Pantoffeln. Doch solch verstörte Erscheinung kann die von Gewalt geprägten Grobheiten des Klingsor gegenüber Kundry nicht glaubhaft transportieren. Interessant dagegen, die pantomimische Darstellung der Erzählung KundrysIch sah das Kind an seiner Mutter Brust“. Dargestellt wird die Szene durch Janine Schneider (Parsifals Mutter) und Christian Kreibich (Parsifal Double).

Großartig Schagers Ausbruch:   „Amfortas! Die Wunde!“

Als Parsifal Kundrys Verführung widersteht, als er Amfortas Wunde begreift, ruft Kundry nach Klingsor´s Hilfe. Doch der heilige Sperr wird diesem von Parsifal entwunden. Inmitten der Kinder erticht Parsifal Klingsor. Wie schon 2017 in Bayreuth ist Andreas Schager ein phantastischer Parsifal, stimmlich und schauspielerisch so überzeugend, dass man wirklich den Selbstfindungsprozeß mit ihm durchleidet. Den Zerfall von Klingors Reich erzählt das Orchester, nicht das Bühnenbild.

„Du weißt, wo Du mich findest“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal -  hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

3. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Das Bühnenbild des ersten Aufzuges, nur alles noch etwas älter: Der alte bärtige Gurnemanz ist da, ebenso Kundry. Titurel ist in seinem Sarg verstorben (nun geschlossen). Die Verwandlungsmusik nach dem Tode Titurels korrespondiert mit der Verwandlungsmusik des ersten Aktes. Parsifal betritt als vermummter Kämpfer die Bühne. Kundry übernimmt dessen Fußwaschung. Es kommt zum Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Kundry und Parsifal.

Gänsehautmoment beim kraftvollen Chor der Gralsritter. In der gesamten Aufführung waren Staasopernchor und Konzertchor sehr überzeugend. Besondere Erwähnung verdient hier Natalia Skrycka sowohl als Blumenmädchen, als auch als Stimme aus der Höhe. Als sich  Amfortas und Kundry umarmen, wird diese von Gurnemanz (René Pape stimmgewaltig wie gewohnt) von hinten erstochen. Tscherniakovs Sicht auf die Menschheit.

Insgesamt eine großartige Leistung des hochkarätigen Ensembles, des Chores wie der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim.

Parsifal an der Staatsoper Unter den Linden; keine Vorstellungen in der laufenden Spielzeit

Staatsoper Unter den Linden – Alle Karten
Karten Kaufen

 

Baden – Baden, Festspielhaus – Osterfestspiele 2018, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.04.2018

April 4, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Baden-Baden

logo_baden_baden

Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Parsifal von Richard Wagner

Glanzvoller Abschied in Grau

Von Uschi Reifenberg

Mit Richard Wagners Weltabschiedswerk, dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, nahm auch Sir Simon Rattle, scheidender Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Abschied von den Osterfestspielen Baden-Baden. Sechs Jahre lang verwandelten der Stardirigent und das Weltklasse Orchester alljährlich zur Osterzeit die Stadt an der Oos in ein glanzvolles Mekka für Festivalbesucher aus aller Welt. Einmalig an den Osterfestspielen in Baden-Baden ist, dass die Berliner Philharmoniker über eine Woche lang quasi omnipräsent in vielfältigsten Besetzungen an unterschiedlichen Spielorten die ganze Stadt bespielen und in Kammermusikbesetzungen, Kinderoper, Sinfoniekonzerten oder großer Oper zu hören sind.

Wagners letztes Werk, sein „Opus summum“ und wohl auch sein vielfältigstes und rätselhaftestes, ist ein einzigartiges Konglomerat aus philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Thesen und in seiner Vieldeutigkeit durchlässig für die unterschiedlichsten Deutungen.Die Welt in ihrer existenziellen Ausweglosigkeit wird geschildert mit Fragen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, aber auch zu Erneuerung und Erlösung, Wagners Lebensthema.

Nach Wagners Auffassung hatte die Religion ihre Funktion in der säkularisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eingebüßt und nun sollte an ihre Stelle die Kunst treten, um die metaphysischen Bedürfnisse als Sinn- und Deutungslieferant zu bedienen. Wagner schreibt 1880: „Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten ist, den Kern der Religion zu retten…“ Wagner als Religionsstifter und Parsifal als Kunstwerk, das die erlösungsbedürftige Menschheit zu erneuern im Stande wäre. 1882 wurde der Parsifal im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Wagner verfügte, dass sein Werk nur dort zur Aufführung kommen sollte. 30 Jahre lang sollte es auch so sein.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Der verdeckte Orchestergraben, der sogenannte “mystische Abgrund“, erzeugt jenen einzigartigen Mischklang, der nur in Bayreuth zu erleben ist und für welchen Wagner den Parsifal geschaffen hat. Im Festspielhaus Baden-Baden, dem größten Opern- und Konzerthaus Deutschlands, gelingt Sir Simon Rattle auch ohne verdeckten Orchestergraben ein Klangwunder der besonderen Art. Sir Simon näherte sich – wie er in einem Interview erwähnte – der Parsifal Partitur sozusagen retrospektiv aus der Sicht des Komponisten Claude Debussy, der sich, gemäß dem traditionellen Tonsatz, ein Orchester ohne Bass- Fundament wünschte.

Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere

Gleichsam gelingt dem Dirigenten und seinem Orchester ein impressionistisches Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere, weich strömend und mit sensibelster Ausbalancierung. Samtige Streicherklänge, ätherische Holzbläsersoli scheinen aus dem Nichts zu entstehen und sich wieder zu verflüchtigen, Linien bis in feinste Verästelungen durchgehört. Transparenz und kammermusikalische Ausformung sind Rattles besonderes Anliegen. Manchmal scheint die Musik aber auf der Stelle zu treten und man hätte sich mehr Stringenz und Zielorientiertheit, mehr dramatischen Zugriff und Auskostung der wagnerischen Höhepunkte gewünscht.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Für die Inszenierung konnte die 82-jährige Regie-Legende Dieter Dorn gewonnen werden. Der mit Preisen hochdekorierte, ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, inszenierte bereits 1990 in Bayreuth (Der fliegende Holländer), 1993 an der MET ( Tristan und Isolde) und 2014 in Genf ( Der Ring des Nibelungen). Dieter Dorn bleibt mit seiner Parsifal Inszenierung nah am Text und erzählt die Geschichte linear als eine zeitlose Parabel, ohne ihr gewaltsam eine Deutung aufzuzwingen, aber auch, ohne Antworten zu geben. Im Zentrum der Handlung steht für ihn Kundry, Wagners ambivalenteste Frauenfigur, die schon während des Vorspiels einsam am Boden kauert. Als ihr von seltsamen Gestalten verschiedene weibliche Requisiten angeboten werden, Symbole für unterschiedlichste Identitäten, lehnt sie ab. Am Ende bleibt sie als Einzige vor dem geschlossenen Vorhang zurück und blickt fragend ins Publikum. Gefangen im ewigen Kreislauf, ausgesperrt und auf Erlösung hoffend?

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Für das Gralsgebiet im 1. und 3. Akt finden Dieter Dorn und seine Bühnenbildnerin Magdalena Gut einen offenen, werkstattartigen Raum, der an eine Probebühne erinnert, in welcher riesige Holzplatten und Rampen aufgebaut sind. Auf den Holzplatten sind skizzierte Landschaften zu erkennen, sie werden von gesichtslosen Gestalten in grauen, zerlumpten Gewändern (Kostüme: Monika Staykova), hin- und hergeschoben.
Die vorherrschende Farbe für alle 3 Akte ist grau in verschiedenen Abstufungen (Lichtregie: Tobias Löffler). Die Gralsgemeinschaft scheint eine Gesellschaft der Kraftlosen, Ziellosen zu sein, in Auflösung begriffen, unfähig zur Erneuerung, in Beckettscher Manier in der ewigen Wiederkehr des Gleichen verharrend. Ein schöner Regieeinfall ist der Tod des textgetreu auftretenden Schwanenpaares, der, vom sich ins Gralsgebiet verirrenden, unwissenden, reinen Toren Parsifal absichtsvoll verursacht wird.

Für die Gralsenthüllung im 1. Akt werden die Holzgerüste zu einer Art Theater- Zuschauergalerie zusammengeschoben, auf welcher die Gralsritter wie Theaterbesucher Platz nehmen und der qualvollen Zeremonie des leidenden Amfortas unbeteiligt beiwohnen. Der Gral ist ein strahlend weiß leuchtender Kelch, der in einem Holzschränkchen hereingetragen wird. Anschließend werden Brot und Wein verteilt wie bei einer Armenspeisung. Das Zauberschloss im 2. Akt wird dargestellt durch riesige Zinnen, auf welchen Klingsor in eine weiße Kristallkugel starrt. Dieses Tableau ist in blaues Licht getaucht und lässt kurzzeitig Raum für Magie und Mystik. Die Blumenmädchen mit ihren grell bunten Blumen Accessoires – der einzige Farb Lichtblick dieser Inszenierung – werden nun wieder von der Einheitsfarbe grau kontrastiert. Kundry versucht als blonde Diva in weiß Parsifal zu verführen, der Speerwurf Klingsors wird durch einen gelungenen Lichteffekt in Szene gesetzt.

Im 3. Akt befinden wir uns wieder im Werkstatt Provisorium, in welchem nun die Holzgerüste genauso beschädigt wirken wie die Bewohner und von diesen noch ziel- und planloser hin und her geschoben werden. Gurnemanz, nun lemurenhaft- gespenstisch wirkend, holt Kundry ins Leben zurück, indem er sich ihr erotisch nähert. Parsifal findet als schwarzer Ritter in voller Rüstung zurück ins Gralsgebiet und der Karfreitagszauber erblüht lediglich im Orchestergraben, vom Schnürboden weiße Papierschnipsel herunterwehen und von Erneuerung und Erlösung künden. Die Zusammenführung von Speer und Kelch, Amfortas‘ Heilung und Parsifals Enthüllung des Grals als neuer Heilsbringer, kann die Gralsgemeinschaft aber scheinbar nicht in jene Zukunft führen, die der in ihren Grundfesten erstarrten Gesellschaft die erlösende Erneuerung bringen könnte.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Gesungen wird in dieser Produktion wie erwartet auf hohem Niveau. Franz – Josef Selig ist ein Bilderbuch Gurnemanz mit hell timbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass, idealer Textverständichkeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Zeigt er sich im 1. Akt noch als viril-jugendlicher Lehrmeister, so findet er im 3.Akt zu jenem schmerzvoll- resignativen Weltwissen, das den reifen Wagner Helden Ihre jeweils ureigene Prägung verleiht. Steven Gould, einer der besten Wagner Tenöre unserer Zeit, präsentiert sich in der Rolle des Parsifal in Bestform. Als jugendlich- naiver reiner Tor bis zum mitleidvoll- Wissenden schlägt er einen glaubhaften Entwicklungsbogen und lässt die große Erweckungsszene im 2. Akt mit heldischer Strahlkraft und erschütternder Intensität zu einem Höhepunkt werden. Die Figur der Kundry – Wagners komplexe Frauengestalt- wird von Ruxandra Donose in der Herzeleide-Erzählung mit schönem lyrischen Timbre und feinen Legatobögen versehen. Die dämonisch-zwielichtige Seite, die Zerrissenheit dieser erlösungssüchtigen Verführerin bleibt Donose in ihrer Interpretation allerdings schuldig.
Evgeny Nikitin im Rocker Outfit ist als bezopfter Klingsor eine Idealerscheinung. Mit schneidender Diktion und stählernem Bariton versprüht er jede Menge Dämonie und lässt an stimmlicher Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig. Gerald Finley als Amfortas ist in der Darstellung seines Leidens ein idealer Schmerzensmann mit exemplarischer Textausdeutung und perfekter Phrasierung. In seiner großen Klage im 1. Akt kann er allerdings mit seinen Erbarmen- Rufen wenig Mitleid hervorrufen.

Robert Lloyd als siecher Gralskönig Titurel ist mit immer noch mächtigem Bass eine Idealbesetzung und die perfekt ausbalancierten und herrlich singenden Blumenmädchen sind eine pure Freude. Der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) wartet mit mächtiger Klangkultur auf.

Das Publikum spendete begeistert Beifall und stehende Ovationen nach dieser letzten Parsifal Vorstellung, vor allem für Orchester und Dirigent und freut sich auf ein Wiedersehen mit den Berliner Philarmonikern im nächsten Jahr.

Festspielhaus Baden-Baden – Karten Hier
Karten Kaufen

Leipzig, Oper Leipzig, Parsifal am Karfreitag, 30.03.2018

März 27, 2018 by  
Filed under Oper, Oper Leipzig, Pressemeldung

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

PARSIFAL  –  KLASSIKER ZUM KARFREITAG

Vorerst zum letzten Mal steht am Karfreitag, 30. März, 17 Uhr Richard Wagners Parsifal auf dem Spielplan der Oper Leipzig. In der Titelpartie wird Bayreuth-Heldentenor Stefan Vinke zu erleben sein, der erst vor wenigen Tagen die Tannhäuser-Premiere als Ersatz für den erkrankten Burkhard Fritz rettete und an der Oper Leipzig zuvor bereits als Siegfried in der Götterdämmerung glänzte. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Anthony Bramall.

Oper Leipzig / Parsifal © Tom Schulze

Oper Leipzig / Parsifal © Tom Schulze

Die Verwundung König Amfortas’ (Tuomas Pursio) mit dem Heiligen Speer hat die Macht der Gralshüter schwer beschädigt. Der Speer wurde von Klingsor (Kay Stiefermann) geraubt, dessen Schloss umringt ist von Blumenmädchen, in deren Fängen Helden zugrunde gehen.

Oper Leipzig / Parsifal © Tom Schulze

Oper Leipzig / Parsifal © Tom Schulze

Einzig und allein der »reine Tor« vermag den Gralshütern den heiligen Speer zurückzubringen. Schon in den Armen von Kundry (Kathrin Göring), wird Parsifal im letzten Moment an seine Mission erinnert. Mit dem Dualismus von Leiden und Erlösung, Moral und Erotik, Religion und Atheismus berührt Wagner in seinem »Bühnenweihfestspiel« die großen Themen des 19. Jahrhunderts und erhebt zugleich einen religiösen Anspruch für die Kunst.

Der Regisseur Roland Aeschlimann übersetzte Wagners musikalisches Mysterium für die Leipziger Neuproduktion in der Spielzeit 2005/06 in ein synästhetisches Klang-Raum-Erlebnis. PMOL

Oper Leipzig – Karten Hier
Karten Kaufen

Leipzig, Oper Leipzig, Highlights der Oper Leipzig im März 2018

Januar 17, 2018 by  
Filed under Oper Leipzig, Pressemeldung, Spielpläne

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Highlights der Oper Leipzig im März 2018

 

  • DEUTSCHLAND-PREMIERE VON CALIXTO BIEITOS »TANNHÄUSER«
  • PREMIERE VON LEWIS CARROLLS »ALICE IM WUNDERLAND« ALS BALLETT AN DER MUSIKALISCHEN KOMÖDIE
  • THEMENWOCHE »STARKE FRAUEN«
  • MUSIKALISCHER SALON: »SCHERZI MUSICALI«
  • KLEINE KOMÖDIE: »ICH HABE MEINE TANTE GESCHLACHTET« –  EIN FRANK-WEDEKIND-ABEND
  • PASSIONSZEIT MIT »PARSIFAL« UND »JOHANNES-PASSION

DEUTSCHLAND-PREMIERE VON CALIXTO BIEITOS »TANNHÄUSER«

Am Samstag, 17. März, 18 Uhr feiert Richard Wagners Oper »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg« in der Inszenierung von Calixto Bieito ihre Deutschland-Premiere im Leipziger Opernhaus. Der renommierte katalanische Regisseur, der die ursprünglich mit Katharina Wagner geplante Produktion übernahm, lenkt den Fokus auf den Gegensatz zwischen ureigenen menschlichen Impulsen und gesellschaftlichen Konventionen. Der Minnesänger Tannhäuser ist zwischen Realität und Illusion hin- und hergerissen und zerreibt sich zwischen künstlerischer Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen. Im Venusberg lockt eine Welt der Sinnesfreuden und Fleischeslust, auf der Wartburg offenbart sich ihm das Ideal der reinen Minne. Doch Heimat und Halt findet er in keiner der beiden Sphären.

Bieitos »Tannhäuser«-Inszenierung war nach ihrem großen Erfolg in Gent und Antwerpen in der Spielzeit 2015/2016 im vergangenen Jahr bereits in Venedig und Bern zu erleben. Der für die Titelpartie engagierte Burkhard Fritz gab bei der Premiere in Gent sein gefeiertes Tannhäuser-Debüt. Anders als in Antwerpen, aber wie zunächst geplant, wird in Leipzig die Dresdner Fassung zu hören sein.

Premiere: Samstag, 17. März 2018, 18 Uhr, Opernhaus
Weitere Aufführungen: 24. März, 2. April, 27. Mai 2018 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)


PREMIERE VON LEWIS CARROLLS »ALICE IM WUNDERLAND« ALS BALLETT AN DER MUSIKALISCHEN KOMÖDIE

Jeder kennt sie, die quietschbunte Welt der körperlosen Grinsekatze, des verrückten Hutmachers oder der bösen Herzkönigin. Mirko Mahr, Chefchoreograph der Musikalischen Komödie, setzt diesen skurrilen Kosmos von Lewis Carroll, in dem der Unsinn seine sonderbarsten Blüten treiben darf, in eine gleichermaßen für Kinder wie Kind gebliebene Erwachsene ansprechende Choreografie um. Die Premiere seines Balletts »Alice im Wunderland« findet am Freitag, 23. März, 19:30 Uhr statt. Lewis Carrolls Abenteuergeschichte »Alice’s Adventures in Wonderland« ist längst zum zeitlosen Klassiker avanciert, der seit 150 Jahren eine Leserschaft aus Alt und Jung begeistert. Die Gesetze von Logik und Sprache sind hier ausgehebelt, dem Nonsens Tür und Tor geöffnet.

Premiere: Freitag, 23. März 2018, 19:30 Uhr, Musikalische Komödie
Weitere Aufführungen: 24. & 30. März / 14., 15. & 17. April /?10., 11., 26. & 27. Mai 2018


THEMENWOCHE »STARKE FRAUEN«

Starke Frauen sind in der Woche vom 3. bis zum 10. März auf den Bühnen der Oper und der Musikalischen Komödie zu erleben. Ob »Lucia di Lammermoor«, »Salome«, »Rusalka« oder »La Cenerentola« –  ihrem Schicksal treten sie selbstbestimmt entgegen, auch wenn am Ende der Tod steht.

Wiederaufgenommen wird an der Musikalischen Komödie außerdem der Liederabend »Die Sekretärinnen«. Dass in diesen gern als »Tippse« oder »graue Büromaus« verkannten Damen ungeahnte Talente schlummern, davon erzählt die Revue von Franz Wittenbrink. Mit Evergreens und Schlagern von Cole Porter bis Eros Ramazotti und Herbert Grönemeyer, von den Andrew Sisters bis hin zu Hildegard Knef und Caterina Valente möbelt die Belegschaft eines Großraumbüros ihren drögen Büroalltag auf. Seit den 90er Jahren hat Franz Wittenbrink mit seinen szenischen Liederabenden das Genre Revue neu belebt – mit großem Erfolg, wie die Aufführungszahlen zeigen.

Termine:
»Lucia di Lammermoor«, Samstag, 3. März 2018, 19 Uhr, Opernhaus
»Sekretärinnen«, Samstag, 3. März 2018, 19 Uhr | Sonntag, 4. März, 15 Uhr, Musikalische Komödie
»Rusalka«, Sonntag, 4.März, 18 Uhr 2018, Opernhaus
»La Cenerentola«, Freitag, 9. März 2018, 19:30 Uhr, Opernhaus
»Salome«, Samstag, 10. März 2018, 19:30 Uhr, Opernhaus


MUSIKALISCHER SALON: »SCHERZI MUSICALI«

Heitere Arien und Duette von Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel und Gaetano Donizetti halten zwei weitere starke Frauen, die Ensemblemitglieder Stefania Abbondi und Wallis Giunta, im Musikalischen Salon am Samstag, 3. März, 15 Uhr für ihr Publikum bereit. An Klavier und Cembalo begleitet sie Studienleiter Ugo D‘Orazio. Vor dem Konzert besteht die Möglichkeit zu Kaffee und Kuchen. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft.

Termin: Samstag, 3. März 2018, 15 Uhr, Konzertfoyer, Opernhaus


KLEINE KOMÖDIE: »ICH HABE MEINE TANTE GESCHLACHTET« –  EIN FRANK-WEDEKIND-ABEND

Ein Kleinod der Kabarettkunst erwartet das Publikum am Freitag, 9. März, 19:30 Uhr im Venussaal der Musikalischen Komödie. Unter dem Titel »Ich habe meine Tante geschlachtet« geben Sabine Töpfer und Andreas Rainer Texte, Lieder und Moritate von Frank Wedekind (1864-1918) zum Besten. Berühmt geworden durch Dramen wie »Frühlings Erwachen« und »Lulu«, letzteres Textgrundlage für Alban Bergs gleichnamige Oper (Leipziger Premiere: 16. Juni 2018), wirkte Wedekind als einer der »Elf Scharfrichter«, einem Münchner Kabarett-Ensemble der Zeit um 1900.

Beißende Kritik an einer in Konventionen erstarrten Gesellschaft wurde sein Markenzeichen. In seinen Texten spürte er aber auch den verborgenen Triebwelten seiner Zeit nach und verlieh dadurch dem Lebensgefühl einer ganzen Generation Ausdruck.

Termin: Freitag, 9. März 2018, 19:30 Uhr, Venussaal, Musikalische Komödie


PASSIONSZEIT MIT »PARSIFAL« UND »JOHANNES-PASSION«

Die Oper Leipzig begeht die diesjährige Passionszeit mit der Aufführung zweier Werke, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie auch in den Jahren zuvor gibt es am Karfreitag, 30 März, 17 Uhr, Wagners Bühnenweihfestspiel »Parsifal« zu erleben – vorerst zum letzten Mal. Mit dem Dualismus von Leiden und Erlösung, Moral und Erotik, Religion und Atheismus berührt Wagners »Parsifal« die großen Themen des 19. Jahrhunderts und erhebt zugleich einen religiösen Anspruch für die Kunst. Roland Aeschlimann übersetzt Wagners musikalisches Mysterium in ein synästhetisches Klang-Raum-Erlebnis. Die Titelpartie ist mit Stefan Vinke besetzt, der erst kürzlich als Siegfried im dritten Teil des Leipziger Rings glänzte.

Tags darauf, am Karsamstag um 19 Uhr, besteht die Möglichkeit, sich von Mario Schröders sinnlicher Umsetzung von Bachs »Johannes-Passion« als Ballett berühren zu lassen. Mit seinem Ensemble entwickelt der Ballettdirektor und Chefchoreograph des Leipziger Balletts Reflexionen über die Vergänglichkeit – und über die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Seele. Die Tänzer Yan Leiva und Anna Jo verkörpern die Rollen der Erzähler der bekannten Geschichte um die letzten leidensvollen Tage im Leben Jesu Christi: die Verleugnung durch Petrus, die Verurteilung durch Pontius Pilatus, die Folter und die Kreuzigung.

Termine:
»Parsifal«, Karfreitag, 30. März 2018, 17 Uhr, Opernhaus
»Johannes-Passion«, 31. März 2018, 19 Uhr, Opernhaus


Pressemeldung Oper Leipzig

Oper Leipzig – Karten Hier
Karten Kaufen

Nächste Seite »