Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Show Boat – Musical – Jerome Kerns, IOCO Kritik, 05.03.2019

März 5, 2019 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

 Show Boat  –  Das Leben in Mississippi um 1900

– Schwarze Schiffsarbeiter und weiße Künstlertruppe auf der Cotton Blossom –

von Marcus Haimerl

Das klassische Musical Show Boat mit der Musik von Jerome Kerns und den Texten von Oscar Hammerstein II war die neue Premiere unter dem Motto Freiheit und Gefangenschaft, welches die aktuelle Saison in Baden thematisch umrahmt. Mit der Umsetzung dieses Werkes gelang der Bühne Baden ein beachtlicher Kraftakt. Bereits die Autorin des Romans, Edna Ferber, hielt die Umformung ihres Romans, einem Familienepos, dramaturgisch gesehen nicht geeignet, als Musical auf der Bühne bestehen zu können. Trotz seiner Begeisterung für das Textbuch hatte der Produzent Florenz Ziegfeld, an dessen berühmten Ziegfeld Theatre in New York das Musical 1927 seine Uraufführung feierte, Bedenken das Stück auf die Bühne zu bringen. Noch während sich Aufführung fürchtete er, dass es sich um eine Fehlinvestition handelt. Letztendlich wurde Show Boat eines der größten Erfolge seiner Karriere.

Fast 40 Jahre und die unterschiedlichsten Orte deckt die Handlung ebenso ab, wie ethnische Konflikte, Eheprobleme und das Leben von schwarzen Schiffsarbeitern und einer weißen Künstlertruppe. Es beginnt im Jahr 1890 in Natchez, im US-Bundesstaat Mississippi. Mit viel Glamour werden die Stars und Aufführungen der Cotton Blossom, einem Theaterschiff, für die kommenden Tage beworben. Als der Sheriff von Natchez herausfindet, dass der Star der Truppe, Julie LaVerne, einen schwarzen und weißen Elternteil hat, müssen sie und ihr weißer Ehemann Steve Baker das Schiff verlassen. Da gemischte Ehen im Bundesstaat Mississippi verboten sind, schneidet sich ihr Ehemann Julie in den Finger und leckt das Blut ab, damit nun auch er einen Tropfen schwarzen Blutes in sich habe und die Ehe somit nicht unrechtmäßig sei.

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Benjamin Plautz als Frank Schultz, Verena Barth-Jurca als  Ellie May Chipley,  Ensemble © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Benjamin Plautz als Frank Schultz, Verena Barth-Jurca als  Ellie May Chipley, Ensemble © Christian Husar

Um die Aufführungen retten zu können, übernimmt Magnolia, die Tochter des Kapitäns die Rolle von Julie zusammen mit dem attraktiven Glücksspieler Gaylord Ravenal, welcher die Rolle von Steve Baker übernimmt. Das Schicksal nimmt seinen Lauf als die beiden sich ineinander verlieben, heiraten und die Cotton Blossom verlassen, um in Chicago zu leben. Anlässlich der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 besuchen Kapitän Andy und seine Frau Parthy, Magnolias Eltern, das Ehepaar. Zu Recht ist Parthy immer noch skeptisch gegenüber Gaylord, denn seine Spielsucht findet kein Ende. Als der Schuldenberg unüberschaubar wird, verlässt er Magnolia und die gemeinsame Tochter Kim. Genau zu diesem Zeitpunkt treffen zwei alte Freunde aus der Künstlergruppe der Cotton Blossom, Frank und Ellie ein.

Das Buffo-Paar, mittlerweile erfolgreiche Vaudeville Stars, hilft ihr in ihrer Not, indem es Kontakt zum Trocadero herstellen, wo sie sich um eine Anstellung als Sängerin bewirbt, die noch die inzwischen zur Alkoholikerin gewordene Julie LaVerne innehat. Diese erkennt Magnolia beim Vorsingen und verschwindet ihr zuliebe. Am Silvesterabend hat Magnolia ihr Debüt, das Kapitän Andy durch sein Vertrauen in seine Tochter retten kann. 1927 sind Magnolia und ihre Tochter Kim erfolgreiche Sängerinnen. Kapitän Andy trifft zufällig auf Gaylord Ravenal und möchte versuchen ihn wieder mit seiner Tochter zusammenzubringen. Es kommt zu einem Wiedersehen; ob das Paar die Jahre der Trennung vergessen kann, bleibt in Baden offen. Im Hintergrund dieser Haupthandlung wird auch die Geschichte des Schiffsarbeiters Joe und seiner Frau Queenie, der Köchin der Cotton Blossom, erzählt, die sich in einer von Weißen dominierten Welt abschuften und wie der Ol’Man River Mississippi alles erdulden. So wie der Fluss stetig dahinfließt, als würde nichts geschehen in der Welt, verleben die beiden einen Tag wie den anderen.

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Nicolas Huart, Valerie Luksch, Benjamin Plautz, Florian Fetterle © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Nicolas Huart, Valerie Luksch, Benjamin Plautz, Florian Fetterle © Christian Husar

Die Regie übernahm der Hausherr Michael Lakner selbst, der sich knapp eineinhalb Jahre mit dem Stoff beschäftigt hat.  In der klassischen Ausstattung von Monika Biegler entfaltet sich das Südstaatenepos in schönster Breite. Die Ausstattung ist ebenso ansprechend wie praktikabel. Die Cotton Blossom lässt sich in der Länge teilen und dient zugleich als Stiegenhaus oder als Pavillons der Weltausstellung. Großartige Lichteffekte vermitteln das Spiegeln des Wassers auf dem abendlichen Mississippi und die in die damalige Zeit passenden Kostüme runden das Bild perfekt ab. Die deutsche Fassung des Stücks stammt von Frank Thannhäuser.

Am eigentlichen Happy End hat Michael Lakner jedoch seine Zweifel, wie er im Programmheft erläutert: „Dass Magnolia nach so langer Zeit Ravenal verzeiht und ihn wieder bei sich aufnimmt, nachdem er sie 23 Jahre davor sitzengelassen hat, ist sicher dem Publikumsgeschmack geschuldet, halte ich aber für die fantastische Klimax einer fary tale. Deswegen bleibt in meiner Interpretation offen, ob die beiden wieder zueinander finden und ihren Lebensabend gemeinsam verbringen werden. Sie sprechen den gleichen Text wie zu Beginn des Stücks beim Kennenlernen, haben auch die gleiche Position auf der Bühne. Der Zuschauer mag für sich entscheiden, ob es ein happy end für die beiden gibt.“

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Thomas Weinhappel als Gaylord Ravenal © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Thomas Weinhappel als Gaylord Ravenal © Christian Husar

Auch die Besetzung dieses Südstaatenepos’ ist erstklassig gewählt: Valerie Luksch als Magnolia entwickelt sich glaubwürdig vom verliebten Teenager zur selbstbestimmten Frau und punktet mit ihrem schönen, klaren Sopran. Thomas Weinhappel als ihr Gatte Gaylord Ravenal ist, nicht nur optisch, das Ideal eines Südstaaten Beaus. Mit seinem ausdruckskräftigen Bariton und hochkarätigem Schauspiel beeindruckt er an vielen Stellen nachhaltig. Ganz besonders in der Abschiedsszene im St. Agatha-Stift gelingt es ihm, das Publikum zu Tränen zu rühren, als er herzzerreißend von seiner Tochter (reizend dargestellt von der zwölfjährigen Alina Laura Foltyn) Abschied nimmt.

Auch das vielversprechende Stimmmaterial der gebürtigen Luxemburgerin Jil Clesse trägt zum Erfolg der Produktion maßgeblich bei. Sie ist als Julie LaVerne geradezu optimal besetzt. Mit ihrem großen Hit „Can’t help lovin‘ that man“ überzeugt sie ebenso, wie als ein dem Alkohol verfallener Star. Eine beeindruckende Leistung auch von Benjamin Plautz als Frank Schultz, dem männlichen Teil des secondary couple, der vor allem durch seine tänzerischen Leistungen besonders positiv auffällt. Mit dem amerikanischen Bass Zelotes Edmund Toliver liegt auch die Partie des Schiffsarbeiters Joe in besten Händen. Mit großem, schwerem Bass begeistert er das Publikum mit dem eigentlichen Hit „Ol’Man River“. Großartig auch die kleineren Partien wie Beppo Binder als Kapitän Andy Hawkes, Uschi Plautz als seine resche Gattin Parthy Ann Hawkes, Terja Diava als Schiffsköchin Queenie, Thomas Weissengruber als Steve Baker oder Verena Barth-Jurca als Soubrette Ellie May Chipley.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Chefdirigenten Franz Josef Breznik . Er sorgt mit dem Orchester der Bühne Baden für eine gehörige Portion Gefühl und große Broadwayklänge. Gemessen an der Begeisterung des Publikums hat die Bühne Baden mit Show Boat einen Hit gelandet, der zum ständigen Bestandteil des Repertoires werden sollte.

Show Boat im Stadttheater Baden; die weiteren Vorstellungen 8.3.; 9.3.; 10.3.; 16.3.; 17.3.; 21.3.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Die geschiedene Frau – Leo Fall, IOCO Kritik, 30.01.2019

Januar 29, 2019 by  
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Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

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 Die geschiedene Frau –  Leo Fall

–  Oder: Was man macht, wenn es weder Ehe noch Scheidung gibt  –

von Marcus Haimerl

„Freiheit und Gefangenschaft“ ist das Motto der aktuellen Spielzeit der Bühne Baden. Was kann zu diesem Thema besser passen als die selten gespielte Operette Die geschiedene Frau von Leo Fall?

Die 1908 in Wien uraufgeführte Operette gilt als durchwegs modern, gab es doch zur Zeit der Entstehung in Österreich keine Zivilehe und somit auch keine Scheidung. Aus diesem Grund lassen Leo Fall und sein Textdichter Viktor Léon die Handlung in den liberalen Niederlanden spielen.

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Die Operette, die auch Bekanntheit durch die sehr freie Verfilmung Georg Jacobys aus dem Jahr 1953 mit Marika Rökk und Johannes Heesters erlangte, beginnt gleich mit dem Scheidungsprozess des Ehepaars van Lyseweghe. Jana will sich von ihrem Ehemann Karel scheiden lassen, da dieser sein Schlafwagenabteil im Expresszug von Nizza nach Amsterdam mit einer fremden Dame geteilt hat. Dieser beteuert seine Unschuld. Aus Höflichkeit wollte er sein Abteil überlassen, aus Unaufmerksamkeit des Schaffners Scrop wurde die Tür jedoch von außen verschlossen. Die besagte Dame, Gonda van der Loo, tritt als Zeugin auf und bestätigt die Unschuld Karels. Da sich diese jedoch prinzipiell zur freien Liebe bekennt und zudem allen Männern im Gerichtssaal den Kopf verdreht, sieht das Gericht den Seitensprung bestätigt. Der Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck spricht die Scheidung aus und übernimmt aus aufkeimender Liebe zu Gonda die Geldstrafe, zu der er sie selbst verurteilt hat.

Karel möchte Gonda heiraten, um seine gesellschaftliche Stellung wieder herstellen zu können. Auch der entlassene Schlafwagenschaffner Scrop hofft auf eine Legalisierung der Beziehung, denn so könnte er seinen Job wiederbekommen. In diese Geburtstagsfeier für Gonda platzt unangemeldet Karels geschiedene Frau Jana. Ihr korrekter Vater Pieter te Bakkenskjil, Chef der Schlafwagengesellschaft, hat seinen Besuch angekündigt. Noch ahnt niemand, dass dieser zur gleichen Zeit, ebenfalls in diesem Nachtzug, ein Techtelmechtel mit Adeline, der Verlobten des Schlafwagenschaffners hatte. Um Gonda eifersüchtig zu machen und so ihre Liebe zu gewinnen, wirbt der Gerichtspräsident um Jana, woraufhin sich Karel für Gonda entscheidet, obwohl ihm diese gleichgültig ist.

Der Gerichtspräsident hat alle Beteiligten zur Kirmes in Makkum gelockt, wo sich nach altem Brauch viele Paare trauen lassen. Der Fehltritt von Janas würdigem Vater wird offenbar und als Karel erfährt, dass Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck nur um Janas Hand anhielt, um Gonda eifersüchtig zu machen, finden Jana und Karel zusammen und einer gemeinsamen Hochzeit der beiden Paare steht nichts mehr im Wege.

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Leonard Prinsloo, der sich auch für die Choreografie verantwortlich zeigt, inszeniert Leo Falls Operette rasant und mit viel Humor im etwas surrealen, an Salvador Dalí erinnernden, Bühnenbild von Su Pitzek. Der Gerichtssaal, bestehend aus schrägen Holzpaneelen mutet bedrohlich an, das Haus Karels mit seinen trapezförmigen, zerfließenden Fenstern wirkt wiederum fast traumhaft. Die sehr klassischen Kostüme von Mareile von Stritzky und die weiß bemalten Gesichter der Darsteller vermitteln das Gefühl einer alten Filmproduktion.

Mit der hervorragenden Besetzung war man in Baden auch musikalisch auf der sicheren Seite. Oliver Ostermann am Pult des Orchesters der Bühne Baden setzte nicht nur Leo Falls komplexe Partitur hervorragend um, sondern sorgte auch für eine gehörige Portion Schwung. Die Schweizer Sopranistin Maya Boog, die vergangenen Sommer bereits als Hanna Glawari in der Lustigen Witwe in Baden reüssierte, zieht auch in Leo Falls Operette alle Register ihrer Kunst. Der slowenische Tenor Matjaž Stopinšek verfügt über eine wunderschöne Strahlkraft in der Höhe und überzeugt auch darstellerisch in der Partie des Karel von Lyssweghe. Auf ebenso hohem Niveau agiert Martha Hirschmann als makellose Gonda van der Loo, mit ihrem schönen, warmen Mezzo und klarer Höhe.

Mit Charme und Witz verkörpert Artur Ortens den Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck. Als Schlafwagenconducteur Scrop begeistert Robert R. Herzl das Publikum. Mit einer gehörigen Portion Slapstick und Körpereinsatz verleiht er der Partie auch charakterliche Tiefe, wenn er seine Verlobte Adeline (herrlich: Gabriele Kridl) beim Fremdgehen ertappt und in Folge verlässt. Aber auch die kleineren Rollen sind gut besetzt: Thomas Malik und Sylvia Rieser als witziges Fischerehepaar Willem und Martje, dem wunderbaren Peter Horak als Janas Vater Pieter te Bakkenskjil, Franz Josef Koepp als Rechtsanwalt, Florian Resetarits und Jan Walter als Gerichtsbeisitzer und Robert Kolar und Robert Sadil als Sachverständige.

Auch wenn die Thematik von Leo Falls Operette mittlerweile an Brisanz verloren hat, gelang der Bühne Baden dieses zu Unrecht in Vergessenheit geratene Werk wieder erfolgreich aufzuführen. Die Künstler und das Leading Team wurden vom begeisterten Publikum entsprechend bejubelt.

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Der Zigeunerbaron – Johann Strauss, IOCO Kritik, 03.01.2019

Januar 4, 2019 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

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Der Zigeunerbaron – Johann Strauss Sohn

– Hommage an die ungarische Reichshälfte der k.u.k. Monarchie –

Von Marcus Haimerl

Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO

Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO

Eigentlich wollte Johann Strauss Sohn mit dem Zigeunerbaron die Hofoper erobern und obwohl das Werk durchaus Charakteristika einer Spieloper aufweist, fand die Uraufführung 1885 dann doch nur im Theater an der Wien statt. Eine zeitgenössische Karikatur mit der Überschrift „Strauß am Scheidewege“ zeigt den Komponisten mit einer Waage in einem Ballon über den Dächern von Wien. Der Librettist Ignaz Schnitzer und der Autor der zugrunde liegenden Novelle „Sáffi“, Mór Jókai, stehen vor dem Opernhaus, beobachten Strauss und unterhalten sich: „Vor lauter Hin- und Her-Balanciren ist der Waag‘ schon ganz schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, auf welcher Seite wir durchfallen werden.“

Der Zigeunerbaron –  Johann Strauss
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Eine Sorge, welche das Regieduo Volker Wahl und Michaela Ronzoni offensichtlich nicht hatten; geht es doch, wie die beiden im Programmheft verrieten, eher darum zu zeigen, dass „ein Werben für den Krieg gleichsam ein Werben für den Tod“ ist. Ob die von Johann Strauss Sohn komponierte Musik und in Folge auch das Publikum eine solche Interpretation verträgt, schien nicht die erste Sorge von Wahl und Ronzoni gewesen zu sein.

Den „Gedanken eines Regieteams“ im Programmheft ist zu entnehmen, dass beiden auch bekannt ist, dass der Zigeunerbaron aus der Feder des Walzerkönigs ursprünglich nichts anderes war als eine „Hommage an die ungarische Reichshälfte der k.u.k. Monarchie“, in welcher das Militär keineswegs kritisiert wurde, sondern ganz im Gegenteil, eine herausragende Stellung innehatte. Von dieser Stellung blieb in der Badener Inszenierung leider nicht viel übrig.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier: Regina Riel als Zigeunerin Saffi Czipra und Bea Robein als Czipra © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier: Regina Riel als Zigeunerin Saffi Czipra und Bea Robein als Czipra © Christina Husar

Herausragend bleibt hier nur die sowohl stimmliche als auch darstellerisch bestechende Leistung des von Thomas Weinhappel mit großer Akkuratesse verkörperten Grafen Homonay, welcher hier einen Hauch von k.u.k. Monarchie versprühen darf. Mit seinem wohlklingenden Bariton lässt er auch das allzu plakative Totenkopf-Emblem mit Knochen und Skeletten an den Uniformen der Militärs einigermaßen vergessen. Als Indiana Jones des Rokoko“ sieht das Regieteam die Figur Barinkays, den Inhalt als eine Fantasy-Geschichte. Dies erklärt vermutlich auch die sehr eigentümlich anmutende Ausstattung von Stefanie Stuhldreier. Wenn Kostüme und Perücken sich nicht einfach nur mit Geschmacklosigkeit begnügen, erinnern sie an Figuren aus der Film-Serie Pirates of the Caribbean.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier : Sébastien Soulès als Kálmán Zsupán und Thomas Weinhappel als Graf Homoway © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier : Sébastien Soulès als Kálmán Zsupán und Thomas Weinhappel als Graf Homoway © Christina Husar

Glücklicherweise beweist auch das restliche Ensemble, wie lebendig Operette heute noch sein kann und bietet dem Publikum musikalische Höchstleistungen. Bea Robein ist nicht nur stimmlich herausragend, sondern auch eine hervorragende Darstellerin der Czipra. Als Sándor Barinkay kehrte der ehemalige Hausherr Sebastian Reinthaller mit frischem, höhensicherem Tenor auf die Bühne der Bühne Baden zurück. Regina Schörg, der ihre Mirabella mit viel Witz und leidenschaftlicher Darstellung außerordentlich glückt, weiß das Publikum ebenso zu überzeugen wie Sébastien Soulès als Schweinezüchter Kálmán Zsupán mit schöner, sonorer Stimme. Vor einem Monat reüssierte der französische Bass-Bariton noch als Don Pizzaro in Beethovens Fidelio in Baden, aktuell darf er auch Humor zeigen.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier : Ensemble © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier : Ensemble © Christina Husar

Regina Riel gewinnt mit ihrem kräftigen Sopran und schöner, breiter Mittellage als Zigeunerin Saffi ihren Sándor Barinkay. Als Buffo-Paar bestechen Alice Waginger als Arsena mit wunderbaren Koloraturen und einer besonderen Portion Humor und Mahdi Niakan, als liebenswertes Muttersöhnchen Ottokar. Eine ebenso großartige Leistung erlebt man auch von Thomas Zisterer als königlicher Komissär Conte Carnero. Aufhorchen ließ auch der junge albanische Bariton Branimir Agovi als Zigeuner Pali und Eugen, dem Assistent Conte Carneros.

Das Orchester unter Franz Josef Breznik, der Chor und das Ballett der Bühne Baden liefern sehr gute Leistungen und machen gemeinsam mit dem gesamten Ensemble aus einer halbherzigen Inszenierung mit moralischer Keule des Regieteams, doch noch eine herzeigbare Operette.

Der Zigeunerbaron am Stadttheater Baden; weitere Vorstellungen 4.1.; 5.1.; 12.1.; 13.1.; 26.1.; 27.1.; 31.1.2019

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Der Bettelstudent – Carl Millöcker, IOCO Kritik, 17.06.2018

Juli 18, 2018 by  
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DER BETTELSTUDENT  –  Carl Millöcker

– In der Sommerarena von Baden –

von Elisabeth König

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Von Carl Millöcker in Baden bei Wien komponiert, kehrte der Bettelstudent in einer spritzigen und verjüngten Inszenierung an seinen Ursprungsort zurück und feierte am Samstag im Rahmen der Badener Sommerarena seine fulminante Premiere. Mit der von den Librettisten F. Zell und Richard Genée umgesetzten Geschichte Victorien Sardous (Les Noces de Fernande, dt. Fernandos Hochzeit) gelang dem 40jährigen Millöcker sein Durchbruch.

Die Handlung spielt im Krakau des Jahres 1704: Inmitten des polnischen Befreiungskrieges schmiedet der Gouverneur von Krakau, Oberst Ollendorf, Rachepläne gegen die Gräfinnen Nowalska, deren Tochter Laura ihm ihren Fächer ins Gesicht schlug, nachdem er sie auf die Schulter küsste. Hierzu holt er zwei inhaftierte Polen aus dem Gefängnis: Symon Rymanowicz, den Bettelstudenten, und Jan Janicki. Simon soll Laura als vorgeblicher Fürst Wybicki ehelichen, um sie gesellschaftlich zu blamieren. Simon und Laura verlieben sich unerwartet tatsächlich ineinander und so auch Lauras jüngere Schwester Bronislava in Jan, welcher sich schließlich als der polnische Volksheld Herzog Adam entpuppt. Die Liebe durchkreuzt Ollendorfs Pläne und ermöglicht nicht nur die Befreiung Polens, sondern auch ein Happy End in bester Operettentradition.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Der Vorhang der Badener Sommerarena öffnet den Blick auf ein zeitloses Gefängnis, dessen Stacheldrahtzaun inmitten „traditioneller“ Kerkerfenster eine gewisse Tagesaktualität bot. Generell ist das Bühnenbild von Dietmar Solt ein gelungener Brückenschlag aus moderner und klassischer Ästhetik, dessen Zeitlosigkeit durch farbenprächtige Kostüme unterstrichen wird, und den Bogen spannt von der Zeit der Handlung bis in die Gegenwart.

Der moderne Blick auf diesen Operettenklassiker setzt sich auch konsequent in der Regie von Isabella Gregor fort, aus deren Feder auch die vorliegende Textfassung stammt. Frisch, humorvoll und mit einem klaren Bewusstsein für die ernsten Themen hinter dem Augenzwinkern nimmt die Regie Bezug auf die Tagespolitik – #metoo, bedingungslose Grundsicherung und Flüchtlingspolitik inbegriffen. Auch um Trump kam man im Couplet des Ollendorf nicht herum.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Die intensive Auseinandersetzung Isabella Gregors mit dem Werk führte zur Wiederentdeckung einer Arie der Laura aus Millöckers Urfassung des „Bettelstudenten“ in der Österreichischen Nationalbibliothek. Diese Arie erklang gestern erstmals wieder auf einer österreichischen Bühne in einem neuen Orchesterarrangement von Oliver Ostermann, der auch vom Dirigentenpult den Abend sehr harmonisch leitete. Mit frischen, knackigen Tempi und viel Feingefühl behielt er den Witz und Charme der Musik in jeder Minute aufrecht und sorgte gemeinsam mit dem Orchester der Bühne Baden für eine prickelnde Aufführung in dieser lauen Sommernacht.

Sängerisch bot der Abend viele schöne Momente. Regina Riel sang die Laura mit zarten Zwischentönen und einer wunderschönen Klarheit, die, wie vom künstlerischen Leiter Michael Lakner sehr treffend bezeichnet, an Gundula Janowitz erinnert und vermochte es, aus einem oftmals sperrigen Charakter eine charmesprühende Vollblutfrau zu machen. Als ihre Schwester Bronislawa bezauberte die Linzerin Ilia Staple mit glockenheller Stimme und unbändiger Lebhaftigkeit – und Hunger – das Publikum und ihren Jan Janicki. Sylvia Rieser spielte die herrische Mutter mit so viel Liebe für ihre Töchter, dass neben vielen Lachern auch das Mitgefühl des Publikums auf ihrer Seite blieben. Matjaž Stopinšek erlebte man im Hauptpart des Symon Rymanowicz mit großer Verve und schmelzigem Tenor. Sein Feuer wurde ausgeglichen durch Ricardo Frenzel Baudisch, der mit Eleganz und jugendlichem Charme den Jan Janicki gab. Jochen Schmeckenbecher verlieh dem Abend Staatsopernniveau. Sein Oberst Ollendorf erhob sich über dessen übliche Charakterisierung als komischer Aufschneider und verlieh ihm eine gefährliche Schärfe, deren genussvolle Bosheit in seinem Triumph des zweiten Aktes ihren Höhepunkt erreicht und ihn als Bösewicht des Stückes glaubhaft macht. Als kongeniales Offizierskleeblatt agierten Anton Graner (Major Wangenheim), Sebastian Huppmann (Rittmeister Henrici), Michael Fischer (Leutnant Schweinitz) und Thomas Malik (Kornett Richthofen). Aus der von der Regie perfekt durchgezogenen individualisierten Personenführung erwuchsen auch abseits der textuellen Witze viele humoristische Momente, die im Hintergrund der Handlung der Hauptfiguren den perfekten Rahmen gab.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Johannes Terne als Onuphrie zeigte in Baden, warum das Wiener Burgtheater zu den größten deutschsprachigen Theaterhäusern zählt und gab ein herzzerreißendes Faktotum – oder AIO (All-in-one), wie er es so schön formulierte. Robert R. Herzl als Enterich gab einen piratischen Gefängniswärter dessen Beweglichkeit und irrwitzigen Ticks das komische Charakterfach in seiner vollen Bandbreite ausschöpfte und damit für laute Lacher und frenetischen Beifall sorgte. Ihm zur Seite Justus Seeger (Puffke) und Mahdi Niakan (Piffke), als quicklebendiges Duo. Abwechselnd komisch-dümmlich und bauernschlau sorgten auch sie für viele Lacher.

Generell ist die Führung des Chors und des Ensembles durch die Regie lobend hervorzuheben. Auch die Choreografie von Michael Kropf trug ein wesentliches Teil zum Gelingen des Gesamtkonzepts bei. So tanzten nicht nur im Hintergrund Ballett und Chor, auch die Solisten schwangen fröhlich das Tanzbein.

Alles in allem bot die Sommerarena Baden einen vergnüglichen Operettenabend auf höchstem Niveau, und beweist, dass Operette immer noch sehr lebendig ist. Das Publikum zeigte sich gut unterhalten und dankte für den fantastischen Abend mit tosendem Applaus. Und sollten auch Kleinigkeiten dem Premierenfieber zum Opfer gefallen sein: Schwamm drüber, Schwamm drüber.

Der Bettelstududent in der Sommerarena von Baden bei Wien; weitere Vorstellungen 21.7.; 22.7.; 27.7; 2.8.; 3.8.; 9.8.; 10.8.2018 un mehr

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