Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Walküre – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Die Walküre  –   Richard Wagner

– Nothung steckt im Fahrstuhl fest –

von  Julian Führer

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Ein neuer Ring ist eine Herausforderung für jedes Haus, auch eine Visitenkarte. Im Erfolgsfall entstehen legendäre Deutungen, die über lange Zeit im Repertoire bleiben; dies war beispielsweise an der Deutschen Oper Berlin mit Götz Friedrichs Inszenierung von 1984/1985 der Fall, die bis 2017 gezeigt wurde. Gescheiterte Interpretationen belasten wiederum das Repertoire auf Jahre, denn kaum ein Haus hat die Ressourcen, um den Spielplan noch einmal mit vier Wagner-Premieren zu belasten. An der Deutschen Oper Berlin wurde dem Publikum der Abschied vom ‚Zeittunnel‘ aus den achtziger Jahren damit versüßt, dass gleich ein neuer Ring angekündigt und Stefan Herheim als Regisseur benannt wurde, dessen Bayreuther Parsifal von 2008, eine ausgesprochen vielschichtige Interpretation, über weite Strecken auch als ästhetisch ansprechend wahrgenommen wurde.

Stefan Herheims Ansatz in Bayreuth war die Überlagerung verschiedener Ebenen – die von Wagner komponierte Handlung, gleichzeitig aber auch die deutsche Geschichte mit vielen Uniformen und Hakenkreuzen, die Lebensgeschichte Wagners von der Villa Wahnfried bis zur Totenmaske sowie die Geschichte der Werkinterpretation mit dem Nachbau der Gralsszene von 1882 – auch in Berlin sollten sich verschiedene Ebenen überlagern. In dieser Besprechung wird vereinzelt auf diese Bezüge hingewiesen, natürlich sollte eine Deutung sich aber auch unmittelbar erschließen können. Das Rheingold konnte aufgrund der Umstände noch nicht gezeigt werden, so dass bei manchem vielleicht noch eine Erläuterung folgen wird, wenn die anderen Teile der Tetralogie im Zyklus zu sehen sein werden.

Die Walküre an der Deutschen Oper Berlin
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Als der Vorhang sich öffnet, sehen wir Sieglinde (Lise Davidsen) sichtlich verzweifelt allein (bzw. fast allein) zu Haus, umgeben von einer großen Menge Koffern. Auf der Bühne zu sehen ist im Prinzip das aus Koffern nachgebaute Halbrund von Arnold Böcklins Toteninsel. Das Motiv haben Patrice Chéreau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi in ihrer berühmten Bayreuther Inszenierung des Ring des Nibelungen ebenfalls verwendet (allerdings erst in der überarbeiteten Inszenierung, wie sie ab 1977 gezeigt und auch verfilmt wurde), dort im dritten Akt der Walküre sowie in Siegfried und Götterdämmerung – hier also schon zu Beginn. In der Mitte des so begrenzten Raumes ist ein Konzertflügel zu sehen. Es scheint sich um eine Art Grubenhaus aus Koffern zu handeln, da es zur Eingangstür ein paar Stufen nach oben geht (wie beispielsweise auch schon in der Inszenierung von Peter Hall in Bayreuth 1983). Für die Bühne zeichnen Stefan Herheim selbst und Silke Bauer verantwortlich.

Als die Musik etwas später beginnt, sehen wir während des Vorspiels zum ersten Akt erst einen recht wölfisch aussehenden Hund, dann steigt Sieglinde auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt unklar). Sieglinde hat offenbar ein behindertes Kind, das viel mit einem Messer spielt. Siegmund kommt herein wie in einer konventionellen Inszenierung. Der erste Kuss zwischen den beiden Wälsungen findet deutlich früher als von Wagner eigentlich geplant statt, nämlich als Sieglinde dem Fremden Met (hier allerdings nur schlechten Supermarktwhisky) anbietet und Siegmund Schmecktest du mir ihn zu?“ antwortet. In der Musik ist die tiefe Sympathie (und mehr als das) bereits deutlich zu hören, und Sieglinde geht an dieser Stelle über die Linderung der größten Not hinaus, zeigt also mehr Sympathie als nötig und geht mithin aktiv auf Siegmund zu (so war es auch vor einigen Jahren in Freiburg zu sehen). Damit das Kind nicht stört, bekommt es eine Dose Cola, aber es wird die Zweisamkeit des Wälsungenpaars immer wieder torpedieren. So richtig nimmt man Siegmund die existentielle Not allerdings nicht ab; auch als Hunding eintritt, ist das für ihn kein entscheidender Moment – für das Kind hingegen weit mehr, denn der Knabe warnt die beiden vor dem Heimkehrer; für einen jungen Menschen von sehr begrenztem geistigen Horizont ein erstaunlich feiner Sinn für Psychologie…

Die Walküre – hier – Lise Davidsen ist Sieglinde
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Hunding zieht seinen Jagdmantel aus und trägt drunter eine gemütliche Strickjacke. Er wirft einen Holzscheit in den Souffleurkasten, worauf es von dort aufzuglühen scheint und nach mehr Feuer aussieht (Herheim hat diesen Trick bereits für den Gral in seinem Bayreuther Parsifal verwendet, wie überhaupt die Lichtregie von Ulrich Niepel sehr stark an diese Inszenierung, vor allem deren dritten Akt erinnert). Das Kind fasst schnell Vertrauen zu Siegmund, der den ersten Teil seiner Lebensgeschichte eigentlich dem Kind und den zweiten Teil Sieglinde erzählt. Hunding fasst nach Siegmunds „Den Vater fand ich nicht“, als leise Wotans Motiv in E-Dur aus dem Graben ertönt, das Schwert an – er hat also bereits verstanden, mit wem er es tun hat, und er weiß auch, wer das Schwert in den Stamm bzw. in den Flügel gestoßen hat (woher eigentlich?). Beim dritten Teil seiner Erzählung ist klar, dass er sich schon längst um Kopf und Kragen geredet hat. Während Hunding mit dem Kind recht grob umgeht und vor allem Spaß hat, wenn er seinem Kleinen Schnaps einflößt, empfindet der Knabe, der im übrigen sehr wälsungisch aussieht (warum sind Wälsungen eigentlich immer blond?), ungebremste Sympathie mit Siegmund, umarmt ihn mehrfach, und Siegmund ist ihm gegenüber ebenfalls freundlich, wenn auch etwas irritiert ob dessen Verhalten.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Gegen Ende von Siegmunds Monolog, als Hunding ihm gewissermaßen sein Todesurteil eröffnet, zerren Siegmund, Sieglinde und der Junge am Schwert, das im Flügel steckt. Der Rest ist konventionell: Sieglinde würzt Hundings Gutenachtdrink etwas nach. Siegmund findet sich alleine auf der Bühne wieder, steigt auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt abermals unklar, aber wirkt irgendwie dynamisch). Sieglinde kommt im roten Hausmantel zurück, um Siegmund zu berichten, dass da ein Schwert ist – das wissen aber bereits alle, die Handelnden ebenso wie das Publikum. Hier wie auch später zieht Herheim immer wieder Blicke oder Erkenntnisse vor und entwertet damit das von Wagner gesetzte ‚Timing‘ und die enthaltenen Spannungsbögen. Sieglinde stürzt sich Siegmund in die Arme, während Hunding schläft und während ein paar Koffer durch die Gegend purzeln und einen Weg nach draußen freimachen. Auf einer weißen Plane (es sieht wirklich schön aus, als sie entfaltet wird) werden erst eine grüne Naturprojektion im Stile von Herheims Bayreuther Karfreitagszauber und dann der Wonnemond selbst gezeigt.

Der packendste, aber wohl auch der umstrittenste Moment des ersten Aufzugs war kurz vor Ende zu sehen: Nach Siegmunds „Ich fass‘ es nun“ moduliert die Musik fast in jedem Takt, es ist keine feste Tonart mehr auszumachen, das Liebesentsagungsmotiv ertönt (bei Donald Runnicles mit interessanten Crescendi in den Tuben), musikalisch läuft alles auf den Moment zu, in dem Siegmund das Schwert aus der Esche bzw. dem Konzertflügel ziehen wird. Was macht eigentlich Sieglinde (meist steht oder kniet sie etwas seitlich, um ihrem Partner die Bühne zu lassen)? Sieglinde nimmt bei Stefan Herheim das Messer, hält ihrem Sohn die Augen zu, bringt es aber erst nach mehreren Anläufen fertig, dem eigenen Kind (genau zum C-Dur des ‚schneidenden Stahls‘) die Kehle durchzuschneiden. Sieglinde strahlt Siegmund an, der das Schwert herausgezogen hat und dies alles nicht weiter kommentiert, sondern den toten Jungen mit Sieglindes rotem Hausmantel zudeckt. Wieso erstaunt Siegmund diese blanke Aggression nicht? Und wozu eigentlich das Schwert, wo Sieglinde doch aus Hundings Schlafgemach ein Gewehr mitgebracht und außerdem das Messer des Jungen in Händen hält? Und wenn Sieglinde schon so aggressiv sein kann, warum wird dann nicht Hunding im Schlaf erledigt? Fricka hätte niemanden gehabt, der im zweiten Akt fromm für sie hätte streiten können. Dass Siegmund das Schwert nun aus dem Flügel ziehen kann, ist ebenfalls erstaunlich; es mag sein, dass Wotan hier seine Finger im Spiel hat und Siegmund von sich aus gar nicht dazu in der Lage wäre. Der Schluss des ersten Aktes gerät dann etwas peinlich (nicht zum ersten Mal, Wagner wird hier gar zu deutlich): Siegmund balanciert zu „So blühe denn Wälsungenblut“ hüpfend auf einem Bein, während er versucht, möglichst schnell aus seiner Hose zu kommen, um sich dann auf dem Flügel über Sieglinde herzumachen (Lise Davidsen kennt das bereits von ihrem Bayreuthdebüt als Elisabeth im Tannhäuser 2019).

Die Walküre – hier – Brandon Jovanovich is Siegmund
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In diesem ersten Akt ist die Personenführung recht genau. Das hinzuerfundene behinderte Kind zieht natürlich erhebliche Aufmerksamkeit auf sich, durchaus nicht ohne Ermüdungserscheinungen des Publikums, denn dieses Kind hat kein großes Handlungsrepertoire. Da das Kind nun einmal da ist, muss Herheim zu ihm aber auch eine Geschichte erzählen, und dass diese letztlich auf seine Ermordung durch Sieglinde zuläuft, lässt sich dramaturgisch und musikalisch kaum rechtfertigen. Wir wissen nach diesem ersten Aufzug nicht, was das eigentlich für Leute sind, zu welcher Zeit sie leben, außer dass die Dosencola und Supermarktwhisky im Hause haben und Koffer aus etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts als Hausmauer haben. Das Orchester trägt zunächst auch nicht viel zum Spannungsaufbau bei, zu gedehnt sind die Tempi, die Donald Runnicles anschlägt, und man merkt dem Orchester an, dass es über ein halbes Jahr lang nicht zusammengespielt hat. Ein zunächst durchwachsener Eindruck also, wäre da nicht Lise Davidsens Sieglinde mit einer Stimme wie die junge Astrid Varnay – ungemein durchschlagskräftig, quer durch alle Lagen differenziert und textverständlich und in ihrer schieren Größe dem Haus an der Bismarckstraße vollkommen angemessen. Brandon Jovanovich begann die Partie des Siegmund sehr baritonal und kam im Laufe des Abends zunehmend in Fahrt. Die ‚großen‘ Töne sang er zuverlässig an, die Zwischentöne und kurzen Noten waren oft, aber nicht immer gut zu hören. Andrew Harris zeichnete Hunding direkt mit einer eigentlich sehr kultivierten Führung der Stimme, doch stets auch stefan herheim, mit drohendem Unterton. Auf der Bühne wirkt er nicht so mächtig wie einst Matti Salminen, aber Hunding muss auch nicht aussehen wie Bud Spencer, um Siegmund überlegen zu sein.

Der Kofferhalbkreis ist optisch sehr dominant und als Metapher für die im Ring des Nibelungen immer wieder thematisierte Flucht (wie es das Programmheft darlegt) gedacht, vor allem hat er aber das Verdienst, sehr sängerfreundlich zu sein. In der Tat, und das hat Stefan Herheim sehr treffend beobachtet, sind die ersten beiden Teile des Ring voller Fluchtgeschichten und -motive: im Rheingold fliehen, wenn man will, die Rheintöchter vor Alberich und dann Alberich vor den Rheintöchtern, vor allem dann Freia vor den Riesen, die Nibelungen und Mime vor Alberich, in der Walküre dann Siegmund vor den Verfolgern, dann Siegmund und Sieglinde, später Brünnhilde und Sieglinde, dann Sieglinde allein, als sich Brünnhilde Wotans Rache bietet. Es wird spannend sein zu sehen, ob dieses Motiv auch in den verbleibenden beiden Teilen der Tetralogie auf der Bühne eine Rolle spielen wird, denn Siegfried flieht nun einmal nicht, ganz im Gegenteil.

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre - hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre – hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

Auch der zweite Aufzug beginnt zunächst ohne Musik: Im Souffleurkasten rumort es, Wotan steigt heraus (gegen Ende des Rheingolds ist er wohl über den Souffleurkasten in die Unterbühne zu Erda hinabgestiegen, so das Programmheft). Wotan ordnet gut gelaunt seine Hose, er hat auch die Noten zu Die Walküre dabei (inzwischen auch schon oft gesehen zuletzt 2019 im Bayreuther Tannhäuser von Tobias Kratzer), setzt sich an den Flügel und klimpert, während das Orchester einsetzt. Auf dem Flügel liegen noch Siegmund und Sieglinde, der er das Schwert in die Hand drückt. Hunding tritt mit Gefolge auf und beugt sich über seinen toten Sohn. Hunding und sein Gefolge kämpfen jetzt schon (im Einklang mit der Musik) mit Siegmund, allerdings – wozu dann noch der zweite Aufzug?

Brünnhilde sieht aus wie eine Karikatur, eine Klischee-Walküre mit Brustpanzer über weißem Nachthemd und mit Flügelhelm (die Kostüme entwarf Uta Heiseke), dazu Vokuhilaperücke in Wälsungenblond (das war bereits bei Götz Friedrich so). Nina Stemme kommt aus dem Kellergeschoß des Flügels hochgefahren und singt ihren kurzen ersten Auftritt ohne Schwierigkeit. Von links und rechts kommen die anderen Walküren in etwas abgerissener Kleidung hinzu, turnen etwas mit ihren Speeren herum und entsorgen Sieglindes und Hundings totes Kind. Fricka nimmt natürlich auch den Fahrstuhl, wie alle Lichtalben ist auch sie in Weiß, mit ebenfalls weißem Koffer und weißer Widderkappe auf dem Kopf, allerdings mit giftigem Knusperhexengesicht. Weil der Streit eine ernste Angelegenheit ist, verliert Fricka zwischendurch ihren Mantel und trägt darunter das gleiche Nachthemd wie alle Damensoli des Abends. Annika Schlicht bietet einen ganz großen Auftritt, textverständlich, intonationssicher und überaus souverän. Schade nur, dass sie in dieser Inszenierung eine recht eindimensionale Giftspritze mimen muss. John Lundgren agiert als Wotan etwas schmierig (spätestens seit Frank Castorf ist dieser Charakterzug bei Wotan bestens bekannt).

Die Walküre – hier – John Lundgren ist Wotan
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Anders als in anderen Inszenierungen erfahren wir aber nichts darüber, wie das persönliche Verhältnis von Fricka zu Wotan und umgekehrt eigentlich ist. Zu „Entzieh‘ ihm den Zauber“ setzt sich Fricka an den Flügel und klimpert dann den Walkürenritt, während Brünnhilde sich von rechts einen Weg durch die Koffer bahnt. Unvergesslich, wie frühere Brünnhilden (damals Namen wie Gwyneth Jones, Janis Martin, Hildegard Behrens, Evelyn Herlitzius) in der Vorgängerinszenierung zu dieser Stelle jauchzend durch den Zeittunnel gestürmt sind… Mit Fricka sind nach und nach ca. 30 Statisten (Männer, Frauen, Kinder, alle Altersstufen) aufgetreten, kostümiert wie in einem Trümmerfilm der Nachkriegszeit oder auch wie im dritten Akt von Herheims eigenem Bayreuther Parsifal, anscheinend auf der Flucht, zumindest unterwegs, jedenfalls nehmen sie sich dann erstaunlich viel Zeit, um Wotan, Fricka und Brünnhilde zuzuhören. Als Wotan seiner Tochter offenbaren will, was ihn antreibt, lässt er die Statisterie etwas auf Abstand gehen. Wotans Monolog verläuft dann eigentlich so wie immer: Wotan sitzt, Brünnhilde kniet.

Zu „Nur eines will ich noch: das Ende“ ging bei Götz Friedrich das Licht auf der Bühne aus, Wotan (damals Sängerpersönlichkeiten wie Simon Estes oder Robert Hale) stand in seiner Verzweiflung völlig alleine auf der 30 Meter tiefen Riesenbühne, reduziert auf einen Lichtkegel, umgeben von Finsternis, im Grauen der Selbsterkenntnis auf sich allein geworfen. Bei Herheim geht zu diesen Worten das Saallicht an – und bleibt dann bis zu Brünnhildes Todverkündigung erst einmal brennen. Das hat Herheim schon bei seinem Bayreuther Parsifal gemacht, was damals Uwe Eric Laufenberg so gut gefallen haben muss, dass er diesen Trick 1:1 kopiert hat (Bayreuth 2016). Dort war es allerdings auch schlüssiger und kürzer. Hier sieht man minutenlang ein aufgrund der bekannten Maßnahmen sehr reduziertes und diszipliniert Maske tragendes Publikum, das sich hoffentlich eben nicht kollektiv das Ende dieser Vorstellung herbeiwünscht.

Siegmund und Sieglinde treten auf; mit Sieglindes letzten Worten („Siegmund, ha!“) sinkt sie zusammen; Brünnhilde war die ganze Zeit auf der Bühne und hat die beiden beobachtet. Wenn Siegmund und Sieglinde sich küssen, wird es Brünnhilde ganz heiß im Unterleib (alles nicht ganz einfach, wenn man Panzer trägt). Sieglinde sieht den Schild der Walküre (erst lachende, dann weinende Maske, gab es das nicht schon bei Willy Decker in Dresden?), erschrickt. Als sie schläft, erblickt Siegmund die Walküre und mustert sie minutenlang, bevor es „Siegmund, sieh auf mich!“ heißt – wieder nimmt Herheim eine Bühnenhandlung vorweg und muss dann mit einem unsinnig gewordenen Text auskommen.

Die tieftraurige Todverkündigung, Auslöser für den Wendepunkt der ganzen Tetralogie, war dennoch der Höhepunkt des Abends. Brünnhilde hat ein Leichentuch dabei, mit dem Siegmund flirtet (seit Patrice Chéreau ein beeindruckender Effekt, auch schon von Götz Friedrich und anderen kopiert), inzwischen werden vier große Kofferberge hochgezogen (die sehen aber eher aus wie große Luftballons, sie erinnern etwas an den Tannhäuser von Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin, der ebenfalls mit der Höhe spielte), ohne dass die Bühne dadurch bedeutend verändert würde. Nina Stemme sang beeindruckend und konnte hier zeigen, dass sie nicht nur die Spitzentöne, sondern auch die tiefe Lage mit großer Sicherheit beherrscht. Das Orchester hatte nun endlich auch zu einem echten Zusammenspiel gefunden mit schönen Harfen, scharfen Dissonanzen der Bläser und dramatischen Einsätzen auf den Punkt.

Der Rest des Aktes geriet dann wieder recht konventionell bis wenig überzeugend – Wotan setzt sich zum Kampf mit den Noten an den Flügel, Sieglinde hat von Siegmund die Augen verbunden bekommen (wie das Kind in Madama Butterfly) und sieht nicht, was geschieht, Hunding erscheint mit Gefolge (das Chéreau und Friedrich auch hatten, aber nur im ersten Akt gezeigt haben), und weil ihm Siegmund einen Koffer zuwirft, verliert Hunding kurz vor dem Kampf sein Gewehr. Dieser wirklich läppische Regieeinfall wird auch dadurch nicht besser, dass Hundings Gefolge durchaus mit Gewehren bewaffnet ist, ihm aber keines zu reichen vermag. Beim Kampf zwischen Hunding und Siegmund qualmt es Bühnendampf wie in alten Zeiten. Brünnhilde kommt mit dem Flügelfahrstuhl aus der Unterbühne, Wotan lässt Siegmunds Schwert tatsächlich zerspringen, Hunding erschlägt Siegmund erst mit einer Art Baseballschläger (wie in Castorfs Götterdämmerung) und erledigt den Rest dann mit Brünnhildes Speer, denn die hat Sieglinde schon per Konzertflügel mit in den Keller genommen. Anrührend ist, wie Siegmund sich im Todeskampf in die Richtung von Sieglindes rotem Hausmantel schleppt, dort aber nicht mehr ankommt. Hunding stirbt, weil Wotan „Geh!“ sagt, und unfreiwillig komisch ist es, wenn Hundings Gefolge dann einer nach dem anderen auf Wotans Wink eine Platzpatrone in die Luft feuert und tot umfällt. Man hat schon effektvollere Statistenentsorgungen gesehen!

Wir wissen nach zwei Aufzügen eigentlich immer noch nicht, was das für Leute sind, in welcher Zeit, welchem Raum und welcher Gedankenwelt sie leben. Ob das nachzuholende Rheingold hier wirklich Klarheit schaffen wird? Soll das alles nur ironisch sein, weil es im Halbfertigen eines Theaters auf dem Theater verharrt? Ist Wotan nun ein Gott oder nur ein etwas öliger Klavierspieler? Wotan schaut recht teilnahmslos zu, wie sein Sohn (und im ersten Akt auch sein bislang einziger Enkel) getötet werden, wie er insgesamt emotionslos erscheint. Betrifft das, was wir erlebt haben, nur die Statisterie und das Publikum der Deutschen Oper, oder geht es um essentielle Weltprobleme? Warum müssen Siegmund und Hunding wirklich sterben? Dass Leute aus dem Klavier gekrochen kommen, sieht man derzeit in Bayreuth bei Barrie Koskys Meistersinger von Nürnberg, wo sie es allerdings nur während weniger Augenblicke im ersten Akt tun – und auch dort ist der Gag schnell verraucht. Nach dem zweiten Aufzug gab es Buhrufe, die wohl der Regie galten, und viele Bravos für das Sängerensemble.

Die Walküre – hier – Nina Stemme ist Brünnhilde
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Zum dritten Aufzug erwartet man wie zuvor ein stummes Vorspiel auf dem Theater und ist dann umso überraschter, als bei eingeschaltetem Saallicht der Vorhang aufgeht. Da stehen die acht Walküren, blättern in den Noten, die auf dem Flügel aufgeschlagen liegen (das Bühnenbild hat sich nicht verändert), vor allem schwatzen sie mit den Kollegen von der Statisterie, die jetzt die toten Helden mimen sollen. Auf einmal setzt die Musik ein (die Walküren schwatzen noch etwas weiter, das irritierte Publikum teilweise auch), dann begeben sich alle rasch auf Position – die Walküren greifen zu Helm und Speer, wie sich das gehört, und die toten Helden stellen sich halt tot. Es wird viel mit den Speeren gefuchtelt, die einzelnen Texte der Walküren sind in dieser Umsetzung natürlich noch sinnloser als sonst, zumal alle bereits vor Ort sind. Die Walküren werfen ausgelassen mit stilisierten Heldenpuppen (das gab es in dieser Art auch schon in Freiburg in der Inszenierung Frank Hilbrichs zu sehen, dort allerdings interpretatorisch zu Ende gedacht). Über dem Bühnengeschehen geht fast verloren, dass dieses Stück im Orchester sehr effektvoll gespeilt und dass vom gesamten Walkürenensemble ganz exquisit gesungen wird.

Die toten Helden ihrerseits sind ziemlich untot und machen sich an die Walküren heran. Unter ihnen sind auch der Sohn Hundings und Sieglindes (war bei Sieglindes Mord denn eine Walküre im Spiel?) und, etwas im Hintergrund, der tote Siegmund selbst, der allerdings genauso agiert wie alle anderen Zombies und keine Reaktion zeigt, als Sieglinde auftritt – der Sohn hingegen schon. Der untote Sohn bedroht wie schon im ersten Aufzug seine Mutter mit dem Messer, und wie im ersten Aufzug weicht er auf ihr Zeichen stets zurück, aber was er in dieser Gesellschaft zu suchen hat, bleibt diffus. So sind neun Tote auf der Bühne, dazu neun Walküren und Sieglinde – es geht nicht auf, weder gedanklich noch mathematisch im Zahlenraum bis zehn. Da neun Herren auf der Bühne sind, muss wohl eine der Walküren noch jemand für Brünnhilde mitgenommen haben (wohl Siegmund, denn für den wäre sie zuständig gewesen). Ein kleiner Regieeinfall also mit vielen ungelösten Fragen dahinter, unnötig und inkonsequent.

Brünnhilde und Sieglinde fliehen nicht, das wäre auch nicht sinnvoll, denn Wotan steht schon längst auf der Bühne und schaut grimmig der ganzen Szene zu – auch diese abermalige Vorverlegung eines Auftritts in Einfall von zweifelhaftem Wert. Allenfalls mag Wotans Präsenz unterstreichen, dass Sieglinde ohne Wotans stillschweigende Duldung diesen Aufzug wohl kaum überleben würde. Sieglinde, schwanger von Siegmund und von der Aussicht auf Rettung beflügelt, singt „oh hehrstes Wunder“, von Brünnhilde lustvoll am Klavier begleitet (ans Klavier dürfen wohl nur Lichtalben, und Brünnhilde spielt weniger Klavier als Wotan und Fricka). Wer hier Lise Davidsen gehört hat, mag nur noch an künftige Isolden und Brünnhilden denken und ist glücklich, dass es solche Stimmen gibt. Dass Sieglinde vor sehr kurzer Zeit bei Stefan Herheim noch ein anderes eigenes Kind getötet hat, wäre hier vielleicht zu thematisieren, aber genau hier setzt die Auseinandersetzung mit diesem Regieeinfall aus, der nämlich nach vorne rechts abgeht und verschwunden bleibt. Solange die Walküren auf der Bühne sind, haben mal sie, mal die toten Helden die Speere in der Hand, dabei stets von Wotan per Handzeichen dirigiert, und irgendwann haben die toten Helden dann solche Lust auf ihre Wunschmädchen, dass sie sich gegen deren Wunsch auf sie stürzen, bis diese dann endlich im Nachthemd abgehen dürfen (die Herren der Statisterie räumen derweil liegengebliebene Kostümteile und Requisite zusammen, vielen Dank).

Die Walküre – geniesst hier mit IOCO die Premiere der Walküre
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Der Dialog Wotans und Brünnhildes bleibt dann wieder konventionell: Wotan steht, Brünnhilde kniet oder sitzt. Die Statisten mit den Trümmerfilmgesichtern kommen wieder dazu, um mit viel Geduld den ganz entscheidenden Argumenten zu lauschen, die Nina Stemme in mustergültiger Diktion quer durch alle Lagen textverständlich darlegt, während John Lundgren nun auch zu einer klaren Deklamation gefunden hat und sich in seiner Abschiedsszene noch einmal steigert. Zum ‚Feuerzauber‘ wird ein Tuch geschwenkt, ein bisschen Projektion, das war’s. Die gezackten weißen Laken, auf die das Feuer projiziert wird, nehmen übrigens die Zeichnung von Böcklins Toteninsel noch einmal auf. Wotan fährt auf einer Art Kran einmal nach oben (wie bei La Fura dels Baus 2007 in Valencia) und wieder abwärts, dann noch einmal auf die Höhe des geöffneten Konzertflügeldeckels, und in dem sehen wir zu grandiosen Musik Sieglinde im Kindbett, assistiert von einem Männlein (Mime?) im Wagner-Outfit mit Samtbarett und großer Hakennase. Als das Kindlein da ist, wird die Nabelschnur mit Nothungs Trümmern durchschnitten, dann nimmt der Mann Sieglinde das Kind weg, und erst da stirbt sie (warum und woran eigentlich?). Wotan sieht, was Sieglinde widerfährt, es scheint ihn aber auch nicht hier sonderlich zu berühren. Was er daraus macht – da müssen wir bis zur Premiere des Siegfried Geduld haben. Stefan Herheim scheint eine Neigung zu Livegeburten in Instrumentalpassagen zu haben, in seinem Bayreuther Parsifal sah man im Vorspiel Herzeleide zu As-Dur und c-Moll niederkommen, damals assistiert von Gurnemanz. Plastikbabys oder -föten in der Schlussszene gab es auch schon in der Lohengrindeutung (dem manchmal so genannten „Rattengrin“) von Hans Neuenfels zu sehen (Bayreuth 2010).

Die Antike kannte die literarische Gattung des Cento – ein Gedicht, bestehend aus Versatzstücken anderer Gedichte, ein Neuarrangement von Bekanntem zu Neuem also. Was Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin zeigt, ist ein Amalgam aus guten oder weniger guten Einfällen, die meist anderswo auch schon zu sehen waren. Das noch ausstehende Rheingold wird vielleicht erklären, wozu man Koffer auf der Bühne braucht (und warum diese teilweise in die Luft schweben können). Was diese Walküre nicht zeigt, ist das Verhältnis der Figuren untereinander, die existenziellen Konflikte, die man eigentlich nur Sieglinde im ersten Akt abnimmt, was natürlich auch der phänomenalen Leistung der Lise Davidsen geschuldet ist. Was Wotan damit zu tun hat, warum sich Fricka einmischt, was dieses Walhall genau ist, der Konflikt von Macht und Liebe, die ungeheure Tragik, die am Ende den Tod des Liebespaars Siegmund und Sieglinde, das Ende der innigen Beziehung von Wotan und Brünnhilde und ihr Abschied auf immer, wohl auch das Ende der Kommunikation zwischen Wotan und Fricka und für Wotan das Ende aller Pläne, Träume und Visionen bedeutet – das endet in seichter, billiger Ironie. Dass Wagner das Stück in der Liebestonart E-Dur enden lässt, verpufft auf der Bühne wie vieles andere auch. Ob diese Inszenierung wie ihre Vorgängerin über 30 Jahre hinweg vor stets ausverkauftem Haus zu sehen sein wird, erscheint nach diesem Einstand doch höchst fraglich.

Die Walküre an der Deutsche Oper Berlin; die weiteren Termine 11.10.; 13.11.; 15.11.2020 und mehr

 

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Chemnitz, Theater Chemnitz, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.01.2020

Januar 28, 2020 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Lohengrin –  Richard Wagner

– Mit Lohengrin auf dem Rummelplatz –

von Thomas Thielemann

Nach der Fertigstellung der Partitur des Tannhäuser reiste der Königlich Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau Minna, Hund und Kanarienvogel am 3. Juli 1845 von Dresden zu einem Kuraufenthalt ins Böhmische nach Marienbad. Kreative Unruhe behinderten die Bäder sowie Brunnenkuren und brachte frühere noch ruhende Projekte zur Geltung. Ein noch unklares Konzept  zum Schwanenritter-Motiv des Wolframs von Eschenbach geisterte seit dem Pariser Aufenthalt in seinem Kopf. So begann er, parallel zur Arbeit an einem Meistersinger-Spektakel, die Prosafassung der Lohengrin-Szenen auszuführen. Ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten verschob er Figuren sowie Fürstentümer in Zeit und Raum, bis er „die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit einer Dauer derselben“ wirkungsvoll  gestaltet hatte.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Nach Dresden zurückgekehrt, las er am 17. November 1845 im Restaurant Engel den Mitgliedern des Montagsklubs, dem u.a. auch Robert Schumann, Adam Hiller und Gottfried Semper angehörten, die Dichtung vor. Bei allem Lob der Freunde für die Dichtung, bezweifelte aber vor allem Schumann, dass Wagner zum Text eine Musik komponieren könne. Wagner aber, gewohnt auf seine Inspirationen zu warten, nutzte einen Urlaubsaufenthalt vom 15. Mai bis zum 30. Juli 1846 im Schäfer´schen Gut des Dorfes Graupa, um die Umrisse der Kompositionsskizze niederzuschreiben. Wagner wanderte oft in der Umgebung, schwamm in der Elbe und ließ sich vom Vogelgezwitscher sowie anderen Geräuschen seiner Umgebung inspirieren.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Das Dorf Graupa ist inzwischen ein Ortsteil von Pirna. Im Schloss von Graupa befindet sich eine sehenswerte Wagnergedenkstätte mit einem interessanten Museum. Das Gut steht dem interessierten Wagner-Freund offen. Auch befindet sich im nahen Liebethaler Grund, einem der damaligen Wanderziele des Komponisten, ein Wagner-Denkmal mit einer Höhe von 12,5 Meter; siehe Foto.

Das Auskomponieren des Werkes wurde mehrfach unterbrochen, denn Wagner war kein Eilfertigkeitsapostel. Weil ihn andere Projekte ablenkten, aber auch die Tagesaufgaben als Hofkapellmeister forderten und er sich zunehmend auch politisch betätigte, zog sich die Arbeit lange hin. Somit konnte er erst am 28. April 1848 die Niederschrift der Lohengrin-Partitur abschließen.

Seit wir am 19. Mai 2016 in der Semperoper die legendäre Lohengrin-Aufführung in der fast konservativen Mielitz-Inszenierung von 1983 mit Georg Zeppenfeld, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Evelyn Herlitzius, Tomasz Konieczny, der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann erleben durften, besuchen wir jede Vorstellung der von uns sehr geliebten Wagner-Oper mit etwas gemischten Gefühlen. Dieses, mein Problem, konnte auch die musikalisch hervorragende Bayreuther Lohengrin-Premiere am 25. Juli 2018 nicht kompensieren.

Auf der Drehbühne des Theater Chemnitz war von Sebastian Ellrich und seinen Handwerkern dem Regieteam von Joan Anton Rechi eine gewaltige Achterbahn aufgebaut worden. Rechi, 1968 im Fürstentum Andorra geboren arbeitet seit 2011 mit dem aus Magdeburg stammenden Ellrich (Jahrgang 1984) zusammen.

Nun war Richard Wagner ohnehin nicht pingelig, wenn es um die Verschiebung historischer Gegebenheiten in Zeit und Raum ging. Und so muss er sich gefallen lassen, dass die Dramaturgin Carla Neppl seine Texte und seine Musik nutzt, um die sozialen und zwischenmenschlichen Probleme eines ansonsten wenig beachteten Kokons der Rummelplatzbetreiber zu thematisieren, damit aber auch gleichzeitig zu verallgemeinern. Das Theater Chemnitz bildete aus seinen Opernchören, einem Kinderchor und Gastsängern weiterer Chöre sowie der Statisterie eine beeindruckende Menschengruppe gebildet. Die Kostümbildnerin Mercè Paloma hatte die Gruppe mit Kleidung aus allen Bevölkerungsschichten ausgestattet.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Mit ausgezeichnetem Gesang und guten darstellerischen Leistungen übernahm die Gruppe eine tragende Rolle in den ersten beiden Aufzügen. Nach ihrer Klassenzugehörigkeit agierten sie mit den Solisten und machten den ersten Akt mit dem sich ständig bewegenden Achterbahn-Vehikel zu einem kurzweiligen Spektakel. Besonders gefiel mir, dass beim Gottesgerichts-Streit der Kampfplatz weggedreht war und man Chormitglieder vom Gerüst, gleichsam wie beim Fußball des Chemnitzer SC, die Kämpfer anfeuerten. Spielstätte des zweiten Aktes war die Unterkunft der Betreiber der Rummelplatzattraktionen. Die Aktionen passten aber über weite Strecken in herkömmliche Inszenierungen, auch wenn die Liegestützaktionen und die Weitergabe eines Befehls des Königs per Smartphone konservative Besucher irritierten. Das löste sich erst auf, als der Schwan wieder auf der Bühne erschien und Telramund vier depressive Rentner von einer Gartenbank aufjagte. Diese vier „Edlen von Brabant“ teilten den Chor in aktive Pro- und Contra-Gruppen, die ihrerseits die Handlung vorantrieben.

Der dritte Aufzug bot trotz interessanter Personenführung wenig Neues. Erst als klar war, dass Ortruds Fluch eine Rückkehr des Bruders der Elsa ausschloss, wurde die Inszenierung richtig zeitgemäß: Lohengrin überreichte seiner Gattin die Macht-Insignien Brabants und ernannte sie zum Herzog. Die Achtung vor Wagners Text ließ leider die aktuelle Sprachgestaltun „zur Herzogin“ nicht zu.

Das musikalische Gerüst des Abends lieferte die Robert-Schumann-Philharmonie mit der musikalischen Leitung des bekennenden Wagnerianer Guillermo Garcia Calvo. Dabei erwies sich Calvo als zuverlässiger Partner des Regiekonzepts Rechis. Calvo ließ sich Zeit, jagte weder seine Musiker noch die Sänger durch die Partitur, baute damit aber durchaus auch Spannungen auf, leitete aber nicht immer sängerfreundlich. Neben einer guten Orchesterleistung der Robert-Schumann-Philharmonie begeisterten hörenswerte Gesangsleitungen mit ordentlichen Textverständlichkeiten.

Den Lohengrin verkörperte Mirko Roschkowski als einen ziemlich kalten, unsensiblen und weltlichen Partner der Elsa von Cornelia Ptassek. Stimmlich gut ausgestattet, besticht seine Bühnenpräsenz. Aber egal, wie sich Elsa verzweifelt mühte, er gab ihr keinen Halt.

Mit Cornelia Ptassek stand Rechi mit ihrem klangschön, kraftvoll geführtem Sopran eine ordentliche Elsa von Brabant zur Verfügung. Mädchenhaft, opulent bühnenpräsent und stolz agierte sie in den ersten beiden Akten. Ebenso überzeugend entwickelte sich ihre Verzweiflung zum Ende des dritten Aktes hin.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Aber so sehr ich die Charaktere von Elsa und Lohengrin liebe, meine Lieblingscharaktere der Oper bleiben deren Antagonisten Ortrud und Telramund. Stéphanie Müther, am Haus als Brünnhilde bereits bestens eingeführt, war mit ihrem wilden Hass in jeder Geste und einer Stimme, die Zähne zeigte, eine schreckliche Gegnerin. Mit ihren ersten leisen Tönen im ersten Akt wird bereits deutlich, dass sie Elsa mit ihrem naiven Glauben keine Chance auf ein glänzendes Heldentum lässt. Mit ihrem finalen sich selbst entlarvenden Wutausbruch schuf sie vielleicht den sängerischen Höhepunkt des Abends.

Da war der Telramund  des Tschechischen Baritons Martin Bárta mit seiner noblen Stimme doch deutlich zurückhaltender, eher menschlich, aber von der Ortrud abhängig. Mit seiner ehrfurchtsvollen Auftrittsarie zurückhaltend lyrisch, beweist er, dass die Stimme in den Mittellagen durchaus zu umfangreichen Ausbrüchen fähig ist, so dass er den Ausfällen der Ortrud standhalten konnte. Warum er beim Schluss-Beifall so wenig bedacht worden war, hat sich mir nicht erschlossen.

Die der Wagner-Figur des König Heinrich zugedachten Episoden waren vom Haus-Bass Magnus Piontek mit ordentlicher Bühnenpräsenz und gut dosiertem Gesang geboten. Ebenso gut präsentierte sich Andreas Beinhauer als Heerrufer. Auch die vier als brabantische Edle ausgeschrieben Rollen waren mit dem kristallklaren Tenor Florian Sivers, dem leichten Haus-Tenor Till von Orlowski, dem zupackend profund dem Bass André Eckert und leichteren Bass Tommaso Randazzo  recht opulent besetzt.

Ordentliche Ovationen und die unvermeidlichen vereinzelten Buhrufe feierten Regieteam und die Bühnenbesatzung. Damit wird die Rechi-Inszenierung ihren Platz im interessanten Repertoire der Oper Chemnitz einnehmen.

—| IOCO KritikTheater Chemnitz |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Götterdämmerung, 27.10.2018

September 17, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Neuinszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“
Premiere „Götterdämmerung“ am 27. Oktober in Düsseldorf

An der Deutschen Oper am Rhein steht die Neuproduktion von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ vor dem Abschluss: Generalmusikdirektor Axel Kober und der Regisseur Dietrich W. Hilsdorf setzen ihre Arbeit mit der „Götterdämmerung“ fort. Am Samstag, 27. Oktober, um 17.00 Uhr ist Premiere im Opernhaus Düsseldorf.

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung -Linda Watson © Max Brunnert

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung -Linda Watson © Max Brunnert

Erdas Töchter, die Nornen, erinnern an die verhängnisvollen Taten der vergangenen Zeit: Das Geflecht aus Macht, Gier, Schuld und Verbrechen hat sich in einer Art gordischem Knoten verfangen. Die Götter sind entmachtet, doch Alberich verfolgt seinen Plan: Er flüstert seinem Sohn Hagen ein, Siegfried zu töten und den Ring zurückzugewinnen. Hagen gelingt es, Siegfrieds Vertrauen zu gewinnen, um ihn schließlich zu ermorden. In Siegfrieds Verführbarkeit zeigt sich erneut die verheerende Wirkung des Nibelungenringes. Erst als Brünnhilde ihn den Rheintöchtern zurückgibt, scheint der Fluch gebannt.

Nach seinem gefeierten Debüt als Siegfried verfängt sich Michael Weinius nun als tragischer Held in den Racheplänen Alberichs (Michael Kraus). Als weltweit gefragte Wagner-Interpreten und Mitglieder des hauseigenen Ensembles sind Linda Watson und Hans-Peter König als Brünnhilde und Hagen zu erleben. Bogdan Baciu debütiert als Gunther, Sylvia Hamvasi als Gutrune, Katarzyna Kuncio als Waltraute. Ihre finalen Kämpfe und Intrigen spielen sich am und auf dem Rhein ab, der als mythologischer Ort auch im Bühnenbild von Dieter Richter präsent ist. In einer Art Endspiel vollzieht sich hier der Untergang der alten Welt.

Dritter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ 
Text vom Komponisten
In deutscher Sprache mit Übertiteln
Dauer: ca. 5 ½ Stunden, zwei Pausen
 
MUSIKALISCHE LEITUNG : Axel Kober
INSZENIERUNG : Dietrich W. Hilsdorf
BÜHNE : Dieter Richter
KOSTÜME : Renate Schmitzer
LICHT : Volker Weinhart
CHORLEITUNG : Gerhard Michalski
DRAMATURGIE : Bernhard F. Loges
SIEGFRIED : Michael Weinius / Corby Welch
GUNTHER:  Bogdan Baciu / Richard Šveda
ALBERICH : Michael Kraus / Stefan Heidemann
HAGEN : Hans-Peter König / Sami Luttinen
BRÜNNHILDE : Linda Watson / Heike Wessels
GUTRUNE : Sylvia Hamvasi / Anke Krabbe
WALTRAUTE : Katarzyna Kuncio / Sarah Ferede
1. NORN : Susan Maclean / Renée Morloc
2. NORN : Sarah Ferede / Annika Schlicht
3. NORN : Morenike Fadayomi / Barno Ismatullaeva
WOGLINDE : Anke Krabbe / Heidi Elisabeth Meier
WELLGUNDE : Kimberley Boettger-Soller
FLOSSHILD : Ramona Zaharia / Anna Harvey
CHOR : Chor der Deutschen Oper am Rhein
ORCHESTER : Düsseldorfer Symphoniker / Duisburger Philharmoniker

„Götterdämmerung“ im Opernhaus Düsseldorf: Sa 27.10. – 17 Uhr (Premiere), Do 01.11. – 17 Uhr,

So 18.11. – 17 Uhr, So 25.11. – 17 Uhr, So 02.12. – 15.00 Uhr, So 23.06. – 17 Uhr

„Götterdämmerung“ im Theater Duisburg (neue Besetzung): So 05.05. – 17 Uhr (Premiere),

So 12.05. – 17 Uhr, So 02.06. – 17 Uhr

Vor der Premiere: : Opernwerkstatt vor der Premiere: Am Donnerstag, 18. Oktober, 18.00 Uhr, gibt die Dramaturgin Anna Grundmeier im Gespräch mit dem Produktionsteam Einblick in die „Götterdämmerung“. Anschließend besteht die Möglichkeit zum Probenbesuch. Der Eintritt ist frei.

Kaffeeklatsch mit Hilsdorf – das Büchercafé zum „Ring“ am Sonntag, 21. Oktober, um 15.00 Uhr im Parkettfoyer des Opernhauses: Kaffee, Kuchen und jede Menge Bücher – der Regisseur präsentiert seine Literaturschätze zum „Ring des Nibelungen“ und lässt sie auf unterhaltsame Weise den Besitzer wechseln. Der Eintritt ist frei.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Walküre von Richard Wagner, IOCO Kritik, 06.02.2018

Februar 6, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Walküre von Richard Wagner

  Regieclou:  Walküre überrascht mit listigem Wotan 

Von Hanns Butterhof

Man konnte gespannt sein, wie sich Der Ring des Nibelungen an der Düsseldorfer Rheinoper nach dem Rheingold – Vorabend entwickeln würde. Aber von einer Entwicklung war kaum etwas zu sehen, die im Rheingold prominent dem Feuerhalbgott Loge eingeräumte Rolle als listiger Strippenzieher und Geist des ewigen Werdens und Wandels verkümmert zu Herdfeuer und Kerzenlicht. Stattdessen wird nicht ohne Irritationen erzählt, wie ein noch listigerer Wotan seinen Plan scheitern lässt, mit Hilfe Siegmunds die Götter- und Menschenwelt zu retten, damit er mit Siegfried gelingt.

Dieter Richter hat für Die Walküre eine bunkerartige, düstere Einheitsbühne gebaut, die ihre dramaturgischen Tücken hat. Der große Esstisch auf der linken Bühnenseite lässt nur wenig Raum zum flackernden Herd auf der rechten Seite. Nach hinten hinaus, an der säulenartigen Esche vorbei bis zu der Reihe niedriger Fenster ist toter Raum, so dass sich das Geschehen mit der Tendenz zur Statik eines Kammerspiels familiär am Küchentisch ballt.

Kammerspiel am Küchentisch

Dietrich Hilsdorfs Regie mindert das dramatische Geschehen um immerhin die Weltrettung ins Unauffällige, Bürgerliche. Das beginnt schon mit der Ouvertüre, in der Hunding (Sami Luttinen) wie von der Jagd mit einem Gewehr bewaffnet nach Haus kommt. Er hängt seinen Mantel am Eschenstamm auf, wo ihm der Griff des Schwerts Nothung wie ein beliebiger Knauf als Garderobe dient. Seine routinierte Zärtlichkeit, die an einen aus dem Büro heimkehrenden Ehemann erinnert, stößt Sieglinde (Elisabet Strid ) widerwillig zurück, woraufhin sich Hunding ohne viel Aufhebens in sein Schlafzimmer zurückzieht. Das Schrecknis des Unglücks, das Sieglinde als Ehefrau in seinem Hause erleidet, wird so zum alltäglichen Schrecken bürgerlichen Ehelebens gemildert.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Hunding, den Sami Luttinen mit leicht orgelndem Bass gibt, ist kein böser, eher ein recht konventioneller Mensch. Mit dem vor ihm geflohenen, aber erstaunlicherweise nach ihm eintreffenden Siegmund (Corby Welch) setzt er sich, wenn auch das Gewehr stets griffbereit, an den Küchentisch, hört sich interessiert dessen Lebensgeschichte an und bietet ihm nicht nur Schutz für eine Nacht, sondern auch ein Glas Wein an.

Siegmund, der im langen, verdreckten und vom Kampf löchrigen Militärmantel (Kostüme: Renate Schmitzer) erst erschöpft am Herdfeuer nieder- und in Schlaf gesunken war, blüht angesichts der sich innig um ihn bemühenden Sieglinde und des Schwerts Nothung auf, das er ohne viel Mühe aus dem Stamm der Esche zieht. Jubelnd entdecken sie, dass sie Zwillinge sind und tauschen in kindlicher Unschuld ihre Kleider, bevor über ihre sündige Liebe schnell der Vorhang fällt.

Elisabet Strid ist als Sieglinde brilliant. Ihr kräftiger, jugendlich frischer Sopran ist auch in den Höhen unangestrengt und ungewöhnlich textverständlich. Ihr Spiel ist ausdrucksstark und fesselt gleichermaßen bei inniger Zärtlichkeit wie in aufloderndem Wahn. Auch Corby Welch überzeugt mit variablem, eher lyrischem als heldenhaft dramatischem Tenor, dem er darstellerisch als sehr umsorgend liebender, nicht ruppig-gewalttätiger Siegmund entspricht.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Der zweite Akt bringt dann mit einem von der Regie gesetzten Zeitsprung von sechs Monaten einen überraschenden Eingriff in den Ablauf der „Walküre“. Die Bühne ist nur wenig verändert, die Esche hat keine Krone, und von der Decke hängt unbewegt ein riesiger Ventilator herab. Die Fenster sind etwas höher geworden und das Feuer im Herd ist erloschen.

Der Zeitsprung ist ein Sprung aus der Realität, nur erklärlich als Blick in Wotans Gedanken von der Zukunft, die er sich während der Liebesnacht der Wälsungen macht: Am Tisch sitzen in trauter Eintracht Hunding, Siegmund und die schon sichtlich schwangere Sieglinde mit einigen Walküren. Man trinkt fröhlich, während der militärisch uniformierte Wotan (Simon Neal) in ausgelassener Stimmung auf dem Tisch tanzt. Er freut sich offensichtlich an dem werdenden Leben, fasst gerne auf Sieglindes deutlich gerundeten Bauch, in dem sich ihr Kind schon schmerzlich ungestüm zeigt. Der Walküre Brünnhilde (Linda Watson) erteilt er den Auftrag, Siegmund vor Hunding zu schützen, was wegen Nothung und der gegebenen Geselligkeit etwas überflüssig erscheint. Doch ihm vergeht gründlich das Lachen, als seine Gattin Fricka (Renée Morloc) hereinrauscht. Die würdevolle Matrone in festlich schwarzem Kleid durchkreuzt seine auf Siegmund gerichteten Hoffnungen und zwingt ihn als Hüterin der Ehe dazu, den inzestuösen Ehebrecher zu vernichten. Zerknirscht gibt Wotan klein bei und widerruft in einem spannungsreichen Disput mit der widerstrebenden Brünnhilde seinen Schutz-Befehl.

Im Orchester gewittert es gewaltig, als sich Wotan, der zwanghaft ordentlich Stühle und Gläser gerade rückt, als fremdbestimmt erfährt. Simon Neals variablem, schlanken Bariton stehen eindrucksvoll Schmerz, Wut oder Trauer zur Verfügung, dem Linda Watsons Brünnhilde berührend Zärtlichkeit und kraftvoll dramatische Widerständigkeit entgegensetzt.

Dass Hilsdorf den Akt sechs Monate nach dem Abend in Hundings Hütte spielen lässt, ist so irritierend wie die Familienkonstellation am Küchentisch. Vor allem wird anfangs nicht plausibel, wieso Sieglinde erst später durch Brünnhilde von ihrer Schwangerschaft erfährt. Wenn Hilsdorf diese Schwierigkeiten in Kauf nimmt, muss er einen schwerwiegenden Grund dafür haben. Der könnte darin bestehen, dass er so Raum für einen Wotan gewinnt, der weitsichtiger und noch durchtriebener ist als Loge. Wotan hatte bei seinen Planungen zur Weltrettung alles im Griff bis hin zum Inzest des Wälsungen-Paares. Und er weiß gewiss auch, dass Siegmund nicht der freie Held ist, den er braucht. So dürfte er auch Frickas Einwendungen gegen dessen Sieg über Hunding vorhergesehen, sogar eingeplant haben. Indem sein Plan mit Siegmund scheinbar scheitert, kommt er seinem Endziel ein Stück näher, ist doch erst der im Werden begriffenen Siegfried der Held, den er braucht. Da bekommt auch der Streit mit Brünnhilde, die seinem Befehl zuwider gehandelt hat, ihren Sinn. Was als Strafe erscheint, sie aus dem Kreis der Walküren auszustoßen und auf den flammenumloderten Felsen zu verdammen, erweist sich als kluge Vorsorge, sie für Siegfried aufzusparen, an dessen Werden und für dessen Wirken er vor Fricka und der Welt als nicht verantwortlich erscheint. Da dürfen die bunten Varieté-Lämpchen um den Bühnenrahmen einmal aufflammen, als würden sie dem Publikum zuzwinkern.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Das ist aufgeklärt und sinnig gedacht, irritiert aber die romantischen Erwartungen des Publikums erheblich, das dann mit dem Zeitsprung zurück in Hundings Hütte zurechtkommen muss. Dort setzt die Geschichte wieder ein, als Siegmund das Schwert erneut aus der Esche zieht und das Paar vor Hunding flieht. Recht gelassen ist dann Brünnhildes Gespräch mit Siegmund, das ihm den Tod verkündet. Hunding erschießt ihn ohne Zeichen von Grimm, eher weil das die Vollendung seiner Hilfe für die Stammesfreunde erfordert, konventionell zieht er vor dem Toten den Hut. Wenn Wotan ihn mit seiner letzten Geste verächtlich zu Boden streckt, trägt dies deutliche Züge von projiziertem Selbsthass des von Konventionen gebundenen Gottes. Derweil flieht die nun über ihre Schwangerschaft aufgeklärte Sieglinde mit Brünnhilde und den Trümmern Nothungs vor Wotans vermeintlicher Vernichtungswut.

Zwar ist zu Beginn des dritten Akts spektakulär das Rattern eines Hubschraubers über das Opernhaus zu hören, der sich dann abgestürzt und teilweise ausgebrannt im Kunstnebel auf der Bühne befindet, aber das Ende ist eher entspannt. Unter ausnehmend schönem Chorklang ihres Hojotaho führen die Walküren junge Männer in Militärhosen, nacktem Oberkörper und Hosenträgern zu Tisch, die außer kleineren Verwundungen wenig Heldenhaftes an sich haben. Mehr zur Lust mit ihren Helden geneigt als selber heldenhaft sind die Walküren, wenn sie der mit Sieglinde herbeijagenden Brünnhilde helfen sollen; keine wagt gegen Wotan aufzumucken. Nur Brünnhilde stellt sich seinem Zorn, auch um Sieglinde die Flucht zu decken, nachdem sie ihr noch die Trümmer von Nothung in die Hand gedrückt und ihr prophezeit hat, dass ihr Sohn das Schwert einst wieder schmieden wird. Und als diejenige, die Wotans tiefsten Willen weiß, weiß sie auch, dass dieser Sohn einst als Mann für sie bestimmt ist. Es ist Wotans Selbstgespräch mit ihr, in dem seine furchtbare Strafe so gestaltet wird, dass nur Siegfried als der von ihm gewünschte freie Held die Flammen durchdringt, in deren Schutz er sie einhüllt. Man sieht das Feuer vor den Fenster lodern, während Brünnhilde ruhig, wohl auf Siegfried wartend, am Küchentisch verbleibt.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Regie Dietrich Hildorfs ist nicht ohne Brüche und zielt selten auf den bloßen Effekt wie bei dem Hubschrauber. Meistens zeichnet er die Figuren differenziert und einfühlsam, vor allem zwischen Wotan und Brünnhilde entfaltet sich berührend ein reiches Gefühlsspektrum. Rätselhaftes wie schon im „Rheingold“ verwunderliche Übergaben der Erda-Perücken und vor allem der Zeitsprung im zweiten Akt irritieren, distanzieren bei aller Sinnhaftigkeit doch erheblich vom Geschehen und nagen an der Spannung, die sich um den Tisch herum sowieso nur mühsam entfaltet.

Axel Kober am Pult der Düsseldorfer Symphoniker trägt dem Regiekonzept weitgehend Rechnung. Er vermeidet den ganz großen Wagner-Sog, den er durch deutliche Generalpausen zusätzlich bremst. Sängerfreundlich entfaltet er die lyrischen Passagen und gestaltet mit dramatischen Steigerungen ein insgesamt farbenreiches, klangvolles Spiel.

Nach fünf Stunden mit erfreulich textverständlichem, zusäzlich deutsch übertiteltem Gesang gab es lang anhaltenden, auch im Stehen dargebrachten Beifall vor allem für Elisabet Strid, Linda Watson, Simon Neal und Corby Welch, ebenso für Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker. Für das Regieteam teilte sich das Publikum in Buh!- und Bravo!-Rufer. Auf die Entwicklung des Hilsdorf-Rings in Siegfried darf man gespannt sein.

Die Walküre an der Rheinoper; Die nächsten Termine: 17.2.2018 um 17.00 Uhr, 4.3.2018 um 15.00 Uhr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

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