Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 11, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 The rape of Lucretia – Benjamin Britten

– Too late, Lucretia, too late! – or –  I refuse! –

von  Elisabeth König

 Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Benjamin Brittens dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit Kathleen Ferrier in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucrèce von André Obey. Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem Britten nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der Black Box des Landestheater Linz zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef Gregor Horres, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

The rape of Lucretia – Benjamin Britten
youtube Trailer des Landestheater Linz
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Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Rafael Helbig-Kostka in der Rolle des Erzähler /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als Rodolfo in La Bohème als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

Svenja Isabella Kallweit als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der Erzählerin /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden „Nachrichtenlady“ wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von Erzähler und Erzählerin mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von Britten so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als Prinz Tarquinius wusste Timothy Connor mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu Lucrezia zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

Philipp Kranjc in der Rolle des Collatinus, des mit Lucretia verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton Seunggyeong Lee überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals Junius.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble © Petra Moser

Florence Losseau in der Titelpartie der keuschen Lucretia begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer Amme Bianca weiß Sinja Maschke zu überzeugen und Etelka Sellei als Dienerin Lucia zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag Leslie Suganandarajah, dem neuen musikalischen Leiter des Salzburger Landestheaters, der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von Brittens Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das Linzer Bruckner Orchester spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen „Verstimmungen“. Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch Brittens Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind  und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. Tarquinius‘ lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei Lucretia ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand – entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters – hinter verschlossenen Türen statt. Lucretia wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung Tarquinius über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. Lucretias Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der #metoo aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen Lucretias am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend

The rape of Lucretia am Landestheater Linz; die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere LE SACRE DU PRINTEMPS, 26.10.2019

Oktober 4, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Premiere

LE SACRE DU PRINTEMPS | ZWEITEILIGER TANZABEND VON MEI HONG LIN

MUSIK VON IGOR STRANWINSKY UND RICHARD STRAUSS
TANZLIN.Z & BRUCKNER ORCHESTER LINZ
CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG: MEI HONG LIN
MUSIKALISCHE LEITUNG: MARKUS POSCHNER

PREMIERE SA 26. OKTOBER 2019, 19.30 UHR, MUSIKTHEATER | LINZ

WEITERE TERMINE 29. Oktober; 1., 6., 8., 10., 16., 18., 21., 26. November; 7., 11. Dezember 2019; 4., 10. Jänner 2020


Landestheater Linz / LE SACRE DU PRINTEMPS © Robert Josipovic

Landestheater Linz / LE SACRE DU PRINTEMPS © Robert Josipovic

LE SACRE DU PRINTEMPS

ZWEITEILIGER TANZABEND VON MEI HONG LIN | MUSIK VON IGOR STRAWINSKY UND RICHARD STRAUSS

Premiere Samstag, 26. Oktober 2019, 19.30 Uhr
Großer Saal Musiktheater

Musikalische Leitung Markus Poschner
Choreografie und Inszenierung Mei Hong Lin
Bühne und Kostüme Dirk Hofacker
Lichtdesign Johann Hofbauer
Dramaturgie Thorsten Teubl

1. Teil
METAMORPHOSEN

SIE Lara Bonnel Almonem (Cover: Julie Endo), ER Nimrod Poles (Cover: Filip Löbl), Die Macht (Regime) Filip Löbl, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan (Cover: Pavel Povrazník),

Bürger Rie Akiyama, Kayla May Corbin, Julie Endo, Núria Giménez Villarroya, Mireia González Fernández, Rutsuki Kanazawa, Safira Santana Sacramento, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Velerio Iurato, Vincenzo Rosario Minervini, Pavel Povrazník, Lorenzo Ruta, Pedro Tayette

2. Teil
LE SACRE DU PRINTEMPS

Adam Valerio Iurato (Cover: Shang-Jen Yuan), Adam der Erinnerung Vincenzo Rosario Minervini (Cover: Lorenzo Ruta), Das Kind Núria Giménez Villarroya (Cover: Rutsuki Kanazawa), Krankenschwester (Geliebte von Adam) Mireia González Fernández (Cover: Kayla May Corbin), Aufseher Pavel Povrazník (Cover: Andrea Schuler), Wächter Filip Löbl, Nimrod Poles, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan, Adams Ehefrau Rutsuki Kanazawa, Adams Tochter Alessia Rizzi, Häftlinge, Opfer, Patienten Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Kayla May Corbin, Julie Endo, Rutsuki Kanazawa, Melissa Panetta, Alessia Rizzi, Safira Santana Sacramento, Filip Löbl, Nimrod Poles, Lorenzo Ruta, Pedro Tayette, Andrea Schuler, Shang-Jen Yuan

Bruckner Orchester Linz

Am Vorabend des ersten Weltkrieges wurde ein Werk geboren, das nicht nur den Tanz revolutionierte. Mit „Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer)“ provozierte Igor Strawinsky einen der größten Skandale der Tanzgeschichte. Legendär ist das Fiasko der Uraufführung und ungebrochen die Faszination, die von diesem inzwischen kanonischen Werk der anbrechenden Moderne ausgeht. In seiner Rückbesinnung auf eine Welt des Primitiven bricht Strawinsky mit den Vorstellungen der Aufklärung. Er konfrontiert uns roh und brutal mit der Behauptung des regenerativen Potenzials, der Verjüngung und Erneuerung einer Gesellschaft durch ein menschliches Opfer.

 

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Britten, Bruckner, IOCO Kritik, 16.01.2019

Januar 17, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Benjamin Britten, Anton Bruckner

Konzert in der Tonhalle Maag  –   9. Januar 2019

Von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester startete in Zürich mit einem anspruchsvollen Programm, mit einer guten Bekannten und mit einem Debüt ins neue Jahr. Am Pult stand zum ersten Mal überhaupt der Spanier Juanjo Mena, der bereits auf eine internationale Karriere in Europa und Amerika zurückblicken kann und nun hier seinen Einstand gab. Im ersten Teil des Konzerts gab es anspruchsvolle Kost, nämlich das Violinkonzert op. 15 von Benjamin Britten, das dieser mit nur 25 Jahren schrieb und kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vollendete.

Julia Fischer © Felix Broede

Julia Fischer © Felix Broede

Als Solistin war die glücklicherweise oft in Zürich gastierende Julia Fischer (Foto) zu erleben. Das Konzert beginnt mit einem Paukensignal – eine Reverenz an Beethovens Violinkonzert op. 61 (ebenso wie die Tonart d-Moll neben Beethovens D-Dur)? Der erste Satz (Moderato con moto) lässt das Paukensignal vom Fagott übernehmen und legt eine elegische Phrase des Soloinstruments darüber. Anders als die berühmten Konzerte von Beethoven oder auch Bruch, Mendelssohn, Sibelius oder Korngold bietet Brittens Werk neben großen technischen Schwierigkeiten zwar anspruchsvolle Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks, aber wenig Potential für ein sich begeistert erhebendes Publikum.

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes © IOCO

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes Aldebro © IOCO

Kurze fanfarenartige Einwürfe des Blechs bleiben Episode; die Solopartie besteht in einem intellektuell fordernden Dialog mit dem Orchester. Im zweiten Satz (Vivace) wird das Tempo ebenfalls alsbald zurückgenommen. Klanglich bemerkenswert ist die Koppelung von Kontrabasstuba und Piccoloflöte, als hätte Wagners Fafner (an dessen Motiv im Vorspiel zum zweiten Akt des Siegfried sich Brittens Phrase zu orientieren scheint) einen Dialog mit dem Waldvogel geführt. Die folgende Kadenz nimmt die Fäden dieses musikalischen Vorgangs auf und führt sie weiter, wobei auch das Paukensignal aus dem ersten Satz (dort mit Quarten) erneut begegnet und zu Quinten erweitert wird. Die Kadenz geht in die Passacaglia (Andante lento) des dritten Satzes über, in der zunächst die Violinen und dann die anderen Instrumentengruppen erklingen, bevor die Solovioline kantabel eingreift. Am Ende steht ein sehr leiser (ppp) D-Dur-Akkord des Orchesters (ein letzter Anklang an Beethoven?), während die Violine auf Ges-F trillert. Julia Fischers eleganter, nie dünner Ton passte perfekt zum Konzert, das von einem sehr konzentrierten Publikum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Der angesichts der Komposition nicht euphorische, aber sehr nachhaltige Applaus wurde von ihr mit der Zugabe des Capriccio Nr. 2 in h-Moll von Niccolò Paganini erwidert.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Nach der Pause erklang die 6. Symphonie in A-Dur von Anton Bruckner. In vielem ein ‘typischer’ Bruckner mit einer langsamen Introduktion, einem folgenden massiven Bläsersatz und einem Thema, das im Finale in gesteigerter Form wiederkehrt. Gleichzeitig sah der Komponist in diesem Stück, das er selbst nie vollständig hören sollte, etwas Besonderes und bezeichnete seine Symphonie als „keck“. Juanjo Mena dirigierte das eine Stunde dauernde Werk auswendig und gestaltete die Klangwelten auch gestisch sehr plastisch. Das Orchester war ausgesprochen üppig besetzt: zehn Celli und acht Kontrabässe sorgten für eine breite Grundierung. Das verfolgte Klangideal setzte dabei weniger auf eine zergliedernd-analytische als vielmehr auf eine globale (nicht pauschale!) Sichtweise. Im bei stark instrumentierten Werken nicht immer unproblematischen Ausweichquartier des Tonhalle Orchesters gelang es Mena, eine Balance zu wahren und es nie zu laut werden zu lassen. Den Nachhall des Saales machte er sich für effektvoll gesetzte Pausen zunutze – man hätte meinen können, Bruckner selbst spiele einen Orgelsatz. Das „sehr feierlich“ gehaltene, über 20 Minuten lange Adagio weist Parallelen zum Adagio der 7. Symphonie auf und wurde vom Publikum andächtig verfolgt. Das tiefe E, mit denen Celli und Bässe „nicht zu schnell“ den dritten Satz einleiten, war in der genannten Orchesterbesetzung beeindruckend, zumal nicht nur breit, sondern auch sehr präzise gespielt wurde. Im Finalsatz („bewegt, doch nicht zu schnell“) wird das Hauptmotiv aus Isoldes „Liebestod“ zitiert – Bruckners Wagnerverehrung ist bekannt. Orchester und Dirigent harmonierten hörbar gut, und so gelang eine rundum überzeugende Interpretation dieser nicht sehr häufig gespielten Symphonie.

Eine beeindruckend geschlossene Ensembleleistung, ein sehr überzeugendes Debüt und ein Wiedersehen mit einer großen Künstlerin als Solistin, dazu ein Publikum, das bis zum Ende aufmerksam bleibt: Der Konzertgänger verlässt das Haus beglückt und dankbar.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester – Bruckner, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 28, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Philharmonisches Staatsorchester – Kent Nagano

Anton Bruckner – Fünfte Sinfonie 

Staatsorchester Hamburg

Von Patrik Klein

2.100 gebannte Besucher der Elbphilharmonie Hamburg geraten an diesem sonnigen, wunderschönen Sonntagvormittag, dem 22.4.2018, aus dem Häuschen. Sie danken Maestro Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg mit großem Applaus für die Darbietung, welche sie soeben erlebten. Generalmusikdirektor Kent Nagano, immer noch konzentriert wirkend, legt den ihm überreichten Blumenstrauß voller Demut für den Komponisten Anton Bruckner auf sein Dirigentenpult und verschwindet andächtig im Bühnenhintergrund.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg und Anton Bruckner © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Anton Bruckner © Patrik Klein

Was Umzüge bewirken können!   Anton Bruckner, zunächst in Linz (Donau) beheimatet und als Komponist vorzugsweise auf geistliche Musik ausgerichtet, zog 1868 nach Wien. Als 1870 das Gebäude des Musikvereins mit dem »Goldenen Saal« eröffnete  wurde Bruckner die ganze Bedeutung der Gattung »Sinfonie« und deren gesellschaftliche Rolle bewusst.

Kontrapunktisches Meisterwerk im Kraftwerk edlen Klanges

Beethoven spielte dabei als Vorbild gewiss eine wichtige Rolle, doch vielleicht auch die für Bruckner neue Erfahrung vom Leben in einer sich rasant entwickelnden Weltstadt. Die religiöse Komponente seines musikalischen Denkens integrierte er und schuf einen bis dahin beispiellosen sinfonischen Monumentalismus – den Kent Nagano im achten Philharmonischen Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg nun eindrucksvoll unter Beweis stellte.

„Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen“, Anton Bruckner.    In der Einführung zu dem Konzert leitet Susanne Banhidai kurzweilig und anschaulich auf Wirkung und Strahlkraft der fünften Sinfonie von Anton Bruckner auf die Nachwelt bis heute.

In dem sehr bekannten Popsong der Gruppe Whitestripes  „Seven Nation Army“ wurden von dem Komponisten Jack White die sieben Töne des markanten, unverkennbaren Hauptthemas Bruckners verwendet und in dem benutzten Gitarrenriff mantraartig wiederholt. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 benutzte die italienische Mannschaft das Thema als „Schlachtruf“ für ihr Team, welches bekanntlich Weltmeister wurde.

Anton Bruckner war ein einsamer Wolf, ein Einzelgänger mit wenig Beziehungen zu anderen Menschen. Als sehr frommer Katholik würde er wohl heute als eine Art „schrulliger Nerd“ bezeichnet. Er hinterließ Orgel- und Kirchenmusik und insgesamt zehn Sinfonien, die Nr. 9 blieb unvollendet. Seine Werke entsprachen nicht der Zeit. Das Publikum war damals wegen der Länge und der neuen Strukturen überfordert. Bruckner selbst war sehr selbstkritisch und schuf durch wiederholte Durchsichten immer wieder neue Fassungen (zwischen 1873 bis 1877). Mit der fünften Sinfonie gelang ihm ein einsames, persönliches, ein „katholisches“ Werk für die Nachwelt, das er selbst als „Die Phantastische“ bezeichnete. Mit Chorälen der Glaubenswelt, Fugen und Kontrapunktik wollte er sich auch nun stärker von Richard Wagner (Bruckners dritte Sinfonie ist stark an Wagners Werk angelehnt) lösen. Erst 60 Jahre nach der Uraufführung des geänderten Werkes am 9. April 1894, die er krankheitsbedingt nicht selbst erleben konnte, wurde die Urfassung gegeben, die auch heute gespielt wurde.

Sehr schön auch die Idee von Frau Banhidai den Soloposaunisten des Orchesters, Felix Eckert vorzustellen, der als 8-Jähriger bereits mit Trompete und Posaune konfrontiert wurde. Der Musiker erläutert das Grundprinzip des Instruments mit seiner 7 Töne beinhaltenden Naturtonreihe und gab ein paar bemerkenswerte Klangbeispiele. Die Frühaufsteher, die es zu dieser Einführung vor dem Konzert schafften waren nun also besten präpariert für das anschließende Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg - Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Die fünfte Sinfonie Bruckners – Eine Beschreibung

1. Satz: Introduktion  Adagio – Allegro

Als Einmaligkeit in seinem sinfonischen Gesamtschaffen stellt Bruckner dem Allegro eine langsame Introduktion voran, die den thematischen Grundstoff der gesamten Sinfonie festlegt. Nach anfänglichen Pizzicato-Takten der Kontrabässe setzt ein getragener Streicherchoral ein. Dieser hält kurz inne und schon setzt ein Unisono-Aufschwung ein, der in einen feierlichen Blechbläserchoral mündet und einen ersten Schlusspunkt findet. Nun folgend wird mittels einer fulminanten Steigerung der eindrucksvolle Höhepunkt der Introduktion erreicht.

Der Klangrausch bricht ab und das Hauptthema des Allegro-Teils wird vorgestellt. Nach der üblichen Wiederholung durch das gesamte Orchester kommt der Fluss des Themas zum Erliegen und dumpf bis zurückhaltend als Choralepisode in Pizzicato-Akkorden der Streicher setzt das 2. Thema ein.

Die Durchführung erlebt neben der breiten Verarbeitung des Hauptthemas in kunstvoller Kontrapunktik Erinnerungen an die Blechbläserfanfaren aus der Introduktion und mündet in großem Crescendo in die Reprise. Am Ende erscheint das Hauptthema im Fortissimo, Reminiszenz an die Introduktion als Hintergrund, schmetterndes Blech, Paukenwirbel und der Unisonoabschluss.

2. Satz: Adagio  Sehr langsam

Das Adagio wird durch eine einleitende Pizzicato-Linie in Triolen, die später im Scherzo von Bedeutung sein wird, eröffnet. Eine klagende Oboen-Melodie erhebt sich in duolischem Rhythmus über das triolische Fundament, bei der im weiteren Verlauf die Septsprünge eine auffallende Wirkung erzielen. Der Satz wird mit einem großen zweiten Thema in erlesener Schönheit fortgesetzt, das im zweiten Teil durch die zart getupften Begleitakkorde der Melodie eine nochmalige Steigerung erfährt.

3. Satz: Scherzo. Molto vivace (schnell) – Trio. Im gleichen Tempo

Das recht umfangreiche Scherzo knüpft in der Form an die Scherzi der vorangegangenen Sinfonien an. Die einleitende Melodielinie aus dem Adagio wird hier in raschem Tempo als Scherzobeginn genutzt. Es erklingt unmittelbar das Scherzohauptthema in den Holzbläsern und schon sehr bald setzt das zweite Thema ein. Im weiteren Verlauf mischt sich das erste Thema wieder ein, wobei das zweite aber niemals in Vergessenheit gerät. Das folgende Trio  trägt heiteren, marschähnlichen Charakter. Es ist kurz und führt schnell zur Wiederholung des ersten Scherzoteils.

4. Satz: Finale. Adagio – Allegro moderato

Das Finale bringt zunächst in etwas abgekürzter Form den Beginn der Introduktion aus dem ersten Satz, jedoch schon unter Oktaveinwürfen der Klarinette als Vorankündigung des kommenden Hauptthemas, das nach einer kurzen Pause allein von der Klarinette vorgetragen wird. Ziemlich ähnlich nach dem Vorbild der 9. Sinfonie von Beethoven erklingen danach die Satzanfänge des Allegroteils aus dem 1. Satz und des Adagios, bevor das Hauptthema nun die Dominanz erhält. Das darauf einsetzende zweite Thema, das in der Aufwärtsrichtung zu Beginn an das Scherzo erinnert, hat lieblichen Charakter, ist ausschweifend und führt mit einem Einschub des ersten Themas im weiteren Verlauf zum Blechbläserchoral des dritten Themas. Aus dem feierlichen Ausklang dieser dritten Gruppe heraus entwickelt sich die Doppelfuge (eine Fuge mit zwei Themen). Das Werk klingt aus in einer überaus glanzvollen Apotheose des Blechbläserchoralthemas, gefolgt vom Hauptthema aus dem Kopfsatz.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Interpretation der Musik durch Orchester und Dirigent

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt unter Kent Nagano die Sinfonie in rund 75 Minuten, was ein recht zügiges Tempo darstellt, da es Aufnahmen gibt, die bis zu 90 Minuten dauern. Das Orchester ist groß besetzt mit 32 Violinen, 13 Violen, 11 Celli, 10 Kontrabässen, 2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 4 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen, einer Tuba und einer Pauke (Brian Barker erhält am Ende besonders großen Jubel für sein großartiges Spiel des Instrumentes ganz besonders im Scherzo).

Bruckners fünfte Sinfonie wird kraftvoll gespielt mit wunderschönen Streicherklängen, feinen Pizzicato-Linien, mal zart getragen und rhythmisch, mal ruhig und emotional besonders ergreifend durch schöne Dynamikveränderungen ganz besonders beim Adagio. Hier geraten die musikalischen Steigerungen besonders schön und sind feinster Stoff für verwöhnte, Spitzenklang liebende Ohren. Es herrscht höchste Konzentration beim Dirigenten und seinen Musikern, die fast alle auf der Stuhlkante sitzen, hier und da aber auch ein Lächeln im Gesicht tragen; man spürt, dass die Musik bewegt und hier die Spielfreude ganz ausgeprägt sein muss. Nagano braucht kaum übermäßig zu agieren oder zu korrigieren; alles wirkt intensiv geprobt und eingespielt. Die Klarinette im Finale klingt fast jazzartig und ganz besonders eindringlich und präzise, so wie die gesamte Fraktion der Bläser, die ja in dieser Sinfonie dauerbeschäftigt sind.

Nach Sekunden atemloser Stille lässt Kent Nagano den Taktstock fallen, die Anspannung in seinem Gesicht löst sich; das Publikum dankt intensiv mit anhaltendem, stürmischen Applaus.

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