Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig – Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Staatsorchester Braunschweig  –  Christopher Lichtenstein

– eine Reise in den Orient – Istanbul Sinfonie von Fazil Say –

von Christian Biskup

Das Scharoun-Theater Wolfsburg ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson oder Joan Diego Florez standen schon auf der Bühne des von Hans Scharoun entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das Staatsorchester Braunschweig mit dem „exotisch“ klingenden Programmtitel  Istanbul mit Werken von Joseph Haydn und Fazil Say zu Gast.

Exotismus hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in François Rabelais´ Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel verwendet. Mit exotique wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. M. P. G. de Chabanons verwendet den Begriff Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen Exotismus wird allgemein Jean Baptist Lullys und Molieres Ballett Le Bourgeois gentilhomme (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei Giacomo Meyerbeer als „Couleur local“ in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei Debussy, Ravel anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie Ludolf Nielsen oder Kurt Atterberg dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

Kein Exotismus, sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen Fazil Says großangelegte Istanbul-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. Fazil Say über das Werk: „Istanbul kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden.“

Der erste Satz „Nostalgie“ beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte Ney (virtuos gespielt von Valentina Ballanova) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt Say das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453. Im zweite Satz „Der Orden“ führt der bekennende Atheist Say die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „Die blaue Moschee“ ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz „Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der Darbuka (gespielt von Sebastian Flaig) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz „Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“ mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses Kanun-Solo (gespielt von Hesen Kanjo) leitet in den Höhepunkt ein – die „Orientalische Nacht“. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Say bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters Christopher Lichtenstein des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das Wolfsburger Theater landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie Nr. 96 D-Dur von Joseph Haydn, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von Haydns Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „The Miracle“, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – Papa Haydn weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Braunschweig, Staatstheater Braunschweig, Faust – Charles Gounod, IOCO Kritik, 24.12.2019

Dezember 24, 2019 by  
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Staatstheater Braunschweig

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Faust – Charles Gounod

–  Faust folgt dem Satan ….  Spannungsreiche Inszenierung –

von Christian Biskup

Das Staatstheater Braunschweig kann seit der Uraufführung des Faust I. am 19. Januar 1829 im alten Hagenmarkttheater eine besondere Faust-Tradition aufweisen. Während Charles Gounods Oper als Margarethe bis zum zweiten Weltkrieg regelmäßig auf den Plänen des Theaters stand, so war das Stück danach nur noch selten zu sehen. Nun steht das Werk nach einem Libretto von Jules Paul Barbier und Michel Florentin Carré in einer temporeich-amüsanten Inszenierung wieder auf dem Spielplan.

Die Handlung ist schnell erzählt: Faust ist seines Lebens überdrüssig, er sehnt sich nach der Jugend und will sein Dasein mit einem Giftbecher beenden. Er hadert mit Gott, ruft Satan zu sich, der ihm Marguerite in einer Vision erscheinen lässt. Bei einem Volksfest unterstellt Valentin seine Schwester Marguerite dem Freunde Siebel, da er in den Krieg ziehen muss. Zur allgemeinen Erheiterung will Wagner ein Lied anstimmen, doch Méphistophélès unterbricht ihn und verkündet die tragischen Kriegsschicksale einiger anwesender Männer und höhnt Marguerites Schönheit. Valentin will ihn bekämpfen, doch Satans Macht ist stärker und die Menge geht auseinander. Nun hat Faust freie Bahn zu Marguerite, doch sie lehnt seinen Arm ab.

Faust Charles Gounod
youtube Trailer des Staatstheater Braunschweig
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In Marguerites Haus: Siebel bringt Blumen, Méphistophélès jedoch ein prächtiges Schmuckkästchen, welches Marguerite und Marthe in Begeisterung versetzt. Während Méphistophélès Marthe umspielt, kann sich Faust dem Objekt seiner Sehnsucht nähern und erlangt mit Satans Hilfe schließlich ihre Liebe. Ein Jahr später ist Marguerite jedoch allein – Faust hat sie verlassen, sie ihr gemeinsames Kind getötet. In der Kirche sucht sie Schutz, doch statt Gottes Trost verflucht Méphistophélès ihr Leben. Faust jedoch empfindet Reue, kehrt zu ihrem Haus zurück, wird dort von Valentin empfangen, den er im Duell tötet. Seine letzten Worte verfluchen seine Schwester. Faust und Méphistophélès zieht es zum Hexensabbat auf den Blocksberg. Faust jedoch will zu Marguerite, die auf ihr Richturteil wartet. Sie verzichtet auf Rettung durch den Satan. Während er sie verdammt, verkündet ein himmlischer Chor ihre Erlösung.

Auf dieses Bühnenwirksame Libretto komponiert Gounod eine Partitur, die ganz in der Tradition der Opéra-comique steht, jedoch auch schon einige Wagnerismen enthält. Die Inszenierung von Markus Bothe überzeugt durch eine lebendige Personenführung, großen Detailreichtum, raffinierte Nutzung der Drehbühne und ein hohes Tempo. Den ersten Akt verlegt Bothe von Fausts Studierstube in ein Krankenhaus, wo Faust in einem Bett zuckend vor sich hin siecht und schließlich zum Giftbecher (hier mit Schlaftabletten gefüllt) greifen möchte. Auf seinen Ruf „Satan erwache“, springt Satan hinter einem Vorhang hervor, der Faust mit ein paar pyrotechnischen Effekten von seinen übernatürlichen Kräften überzeugt. Gemeinsam ziehen sie in leicht morbides Wirtshaus, in dem fröhlich gezecht und gefeiert wird. Mit dem „Rondo vom goldenen Kalb“ merkt der Besucher spätestens, dass Méphistophélès im Fokus der Inszenierung steht und dass er alle Fäden der Handlung in der Hand hält. Er lässt die Feiergesellschaft – toll choreografiert – herumzucken und schließlich in der zweiten Strophe in eine große Prügelei übergehen. Weitere kleine Zaubertricks, wie die Verwandlung von Bier in Wein oder die Entwaffnungen Valentins, lassen auch die Gesellschaft erfahren, mit wem sie es zu tun haben. Faust und Marguerite rücken dabei etwas in den Hintergrund und können sich erst zum Ende des Aktes in den Vordergrund spielen.

Staatstheater Braunschweig / Faust - hier :Valentin Anikin als Mephitopheles, Kwonsoo Jeon als Faust © Bettina Stoess

Staatstheater Braunschweig / Faust – hier :Valentin Anikin als Mephitopheles, Kwonsoo Jeon als Faust © Bettina Stoess

Der dritte Akt spielt in Marguerites Zimmer. So unschuldig wie ihre Seele ist das Zimmer gestaltet (Bühne Robert Schweer). Weiß-hellblaue Tapeten, weiße Holzvertäfelungen, ein Kruzifix an der Wand, ein Fenster zum Park raus. Wie romantisch gelingt der Auftritt Siebels mit Blumenstrauß durch das Fenster, wie glänzend das Anlegen des Schmuckes, aus dem innerlich leuchtenden Schmuckkästchen! Doch auch hier zeigt der Regiesseur seinen Humor – direkt nach Méphistophélès Auftritt, hängt dieser seine Jacke über das Kruzifix. Durch stetige Auf- und Abtritte der Personen, aber auch durch die Allgegenwärtigkeit Méphistophélès, der gestisch das Geschehen im Zimmer auch von außerhalb kommentiert, wird der lange dritte Akt keinen Moment langweilig. Besonders sein Spiel mit Marthe ist an Komik kaum zu übertreffen. Trotzdem bleiben auch die Gefühle, auch Dank schöner Lichtregie, beim Zusammenkommen der beiden Protagonisten nicht auf der Strecke!

Umso krasser wirkt die Trostlosigkeit des Raumes im vierten Akt – fahles Licht, ein fast leerer Raum. Dazu passt auch der moderne Kircheninnenraum der Kirchenszene. Geradezu widerwärtig, lässt Markus Bothe Méphistophélès hinter dem Altar erscheinen, sich über diesen zu Marguerite emporräkeln, um in einem Höhepunkt seine Arme verfluchend um sie, von einem bedrohlich maskierten Chor umgeben, zu schlingen.

Der letzte Akt ist im Vergleich zu den vorherigen starken Akten etwas schwach geraten. Während der Bacchanal-Musik von Louis Schindelmeisser räumen Bühnenarbeiter die Bühne leer und geben den Blick auf ein gigantisches Skelett im Bühnenhintergrund frei, dessen Bedeutung sich dem Autoren nicht erschließt – Marguerite steht, von Leere umgeben alleine in der Mitte, Faust kann nicht richtig zu ihr vordringen. Die Szene wird so aufgelöst, dass Marguerite in den Hintergrund geht, der himmlische Chor schirmt ihn von seiner Geliebten ab.

Neben der starken Regie, ist auch die teils überragende Leistung des Ensemble ein Grund die Produktion zu sehen. Mit Ekaterina Kudryavtseva stand der Publikumsliebling der Braunschweiger als Marguerite zur Verfügung. Mit ihren langsam zum dramatischen neigenden, flexiblen Sopran konnte Sie das Publikum schnell für sich gewinnen. Anmutig, schlicht und anrührend gestaltete sie das Lied des „Königs von Thule“, wenige Minuten später mit gezielten Spitzentönen und flüssigen Koloraturen die Juwelenarie. Ihr unschuldiges Spiel ist glaubhaft, umso stärker wirkt ihre Verzweiflung, die sie auch stimmlich in dramatischen Ausbrüchen umsetzen kann. Das Publikum dankte mit viel Applaus und Bravo-Rufen.

Staatstheater Braunschweig / Faust - hier : Valentin Anikin als Mephitopheles, Ekaterina Kudryavtseva als Marguerite

Staatstheater Braunschweig / Faust – hier : Valentin Anikin als Mephitopheles, Ekaterina Kudryavtseva als Marguerite

Als Faust agierte der Koreanische Tenor Kwonsoo Jeon. Sein stimmliches Material, seine gute Diktion, aber auch sein Spiel, überzeugte. Seine Höhe hat strahlkraft und beeindruckt besonders durch die scheinbare Mühelosigkeit, die selbst beim hohen C der Kavatine „Salut, demeure chaste et pure“ keine große Anstrengung verrät. Dennoch bleibt er aufgrund der satanistischen Überpräzens etwas blass.

Valentin Aniken singt als Méphistophélès  und besonders spielt die komisch-bösartige Figur so stark, dass man sich wahrscheinlich keinen besseren Darsteller mehr vorstellen kann. Groß, schlaksig und mimisch enorm wandlungsfähig füllt er die Rolle köstlich aus. Das er nicht nur die zahlreichen kleinen Gags des Regisseurs, sondern auch dämonische Boshaftigkeit kann, zeigt das Ende des dritten Aktes: Faust erringt Marguerite und Satan hat seinen Vertrag erfüllt – dämonisches Lachen!

Stimmlich verfügt Aniken über einen voluminösen, volltönenden Bass mit starker Tiefe und baritonal glänzender Höhe. Leider ist seine Diktion und Aussprache teilweise so ungenau, dass man gar nicht feststellen kann, in welcher Sprache die Oper gerade gegeben wird. Dennoch wird das „Rondo vom goldenen Kalb“ nicht nur szenisch, sondern auch gesanglich ein Fest für die Ohren.

Neben den drei Hauptpersonen, konnten auch die Sänger der kleineren Rollen – übrigens wurden sämtliche Rollen aus dem Ensemble besetzt – überzeugen. Wunderbar naiv in ihrer Hosenrolle gestaltete Milde Tubelyté die Partie des Siebel. Zachariah N. Kariithi übernahm die Rolle des Valentin, die er besonders beim Verfluchen des Schwester ausdrucksstark auszufüllen vermochte. Beim Gebet des Valentin blieben die Emotionen aufgrund des etwas übermäßigen Vibratos zum Teil auf der Strecke. Weniger überzeugen konnte Zhenyi Hu als Marthe, was sicherlich auch an der etwas undankbaren Partie lag. Jisang Ryus wohlgeformt-klare Bassstimme konnte man in der kleinen Partie des Wagner hören.

Ebenfalls zum Erfolg des Abends trug das Staatsorchester Braunschweig unter Leitung des 1. Kapellmeisters Christopher Lichtenstein bei. Nachdem es bei der recht schwachen Ouvertüre noch zaghaft zuging und ein wenig im Zusammenspiel wackelte, änderte sich der Klang ab der ersten Gesangsnummer. Französische Leichtigkeit, Eleganz aber auch duftige Harfenarpeggien erfüllten den Theatersaal. Gerade kirchlich anmutende Elemente kostet er aus. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben war einwandfrei. Lichtenstein dirigiert sängerfreundlich, die Balance ist stets gegeben, wobei er dem Temperament auch freien Lauf ließ. Das orchestrale Highlight war dabei sicher das mitreißende Bacchanal von Schindelmeisser in der Walpurgisnacht. Der Chor (Einstudierung Georg Menskes) agierte bestens disponiert und mit großes Spielfreude!

Das Publikum dankt allen Mitwirkenden mit großem Applaus.

Besprochene Vorstellung  vom 20.12.2019 19.30 Uhr

Faust von Charles Gounod am Staatstheater Braunschweig; letzte Vorstellung dieser Spielzeit am 28.12.2019Vorstellungen

—| Pressemeldung Staatstheater Braunschweig |—

Münster, Theater Münster, „Nice to meet you?“ – Tanzabend, IOCO Kritik, 26.06.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

„Nice to meet you?“ – Tanzabend

– Kontaktrituale –  Fesselnd getanzt um jene gläserne Wand –

von Hanns Butterhof

Einmal in jeder Spielzeit überlässt Hans Henning Paar, Chef des Tanztheaters Münster, sein Ensemble einem Gastchoreographen, diesmal dem Portugiesen Tiago Manquinho. In seinem Tanzabend „Nice to meet you?“, der am Staatstheater Braunschweig 2017 uraufgeführt wurde, spielt er alltägliche Rituale von Nähe und Distanz fesselnd durch.

Tiago Manquinho –  mit fesselnden Kontaktritualen

„Nice to meet you?“ beginnt im Kleinen Haus des Theaters Münster schon im Foyer. Tänzerinnen und Tänzer gehen unauffällig durch die auf Einlass wartenden Besucher, treten auf jemanden zu und blicken ihn mit ruhiger Mine lange und ausdruckslos an. Ein ins Visier genommener Mann weicht irritiert zur Seite, als könne er nicht gemeint sein, vielleicht jemand hinter ihm? Eine Frau errötet heftig; nett, sie getroffen zu haben?

 Theater Münster / Nice to meet you - Tanzabend -  hier :  Matteo Mersi und Adam Dembczynski © Oliver Berg

Theater Münster / Nice to meet you – Tanzabend – hier : Matteo Mersi und Adam Dembczynski © Oliver Berg

Tiago Manquinho, der in klassischem und modernem Tanz in Lissabon ausgebildet wurde, interessiert sich in „Nice to meet you?“ für die Distanz-Möglichkeiten, die sich hinter der leicht dahergesagten Kontakt-Floskel auftun. Er bleibt dabei ohne bemühte Aktualisierung dem Alltag erfreulich nahe.

In vielerlei Variationen umkreist das Ensemble auf der schmucklos schwarzen Bühne in dunkler Kleidung (Bühne und Kostüme: Imme Kachel) die gläserne Wand, die in allen Kulturen gegenüber dem unbekannten Anderen existieren. Sehr eindringlich macht die erste Szene deren hemmende Seite deutlich. In ihr begegnen sich eine Tänzerin und ein Tänzer, strecken nach erstem Abwenden dem Anderen doch die Hände entgegen, werden aber wie durch eine unsichtbare Barriere daran gehindert, sich zu berühren.

Ihre suchenden Bewegungen wiederholen sich in den Ensembles, in denen die geschlechtlichen Stereotypen aufgelöst sind; auch die Paare von Männern oder Frauen sind den gleichen Hemmnissen unterworfen, wenn sie sich in immer schneller werdendem Wechsel dem Gegenüber zu nähern suchen. Selten kommt es zu parallelen Gruppen-Bewegungen, kurzzeitig findet sich auch Nähe, in der aber niemand zur Ruhe kommt.

Theater Münster / Nice to meet you - Tanzabend © Oliver Berg

Theater Münster / Nice to meet you – Tanzabend © Oliver Berg

Manche Soli, fremdartige Musikarrangements, die Kombination von Percussionsgewitter und Ziehharmonika erzeugen eher das Gefühl von Distanz, als dass sie diese Distanzierung verständlich machten. Als eine Tänzerin mitten im Publikum ihre schönen Locken schüttelt und zu fernöstlichen Klängen mit ausholenden Gesten und flatternden Händen ihre Geschichte mitzuteilen versucht, wird bloß die gläserne Wand zwischen ihr und den Zuschauern spürbar.

Auch Nähe ist nicht unbedingt schön und bleibt nicht immer nett, wie schon das Fragezeichen im Titel nahelegt. Im Rahmen einer der packend dynamischen Ensembleszenen entwickelt sich erschreckend ein Kontakt zum Kampf. Es sieht anfangs nach Zärtlichkeit aus, wenn einer den Kopf seines Partners streichelt. Doch dann wird dessen Berührung immer herrischer, der Kopf wird brutal gepackt, der Tänzer zu Boden geschleudert, bis er sich, mühsam wieder aufgerichtet, schon vor dem bösen Blick des Anderen niederwirft. Da wird bei allem Entsetzen auch etwas vom Segen kultureller Distanz spürbar.

Großer Applaus für das ausdrucksstarke Ensemble nach siebzig durchgetanzten Minuten.

„Nice to meet you?“, Tanzabend am Theater Münster; der nächste Termin: 29.6.2019 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Braunschweig, Staatstheater Braunschweig, La Boheme – Giacomo Puccini, 05.12.2018

Dezember 3, 2018 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Staatstheater Braunschweig

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Staatstheater Braunschweig

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

 La Bohème – Giacomo Puccini

Libretto Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, nach »Scènes de la vie de bohème« von Henri Murger, in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere  2.12.2018, weitere Vorstellungen 5.12.; 22.12.; 28.12.2018 | 17.01. | 22.01. | 08.02. | 16.02. | 01.03. | 17.03. | 24.03.2019 

Die Pariser Bohème spiegelt den Traum von Freiheit und Unabhängigkeit – das Leben der Künstlerfreunde rund um Rodolfo aber sieht anders aus: Es ist kalt in ihrer Mansarde, noch nicht einmal die Miete können sie bezahlen. Als die hübsche Nachbarin Mimì mit der Bitte um Feuer die Wohnung betritt, scheint vor allem in Rodolfos Leben ein wenig Wärme einzuziehen. Doch schnell stellt sich heraus: Auch diese Flamme muss ihren Tribut an die Armut bezahlen … Durch die intime Szenerie und das alltägliche Sujet stellte La bohème ein Novum in der italienischen Oper dar. Heutzutage gilt La bohéme als eine der meistgespielten Opern des Repertoires.

Musikalische Leitung: Iván López Reynos, Regie und Bühne: Ben Baur, Kostüme: Julia K. Berndt, Choreografie: Liliana Barros

Mit: Mimì: Ivi Karnezi, Ekaterina Kudryavtseva, Musetta: Jelena Bankovi?, Anat Edri
Rodolfo: Angelos Samartzis, Kwonsoo Jeon, Schaunard: Maximilian Krummen, Vincenzo Neri, Marcello: Maximilian Krummen, Vincenzo Neri, Colline: Jisang Ryu, Benoît / Alcindoro: Michael Eder ..

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