Hamburg, Elbphilharmonie, Jolanthe von Peter Tschaikowsky, IOCO Kritik, 11.02.2018

Februar 12, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Jolanthe von Peter Tschaikowsky

  Sternstunde der konzertanten Oper

Von Patrik Klein

Konzertante Opernaufführungen in der Elbphilharmonie Hamburg erfreuen sich besonders großer Beliebtheit, da sich der interessierte Besucher, wenn er denn ein Ticket ergattern konnte, voll und ganz der Musik in einem der besten Klangkörper des Landes widmen kann. Sofern man keinen Platz hinter dem Orchester und damit im Rücken der Sängerinnen und Sänger hat, kann sich hier das musikalische Paradies frei und klanggewaltig von den feinsten Nuancen bis zu den trommelfellmassierenden Spitzen entfalten.

Valery Gergiev –  Meister der kleinen Gesten

Valery Gergiev ist neben seiner Tätigkeit in Sankt Petersburg der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.  Hier musste er sich zunächst mit seinen Orchestermusikern mit seinem speziellen Stil von Gelassenheit, natürlicher Autorität und ungewöhnlich kurzen Probenarbeiten arrangieren. Auch seine Art und Weise zu dirigieren und den Klang dunkler zu gestalten, musste von den Musikern aus München erst einmal gelesen und verstanden werden.

Die Musiker des Mariinsky-Theater, St. Petersburg, wo vor 125 Jahren die Uraufführung stattfand, waren im Rahmen einer Tournee auch in Hamburg und führten Tschaikowskys einaktige und letzte Oper Jolanthe  konzertant auf.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant- mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant- mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Die Märchenoper Jolanthe stellt einen Höhepunkt in der Spätromantik an der Grenze zum Symbolismus dar. Sie wurde 10 Jahre vor Debussies  Pelleas und Melisande kurz vor Tschaikowskys Tod im Jahr 1892 in St. Petersburg uraufgeführt. Der Erfolg war nur mäßig. Man sagte ihr Trivialität und Banalität nach und warf dem Komponisten ein sentimentales Abrutschen vor. Die Person Tschaikowsky galt als  umstritten und sein Tod 1893 war mysteriös und tragisch. Am damaligen Stadttheater in Hamburg wurde die Oper 1893 unter der Leitung von Gustav Mahler uraufgeführt.

Wie in Peter Weirs Film The Truman Show geht es um die anrührende Naivität des Helden, der eben hier in einer Show steckt und es nicht weiß. Bei Jolanthe ist es ähnlich, da sie blind ist, davon nichts weiß und in einer abgeschiedenen Welt lebt.

Liebe macht blind, wie es so schön heißt. Doch in Jolanthe kehren sich die Verhältnisse um: Prinzessin Jolanthe ist bereits blind und wird durch Liebe geheilt. Der Weg dahin ist steinig, denn die Königstochter weiß nicht um ihr Schicksal und daher auch nicht, was ihr fehlt. Um geheilt zu werden, muss Jolanthe den Wunsch, sehen zu können, aber überhaupt einmal verspüren. Erst ein fremder Ritter schafft es, die nötigen Gefühle in ihr zu erwecken.

Prinzessin Jolanthe (die Sopranistin Irina Churilova macht den Konzertabend in Hamburg zu einem Erlebnis; mit dunklem Timbre und einer Riesenstimme wird sie fein intonierend vom zarten Hauch bis zum großen Ausbruch mit viel Gefühl den Anforderungen dieser Rolle mehr als gerecht und erhält auch den größten Applaus) lebt abgeschieden auf einem Schloss in der hügligen Provence. Sie ist von Geburt an blind. Ihr Vater, König René, (der nicht nur in St. Petersburg bekannte Bass Stanislav Trofimov, der auch an großen Häusern in Europa zu hören ist, trumpft mit einer respekteinflößenden, wuchtigen, prachtvollen abgrundtiefen schwarzen Stimme auf) hat unter Androhung von Strafe verboten, sie davon ins Bild zu setzen, was ihr fehle. Auch dass sie eine Königstochter ist, weiß Jolanthe nicht.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant - mit Valery Gergiev, Mitte, und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant – mit Valery Gergiev, Mitte, und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Im Schlossgarten gibt sich Jolanthe, umgeben von Martha (Natalia Yevstafieva mit wunderschöner Altstimme) und ihren Freundinnen Brigitta (Kira Loginovas mit feinem Sopran) und Laura (Ekaterina Sergeeva mit schön gefärbtem Mezzosopran), ihrer Traurigkeit hin. Sie spürt, dass man etwas vor ihr verborgen hält. Um sie aufzuheitern, bestellen die Frauen fröhliche Musik. Jolanthe will davon nichts wissen. Sie schickt ihre Freundinnen nach Blumen.

Nachdem Jolanthe im Garten des Schlosses unter dem Gesang eines Wiegenlieds eingeschlafen ist, vernimmt man den Schall von Jagdhörnern. Almerik (Andrei Zorins Tenorstimme klingt spielerisch wie der Schuiski in Mussorgskis Boris Godunow; mit leicht dunkel gefärbter und etwas eng geführter Stimme), der neue Waffenträger des Königs, kündigt die Ankunft des Monarchen an. Bertrand (Yuri Vorobiev mit ebenso prachtvoller Bassstimme), der Türhüter des Schlosses, warnt davor, in Jolanthes Gegenwart vom Licht zu reden oder sie merken zu lassen, dass ihr Vater König ist.

König René trifft ein in Begleitung eines maurischen Arztes, Ibn-Hakia (Roman Burdenkos wartet auf mit feinster Baritonstimme, die mit leicht dunkler Färbung mit atemberaubender Kraft besonders die musikalisch höher gelegenen Tonlagen mühelos meistert), der Jolanthe heilen soll. Der Arzt untersucht die schlafende Prinzessin. Er hält eine Heilung für möglich, besteht aber darauf, dass Jolanthe zuerst um ihre Blindheit wissen und eine Heilung innig herbeisehnen müsse, vorher verspreche eine Behandlung keinen Erfolg. Der König lehnt entschieden ab, Jolanthe das sorgsam gehütete Geheimnis zu offenbaren.

Bei Anbruch der Nacht dringen trotz deutlicher Verbotstafel zwei verirrte Ritter in den Garten ein. Es sind Robert (Alexei Markov mit sehr schöner lyrischen Spielbaritonstimme), Herzog von Burgund, dem Jolanthe versprochen ist, und sein Waffengefährte, Graf Vaudémont (Nazhmiddin Mavlyanov, der auch in Deutschland bekannte Tenor aus Usbekistan macht seine Sache großartig mit hohem Einsatz, leicht nasaler Färbung und feiner Stimmführung ganz besonders im Duett mit Robert). Robert, der nicht weiß, dass Jolanthe blind ist, liebt eine andere Frau, Mathilde, und wünscht sich nichts dringlicher, als von seinem Heiratsversprechen entbunden zu werden. Vaudémont jedoch verliebt sich beim Anblick der schlafenden Prinzessin auf der Stelle in sie. Robert ist das nicht geheuer, er möchte Vaudémont mit Gewalt wegbringen. Dabei erwacht Jolanthe. Sie empfängt die Ritter freundlich und bewirtet sie. Robert fürchtet eine Falle und macht sich davon, seine Scharen zu holen.

Vaudémont bleibt allein zurück mit Jolanthe. Er bittet sie darum, ihm eine rote Rose zu pflücken, die ihn an die liebliche Röte ihrer Wangen erinnern soll. Sie gibt ihm stattdessen eine weiße und ist auch nicht in der Lage, die Anzahl der Rosen im Strauß zu nennen, ohne sie mit den Händen zu greifen. Vaudémont wird gewahr, dass sie blind ist. Voller Mitleid erzählt er ihr von der Schönheit des Lichts, dieses „wunderbaren Erstlingswerks der Schöpfung“.

Der König, Ibn-Hakia, Almerik und Bertrand erscheinen. Es wird deutlich, dass Jolanthe das Geheimnis ihrer Blindheit nicht mehr verborgen ist. Der König dringt in seiner Verzweiflung darauf, dass sich Jolanthe nun einer Behandlung unterzieht. Sie ist bereit, ihrem Vater zu gehorchen, kann sich aber nicht sehnlichst herbeiwünschen, was sie gar nicht kennt, wie es für eine erfolgversprechende Behandlung nötig wäre. Der König droht Vaudémont mit der Todesstrafe, falls die Heilung seiner Tochter misslingt. Angesichts dieser Gefahr verkündet Jolanthe ihre Bereitschaft, alles zu ertragen, um Vaudémont, dessen Liebe sie erwidert, zu retten. Sie geht mit dem Arzt ab.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant - mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant – mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

König René eröffnet Vaudémont, dass er seine Todesdrohung nicht wahrmachen will, sondern diese einzig dem Zweck diente, in Jolanthe den Wunsch nach Heilung inniger werden zu lassen. Vaudémont gibt ihm gegenüber seine adlige Identität preis und bittet um die Hand Jolanthes. Aber sie ist bereits einem andern versprochen.

Robert kehrt mit seinen Truppen zurück. Er erkennt König René und verneigt sich vor ihm. Nun erst wird es Vaudémont bewusst, wen er die ganze Zeit vor sich hatte. Robert ist trotz seiner Liebe zu Mathilde bereit, die ihm seit seiner Kindheit zugedachte Jolanthe zu heiraten, wenn der König darauf beharrt. König René entbindet ihn von seinem Versprechen und ist nun seinerseits frei, Jolanthe Vaudémont zur Frau zu geben. Ibn-Hakia und Jolanthe kehren zurück. Jolantha kann sehen. Sie besingt die zauberhafte Welt, die für sie sichtbar geworden ist. Alle freuen sich und loben Gott.

Der mit rund 30 Sängerinnen und Sängern recht kleine, aber feine Chor und das wunderbare Orchester aus Hamburgs Partnerstadt füllten das Podium der Elbphilharmonie nicht ganz aus, so dass hinter den beiden wunderbar spielenden Harfenistinnen Raum genug war für die Solisten des Abends. Hier und an der Rampe konnten sie ein wenig die konzertante Atmosphäre mit halbszenischen Einlagen anreichern.

Valery Gergiev dirigierte taktstocklos mit kleinsten Gesten. Seine rechte Hand meist mit wellenförmigen Fingerbewegungen den Takt angebend und mit der linken lautstärkebeeinflussend und partiturumblätternd das große Instrument beherrschend. Seine Musiker verstanden ihn scheinbar blind und folgten seinem Dirigat auf der Stuhlkante sitzend mit Leidenschaft und Präzision.

Das Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg geriet zu einem fulminanten Erfolg der wundervollen Musik Tschaikowskys. Das lag zum einen an den sehnsuchtsvollen, süchtig machenden Motivgeflechten, mit denen Tschaikowsky in seiner letzten Oper musikalische Folgen innerer Emotionen entstehen lässt, gespielt von einem russischen Spitzenorchester unter dem passionierten russischen Star-Dirigenten Valery Gergiev, der das Werk selbst als die “beste Partitur Tschaikowskys” bezeichnet und faszinierende, atmosphärisch dichte und zum Teil sehr dunkle Klangfarben entstehen ließ. Vor allem aber lag es an den Hauptfiguren der Oper und des Abends, dem Weltklasse-Ensemble des Mariinsky Theaters Sankt Petersburg.

Das Hamburger Publikum dankt mit großem Applaus allen Beteiligten an diesem bemerkenswerten Abend in der Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Premiere Boris Godunow, 17.06.2017

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Premiere Boris Godunow 17. Juni 2017

Fassung von 1869 („Ur-Boris“). Oper in vier Teilen, sieben Bildern von Modest P. Mussorgskij; Libretto von Modest P. Mussorgskij nach Alexander Puschkins gleichnamigem Drama sowie Nikolai Karamsins „Geschichte des russischen Reiches“; Premiere am Royal Opera House Covent Garden am 13. März 2016; Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 17. Juni 2017

In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 2 Stunden 15 Minuten / Keine Pause

Eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, London. Präsentiert von taz.die tageszeitung, kulturradio vom rbb sowie WALL AG
Premiere: 17. Juni 2017
23., 27. Juni; 1., 4., 7. Juli 2017

Die Macht und ihr Preis

„BORIS GODUNOW ist ein Stück über Mussorgskijs damalige Gegenwart und zugleich, in seiner Fokussierung auf das Thema Macht, immer noch höchst aktuell und aussagekräftig für die heutige Situation. […] Mussorgskij beleuchtet die Rolle des Volkes, das neben Boris die zweite Hauptfigur der Oper ist. Ein Volk, das von Mächtigen manipuliert werden kann und das sich dann mobilisieren lässt, um „gegen Feinde“ zu kämpfen – und dabei oft gar nicht so genau weiß, wofür und gegen wen es überhaupt kämpft.“ (Kirill Karabits)

Blut klebt an den Händen Godunows, seine Herrschaft scheint vom Unglück verfolgt. Das Volk leidet Hunger. Intrigen bestimmen das Leben am Zarenhof. Da taucht in Polen ein Mann auf, der behauptet, der ermordete Zarewitsch Dimitrij zu sein. Einst gab Boris den Auftrag, jenen zu töten und damit den letzten Nachkommen Iwan des Schrecklichen zu beseitigen. Die Erinnerung an diese Blutschuld treibt den Zaren in den Wahnsinn.

In Boris Godunow zeichnete Mussorgskij das Porträt eines Menschen, der am eigenen Herrschaftsanspruch und dem dafür in Kauf genommenen Verbrechen scheitert. Doch existiert eine zweite Hauptfigur: das Volk. Einerseits erscheint es als unmündige, unter der absolutistischen Herrschaft leidende Masse, andererseits aber verlebendigt Mussorgskij in vielen kleineren und mittleren Partien Einzelschicksale: Vom intriganten Bojaren Schuiskij über den Chronisten Pimen bis hin zu Menschen aus dem Volk wie die Schenkwirtin, die Bettelmönche Warlaam und Missaïl oder den Polizisten Mitjuch: Sie alle bilden ein Panorama des russischen Volkes, das sich zu Macht und Herrschaft verhält. Das in den politisch unsicheren Zeiten versucht zu überleben – und dabei die eigentliche Antriebskraft politischer Prozesse ist.

Musikalische Leitung Kirill Karabits Inszenierung Richard Jones Szenische Einstudierung Elaine Kidd Bühne Miriam Buether Kostüme Nicky Gillibrand Licht Mimi Jordan Sherin Movement Director Silke Sense Chöre Raymond Hughes Leitung Kinderchor Christian Lindhorst Dramaturgie Sebastian Hanusa Boris Godunow Ain Anger Fjodor Moritz Bouchard / Philipp Ammer (Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) Xenia Alexandra Hutton Xenias Amme Ronnita Miller Fürst Wassili Schuiskij Burkhard Ulrich Andrej Schtschelkalow Dong-Hwan Lee Pimen Ante Jerkunica / Ievgen Orlov Grigorij Otrepjew Robert Watson Warlaam Alexei Botnarciuc Schenkwirtin Annika Schlicht Missaïl Jörg Schörner Gottesnarr Matthew Newlin Nikititsch Andrew Harris Leibbojar Andrew Dickinson Mitjuch Stephen Bronk Grenzpolizist Samuel Dale Johnson Chor, Kinderchor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Wien, Wiener Staatsoper, KS. Kurt Moll gestorben, 05.03.2017

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Zum Tod von KS Kurt Moll

* 11. April 1938 in Buir bei Kerpen; † 5. März 2017

Die Wiener Staatsoper ist tief betroffen vom Tod KS Kurt Molls, der – wie gestern Abend bekannt wurde – am Sonntag nach einer langen, schweren Erkrankung im Alter von 78 Jahren verstorben ist. In Erinnerung bleibt er dem Publikum u. a. als Ochs im legendären Rosenkavalier unter Carlos Kleiber (1994).

An der Wiener Staatsoper debütierte der aus Buir bei Köln stammende Bass Kurt Moll schon am 29. Oktober 1972 als Gurnemanz (Parsifal) und war im Haus am Ring an insgesamt 132 Abenden zu erleben. Zu seinen Partien an der Wiener Staatsoper zählen neben dem Ochs im Rosenkavalier, den er hier 31 Mal verkörperte, Sarastro (Die Zauberflöte), Veit Pogner (Die Meistersinger von Nürnberg), Osmin (Die Entführung aus dem Serail), Hunding (Die Walküre), Fafner (Siegfried), Komtur (Don Giovanni), Gremin (Eugen Onegin), Rocco (Fidelio), König Marke (Tristan und Isolde), Daland (Der fliegende Holländer), Pimen (Boris Godunow), Eremit (Der Freischütz), Padre Guardiano (La forza del destino) und Heinrich (Lohengrin), Hermann (Tannhäuser). Seine letzte Vorstellung an der Wiener Staatsoper sang er am 15. April 1999 als Osmin. Am 19. März 1994 wurde ihm der österreichische Berufstitel Kammersänger  verliehen. PMWStOp

 

München, Bayerische Staatsoper, Boris Godunow von Modest Mussorgsky, IOCO Kritik, 16.05.2016

Mai 18, 2016 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Boris Godunow:  Zaristisches Drama, zeitlos inszeniert

Von Modest  Mussorgsky  nach  Alexander Puschkin

Das von Gewalt und Verrohung  gezeichnete Drama über den russischen Zaren  Boris  Godunow (1552 – 1605) veröffentlichte Alexander Sergejewitsch Puschkin in 1831. Modest Mussorgsky zeichnet 1870 in seinem „musikalischen Volksdrama“ Boris Godunow  Verzweiflung und Leiden des russischen Volkes; tiefe Streicher, Basstuba, Bassklarinette und Posaunen wogen mit Harfen, aber beständig in düsterem h-Moll. 

München / Staatsoper - Boris Godunow - Chor © Wilfried Hösl

München / Staatsoper – Boris Godunow – Chor © Wilfried Hösl

Calixto Bieito, Regisseur dieser Boris Godunow Produktion besitzt den Ruf als sicherer Garant von Skandal-Inszenierungen. In München folgte er  diesem Ruf nicht. Sein Boris Godunow ist modern neutral, Bezüge zu Russland gehen unter.  Die Manipulation des Volkes und Korruption durch herrschende Schichten, in zeitlosem Kontext, ist Fokus der Bieito Inszenierung; ohne sichtbaren Bezug auf das alt-zaristische Russland. Doch  ungefähre, moderne Bezüge auf ein geknechtetes Volk führen schnell in emotionale Leeren. So hängen die konkreten Heute-Nachrichten das Bühnengeschehen im Nationaltheater an Intensität ab. Doch Mussorgskys schwere h-Moll Komposition verführt den Besucher, die Tiefen von Puschkins Dichtung in zeitlosem Gewand zu erkunden. Dann jedoch wird die  Münchner Inszenierung in sieben massiven Bildern (Bühne Rebecca Ringst, Kostüme Ingo Krügler), ohne Pause, zu einem Ereignis voller Spannung und Dramatik.

München / Staatsoper - Boris Godunow - Chor © Wilfried Hösl

München / Staatsoper – Boris Godunow – Chor © Wilfried Hösl

Nikititsch, Oberpolizist (Friedmann Röhlig) und hochgerüsteten Polizisten prügeln  im ersten Bild energisch und brutal die Masse Volk. Der noch unentschlossene Boris Godunow (Alexander Tsymbaluk) soll sich zum neuen Zaren krönen zu lassen. Den nach Einfluss strebendenden  Hintermänner versprechen sich, dass  Boris Godunow ein manipulierbarer, nicht zu starker Zar zu werde.  Es wird mit großem Chor und Extrachor = Volk, mit Orchester, Posaunen und Glocken musikalisch mitreißende  Überzeugungsarbeit geleistet. Ist doch die Freude über den neuen Zaren groß und auch die Hoffnung auf ein besseres Leben. Dazu gilt es auch die Bojaren in Schach  zu halten.

München / Staatsoper - Boris Godunow © Wilfried Hösl

München / Staatsoper – Boris Godunow © Wilfried Hösl

Zar Boris thront  mit großem wohl timbrierten Baß und eindrucksvoller Leidensfähigkeit  während der mächtigen Krönungsszene auf einer Tribüne über seinem Volk: Dem will er nur Gutes, was jedoch nicht immer gelingt. In seinen Gemächern, tröstet er seine  durch den Verlust des Verlobten depressiv gewordene Tochter Xenia (Eri Nakamura) und beklagt das Versagen seiner Politik. Der alles hörende, wissende Fürst Schuiskij (Boris Pinkhasovich) stört mit höhnischen Tenor. Er berichtet von einem Ursurpator, der sich  als rechtmäßiger Zar Dimitri ausgebe und bereits eine größere Anhängerschaft um sich herum versammelt. Obwohl der Fürst beteuert, dass Dimitri wirklich tot sei, quälen Boris  Gewissensbisse. Boris weiß resignierend um seine Schuld, aber ist nicht kaltblütig genug sie zu übergehen. Er erscheint von Krankheit gezeichnet im Parlament und erlebt dort, wie die Bojaren über einander herfallen und, ganz neuzeitlich, mit einem Koffer  Geldscheine beruhigt werden. Handlanger Pimen (Ain Anger) und Mitjucha (Tareq Nazmi) stehen dem Fürsten zu Diensten. Auch hier wird Boris mit seinem Verbrechen konfrontiert. Der verstorbenen Zar Dimitri ist auch im Parlament gegenwärtig. Zu viel für Boris Godunow, er bricht zusammen und stirbt. Der falsche Dimitri erstickt seine Kinder und die Schankwirtin erschießt einen Polizisten.

München / Staatsoper - Boris Godunow © Wilfried Hösl

München / Staatsoper – Boris Godunow © Wilfried Hösl

In der zentralen Partie des Boris Godunow zeichnet Alexander Tsymbalyuk mit überragendem Charakterbass den seelischen und körperlichen Zusammenbruch  des Zaren. Die Besucher goutierten die zeitlos gehaltene  Inszenierung von Calixto Bieito. Großer Applaus jedoch galt Dirigent Vasily Petrenko und dem Bayerischen Staats-orchester, welche die elegische Fülle der Komposition Mussorgskys besonders in der Krönungsszene zum Ausdruck brachten. Ebenso großer Beifall galt Sören Eckhoff und seinen riesigen Chören, welche Resignation und Verzweiflung des Volkes stark wie glaubhaft Charakter verleihen. Tragisch klagende Klänge, großes Orchester, Chor und wunderbare Solisten, machen das Nationaltheater München an diesem Abend zu einem Ort der Besinnlichkeit   IOCO / D.  Zimmermann / 16.05.2016

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

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