Münster, Theater Münster, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 10.07.2018

Juli 10, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

DON GIOVANNI – Wolfgang Amadeus Mozart

Münsteraner Puppenkiste

Von Hanns Butterhof

An Münsters Großem Haus hat Christian von Götz Mozarts als Dramma goicoso bezeichnete Oper Don Giovanni als barockes Puppenspiel nahe am Kasperletheater inszeniert. Er orientiert sich bei der Personenzeichnung, den Kostümen und der Spielweise an der italienischen Commedia dell‘ arte, wobei das singende Personal zwar glänzen, die orchestrale Seite der Oper sich aber erst spät zur Geltung bringen kann.

   – Don Giovanni als barockes Puppenspiel –

Schon zur Ouvertüre scheint es von Götz darum zu gehen, dass erst einmal viel für das Auge und das Spaßbedürfnis geboten wird. In den überbordend phantasievollen Kostümen Sarah Mittenbühlers nehmen die Sängerinnen und Sänger auf einem Laufsteg vor dem Orchestergraben Platz. Sie plaudern und winken ihren Bekannten im Publikum zu, während das Bühnenbild Giorgiones „Schlummernde Venus“ zitiert (Bühne: Lukas Noll), die sich weder von dem hinter ihr aufziehenden, videogestützten Gewitter mit Blitz und Starkregen noch von der dicken Spinne beunruhigen lässt, die über sie hinwegkriecht. Schon hier in der auf ein Naturereignis heruntergedimmten Ouvertüre kommt das Orchester unter Golo Bergs flottem Dirigat gegen die optische Überwältigung kaum zur Geltung.

Theater Münster / Don Giovanni - hier : Versammelt in und vor der Puppenkiste Anna, Ottavio, Don Giovanni und Elvira mit Nina Koufochristou, Youn-Seong Shim, Filippo Bettoschi, Kristi Anna Isene © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Versammelt in und vor der Puppenkiste Anna, Ottavio, Don Giovanni und Elvira mit Nina Koufochristou, Youn-Seong Shim, Filippo Bettoschi, Kristi Anna Isene © Jörg Landsberg

Das geht auch über lange Strecken der im Stil eines Puppenspiels erzählten Geschichte vom wüsten Wirken des Womanizers Don Giovanni so weiter. Die Figuren sind ironisch gebrochen und kokettieren beständig mit dem Publikum. Don Giovanni (Filippo Bettoschi) ist mit elegantem Bariton ein dauerlächelnder Luftikus, der die Damen schon mit einem Handkuss in Ohnmacht fallen lässt. Mitunter betritt er sportlich am Seil schwingend die Szene oder flüchtet von ihr. Ihn verfolgt die von ihm verlassene Donna Elvira (Kristi Anna Isene). Rachedurstig mit einem Gewehr ausgestattet tritt sie mit ihrer Zerrissenheit zwischen Enttäuschung und Hoffnung mit perlenden Koloraturen zunehmend ins Zentrum. Die riesige rote Schleife, aus der Donna Elviras wohl aus dem Stoff des Venus-Kopfkissens genähtes Kleid besteht, offenbart als Geschenkverpackung überdeutlich, dass ihr tiefes Rachebedürfnis von ihrer tieferen Hingabewilligkeit an Giovanni locker überspielt wird. Sie ist so blind vor Liebe, dass sie nicht einmal bemerkt, dass Don Giovanni sie, allerdings mit seiner wunderbar ehrlich klingenden verlogenen Arie Elvira, idole mio! erst ans Fenster lockt, und sie dann seinem Diener Leporello (Gregor Dalal) an seiner Statt unterjubelt. Auch kann sie ihre wie aus der Klimbim-Familie stammende kleine Zofe (Verena Hierholzer) nicht davor schützen, zu Don Giovannis Beute zu werden.

Auch Donna Anna (Nina Koufochristou) ist hinter Don Giovanni her, vorgeblich um ihren von diesem versehentlich getöteten Vater (Stephan Klemm) zu rächen. Aber zu lange hatte sie mit Giovanni in einer Kiste mit der Aufschrift Finger weg! gesteckt, zu theatralisch beweint und streichelt sie den aus eben dieser Kiste herausragenden Fuß des toten Komturs – der kurz darauf mit dem Schild „tot“ aus der Kiste herauskrabbelt – ,  als dass ihre Erzählung von der vereitelten Verführung glaubhaft wäre. Immerhin gelingt ihr, ihren Verlobten Don Ottavio (Youn-Song Shim) mit spitzem Racheruf und virtuoser Leidensgeste zu bewegen, die Suche nach dem Verführer aufzunehmen. Für seine Folgsamkeit belohnt sie ihn mit selbstgestrickten gelben Kniestrümpfen mit rotem Herzchen-Muster.

Der Detail-Reichtum der Szenen zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. So kommt die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft sackhüpfend auf die Bühne. Die Braut Zerlina (Kathrin Filip) wirft sich ziemlich umstandslos Don Giovanni an den Hals, nachdem er sie auf sein Schloss eingeladen hat, und der tumbe Bräutigam Masetto (Christoph Stegemann) ist für seine Strafexpedition gegen Don Giovanni neben einer Kalaschnikow auch noch mit Panzerfäusten, Schwert und einem Sparschäler bewaffnet.

 Theater Münster / Don Giovanni - hier : Filippo Bettoschi als Don Giovanni und Kathrin Filip © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Filippo Bettoschi als Don Giovanni und Kathrin Filip © Jörg Landsberg

Erst gegen das ruhiger inszenierte Ende, wenn Youn-Song Shim mit allem tenoralen Schmelz seine Arie Il mio tesoro auf einem Podestchen wie in der Londoner Speakers Corner singt, kommt die tragische Seite der Oper zur Geltung. Da wird deutlich, dass die barocken Figuren tatsächlich den Charakter von Puppen haben, nicht Herr und nicht Frau ihrer blind verfolgten Handlungsmuster sind. Sie können daran leiden, aber nichts dagegen tun, wie es exemplarisch bei Donna Elvira der Fall ist. Wo sie dagegen aufbegehren, nicht mehr das sein wollen, was sie sind, scheitern sie komisch; nicht ohne Grund ist Leporello, der mit warmem Bariton äußerst einnehmende Gregor Dalal, der Harlekin. Wer gar nicht anders will, als er muss, wie Don Giovanni, fährt nicht als Strafe in die Hölle; konsequent hat von Götz die  finale Genugtuung über die gerechte Bestrafung des Bösewichts gestrichen. Zerlina und Masetto droht unweigerlich die Ehe-Hölle.

Gesanglich ist dieser Don Giovanni auf allen Positionen richtig gut besetzt, auch der von Inna Batyuk einstudierte Chor singt und spielt im Sinne der Regie engagiert.

Theater Münster / Don Giovanni - hier : Ensemble in Spielfreude © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Ensemble in Spielfreude © Jörg Landsberg

Spät, zu spät kann sich das Orchester in Übereinstimmung mit der Bühne zur Geltung bringen. Was bislang an differenziert kommentierendem Ausdruck verloren ging, lässt Golo Berg im Sinfonieorchester Münster nun vernehmlich aufleuchten. Der Farbenreichtum der Partitur, der Ernst und die Tragik werden hörbar, die auch den Menschen zukommen, die den Ausgang aus der vielleicht gar nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit nicht finden.

Man kann an der Richtigkeit des optimistisch auf mündiger Selbstbestimmung bauenden Menschenbildes der Aufklärung durchaus seine Zweifel haben. Ob es ein Gewinn ist, diesen Zweifel im Don Giovanni barock zu inszenieren, darf mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Das Publikum spendete großen, aber nicht ungeteilten Beifall für alle Beteiligten nach gut drei Stunden italienisch gesungener, in der Felsenstein-Übersetzung übertitelter Arien und deutscher, von Boris Cepeda am Hammerklavier virtuos begleiteter Rezitative.

Don Giovanni am Theater Münster; der nächste Termin: 13.7. 2018 um 19.30 Uhr.

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Dessau, Anhaltisches Theater Dessau, Konzerte im Oktober 2013

Oktober 15, 2013 by  
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Anhaltisches Theater Dessau,  Anhaltische Philharmonie

Anhaltisches Theater Dessau / Großes Haus © Claudia Heysel

Anhaltisches Theater Dessau / Großes Haus © Claudia Heysel

Konzerte im Oktober 2013

 
Zu Beginn seiner 15. Saison lädt der Anhaltische Kammermusikverein am Freitag, dem 18. Oktober um 19.30 Uhr zu einem Konzert der besonderen Art in die Dessauer Marienkirche ein. Das Publikum kann sich unter dem Motto „Vivat Bacchus!“ auf einen klingenden Wein-Abend freuen. Es musizieren das Salonorchester „Papillon“ und der Tenor David Ameln vom Anhaltischen Theater. Dazu wird durch das Delikatessengeschäft Gödecke Wein angeboten.
 
Am Sonnabend, dem 19. Oktober um 15.30 Uhr findet in der Orangerie des Georgiums bereits das 2. Kammerkonzert der Saison statt. Mitwirkende sind Weronika Ambrosio (Violine), Daniel Costello (Horn), Doreen Büring (Violoncello) und Boris Cepeda (Klavier). Das Programm enthält Werke von Florent Schmitt, John Harbison und Maurice Ravel sowie die Uraufführung eines Trios für Klavier, Violine und Waldhorn der polnischen Komponistin Gabriela Moyseowicz.
 
Für Kinder bietet die Anhaltische Philharmonie im Oktober dreimal die „Musikalische Schnitzeljagd“ an, bei der die Teilnehmer die im gesamten Theater verteilten Instrumentengruppen eines Orchesters kennenlernen. Termine sind der 16., 17. und 18. Oktober, jeweils 10.30 Uhr.
 
Eine musikalische Reise vom sturmumtosten Nordwesten Europas in den sonnigen Süden des Kontinents verspricht das 2. Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie unter dem Motto „Von Britannien nach Italien“. Die Reise beginnt bei den schottischen Hebriden-Inseln, die der junge Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 kennengelernt und später in einer Ouvertüre verewigt hat. In ein Fischerstädtchen an der Ostküste Englands führt uns Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“. Vier Orchesterzwischenspiele sowie eine eindrucksvolle Passacaglia daraus werden erklingen. Damit erinnert die Anhaltische Philharmonie gleichzeitig an den 100. Geburtstag des bedeutenden Komponisten Benjamin Britten. Mit dem jungen Engländer Harold landen wir im zweiten Teil des Konzertabends in Italien. Hector Berlioz schrieb 1834 für keinen Geringeren als Niccolò Paganini eine viersätzige Sinfonie mit Solo-Bratsche. Ihr Titel „Harold en Italie“ bezieht sich auf Lord Byrons Versepos „Childe Harold’s Pilgrimage“. Dieser Harold ist ein melancholischer Träumer, in dem sich sowohl der Dichter Byron als auch der Komponist Berlioz wiederfanden. Solist auf der Bratsche ist Nils Mönkemeyer, der 2010 schon einmal in Dessau zu Gast war. Als Exklusiv-Künstler bei Sony Classical brachte er in den letzten vier Jahren vier CDs heraus, die es – hoch gelobt in der Presse und ausgezeichnet mit Preisen – allesamt in die deutschen Klassik-Charts schafften. Am Dirigentenpult der Anhaltischen Philharmonie steht am 24. und 25. Oktober GMD Antony Hermus. An beiden Konzertabenden wird er in der Pause im Parkettfoyer die gerade neu erschienene CD der Anhaltischen Philharmonie mit der 5. Sinfonie und zwei Ouvertüren von August Klughardt signieren. Der Freitag (25.10.) ist wieder ein Philharmini-Termin. Ab 18.30 Uhr erhalten die Kinder eine spezielle Einführung ins Programm und nehmen dann in der 1. Parkettreihe Platz, um den Klängen von Mendelssohn und Britten zu lauschen.
 
—| Pressemeldung Anhaltisches Theater Dessau |—

Dessau, Anhaltisches Theater Dessau, Geburtstagsfeier für John Cage, 05.09.2012

August 24, 2012 by  
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Anhaltisches Theater Dessau,  Anhaltische Philharmonie

no music, no concert, no lecture, nothing – Eine Geburtstagsfeier für John Cage

Anhaltisches Theater Dessau / John Cage © Archiv

Anhaltisches Theater Dessau / John Cage © Archiv

Am Mittwoch, 5. September lädt das Anhaltische Theater zu einem Konzert, das dem amerikanischen Komponisten und Künstler John Cage anlässlich seines 100. Geburtstags gewidmet ist, um 19 Uhr auf die Bauhausbühne ein. Cage, am 5. September 1912 in Los Angeles geboren, war Komponist, Musiker, Philosoph, Literat und Denker, gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten Komponisten des 21. Jahrhunderts. Seine Arbeiten, die als Schlüsselwerke des 21. Jahrhunderts in kompositorischer wie musiktheoretischer Hinsicht gelten, hatten entscheidenden Einfluss u.a. auf die Fluxus- und Happening-Bewegung. Daniel Carlberg, 1. Kapellmeister und Stellvertreter des GMD am Anhaltischen Theater und Generalintendant André Bücker, knüpfen mit dieser Veranstaltung, jenseits gängiger Formate, an die vergangenen Konzertinstallationen wie „staging the bauhaus“ an und setzen die enge Zusammenarbeit mit der Stiftung Bauhaus Dessau fort.

Daniel Carlberg hat als Experte für Moderne Musik dem Publikum bereits Werke der Avantgarde mit charmanten und humorvollen Konzerten im Bauhaus präsentiert. André Bücker inszenierte bereits 2007 das Tanztheater „…und frei, in stiller Selbstgewalt“, als Uraufführung in Halberstadt in Zusammenarbeit mit dem dortigen John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt „As SLow aS Possible“. Ergänzt wird das Team um die experimentierfreudigen Musiker Dorothee Dietz, Boris Cepeda, Gerald Manske und Andreas Meier sowie Anna-Maria Tasarz, Tänzerin am Anhaltischen Theater.

Unter dem Titel „Stille, Geräusche, Bewegung, Musik, Sprache, Tanz, Nichts?“ überlässt die szenisch-musikalische Installation auf der Bauhausbühne alles dem Zufall. Keine Verabredungen, keine geprobten und einstudierten Abläufe. Nur die Dauer ist vorgeben. Der gesamte Raum der Bauhausbühne wird in Bewegung gesetzt und zum Klingen gebracht (vielleicht aber auch nicht). Das Happening mit Material von John Cage lässt in genau 100 Minuten ein einzigartiges, nicht wiederholbares Kunstwerk entstehen. Dies ist die angemessene Form einer Geburtstagsfeier für einen der bemerkenswertesten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts.

 In Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau.

Musikalische Leitung: Daniel Carlberg | Inszenierung: André Bücker

Mit: Dorothee Dietz, Anna-Maria Tasarz, Boris Cepeda, Gerald Manske, Andreas Meier

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Dessau, Anhaltisches Theater Dessau, Der letzte Einruf!!! Folge 8: Faust, 12.03.2012

Februar 28, 2012 by  
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Anhaltisches Theater Dessau,  Anhaltische Philharmonie

„Der letzte Einruf!!!“ Folge 8: „Faust“

Inspizient Leo Polte VIII. erklärt das Theater und die Welt –

Ein heiterer Abend mit Gerald Fiedler, viel Musik und einem Überraschungsgast

Anhaltisches Theater Dessau / Der letzte Einruf_Gerald Fiedler © Claudia Heysel

Anhaltisches Theater Dessau / Der letzte Einruf_Gerald Fiedler © Claudia Heysel

Zum achten Mal öffnet am Dienstag, 6. März um 19.30 Uhr Kult-Inspizient Leo Polte VIII. die Chroniken des Theaters und seiner Familie, um zu berichten, wie Leo III. grausame Rache für den von Richard Wagner verschuldeten Freitod seines Vaters nahm. Darüber hinaus erfährt das Publikum u.a., warum es in Dresden so wenige Adoptionen gibt, wie viele Mütter Yassir Arafat hatte und wieso Mario Basler die bevorstehende Faust-Aufführung vermutlich nicht besuchen wird.

Ein “überaus ernster” Abend mit Gerald Fiedler, einem Überraschungsgast und viel Musik.

Am Klavier: Boris Cepeda

Weiter Termine: 12.03., 19.30 Uhr / 15.03., 19.30 Uhr

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