Wien, Volkstheater, Comedian Harmonists: Singen bis die Nazis kommen, IOCO Kritik, 26.06.2013

Juni 27, 2013 by  
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Volkstheater Wien

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien: Großes Sprechtheater im Wiener Kulturreigen

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Volkstheater Wien © Christoph Sebastian

Das Volkstheater entwickelte sich als Spielstätte mit eigener künstlerischer und stilistischer Kraft im unendlich reichhaltigen Wiener Kulturreigen. Gegründet 1889 von Wiener Bürgern, darunter Ludwig Anzengruber und  Möbelfabrikant Thonet, verkörpert das im Stil des Historismus erbaute Volkstheater ein wenig das bürgerliche Gegenstück zum gelegentlich als  elitär angesehenen Wiener Burgtheater. Das Volkstheater will mit seinem Spielplan breite Bevölkerungsschichten erreichen und bietet mit seinen 970 Sitzplätzen die zweitgrößte Sprechbühne Wiens. Der attraktive Zuschauerraum ist im Originalzustand erhalten und war ehemals der größte des deutschen Sprachraumes, sogar größer als der des Burgtheaters. Über 200.000 Besucher finden heute jährlich Spannung, Begeisterung aber auch Entspannung im Volkstheater.

Die „Comedian Harmonists“ am Wiener Volkstheater

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Volkstheater Wien / Comedian Harmonists © Lalo Jodlbauer

Das Volkstheater ließ die beliebten, wenn auch viel strapazierten Comedian Harmonists wieder aufleben. Warum diesmal hier? Weil Intendant Michael Schottenberg nicht nur über ein ausgezeichnetes Schauspieler-Ensemble verfügt, sondern auch, weil er mit den Comedian Harmonists ein zeitpolitisches Stück auf die Bühne bringen wollte: „Der Bedrohung durch ewig Gestrige widerstehen„, war Schottenbergs Petitum, als er das Stück auf den Spielplan 2012/13 des Volkstheaters setzte. Wirken wie Schicksal der sechs Comedian Harmonists soll nach Schottenberg dauerhaft präsent bleiben: Nach zunächst riesigen Erfolgen wurden 1935 den Comedian-„Ariern“ Biberti, Bootz und Leschnikoff verboten „weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren„. Die Gruppe löste sich in der Folge auf. Die „Nicht-arischen“ Comedians Collin, Cycowski und Frommermann wanderten 1941 aus.

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Volkstheater, Comedian Harmonists Plakat © Volkstheater

Das Volkstheater-Ensemble bringt das Schicksal der Comedian Harmonists im Dritten Reich,  die unglaubliche Geschichte dieses einst berühmtesten Gesangsensembles der Welt, schauspielerisch und stimmlich mit  einfühlsamer Sensibilität aber auch einnehmendem Charme auf die Bühne, allen voran Marcello de Nardo als Harry Frommermann (er hat mit Schottenberg auch Regie geführt), und der ehemalige Mozart-Sängerknabe Patrick Lammer in der Rolle des Ari Leschnikoff. Nach einem Buch von Gottfried Greiffenhagen wurden die „CH“ von Franz Wittenbrink musikalisch für das Volkstheater eingerichtet. Dem Publikum gefiel es; Ohrwürmer haben immer Saison. „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Ein Freund, ein guter Freund“, „In der Bar zum Krokodil“ – Lieder wie diese sind dank der „CH“ bis heute wahre Evergreens geblieben.

Die Aufführung der Comedian Harmonists im Wiener Volkstheater endete mit dem erhörten Wunsch nach Zugaben nach drei mitreißenden Stunden mit „standing ovations“.  Intendant Schottenberg gelingt mit dieser Produktion ein Volkstheater-Saisonende  nach Maß: Künstlerisch anspruchsvoll, volles Haus und begeisterte Besucher.

IOCO / Angela Thierry / 24. Juni 2013