Wien, Wiener Staatsoper, Neues Management – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 09.05.2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

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Spielplan 2020/21 der Staatsoper – Mit neuem Management

Roscic, Schläpfer, Jordan – folgen – Meyer, Legris

von Marcus Haimerl

Das neue Management der  Wiener Staatsoper hatte Pech in seinem ersten Auftritt:  Am 26. April 2020 sollte die Spielzeit 2020/21, in neuer Aufmachung, erstmals vor großem Publikum auf der Bühne der Wiener Staatsoper mit ausgewählten Sängern präsentiert werden statt, wie zuvor über viele Jahre praktiziert, vor der ausgewählten internationalen Presse. Aber die Corona-Pandemie beendete schon die erfolgreiche 10-jährige Amtszeit von Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Ballettdirektor Manuel Legris Mitte März 2020 ohne großen Abschied und eher zufällig kurz nach dem Opernball. Die Pandemie  zwang auch den neuen Staatsoper-Direktor Bogdan Roscic,  seine Absichten und Ideen  zur Spielzeit 2020/21 anders als geplant, vor leerem Haus auf der Bühne der Staatsoper, vorzustellen. Die weiteren neuen Manager wurden dort per Video zugeschaltet.

Bogdan Roscic stellt sich vor
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Der designierte Staatsoperndirektor Bogdan Roscic, * 1964, präsentierte dort, im Interview mit ORF III Moderator Peter Fässlacher, seine Pläne für die  Spielzeit 2020/21 und die Zukunft des Hauses unter seiner Leitung. Roscic leitete zuletzt die Klassik-Sparte von Sony Music; Führungserfahrung oder Erfolge  in der Leitung von Musiktheater besitzt er nicht.  Das  weitere neue Management der Staatsoper, Jordan und Schläpfer, wurde während der Präsentation per Video zugeschaltet:  Philippe Jordan, *1974,  bisheriger Chefdirigent der Wiener Symphoniker übernimmt die seit 2014, dem Abgang von Franz Welser-Möst, vakante Position als zukünftiger Musikdirektor der Staatsoper.  Martin Schläpfer, *1959, ehemals Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf, löst in Wien den bisherigen Ballettdirektor Manuel Legris  ab.

Der Fokus der ersten Spielzeit mit 10 Premieren von Direktor Bogdan Roscic liegt in einer raschen musikalischen und szenischen Erneuerung des Kernrepertoires. In den kommenden fünf Jahren soll es zumindest eine Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner und einer Oper der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Auch die Öffnung des Hauses für alle, auch für junges Publikum liegt Roscic am Herzen.  Vorsatz oder Dilettantismus: in jedem Fall auffällig:  Die Präsentation Bogdan Roscic enthielt, mit Ausnahme eines, wenn auch  dezenten  Seitenhiebes („Auslastungsstreber“), keine Würdigung oder Verpflichtung  der höchst erfolgreichen Tätigkeit der Vorgänger Dominique Meyer oder Manuel  Legris. Ebenso auffällig ist für neutrale  Beobachter, dass auch der zuständige Bundesminister bzw. Staatssekretär/in öffentlich keinen optisch wie  sprachlich geordneten Übergang auf „die Neuen“  in diese für ganz Österreich so populäre Position moderierte.

So passten die von  der Corona-Krise verursachten Unebenheiten bestens in die weitere denkwürdige Choreographie der Vorstellung des Spielplanes 2020/21 der Wiener Staatsoper.

Intendant Dominique Meyer © IOCO

Intendant Dominique Meyer © IOCO

IOCO dankt Dominique Meyer für seine Jahre an der Staatsoper

Die Wiener Staatsoper unter Dominique Meyer  und Manuel Legris setzte in vielen Produktionen künstlerische Maßstäbe für Musiktheater weltweit. 620.000 Besucher füllten   alle Vorstellungen der Staatsoper nahezu bis auf den letzten Platz.  Dazu lag die Auslastung sowohl in den Sparten Oper und Ballett bei mehr als 99%. Die höchste dauerhafte Auslastung aller großen Musiktheater weltweit.
Erinnerlich: Direktoren normal oder schlecht besuchter Theater begründen niedrigen Publikumszuspruch regelmäßig selbsterhöhend – mit den besonderen Ansprüchen ihrer Produktionen, siehe unten.

Der künftige Staatsoperndirektor, der sich selbst als unbeschriebenes Blatt in der Funktion als Theaterdirektor bezeichnet, stellte den Spielplan 2020/21 mit der ungewöhnlichen Ansicht vor,  die unter seinem Vorgänger Dominique Meyer stetig erzielten  hohen Auslastungen seien „für ihn“ keine Vorgaben:  „Die Wiener Staatsoper ist da um großartig zu sein, um Erlebnisse zu bieten auf absolutem Spitzenniveau, die sonst nirgendwo geboten werden können und ohne die das Leben arm wäre. Wenn sie das tut wird sie auch immer brechend voll sein.“, so Bogdan Roscic.  Der  von der Rheinoper Düsseldorf kommende  neue Ballettdirektor Martin Schläpfer wurde in Düsseldorf nie heimisch. Die unter seinem Vorgänger, Ballettdirektor Youri Vamos bis 2011 stets prall gefüllte Rheinoper erreichte Martin Schläpfer nur selten; mit neuen Choreographien  erzielte er über Jahre nur wenig Breitenwirksamkeit und nur durchschnittliche Gesamt-Auslastungen von 75%. So weigerte sich Schläpfer in Düsseldorf bei IOCO-Nachfragen konstant über Auslastung zu sprechen („über Auslastung rede ich nicht“). Das benachbarte Aalto Ballett Essen ist deutlich beliebter: seine Auslastung liegt seit Jahren bei 85%.

Bogdan Roscic – Paradigmen der kommenden Spielzeit

Im Zeichen der Auseinandersetzung und Erneuerung des Kern-Repertoires

In zehn Premieren werden zehn auf ihre Art absolut zentrale Opern neu auf die Bühne gebracht, darunter einige der meistgespielten Werke des Repertoires. Die Arbeit an diesen Projekten ist stark durch die Wiedereinführung der Position des Musikdirektors bestimmt: Philippe Jordan ist nicht nur wesentlicher Teil des neuen künstlerischen Führungsteams, sondern wird, auch an vielen Abenden am Dirigentenpult stehen – so bereits bei der Eröffnungspremiere der Saison.

Ein zentraler Schwerpunkt der neuen Direktion liegt neben der Beschäftigung mit Fragen des musikalischen Bereichs vor allem im Dialog und der Balance zwischen musikalischer Arbeit und szenischem Anspruch. Daher wird das Führungsteam seine Vorhaben der ersten Spielzeit gemeinsam mit den wichtigsten Regisseuren der Opernwelt umsetzen. Fast alle von ihnen arbeiten zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper. Durch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Premieren gehen auch einige ihrer bereits legendär gewordenen, stilbildenden Inszenierungen innerhalb einer Saison neu erarbeitet in das Repertoire der Wiener Staatsoper ein.

Programmatisch werden von der neuen Direktion drei Schwerpunkte gesetzt: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die eine Brücke zwischen Tradition und zeitgenössischer Komposition bilden. Diese drei Schwerpunkte werden sich in jeder der von der neuen Direktion verantworteten Spielzeiten wiederfinden. Parallel zu den zehn neuen Projekten widmet sich die Wiener Staatsoper einer Reihe von klar als solchen gekennzeichneten Wiederaufnahmen. Neben den bekanntesten Namen der Opernwelt werden an der Spiel-zeit viele für die Staatsoper neue Künstlerinnen und Künstler in ihren Haus-Debüts mitwirken, vokal ebenso wie am Dirigentenpult. An dieses kehren in Folge aber auch vertraute, wichtige Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Die Wiener Staatsoper ist für alle da. Sie auch konsequent für alle zu öffnen, ist ein weiteres Ziel, das sich die neue Direktion vorgenommen hat. Eine dafür zentrale Maßnahme ist die intensive Weiterführung des Kinderoper-Programms, das stärker ans Haus selbst gebracht wird. Mozarts Entführung wird für Kinder als Wander-Theater an besonderen Plätzen der Staatsoper gezeigt, auch ein verdichteter, auf Deutsch neu erzählter, Barbier von Sevilla wird im Großen Haus zu sehen sein. Die Saison 2020/21 ist auch der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Compagnie.

Elektra – 2020/21 – ab 8.9.2020 wieder auf dem Spielplan
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Zehn Opern-Premierenproduktionenin der Saison 2020/21

– 7. September 2020 – MADAMA BUTTERFLY   von Giacomo Puccini

Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Anthony Minghella, Regie & Choreographie Carolyn Choa,

Mit: Cio-Cio-San Asmik Grigorian, Pinkerton Freddie De Tommaso, Sharpless Boris Pinkhasovich

Diese poetische, aufsehenerregende Inszenierung des Oscar-Preisträgers Anthony Minghella (Der englische Patient, Der talentierte Mr. Ripley), wird als erste Premiere in Wien von Carolyn Choa, die sie als Choreographin gemeinsam mit ihrem im Jahr 2008 verstorbenen Ehemann und Regisseur Minghella erarbeitet hat, neu einstudiert. Asmik Grigorian gibt ihr Staatsoperndebüt in der Rolle der Cio-Cio-San. Ebenso erst-mals am Haus zu sehen: Freddie De Tommaso als Pinkerton. Philippe Jordan nimmt mit diesem Dirigat seine Arbeit als Musikdirektor auf und übergibt in der dritten Aufführungsserie an Hausdebütantin Joana Mallwitz. Unter ihrer Leitung gibt Roberto Alagna nach fast 100 Auftritten in 15 unterschiedlichen Opern mit dem Pinkerton ein wichtiges Rollendebüt an der Wiener Staatsoper.

– 12. Oktober 2020 – Die Entführung aus dem Serail – Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung Antonello Manacorda, Inszenierung Hans Neuenfels

Konstanze Lisette Oropesa, Blonde – Regula Mühlemann, Belmonte – Daniel Behle, Pedrillo – Michael Laurenz, Osmin – Goran Juric, Bassa Selim – Christian Nickel

Ein Klassiker der Musiktheaterregie ist Hans Neuenfels’ nun für Wien weiterentwickelte, ebenso poetische wie skurrile, existentiell anrührende wie heiter skeptische Meditation über das Gegen- und Miteinander von Gesang und Schauspiel. Neuenfels, der demnächst seinen 79. Geburtstag feiert, besetzt alle solistischen Gesangsrollen noch einmal mit Schauspielern. Seine Neufassung des Librettos behält alle Handlungsmomente des Originals bei, zugleich reflektieren sich Schauspiel und Gesang in Spiegelungen und Verflechtungen. Unter der Leitung von Antonello Manacorda singen und spielen unter anderem die Koloratursopranistin Lisette Oropesa in der Rolle der Konstanze sowie das langjährige Burgtheater- und heutige Theater in der Josefstadt-Ensemblemitglied Christian Nickel in der Rolle des Bassa Selim. In der zweiten Serie singt – erstmals am Haus – Brenda Rae die Partie der Konstanze.

– 25. Oktober 2020 – EUGEN ONEGIN von Piotr I. Tschaikowski

Musikalische Leitung Tomáš Hanus, Inszenierung Dmitri Tcherniakov

Mit: Tatjana – Tamuna Gochashvili, Eugen Onegin – Andrè Schuen, Lenski – Bogdan Volkov, Fürst Gremin – Dimitry Ivashchenko,

Die 2006 am Bolschoi Theater Moskau herausgebrachte Inszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov ist rund um die Welt gegangen und bis heute eine seiner wichtigsten geblieben. Tcherniakov schuf einen hermetisch anmutenden, klassizistischen Speisesaal, in dem sich ein zeitloses inneres Geschehen abspielt. Zentrales Gestaltungselement ist ein langer Tisch, der als Ort des geteilten festlichen Lebensgenusses die unaufhebbare Entfremdung der Figuren umso fühlbarer macht. In nahezu allen solistischen Rollen geben Vertreter einer jungen Sängergeneration, angeführt vom neuen Ensemblemitglied Tamuna Gochashvili als Tatjana und Andrè Schuen als Onegin, ihr jeweiliges Hausdebüt. Dirigent der Neuproduktion ist Tomáš Hanus, der das Werk hier erstmals dirigiert.

Das verratene Meer – hier von Wieler, Morabito vorgestellt
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– 13. Dezember 2020 – DAS VERRATENE MEER von Hans Werner Henze

Musikalische Leitung Simone Young, Inszenierung Jossi Wieler & Sergio Morabito,

Mit: Fusako Kuroda – Vera-Lotte Boecker, Noboru – Josh Lovell – Ryuji Tsukazaki – Bo Skovus

Die Vorlage zu Das verratene Meer stammt aus der Feder des »enfant terrible« der japanischen Nachkriegsliteratur, Yukio Mishima, dessen Roman Gogo no Eiko (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Der Seeman, der die See verriet) der Oper zugrunde liegt. Hans Werner Henze lässt den subtilen Horror der Vorlage Klang werden – beunruhigend und verführerisch zugleich. Die Staatsoper bietet eine grandiose Riege von Sängerdarstellern auf, darunter, neu im Ensemble, die Sopranistin Vera-Lotte Boecker als Fusako, Josh Lovell, seit der Saison 2019 / 20 im Ensemble, als Noboru oder Bo Skovhus mit seinem Rollendebüt als Ryuji. Die für einen großen Orchesterapparat konzipierte Partitur wird von Simone Young dirigiert, die das Publikum wie kaum eine Zweite für die klassische Moderne zu begeistern weiß. Sein Regiedebüt an der Wiener Staatsoper gibt das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito (letzterer ab Beginn der neuen Spielzeit auch Chefdramaturg im Haus am Ring). Gemeinsam mit Anna Viebrock, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet, haben sie weltweit schon über 20 Opern inszeniert.

Die weiteren Premieren der Spielzeit 2020/21 – links HIER!

CARMEN am 6.2.2021, La Traviata am 4.3.2021, Parsifal am 1.4.2021, FAUST am 23.4.2021, L´Incoronazione di Poppea am 22.5.2021, Macbeth am 10.6.2021

 

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Wien, Wiener Staatsoper, Die Wiener Staatsoper trauert – KS Rolando Panerai, 25.10.2019

Oktober 25, 2019 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 Wiener Staatsoper trauert – KS Rolando Panerai

Die Wiener Staatsoper trauert um Kammersänger Rolando Panerai, der am Mittwoch, 23. Oktober 2019, 95jährig in Florenz verstorben ist. Der weltweit gefeierte italienische Bariton war über vier Jahrzehnte regelmäßiger Gast im Haus am Ring, wo er am 12. Juni 1956 als Enrico (Lucia di Lammermoor) im Rahmen des legendären Gastspiels der Mailänder Scala mit Maria Callas als Lucia debütierte. Insgesamt sang er an der Wiener Staatsoper 131 Vorstellungen, darunter u. a. Giorgio Germont (La traviata), Figaro in Il barbiere di Siviglia und Le nozze di Figaro, Don Alfonso (Così fan tutte), Marcello (La Bohème), Sharpless (Madama Butterfly) und Ford (Falstaff). Am 22. Oktober 1998 trat er als Dulcamara (L’elisir d’amore) zum letzten Mal im Haus am Ring auf. Zu seinen Auszeichnungen zählen u. a. die Verleihung des österreichischen Berufstitels Kammersänger  am 5. Oktober 1992.

Rolando Panerai wurde am 17. Oktober 1924 in Campi Bisenzio bei Florenz geboren und absolvierte seine musikalische Ausbildung am Konservatorium von Florenz sowie in Mailand. 1947 debütierte er am Teatro San Carlo in Neapel, 1952 an der Mailänder Scala. Gastspiele führten ihn u. a. an alle führenden italienischen Opernhäuser, das Londoner Royal Opera House, an die New Yorker Met, zu den Salzburger Festspielen, nach Aix-en-Provence, an das Bolschoi Theater, nach Rom, Venedig, Paris, Brüssel, Athen, Berlin, Zürich, Amsterdam, Rio und San Francisco.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Premiere: SALOME, 22.11.2015

November 2, 2015 by  
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Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Salome  von Richard Strauss

Premiere am Sonntag, 22. November 2015, um 19 Uhr, Weitere Vorstellungen:
1. | 4. | 8. | 15. Dezember 2015, 13. | 17. | 21. | 30. Januar 2016

Salome, eine Frau, die ihr erotisches Begehren mit tödlicher Gewalt durchsetzt, avancierte ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Inbild weiblicher Grausamkeit, aber auch purer Erotik und zur wirkungs-mächtigsten biblisch-mythologischen Frauengestalt in Literatur und Musik. Oscar Wilde beschwor ihre Gestalt in seinem 1896 uraufgeführten Prosadrama, das Richard Strauss 1905 im Wortlaut vertonte: ein rauschender Tanz in den Abgrund, der zum Sinnbild der »décadence« wurde. Die Aufführungsverbote prüder Zensoren vermochten den Sensationserfolg des Werks nicht zu verhindern. Bis in unsere Zeit hat diese Oper nichts von ihrer gleichermaßen faszinierenden wie verstörenden Kraft verloren.

Als zweite Neuproduktion der Spielzeit feiert Richard Strauss’ 1905 uraufgeführte Oper Salome am Sonntag, 22. November 2015, um 19 Uhr Premiere. Regie führt Kirill Serebrennikov, derzeit einer der spannendsten Opern-, Schauspiel- und Filmregisseure Russlands. Die Stuttgarter Salome ist nach American Lulu an der Komischen Oper in Berlin (2012/13) seine zweite Opernarbeit in Deutschland; in Russland inszenierte er u.a. Der Goldene Hahn am Bolschoi Theater und Falstaff am Mariinskij Theater. Er ist Intendant des Moskauer Gogol-Centers, eines genreübergreifenden Theaterlabors, und wurde u.a. 2012 mit dem russischen Theaterpreis „Goldene Maske“ ausgezeichnet. Auch als Filmregisseur hat sich Serebrennikov international einen Namen gemacht: Sein Film Opfer vom Dienst wurde beim Filmfestival in Rom 2006 zum „Besten Film“ gekürt, Ismena (Untreue) wurde 2012 für den „Goldenen Löwen“ beim Filmfestival in Venedig nominiert. Die musikalische Leitung von Salome übernimmt Roland Kluttig. Der Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg hat in Stuttgart zuletzt die Uraufführung von Richard Ayres‘ Peter Pan musikalisch erarbeitet, deren Wiederaufnahme er neben Repertoirevorstellungen von Der Freischütz auch in dieser Spielzeit wieder dirigieren wird. Der französische Szenograf und Bühnenbildner Pierre Jorge Gonzales entwirft den Bühnenraum, für die Kostüme zeichnet ebenfalls Kirill Serebrennikov verantwortlich. Der russische Videokünstler Ilya Shagalov wird die Produktion mitgestalten. Er hat bereits bei mehreren Schauspielinszenierungen mit Kirill Serebrennikov zusammengearbeitet.

Simone Schneider und Matthias Klink aus dem Stuttgarter Solistenensemble werden ihre Rollendebüts als Salome und Herodes geben. Kammersängerin Claudia Mahnke, die von 1996 bis 2006 an der Stuttgarter Oper fest engagiert war, kehrt für ihr Debüt als Herodias an ihr ehemaliges Stammhaus zurück. Der schottische Bass-Bariton Iain Paterson, der erst jüngst als Kurwenal in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen gastierte, wird als Jochanaan zum ersten Mal an der Oper Stuttgart zu hören sein. Fünf der sechs Mitglieder des aktuellen Opernstudios werden in der Produktion mitwirken: Idunnu Münch als Page, Ian José Ramirez als 3. Jude, Eric Ander als 5. Jude, Dominic Große als 2. Nazerener und Esther Dierkes als Sklavin.

Regisseur Kirill Serebrennikov behandelt Oscar Wilde und Richard Strauss für sein Inszenierungskonzept als zeitgenössische Autoren. In den verschiedenen Dimensionen der Inszenierung lässt er ein Netz aus Bezügen zu Gegenwart und Vergangenheit des Salome–Stoffs entstehen. Zudem erinnern ihn die Vorgänge am Hofe des Tetrarchen Herodes durchaus auch an heutige Konflikte zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen. „Ich glaube zwar nicht“, so der Regisseur, „dass das Theater eine Lösung für diese Probleme bieten kann, jedoch kann es dem Publikum einen Spiegel vorhalten und es dazu anregen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.“

………………..

Öffentliche Probe
Samstag, 7. November 2015, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus
Regisseur Kirill Serebrennikov gibt Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee
Sonntag, 15. November 2015, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt einen Einblick in die Konzeption der Neuinszenierung.

Nach(t)gespräch
Donnerstag, 21. Januar 2016
Mitwirkende der Produktion beantworten im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.

Einführung vor jeder Vorstellung
Eine Einführung findet vor jeder Vorstellung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang statt.

Pressemeldung Oper Stuttgart

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Sanierungs-Lotterie: Keiner wird gewinnen! 29.12.2014

Staatsoper Unter den Linden / Man ist mal eben im Schiller Theater © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Man ist mal eben im Schiller Theater © IOCO

Staatsoper im Schiller Theater

Berliner Lindenoper-Debakel
Eröffnungs-Lotterie: 2013 – 2015 – 2017 – 20… ??

Laut Berliner Senat aus 2008 sollte die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden   €239 Mio. kosten und Ende 2013 abgeschlossen sein. €200 Mio. der Sanierung übernimmt der Bund, das Land Berlin trägt alle Kosten, die €200 Mio. übersteigen. So die Eckpunkte einer alltäglich scheinenden Sanierung, welche dem Land Berlin nun teuer zu stehen kommen werden. Denn es kommt mal wieder ganz anders in Berlin!

Brandenburger Tor, Berlin © IOCO

Brandenburger Tor, Berlin © IOCO

Während der Sanierung, so Teil der Eckpunkte, soll der Spielbetrieb der Lindenoper weitgehend unbehindert weitergehen. Mit dieser Maßgabe wurde die Staatsoper samt Ensemble 2010 in das mit 974 Plätzen kleine Schiller Theater gepfercht, dessen Sanierung zusätzliche €23 Mio. gekostet hatte. Kuriosum: Das Schiller Theater liegt in Sichtweite der Deutschen Oper Berlin, mit 1.954 Plätzen eines der größten Musiktheater Deutschlands. Die Option, während der Dauer der Sanierung, ohne eigene Spielstätte kostenreduzierend tätig zu sein (zurzeit in München von der Staatsoper am Gärtnerplatz blendend praktiziert) wurde für die Staatsoper Berlin verpasst. Im Gegenteil. Mit Beginn der Sanierung in 2010 erhielt die Staatsoper sogar noch einen neuen, große Theater gewohnten Intendanten: Jürgen Flimm. Flimms Vertrag läuft bis 2015.

Daniel Barenboim und Jürgen Flimm © IOCO

Daniel Barenboim und Jürgen Flimm © IOCO

Von 2008 bis Ende 2012 erklärte der Berliner Senat mantrahaft, dass die Sanierung €239 Mio. kosten und drei Jahre, 2010 bis Ende 2013, dauern würde. Im Mai 2013 meldete der Berliner Senat, dass ungebetene Pfahlbauten und schlechtes Wetter (!) die Sanierung bis Ende 2015 verzögern würde. Auch Daniel Barenboim mischte nun mit: Er forderte eine schwer umzusetzende Verlängerung der Nachhallzeit im Zuschauerraum. Berlins damaliger OB Klaus Wowereit gewohnt lakonisch: „Es gibt immer unvorhergesehene Dinge, wenn man mit Altbausubstanz arbeitet. Das ist eben hinzunehmen – sonst kann man gar nichts mehr bauen“. Gleichzeitig erklärte Senatsbaudirektorin Lüscher, dass trotz der Verzögerung geplante Kosten von €250 Mio. nicht überschritten würden. Manager der Baubranche widersprachen schon damals dieser Einschätzung: „Für die zeitlich dramatischen Verzögerungen sind Nachforderungen wahrscheinlich“.

Theater-Urgestein Intendant Flimm wird so die gesamte Dauer seines derzeitigen Vertrages, 2010 – 2015, mit der Leitung der lütten Ersatzspielstätte Schiller Theater verbringen müssen. Eine Aufgabe, welche auch preiswerter zu haben gewesen wäre.  Entsprechend sarkastisch äußerte sich Flimm auf der Jahrespressekonferenz der Staatsoper am 25.4.2013 auf die Nachfrage von Journalisten, ob die Eröffnung der sanierten Staatsoper im Herbst 2015 sicher sei: „…wir regen uns nicht mehr auf …vielleicht macht man aus der Staatsoper ein Abfertigungsgebäude für den Flughafen.“.

Sanierungsfall Lindenoper Berlin © IOCO

Sanierungsfall Lindenoper Berlin © IOCO

Das Sanierungselend der Staatsoper Unter den Linden hat Vorbilder, wenn auch nur wenige. Der Skandal um den Berliner Flughafen BER liegt der Lindenoper am Nächsten. Doch „künstlerisch“ verwandt und spektakulär ist das Debakel der Sanierung des Bolschoi Theater in Moskau. Die Sanierung des Bolschoi Theaters dauerte sieben Jahre (2005 – 2011), die Kosten explodierten von geplanten $181 Mio. auf über $1 Milliarde. Das Bolschoi Theater hatte dabei während der Sanierung auf eine eigene Spielstätte verzichtet, man gastierte weitgehend.

Im Dezember 2014 veröffentlichte Senatsbaudirektorin Lüscher die bisher letzten Korrekturen zum Planungsstand Lindenoper: Danach wird die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden €389 Mio. Direktkosten verursacht  haben und bis Herbst 2017 dauern, sieben Jahr insgesamt. Die Gesamtkosten der Sanierung, also einschließlich der uneingeschränkten Weiterführung des Opernbetriebs der Staatsoper Unter den Linden im Schiller Theater, werden bis 2017 weit über €500 Mio. gekostet haben. Zur Finanzierung der Mehrkosten von mindestens €200 Mio. für Sanierung und €100 Mio. durch Betrieb der Ersatzspielstätte Schiller Theater durch das Land Berlin verlautete bisher noch nichts. Im Finanzdebakel erfahrenen Berlin verhallte die Meldung zur Lindenoper nahezu geräuschlos.

Berliner Dom © IOCO

Berliner Dom © IOCO

IOCO schrieb im Januar 2013, dass „nach eigenen Berechnungen die Sanierung der Staatsoper bis 2017 dauern würde. Und tröstete, dass „sich russische Freunde in Berlin angesichts der Ähnlichkeiten mit der Bolschoi-Katastrophe eine Flasche Wodka öffnen und in Berlin heimisch fühlen“ würden. Mit dem Unterschied, dass das prunkvolle Bolschoi Theater als technisch und ästhetisch gelungen saniert gilt. In Berlin dagegen wird 2017 eine innen fast profane Staatsoper übergeben, deren Zuschauerraum keiner so recht wollte, mit schlechter Bühnensicht für die meisten Rang- und Randplätze. Dank Daniel Barenboim allerdings mit einer um 0,4 Sekunden verlängerten Nachhallzeit.     IOCO / Viktor Jarosch / 29.12.2014

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