Wien, Wiener Staatsoper, Neues Management – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 09.05.2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Spielplan 2020/21 der Staatsoper – Mit neuem Management

Roscic, Schläpfer, Jordan – folgen – Meyer, Legris

von Marcus Haimerl

Das neue Management der  Wiener Staatsoper hatte Pech in seinem ersten Auftritt:  Am 26. April 2020 sollte die Spielzeit 2020/21, in neuer Aufmachung, erstmals vor großem Publikum auf der Bühne der Wiener Staatsoper mit ausgewählten Sängern präsentiert werden statt, wie zuvor über viele Jahre praktiziert, vor der ausgewählten internationalen Presse. Aber die Corona-Pandemie beendete schon die erfolgreiche 10-jährige Amtszeit von Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Ballettdirektor Manuel Legris Mitte März 2020 ohne großen Abschied und eher zufällig kurz nach dem Opernball. Die Pandemie  zwang auch den neuen Staatsoper-Direktor Bogdan Roscic,  seine Absichten und Ideen  zur Spielzeit 2020/21 anders als geplant, vor leerem Haus auf der Bühne der Staatsoper, vorzustellen. Die weiteren neuen Manager wurden dort per Video zugeschaltet.

Bogdan Roscic stellt sich vor
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Der designierte Staatsoperndirektor Bogdan Roscic, * 1964, präsentierte dort, im Interview mit ORF III Moderator Peter Fässlacher, seine Pläne für die  Spielzeit 2020/21 und die Zukunft des Hauses unter seiner Leitung. Roscic leitete zuletzt die Klassik-Sparte von Sony Music; Führungserfahrung oder Erfolge  in der Leitung von Musiktheater besitzt er nicht.  Das  weitere neue Management der Staatsoper, Jordan und Schläpfer, wurde während der Präsentation per Video zugeschaltet:  Philippe Jordan, *1974,  bisheriger Chefdirigent der Wiener Symphoniker übernimmt die seit 2014, dem Abgang von Franz Welser-Möst, vakante Position als zukünftiger Musikdirektor der Staatsoper.  Martin Schläpfer, *1959, ehemals Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf, löst in Wien den bisherigen Ballettdirektor Manuel Legris  ab.

Der Fokus der ersten Spielzeit mit 10 Premieren von Direktor Bogdan Roscic liegt in einer raschen musikalischen und szenischen Erneuerung des Kernrepertoires. In den kommenden fünf Jahren soll es zumindest eine Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner und einer Oper der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Auch die Öffnung des Hauses für alle, auch für junges Publikum liegt Roscic am Herzen.  Vorsatz oder Dilettantismus: in jedem Fall auffällig:  Die Präsentation Bogdan Roscic enthielt, mit Ausnahme eines, wenn auch  dezenten  Seitenhiebes („Auslastungsstreber“), keine Würdigung oder Verpflichtung  der höchst erfolgreichen Tätigkeit der Vorgänger Dominique Meyer oder Manuel  Legris. Ebenso auffällig ist für neutrale  Beobachter, dass auch der zuständige Bundesminister bzw. Staatssekretär/in öffentlich keinen optisch wie  sprachlich geordneten Übergang auf „die Neuen“  in diese für ganz Österreich so populäre Position moderierte.

So passten die von  der Corona-Krise verursachten Unebenheiten bestens in die weitere denkwürdige Choreographie der Vorstellung des Spielplanes 2020/21 der Wiener Staatsoper.

Intendant Dominique Meyer © IOCO

Intendant Dominique Meyer © IOCO

IOCO dankt Dominique Meyer für seine Jahre an der Staatsoper

Die Wiener Staatsoper unter Dominique Meyer  und Manuel Legris setzte in vielen Produktionen künstlerische Maßstäbe für Musiktheater weltweit. 620.000 Besucher füllten   alle Vorstellungen der Staatsoper nahezu bis auf den letzten Platz.  Dazu lag die Auslastung sowohl in den Sparten Oper und Ballett bei mehr als 99%. Die höchste dauerhafte Auslastung aller großen Musiktheater weltweit.
Erinnerlich: Direktoren normal oder schlecht besuchter Theater begründen niedrigen Publikumszuspruch regelmäßig selbsterhöhend – mit den besonderen Ansprüchen ihrer Produktionen, siehe unten.

Der künftige Staatsoperndirektor, der sich selbst als unbeschriebenes Blatt in der Funktion als Theaterdirektor bezeichnet, stellte den Spielplan 2020/21 mit der ungewöhnlichen Ansicht vor,  die unter seinem Vorgänger Dominique Meyer stetig erzielten  hohen Auslastungen seien „für ihn“ keine Vorgaben:  „Die Wiener Staatsoper ist da um großartig zu sein, um Erlebnisse zu bieten auf absolutem Spitzenniveau, die sonst nirgendwo geboten werden können und ohne die das Leben arm wäre. Wenn sie das tut wird sie auch immer brechend voll sein.“, so Bogdan Roscic.  Der  von der Rheinoper Düsseldorf kommende  neue Ballettdirektor Martin Schläpfer wurde in Düsseldorf nie heimisch. Die unter seinem Vorgänger, Ballettdirektor Youri Vamos bis 2011 stets prall gefüllte Rheinoper erreichte Martin Schläpfer nur selten; mit neuen Choreographien  erzielte er über Jahre nur wenig Breitenwirksamkeit und nur durchschnittliche Gesamt-Auslastungen von 75%. So weigerte sich Schläpfer in Düsseldorf bei IOCO-Nachfragen konstant über Auslastung zu sprechen („über Auslastung rede ich nicht“). Das benachbarte Aalto Ballett Essen ist deutlich beliebter: seine Auslastung liegt seit Jahren bei 85%.

Bogdan Roscic – Paradigmen der kommenden Spielzeit

Im Zeichen der Auseinandersetzung und Erneuerung des Kern-Repertoires

In zehn Premieren werden zehn auf ihre Art absolut zentrale Opern neu auf die Bühne gebracht, darunter einige der meistgespielten Werke des Repertoires. Die Arbeit an diesen Projekten ist stark durch die Wiedereinführung der Position des Musikdirektors bestimmt: Philippe Jordan ist nicht nur wesentlicher Teil des neuen künstlerischen Führungsteams, sondern wird, auch an vielen Abenden am Dirigentenpult stehen – so bereits bei der Eröffnungspremiere der Saison.

Ein zentraler Schwerpunkt der neuen Direktion liegt neben der Beschäftigung mit Fragen des musikalischen Bereichs vor allem im Dialog und der Balance zwischen musikalischer Arbeit und szenischem Anspruch. Daher wird das Führungsteam seine Vorhaben der ersten Spielzeit gemeinsam mit den wichtigsten Regisseuren der Opernwelt umsetzen. Fast alle von ihnen arbeiten zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper. Durch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Premieren gehen auch einige ihrer bereits legendär gewordenen, stilbildenden Inszenierungen innerhalb einer Saison neu erarbeitet in das Repertoire der Wiener Staatsoper ein.

Programmatisch werden von der neuen Direktion drei Schwerpunkte gesetzt: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die eine Brücke zwischen Tradition und zeitgenössischer Komposition bilden. Diese drei Schwerpunkte werden sich in jeder der von der neuen Direktion verantworteten Spielzeiten wiederfinden. Parallel zu den zehn neuen Projekten widmet sich die Wiener Staatsoper einer Reihe von klar als solchen gekennzeichneten Wiederaufnahmen. Neben den bekanntesten Namen der Opernwelt werden an der Spiel-zeit viele für die Staatsoper neue Künstlerinnen und Künstler in ihren Haus-Debüts mitwirken, vokal ebenso wie am Dirigentenpult. An dieses kehren in Folge aber auch vertraute, wichtige Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Die Wiener Staatsoper ist für alle da. Sie auch konsequent für alle zu öffnen, ist ein weiteres Ziel, das sich die neue Direktion vorgenommen hat. Eine dafür zentrale Maßnahme ist die intensive Weiterführung des Kinderoper-Programms, das stärker ans Haus selbst gebracht wird. Mozarts Entführung wird für Kinder als Wander-Theater an besonderen Plätzen der Staatsoper gezeigt, auch ein verdichteter, auf Deutsch neu erzählter, Barbier von Sevilla wird im Großen Haus zu sehen sein. Die Saison 2020/21 ist auch der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Compagnie.

Elektra – 2020/21 – ab 8.9.2020 wieder auf dem Spielplan
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Zehn Opern-Premierenproduktionenin der Saison 2020/21

– 7. September 2020 – MADAMA BUTTERFLY   von Giacomo Puccini

Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Anthony Minghella, Regie & Choreographie Carolyn Choa,

Mit: Cio-Cio-San Asmik Grigorian, Pinkerton Freddie De Tommaso, Sharpless Boris Pinkhasovich

Diese poetische, aufsehenerregende Inszenierung des Oscar-Preisträgers Anthony Minghella (Der englische Patient, Der talentierte Mr. Ripley), wird als erste Premiere in Wien von Carolyn Choa, die sie als Choreographin gemeinsam mit ihrem im Jahr 2008 verstorbenen Ehemann und Regisseur Minghella erarbeitet hat, neu einstudiert. Asmik Grigorian gibt ihr Staatsoperndebüt in der Rolle der Cio-Cio-San. Ebenso erst-mals am Haus zu sehen: Freddie De Tommaso als Pinkerton. Philippe Jordan nimmt mit diesem Dirigat seine Arbeit als Musikdirektor auf und übergibt in der dritten Aufführungsserie an Hausdebütantin Joana Mallwitz. Unter ihrer Leitung gibt Roberto Alagna nach fast 100 Auftritten in 15 unterschiedlichen Opern mit dem Pinkerton ein wichtiges Rollendebüt an der Wiener Staatsoper.

– 12. Oktober 2020 – Die Entführung aus dem Serail – Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung Antonello Manacorda, Inszenierung Hans Neuenfels

Konstanze Lisette Oropesa, Blonde – Regula Mühlemann, Belmonte – Daniel Behle, Pedrillo – Michael Laurenz, Osmin – Goran Juric, Bassa Selim – Christian Nickel

Ein Klassiker der Musiktheaterregie ist Hans Neuenfels’ nun für Wien weiterentwickelte, ebenso poetische wie skurrile, existentiell anrührende wie heiter skeptische Meditation über das Gegen- und Miteinander von Gesang und Schauspiel. Neuenfels, der demnächst seinen 79. Geburtstag feiert, besetzt alle solistischen Gesangsrollen noch einmal mit Schauspielern. Seine Neufassung des Librettos behält alle Handlungsmomente des Originals bei, zugleich reflektieren sich Schauspiel und Gesang in Spiegelungen und Verflechtungen. Unter der Leitung von Antonello Manacorda singen und spielen unter anderem die Koloratursopranistin Lisette Oropesa in der Rolle der Konstanze sowie das langjährige Burgtheater- und heutige Theater in der Josefstadt-Ensemblemitglied Christian Nickel in der Rolle des Bassa Selim. In der zweiten Serie singt – erstmals am Haus – Brenda Rae die Partie der Konstanze.

– 25. Oktober 2020 – EUGEN ONEGIN von Piotr I. Tschaikowski

Musikalische Leitung Tomáš Hanus, Inszenierung Dmitri Tcherniakov

Mit: Tatjana – Tamuna Gochashvili, Eugen Onegin – Andrè Schuen, Lenski – Bogdan Volkov, Fürst Gremin – Dimitry Ivashchenko,

Die 2006 am Bolschoi Theater Moskau herausgebrachte Inszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov ist rund um die Welt gegangen und bis heute eine seiner wichtigsten geblieben. Tcherniakov schuf einen hermetisch anmutenden, klassizistischen Speisesaal, in dem sich ein zeitloses inneres Geschehen abspielt. Zentrales Gestaltungselement ist ein langer Tisch, der als Ort des geteilten festlichen Lebensgenusses die unaufhebbare Entfremdung der Figuren umso fühlbarer macht. In nahezu allen solistischen Rollen geben Vertreter einer jungen Sängergeneration, angeführt vom neuen Ensemblemitglied Tamuna Gochashvili als Tatjana und Andrè Schuen als Onegin, ihr jeweiliges Hausdebüt. Dirigent der Neuproduktion ist Tomáš Hanus, der das Werk hier erstmals dirigiert.

Das verratene Meer – hier von Wieler, Morabito vorgestellt
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– 13. Dezember 2020 – DAS VERRATENE MEER von Hans Werner Henze

Musikalische Leitung Simone Young, Inszenierung Jossi Wieler & Sergio Morabito,

Mit: Fusako Kuroda – Vera-Lotte Boecker, Noboru – Josh Lovell – Ryuji Tsukazaki – Bo Skovus

Die Vorlage zu Das verratene Meer stammt aus der Feder des »enfant terrible« der japanischen Nachkriegsliteratur, Yukio Mishima, dessen Roman Gogo no Eiko (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Der Seeman, der die See verriet) der Oper zugrunde liegt. Hans Werner Henze lässt den subtilen Horror der Vorlage Klang werden – beunruhigend und verführerisch zugleich. Die Staatsoper bietet eine grandiose Riege von Sängerdarstellern auf, darunter, neu im Ensemble, die Sopranistin Vera-Lotte Boecker als Fusako, Josh Lovell, seit der Saison 2019 / 20 im Ensemble, als Noboru oder Bo Skovhus mit seinem Rollendebüt als Ryuji. Die für einen großen Orchesterapparat konzipierte Partitur wird von Simone Young dirigiert, die das Publikum wie kaum eine Zweite für die klassische Moderne zu begeistern weiß. Sein Regiedebüt an der Wiener Staatsoper gibt das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito (letzterer ab Beginn der neuen Spielzeit auch Chefdramaturg im Haus am Ring). Gemeinsam mit Anna Viebrock, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet, haben sie weltweit schon über 20 Opern inszeniert.

Die weiteren Premieren der Spielzeit 2020/21 – links HIER!

CARMEN am 6.2.2021, La Traviata am 4.3.2021, Parsifal am 1.4.2021, FAUST am 23.4.2021, L´Incoronazione di Poppea am 22.5.2021, Macbeth am 10.6.2021

 

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Die Nase – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Aktuell, 21.08.2019

August 21, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

7. September 2019 – Die Staatsoper Hamburg started in die neue Spielzeit

Die Nase von Dmitri Schostakowitsch  – Open-Air – Mitmachtanzprojekt

Mit der absurden Oper Die Nase von Dmitri Schostakowitsch eröffnet die Staatsoper Hamburg ihre neue Saison. Die Neuproduktion ist eine Inszenierung der Hamburger Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier unter Musikalischer Leitung des Hamburgischen Generalmusikdirektors Kent Nagano. Darin geht es um die Nase des Beamten Kowaljow, die sich aus seinem Gesicht entfernt und als Politiker Karriere macht. Die Groteske über Identitätsverlust vereint Komisches und Schreckliches zugleich: Dass eine Nase ein Eigenleben führt, schürt in der Gesellschaft die Furcht vor dem Unbekannten und endet in einer Megahysterie. Zu erleben sind unter anderem: Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow, Levente Páll als Iwan Jakowlewitsch und Bernhard Berchtold als die Nase, in Gestalt eines Staatsrates, sowie die Ensemblemitglieder Helen Kwon, Renate Spingler, Katja Pieweck und Peter Galliard.

Die Nase – Saisoneröffnung der Staatsoper Hamburg
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Die Nase – Oper für alle: Open-Air-Übertragung

Zeitversetzt wird die Eröffnungspremiere Die Nase am 7. September ab 20.30 Uhr auf Leinwänden an drei Orten für alle Hamburgerinnen und Hamburger übertragen: Traditionell am Jungfernstieg im Rahmen des Binnenalster Filmfestes und in Zusammenarbeit mit dem Filmfest Hamburg, dem City Management Hamburg und dem „Verein lebendiger Jungfernstieg“, bereits zum zweiten Mal am Rathausmarkt Harburg und in diesem Jahr erstmalig auch in Bergedorf auf dem Freideck des Center-Parkhauses in Zusammenarbeit mit dem Marktkauf-Center.

Mittanzen: NaseAhoi!

Mit dem Partizipationsprojekt NaseAhoi! stimmt die Staatsoper Hamburg direkt am Jungfernstieg auf die Eröffnungspremiere ein: Am 7. September ab 20 Uhr können alle Tanzfreudigen zu Schostakowitschs schönsten Walzerklängen, dem Second Waltz, an der Binnenalster tanzen – alle sind willkommen: ob allein, als Paar oder Formation sowie Anfänger oder Profi, oder einfach nur zum Zugucken. Gut zu wissen: Um 19.00 Uhr und 19.30 Uhr gibt es zwei kostenlose Walzer-Auffrischungskurse in der Staatsoper Hamburg.

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

München, Bayerische Staatsoper, Karl V. – Oper von Ernst Krenek, IOCO Kritik, 01.03.2019

März 1, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Karl V. – Oper von Ernst Krenek

– Der Wurm im Apfel –

von Hans-Günter Melchior

Kaiser Karl V. ist reuig. Er dankt ab, zieht sich ins Kloster San Geronimo de Yuste zurück und hält Gericht mit sich selbst. War sein hochambitioniertes Regieren, das Streben nach einem unter der Krone vereinigten Europa, eine einzige Sünde. Weil zu teuer erkauft? Hat er Luther auf dem Reichstag zu Worms zu Unrecht ziehen lassen und damit der Verbreitung des Protestantismus´ Vorschub geleistet? War das Gold aus Mittel– und Südamerika mit Blut und Tränen, mit Mord und Totschlag, also mit Unrecht verschafft und sündhaft erworben worden?

Karl V. – Oper von Ernst Krenek
youtube Trailer Bayerischen Staatsoper München mit ungewöhnlicher Einführung
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Karls geistesverwirrte Mutter schenkt dem qualvoll Reflektierenden, dem von Gewissensbissen gepeinigten Monarchen, einen Apfel. Karl stellt fest, dass darin ein Wurm ist. Der unvermeidliche Wurm in jedem menschlichen Leben.

Der Kaiser ist weder ein guter noch ein böser Mann. Er ist nichts weiter als ein abdankender Herrscher, den der Unterschied zwischen Vergöttlichung des Amtes und der Fehlsamkeit und Unvollkommenheit menschlichen Handelns bis zur Verzweiflung peinigt.

Unvollendet! – Welches Werk wäre je vollendet?

Er lässt nach seinem Beichtvater Juan rufen. Der seinen Rechtfertigungsversuchen mit Skepsis begegnet und am Ende, in Karls Todesstunde, feststellt: „Unvollendet ist sein Werk“. Welches Werk wäre je vollendet?
Was für ein die höchste Höhe anvisierendes Programm!

Bayerische Staatsoper / Karl V.  - hier :  Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. – hier : Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Krenek hat das Libretto selbst verfasst. Er setzt es als Oper – nicht als Schauspiel – in Szene. Die Oper ist ausschließlich dodekaphonisch komponiert. Die Musik kommentiert, steigt geradezu ein in die Gefühle wie in Hülsen, füllt diese aus, dass sie aufgehen wie Blüten.

Vielleicht ist es das, was die Musik so eindrucksvoll neu und spannungsreich macht: diese Aufgipfelungen, Steigerungen ins Laute und Leise, ins Aufgeregte und Versiegende, ohne mehr sein zu wollen als eben dies. Und vielleicht ist es gerade die Zwölftonmusik, die diese Steigerungen möglich macht. Weil sie sich nicht im Belcanto verliert und sich nicht selbst zu gefallen droht. Weil sie dort, wo die traditionelle Musik sich zuweilen in den Vordergrund drängt und herrscht, ja nahezu ausschließlich die Szene ausfüllt und schon die ganze Oper allein ist, sich den Ereignissen fügt und sie nachzeichnet wie mit den Pinselstrichen eines abstrakten Gemäldes. Fahl und sparsam und nicht eigentlich schön im herkömmlichen Sinn.

Kreneks Musik bescheidet sich. Als kommentierende. Manchmal schweigt sie und lässt der Sprache den Vortritt, manchmal ahmt sie deren Rhythmus nach oder gibt so etwas wie den Takt des Sprechens an.
Der Chor! Der machtvolle Chor mit vielleicht Hunderten von Akteuren. Wenn er auftrumpft, schwemmt er jeden Einwand einfach hinweg, wie aus dem Erdinnern heraustönend, dass die Knie zittern.

Und die Inszenierung. Als wäre es noch nicht genug. Die Aufführung in München ist ein Ereignis wie es schwerlich ein anderes Theater in Deutschland zustande bringen dürfte. Eine zirzensische Großtat, die beim Zuschauer Kinderaugen macht, wenn er sich nicht vor lauter Bewunderung vergisst.

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Dank La Fura dels Baus. Menschenleiber hängen akrobatisch verrenkt und halb- oder ganz nackt an Schnüren von der Decke wie von einer Zirkuskuppel herab oder sind wie in einem barocken Gemälde figürlich zusammengeballt und farbig beleuchtet in einer Art Kreis vereinigt. Einfach fantastisch, in den Bann ziehend, Staunen hervorrufend. Eine einzige Faszination. Ich habe so etwas ins Surreale Gesteigertes noch nie gesehen. Mal scheint das Dargestellte in die Ursprünge der Menschheit zu verweisen, mal in ein dantisches Inferno, mal in die Anfänge der Welteroberung und der Seefahrt. Da wurde kein Aufwand gescheut, das Innere nach außen zu kehren.

Was für ein Abend! Und was für ein Sänger: Bo Skovhus, der die Partie Karls V. vertritt. Eine Glanzleistung, vergleichbar, wie er selbst – ein wenig klagend – in einem Interview sagte, der Partie des Hans Sachs in den Meistersingern. Ihm zur Seite als Beichtvater Juan: Janus Torp.
Ja, und der Chor. Du meine Güte: der Chor; der schleuderte die Emotionen unter die Decke.         Da sage noch einer, die Oper sei veraltet.       Bravo. Bravissimo. Was für ein aufwühlender Abend. Ein begeistertes Publikum.

Leider legt die Aufführung eine lange Pause ein. Man muss sie zweimal, dreimal gesehen haben, um wirklich alles gesehen zu haben.

Karl V.  an der Bayerischen Staatsoper; die weitere Vorstellung 14. Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Dresden, Semperoper, Arabella – Richard Strauss, IOCO Kritik, 18.12.2018

Dezember 23, 2018 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Arabella – Richard Strauss

Seit 2014 – Ein Klassiker an der Semperoper

Von Thomas Thielemann

Als Wiederaufnahme einer Übernahme von den Osterfestspielen bot am 7. Dezember 2018 die Semperoper eine recht ordentliche  Aufführung der Arabella von Richard Strauss

Im November 2014, als die Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle noch eine übersichtliche Gruppe war, hatte der Technik-Direktor der Semperoper zu einer Besichtigung seines Tätigkeitsbereiches eingeladen. Während des Rundganges wurde gerade aus einem Transporter die zurückgeführten Bühnenaufbauten der Arabella entladen und Jan Seeger erklärte mit einem gewissen Stolz, welche Segmente des von Martina Sagna für die Felsenreitschule erdachten und in den Staatschauspiel –Werkstätten gebauten gewaltigen „Verschiebebahnhof“ für die hiesige Übernahme der Inszenierung auf der deutlich kleineren Bühne des Hauses in Wegfall kommen werden.

Semperoper Dresden / Arabella - hier : Camilla Nylund als Arabella und Katharina Konradi als Zdenka © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Arabella – hier : Camilla Nylund als Arabella und Katharina Konradi als Zdenka © Klaus Gigga

Bei den Osterfestspielen galt es vor allem wegen der Bühnengröße die Klangbilder zusammen zufassen, was in Dresden eigentlich nicht von Nöten ist. Nun wurden die Bühnenaufbauten nach 2015 für drei weitere Aufführungen aus der Einlagerung geholt.

Die Inszenierung der Florentine Klepper hatte 2014 etwas irritiert, da sie die Handlung um etwa 50 Jahre nach vorn verlegte. Das ermöglichte ihr aber, das Stück als Plädoyer für die erotische Selbstbestimmung der Frau, als Plädoyer für das Recht auf kompromisslose Liebe ohne Wenn und Aber einschließlich auch der Pflicht zum Verzeihen zu gestalten. So wurde aus der Hofmannthalschen Komödie im Grunde ein emanzipatorisches Frauenstück.

Die Titelrolle gestaltete Camilla Nylund mit ihrem feinen doch sehr kräftigen Sopran und überzeugender Darstellung. Mit einem von Innen kommenden Selbstbewusstsein erreicht sie, nur den für sie „Richtigen“ heiraten zu können. Mit ihrem noblen Sopran und ihrer Bühnenpräsenz setzte sie immer wieder richtige Akzente im Geschehen.

Mit einem blitzsauberen silbernen Sopran gestaltete die in Kirgistan geborene Katharina Konradi die doch etwas tragische Rolle der verkleideten Zdenka. Mit einer natürlichen, sympathischen Darstellung wirkte sie immer glaubhaft. Rührend die Dringlichkeit, mit der sie um die scheinbar vergebliche Liebe zum Matteo ringt.

Arabella – Richard Strauss
Youtube Trailer von euronews zur Arabella Premiere in 2014
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Der Mandryka von Bo Skovhus wirkt gesanglich und darstellerisch mitunter etwas zaghaft, als ob er die Unsicherheit des Provinzlers in der Kaiserstadt Wien zum Ausdruck bringen wollte. Der Offizier Matteo wird von Thomas Blondelle mit einem gewissen, aber zur Rolle passendem Überengagement gesungen. Die Eltern Kurt Rydl als Graf Waldner und Christa Mayer als besorgte Mutter Adelaide bildeten das dritte Paar auf der Bühne. Christa Mayer war in jeder Hinsicht gesanglich und darstellerisch die Dame von Adel, die mit mütterlicher Sorge und Kontenance immer besorgt auf Etikette und Ansehen bedacht alles im Gleichgewicht zu halten. Eine komödiantische Leistung der besonderen Art bot Kurt Rydl mit seiner köstlichen Charakterstudie voller Witz und Ironie, wie er immer wieder das frisch erhaltene Geld zählt, aber umgehend wieder verspielt.

Olga Pudova gilt als eine der aufregendsten Koloratursopranistinnen unserer Zeit. Ansonsten als Königin der Nacht im Hause tätig, gab sie mit der Fiakermilli ihr gelungenes Rollendebüt. Uns beglückte sie mit einer prachtvollen sängerischen und darstellerischen Leistung.

Aber auch die Rollen der weiteren Bewerber um die Hand der Arabella fügten sich mit Martin-Jan Nijhof als Graf Dominik, Patrik Vogel als Graf Elmer und Alexandros Stavrakakis (seit 2018 im Ensemble) als Graf Lamoral in die Qualität der Aufführung mit ordentlichem Gesang ein. Sabine Brohm war eine präsente Kartenlegerin.  Recht dezent rundete der massive Chor den optischen Eindruck der Aufführung ab.

Semperoper Dresden / Arabella -  hier mit Camilla Nylund als Arabella, Bo Skovhus als Mandryka, Kurt Rydl als Graf Waldner , Christa Mayer als Adelaide, Thomas Blondell als Matteo © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Arabella – hier mit Camilla Nylund als Arabella, Bo Skovhus als Mandryka, Kurt Rydl als Graf Waldner , Christa Mayer als Adelaide, Thomas Blondell als Matteo © Klaus Gigga

Naturgemäß waren die Erwartungen hoch, wie Asher Fisch die Musikalische Leitung bewältigen wird, haben doch viele noch die Aufführungen von 2014 und 2015 im Ohr. Andererseits hat Asher Fisch, seit er 2010 nach der überstürzten Flucht Fabio Luisis das Dirigat des Siegfried übernommen und bravurös bewältigt hatte, bei den Dresdenern einen Stein im Brett. Seit dem dirigierte er mehrfach das Wagner-Repertoire, Rigoletto und Maskenball im Hause; er und die Musiker kennen sich damit bestens.

Damit war es ihm möglich, seine Intensionen bei seinem ersten Strauss-Einsatz im Hause mit dem ihm auch folgendem Orchester ordentlich umzusetzen. Leider kam aber die in Dresden häufig erlebte Harmonie zwischen Graben und Bühne insbesondere im ersten Aufzug zu kurz. Oft wurde regelrecht nebeneinander musiziert und es blieb der Wunsch, dass bei leiserem Gesang das Orchester hätte zurück genommen werden sollen.

Die Ovationen waren herzlich und heftig, aber erstaunlich kurz.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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