Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán, 01.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán

– Der Zusammenbruch der KuK-Monarchie  als Realsatire –

von Ingrid Freiberg

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Knapp zehn Jahre nach dem Erfolg seiner Csárdásfürstin kehrte Emmerich Kálmán kompositorisch mit Gräfin Mariza – nach Ausflügen ins kühle Holland (Das Hollandweibchen) und ins lebenslustige Paris (Die Bajadere) – in sein heimatliches Ungarn zurück. Er legte seine Operette, zusammen mit seinen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, die ihm mit dem Stoff zwei Jahre hinterherliefen, in die Entstehungszeit 1924, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als gekonnt erfundene ungarische Folklore mit Foxtrott-Rhythmen, Zigeunergeigen, Grafen, Baronen, Komtessen, livrierten Dienern spielt die Geschichte auf einem Landgut: Die kaiserlich-königliche Husaren-schneidigkeit und die schillernde Welt der einstigen Donaumonarchie büßt dabei, obwohl sie bereits vor hundert Jahren zu Grunde ging, nur wenig von ihrem Charme ein. Hingegen rückt die Puszta, in Gräfin Mariza vielbeschworenes Symbol für eine heile Kindheit, das unberührte Landleben und die Ursprünglichkeit allgemein an den Rand des Reiches. Für Graf Tassilo, den verarmten Grafen, ist die Glitzerwelt schmerzlich außer Reichweite, die Besitztümer seiner Familie sind verkauft, Vergnügungen kann er sich nicht mehr leisten. Sein Leben bewegt sich zwischen Rausch und Bankrott, Liebe und verletztem Adelsstolz. Als Verwalter eines Landgutes will er nun die Mitgift für seine Schwester sichern. Kálmán karikierte eine Gesellschaft, deren Hierarchie sich neu sortieren muss. Es ist eine Realsatire, die den Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn beschreibt, Adelsfamilien verloren ihr Vermögen und büßten zudem per Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihre Adelstitel – bis heute – ein.

Gräfin Mariza – Emmerich Kalman
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Operettenredaktion BR-KLASSIK vergibt den „Frosch des Jahres 2018“

Die Inszenierung von Thomas Enzinger, die bereits 2014 an der Volksoper Wien zu sehen war, verbindet kunstvoll Humor, Gefühl und furiose Tanzeinlagen. Witzige, pointenreiche Dialoge wahren den Charakter der Operette, die durch das Regiekonzept an Tiefe gewinnt. Es ist spürbar, dass die scheinbare Fröhlichkeit oft ein „Lachen unter Tränen“ ist. Seinen furchtlosen Umgang mit der Gattung Operette zeichnet Enzingers handwerklich perfekte Wiesbadener Inszenierung aus. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er die originale Geschichte. Im Prolog, noch vor der Ouvertüre, singt die Zigeunerin und Kartenlegerin Manja (Saem You) melancholisch „Glück ist ein schöner Traum“. Ihre blitzsaubere Auftrittsarie lässt aufhorchen. Ein Zigeunerprimas (Anton Tykhyy) ist zu hören – ein kleines Mädchen (Viktorine Marsolek) und Tschekko, ein alter Diener (Gottfried Herbe), der ihr einfühlsam die Liebesgeschichte von  Mariza und Tassilo erklärt, begleiten fortan die Szene. Die beiden treten einige Male aus der Operettenhandlung heraus und bilden durch die Fragen des Kindes eine erzählerische Klammer, die das Wesen der Liebe immer wieder aufgreift. Würden sich Mariza und Tassilo nur ein einziges Mal zur Aussprache treffen, wäre die Operette sehr bald erzählt. Stattdessen tanzen und sehnen sie sich zurück zu den Zeiten, in denen sie glücklich waren: „Einmal möchte‘ ich wieder tanzen, so wie damals im Mai…“ Nach diesem Duett beginnen sich ihre Gefühle wie unter einer verkrusteten, verhärteten Lavaschicht zu regen… Brillant zeichnet Enzinger die Figur des Baron Koloman Zsupan, der in einer furiosen Choreografie mit klappernden Mistgabeln rappt und an einem unsichtbaren Seil acht Doppelgänger über die Bühne zieht. Der dritte Akt mit Désirée Nick als schönheitsoperierter Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetzund Penižek (Klaus Krückemeyer) als ehemaligem Theaterkritiker liefert überdrehtes Operetten-Kabarett. Die vorzüglichen Lichtstimmungen von Klaus Krauspenhaar und Sabine Wiesenbauer steigern verheißungsvoll den Handlungsverlauf.

Enzinger und Toto (Bühne, Kostüme) lernten sich vor 17 Jahren kennen. Es war die Geburtsstunde ihres fruchtbaren Wirkens für die Operette, die immer seltener auf den Theaterspielplänen steht. Dabei ist sie höchst anspruchsvolles Boulevardtheater: Gesang, Dialoge, Witz und Sehnsüchte müssen überzeugend zum Publikum getragen werden. Das ist den beiden wieder einmal gelungen! Gräfin Mariza besticht durch Einfallsreichtum und Dichte der Melodien. Feurige Csárdásrhythmen, melancholische Zigeunermusik und „Schlager“ sorgen für schwungvolle Unterhaltung, treiben die turbulenten Verwirrungen um die große Liebe voran. Es sind romantische Gefühle, die man im Alltag oft vermisst. Dieser Glamour und das Gefühl, von der Musik umgarnt und getragen zu sein, führt zu Hochgefühl und guter Laune! Dem Affen wird reichlich Zucker gegeben – so reichlich, dass der Zuschauer auch durch seine Lachtränen hindurch noch die Virtuosität bemerken kann, mit der Emmerich Kálmán wie auch seine beiden Librettisten ihr Métier beherrschten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Toto entschied sich für einen prachtvollen Landschlossklassizismus mit mehreren Portalen. Die Drehbühne zeigt im raschen Wechsel eine Treppenanlage, auf der sich der Chor wirkungsvoll aufstellt, wie auch einen Lustgarten mit zarten Rosen. Zu den feurigen Klängen sind elegante Damen in Abendroben mit Hut und Federboas, Herren im Frack, geigende und tanzende Zigeuner im Kaminzimmer, der Kinderstube und im Salon mit weißen Rüschen-Vorhängen zu erleben… Die eleganten Kostüme der Gräfin – im 20iger Jahre Stil, der Zeit der Uraufführung – sind farblich wundervoll auf ihr rotes Haar abgestimmt.

Tanzsequenzen von Charles Kálmán und Modetänze von  Emmerich Kálmán  choreografiert Evamaria Mayer mit Schwung und großem Einfühlungsvermögen für die Musik. Großartig ihre Übertragung vom ungarischen Csárdás ins Scat- und Rapartige! Die Operette wird von acht Tänzerinnen und Tänzern (Janina Clark, Nathalie Gehrmann, Sofia Romano, Helena Sturm, Davide de Biasi, Valerio Porleri, Manuel Gaubatz, Christian Meusel, Myriam Lifka – Dance Captain) glänzend aufgemischt. Sie sind, wie der Zigeunerprimas, ganz in schwarz gekleidet. Folkloristische Farben werden nur dezent berücksichtigt. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble in eleganten Kleidern mit tanzenden Schirmen im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen treffen, amüsieren sie das Publikum. Ihre heißblütigen Tanznummern sind voll mitreißender Dynamik…

Thomas Enzinger erhielt für seine Inszenierung von der Operettenredaktion BR-KLASSIK den „Frosch des Jahres 2018″. Die Auszeichnung wird seit Beginn des Jahres 2016 von der Jury der Redaktion Operette verliehen und zeichnet Monat für Monat nach eigener Definition „besonders gut gemachte, zeitgemäße und frische Operettenproduktionen“ aus. Die Redaktion gratulierte auch dem Intendanten und allen Ausführenden zu diesem opulenten Operettenfest.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Es bleibt kein Auge trocken…

Mit Sinnlichkeit, Schmelz und eloquenter Deklamation gibt Sabina Cvilak eine überlegte, fein ausdifferenzierte Darstellung der Gräfin Mariza. Sie präsentiert sich mit ihrem frischen Sopran effektvoll zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlen und brilliert gleich in ihrem Auftrittslied. Mühelos setzt sie ihre Töne, frei von Übertreibung. Ihre Schönheit, ihr Reichtum und ihre Kapriolen sind eine Absage an Mitgiftjäger, die sich einschleichen wollen. Als sie sich zum wiederholten Male auch von Tassilo betrogen sieht, ohrfeigt sie ihn mit einer großen Summe Geldes.

Wenn Gräfin Mariza und ihr Gutsverwalter Bela Törek, der in Wirklichkeit Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg ist, ihr schmachtendes „Sag ja…“ singen, wenn Marco Jentzsch mit seinem jugendlich frischen Timbre aus dem Vollen schöpft, bleibt kein Auge trocken. In sauber intonierter Entrücktheit singt er „Komm Zigan…“, „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier“. Dem melancholischen Ehrenmann kommt zugute, dass er die Ohrwürmer des Abends zu singen hat. Immer wieder schwärmt er mit tenoralem Stimmenglanz und auffallend klarer Artikulation von seinen Zeiten als fescher Reiteroffizier in der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie.

Köstlich balzend empfiehlt sich Björn Breckheimer als tragikomischer Fürst Populescu. Er bereitet die Verlobungsfeier seiner Angebeteten, Gräfin Mariza, mit dem angeblichen Baron Koloman Zsupan vor, fragt sie aber auch, ob er nicht der Glückliche sei, in den sie sich verliebt habe. Um zum Erfolg zu kommen, scheut er weder Kosten noch Mühen. Erst nach einer durchzechten Nacht gesteht er seinem Saufkumpanen Zsupan, dass er immer noch unsterblich in eine Fürstin verliebt sei, die er seit Jahren nicht gesehen hat. In der Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz erkennt er alsbald seine Jugendliebe wieder, sein „Maiglöckchen!“, dem er sofort einen Heiratsantrag macht – ihren Diener Penižek heiratet er gleich mit, weil er dessen Lächeln und Mimik in der Ehe braucht.

Björn Breckheimer, Sänger, Schauspieler und früherer Solotänzer meistert die anspruchsvolle Partie glänzend. Umwerfend, quicklebendig, mit Rampensaupotential und hoher Flexibilität präsentiert er die beredten Schattierungen seines Baritons. Grandios unterstreicht Erik Biegel als Baron Koloman Zsupan mit angenehmer Tenorbuffo-Stimme sein komisches Talent. Als vermeintlicher Baron in roter Lederjacke tobt er als Wirbelwind in einem unglaublichen Parforceritt über die Bühne, tanzt wie der Teufel… Sein köstlicher ungarischer Akzent überzeichnet humorvoll die Figur. Einer der Höhepunkte des Abends ist der bereits erwähnte Mistgabel-Rap. Wiederholt bekommt Biegel Szenenapplaus. Nach seiner zunächst tollpatschigen Annäherung an Lisa endet sein Werben mit einem berührend gesungenen „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“. Die Lisa von Shira Patchornik ist eine unbekümmerte junge Frau, die unreflektiert der Handlung und ihrer Liebe zu Zsupan freien Lauf lässt. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und Klarheit der Diktion. Mühelos mit jugendlich strahlendem Sopran überzeugt sie im Zusammenspiel mit ihrem Bruder Tassilo „Brüderlein, Schwesterlein“, „Sonnenschein hüllt dich ein – O schöne Kinderzeit“ und mit Zsupan  „Junger Mann ein Mädel liebt – Behüt dich Gott komm gut nach Haus“.  Die Vertrautheit mit ihren beiden Bühnenpartnern ist spürbar. Thomas Jansen als Karl Stephan Liebenberg ist ein distinguierter Lebemann, der nicht verstehen kann, dass sein ehemals lebenslustiger Freund Tassilo seinen gesamten Familienbesitz veräußern will. Dennoch regelt er alles für ihn.

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Erbtante Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz (Désirée Nick), die auftaucht, um ihren Neffen und dessen Liebe zu retten. Im 3. Akt hat das Sprechtheater ein Übergewicht gegenüber der Musik. Ihrem Typ entsprechend erscheint die Fürstin äußerst extravagant, ganz Diva zeigt sie ihre langen Beine und rückt damit die Operette in die Nähe einer Revue. Für Désirée Nick wurde aus Kálmáns Herbstmanöver ein Entrée-Couplet eingefügt und mit einem neuen Text versehen, der den Schönheitswahn bei reifen Damen „Fünf Operationen und dann die nächste gratis…“ aufgreift. Ihr Gesicht ist nach den vielen Hautstraffungen so starr geworden ist, dass sie zum Lachen ihren schrägen Diener Penižek (Klaus Krückemeyer) braucht, der nicht nur ihrer Mimik Ausdruck verleiht, sondern auch als vormaliger Theaterkritiker, mit Sinn für Humor und Zitate aus der Literatur, das Geschehen kommentiert. Das ist grotesk komisch und gibt viel Raum für Lacher.

Gräfin Mariza und Graf Tassilo im Gespräch
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Operettenglanz  – Operettenglamour

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne ist makellos einstudiert, wächst über sich hinaus und begeistert mit mitreißenden Tanznummern. „Heut‘ betrügen wir die Nacht, getanzt wird und gelacht, wenn der Champagner kracht! Heute ist uns alles ganz egal, heute schlafen wir im Nachtlokal! Heut‘, so lang die Welt noch steht, weil sie vielleicht schon morgen zum Teufel geht…“ Das alles: Gesang, Timing und Tanz bringt nostalgischen Operettenglanz und -glamour der Zwanzigerjahre auf die Bühne, wie man ihn von alten Filmen her erahnen kann. Eine tolle Leistung!

Das gilt auch für das unter der Musikalischen Leitung von Christoph Stiller subtil und schmissig aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Stilistisch wendig und hochengagiert bringt das Orchester den Charme der Partitur und weitere Klangdelikatessen zum Leuchten. Den Musikern wird eine enorme Fülle an Artikulationsweisen entlockt, mit viel Atem für die liedhaften Rundungen der Form. Das ergibt einen vollsüffigen Mix aus Foxtrott und Walzer, Csárdás und Blues, Slowfox und Boston, Wiener Operettenso und und pseudoungarischer Folklore. Die Stunden vergehen  im Flug.

Sehr viel Zwischenapplaus und Standing Ovations! Wer diese Aufführung nicht bester Laune verlässt, dem ist nicht zu helfen.

Gräfin Mariza am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 1.2.; 18.6.; 26.6.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, My Fair Lady – Frederick Loewe, IOCO Kritik, 30.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  My Fair Lady  – Musical von Frederick Loewe

– Uwe Eric Laufenberg ist Higgins – Mira Benser ist Eliza Doolittle –

von Ingrid Freiberg

My Fair Lady ist die Urmutter, das Schmuckstück aller Musicals – ein Dauerbrenner voller Evergreens, den fast jeder mindestens einmal gesehen hat. Es soll eines der meistgespielten Stücke aller Zeiten sein. Insbesondere im deutschsprachigen Raum bedeutete sein Erfolg den Durchbruch dieser Musikgattung. Die Songs wurden zu Ohrwürmern und sind unverwechselbare musikalische Charakterporträts der Figuren. Der Sprachwitz des Stückes hat an szenischer Schwungkraft und pointiertem Humor wenig eingebüßt.

Nobelpreisträger erhält Oscar 

Für den Dramatiker und Nobelpreisträger George Bernard Shaw war Professor Henry Higgins ein Zyniker und Frauenfeind. Das 1913 mit großem Erfolg in London uraufgeführte Stück verursachte allerdings einen Skandal, weil Eliza exzessive Schimpfwörter benutzte. Für die Verfilmung Pygmalion – Der Roman eines Blumenmädchens mit Leslie Howard und Wendy Hiller in den Hauptrollen wurde Shaw als Drehbuchautor mit dem Oscar ausgezeichnet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Doch hat die erst nach seinem Tod entstandene Musical-Version My Fair Lady von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner, mit gesellschaftssatirischem Grundton und menschlicheren Zügen, hat den Stoff weltberühmt gemacht. Grundlage ist ein alter Mythos: Ein Mann schafft sich ein weibliches Idealbild nach seinen Vorstellungen…  Die Uraufführung von My Fair Lady fand 1956 in einer Produktion von Herman Levin unter der Regie von Moss Hart in New York statt und brachte es auf insgesamt 2.717 Vorstellungen in den ersten sechs Jahren. Die unvergessene deutschsprachige Erstaufführung fand 1961 im Theater des Westens in Berlin statt.

Vorzüglich gelungene Regiearbeit

Die 30er Jahre-Inszenierung von Beka Savic lässt das England der literarischen Vorlage aufleben und wählt für das Londoner Cockney den bewährten Berliner Dialekt. Das lässt das breitgefächerte Großstadtmilieu mit Proletariat, Mittel- und Oberschicht aufleben. Tänzer als Straßenartisten und Gaukler verstärken die Emotionen und bilden einen bezaubernden Farbtupfer.

Während Professor Higgins seine Logier-Schülerin Eliza stundenlang mit Vokal-Konsonant-Übungen und Grammatik-Drill quält, ist Oberst Pickering Ruhepol und vollendeter Gentleman im Dauer-Tornado. Die Rinnstein-Göre Eliza reift zu einem zauberhaften Geschöpf, zu einer Dame mit korrekter Ausdrucksweise und Selbstvertrauen. Erst als sie sich enttäuscht und tränenüberströmt entschließt, ihren selbstverliebten Lehrer zu verlassen, erkennt dieser seine Zuneigung zu ihr und versucht, sie zurückzugewinnen. Das Zauberwesen  kommt zurück, nicht ganz nachvollziehbar, und erhört den eitlen Schnösel.

Wenn Eliza in Ascot der feinen Gesellschaft erzählt, dass ihre Tante abgemurkst worden sei, und sie einem lahmen Gaul Pfeffer in’nen Arsch streuen will, flieht die blasierte Hautevolee schockiert über Bühne und Zuschauerraum dem Ausgang entgegen… Die gelungene Regiearbeit  lässt der Musik Raum und trägt liebevoll die DarstellerInnen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Finessenreiches Bühnenbild mit genre-genauen Kostümen

Die Bühnenbilder von Bettina Neuhaus greifen mit allen Finessen der Bühnenkunst fugenlos ineinander – prachtvoll die Variationen der sich schnell wandelnden Bühne. Statisten in Livree verändern völlig unaufgeregt die Szenerie. Wie selbstverständlich werden sie in die Handlung mit einbezogen. Gelungene Farbvariationen, ein romantischer Sternenhimmel, Häuser, die nach oben entschwinden, Bibliothekswände, die nach unten zu schweben scheinen, die Kneipe Mad Rabbit – mit einem hessisch babbelnden Wirt Thomas Braun und ein wunderschön ausgeleuchtetes Straßenbild ergänzen kongenial die Inszenierung. Selbst das Kino am Blumenmarkt wechselt im Verlauf des Abends sein Programm: von Secret Agent zu Pygmalion Cinema bis hin zu Gone With The Wind. Besonders eindrucksvoll gelungen sind das Pferderennen in Ascot und der Diplomatenball im Buckingham Palace mit schwungvollen Tanzeinlagen des Chores, die durch die fast scherenschnittartig gestalteten Videos von Gerard Naziri zu The Embassy Waltz eindrucksvoll ergänzt und von der Choreografin Myriam Lifka bezaubernd arrangiert werden.

Die genre-genauen herrlichen Kostüme von Claudia Jenatsch – schmutzstarrende Lumpen der Unterschicht und farbenfrohe bis üppige Garderobe der Upper Class – beleben das klassische Bühnenbild. Zusammen mit den außergewöhnlichen Hutkreationen für die Damen in Ascot sind sie auch eine hervorragende Referenz der Theater-Werkstätten.

Musikalisch hält Christoph Stiller die Fäden zusammen. Mit dynamischer, dabei äußerst differenzierter Klangsprache, gleicht er Fallhöhen aus. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden pariert das vorzüglich. Die Schauspieler-Sänger werden mit viel Einfühlungsvermögen bisweilen nur von  einer Geige begleitet. Dabei kommt auch das Hochpulsige der Partitur nicht zu kurz. Souverän und mit Schmiss gelingt ihm eine sehr persönliche Interpretation.

Der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden Uwe Eric Laufenberg schenkt sich die Rolle des kauzigen Professor Henry Higgins. Dem Schauspieler-Sänger gelingt es nicht immer, dessen vielschichtigen Charakter herauszuschälen. Seiner Interpretation fehlt es an der arroganten, britischen Blasiertheit der englischen Oberschicht. Stattdessen gibt er den Choleriker. Nicht zu überzeugen wissen seine sprachlichen und gesanglichen Unverfrorenheiten, beispielsweise in Sie ist so entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig…. Besser gelingen Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann, kann eine Frau nicht sein wie ich? und Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht… Wenn sich seine sprachlastige Weltanschauung süffisant über Oberst Pickering, Eliza oder seine Bediensteten ergießt, gewinnt seine Figur mehr an Kontur. Fast liebenswert sind sein Versprecher Lohengrün und der Hilfeschrei nach seiner Mutter…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Die junge aparte Schauspielerin Mira Benser als Eliza Doolittle entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau, die Higgins schließlich den Marsch bläst. Eine linguistisch schier unlösbare Aufgabe und nicht leicht auf einer deutschen Bühne darzustellen. Als Zuschauer hat man immer noch Audrey Hepburn und Karin Hübner im Ohr. Sie kämpft sich mutig durch den Berliner Slang und interpretiert die Evergreens von Frederick Loewe auf ihre ganz eigene Weise. Darstellerisch überzeugt sie. Es bleibt dennoch zwiespältig, die Rolle einer Schauspielerin anzuvertrauen. Gesanglich kann Mira Benser nur in den leisen Partien, in denen sie ihre zarte empfindsame Seele offenbart, gewinnen, in hohen Lagen vermag sie nicht sauber zu intonieren.

Der singspielende Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle ist eine grundsympathische Rampensau, aufgedreht und übervoll mit Energie. Als arbeitsscheuer trinkfreudiger Vater von Eliza begeistert er sinnlich Gin-trinkend mit elastischen Hüften – ansteckend zum Mitsingen vorgetragen: Mit ’nem kleenen Stückchen Glück… und Bringt mich pünktlich zum Altar… Hier springt der musikalische Funke über!

Uwe Kraus als Oberst Pickering ist der distinguiert altmodische Kollege und Freund Higgins. Köstlich eloquent sind seine Bemerkungen über den Charakter von Beziehungen zwischen Mann und Frau und die moralischen Verpflichtungen eines Vaters. Von Anfang an behandelt er Eliza als liebenswertes Geschöpf, ist sogar ein wenig verliebt in sie. Der tüchtigen Hausdame Mrs. Pearce macht er den Hof und spricht sie ab und zu – recht verräterisch – mit Eleanor an, was an seiner vorgegebenen Diskretion ein wenig zweifeln lässt.

Der smarte strahlende Björn Breckheimer singt Freddy Eynsford-Hill. Jugendfrisch, verzaubert von der jungen Frau mit dem unkonventionellen Auftreten, mit Schwüren voller Schmelz schreibt er täglich Liebesbriefe, schickt Blumen und wartet auf der Straße vor dem Haus in der Hoffnung, seine Angebetete zu treffen: In der Straße, mein Schatz, wo du lebst (Dabei bewährt sich der Einsatz eines Mikroports mit natürlichem Klang, der in diesem großen Opernhaus auch für die schwierigen Gesangspartien der Hauptprotagonisten ratsam wäre. Hier ist etwas Luft nach oben…)

Die zarte Margit Schulte-Tigges ist eine resolute Mrs. Higgins, unkonventionell und aufgeschlossen. Mit ausgleichender Diplomatie repräsentiert sie während der Ascot Gavotte. Ihren Sohn hält sie für einen Stoffel und unterstützt mit Augenzwinkern Elizas Bestrebungen zur Eigenständigkeit. Contenance in allen Lebenslagen bewahrt Petra Weiteroth als Mrs. Pearce. Liebevoll-streng umsorgt sie Eliza, managt bravourös den Junggesellen-Haushalt und steht der Dienerschaft vor. Ab und zu versüßt ihr das heimliche Techtelmechtel mit Oberst Pickering diese turbulente Aufgabe. Klaus Krückemeyer spielt den Phonetik-Detektiv Zoltan Karpathy als öligen windigen Meisterschüler von Higgins und versucht vergeblich, die Herkunft von Eliza herauszufinden. Zur Erbauung aller lautet – im Hinblick auf ihre gewählte Aussprache – seine Diagnose, sie sei eine ungarische Prinzessin.

Chor und Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden trägt es nie aus der Kurve, obwohl ihnen eine Menge abverlangt wird. Von Albert Horne gesangs- und spielfreudig einstudiert entsteht temporeiche Unterhaltung. Als Proletenvölkchen, das ausgelassen Blumenmarkt und Straßen bevölkert, als Mitglieder der Gesellschaft beim Pferderennen und als Popcorn-naschende, Wettschein-schwenkende Kleinbürger sowie in Higgins Haus – The Servant’s Chorus -spielen sie sich in die Herzen des Publikums.

Das Premierenpublikum feiert die Ensembleleistung mit herzlichem Applaus

My fair Lady am Hessischen Staatstheater Wiesbaden: die weiteren Termine 2.11.; 11.11.; 16.11.; 17.11.; 24.11.; 30.11.; 5.12.; 7.12.; 9.12.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere JESUS CHRIST SUPERSTAR, 03.09.2017

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 ROCK-OPER Jesus Christ Superstar

von Andrew Lloyd Webber, Gesangstexte von Tim Rice, Deutsch von Anja Hauptmann, In deutscher Sprache

Premiere am 3. September 2017 19.30 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 6. & 9. September jeweils 19.30 Uhr

Die zutiefst emotionale Auseinandersetzung mit der biblischen Passionsgeschichte beleuchtet den Gründungsmythos einer Religion – als Rock­-Musical! Immer noch hochaktuelle Fragen nach pervertierendem Starkult stellen sich ebenso wie die nach den Erwartungen der Menschen gegenüber einer Leitfigur.

 Hessisches Landestheater Wiesbaden / Rock-Oper Jesus Christ Superstar © Karl Monika Forster

Hessisches Landestheater Wiesbaden / Rock-Oper Jesus Christ Superstar © Karl Monika Forster

In Wiesbaden setzt Iris Limbarth (Regisseurin des Dauerbrenners »The Addams Family«) eines der erfolgreichsten Musicals der Musikgeschichte in Szene. Musicalstar Nyassa Alberta, aktuell in »Bodyguard« im Kölner Musical Dome, begeistert in der Rolle der Maria Magdalena. Der vielseitige Darsteller Björn Breckheimer, u.a. Galilieo in »We will rock you« in Zürich und Köln, ist in der Partie des Jesus von Nazareth zu erleben.

Inszenierung/Choreografie Iris Limbarth,  Musikalische Leitung Christoph Stiller, Bühne Bettina Neuhaus, Kostüme Heike Korn, Licht Andreas Frank, Video Gerard Naziri

Jesus von Nazareth Björn Breckheimer, Maria Magdalena Nyassa Alberta, Judas Ischariot Ulrich Rechenbach, Pontius Pilatus Frank Bettinger, Kaiphas Tobias Falk Annas Joel Scott Petrus Matias Lavall Herodes Uwe Kraus Simon Zelotes David Rossteuscher / Tim Speckhardt

In weiteren Rollen Peter Emig, Ann-Christin Fray, Benjamin Geipel, Felicitas Geipel, Denia Gilberg, Joshua Heine, Anna Heldmaier, Norman Hofmann, Johannes Kastl, Constanze Kochanek, Lisa Krämer, Jessica Krüger, Nadine Lauterbach, Myriam Lifka, Rainer Maaß, Patrick Miller, Benjamin Muth, Victoria Reese, Georgia M. Reh, David Rothe, Moussé Dior Thiam, Silvia Willecke, Thomas Zimmer

Musicalband des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Extrachor und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR in Wiesbaden: Premiere am 3. September 2017 19.30 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 6. & 9. September jeweils um 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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