Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere ORPHEUS IN DER UNTERWELT, 07.06.2019

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

ORPHEUS IN DER UNTERWELT
Jacques Offenbach

PREMIERE Fr. 07.06.19, 19:30 Uhr, Stadttheater

Originaltitel Orphée aux Enfers / Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy / Textfassung von Nadja Loschky, Anne Christine Oppermann und Gregor Rot unter der Verwendung der deutschen Textfassung von Ludwig Kalisch / Frank Harders- Wuthenow / In deutscher Sprache

Musikalische Leitung Gregor Rot Inszenierung Nadja Loschky Bühne und Kostüm Timo Dentler, Okarina Peter Choreografie Ivica Novakovic Dramaturgie Anne Christine Oppermann Choreinstudierung Hagen Enke Mit Nohad Becker // Katja Brenner // Orsolya Ercsényi // Cornelie Isenbürger // Alexander Kaimbacher // Yoshiaki Kimura // Caio Monteiro // Nienke Otten / Daniel Pataky // Lorin Wey // Thomas Wolff // Mitglieder von E-Motion // Statisterie des Theaters Bielefeld // Bielefelder Opernchor / Bielefelder Philharmoniker

Eine Liebe, so groß, dass sie über den Tod hinausreicht. Eine Musik, so ergreifend, dass sie Naturgesetze außer Kraft setzt. Der antike Mythos um den treuen Sänger Orpheus, der in das Totenreich hinabstieg, um seine verstorbene Geliebte zurückzufordern, ist einfach wunderschön. Zu schön, um wahr zu sein, dachte sich Jacques Offenbach im Jahr 1858 und entwarf eine alternative Erzählung, die gleichermaßen die mythische Gattentreue wie auch die zeitgenössische Gesellschaft in ein satirisches Licht rückte. Rechtzeitig zu Offenbachs 200. Geburtstag im Juni 2019 kommt das Werk in einer eigens für Bielefeld erstellten Fassung im Stadttheater auf die Bühne.

Die Ehe ist wahrlich kein Zuckerschlecken! Am liebsten würden Orpheus und Eurydike ihren Bund fürs Leben schleunigst annullieren lassen, wenn dann nicht so ein Skandal drohte. Und Orpheus’ konservative Mama pocht sowieso auf der Einhaltung des Satzes: Bis dass der Tod euch scheidet. Insofern passt es allen eigentlich ganz gut, dass sich Eurydikes Geliebter als Gott der Unterwelt zu erkennen gibt, sie bei einem außerehelichen Schäferstündchen kurzerhand umbringt und in sein Reich entführt. Nur sein großer Bruder Jupiter findet das sehr ärgerlich, hatte er doch auch ein Auge auf die sinnenfreudige, göttlichen Besuchern nicht abgeneigte Erdentochter geworfen. Im brüderlichen Konkurrenzkampf greift Jupiter zu unlauteren Mitteln und manipuliert Orpheus dahingehend, dass er im Olymp seine ungeliebte Gattin zurückfordert. Nun kann Jupiter als höchster der Götter dieser Entführung offiziell nachgehen, ohne das Misstrauen seiner eigenen Gattin zu erregen. Nur allzu gern nutzen die durch ihren ewigen Dienst gelangweilten Götter diesen Anlass zu einem Betriebsausflug in die Unterwelt, um sich an diesem reizvoll verrufenen Ort selbst ein Bild der Lage zu machen.

Es soll Jacques Offenbachs Traum gewesen sein, »eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit zur Bekämpfung der Langeweile zu gründen«. Orpheus in der Unterwelt mit seinen intelligenten Seitenhieben auf die Antike, aberwitzig grotesken Nummern wie dem Fliegenduett oder natürlich seinem Markenzeichen, dem als Höllen-Cancan berühmt gewordenen Galop infernal, dürfte sicherlich ein Kassenschlager unter den Versicherungspolicen gegen Langweile sein. Doch geht das Stück weit über bloße Unterhaltung und Parodie hinaus. Obwohl durchdrungen vom Geist ironischer Respektlosigkeit, zeichnet Offenbach hier ein liebevolles Bild einer Gesellschaft, die auf allen Ebenen vom Frust über das Vorhandene und dem Begehren nach dem (vermeintlich besseren) Fehlenden angetrieben wird. Selbst der Rausch droht so permanent in die Revolte umzuschlagen. Offenbachs sezierend genauer Blick zeigt die Zeitlosigkeit auf von menschlichen Sehnsüchten, Machtverhältnissen und Doppelmoral von der Antike über das Zweite Kaiserreich bis hin zur Gegenwart.

Und nichts beweist die bürgerliche Doppelmoral wohl besser, als dass sich der exorbitante Erfolg von Offenbachs Operette erst einstellte, nachdem ein Kritiker sich bitterlich über deren Lasterhaftigkeit beklagte …

Nadja Loschky und ihrem Team war es wichtig, Orpheus in der Unterwelt auch vom letzten Rest altertümlicher Behäbigkeit zu befreien, die durch einige ältere deutsche Übersetzungen transportiert wird. Sanft modernisiert und dem Ensemble auf den Leib geschrieben, verstellt so nichts den Blick auf die absurde Komik, aber auch tiefe Melancholie von Offenbachs Erfolgsstück. Als immer neue Varianten des Ewiggleichen präsentierten sich Erde, Himmel und Hölle im Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter, Sehnsuchtsorte nur für diejenigen, die noch nie dort waren. Wohin kann sich der Mensch noch wenden, wenn er die Götterwelt entzaubert hat? Daniel Pataky wird als Orpheus nicht nur seine Qualitäten als Sänger, sondern auch als Geiger unter Beweis stellen. Seine aufreizende Ehefrau Eurydike, verkörpert von Cornelie Isenbürger, weckt nicht nur die Begierde des Höllenfürsten Pluto (Lorin Wey), sondern auch die seines großen Bruders Jupiter. Nach seinen umjubelten Auftritten als Loge (Das Rheingold) und Aschenbach (Death in Venice) kehrt Alexander Kaimbacher als oberster Gott nach Bielefeld zurück. Die gelangweilten Götter Venus (Nienke Otten), Diana (Nohad Becker), Cupido (Yoshiaki Kimura) und Mercurio (Caio Monteiro) kann Jupiter allerdings nur mit Hilfe seiner Gattin Juno, dargestellt von der Schauspielerin Katja Brenner, unter Kontrolle halten. Dass eine missgünstige Schwiegermutter die Ehe bereits zur Hölle auf Erden machen kann, beweist Orsolya Ercsényi, die ihren Orpheus unter der Fuchtel hat. In diesem – trotz vieler Götter – allzu menschlichem Chaos bewahrt nur Styx, in Gestalt von Thomas Wolff, einen kühlen Kopf und einen klaren Blick auf Allgemein-Überzeitliches. Der Bielefelder Opernchor und die Bielefelder Philharmoniker spielen unter der Leitung von Gregor Rot.

Weitere Termine 12.06. // 23.06. // 04.07. // 06.07. Wiederaufnahme 05.10.
Karten 0521 51 54 54 // www.theater-bielefeld.de

MUSIKALISCHE LEITUNG
Der österreichische Dirigent Gregor Rot wurde in Wien geboren und studierte dort Gesang, Cembalo sowie Dirigieren bei Georg Mark. Noch während des Studiums übernahm er die musikalische Leitung der Sommerfestspiele Röttingen (Taubertal, Franken). 2008/09 fuhr er als Cembalist und Assistent für Così fan tutte und Le nozze di Figaro nach Venezuela zum Simón Bolivar Youth Orchestra. Es folgte eine Einladung als Gastdozent für Gesang und Deutsches Lied nach Caracas. Erste Engagements führten Gregor Rot zum Schönbrunner Schlossorchester, dem Leipziger Sinfonieorchester sowie als Assistent an die Opéra national du Rhin in Straßburg. Seine Theaterlaufbahn begann er am Südthüringischen Staatstheater Meiningen als Repetitor mit Dirigierverpflichtung und leitete bereits in seiner ersten Spielzeit fast 50 Vorstellungen (darunter Richard Wagners Rienzi). Nach zwei Jahren stieg er in Meiningen zum 2. Kapellmeister auf und dirigierte ein umfangreiches Repertoire in Musiktheater und Ballett. Für die überregional beachtete deutsche Erstaufführung der kasachischen Nationaloper Abai übernahm er die Einstudierung und die Umarbeitung des musikalischen und textlichen Materials für die Meininger Aufführung. 2013 bis 2017 war Gregor Rot 1. Kapellmeister des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin und dirigierte dort u. a. die Premieren von Aida, The Rake’s Progress, Die Verkaufte Braut, Die Zauberflöte, Jake Heggies Dead Man Walking und zahlreiche Konzerte. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Theater Duisburg, Würzburg, Regensburg und Eisenach. 2016 gab Gregor Rot sein Debüt beim Bruckner Orchester im Brucknerhaus Linz und dem Wuppertaler Sinfonieorchester in der Historischen Stadthalle Wuppertal. Seit 2017 ist er 1. Kapellmeister des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Nadja Loschky studierte Musiktheaterregie an der HfM »Hanns Eisler« in Berlin. Parallel zu ihrem Studium assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky Verdis La Traviata und Rossinis Der Barbier von Sevilla an den Städtischen Bühnen Osnabrück sowie Faust von Charles Gounod am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper Mikropolis von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin. Im Jahr 2012 entstanden Inszenierungen von Brittens A Midsummer Night’s Dream am Staatstheater Kassel, Mozarts Entführung aus dem Serail am Theater Heidelberg sowie der Familienoper Die Schatzinsel (Frank Schwemmer) am Opernhaus Zürich, denen 2013 Verdis Simon Boccanegra am Theater Aachen und Händels Alcina am Luzerner Theater folgten. 2014 führte sie Mozarts Così fan tutte erneut ans Theater Heidelberg und mit Madama Butterfly inszenierte sie am Theater Bielefeld ihre erste Puccini-Oper. Für diese Produktion wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr arbeitete sie erneut am Opernhaus Zürich und brachte Christian Josts Rote Laterne zur Uraufführung. Anschließend inszenierte sie Boieldieus selten gespielte Oper La dame blanche am Oldenburgischen Staatstheater und Mozarts Le nozze di Figaro am Theater Heidelberg. 2016 präsentierte sie sich erneut am Luzerner Theater,
diesmal mit einer Interpretation von Bellinis Oper Norma. Für ihre im gleichen Jahr entstandene Produktion Death in Venice von Benjamin Britten am Theater Bielefeld erhielt sie im Jahresheft der Fachzeitschrift »Opernwelt« eine Nominierung in der Kategorie »Beste Regie«.

Zu Beginn der Spielzeit 2016/17 inszenierte sie Verdis Macbeth am Oldenburgischen Staatstheater, dem Zingarellis Giulietta e Romeo am Barocktheater Schwetzingen folgte. Mit Monteverdi L’incoronazione di Poppea kam es im Frühjahr 2017 zu einer weiteren Arbeit am Theater Bielefeld, 2018 gab sie ihr Regiedebüt an der Oper Graz mit Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas. In derselben Spielzeit wurde Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld, wo sie Rihms Jakob Lenz inszenierte und dort im Anschluss die Spielzeit 2018/19 mit Verdis La Traviata eröffnete. Im Frühjahr 2019 debütierte sie an der Oper Köln mit Dvoraks Märchenoper Rusalka. Neben ihrer Regietätigkeit ist sie projektbezogen auch als Dozentin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« sowie der »UDK« Berlin tätig. Nadja Loschky übernimmt ab der Spielzeit 2019/20 die künstlerische Leitung des Musiktheaters am Theater Bielefeld.

BÜHNE UND KOSTÜME
Timo Dentler, geboren in Ulm, studierte von 1990 bis 2000 Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Kneidl, dessen Meisterschüler er 1999 wurde. 1996 erhielt er den Markus-Lüpertz-Preis der Kunstakademie Düsseldorf. Erste Engagements führten ihn von 1992 bis 1998 als Bühnenbild- und Kostümbildassistent ans Berliner Ensemble, an die Oper Frankfurt, die Wiener Festwochen und die Münchner Kammerspiele. Er arbeitete in der Zeit u. a. eng mit Peter Zadek und Peter Palitzsch zusammen. Seit 1999 arbeitet Timo Dentler international als Bühnen- und Kostümbildner für Häuser wie die Staatsoper Stuttgart, das Zürcher Schauspielhaus, die Bregenzer Festspiele, das Nationaltheater Mannheim, das Staatstheater Nürnberg, das Badische Staatstheater Karlsruhe, das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Kölner Schauspielhaus, das Staatstheater am Gärtnerplatz München, das Centraltheater Leipzig, das Staatstheater Mainz, das Staatstheater Wiesbaden sowie die Theater in Darmstadt, Magdeburg, Augsburg, Bremen, Bern, Luzern, Freiburg, Cottbus und Osnabrück.

Seit 2002 verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit Okarina Peter, mit der er gemeinsam 2009, 2011, 2013 und 2016 von der Fachzeitschrift Opernwelt als bester Bühnenbildner und 2011 und 2016 als bester Kostümbildner nominiert wurde. An der Staatsoper Stuttgart unter Klaus Zehelein stattete er Moskau Tscherjomuschki von Schostakowitsch, Mario und der Zauberer, Die Reisende Ceres von Haydn sowie Aeneas in Kartago aus. Am Theater Bielefeld entstanden u. a. die Bilder zu Viaggio a Reims, Oedipe von Enescu, Tristan und Isolde, Le nozze di Figaro, L’arbore di Diana, Don Pasquale, Falstaff sowie Ruslan und Ludmilla, am Theater Freiburg Le Negres, für die Bregenzer Festspiele Brittens Paul Bunyan sowie für das Staatstheater Mannheim Catone in Utica. Für den Regisseur Immo Karaman entwarf er Bühnenbilder und Kostüme für die Produktionen Die Bestmannoper (Theater Osnabrück), Prova di Orchestra (Oper Bern), Nabucco (Staatstheater Nürnberg), Aida (Staatstheater Wiesbaden) sowie Die Liebe zu den drei Orangen (Staatstheater am Gärtnerplatz und Theater Klagenfurt). Im Team von Walter Sutcliffe entstanden Don Giovanni, Orpheus in der Unterwelt, Zar und Zimmermann, Manon Lescaut und Der Zwerg, mit der Regisseurin Petra Luisa Meyer Peter Grimes und Violanta. Timo Dentler arbeitet auch erfolgreich als Bühnen- und Kostümbildner für Schauspielproduktionen. Diese Tätigkeit führte ihn an Häuser wie das Deutsche Theater Berlin, das Schauspielhaus Zürich, das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Schauspiel Köln, das Staatstheater Mainz, das Staatstheater Karlsruhe, das Theater Bremen, das Staatstheater Darmstadt, das Nationaltheater Mannheim sowie zu den Mühlheimer Theatertagen. Musical-Produktionen in seiner Ausstattung waren u. a. Hair und Blues Brothers am Theater Augsburg, Company am Nationaltheater Mannheim/Theater Bielefeld, Die Hexen von Eastwick am Theater Bielefeld, Titanic bei den Bad Hersfelder Festspiele und Next to Normal am Theater Dortmund. Zuletzt entwarf er Bühne und Kostüme für La Forza del Destino am Staatstheater Wiesbaden und für Händels Siore bei den Internationalen Händelfestspielen Göttingen. Die aktuellsten Arbeiten führten ihn u. a. zusammen mit Peter Konwitschny an die Königliche Oper nach Kopenhagen. An der Semperoper Dresden debütierte er gemeinsam mit Okarina Peter 2011 mit der Ausstattung für Simplicius Simplicissimus. 2012 folgten dort Bühnenbild und Kostüme für Die Prinzessin auf der Erbse sowie 2013 für Ernst Kreneks Das geheime Königreich und 2014 für die Uraufführung Karl May, Raum der Wahrheit von Manos Tsangaris und Marcel Beyer. In der Saison 2014/15 entwarf er an der Semperoper gemeinsam mit Okarina Peter das Bühnenbild und die Kostüme für Die Brüder Löwenherz. Als Team zeichnen sie 2015/16 für die Ausstattung von R.Hot bzw. Die Hitze von Friedrich Goldmann verantwortlich, 2016/17 für die Uraufführung The Killer in me is the Killer in you my darling. Weitere Projekte mit Okarina Peter führten ihn in jüngster Zeit an die Oper Graz (Il Barbiere di Siviglia / R: Axel Köhler), an das Theater Chemnitz (Der Zwerg / R: Walter Sutcliffe), ans Theater Dortmund (Next to Normal / R: Stefan Huber) sowie zu den Maifestspielen ans Staatstheater Wiesbaden (Forza del Destino / R: Immo Karaman). In Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny entstanden Boris Godunov für die Oper Nürnberg, die Oper Göteborg, das Theater Lübeck und die Volksoper Wien sowie Lady Macbeth von Mzensk für das Theater Augsburg und Königliche Oper Kopenhagen.

Okarina Peter, geboren in Konstanz, studierte von 1994 bis 2000 Bühnen- und Kostümbild an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Kreidl, dessen Meisterschülerin sie 1999 wurde. Als Bühnen- und Kostümbildassistentin arbeitete sie bereits während ihres Studiums am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Theater Bremen, an den Münchner Kammerspielen und bei den Wiener Festwochen u. a. bei Karl Kneidl und Peter Zadek. Seit 1999 ist Okarina Peter als freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin tätig und hat sich seitdem als eine der interessantesten Ausstatterinnen ihrer Generation etabliert. Sie arbeitet für Schauspiel und Oper, wobei das Musiktheater in den letzten Jahren zu einem Schwerpunkt geworden ist. Die von ihr ausgestatteten Werke gehören häufig nicht zu den Standardwerken des Repertoires und zeugen vom großen Phantasiereichtum und der Neugier von Okarina Peter: Händels Siroe (Händelfestspiele Göttingen 2013, Rezniceks Ritter Blaubart (Augsburg 2012), K. A. Hartmanns Simplicius Simplicissimus (Semperoper 2011), Prokofjews Liebe zu den drei Orangen (Staatstheater am Gärtnerplatz 2011) sind ebenso darunter wie eine Reihe Uraufführungen. »Klassikern« wie Aida und La Forza del Destino (Wiesbaden 2012 bzw. 2014), Die Zauberflöte (Leipzig 2010) und Tristan und Isolde (Bielefeld 2008), Otello (Augsburg 2017) weiß sie dabei ebenso ein modernes Bild zu verleihen. Seit 2002 verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit Timo Dentler, mit dem
gemeinsam sie 2009, 2013 und 2016 von der Fachzeitschrift Opernwelt als beste Bühnenbildnerin sowie 2011 und 2016 als beste Kostümbildnerin nominiert wurde. Zu ihren bisherigen Auftraggebern zählen Häuser wie die Staatsoper Stuttgart, das Zürcher Schauspielhaus, die Bregenzer Festspiele, das Nationaltheater Mannheim, das Staatstheater Nürnberg, das Staatsschauspiel Dresden, das Opernhaus Halle, das Badische Staatstheater Karlsruhe, das Staatstheater am Gärtnerplatz München, das Centraltheater Leipzig, das Kölner Schauspielhaus, das Staatstheater Wiesbaden sowie die Theater von Luzern, Magdeburg, Freiburg, Augsburg und Bielefeld. Weitere Produktionen führten sie unter anderem an die Oper Graz (Il Barbiere di Siviglia / R: Axel Köhler), an das Theater Chemnitz (Der Zwerg / R: Walter Sutcliffe), ans Theater Osnabrück (Manon Lescaut / R: Walter Sutcliff) und ans Theater Dortmund (Next to Normal / R: Stefan Huber).

Mit vielen Häusern, darunter die Semperoper Dresden, verbindet Okarina Peter mittlerweile eine regelmäßige Zusammenarbeit: Hier gab sie gemeinsam mit Timo Dentler 2011 ihr Debüt mit der Ausstattung für Simplicius Simplicissimus. Es folgten 2012 Bühnenbild und Kostüme für Die Prinzessin auf der Erbse sowie 2013 für Ernst Kreneks Das geheime Königreich und 2014 für die Uraufführung Karl May, Raum der Wahrheit von Manos Tsangaris und Marcel Beyer. In der Saison 2014/15 entwarf sie gemeinsam mit Timo Dentler Bühnenbild und Kostüme für die Auftragskomposition Die Brüder Löwenherz. 2015/16 zeichneten sie als Team für die Ausstattung von R.Hot bzw. Die Hitze von Friedrich Goldmann verantwortlich, 2016/17 für die Uraufführung

The Killer in me is the Killer in You My Darling. In Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny entstanden Lady Macbeth von Mzensk an der Königlichen Oper Kopenhagen und am Theater Augsburg, sowie Boris Godunow am Staatstheater Nürnberg. Diese Produktion wird auch an der Oper Göteborg sowie am Theater Lübeck und an der Volksoper Wien zu sehen sein.

BESETZUNG
Orpheus Daniel Pataky
Eurydike Cornelie Isenbürger
Jupiter / öffentliche Meinung Alexander Kaimbacher
Pluto Lorin Wey
Venus Nienke Otten
Diana Nohad Becker
Cupido Yoshiaki Kimura
Mercurio Caio Monteiro
Juno Katja Brenner
Orpheus Mama Orsolya Ercsényi
Styx Thomas Wolff

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Ulm, Theater Ulm, Kai Metzger – INTHEGA Ehrenpreis, IOCO Aktuell, 21.10.2018

Oktober 21, 2018 by  
Filed under Landestheater Detmold, Personalie, Theater Ulm

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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Kay Metzger  –  Ehrenpreis der INTHEGA

In Bielefeld wurde Kay Metzger, 56, vom Landestheater Detmold kommend, seit 2018 Intendant des Theater Ulm, bei einer Festveranstaltung am 15. Oktober der Ehrenpreis des Vorstands der INTHEGA überreicht.

Die INTHEGA, ein Verbund von in Deutschland, Österreich und der Schweiz ansässigen Theaterspielstätten, kooperiert seit Jahrzehnten mit jenen Theatern, vor allem Landesbühnen, die für den umfangreichen länderübergreifenden Gastspielmarkt Theaterproduktionen anbieten. Kay Metzger hatte als Intendant zunächst in Halberstadt und Quedlinburg, dann in Detmold, jeweils große Mehrspartentheater geleitet, die aus den Bereichen Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Konzert und Kinder- und Jugendtheater ein umfangreiches Spektrum an mobilen Produktionen bereithielten. Mit diesem Angebot überzeugten die von Metzger geführten Theater sowohl von der logistischen als auch künstlerischen Qualität seit 1999 die Gastspielpartner.

Kai Metzger - INTHEGA Ehrenpreisträger  © Theater Ulm

Kai Metzger – INTHEGA Ehrenpreisträger  © Theater Ulm

Mit der in Detmold inszenierten Operntetralogie Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner gelang Metzger zudem eine in diesem Umfang exzeptionelle Tourneeproduktion. Sowohl diese Leistungen als auch seine Arbeit als Vorsitzender der Landesbühnengruppe und Mitglied im Präsidium des Deutschen Bühnenvereins in regem Austausch mit dem Vorstand der INTHEGA wurden nun durch den Preis gewürdigt.

—| IOCO Aktuell Theater Ulm |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere FRÜHLINGS ERWACHEN (SPRING AWAKENING), 18.05.2018

April 25, 2018 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

FRÜHLINGS ERWACHEN (SPRING AWAKENING)
Duncan Sheik, Steven Sater

Buch und Liedtexte von Steven Sater // Musik von Duncan Sheik // Basierend auf dem Schauspiel von Frank Wedekind // Deutsch von Nina Schneider

PREMIERE : 18.05.18, 20:00 Uhr, Stadttheater
Die nächsten Vorstellungen : 21.05., 25.05., 05.06., 08.06., 23.06., 06.07.18

Profis und solche, die es werden wollen, stehen beim Musical Frühlings Erwachen (Spring Awakening) zusammen auf der Bühne des Stadttheaters. Das 130 Jahre alte Skandalstück von Frank Wedekind fiel Anfang des Jahrtausends den Musicalautoren Duncan Sheik und Steven Sater in die Hände, die einen ganz eigenen Weg fanden, die Geschichte zugleich alt und neu zu erzählen: Die Jugendlichen Wendla, Moritz, Melchior, ihre Freundinnen und Freunde durchleben ihre von Ignoranz, Leistungsdruck, Missbrauch und häuslicher Gewalt geprägte Pubertät wie zu Bismarcks Zeiten. Angst vorm Nicht-Versetzt-Werden, ungewollte Schwangerschaft, Weglaufen von zuhause und Selbstmord sind die Folgen des Generationenkonflikts, doch zwischen den Zeilen schwingen Momente tiefer Freundschaft und erster Liebe mit. Anders als in der Stückvorlage treten sie mit einfühlsamen Rocksongs aus dem szenischen Korsett heraus, werden Jugendliche von heute und lassen ihrer Wut und ihren Gefühlen freien Lauf. Naheliegend, hierfür in Bielefeld und Umgebung nach jungen Talenten zu suchen, die neben ihrer Leidenschaft fürs Musical und entsprechender Begabung auch noch authentisches Erleben der Stückfiguren mitbringen. Unter der Leitung von Christian Müller, Regisseur u. a. am Jungen Ensemble Stuttgart (JES), wurden sie seit Beginn der Spielzeit regelmäßig in Tanz, Gesang und Schauspiel am Theater gecoacht, bis sie bei Beginn der intensiven Probenphase auf die Profi-Musicaldarsteller Michaela Duhme, Benedikt Ivo und Marvin Kobus Schütt sowie die »Erwachsenen« Melanie Kreuter und Martin Christoph Rönnebeck trafen. Die Choreografien von Isabelle von Gatterburg verschaffen dem bewegten Seelenleben eine visuelle Wahrnehmbarkeit, im Videozugriff von Dennis Böddicker und Lena Thimm treffen die jugendlichen Stückfiguren auf ihre Darsteller. Zahava Rodrigo entwarf hierzu einen Bühnenraum, der die zerbrechliche Welt der jungen Generationen in eine eigene Ästhetik übersetzt, außerdem ein Kostümbild, das die Jugendlichen im Heute abholt. Die achtköpfige Band wird von William Ward Murta geleitet, Bielefelds bewährtem Musicalprofi am Keyboard wie am Dirigentenpult.

MUSIKALISCHE LEITUNG
William Ward Murta, geboren in Fort Smith/Arkansas und aufgewachsen in Oklahoma, ist seit 1984 Musical-Kapellmeister am Theater Bielefeld. Er übernahm die musikalische Leitung vieler Produktionen wie

Cabaret, Evita, Chicago, La Cage aux Folles, Piaf, Die Comedian Harmonists, der Uraufführung von James Lyons Für mich soll’s rote Rosen regnen, Franz Wittenbrinks Männer – Tore, Tränen und Triumphe, Sekretärinnen und Mütter, außerdem She Loves Me, Jekyll & Hyde, Me and My Girl, Crazy For You, The Scarlet Pimpernel, Chess, Company, The Birds of Alfred Hitchcock, City of Angels, Die Hexen von Eastwick, Bonnie & Clyde, Sunset Boulevard, A Little Night Music und Hochzeit mit Hindernissen.
Murta ist in Musikerkreisen ein gefragter Arrangeur; zahlreiche seiner Arrangements gehören zu den Standards von Musical- und Gala- ufführungen im In- und Ausland. Darüber hinaus komponiert Murta eigene Musicals: 1987 M … wie Marilyn und sein Werk über das Leben von Galileo Galilei, Starry Messenger (Sternenbote), das 2004 sehr erfolgreich am Theater Bielefeld uraufgeführt wurde. Zu Beginn der Spielzeit 2010/11 folgte ebenso erfolgreich die Uraufführung von The Birds of Alfred Hitchcock und in der Spielzeit 2016/17 die Uraufführung von Das Molekül.

INSZENIERUNG
Christian Müller, geboren 1979 in Jena, studierte Theaterwissenschaft und Kulturwissenschaften in Leipzig. Es folgten erste Inszenierungen in der Leipziger Off-Theaterszene und die Einladung des Stücks Toteau und der Autodieb zum Festival theaterszene europa nach Köln. 2004 begleitete er ein Theaterprojekt mit Jugendlichen aus einem Slum in Nairobi, anschließend befasste er sich mit seiner Magisterarbeit zum
Thema: Participatory Educational Theatre. Es folgten Hospitanzen am Schauspiel Chemnitz und Leipzig sowie am Burgtheater Wien und Regieassistenzen in Ingolstadt und an der Schaubühne Berlin. Von 2007 bis 2011 war er fester Regieassistent am Jungen Ensemble Stuttgart. Als Regisseur beschäftigte er sich dort mit eigenen Adaptionen, Stückentwicklungen und Jugendspielclubs. Mit Generation S wurde er 2012 zum Bundestreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Seit 2011 ist Christian Müller freier Regisseur mit Inszenierungen u. a. in Stuttgart, Leipzig, Esslingen, Regensburg und Bremerhaven. 2015 wurde seine Inszenierung des Texts 100 M beim Heidelberger Stückemarkt aufgeführt. Seine Regiearbeit Achtzehn Einhundertneun – Paradies wurde 2017 mit dem Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

BÜHNE UND KOSTÜME
Zahava Rodrigo, geboren 1984 in Bremen, studierte von 2004 bis 2008 Germanistik und Philosophie in Potsdam und ab 2009 Bildende Kunst mit Schwerpunkt Bühnenraum an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie gestaltete Bühnenräume und Kostümbilder zu Regiearbeiten von Felix Meyer-Christian/Costa Compagnie, Benjamin van Bebber, Leonie Böhm, Citizen.KANE.Kollektiv und Novoflot (u. a. Staatstheater Mainz, Opera Stabile, Kampnagel, Volksbühne, Theater Bremen). Installative und performative Arbeiten zeigte sie bisher im Cuxhavener Kunstverein, in der Bundeskunsthalle Bonn, der Städtischen Galerie Wolfsburg und bei der Ruhrtriennale 2015.

CHOREOGRAFIE
Isabelle von Gatterburg studierte Tanz an der Hogeschool voor de Kunsten, Tilburg, Niederlande. Nach ihrem Studium arbeitete sie zwei Jahre in Brüssel als freie Tänzerin und war 2008 bis 2015 für »projectpq« mit professionellen Feuer- und Cabaretshows weltweit auf Tour. Seit 2008 ist sie als Tänzerin regelmäßig für backsteinhaus produktion tätig und seit 2009 als Produktionsleitung und künstlerische Assistenz festes Mitglied der Kompanie. Als Tänzerin und choreografische Assistenz von Nicki Liszta arbeitet sie regelmäßig an verschiedenen Stadttheatern und Tanzhochschulen und ist seit 2014 ebenfalls als Tänzerin und Organisatorin Mitglied des Citizen.KANE.Kollektivs in Stuttgart.

BESETZUNG
Wendla Michaela Duhme
Melchior Benedikt Ivo
Moritz Marvin Kobus Schütt
Erwachsene Melanie Kreuter
Erwachsener Martin Christoph Rönnebeck
Martha Simone Rau
Ilse Anja David
Anna Silja Erdsiek
Marianne Adele Heinrichs
Thea Ann-Kathrin Veit
Georg Paul Erik Haverland
Otto Nick Westbrock
Hänschen Elian Latussek

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere DON CARLO von GIUSEPPE VERDI, 30.09.2016

September 14, 2016 by  
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Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

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DON CARLO von Giuseppe Verdi

nach Schillers dramatischem Gedicht Don Carlos, Infant von Spanien // Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle // Italienischer Text von Antonio Ghislanzoni // In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

PREMIERE 30.09.2016, 20:00 Uhr,  weitere Vorstellungen : 05.10., 16.10., 25.10., 18.11., 26.11.2016

Dem Infanten Don Carlo wird aus politischen Gründen die Heirat mit der Prinzessin Elisabetta angetragen. Trotz des diplomatischen Hinter­grundes der angestrebten Liaison verlieben sich die beiden, doch alsbald scheitert das vermeintliche Glück: Carlos Vater Filippo selbst nimmt Elisabetta zur Gemahlin. Aus der Perspektive des religiös­patriarchalischen Systems verwandelt sich somit die Begierde der jungen Menschen in Inzest. Doch das Verlangen bleibt, wird noch größer und das Ausleben vor dem Hintergrund der scharfen Gesetze gleichzeitig gefährlicher. Der Sohn begehrt auf, die neue Königin sieht sich gefangen in eigener Disharmonie zwischen politischer Pflicht und menschlicher Erfüllung. Indes nutzt Rodrigo die Begierden seiner Mitmenschen, um seine vermeintlichen Freiheitsideale zu verwirklichen. Sukzessiv entgleiten den Sehnsüchtigen ihre Ränke, die Tragödien nehmen ihren Lauf … und dies nicht unbeobachtet: Die Macht­strebenden wie auch die Liebenden bewegen sich im Kreise einer ganz anderen, allmächtigen und gefährlichen Verführung – einer medialen, religiös besetzen Suggestion: der Inquisition.

Aus dieser Welt, geprägt von Untiefen des religiösen Fanatismus und falschen Idealen, scheint ein Entkommen schier unmöglich. Und der Zuschauer wird in den Diskurs über Seele und Seelenheil unerbittlich hineingezogen.

Verdis Opern unterlagen immer wieder großen Modifikationen – man denke nur an die fassungsreiche Macbeth-Historie oder die der Zensur unterworfenen Varianten von Un ballo in maschera – und auch Don Carlo reihte sich hier ein: von einer 5-aktigen französischen Fassung bis zu einer auf 4 Akte reduzierten italienischen generierten sich unterschiedliche Spielarten des Stoffes. Das Theater Bielefeld entschied sich für letztere, also 4-aktige Version, den ausufernden 1. Akt mit der in Frankreich gelagerten Vorgeschichte zwischen Elisabetta und Carlo ausklammernd, auch um direkt in das kammerspielartige Geschehen am spanischen Hofe einzusteigen.

Regisseur Jochen Biganzoli – aktuell nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST – setzt seinen Fokus ganz auf diesen kammerspielartigen Hintergrund der Geschichte – die Beziehungen, Intrigen und politischen Bedürfnisse, vor allem aber die Sehnsüchte, Utopien und final das Scheitern an diesen ausleuchtend. Erst das Darlegen und Differenzieren der inneren Zustände aller Figuren offenbart die eigentlichen Konflikte der Individuen, abseits ihrer politischen Motive und zum Teil revolutionären Ambitionen. Das Suchen nach und innerhalb der Variable der Emotion – man könnte auch sagen: des Menschseins – öffnet Tür und Tor zum Erkennen der echten Träume, Neigungen und Gemütsbewegungen.

Die inszenatorische Konsequenz offenbart sich im Loslösen vom historischen wie vom deutlich definierten religiösen Kontext. Die Aktualität der Vorgänge, das Entblättern der Zwänge und (beinahe pathologischen) Zwangshandlungen und das Fokussieren des Prinzips Menschsein stehen im Vordergrund. Dabei sollen nicht konkrete Verweise im Sinne eines Realismus die Zuschauer überzeugen, sondern die Interpretierbarkeit der Szene, der Vorgänge und emotionalen Verwirrungen. Nicht ein klar zu sprechendes Urteil über die Menschen, ihr Treiben und Wirken ist das Ziel dieser Don-Carlo-Inszenierung, vielmehr geht es um das Sich-selbst-Finden und Positionieren des Betrachters; eine Anregung zum Nachdenken über unsere heutige Zeit.

Wolf Gutjahr entwickelt für diese Inszenierung einen Raum, der geschlossen zu sein scheint, aber doch durchlässig ist: Niemand agiert ganz unbeobachtet. Zudem wird Thomas Lippick eigene Videos anfertigen, die zwischen Erinnerung, Sehnsucht und Utopie das Innere der Protagonisten auf eine andere Ebene des Betrachtens hebt. Heike Neugebauer rundet als Kostümbildnerin das Team ab.

Musikalisch präsentiert Verdis Don Carlo große Arien, teils ungewöhnliche wie populäre Duette – man denke an die große Szene zwischen dem König Filippo und dem Großinquisitor, in der in dieser Intensität sich erstmals zwei Bässe gegenübertreten – und natürlich große Chornummern, von denen das Autodafé zu den imposantesten im Verdi’schen Oeuvre zählt.

Das Bielefelder Theater besetzt diese große Oper, die zentrale Partien im Kanon des Repertoires für beinahe alle Stimmfächer bereithält, bis auf eine Ausnahme aus dem Ensemble des Hauses: In der Titelpartie wird Daniel Pataky zu hören sein – Operntaler-Preisträger des letzten Jahres und im italienischen Fach dem Publikum u. a. durch seinen Pinkerton in Puccinis Madama Butterfly bekannt. Die Rolle der einstigen Geliebten Elisabetta übernimmt Sarah Kuffner, der politisch ambitionierte Rodrigo wird alternierend von Evgueniy Alexiev und Frank Dolphin Wong dargestellt. Katja Starke übernimmt die Rolle der vergebens Liebenden Eboli und Moon Soo Park leiht dem Großinquisitor seine Stimme. Als Gast für die Partie des Filippo konnte Sebastian Pilgrim gewonnen werden, der mit dieser Partie bereits Erfolge feiern konnte. Dorine Mortelmans – der Neuzugang im Ensemble – wird sich dem Publikum in gleich zwei Rollen präsentieren: Tebaldo und die Voce dal cielo. Den Conte di Lerma und den Araldo übernimmt Lianghua Gong. Opernchor, Extra-Chor sowie Statisterie und vier Gäste für die Deputierten runden das Bühnengeschehen ab. Es spielen die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Alexander Kalajdzic.

Musikalische Leitung  : Alexander Kalajdzic, Inszenierung  : Jochen Biganzoli
Bühne  : Wolf Gutjahr, Kostüme  : Heike Neugebauer, Dramaturgie  : Daniel Westen

Mit Evgueniy Alexiev // Lianghua Gong // Yoshiaki Kimura // Sarah Kuffner // Dorine Mortelmans // Moon Soo Park // Daniel Pataky // Sebastian Pilgrim // Katja Starke // Frank Dolphin Wong //  u. a. // Bielefelder Opernchor // Extrachor des Theaters Bielefeld // Bielefelder Philharmoniker

BESETZUNG
Filippo II.  : Sebastian Pilgrim, Don Carlo  : Daniel Pataky, Rodrigo  : Evgueniy Alexiev // Frank Dolphin Wong, Il Grande Inquisitore/Frate  : Moon Soo Park, Elisabetta  : Sarah Kuffner, Eboli  : Katja Starke, Tebaldo / Voce dal cielo  : Dorine Mortelmans
Il Conte di Lerma / Araldo  : Lianghua Gong, La Contessa di Aremberg  : Gea Bernard // Eiko Rulla, Flandrische Deputierte  : Jan Wuttig // Christoph Maria Wolf //
Christian Peuser // Timothy Whelan : König Mohammed, Leif Löhrig:  Kameramann/Kamerafrau, Maximilian Hülshoff // Derya Rinder
Bielefelder Philharmoniker

MUSIKALISCHE LEITUNG:  Alexander Kalajdzic, geboren in Zagreb, Kroatien, begann seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent des Nationaltheaters Weimar und von 2008 – 2010 als erster Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u.a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien. Alexander Kalajdzic ist sowohl in der Oper als auch im Konzertbereich gefragt. Sein Repertoire reicht vom frühen Barock bis zur Moderne, wobei sein besonderes Interesse der französischen Musik gilt. So führte er fast das gesamte Orchesterwerk von Ravel und Debussy mehrmals auf. Auch war er lange Zeit als Liedbegleiter und Kammermusiker aktiv und hatte einen Lehrstuhl für Orchestererziehung in Zagreb inne. Alexander Kalajdzic leitet als GMD seit Spielzeitbeginn 2010/11 die musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG:  Jochen Biganzoli studierte Theater-und Musikwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und verbrachte seine Lehrzeit als Regieassistent am Badischen Staatstheater in Karlsruhe und am Bremer Theater. Neben seiner Theater-Tätigkeit in Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Uwe Wand, Christoph Loy und Jürgen Gosch übernahm Jochen Biganzoli auch einen Lehrauftrag an der Hochschule für Künste in Bremen.  Erste Erfolge wie seine Inszenierung von Jakob Lenz in Bremen führten ihn zum Kleist Theater in Frankfurt (Oder), wo er als Oberspielleiter und Spartenleiter des Musiktheaters fungierte und u. a. Don Giovanni, Werther und Rigoletto inszenierte. Seit 1999 arbeitet er nun als freiberuflicher Regisseur mit verschiedenen Theatern zusammen und inszenierte u. a. Così fan tutte und Die Zauberflöte am Stadttheater Pforzheim, Der Freischütz, Fidelio und Rusalka am Landestheater Detmold und Hoffmanns Erzählungen am Theater Altenburg-Gera. Es folgte eine Vielzahl weiterer Inszenierungen am Landestheater Eisenach, darunter La Bohème und Der Rosenkavalier sowie die Inszenierung Jesus Christ Superstar am Landestheater Schleswig-Holstein. Zum 200. Geburtstag von Robert Schumann inszenierte Jochen Biganzoli 2010 in Zwickau dessen Oper Genoveva.  In der Spielzeit 2015/16 inszenierte er Simone Boccanegra in Osnabrück und Lady Macbeth von Mzensk in Lübeck. Außerdem stand er mit Hindemiths Mathis der Maler auf dem Programm der Dresdner Semperoper

BÜHNE:  Wolf Gutjahr studierte nach Abschluss einer Schreinerlehre Szenographie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe bei Johannes Schütz, Theresia Birkenhauer, Günther Förg und Hans Belting. Seit 1995 arbeitet er als freier Szenograph, Bühnen-und Kostümbildner u. a. am Theater Basel, dem Schauspiel Köln, Schauspiel Hannover, Teatr Russkoj Drami Kiew (auf Einladung des Goethe Institut InterNationes), Thalia Theater Hamburg, Staatstheater Stuttgart, Theater Freiburg und am Centraltheater Leipzig. Mit verschiedenen Arbeiten wurde er zu Festivals wie der Bonner Biennale, den Internationalen Schillertagen Mannheim, dem Heidelberger Stückemarkt, den Stücken Mülheim, dem Bejing International Art Festival und den Salzburger Festspielen eingeladen. 2012 und 2015 wurde Wolf Gutjahr als Bühnenbildner des Jahres in der Kritikerumfrage der »Theater heute« nominiert. 2013 war er Exhibition finalist bei der World Stage Design in Cardiff. Seit 2007 ist Wolf Gutjahr auch als Dozent tätig, u.a. an der Universität Karlsruhe KIT, der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und als Professor für Szenografie/Szenischer Raum an der Hochschule Mainz. Mit Don Carlo kehrt der Bühnenbildner nach Tannhäuser an das Bielefelder Theater zurück.

KOSTÜME:  Heike Neugebauer wurde in Leipzig geboren. An der Hochschule für Bildende Künste Dresden studierte sie Bühnen-und Kostümbild, u. a. bei Wilfried Werz. Nach ihrem Studium folgte ein Engagement als Bühnen-und Kostümbildnerin an den Bühnen der Stadt Magdeburg. Dort zeichnete sie u. a. für die Ausstattung der Produktionen Nabucco, Don Giovanni und Carmen verantwortlich. Anschließend arbeitete sie als Chefbühnenbildnerin bei den Magdeburger Kammerspielen. Seit der Spielzeit 1991/92 ist Heike Neugebauer als Ausstattungsleiterin bei der bremer shakespeare company tätig. Gastverträge führten sie zudem an die Theater in Bremen, Dresden, Halle, Cottbus und Magdeburg. Am Theater Eisenach entwarf sie die Kostüme für Der Rosenkavalier und an der Oper Leipzig für Wagners Die Meistersinger von Nürnberg. Darüber hinaus stattete sie viele Opern an deutschen Theatern aus. Mit der Arbeit zu York Höllers Der Meister und Margarita war sie 2013 erstmals an der Hamburgischen Staatsoper tätig. Heike Neugebauer arbeitete ebenfalls als Kostümbildnerin für diverse Filmproduktionen, u. a. Nordlichter und Gibsy. Seit 2001 ist sie Gastdozentin im Bereich Modedesign und Freie Kunst an der Hochschule für Künste Bremen. Heike Neugebauer war Teilnehmerin der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden und Berlin und der Quadrinale in Prag. Außerdem wurde ihr der Einzelpreis im Hans-Otto-Wettbewerb des Theaterverbandes der DDR für die Ausstattung der Inszenierung von Heiner Müllers Der Auftrag verliehen. Für ihr Kostümbild von Shakespeares König Cymbeline erhielt sie einen Nominierung in der Rubrik»“Bestes Kostüm« im Fachmagazin »Theater heute«. In der Saison 2015/16 entwarf Heike Neugebauer an der Semperoper Dresden die Kostüme der Neuinszenierung Mathis der Maler.

VIDEO Thomas Lippick wurde in Hannover geboren und studierte Kunst und Kunsttherapie an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg in Niedersachsen. Seit 1989 lebt und arbeitet er in Bremen als freischaffender Künstler im Bereich Malerei und Videoinstallationen mit Ausstellungen im In-und Ausland. Seit 1992 ist er auch als freier Cutter, Kameramann, Regie-Kameramann und Realisator für verschiedene Produktionsfirmen und Fernsehanstalten tätig. Thomas Lippick arbeitet außerdem als Videokünstler am Theater und entwarf u. a. die Videokonzeptionen für La Bohème am Landestheater Eisenach, Orpheus in der Unterwelt in Augsburg, Genoveva am Theater Plauen-Zwickau, Tannhäuser am Theater Bielefeld und zuletzt Lady Macbeth von Mzensk am Theater Lübeck in der Regie von Jochen Biganzoli. Mit ihm arbeitete er auch an der Semperoper Dresden für die Videoinstallationen zu Mathis der Maler zusammen.

DON CARLO im Theater Bielefeld: PREMIERE 30.09.2016, 20:00 Uhr,  weitere Vorstellungen : 05.10., 16.10., 25.10., 18.11., 26.11.2016

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

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