Mainz, Staatstheater Mainz, Zanaida – Johann Christian Bach, IOCO Kritik, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

ZANAIDA  –  Johann Christian Bach  (1735-1782)

  – ein interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen –

von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Eine Opernrarität steht auf dem Programm im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz, das sich in dieser Hinsicht schon einige Meriten erworben hat und neben traditionellem Opernrepertoire auch unbekannte Stücke aufbietet. So auch dieses Mal mit Johann Christian Bachs zweiter Oper Zanaida, die er in London für das King’s Theatre Haymarket komponierte.

Zanaida, Gualberto Bottarellis Libretto ist eine Adaption von Pietro Metastasios erstem Libretto Siface re di Numidia, erlebte die Uraufführung 1763 und war ein Erfolg. Danach, so die gängige Erzählung, verschwand sie – das Libretto, die Ouvertüre und einige Arien blieben überliefert – von den Bühnen dieser Welt bis zur Wiederentdeckung des Autographen 2010 in der privaten Sammlung des Musikwissenschaftlers Elias N. Kulukundis und befindet sich als Dauerleihgabe im Bach-Archiv Leipzig Johann Christian Bach erhielt zunächst von seinem Vater, Johann Sebastian, Musikunterricht, später in Bologna lernte er Kontrapunkt bei Padre Giovanni Battista Martini. Er galt als Londoner oder englischer Bach und als „schwarzes Schaf“ der Familie, nicht nur weil er geografisch und musikalisch andere Wege betrat, sondern vor allem deswegen, weil er in Italien zum Katholizismus konvertierte. In England ließ er sich ab 1762 dauerhaft nieder, erteilte Queen Charlotte, einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, Musikunterricht. Zu seinen wichtigsten Freunden gehörte der ebenfalls aus Deutschland stammende Maler Johann Zoffany. Es war eine Freundschaft die auch in schwierigen Zeiten Bestand hatte, denn Bach erlebte nach anfänglichen Höhenflügen auch den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Niedergang.

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Ein unbekannte Oper einem größeren Publikum näherzubringen, und damit Zanaida zu neuem Leben zu verhelfen, ist lobenswert. Allerdings hat man in Mainz eine Neudichtung, das italienische Textbuch ins Deutsche übertragen, Figuren gestrichen und damit auch Veränderungen in der Handlung vorgenommen. Ein Eingriff in ein Stück kann Früchte tragen und Erfolg verheißen, dabei muss aber eine Voraussetzung beachtet werden: das Grundvertrauen in ein Werk. Dieses scheint aber bei den Opernmachern nicht zur Gänze bestanden zu haben, andernfalls hätte man nicht derart das Geschehen verändert, Musikteile dazugeschrieben, einen Mädchenchor hinzugefügt und aus einer Tenorpartie eine Sprechrolle gemacht. Aber Johann Christian Bach, der neben anderen Komponisten dieser Epoche als ein Bindeglied zwischen der Musik Händels und Mozarts fungiert, kommt in dieser Hinsicht nicht zum Tragen. Warum er für „Amadé“ so wichtig war, welche Verbindungslinien sich zwischen den beiden ziehen lassen und dass ebenjener Wolfgang Amadeus Mozart beim Tod Bachs von einem großen Verlust für die Musikwelt sprechen konnte, erfährt man durch diese Neubearbeitung leider nur in Ansätzen. Dabei handelt es sich hierbei nicht um eine akademische Diskussion, wo und wie dieser Bach musikhistorisch zu verankern ist – er gilt als Wegbereiter der Wiener Klassik –, sondern auch für die musikalische Struktur und das Hörverständnis ergeben sich aus den Überarbeitungen Konsequenzen.

Allein die andere Sprache – Italienisch – erzeugt, nein beschwört einen anderen Klang. (Erwähnt seien hier nur die in Italienisch gesungenen Werke: Philippe Jarousskys Aufnahme La dolce fiamma von J. Chr. Bachs Kastratenarien oder die ZanaidaProduktion 2011 im Goethe-Theater Bad Lauchstädt von David Sterns Ensemble Opera fuoco als Höhepunkt im Rahmen der Bach-Festspiele Leipzig gefeiert, liegt auch auf CD vor.) Dagegen bedeutete die deutsche Sprache für das Gesangsensemble eine außerordentliche Herausforderung, die viel abverlangte und insgesamt bravurös bewältigt wurde: „Wo vorher ausschließlich ein Vokal gesanglich variiert wurde, gibt es nun meistens vollständige Sätze und ich musste in einem regelrechten ‚Phrasen-Tetris’ Wörter gezielt platzieren, um die Vokale und Endungen an den richtigen Stellen zu haben“, so die Texterin Doris Decker. Dass die Produktion einen enormen Aufwand bedeutete und dieser ihr anzusehen ist, steht außer Frage. Und dass sie – trotz aller Vorbehalte – zu beeindrucken vermag, ist ein Verdienst der Mitwirkenden, aber auch, weil die Regie von Max Hopp konsequent bei ihrer (futuristisch-witzigen) Lesart bleibt.

Die Geschichte spielt sich nicht mehr – wie bei Bach und Bottarelli – zwischen Türken und Persern ab, sondern ist vom Regisseur in eine ferne Zukunft als interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen zwischen Punia und Numidien transferiert worden. (Heißt nicht eine spätere Oper Mozarts Die Entführung aus dem Serail, die sich der damals „orientalischen Mode“ und Geschichten über Janitscharen bedient?) Zu Anfang hören wir zunächst in einer nicht verständlichen Sprache und ohne Bühnengeschehen aus unsichtbaren Raumschiffen gesprochene Dialoge und erfahren dann, dass Zanaida, das Spiel beginnt nun, mitsamt ihrem Gefolge eintrifft. Sie wurde von ihrem Vater Soliman, König des Planeten Punia, nach Numidien entsandt, um die getroffenen Friedensvereinbarungen durch die Heirat mit König Tamasse zu besiegeln. Ihr zur Seite stehen der punische Botschafter Mustafa, der ehemalige Kriegsherr Gianguir und ein Mädchenchor. Nur ist König Tamasse überhaupt nicht bereit diese Ehe einzugehen, er möchte vielmehr die Tochter Mustafas, Osira ist bereits als Geisel in Numidien, heiraten. Die beiden Frauen werden zu Konkurrentinnen, befördert von Talasses Mutter Roselane, die den Zwiespalt sät und die leicht zu manipulierende Osira bevorzugt.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Damit sein Vorhaben gelingen kann, bittet Tamasse seinen Bruder Cisseo – im Originallibretto ist er ein Höfling – um Hilfe. Er soll Zanaida verführen, um einen Grund für die Absage der Hochzeit vorweisen zu können, doch auch dieser liebt (heimlich) Osira. Die Herstellung von neuen Verwandtschaftsbeziehungen erzeugt ein anderes Konfliktpotential, das so nicht angelegt war. Aber es stellt durchaus komische Situationen her: Die Brüder verhalten sich in Liebesdingen eher wie pubertierende Jünglinge, die nur um ihr eigenes Liebesglück kreisen, anstatt sich um Verträge, Politik im weitesten, und damit um die Geschicke ihres Reiches zu kümmern. Hier seien die sorgfältig gewählten, an die Zeit Bachs angelehnten, Kostüme erwähnt: Tamasse in Gold und mit Gold behangen auf seinem Thron eher schräg als angemessen sitzend, Cisseo in edlem leuchtenden blau, wie es Königen damals vorbehalten war, gekleidet. Warum der Königsbruder ein an der linken Hand verkrüppelter Mann sein muss, erschließt sich allerdings nicht – es sein denn man denkt an Kaiser Wilhelm II., doch verbindet ihn nichts mit diesem Bach-Sohn, nur die Tatsache, dass er mit der englischen Verwandtschaft später über Kreuz und im Krieg lag, könnte als ein übertriebener Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden.

Roselane zieht die Strippen im Hintergrund und nicht von ungefähr erinnert sie an die „Königin der Nacht“ aus Mozarts Zauberflöte. Ihr machtvolles Auftreten, ihr obschon weniger zorngeladener, aber dennoch eindrücklicher Ausbruch verweist auf Zukünftiges: Sie will die ganze Welt (hier wohl Galaxie) beherrschen, ganz egal, was ihre Söhne veranstalten mögen und so lässt sich auch Osira davon einnehmen und glauben machen, dass sie zu Höherem bestimmt sei. Mustafa dagegen betrachtet das Vorgehen seiner Tochter als illoyal und verlangt von ihr, nicht weiter gegen die Hochzeit von Tamasse und Zanaida zu agitieren. Doch die Intrige, mittels derer Roselane und Tamasse hoffen, sich der ungeliebten Königstocher entledigen und trotzdem die Friedensverhandlung fortführen zu können, entfaltet ihre Wirkung: Ein Brief, angeblich von Zanaidas Hand, in dem sie einen Mordanschlag auf ihren zukünftigen Mann plant, dient zu ihrer Verhaftung, von Cisseo nur widerwillig und mit Unbehagen ausführt. Der perfide Plan geht noch weiter: Ausgerechnet Mustafa soll den Schuldspruch sprechen, und so geht er scheinbar auf das Spiel ein und verurteilt den Verfasser des Briefes zum Tode. Zanaidas Getreue – ob Giangiur und der Mädchenchor wollen ihr beistehen –, sie lehnt ab und ist bereit in den Tod zu gehen. Erst im letzten Moment wird Tamasse davon ergriffen und reicht Zanaida die Hand.

Das Sängerensemble – alle Mitwirkenden spielen übrigens barfuß – zeigt sich insgesamt sehr sanges- und spielfreudig. Alexandra Samouilidou als beherzte und würdevolle Zanaida, die gegen alle Widrigkeiten ankämpft, Hege Gustava Tjønn intensiv als Roselane und beeindruckendes und heimliches Zentrum der Inszenierung. Brett Carter ist ein herrlicher zwischen Tochter und Landeswohl hin- und hergerissener Mustafa. Der Altus Alin Deleanu als Tamasse zeigt einen schwankenden, von Gefühlen geleitenden König, der noch ein bisschen am Rockzipfel seiner Mutter hängt, während Dorin Rahardjas Osira einen Emanzipationsversuch unternimmt und als Gegenentwurf zur stolzen Zanaida erscheint. Philipp Mathmann, Countertenor, erhielt eine Ansage zu Beginn der Vorstellung, da seine Stimmbänder noch immer entzündet seien; davon aber war wenig zu merken, so dass er als geplagter und verzweifelter Cisseo überzeugen konnte.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Weitere Mitwirkende waren die Tänzerin Ageliki Gouvi und ihr Partner Yuya Fujinami, deren Tanz sich als Kommentierung der Vorgänge einfügte, und die Mitglieder des Mädchenchors am Dom und St. Quintin. Diese sangen u.a. das „Ave generosa“ von Hildegard von Bingen und ließen sich in ihren weißen Kleider durchaus mit Nonnen assoziieren, waren jedoch als aletheiische Muse an den Chor aus der griechischen Tragödie und die Göttin der Wahrheit, Aletheia, angelehnt. Für den Chor waren Michael Kaltenbach und Jutta Hörl, für die Choreografie Martina Borroni verantwortlich.

Gianguir, ursprünglich eine Tenorrolle, wurde zu einer Sprechrolle als ehemaliger Kriegsherr und Beschützer Zanaidas umgedeutet und einem Schauspieler mit „unverwechselbarer Stimme“ (Dirigent: Adam Benzwi) angetragen: David Bennent. Die von ihm vorgetragenen Texte stammen von Pico della Mirandolas Über die Würde des Menschen, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Ronald Steckels Hörstück Durchbrüche sowie weitere Passagen aus Bhagavad Gita und Texten von Regisseur Max Hopp. Die zwei wunderbar vorgetragenen Monologe zeigen David Bennents gestalterische Kraft und Präsenz, eine übergroße Projektion seines Oberkörpers war deshalb unnötig – David Bennent ist ein großer Schauspieler.

Die phantasievolle Ausstattung von Madis Nurms erzeugt stimmungsvolle Momente, so die bereits erwähnten Kostüme, die irgendwie ein bisschen an Star Wars – die Numidier tragen Kopfschmuck aus Hörnern, während die Punier ein drittes Auge besitzen – erinnern, aber die Konfliktparteien kennzeichnen. Auch die Bühne wechselt effektvoll – mal sind es Treppen, die nach hinten aufsteigen, mal ist der Bühnenraum flach und mit Flamingos bevölkert und einen Garten darstellend, dann wiederum kommt der Thron von oben herunter; für das Licht sorgte René Zensen. Schauspielregisseur Hopp zeigt eine gute Personenregie, hat ein Händchen für Situationskomik und vermag – zusammen mit dem Ausstatter Nurms – kraftvolle Bilder zu erschaffen. Adam Benzwis Leitung des Philharmonischen Staatsorchester Mainz war souverän, beschwingt und flott trieb er die Musik voran. Er sah sich als „Gestalter von Musik“, wie er es im Programmheft beschrieb, und blieb in der Umsetzung seinem Motto, dass „die Geschichte interessant, mit dramaturgischem und musikalischen Sog erzählt wird“ treu. Hopp und Benzwi schwebte wohl eher eine an das „Singspiel“ angelehnte Version des Stückes, fröhlich und von heiterem Format, und weniger ein „dramma per musica“ vor.

Zum Schlussvorhang erschien übrigens auch der Dirigent ohne Schuhe. Belohnt wurde er, wie alle Mitwirkenden, mit großem Applaus.

Zanaida im Staatstheater Mainz; die weiteren Vorstellungen 20.11.; 2.12.; 21.12.; 27.12.2019; 7.01.; 25.01.; 5.02.2020 und mehr …

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Koblenz, Theater Koblenz, Doctor Atomic – John Adams, IOCO Kritik, 13.03.2019

März 13, 2019 by  
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Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Doctor Atomic – Oper von John Adams

– Robert Oppenheimer – Edward Teller – Die Entstehung der Atombombe –

von Ingo Hamacher

„Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde.“  Mit diesen Worten beginnt ein Bericht Robert Oppenheimers der als Videosequenz zu Beginn der Oper auf die Bühne projiziert wird.

Das Theater Koblenz ist klein. Der für maximal 40 Personen geeignete Graben bietet nicht ausreichend Platz für die benötigten 70 Musiker, um dieses Stück aufzuführen. Daher wurde das Orchester auf der Hinterbühne platziert und die Bühne bis zur ersten Stuhlreihe nach vorne verlängert.

Eine bühnenbreite, quadratische Spielfläche, mit meterhohen Begrenzungspfählen, vorne und an den Seiten mit schwarzer Gaze bespannt, definiert einen würfelförmigen Bereich. Das Innere eines Labors? Das abgeschirmte Testgelände von Los Alamos? Eine Art Raubtierkäfig, um die überschießenden emotionalen Reaktionen der Beteiligten zu bändigen?

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier :_Ilkka Vihavainen, Andrew Finden, Nico Wouterse, Jongmin Lim, Anne Catherine Wagner © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier :_Ilkka Vihavainen, Andrew Finden, Nico Wouterse, Jongmin Lim, Anne Catherine Wagner © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die Oper Doctor Atomic erzählt von den Ereignissen im Juni 1945 auf dem Testgelände von Los Alamos, New Mexico. Die Physiker Julius Robert Oppenheimer und Edward Teller führen dort im Auftrag der US-Regierung letzte Atomtests durch. Wenige Wochen später fallen dann am 6. und am 9. August 1945 die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und beenden damit den 2. Weltkrieg.

Das Einheitsbühnenbild zeigt eine stählerne Rampe, die hufeisenförmig in die Höhe führt. Über einen Treppenabgang in der Bühnenmitte betreten und verlassen die Personen den Handlungsraum. Auf der dem Zuschauerraum zugewandte Gazefläche werden ebenfalls immer wieder Projektionen dargestellt, die von mathematischen Formeln, physikalischen Ablaufplänen, Fotografien bis hin zu Filmsequenzen unterschiedlichster Inhalte reichen.

Das Bühnenwerk befasst sich mit den emotionalen Spannungen und Ängsten der am sog. „Manhattan-Projekt“ beteiligten Wissenschaftler, Regierungsbeamten und Militärangehörigen während der Vorbereitungen zum Test der ersten Atombombe („Trinity-Test“). In einigen Szenen stellt Adams ein stark verlangsamtes Zeitempfinden der Protagonisten dar, das in scharfem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit auf dem Testgelände steht. Die Oper endet im letzten, stark in die Länge gezogenen, Moment vor der Explosion der Bombe.

Wie in seinen früheren Opern erforscht der Komponist John Adams die Charaktereigenschaften und Persönlichkeiten der Schlüsselfiguren eines historischen Ereignisses. Die historischen Geschehnisse selbst rücken dabei in den Hintergrund. Große Teile des Librettos von Peter Sellars wurden aus freigegebenen US-amerikanischen Regierungsdokumenten und der Korrespondenz der am Projekt beteiligten Wissenschaftler, Regierungsbeamte und Militärvertreter adaptiert.

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier : Robert Oppenheimer und Edward Teller  © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier : Robert Oppenheimer und Edward Teller  © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Weitere Textteile stammen aus Gedichten von Charles Baudelaire, John Donne und Muriel Rukeyser, der Bhagavad Gita und einem traditionellen Tewa-Lied. Die Quellen wurden von Sellars mit Bedacht ausgewählt.

Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire (1821 – 1867) gilt mit seiner Gedichtsammlung Die Blumen des Bösen als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Der Titel dieser Sammlung kann als äußerst anschauliche Bebilderung dessen betrachtet werden, was wir ansonsten euphemistischen als „Atompilz“ zu beschreiben gewöhnt sind.

John Donne (1572 – 1631) war ein englischer Schriftsteller und der bedeutendste der metaphysischen Dichter. In den Göttlichen Sonetten, aus denen Sellars zitiert, befasst sich Donne mit den religiösen Themen der Sterblichkeit, des göttlichen Gerichts, der göttlichen Liebe und der demütigen Buße, während er über persönliche Ängste nachdenkt.

Muriel Rukeyser (1913 – 1980) war eine US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin. Ihr Leben und Werk wurde von den Themen Gleichberechtigung, Feminismus, soziale Gerechtigkeit und Judentum bestimmt. Ihre Texte geben in diesem Stück Kitty Oppenheimer, der Ehefrau von Robert, eine Sprache, um Kittys Erleben, Ängste, Bedürfnisse und Hoffnungen zu verdeutlichen.

Die Bhagavad Gita („der Geang des Erhabenen“) ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Gedichts. Der Text ist eine Zusammenführung mehrerer verschiedener Denkschulen des damaligen Indien, die bis in die Zeit von 1200 v. Chr. zurückreichen und gilt Vielen als Urquelle menschlicher Weisheit. Oppenheimer zitiert in seinem Eingangsvortrag daraus.

Doctor Atomic – Oper von John Adams
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Als letztes Zitat wird ein anrührendes Kinderlied der Tewa von der indianischen Hausangestellten gesungen. Die Tewa sind eine Pueblo-Kultur aus New Mexico, der Stätte der Atomversuche, deren kulturelle Wurzeln ab 400 v. Chr. in der Region nachweisbar sind. Das Wiegenlied von der Wolkenblume, das Anna Catherine Wagner in der Rolle der Pasqualita vorträgt, wirkt im Zusammenhang der Thematik des Stückes als eine apokalyptische Vorhersage des nuklearbedingten Untergangs dieser archaischen Kultur:

„Im Norden blüht die Wolkenblume,
und jetzt leuchtet der Blitz auf,
und jetzt rollt der Donner,
und jetzt fällt der Regen!
Aaaah, mein Kleines.“

Adams begann als Minimalist im Sinne von Philip Glass und Steve Reich, verbindet  jedoch in seinen späteren in den Post-Minimalismus führenden Werken die rhythmische Energie des Minimalismus mit einer reichen harmonischen Palette und großer orchestraler Imagination, die Einflüsse der Spätromantik verrät. Er verlässt nie die tonale Basis und schafft Musik von überirdischem Glanz und herrlicher Klangpracht. Damit die Sänger vom Orchester nicht überdeckt werden, werden die Solisten leicht elektronisch verstärkt.

Zu Musik und Gesang kommt eine weiter klangliche Ebene, die als polyphones Erlebnis über zahlreiche im Zuschauerraum und auf allen Rängen angebrachte Lautsprecher eine weitere akustische Dimension schaffen. Raketenklänge, Regen, Lkw-Geräusche, Wochenschau-Einspielungen, das Weinen eines Babys seien als Beispiele für die zahlreichen Einspielungen genannt.

Einen musikalisch-dramatischen Höhepunkt gibt es gleich zu Beginn: Albert Einsteins berühmte Formel E=mc² wird als Chor der Physiker vorgetragen: „Materie kann weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden.“ – das physikalische Grundprinzip der Masse-Energie-Äquivalenz als apokalyptischer Choral des Schreckens.

1. Akt 1. Szene

Die Wissenschaftler in Los Alamos stehen vor einem ethischen Konflikt. Edward Teller (Bariton) glaubt seine Seele verloren, im Angesicht der Forschung für eine Kernwaffe von ungeahnter Zerstörungskraft. Robert Oppenheimer (Bariton) sieht dieses Problem nicht.

„Die Seele ist ein so ungreifbares,
und oft auch nutzloses Ding,
zudem bisweilen so lästig,
dass ich bei seinem Verlust
nicht mehr empfand,
als hätte ich bei einem Spaziergang meine Visitenkarte verloren.“

Er teilt Edward Teller mit, dass die Entscheidung nun zu­gunsten der Kernspaltungs-­Bombe gefallen sei und nicht zugunsten des von Teller erforschten Prinzips der Kernschmelzung. Teller legt Oppenheimer einen Brief des Kollegen Leo Szilard vor, in welchem von den Wissenschaftlern gefordert wird, politisch­-moralische Verantwor­tung für die Kernwaffe zu übernehmen. Oppenheimer lehnt ab. Die  Politiker in Washington sollen für das Land entscheiden. Er untersagt dem  jungen Wissenschaftler Robert Wilson (Tenor), ein geplantes Treffen unter Kollegen, «Der Einfluss der Bombe auf die Zivilisation», abzuhalten.

Wilson beharrt darauf, dass Japan nicht ohne Vorwarnung atomar beschossen werden dürfe. „Es sind keine technischen, sondern politische und gesellschaftliche Fragen, und die Antworten darauf könnten sich auswirken auf die gesamte Menschheit, auf viele kommende Generationen. Die Männer in unserem Projekt, die darüber nachdenken, denken als Bürger der Vereinigten Staaten, denen nichts mehr am Herzen liegt als das Wohl der Menschheit.“

Theater Koblenz / Doctor Atomic - hier Robert Oppenheimer und Kitty Oppenheimer © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz / Doctor Atomic – hier Robert Oppenheimer und Kitty Oppenheimer © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Oppenheimer vertritt die Ansicht, nur ein überraschender Angriff würde den gewünschten abschreckenden Effekt erzielen; das Pentagon hätte bereits so entschieden. Der Test muss wie geplant stattfinden. Teller:Hätten wir das Atomzeitalter je mit sauberen Händen beginnen können?“

1. Akt 2. Szene

Auf der Unterbühne, für den Zuschauer unsichtbar, befindet sich das Wohnzimmer der Familie Oppenheimer, wobei die dort spielenden Szenen von einem Kameramann gefilmt und live auf eine vom Schnürboden herabgelassene Projektionsfläche übertragen werden. Oppenheimer und seine Frau Kitty (Sopran) finden keine gemeinsame Ebene mehr.  Kitty: „Jene, die am sehnlichsten den Frieden wünschen, setzen ihr Leben für den Krieg ein.

1. Akt. 3. Scene

Ein überraschendes Unwetter auf dem Testgelände in der Nacht vom 15. zum 16. Juli verhindert vorläufig den Test. General Groves (Bass) und Meteorologe Jack Hubbard (Bariton) streiten über den richtigen Zeitpunkt. Groves verlangt eine präzise Vorhersage. Der Test wird auf 5.30 Uhr verschoben. Der Armeearzt James Nolan (Tenor) warnt vor dem atomaren Fallout bei der Explosion und dessen gesund­heitlichen Auswirkungen. Die nervliche Anspannung der Wissenschaftler wird kritisch. Groves bleibt dabei: das Hauptproblem sei das Wetter. Oppen­heimer ficht seinen Konflikt alleine aus: „Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott.“

Pause

Während die Solisten die typische Kleidung des Amerikas der 40er Jahre tragen, in denen vereinzelt auch der Chor auftritt, stellen uns die Choristen darüber hinaus wechselnde Einheitskostüme vor. Schwarze Gewänder mit individualitätsraubenden weißen Hörnermasken. Ist das der gesichtslose Feind, den es zu bekämpfen gilt? Sind das die Teufel, die in der Seele von jedem einzelnen von uns leben, und uns ebenfalls zu Tätern/Mördern machen könnten?

Im zweiten Akt werden Teile der Chorszenen in weißen, an Kimonos erinnernden Gewänder vorgetragen. Zusammen mit den gegen Ende häufiger werdenden Filmeinspielungen vom Straßenleben Japans wird uns deutlich vor Augen geführt, dass es sich bei dem Test in Los Alamos nicht um ein Experiment einer Physikstunde, sondern um die Vorbereitung einer Massentötung handelt.

Im weiteren Verlauf wird das Bühnengeschehen bei Textauszügen aus der Bhagavad Gita noch durch eine große Gruppe von Kindern verstärkt, die in fantasie- und prachtvollen Kostümen Figuren der indischen Götterwelt darstellen. Ein blauer Krischna tanzt den Tanz der Vergänglichkeit.

Nacht über Los Alamos. Der Mond ist aufgegangen. Der Mond weist seltsame Verkabelungen auf. Es ist nicht der Mond. Von nun an wird die Bombe das Zentrum der Bühne beherrschen.

2. Akt – 1. Szene

Allein in der Nacht des Tests hat Kitty Oppenheimer eine Vision von Tod und Auferstehung, von Krieg und Leben: „Ich sage nun, dass der Geist jenen Frieden braucht, der Frieden ist, nicht das Ausbleiben des Krieges, sondern die wilde, stetige Flamme.“.       Orchesterzwischenspiel.    Regen über den Sangre de Cristo­-Bergen.

2. Akt – 2. Szene

Juli 1945, 0.00 Uhr. Mitten im Unwetter treffen Hubbard und Wilson letzte Vorbereitungen an der Bombe. Beide haben Angst vor der Explosion und den Folgen. Groves sorgt sich um die politischen Folgen einer weiteren Verschiebung des Tests. Teller versucht Oppenheimer seine Bedenken nahe­zubringen, dass die Bombe eine viel größere Kraft entfalten könnte als bisher angenommen. Er wird von Oppenheimer deutlich in die Schranken ge­wiesen. Hubbard gibt Aussicht auf Wetterbesserung am frühen Morgen. Der Test wird auf 5.30 Uhr festgelegt.

2. Akt –  3. und 4. Szene

Der Countdown

Im Angesicht der unwiderruflich verrinnenden Zeit bis zur Explosion er­leben alle Beteiligten ihre persönlichen Visionen, Ängste und Hoffnungen. Fünf Minuten vor dem Start hört der Regen auf, der Himmel klärt sich. Alles ist bereit. Oppenheimer: „Herr, diese Dinge liegen schwer auf dem Herzen“.

Die Bombe explodiert

Adams verzichtet auf ein tösendes „Zerstörungs-Finale“. Stattdessen hört man die leise Stimme einer japanischen Frau und ihre wiederholte Bitte nach Wasser – still und in Trauer klingt die Oper aus.

John Adams Opern zählen zu Recht zu den am häufigsten aufgeführten Bühnenwerken der Gegenwartsmusik. Doctor Atomic im Theater Koblenz, diese herausragende Inszenierung sollte man sich nicht entgehen lassen.

Langanhaltender Applaus und Ovationen für eine spektakuläre Leistung der Solisten und des Chores. Aufbrausender Jubel für den Dirigenten und das Orchester. Begeistertes Klatschen für das Produktionsteam. Alle Beteiligten werden mehrfach nach vorne gerufen. 


Die Besetzung:  Dr. J. Robert Oppenheimer:  Andrew Finden, australischer Bariton, Edward Teller: Jongmin Lim. Seit der Spielzeit 2009/2010 ist der Bass festes Ensemblemitglied, Robert Wilson: Steven Ebel. Der Tenor kommt als Gast aus dem Ensemble des Staatstheaters Mainz, Kitty Oppenheimer: Danielle Rohr. Die Amerikanerin (Mezzo) gibt in dieser Spielzeit ihr Debüt am Theater Koblenz, Pasqualita: Anna Catherine Wagner. Die Altistin gehört seit 2014 fest zum Ensemble des Theater Koblenz, General Leslie Groves: Ilkka Vihavainen. Der finnische Bariton, international tätig, ist für diese Produktion Gast im Haus, Frank Hubbard: Nico Wouterse. Der Bariton ist seit 2016 fest am Theater Koblenz, Captain James Nolan: Tobias Haaks. Der Tenor ist neues Ensemblemitglied, Krishna: Rory Stead

Musikalische Leitung: Enrico Delamboye, Inszenierung: Markus Dietze, Bühne: Bodo Demelius, Kostüme: Bernhard Hülfenhaus, Video: Georg Lendorff, Choreografie: Catharina Lühr, Dramaturgie: Margot Weber, Choreinstudierung: Aki Schmitt

Doctor Atomic am Theater Koblenz: die weiteren Termine:  17.03., 28.03., 30.03., 07.04., 05.05., 24.05., 05.06., 18.06., 20.06.2019

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